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Jägerin des Zwielichts

Inhalt

  1. Cover
  2. Über die Autorin
  3. Titel
  4. Impressum
  5. Widmung
  6. 1
  7. 2
  8. 3
  9. 4
  10. 5
  11. 6
  12. 7
  13. 8
  14. 9
  15. 10
  16. 11
  17. 12
  18. 13
  19. 14
  20. 15
  21. 16
  22. 17
  23. 18
  24. 19
  25. 20
  26. 21
  27. 22

Über die Autorin

Laurell K. Hamilton hat sich weltweit eine große Fangemeinde erschrieben. In den USA sind die Anita-Blake-Romane stets auf den obersten Plätzen der Bestsellerlisten zu finden. Hamilton widmet sich inzwischen ganz dem Schreiben. Laurell K. Hamilton lebt mit ihrem Ehemann und ihrer Tochter in St. Louis, dem Schauplatz ihrer Romane.

1

Der Juni hatte wie immer mit schweißtreibender Hitze eingesetzt. Aber in dieser Nacht war eine Kaltfront herangezogen, und aus dem Autoradio hörte man nur noch das Wort »Rekordkälte«. So kalt war es eigentlich gar nicht, um die 16, 17 Grad, aber nach wochenlang zwischen 30 und 35 kam es einem eisig vor. Meine beste Freundin, Ronnie Sims, und ich saßen bei heruntergekurbelten Fenstern in meinem Jeep und ließen die kühle Luft herein. Ronnie war an diesem Abend dreißig geworden. Wir redeten darüber, wie es ihr mit der großen Drei-Null ging und über anderen Frauenkram. Sex, Männer, die Dreißig-Schwelle, Vampire, Werwölfe, das Übliche eben. Gemessen daran, dass sie Privatdetektivin ist und ich mein Geld mit Totenerweckungen verdiene, ganz normale Themen.

Wir hätten ins Haus gehen können, aber ein Auto im Dunkeln hat so etwas Intimes. Man bleibt einfach gern darin sitzen. Vielleicht lag es auch an der süßen frühlinghaften Luft, die uns sachte streichelte wie ein Verflossener.

»Na schön, er ist also ein Werwolf. Niemand ist perfekt«, sagte Ronnie. »Geh mit ihm aus, schlafe mit ihm, heirate ihn. Ich bin für Richard.«

»Ich weiß, dass du Jean-Claude nicht leiden kannst.«

»Nicht leiden!« Sie schlang die Finger um den Türgriff und drückte zu, bis ich die Anspannung in ihren Schultern sehen konnte. Ich glaube, sie zählte bis zehn.

»Wenn ich so unbekümmert töten würde wie du, hätte ich den Scheißkerl schon vor zwei Jahren umgelegt. Dann wäre dein Leben jetzt wesentlich unkomplizierter.«

Letzteres war eine Untertreibung. Aber … »Ich will nicht, dass er stirbt, Ronnie.«

»Er ist ein Vampir, Anita. Er ist bereits tot.« Sie drehte sich herum und sah mich an. Dunkelheit und kaltes Sternenlicht machten ihre hellgrauen Augen und blonden Haare silberweiß, die Schattenverläufe ihres Gesichts zu einem modernen Gemälde. Doch ihr Blick war erschreckend. Sie war zu allem entschlossen.

Hätte ich diesen Blick bei mir entdeckt, so hätte ich mich ermahnt, keine Dummheiten zu machen, wie zum Beispiel Jean-Claude zu töten. Aber bei Ronnie saß der Colt nicht locker. Sie hatte zweimal getötet; beide Male, um mir das Leben zu retten. Ich war ihr etwas schuldig. Sie war kein Mensch, der kaltblütig jemanden jagte und umlegte. Nicht mal einen Vampir. Ich brauchte sie also nicht zu ermahnen. »Ich dachte immer, ich wüsste genau, wer tot ist und wer nicht, Ronnie.« Ich schüttelte den Kopf. »Aber die Trennlinie ist längst nicht so klar, wie ich dachte.«

»Er hat dich verführt«, sagte sie.

Ich sah von ihrem zornigen Gesicht weg auf den Aluschwan in meinem Schoß. Deirsdorf & Hart, wo wir zu Abend gegessen hatten, waren bei ihren Doggy Bags sehr kreativ. Ich konnte mit Ronnie nicht streiten und war es außerdem leid.

Schließlich sagte ich: »Jeder Liebhaber verführt, Ronnie, das ist normal.«

Sie schlug mit der Faust auf das Armaturenbrett. Ich zuckte zusammen, und ihr musste es weh getan haben. »Verdammt, Anita, das ist nicht dasselbe.«

Langsam wurde ich sauer, und ich wollte nicht sauer werden, nicht mit Ronnie. Ich hatte sie zum Essen eingeladen, damit sie sich besser fühlte, nicht um mit ihr zu streiten. Louis Fane, ihr fester Freund, war zu einer Konferenz gereist, und deswegen war sie deprimiert, genauso wie wegen ihres Dreißigsten. Deshalb hatte ich sie aufmuntern wollen. Sie dagegen schien entschlossen zu sein, mich runterzuziehen.

»Sieh mal, ich habe seit einem halben Jahr weder Jean-Claude noch Richard gesehen. Ich gehe mit keinem von beiden aus. Wir können also den Vampirethikunterricht sein lassen.«

»Das ist ein Widerspruch in sich.«

»Was?«

»Vampirethik.«

»Ronnie, das ist nicht fair.«

»Du bist Vampirhenker, Anita. Du hast mir selbst beigebracht, dass sie nicht bloß Leute mit Reißzähnen sind, sondern Monster.«

Mir reichte es. Ich öffnete die Wagentür und rutschte auf die Sitzkante. Ronnie griff nach meinem Arm. »Anita, es tut mir leid. Es tut mir leid. Bitte, sei nicht wütend.«

Ich drehte mich nicht um. Ich saß da mit baumelnden Beinen, während die kalte Luft in den behaglich warmen Wagen kroch.

»Dann lass das, Ronnie. Ganz im Ernst.«

Sie beugte sich herüber und drückte mich kurz. »Es tut mir leid. Es geht mich nichts an, mit wem du schläfst.«

Ich ließ mir die Umarmung für einen Moment gefallen. »Das stimmt.« Dann entzog ich mich ihr und stieg aus. Der Kies meiner Auffahrt knirschte unter meinen hohen Absätzen. Ronnie hatte gewollt, dass wir uns schick machen, also hatten wir es getan. Es war ihr Geburtstag. Erst nach dem Essen war mir ihr diabolischer Plan aufgefallen. Sie hatte mich zu Absätzen und einem netten kleinen Minirock-Outfit überredet. Das Oberteil war sogar ein eng anliegendes Bustier mit Nackenträger. Oder nannte man das rückenfreie Abendkleidung? Der Preis war happig gewesen, trotzdem blieb es ein sehr kurzer Rock und ein Neckholdertop. Ronnie hatte mir eine Woche vorher beim Aussuchen geholfen. Ich hätte wissen müssen, dass ihr unschuldiges »Lass uns richtig schick ausgehen« ein Trick war. Ich hatte Kleider anprobiert, die mehr Haut bedeckten und länger waren, aber die hatten das Hüftholster nicht kaschieren können. Das hatte ich nämlich sicherheitshalber zu unserem Einkaufsbummel mitgenommen. Ronnie fand mich paranoid, aber ich gehe nach Einbruch der Dunkelheit unbewaffnet nirgendwohin. Basta.

Der Rock war geräumig und schwarz genug, um zu verbergen, dass ich darunter eine 9mm Firestar trug. Der Stoff des Oberteils, soweit vorhanden, war einigermaßen schwer, sodass sich der Pistolengriff nicht abzeichnete. Ich brauchte nur den Saum anzuheben und hatte die Waffe in der Hand. Das war das praktischste Abendoutfit, das ich je besessen hatte. Ich wünschte mir glatt, es wäre in verschiedenen Farben erhältlich. Dann würde ich mir ein zweites kaufen.

Ronnies Trick lief auf den Besuch eines Clubs hinaus. Eines Tanzclubs. Oh Schreck. Ich ging nie in Clubs. Ich tanzte nicht. Trotzdem ging ich mit ihr rein. Ja, sie brachte mich sogar zum Tanzen, hauptsächlich weil sie allein auf der Tanzfläche zu viel männliche Aufmerksamkeit auf sich gezogen hätte. Immerhin hielten wir als Paar die Möchtegern-Casanovas auf Abstand. Obwohl »tanzen« bei mir zu viel gesagt ist. Ich stand da und schwankte quasi. Ronnie tanzte. Sie tanzte, als wäre es ihre letzte Nacht auf Erden, und sie müsste jeden Muskel noch mal richtig zum Einsatz bringen. Es war spektakulär und ein bisschen beängstigend. Es hatte etwas Verzweifeltes an sich, als spürte sie die kalte Hand der Zeit rasend schnell näherkommen. Aber vielleicht projizierte ich bloß meine eigenen Unsicherheiten hinein. Ich war Anfang des Jahres sechsundzwanzig geworden, und offen gestanden, wenn ich so weitermachte, würde ich meinen Dreißigsten gar nicht erleben. Der Tod heilt jedes Übel. Na ja, die meisten.

Im Laufe des Abends hatte sich tatsächlich ein Mann an mich rangemacht anstatt an Ronnie. Ich verstand nicht, warum. Sie war eine große, langbeinige Blondine, die tanzte, als hätte sie Sex mit der Musik. Aber er wollte mir einen Drink spendieren. Ich trinke nicht. Er wollte eng mit mir tanzen. Ich lehnte ab. Ich musste schließlich grob werden. Ronnie befahl mir, mit ihm zu tanzen, wenigstens sei er ein Mensch. Ich erwiderte, dass ein Geburtstagsgutschein begrenzt und ihrer jetzt aufgebraucht sei.

Das Letzte, was ich auf Gottes grüner Erde brauchte, war ein weiterer Mann in meinem Leben. Ich wusste schon nicht, was ich mit den beiden anfangen sollte, die ich bereits hatte. Dass der eine ein Meistervampir, der andere Anführer eines Werwolfrudels war, bildete dabei nur einen Teil des Problems. Das allein zeigt Ihnen schon, wie tief die Grube war, die ich mir gegraben hatte. Oder sollte ich sagen »gerade grub«? Ja: gerade grub. Ich war schon halb bis China durch und schaufelte noch immer.

Sechs Monate lang hatte ich enthaltsam gelebt. Sie auch, soweit ich wusste. Alle warteten auf meine Entscheidung. Erwarteten, dass ich einen auswählte, mich für einen entschied, jedenfalls dem Warten ein Ende machte.

Ein halbes Jahr lang war ich wie versteinert, weil ich mich von beiden fernhielt. Ich hatte sie nicht gesehen, zumindest nicht leibhaftig. Ich war nicht ans Telefon gegangen. Ich war beim ersten Hauch von Rasierwasser geflüchtet. Warum so drastische Maßnahmen? Weil es ehrlich gesagt jedes Mal, wenn ich sie sah, mit meiner Keuschheit vorbei war. Meine Libido gehörte ihnen beiden, aber ich versuchte herauszufinden, welchem mein Herz gehörte. Ich wusste es noch immer nicht. Zu einem Entschluss hatte ich mich aber immerhin durchgerungen: Es war Zeit, mein Versteck zu verlassen. Ich musste sie sehen und klären, was wir alle zu tun gedachten. Vor zwei Wochen hatte ich mich zu der Entscheidung durchgerungen. Am selben Tag besorgte ich mir neue Antibabypillen und schluckte die erste. Das Allerletzte, was ich brauchte, war eine ungewollte Schwangerschaft. Dass ich vor einem Treffen mit Richard und Jean-Claude als Erstes für Verhütungsmittel sorgte, sagt Ihnen deutlich, welche Wirkung sie auf mich haben.

Man muss die Pille mindestens einen Monat lang genommen haben, um sicher zu sein. So sicher, wie man eben sein kann. Noch vier Wochen, sicherheitshalber fünf, dann würde ich sie anrufen. Vielleicht.

Ich hörte Ronnies Absätze auf dem Kies. »Anita, Anita, warte, sei mir nicht böse.«

Die Sache war die: Ich war gar nicht böse auf sie, sondern auf mich. Ich war wütend, weil ich mich selbst nach so langer Zeit nicht zwischen den beiden entscheiden konnte. Ich blieb stehen und wartete frierend in meinem rückenfreien Abendoutfit, in der Hand den Aluschwan. Es war so kalt, dass ich wünschte, ich hätte eine Jacke mitgenommen. Sowie Ronnie mich einholte, lief ich weiter.

»Ich bin nicht böse, Ronnie, ich bin nur alles leid. Dich, meine Familie, Dolph, Zerbrowski, alle, die so scheißvoreingenommen sind.« Meine Absätze klapperten hart über den Boden. »Pass auf, wo du hintrittst. Deine Absätze sind höher als meine.« Ronnie war einsdreiundsiebzig groß, mit Schuhen also fast einsachtzig.

Ich trug lediglich Fünf-Zentimeter-Absätze, was mich auf einsfünfundsechzig hob. Wenn ich mit Ronnie zusammen jogge, ist der Trainingseffekt bei mir viel größer.

Das Telefon klingelte, während ich noch mit Schlüsseln und Aluschwan jonglierte. Ronnie nahm mir das Doggy Bag ab, und ich stieß die Tür mit der Schulter auf. Ich rannte durch die Wohnung, bevor mir einfiel, dass ich Urlaub hatte. Das hieß, der Notfall, der mich um zwei Uhr früh anklingelte, war nicht mein Problem, zumindest nicht für die nächsten zwei Wochen. Aber alte Gewohnheiten wird man so schnell nicht los, und ich stand schon am Apparat, bis ich den Gedanken zu Ende gedacht hatte. Immerhin ließ ich den Anrufbeantworter anspringen und wartete mit klopfendem Herzen. Ich hatte vor, den Hörer nicht abzunehmen, aber … nur für alle Fälle blieb ich in Reichweite stehen.

Laute, dröhnende Musik, dann eine Männerstimme. Ich kannte die Musik nicht, aber ich kannte die Stimme. »Anita, hier Gregory. Nathaniel ist in Schwierigkeiten.«

Gregory war einer der Werleoparden, die ich geerbt hatte, als ich ihren Anführer tötete. Als Mensch war ich für diese Aufgabe eigentlich nicht geeignet, aber bis sich ein Ersatz fand, war ich besser als keiner. Wertiere ohne einen dominanten Alpha, der sie schützt, sind ein gefundenes Fressen für andere, und wenn sich jemand an sie heranmachte und sie niedermetzelte, wäre das gewissermaßen meine Schuld. Also agierte ich als ihr Beschützer, was jedoch komplizierter war, als ich mir hätte träumen lassen. Das Problem war Nathaniel. Alle anderen bauten sich wieder ein normales Leben auf, er nicht. Er hatte allerhand hinter sich, war misshandelt, vergewaltigt, auf den Strich geschickt und getoppt worden. Getoppt hieß, er war jemandes Sklave gewesen, SM-mäßig. Er war einer der wenigen echten Submissiven, denen ich bisher begegnet war. Allerdings muss ich zugeben, dass mein Bekanntenkreis in dieser Hinsicht begrenzt ist.

Ich fluchte leise und nahm den Hörer ab. »Ich bin hier, Gregory. Was ist denn jetzt wieder passiert?« Das klang selbst für meine Ohren genervt.

»Wenn ich jemand anderen anrufen könnte, würde ich's tun, Anita. Aber du bist nun mal diejenige welche.« Er klang ebenfalls genervt. Großartig.

»Wo ist Elizabeth? Sie sollte doch heute Nacht auf ihn aufpassen.« Ich hatte mir die Erlaubnis abringen lassen, dass Nathaniel wieder in SM-Clubs gehen durfte, wenn Elizabeth und wenigstens ein weiterer Werleopard ihn begleiteten. Gregory war heute der zweite Mann gewesen, aber ohne Elizabeth hatte er nicht genügend Autorität. Mit einem Begleiter, der einfach »nein, danke« sagt, konnte einem normalen Submissiven in den Clubs nichts passieren. Aber Nathaniel gehörte zu den raren Subs, die fast gar nicht nein sagen können, und man hatte mir angedeutet, dass seine Vorstellung von Sex und Schmerzen ins Extreme ging. Das hieß, dass er vielleicht zu Dingen ja sagte, die sehr, sehr schlecht für ihn waren. Wertiere können schwere Verletzungen überstehen, ohne dauerhaften Schaden davonzutragen, aber auch dafür gibt es Grenzen. Ein gesunder Sub sagt »stopp«, wenn es ihm zu viel wird, oder wenn er meint, dass etwas Übles vor sich geht. Aber Nathaniel war nicht gesund. Darum hatte er Aufpasser bei sich. Das war jedoch noch nicht alles. Ein guter Dominanter verlässt sich darauf, dass sein Sub rechtzeitig »stopp« sagt, dass er seinen eigenen Körper kennt und genügend Selbsterhaltungswillen besitzt. Nathaniel war mit solchen Sicherheitsmechanismen nicht ausgestattet, sodass auch ein Dominanter mit den besten Absichten in die Lage geraten konnte, zu spät zu bemerken, dass Nathaniel nicht auf sich aufpasste.

Ich hatte ihn einige Male begleitet. Als Nimir-Ra hatte ich die Pflicht, die in Frage kommenden SM-Spieler unter die Lupe zu nehmen. Ich war darauf gefasst gewesen, die unteren Kreise der Hölle zu betreten, und wurde angenehm überrascht. Mit der sexuellen Anmache, die man Samstagabend in einer normalen Bar erleben kann, hatte ich mehr Probleme. In diesen Clubs achtete jeder darauf, sich nicht aufzudrängen oder aggressiv zu erscheinen. Man bewegte sich in einem kleinen Kreis, und wer den Ruf weghatte, fies zu sein, fand sich auf der schwarzen Liste wieder und hatte keinen mehr zum Spielen. In dieser Szene war man höflich, und wer einmal klargestellt hatte, dass er nicht gekommen war, um mitzuspielen, wurde nicht weiter behelligt, außer von Touristen. Touristen waren Poseure, die sich gern verkleideten, aber nicht zur Szene gehörten. Sie kannten die Regeln nicht und hielten es auch nicht für nötig, danach zu fragen. Wahrscheinlich dachten sie, dass eine Frau, die in solch ein Etablissement ging, zu allem bereit war. Ich hatte sie eines Besseren belehrt. Schließlich hatte ich Nathaniel nicht mehr begleiten können. Die anderen Werleoparden meinten, ich strahlte so viel Dominanz aus, dass sich kein Dominanter Nathaniel nähern würde, solange ich bei ihm war. Allerdings bekamen wir Angebote für Dreier aller Art, und ich wünschte mir einen Button mit der Aufschrift: »Nein, ich will kein Dreierbondage mit Ihnen, aber danke für das Angebot.«

Elizabeth war angeblich dominant, aber nicht zu sehr. Darum hatte sie Nathaniel begleiten und ihm einen Partner aussuchen sollen.

»Elizabeth ist weg«, sagte Gregory.

»Ohne Nathaniel?«

»Ja.«

»Na, das kommt jetzt genau richtig.«

»Was heißt das?«, fragte er.

»Dass ich sauer bin auf sie.«

»Das ist noch nicht alles«, meinte er darauf.

»Wie kann das sein, Gregory? Ihr habt mir alle erklärt, dass diese Clubs sicher sind. Ein bisschen Bondage, ein paar Klapse auf den Hintern. Ihr alle habt mich überzeugt, dass ich ihn sowieso nicht ewig davon fernhalten kann. Und dass sie da Überwachungsmethoden haben, damit keinem etwas passiert. Du, Zane und Cherry, ihr habt mir das gesagt. Ich habe mich sogar selbst überzeugt. Es gibt überall Kameras. Man ist da sicherer als ich bei manchen meiner Verabredungen. Was kann also schiefgegangen sein?«

»Wir haben das wirklich nicht voraussehen können.«

»Spuck einfach die Pointe aus, Gregory, die Vorgeschichte wird langsam langweilig.«

Das Schweigen dauerte verdächtig lange. Zu hören war bloß die überlaute Musik. »Gregory, bist du noch da?«

»Gregory ist indisponiert«, sagte ein fremder Mann.

»Wer sind Sie?«

»Ich bin Marco, falls Ihnen das etwas nützt, was ich aber bezweifle.« Er klang kultiviert, Amerikaner, aber stinkvornehm.

»Neu in der Stadt, oder?«, fragte ich.

»So in etwa.«

»Willkommen in St. Louis. Sie müssen unbedingt in den Arch rauf, die Aussicht ist fantastisch. Aber was hat Ihr Besuch hier mit mir und den meinen zu tun?«

»Wir wussten zuerst nicht, dass es Ihr Schoßtierchen ist. Er war gar nicht der, auf den wir es abgesehen hatten, aber da wir ihn einmal haben, behalten wir ihn.«

»Sie können ihn nicht behalten«, sagte ich.

»Kommen Sie her und holen Sie ihn sich, wenn Sie können.« Die aalglatte Stimme machte die Drohung noch wirkungsvoller. Da war keine Aggression zu spüren, nichts Persönliches. Er klang geschäftsmäßig, und ich hatte keine Ahnung, worum es ging.

»Geben Sie mir Gregory an den Apparat«, sagte ich.

»Das geht nicht. Er vergnügt sich gerade mit meinen Freunden.«

»Woher soll ich wissen, dass er noch am Leben ist?« Ich klang dabei genauso emotionslos wie er. Bislang fühlte ich noch gar nichts. Die Sache kam zu plötzlich, ungefähr wie wenn man mitten in einen Film reinplatzt.

»Noch ist niemand tot«, sagte der Mann.

»Woher soll ich das wissen?«

Einen Moment lang blieb es still. Dann: »Mit was für Leuten verkehren Sie, dass Sie auf die Idee kommen, wir könnten ihn bereits umgebracht haben?«

»Ich habe ein hartes Jahr hinter mir. Aber jetzt geben Sie mir Gregory, denn wenn ich nicht von ihm persönlich höre, dass keiner tot ist, sind die Verhandlungen beendet.«

»Woher wollen Sie wissen, dass wir verhandeln?«, fragte Marco.

»Intuition.«

»Du meine Güte, sind Sie direkt.«

»Sie haben keine Ahnung, wie direkt ich sein kann, Marco. Geben sie Gregory den Hörer.«

Es folgte eine Pause mit Musikuntermalung. Musik, aber keine Stimmen. »Gregory, Gregory, bist du dran? Ist überhaupt noch jemand dran?« Scheiße.

»Ich fürchte, Ihr Kätzchen will nicht für uns schreien. Eine Frage des Stolzes, denke ich.«

»Halten Sie ihm den Hörer ans Ohr.«

»Wie Sie möchten.«

Wieder laute Musik. Ich redete, als wäre ich sicher, dass Gregory zuhörte. »Gregory, ich muss wissen, ob du am Leben bist. Ich muss sicher sein, dass Nathaniel und die anderen am Leben sind. Sprich mit mir, Gregory.«

Seine Antwort kam gepresst, wie mit zusammengebissenen Zähnen. »Ja.«

»Ja - was? Sie sind alle am Leben?«

»Ja

»Was machen sie mit dir?«

Er schrie, und ich bekam eine Gänsehaut vom Nacken bis zu den Armen. Der Schrei brach abrupt ab. »Gregory! Gregory!« Ich kreischte gegen den Techno-Beat an und bekam keine Antwort.

Dann war Marco wieder in der Leitung. »Sie sind alle am Leben, wenn auch nicht wohlauf. Ihr Nathaniel ist ein hübscher junger Kerl - die langen braunen Haare und diese ungewöhnlichen violetten Augen. Es wäre eine Schande, solche Schönheit zu vernichten. Natürlich ist der Blonde mit den blauen Augen auch sehr hübsch. Ich habe gehört, dass sie beide als Stripper gearbeitet haben. Ist das wahr?«

Meine Gefühllosigkeit war vorbei. Ich hatte Angst und war wütend und wusste noch immer nicht, worum es ging. »Ja, das ist wahr.« Meine Antwort kam ruhig, beinahe kühl. »Sie sind neu in der Stadt, Marco, also kennen Sie mich nicht. Aber glauben Sie mir, Sie wollen das nicht tun.«

»Ich vielleicht nicht, aber mein Alpha.«

Aha, Gestaltwandlerquerelen. Ich hasste Gestaltwandlerquerelen. »Warum? Die Werleoparden sind für niemanden eine Bedrohung.«

»Unsereinem gebührt es nicht, nach dem Grund zu fragen. Wir haben nur zu folgen und zu sterben.« Ein belesener Kidnapper, wie erfrischend. »Was wollen Sie?«

»Mein Alpha möchte, dass Sie herkommen und Ihre Kätzchen retten, wenn Sie können.«

»In welchem Club sind Sie?«

»Narziss in Ketten.« Damit legte er auf.

2

Verfluchte Scheiße!«

»Was ist passiert?«, fragte Ronnie. Ich hätte sie fast vergessen. Sie gehörte nicht zu diesem Teil meines Lebens, lehnte aber zufällig an meinem Küchenschrank, sah mich forschend an und machte ein besorgtes Gesicht.

»Ich muss mich darum kümmern.«

Sie griff nach meinem Arm. »Du hast mir einen abgequatscht, du wolltest dich wieder mehr deinen Freunden zuwenden. War das ernst gemeint oder bloß Gerede?«

Ich holte tief Luft und ließ sie langsam raus. Ich berichtete ihr die andere Hälfte des Telefongesprächs.

»Und du weißt nicht im Geringsten, worum es geht?«, fragte sie.

»Nein.«

»Das ist sonderbar. Solche Sachen entwickeln sich, die kommen nicht aus heiterem Himmel.«

Ich nickte. »Ich weiß.«

»Sternchen 69 stellt die Verbindung zu jedem Anrufer her.«

»Was soll das nützen?«

»Dann weißt du, ob sie wirklich in diesem Club sind oder ob es eine Falle ist.«

»Schlaues Mädchen, hm?«

Sie zog einen Mundwinkel hoch. »Als Privatdetektiv kennt man sich aus.« In ihren Augen war von Humor nichts zu sehen, aber sie hatte es versucht.

Ich wählte, und es klingelte scheinbar ewig, dann meldete sich eine Männerstimme. »Ja.«

»Ist da das Narziss in Ketten?«

»Ja, wer ist dran?«

»Ich muss mit Gregory sprechen.«

»Ich kenne keinen Gregory«, sagte er.

»Wer sind Sie?«, fragte ich.

»Ich stehe an einem Münztelefon, junge Frau. Ich habe nur zufällig abgenommen.« Dann legte er einfach auf. Schien heute Nacht mein Schicksal zu sein.

»Sie haben von einem Münztelefon im Club angerufen.«

»Dann weißt du jetzt wenigstens, wo sie sind«, sagte Ronnie.

»Weißt du, wo das ist?«

Sie schüttelte den Kopf. »Nicht meine Szene.«

»Meine auch nicht.« Die einzigen bekennenden SM-Spieler, die ich persönlich kannte, waren die, die im Club auf mich warteten, um gerettet zu werden.

Wer von meinen übrigen Bekannten konnte wissen, wo der Club lag und was für einen Ruf er hatte? Auf die Einschätzung der Werleoparden konnte ich mich anscheinend nicht verlassen. Sie hatten sich geirrt.

Ein Name fiel mir ein. Der Einzige, der den Laden kennen und abschätzen könnte, was mich erwartete, wenn ich dort aufkreuzte. Jean-Claude. Da ich es mit Gestaltwandlern zu tun hatte, wäre Richard als Werwolf die natürliche Wahl gewesen. Aber Gestaltwandler waren sehr klanbezogen. Sie machten sich selten die Mühe, einer anderen Tierart zu helfen. Frustrierend, aber wahr. Die Ausnahme war das Abkommen zwischen den Werwölfen und den Werratten. Alle anderen durften sich allein verteidigen, herumzanken und bluten. Wenn ein kleines Rudel mal über die Stränge schlug und zu viel polizeiliche Aufmerksamkeit anzog, wurde es von den Wölfen und Ratten in die Schranken gewiesen. Ansonsten wollten sie alle nichts miteinander zu tun haben. Auch ein Grund, warum ich noch immer den Anführer der Werleoparden spielen musste.

Davon abgesehen kannte sich Richard in der SM-Subkultur so wenig aus wie ich, vielleicht noch weniger. Bei Fragen zu sexuellen Randgruppen war Jean-Claude genau der Richtige. Auch wenn er unbeteiligt blieb, schien er immer zu wissen, wer wo was mit wem machte. Hoffentlich auch diesmal. Hätte lediglich mein Leben auf dem Spiel gestanden, hätte ich wahrscheinlich keinen von beiden angerufen. Aber wenn ich bei der Sache draufging, bliebe keiner mehr übrig, um die Werleoparden zu retten. Inakzeptabel.

Ronnie hatte sich die Schuhe von den Füßen getreten. »Ich hab meine Waffe nicht dabei, aber du hast bestimmt noch eine übrig.«

Ich schüttelte den Kopf. »Du kommst nicht mit.«

Wenn sie wütend ist, sind ihre Augen immer dunkel wie Sturmwolken. »Und ob ich mitkomme.«

»Ronnie, das sind Gestaltwandler, und du bist ein Mensch.«

»Du auch.«

»Durch Jean-Claudes Vampirzeichen bin ich ein bisschen mehr als das. Ich kann Verletzungen überstehen, an denen du sterben würdest.«

»Du kannst nicht allein hingehen«, sagte sie. Sie verschränkte die Arme und machte ein zorniges, stures Gesicht.

»Das habe ich auch nicht vor.«

»Du willst mich hier lassen, weil ich nicht so schnell den Finger am Abzug habe, stimmt's?«

»Das ist keine Schande, Ronnie. Ich kann dich jedenfalls nicht zu einer Bande von Gestaltwandlern mitnehmen, solange ich nicht genau weiß, dass du bereit bist zu töten, wenn es nötig ist.« Ich fasste sie bei den Oberarmen. Sie machte sich steif vor Wut. »In mir würde etwas sterben, wenn ich dich verlieren müsste, Ronnie. Und erst recht, wenn ich wüsste, dass ich dich da reingezogen habe. Bei diesen Leuten kann man sich kein Zögern erlauben. Man kann ihnen nicht drohen wie einem Menschen. Wenn du das tust, stirbst du.«

Sie schüttelte den Kopf. »Ruf die Polizei.«

Ich trat von ihr weg. »Nein.«

»Verdammt, Anita, verdammt noch mal!«

»Ronnie, es gibt Regeln, und eine lautet, dass man mit Rudelangelegenheiten nicht zur Polizei rennt.« Die Regel gab es hauptsächlich deshalb, weil die Polizei für Dominanzkämpfe, bei denen hinterher ein paar Leichen am Boden lagen, kein Verständnis hatte. Aber es hatte keinen Zweck, Ronnie das zu erklären.

»Eine dämliche Regel«, sagte sie.

»Vielleicht, aber so läuft das nun mal zwischen Gestaltwandlern, egal, welches Fell sie haben.«

Sie setzte sich an meinen zweisitzigen Küchentisch. »Wen willst du denn als Verstärkung mitnehmen? Richard tötet auch nicht unbeschwerter als ich.«

Das stimmte nur halb, aber ich ließ es durchgehen. »Nein. Ich brauche jemanden, der tut was nötig ist, ohne mit der Wimper zu zucken.«

Ihre Augen wurden schwarz. »Jean-Claude.« Bei ihr klang der Name wie ein Fluch.

Ich nickte.

»Bist du sicher, dass er das nicht geplant hat, um dich wieder in sein sogenanntes Leben reinzuziehen?«

»Dafür kennt er mich zu gut. Er weiß genau, was ich tun würde, wenn er mit meinen Schutzbefohlenen so ein Spiel triebe.«

Verwirrung machte ihr zorniges Gesicht für einen Augenblick lang weicher. »Ich hasse ihn, aber ich weiß auch, dass du ihn liebst. Könntest du ihn wirklich umbringen? Könntest du auf ihn zielen und abdrücken?«

Ich sah sie an und wusste auch ohne Spiegel, dass ich einen distanzierten, kalten Blick bekommen hatte. Bei braunen Augen ist das schwierig, aber neuerdings kriegte ich das hin.

Ich sah einen Anflug von Angst über ihr Gesicht huschen. Ich weiß nicht, ob sie in dem Moment Angst vor mir oder um mich hatte. »Du könntest es. Himmel, Anita. Du bist viel länger mit Jean-Claude zusammen als ich mit Louie. Ich könnte Louie niemals etwas tun, egal, was er getan hätte.«

Ich zuckte die Achseln. »Es würde mich elend machen, ja. Es ist nicht so, dass ich hinterher glücklich weiterleben würde, falls ich das überhaupt überleben würde. Es besteht die reelle Chance, dass mich die Vampirzeichen mit ins Grab ziehen würden.«

»Noch ein guter Grund, ihn nicht umzubringen«, sagte sie.

»Wenn er Gregorys Schrei am Telefon verursacht hat und weiteratmen will, dann muss er bessere Gründe anführen als Liebe, Lust oder mein Überleben.«

»Ich verstehe das nicht, Anita. Ich verstehe das überhaupt nicht.«

»Ich weiß«, sagte ich und dachte im Stillen, dass ich mit ihr genau deswegen nicht mehr so viel zusammen war wie früher. Ich war es leid, ihr ständig etwas erklären zu müssen. Nein, mich ständig rechtfertigen zu müssen.

Du bist meine Freundin, dachte ich, meine beste Freundin. Aber ich komme nicht mehr mit dir klar.

»Ronnie, mit Gestaltwandlern und Vampiren kann ich kein Armdrücken veranstalten. Einen Kampf mit gleichen Mitteln würde ich verlieren. Ich überlebe nur, und auch meine Leoparden überleben nur, wenn die anderen Gestaltwandler mich fürchten. Sie fürchten meine Drohung. Ich bin nur so gut wie meine Drohung, Ronnie.«

»Also fährst du hin und tötest sie.«

»Das habe ich nicht gesagt.«

»Aber du wirst es tun.«

»Ich versuche, es zu vermeiden.«

Sie zog die Knie an und schlang die Arme um ihre langen Beine. Sie hatte sich eine kleine Laufmasche gezogen und mit einem Tropfen klarem Nagellack gestoppt. Den trug sie für Notfälle in ihrer Handtasche. Für meine Notfälle brauchte ich eine Schusswaffe und hatte meistens nicht mal eine Handtasche.

»Falls du verhaftet wirst, ruf an. Dann hole ich dich raus.«

Ich schüttelte den Kopf. »Wenn ich verhaftet werde, weil es Tote gegeben hat, wirst du mich heute Nacht nicht mehr rausholen können. Die Polizei wäre vor Sonnenaufgang nicht mal mit der Vernehmung fertig.«

»Wie kannst du dabei so ruhig bleiben?«, fragte sie.

Mir fiel ein, warum sie und ich angefangen hatten, uns auseinanderzuleben. Genau die gleiche Unterhaltung hatte ich einmal mit Richard geführt, als ein Killer in die Stadt gekommen war, um mich umzulegen. Ich gab ihr die gleiche Antwort. »Ein hysterischer Anfall würde nicht weiterhelfen, Ronnie.«

»Aber du bist nicht wütend darüber.«

»Oh doch.«

Sie schüttelte den Kopf. »Nein, ich meine, es macht dich nicht wütend, dass das überhaupt passiert. Du wirkst nicht überrascht, nicht …« Sie zuckte die Achseln. »Nicht im Entferntesten angemessen aufgebracht.«

»Nicht so wie du, meinst du.« Ich hob die Hand, um ihr das Wort abzuschneiden. »Für Moraldiskussionen habe ich jetzt keine Zeit, Ronnie.« Ich nahm den Hörer ab. »Ich muss Jean-Claude anrufen.«

»Immer wieder dränge ich dich, dem Vampir den Laufpass zu geben und Richard zu heiraten. Aber vielleicht gibt es mehr als einen Grund, warum du nicht von ihm lassen kannst.«

Ich wählte die Nummer vom Zirkus der Verdammten. Ronnie redete weiter. »Vielleicht bist du nicht bereit, einen Liebhaber aufzugeben, der noch kälter ist als du.«

Die Verbindung kam zustande. »Das Gästebett ist frisch bezogen, Ronnie. Tut mir leid, dass ich unsere Frauengespräche jetzt unterbrechen muss.« Ich drehte ihr den Rücken zu.

Ich hörte ihr Kleid rascheln und wusste, dass sie die Küche verlassen hatte. Ich drehte mich erst wieder um, als ihre Schritte verklungen waren. Es hätte uns beiden nicht gutgetan, wenn meine Tränen groß aufgefallen wären.

3

Jean-Claude war nicht im Zirkus. Ich erwischte dort jemanden am Telefon, der meine Stimme nicht

kannte und nicht glauben wollte, dass ich Anita Blake war, Jean-Claudes gelegentliche Freundin, wie derjenige sich ausdrückte. Also musste ich die anderen Etablissements anrufen. Ich versuchte es im Guilty Pleasures, seinem Strip-Club, aber da war er auch nicht, dann im Danse Macabre, seinem neusten Unternehmen. Dabei fragte ich mich allmählich, ob er sich verleugnen ließ.

Der Gedanke machte mir einiges aus. Ich hatte immer befürchtet, Richard könnte mir nach der langen Wartezeit den Laufpass geben, weil er genug von meiner Unentschlossenheit hatte. Aber mir war nie in den Sinn gekommen, dass Jean-Claude nicht warten könnte. Wenn ich mir meiner Gefühle für ihn so unsicher war, wieso schnürte mir dann eine wachsende Verlustangst den Magen zusammen? Dieser harte Klumpen hatte nichts mit den Problemen der Werleoparden zu tun. Dafür umso mehr mit mir und der Tatsache, dass ich mich plötzlich verloren fühlte. Er war schließlich doch im Danse Macabre und nahm meinen Anruf entgegen. Mein Magen hatte einen Moment Zeit, um sich wieder auszudehnen, und ich atmete halbwegs entspannt. Dann war Jean-Claude am Apparat, und ich hatte Mühe, meine metaphysischen Schilde hochzuhalten.

Dieses metaphysische Zeug ging mir gegen den Strich. Die Biologie des Übernatürlichen ist und bleibt Biologie, aber Metaphysik ist Magie, und damit kann ich mich nach wie vor nicht anfreunden. Sechs Monate lang hatte ich in meiner Freizeit meditiert und war bei Marianne, einem sehr klugen Medium, in die Lehre gegangen. Sie brachte mir die rituelle Magie bei, damit ich meine gottgegebenen Fähigkeiten beherrschte, und dadurch konnte ich mich gegen die Zeichen, die mich an Richard und Jean-Claude banden, abschotten. Eine Aura ist wie eine Schutzhülle. Wenn sie intakt ist, schützt sie wie eine zweite Haut, aber wenn sie ein Loch bekommen hat, kann allerhand Schlechtes eindringen. Meine Aura hatte zwei Löcher, und zwar wegen meiner beiden Männer. Ihre hatten wahrscheinlich auch zwei Löcher. Das war für uns alle drei gefährlich. Meine hatte ich mit Mariannes Hilfe blockiert. Aber dann, ein paar Wochen später, bekam ich es mit einer fiesen Kreatur zu tun, die sich für einen Gott hielt, was selbst für mich eine neue Kategorie gewesen war. Sie war so mächtig gewesen, dass sie meinen ganzen mühsam erarbeiteten Schutz zunichtemachte, sodass ich nackt und wehrlos zurückblieb. Nur das Eingreifen einer ortsansässigen Hexe hatte mich davor bewahrt, mitsamt meiner löchrigen Aura aufgefressen zu werden. Ich dürfe nicht noch einmal sechs Monate meditativer Enthaltsamkeit anhängen, befand Marianne dann. Die Löcher seien nun einmal da und könnten nur mit Jean-Claude und Richard geschlossen werden, und ihr vertraute ich wie kaum jemandem.

Jean-Claudes Stimme traf mich wie ein samtweicher Klaps. Ich hielt unwillkürlich den Atem an und ließ sie machtlos über mich gleiten wie etwas Lebendiges. Diese Stimme hatte schon immer eine sensationelle Wirkung auf mich gehabt, und dabei hatte ich ihn jetzt bloß am Telefon. Wie sollte ich ihm persönlich gegenübertreten und meine Schutzschilde aufrechterhalten? Ganz zu schweigen von meiner Fassung.

»Ich weiß, dass du da bist, ma petite. Hast du mich nur angerufen, um meine Stimme zu hören?«

Das war näher an der Wahrheit, als gut für mich war. »Nein, nein.« Ich konnte noch immer keinen klaren Gedanken fassen. Ich war einfach nicht mehr im Training. Das war wie bei einem Athleten, der nicht mehr dasselbe Gewicht stemmen kann wie früher, und es brauchte einiges, um sich gegen Jean-Claudes Kräfte zu stemmen.

Da ich noch immer nichts sagte, fragte er: »Ma petite, was verschafft mir die Ehre? Aus welchem Grund geruhst du mich anzurufen?« Er klang höflich, aber mit einem Unterton. Einem Hauch von Vorwurf vielleicht.

Wahrscheinlich hatte ich den verdient. Ich riss mich zusammen und versuchte wie ein intelligentes menschliches Wesen zu klingen, was mir nicht gerade leichtfiel. »Es ist ein halbes Jahr her …«

»Das ist mir bewusst, ma petite.«

Er benahm sich herablassend. Das konnte ich nicht ausstehen. Es machte mich ein bisschen ärgerlich. Der Ärger sorgte für einen klaren Kopf. »Wenn du aufhörst, mich zu unterbrechen, sag ich dir, warum ich anrufe.«

»Ich kann es kaum erwarten.«

Ich wollte auflegen. Er benahm sich wie ein Arschloch, und vielleicht hatte ich die Behandlung ja verdient, aber das regte mich noch mehr auf. Ich bin immer am wütendsten, wenn ich glaube, im Unrecht zu sein. Monatelang war ich feige gewesen und war es noch immer. Ich fürchtete mich vor seiner Nähe und vor meiner Reaktion. Verdammt, Anita, reiß dich zusammen. »Sarkasmus ist mein Gebiet«, sagte ich.

»Und was ist mein Gebiet?«

»Ich möchte dich um einen Gefallen bitten«, sagte ich.

»Tatsächlich?« Er sagte das, als spielte er mit dem Gedanken abzulehnen.

»Bitte, Jean-Claude, ich brauche deine Hilfe. Ich bitte dich nicht oft.«

»Das ist sicherlich wahr. Was soll ich für dich tun, ma petite? Du weißt, du brauchst nur zu bitten und du bekommst es. Ganz gleich wie zornig ich auf dich sein mag.«

Ich überging die Bemerkung, weil ich nicht wusste, wie ich darauf reagieren sollte. »Kennst du einen Club namens Narziss in Ketten?«

Ein, zwei Sekunden lang herrschte Schweigen. »Oui.«

»Kannst du mir sagen, wo das ist, und dich da mit mir treffen?«

»Weißt du, um welche Art Club es sich dabei handelt?«

»Ja.«

»Bist du sicher?«

»Es ist ein Bondage-Club.«

»Falls du dich in den vergangenen sechs Monaten nicht sehr verändert hast, ma petite, trifft er nicht deine Präferenzen.«

»Meine nicht, nein.«

»Deine Werleoparden sind wieder einmal unartig?«

»So ähnlich.« Ich erzählte ihm, was passiert war.

»Ich kenne diesen Marco nicht.«

»Habe ich auch nicht erwartet.«

»Aber du hast erwartet, dass ich die Adresse des Clubs kenne?«

»Gehofft.«

»Ich werde mit einigen meiner Leute dort sein. Oder darf ich dir nur ganz allein zu Hilfe eilen?« Jetzt klang er belustigt. Immer noch besser als wütend, schätze ich.

»Bring mit, wen du willst.«

»Du verlässt dich auf mein Urteil?«

»Dabei ja.«

»Aber nicht bei allem«, schloss er leise.

»Ich verlasse mich auf niemanden so ganz, Jean-Claude.«

Er seufzte. »So jung und schon so … abgebrüht.«

»Ich bin zynisch, nicht abgebrüht.«

»Und der Unterschied liegt wo?«

»Du bist abgebrüht.«

Darauf lachte er. Der Klang liebkoste mich wie eine sachte Berührung. In meinem Unterleib zog sich einiges zusammen. »Ah«, sagte er. »Das erklärt natürlich alles.«

»Gib mir einfach die Wegbeschreibung, bitte.« Ich sagte bitte, um die Sache zu beschleunigen.

»Sie werden deinen Leoparden wohl nicht allzu sehr wehtun. Der Club wird von Gestaltwandlern geführt. Die riechen, wenn zu viel Blut fließt, und kümmern sich darum. Ein Grund, warum das Narziss Niemandsland ist, ein neutraler Tummelplatz für die verschiedenen Gruppen. Deine Leoparden haben recht: Es ist normalerweise ein sehr sicherer Club.«

»Gregory hat nicht geschrien, weil er sich sicher fühlte.«

»Vielleicht nicht, aber ich kenne den Besitzer. Narcissus wäre sehr aufgebracht, wenn sich in seinem Club jemand zu viel herausnimmt.«

»Narcissus - der Name sagt mir nichts. Abgesehen von der griechischen Mythologie natürlich.«

»Ich habe nichts anderes erwartet. Er lässt sich selten außerhalb seines Clubs sehen. Ich werde ihn anrufen. Er wird nach deinen Katzen sehen. Er wird sie nicht befreien, aber dafür sorgen, dass ihnen kein weiterer Schaden zugefügt wird.«

»Du vertraust ihm?«

»Oui.«

Jean-Claude hatte seine Fehler, aber wenn er jemandem vertraute, dann gewöhnlich zu Recht. »Gut. Ich danke dir.«

»Gern geschehen.« Er holte Luft, dann sagte er leise: »Hättest du auch angerufen, wenn du meine Hilfe nicht gebraucht hättest? Hättest du je wieder angerufen?«

Vor dieser Frage hatte ich mich gefürchtet. Doch jetzt wusste ich endlich, was ich darauf sagen wollte. »Das werde ich dir nach besten Kräften beantworten, aber ich ahne, dass das eine längere Unterhaltung wird. Ich will meine Leute in Sicherheit wissen, bevor wir anfangen, unsere Beziehung zu sezieren.«

»Beziehung? Ist es das, was wir haben?« Sein Ton war trocken.

»Jean-Claude.«

»Nein, nein, ma petite, ich werde Narcissus gleich anrufen und deine Katzen retten, aber nur, wenn du versprichst, dass wir das Gespräch fortsetzen, sobald ich zurückrufe.«

»Versprochen.«

»Dein Wort darauf.«

»Ja.«

»Also gut, ma petite, dann bis gleich.« Er legte auf.

Ich legte ebenfalls auf und stand da. War es feige, jemand anderen anrufen zu wollen, damit die Leitung gleich besetzt war? Ja, das war feige. Aber verlockend. Ich hasste es, über mein Privatleben zu sprechen, besonders mit den Leuten, die auf höchst intime Weise daran beteiligt waren. Ich schaffte es gerade noch, mich umzuziehen, als es wieder klingelte. Ich zuckte zusammen und nahm mit Herzklopfen ab. Ich fürchtete mich wirklich vor dem Gespräch.

»Hallo«, sagte ich.

»Narcissus wird für die Sicherheit deiner Katzen sorgen. Gut, wo waren wir?« Einen Augenblick war er still. »Oh, ja: Hättest du auch angerufen, wenn du nicht meine Hilfe gebraucht hättest?«

»Die Frau, bei der ich lerne …«

»Marianne.«

»Ja, Marianne. Sie sagt, dass ich die Löcher in meiner Aura nicht ständig blockieren darf. Ich kann vor übernatürlichen Gruselmonstern nur sicher sein, wenn ich die Löcher ihrer Bestimmung entsprechend ausfülle.«

Schweigen in der Leitung. Es hielt so lange an, dass ich fragte: »Jean-Claude, bist du noch dran?«

»Ich bin hier.«

»Du klingst nicht glücklich darüber.«

»Weißt du, was du da sagst, Anita?« Es war immer ein schlechtes Zeichen, wenn er mich beim Namen nannte.

»Ich meine, ja.«

»Ich möchte das zwischen uns restlos klarstellen, ma petite. Nicht dass du hinterher weinend ankommst, du habest nicht gewusst, wie sehr uns das aneinander bindet. Wenn du Richard und mir erlaubst, die Zeichen wirklich auszufüllen, teilen wir unsere Aura, unsere Kräfte, unsere Magie.«

»Das tun wir bereits, Jean-Claude.«

»Teilweise, ma petite, aber das sind nur die Nebenwirkungen der Zeichen. Diesmal aber würde daraus eine bereitwillige Vereinigung in voller Absicht. Einmal geschehen, kann sie meines Wissens nicht mehr rückgängig gemacht werden, außer mit großem Schaden für uns alle.«

Jetzt war ich es, die seufzte. »Wie viele Vampire haben dich herausgefordert, während ich mich ferngehalten habe?«

»Ein paar«, sagte er vorsichtig.

»Mehr als ein paar, möchte ich wetten. Denn sie haben gespürt, dass deine Abwehr Löcher hat. Es war schwierig, sie in die Schranken zu weisen, ohne sie umzubringen, hab ich recht?«

»Sagen wir, ich bin froh, dass es im Laufe des Jahres keine ernsthaften Herausforderer gegeben hat.«

»Ohne Richard und mich wärst du besiegt worden. Du hättest dich ohne die Berührung mit uns nicht schützen können. Solange ich bei dir in der Stadt war, funktionierte das. Durch die Berührung konnten wir uns mit den Kräften des anderen verbinden und das Problem kompensieren.«

»Oui«, sagte er leise.

»Das ist mir nicht klar gewesen, Jean-Claude. Ich bin mir zwar nicht sicher, ob es etwas geändert hätte, aber ich habe das nicht gewusst. Oh Gott, Richard muss verzweifelt sein - er tötet nicht wie wir. Er hält sich die Werwölfe nur mit einem Bluff vom Leib, sonst würden sie ihn zerreißen, und bei zwei klaffenden Löchern in seinem Schutzschild …« Ich ließ den Satz in der Luft hängen und spürte noch einmal das kalte Entsetzen, mit dem mir klar geworden war, wie sehr ich uns drei gefährdet hatte.

»Richard hatte Probleme, ma petite. Wir haben jeder einen Spalt in unserer Rüstung, den einen, den nur du schließen kannst. Er war gezwungen, seine Kräfte mit meinen zu verbinden. Wie du selbst sagst, sein Bluff ist sehr wichtig für ihn.«

»Das habe ich nicht gewusst, und es tut mir leid. Es hat mir solche Angst eingejagt, als ich von euch beiden überwältigt wurde, dass ich an nichts anderes mehr gedacht habe. Marianne hat mir die Wahrheit eröffnet, sobald sie mir zutraute, sie zu verkraften.«

»Und hast du jetzt keine Angst mehr vor uns, ma petite?« Sein Ton war sehr vorsichtig, so vorsichtig, als trüge er eine sehr volle, sehr heiße Tasse Suppe eine lange, schmale Treppe hinauf.

Ich schüttelte den Kopf, begriff, dass er mich nicht sehen konnte, und sagte: »Ich bin nicht mutig. Ich bin ziemlich erschrocken. Weil es kein Zurück gibt, wenn ich mich darauf einlasse, und weil ich mir vielleicht etwas vormache, was meine Entscheidungsfreiheit angeht. Die gibt es vielleicht gar nicht, die ganze Zeit schon nicht. Aber egal wie wir das Schlafzimmerproblem lösen, ich kann uns nicht mit klaffenden, metaphysischen Wunden herumlaufen lassen. Zu viele werden die Schwachstelle spüren und ausprobieren wollen.«

»Wie das Wesen in New Mexico«, sagte er und wieder ungewohnt behutsam.

»Ja.«

»Heißt das, du willst uns heute Nacht die Zeichen vereinigen lassen, willst uns die Wunden, wie du sie so plastisch nennst, schließen lassen?«

»Wenn das meine Leoparden nicht gefährdet, ja. Wir müssen das so bald wie möglich tun. Ich fände es entsetzlich, die große Entscheidung gefällt zu haben und dann einen von euch zu verlieren, bevor wir den Spalt in der Rüstung abdichten konnten.«

Ich hörte ihn seufzen, als wäre eine große Anspannung von ihm gewichen. »Du weißt nicht, wie lange ich darauf gewartet habe, dass du das alles begreifst.«

»Du hättest es mir erklären können.«

»Du hättest mir nicht geglaubt. Du hättest es für eine List gehalten, hättest mir unterstellt, ich wollte dich nur enger an mich binden.«

»Da hast du recht. Ich hätte dir nicht geglaubt.«

»Wird Richard auch zum Club kommen?«

Ich zögerte. »Nein, ich habe nicht vor, ihn anzurufen.«

»Warum nicht? Es geht schließlich um ein Gestaltwandlerproblem.«

»Du weißt, warum nicht.«

»Du fürchtest, er könnte zu zimperlich sein, um dich das Notwendige tun zu lassen.«

»Ja.«

»Möglicherweise.«

»Du wirst nicht von mir verlangen, dass ich ihn anrufe?«

»Warum sollte ich dich bitten, meinen Hauptrivalen zu diesem kleinen Tete-a-Tete mitzubringen? Das wäre dumm. Ich mag vieles sein, aber dumm bin ich nicht.«

Das war zweifellos wahr. »Gut, gib mir die Wegbeschreibung. Wir treffen uns dort.«

»Zuerst, ma petite, wie bist du gekleidet?«

»Wie bitte?«

»Die Kleidung, ma petite, was hast du an?«

»Soll das ein Witz sein? Ich habe keine Zeit, um -«

»Das ist keine müßige Frage, ma petite. Je eher du antwortest, desto eher können wir alle aufbrechen.«

Ich wollte widersprechen, aber wenn Jean-Claude sagte, es sei wichtig, dann war es das wahrscheinlich. Ich beschrieb ihm mein Outfit.

»Du überraschst mich, ma petite. Mit einem hübschen Accessoire wird es sich hervorragend machen.«

»Was für ein Accessoire?«

»Ich schlage vor, du ziehst Stiefel dazu an. Die, die ich dir gekauft habe, wären ausgezeichnet.«

»Ich werde keine Zehn-Zentimeter-Stilettos tragen, Jean-Claude. Ich würde mir die Knochen brechen.«

»Die sollst du auch nur tragen, wenn wir allein sind, ma petite. Ich dachte an die anderen mit dem kleineren Absatz, die ich gekauft habe, als du über die hohen so erbost warst.«

Oh. »Warum soll ich überhaupt die Schuhe wechseln?«

»Weil du, obwohl eine zarte Blume, die Augen eines Polizisten hast, und darum wäre es besser, du trägst Lederstiefel anstelle von Pumps. Du solltest daran denken, dass du dich möglichst schnell und geschmeidig durch einen Club bewegen musst. Niemand wird dir helfen, deine Leoparden zu finden, wenn er dich für einen Außenstehenden hält, erst recht nicht, wenn er dich für einen Polizisten hält.«

»Dafür hat mich noch nie jemand gehalten.«

»Nein, aber man bringt dich doch mit Schusswaffen und Tod in Verbindung. Gib dir heute Nacht ein harmloses Aussehen, ma petite, bis es Zeit ist, gefährlich zu werden.«

»Ich dachte, dein Freund, dieser Narcissus, würde uns durch den Club eskortieren.«

»Er ist nicht mein Freund, und ich sagte schon, der Club ist neutrales Gebiet. Narcissus wird zusehen, dass deinen Katzen nichts Ernstes zustößt, aber das ist alles. Er wird nicht erlauben, dass du in seine Welt hineinplatzt wie der sprichwörtliche Elefant in den Porzellanladen. Ebenso wenig wird er uns mit einer Streitmacht hereinlassen. Er führt das Rudel seiner Werhyänen, und die sind die einzige zugelassene Streitmacht in seinem Club. Innerhalb seiner Mauern zählt kein Ulfric und kein Meister der Stadt. Du hast nur deine natürliche Dominanz und deinen Körper, um durchzukommen.«

»Ich werde eine Pistole bei mir haben«, sagte ich.

»Die verschafft dir nicht den Zutritt in die oberen Räume.«

»Was dann?«

»Vertrau mir, ich werde einen Zugang finden.«

Das gefiel mir alles überhaupt nicht. »Wie kommt es, dass fast jedes Mal, wenn ich dich um Hilfe bitte, wir nicht einfach reinstürmen und schießen können?«

»Und wie kommt es, ma petite, dass du fast jedes Mal, wenn du mich nicht hinzubittest, reinstürmst und alles erschießt, was sich bewegt?«

»Schon gut.«

»Welche Prioritäten setzt du für heute Nacht?«, fragte er.

Ich wusste, was er meinte. »Ich will die Werleoparden in Sicherheit bringen.«

»Und wenn ihnen etwas zugestoßen ist?«

»Dann will ich Rache.«

»Ist die wichtiger als Sicherheit?«

»Nein, Sicherheit steht an erster Stelle, Rache ist Luxus.«

»Gut. Und wenn einer oder mehrere tot sind?«

»Ich will nicht, dass einer von uns im Gefängnis landet. Aber wenn ich sie nicht heute Nacht töte, dann ein andermal.« Ich hörte mich das sagen und wusste, wie ernst es mir damit war.

»Du kennst keine Gnade, ma petite.«

»Du sagst das, als wäre es etwas Schlechtes.«

»Nein, das ist nur eine Feststellung.«

Ich stand da mit dem Telefon in der Hand und wartete, dass sich bei mir Bestürzung einstellte. Aber sie kam nicht. »Ich will niemanden töten, wenn es nicht sein muss.«

»Das ist nicht wahr, ma petite.«

»Na schön, wenn sie meine Leute umgebracht haben, will ich sie tot sehen. Aber ich habe in New Mexico beschlossen, dass ich kein Soziopath sein will. Also versuche ich mich entsprechend zu verhalten. Lass uns die Zahl der Toten so gering wie möglich halten, einverstanden?«

»Wie du wünschst«, sagte er. Dann fügte er hinzu: »Glaubst du wirklich, du kannst deinen Charakter ändern, wenn du es dir einfach wünschst?«

»Du meinst, ich bin längst ein Soziopath?«

Nach kurzem Schweigen antwortete er: »Ja, das meine ich.«

»Ich weiß es nicht. Aber wenn ich jetzt keine Kehrtwende vollziehe, gibt es vielleicht gar kein Zurück mehr, Jean-Claude.«

»Ich höre Angst in deiner Stimme, ma petite.«

»Ja, tust du.«

»Was fürchtest du?«

»Dass ich mich verliere, wenn ich dir und Richard nachgebe. Und dass ich einen von euch verliere, wenn ich euch nicht nachgebe. Ich fürchte, dass wir alle draufgehen, weil ich zu viel nachdenke. Ich fürchte, dass ich bereits ein Soziopath bin und nicht mehr zurückkann. Ronnie meinte, dass ich dich auch deshalb nicht aufgeben und mich für Richard entscheiden kann, weil ich nicht auf einen Liebhaber verzichten will, der noch kälter ist als ich.«

»Das tut mir leid, ma petite.« Ich verstand nicht genau, was ihm leidtat, aber ich nahm es so hin.

»Mir auch. Gib mir die Wegbeschreibung.«

Er tat es, und ich wiederholte sie. Wir legten auf. Keiner sagte einen Abschiedsgruß. Früher endete solch ein Telefonat mit »je t'aime« und »ich liebe dich«. Tja, früher.

4

Der Club lag auf der anderen Seite des Flusses, auf der Illinois-Seite, wie die meisten fragwürdigen Clubs. Von Vampiren geführte Unternehmen ließ man unter der Altfallregelung laufen, damit sie in St. Louis bleiben konnten, aber die von Menschen geführten Clubs - und Lykanthropen zählten rechtlich zu den Menschen - mussten nach Illinois gehen, um nervtötende Probleme wegen der Gebietsabgrenzung zu vermeiden. Einige der Gebietsabgrenzungsprobleme standen nicht mal in den Büchern, hatten nicht mal Gesetzesrang. Es war schon eigenartig, wie viele Probleme die Bürokraten finden konnten, wenn sie einen Club nicht in ihrer anständigen Stadt haben wollten. Und wenn die Vampire nicht so viele Touristen anziehen würden, hätte man längst einen Weg gefunden, um sie ebenfalls loszuwerden.

Zwei Blocks vom Club entfernt fand ich endlich einen Parkplatz. Das bedeutete einen Spaziergang durch eine Gegend, wo die meisten Frauen sich nicht allein im Dunkeln aufhalten würden. Natürlich waren die meisten auch nicht bewaffnet. Eine Schusswaffe löst nicht alle Probleme, aber es ist ein Anfang. Ich hatte außerdem ein Messer an jeder Wade, sehr weit oben, sodass der Griff neben dem Knie saß. Damit war ich nicht so ganz zufrieden, aber an keiner anderen Stelle kam ich so bequem an sie heran. Die Chancen standen ziemlich gut, dass ich am nächsten Morgen blaue Flecke an den Knien haben würde. Tja. Ich hatte außerdem den schwarzen Gürtel in Judo und machte Fortschritte in Kenpo, einer Art des Karate, wo es weniger auf Kraft und mehr auf Balance ankommt. Ich war auf die unzivilisierten Stadtgebiete so gut es ging vorbereitet.

Natürlich laufe ich normalerweise nicht wie ein Lockvogel durch die Gegend. Mein Rock war so kurz, dass selbst die Stiefel, die bis zur Mitte der Oberschenkel reichten, noch drei Zentimeter bis zum Rocksaum frei ließen. Ich hatte mir für unterwegs eine Jacke übergezogen, sie aber im Wagen gelassen, weil ich sie nicht die ganze Nacht mit mir herumtragen wollte. Ich war schon in allerhand Clubs gewesen und wusste, dass es drinnen immer heiß war. Meine Gänsehaut kam also nicht von Angst, sondern von der feuchtkalten Luft. Ich rieb mir nicht die Arme und versuchte, mir den Anschein zu geben, als wäre mir nicht kalt und unbehaglich. Meine Stiefel hatten tatsächlich ganz flache Absätze und liefen sich sehr bequem. Nicht so bequem wie meine Nikes, aber wie auch? Für Abendschuhe waren die Stiefel jedoch nicht übel. Hätte ich die Messer zu Hause lassen können, wären sie toll gewesen.

Ich hatte noch ein anderes kleines Verteidigungsmittel bei mir: metaphysische Schilde. Es gibt sie in verschiedenen Ausführungen, denn man kann sich mit fast allem abschirmen: mit Metall, Stein, Pflanzen, Feuer, Wasser, Wind, Erde usw. Jeder hat andere Schilde, weil das eine sehr individuelle Wahl ist. Sie müssen genau zur Persönlichkeit passen. Zwei Medien können beide Stein benutzen, aber die Schilde sind trotzdem nicht gleich. Manche Leute stellen sich Fels vor, und der Gedanke an seine Beschaffenheit genügt schon. Wenn sie jemand angreifen will, sind sie hinter dem gedachten Fels sicher. Andere Medien stellen sich eine Mauer vor, was denselben Zweck erfüllt. Bei mir muss der Schutzschild ein Turm sein. Schutzschilde schließen einen komplett ein. Das ist wie bei den Machtkreisen, wenn ich Tote erwecke. Der Unterschied ist nur, dass ich es mir beim Abschirmen bildlich vorstellen muss. Ich stellte mir also einen gemauerten Turm vor, der mich ringsherum umgab, ohne Fenster und Schießscharten, der innen glatt und dunkel war und nur Eigenschaften besaß, die ich gestattete. Wenn ich mit Marianne über das Abschirmen sprach, fühlte ich mich immer wie bei einem psychotischen Zusammenbruch, bei dem man seine Wahnvorstellungen verrät. Aber es funktionierte, und wenn ich mich nicht abschirmte, kam es zu Angriffen. Erst in den letzten zwei Wochen hatte sie entdeckt, dass ich das Abschirmen eigentlich gar nicht verstanden hatte. Ich hatte immer geglaubt, es käme nur darauf an, eine machtvolle Aura zu haben und sie verstärken zu können. Marianne sagte, ich sei mit diesem Irrtum nur deshalb so lange unbeschadet durchgekommen, weil ich so große Kräfte besaß. Die Schilde liegen jedoch noch außerhalb der Aura wie die Mauer rings um die Burg, und die innerste Verteidigungsanlage ist eine intakte Aura. Und so eine würde ich bis zum nächsten Morgen hoffentlich haben.

Ich bog um die Ecke und stieß auf eine Warteschlange, die bis zur nächsten Kreuzung reichte. Großartig, genau das, was ich jetzt brauchte. Ich blieb nicht am Ende der Schlange stehen, sondern ging weiter in Richtung Eingang, weil ich hoffte, dass mir bis dahin noch etwas einfiel, womit sich die Türsteher überreden ließen. Ich hatte nicht die Zeit zu warten. Als ich die Schlange halb überholt hatte, drängte sich jemand zwischen den Leuten hervor und rief meinen Namen.

Ich erkannte Jason nicht gleich. Erstens hatte er sich die weichen blonden Haare kurz schneiden lassen wie ein Geschäftsmann. Zweitens trug er ein durchsichtiges, silbernes Netzhemd und eine Hose, die aus dem gleichen Stoff zu bestehen schien. Nur ein schmaler Streifen aus blickdichtem Material bedeckte die Weichteile. Der ganze Aufzug sprang derartig ins Auge, dass ich zuerst gar nicht bemerkte, wie dünn der Stoff tatsächlich war. Was ich eigentlich sah, war nämlich Jasons Haut durch einen glänzenden Schleier. Die Hose, die enorm wenig der Fantasie überließ, steckte in wadenhohen grauen Stiefeln.

Ich musste mich zwingen, Jason ins Gesicht zu sehen, und schüttelte innerlich den Kopf über sein Outfit. Es sah nicht bequem aus, aber Jason beschwerte sich selten über seine Kleidung. Er war nämlich auch Jean-Claudes Anziehpuppe, nicht nur sein Frühstückssnack. Manchmal auch Leibwächter und manchmal Laufbursche. Ich wüsste niemanden außer ihm, der sich für Jean-Claude halb nackt in die Kälte stellen würde.

Jasons Augen wirkten größer und irgendwie blauer, da die Haare nicht mehr von ihnen ablenken konnten. Außerdem sah er mit den kurzen Haaren älter aus, die Konturen wirkten klarer, und ich stellte fest, dass Jason sich inzwischen auf dem schmalen Grat zwischen süßer Typ und gut aussehender Mann bewegte. Als wir uns kennenlernten, war er neunzehn gewesen. Seine zweiundzwanzig Jahre standen ihm besser. Aber dieser Anzug - ich konnte mir das Grinsen einfach nicht verkneifen.

Er grinste mich ebenfalls an. Ich glaube, wir freuten uns beide über das Wiedersehen. Solange ich mich von Richard und Jean-Claude ferngehalten hatte, hatte ich auch ihre Leute nicht gesehen. Jason gehörte zu Richards Rudel und war Jean-Claudes Schoßwolf.

»Du siehst aus wie ein Porno-Astronaut. Wärst du normal angezogen, hätte ich dich jetzt zur Begrüßung umarmt«, sagte ich.

Sein Grinsen wurde noch breiter. »Tja, der Anzug ist eine Strafe. Jean-Claude hat mir befohlen, hier auf dich zu warten und dich reinzubringen. Mein Arm ist schon gestempelt, sodass wir direkt durchgehen können.«

»Ein bisschen kühl für solche Klamotten, oder?«

»Was glaubst du, warum ich in einem Pulk von Leuten gestanden habe?« Er bot mir seinen Arm. »Darf ich Sie hineingeleiten, Verehrteste?«

Ich hakte mich von links bei ihm ein. Wenn das schon alles war, was ich an Neckerei von ihm zu erwarten hatte, dann war er ein gutes Stück erwachsener geworden. Der Netzstoff war rauer, als er aussah, ziemlich kratzig sogar.

Als Jason mit mir die Stufen hinaufging, musste ich einmal an seiner Rückseite hinabspähen. Was vorne seine Weichteile verbarg, entpuppte sich hinten als String, sodass sein Hintern unter dem feinen Silberglanz komplett zu sehen war. Das Hemd ließ, wenn er sich bewegte, einen Streifen Bauch frei und saß locker genug, dass ich etwas von seiner glatten Schulter zu sehen bekam, als er mir die freie Hand auf den Arm legte.

In der Tür traf mich die Musik wie die Faust eines Riesen. Fast als müsste man durch eine Wand. Als Tanzschuppen hatte ich mir das Narziss in Ketten nicht vorgestellt. Aber abgesehen von der exotischen, lederlastigen Kleidung der Stammkundschaft sah er aus wie viele andere Clubs auch. Der Raum war groß, schummrig beleuchtet, in den Ecken dunkel und mit Leuten überfüllt, die sich wild zu der viel zu lauten Musik bewegten.

Ich hielt Jasons Arm ein bisschen fester, denn offen gestanden fühle ich mich in solch einer Umgebung immer überwältigt. Zumindest in den ersten Minuten. Ich bräuchte eine Druckschleuse zwischen der Außen- und der Innenwelt, ein paar Augenblicke zum Durchatmen und Anpassen. Aber diese Clubs sind nicht zum Durchatmen gemacht. Sie setzen einen der totalen Reizüberflutung aus und denken, dass man irgendwie überlebt.

Apropos Reizüberflutung. Jean-Claude stand an der Wand neben der Tanzfläche. Seine fast taillenlangen schwarzen Haare fielen ihm in weichen Locken um die Schultern. Ich wusste gar nicht mehr, dass sie so lang waren. Er hatte den Kopf weggedreht und sah den Tänzern zu, sodass ich sein Gesicht nicht sehen konnte. Aber wenigstens seine Aufmachung. Er trug ein schwarzes, ärmelloses Latexhemd, das wie angegossen aussah. Mir fiel ein, dass ich ihn noch nie in etwas Ärmellosem gesehen hatte. Neben dem glänzenden Schwarz sahen seine Arme unglaublich weiß aus, fast als leuchteten sie von innen heraus. Das taten sie natürlich nicht. Jean-Claude wäre nie so ordinär, seine Kräfte in der Öffentlichkeit zu demonstrieren. Seine Hose war aus dem gleichen Material und betonte die langen Linien seines Körpers. Er sah aus wie in flüssiges Leder getaucht. Die Latexstiefel reichten bis übers Knie und glänzten wie mit Spucke poliert. Alles an ihm glänzte, die dunkle Kleidung und die weiße Haut. Dann drehte er abrupt den Kopf, als hätte er meinen Blick gespürt.

Ich hielt den Atem an. Er war schön, zum Weinen schön, auf maskuline Art, aber hart an der Grenze zum Femininen. Nicht androgyn, aber nah dran.

Er kam mir entgegen und wirkte dabei vollkommen männlich. Der Gang, die Haltung der Schultern - so bewegte sich keine Frau.

Jason tätschelte mir die Hand.

Ich zuckte zusammen und blickte ihn an.

Er kam mit dem Mund an mein Ohr und sagte: »Atmen, Anita, das Atmen nicht vergessen.«

Ich wurde rot, weil Jean-Claude genau diese Wirkung auf mich hatte - als wäre ich vierzehn und total verknallt. Jason klemmte meinen Arm ein, als glaubte er, ich wollte davonlaufen. Keine schlechte Idee. Aber Jean-Claude war nur noch zwei Schritte entfernt. Als ich zum ersten Mal die blaugrünen Wellen des Karibischen Meeres sah, weinte ich, weil es so schön war. Jean-Claude löst in mir das gleiche Gefühl aus. Es war, als bekäme ich einen echten da Vinci geschenkt, aber nicht zum Aufhängen und Bewundern, sondern um sich darauf herumzuwälzen. Es kam mir geradezu unangemessen vor. Doch ich stand da, klammerte mich an Jasons Arm und hatte solches Herzklopfen, dass ich kaum die Musik hörte. Ich hatte Angst, nicht die Angst vor dem Messer im Dunkeln, sondern mehr die Schreckstarre des Kaninchens im Scheinwerferkegel. Ich war wie immer bei Jean-Claude zwischen zwei widerstreitenden Instinkten gefangen: Einerseits wollte ich zu ihm rennen und Arme und Beine um ihn schlingen, andererseits wollte ich schreiend wegrennen und beten, er möge mir nicht folgen.

Er stand vor mir, ohne mich anzufassen. Er schien die Berührung ebenso zu scheuen wie ich. Fürchtete er sich? Oder spürte er meine Angst und wollte mich nicht noch mehr verschrecken? Wir standen da und blickten uns an. Seine Augen hatten noch dasselbe dunkle Blau, dieselben dichten schwarzen Wimpern.

Jason küsste mich flüchtig auf die Wange, wie man seine Schwester küsst. Trotzdem zuckte ich zusammen. »Ich komme mir vor wie das fünfte Rad am Wagen. Viel Spaß, ihr zwei.« Er ließ uns allein. Jean-Claude und ich starrten uns weiter an.

Ich weiß nicht, was wir gesagt hätten, denn ehe wir uns entschließen konnten zu reden, traten drei Männer zu uns. Der kleinste war nur einssiebzig groß und hatte mehr Make-up im Gesicht als ich.

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