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Jägerin der Dämmerung

Inhalt

  1. Cover
  2. Über die Autorin
  3. Titel
  4. Impressum
  5. Widmung
  6. DANKSAGUNG
  7. 1
  8. 2
  9. 3
  10. 4
  11. 5
  12. 6
  13. 7
  14. 8
  15. 9
  16. 10
  17. 11
  18. 12
  19. 13
  20. 14
  21. 15
  22. 16
  23. 17
  24. 18
  25. 19
  26. 20
  27. 21
  28. Fußnote

Über die Autorin

Christine Feehan lebt gemeinsam mit ihrem Mann und ihren elf Kindern in Kalifornien. Sie schreibt seit ihrer frühesten Kindheit. Ihre Romane stürmen regelmäßig die amerikanischen Bestsellerlisten, und sie wurde in den USA bereits mit zahlreichen Literaturpreisen ausgezeichnet. Auch in Deutschland erfreut sich die Autorin einer stetig wachsenden Fangemeinde.

Auf Christine Feehans englischsprachiger Homepage www.christinefeehan.com erhalten Sie weitere Informationen über die Autorin.

Für Christopher Walker,

der laut Domini nicht so Zen1 wie Razvan ist.

Aber damit stimme ich nicht überein.

DANKSAGUNG

Ich muss so vielen Menschen für ihre außerordentlich wertvolle Hilfe bei der Entstehung dieses Buches danken:

Anita Toste, meiner Schwester, die Poesie verfasst und immer ans Telefon geht, wenn ich kein Gefühl für Rhythmus und keine Ideen für Zaubersprüche mehr habe.

Dr. Christopher Tong, der unglaublich intelligent und in der Lage ist, fast alles zu tun. Sagte ich »fast«? Ich meinte alles. Vielen Dank, dass du immer, immer Zeit hattest und für mich da warst – egal, wie beschäftigt du warst. Du bist wirklich ein begabter Mann und ein fantastischer Freund.

Cheryl Wilson, meiner lieben Freundin, die ausgerechnet in meinen dunkelsten Stunden auftauchte.

Domini Stottsberry, Kathie Frizlaff und Brian Feehan, die so hart dafür gearbeitet haben, damit dieses Buch – in jeder Beziehung – so gut wie möglich wurde.

Für Lisset und Jack, die mir etwas Wertvolles für dieses Buch hinterließen, das sich nicht messen lässt. In liebender, wundervoller Erinnerung …

1

Dichter Nebel verhüllte die Berge und kroch in die Tiefen des Waldes, wo er ein weißes Band zwischen den verschneiten Bäumen spannte. Die weiße Pracht begrub sämtliches Leben im Wald und am Bachufer unter sich und überzog alles mit einer dicken Schicht aus Eiskristallen. Auf Lichtungen und Feldern standen Sträucher, plötzlich erstarrt, wie bizarre Statuen. Der Schnee tauchte die Welt in blau schimmerndes Weiß. Der mit Eiszapfen überzogene Wald und die zu bizarren Formen erstarrte Oberfläche des Baches wirkten, als wären sie nicht von dieser Welt.

Die Nacht war sternenklar und bitterkalt. Das silbrige Licht des Vollmondes ergoss sich über den gefrorenen Boden. Vollkommen lautlos huschten sechs Schatten, wie an einer Perlenschnur aufgereiht, zwischen den Bäumen hindurch. Selbst ein versierter Fährtenleser hätte anhand der handtellergroßen Abdrücke vermutet, dass lediglich ein einziges Tier hier unterwegs gewesen war.

Obwohl die Wölfe aussahen, als erfreuten sie sich bester Gesundheit, mit stählernen Muskeln, die sich unter den dichten Pelzen abzeichneten, litten die Tiere Hunger und brauchten unbedingt frische Nahrung, um den harten und langen Winter zu überleben. Als das Alphatier unvermittelt stehen blieb und die Nase in den Wind hielt, tat der Rest des Rudels es ihm gleich. Vorsichtig und mit langsamen Bewegungen kroch das Leittier gegen die Witterung vorwärts, während die anderen sich niederlegten, um abzuwarten.

Mitten auf dem Weg, nur wenige Meter von ihm entfernt, lag ein großes, frisches und verführerisch duftendes Stück rohen Fleisches. Wachsam umkreiste er es, wobei er seine Nase benutzte, um eine potentielle Gefahr zu entdecken. Der Speichel lief dem Wolf im Maul zusammen, und sein Magen knurrte. Nichts als das Stück Fleisch witternd, näherte er sich erneut gegen den Wind und angelte vorsichtig nach dem großen, Leben rettenden Stück Fleisch. Dreimal robbte er vor und zurück, aber er konnte keine versteckten Gefahren entdecken. Als er sich ein viertes Mal näherte, schlang sich plötzlich etwas um seinen Nacken.

Panisch machte das Alphatier einen Satz nach hinten, wodurch sich die Schlinge aus Draht immer fester um seinen Hals zog. Je mehr er sich bewegte, desto tiefer schnitt ihm die Falle ins Fell, schnürte ihm die Kehle zu und schnitt sich in seine Haut hinein. Das Rudel begann, ihn zu umkreisen. Als sein Weibchen ihm zu Hilfe kam, legte sich wie aus dem Nichts eine zweite Schlinge um deren Hals, wodurch es fast von den Beinen gerissen wurde.

Einen Augenblick lang breitete sich tiefes Schweigen aus, das lediglich von dem Japsen der beiden gefangenen Wölfe unterbrochen wurde. In unmittelbarer Nähe knackte ein Zweig. Das Rudel stob auseinander, und flirrende Schatten flohen in den Schutz der Bäume. Aus einem Gebüsch betrat eine Frau die kleine Lichtung. Sie trug schwarze Winterstiefel und eine schwarze Hose, die ihr tief auf der Hüfte saß. Besonders auffallend war jedoch die bauchfreie schwarze Weste, die mit drei verschnörkelten glänzenden Silberschnallen geschlossen wurde, in die unzählige winzige Kreuze eingearbeitet waren.

Das dichte schwarzblaue Haar, das ihr bis zur Taille reichte, trug sie zu einem dicken Zopf geflochten. Der lange Kapuzenmantel, der ihr bis zu den Knöcheln ging, sah aus, als sei er aus einem einzigen silbrigen Wolfspelz gefertigt worden. Das Schwert, das an ihrer Hüfte baumelte, war nicht ihre einzige Waffe. In einer Hand hielt sie eine Armbrust, in der anderen blitzte ein scharfer Dolch auf. In einem Köcher, den sie über ihrer Schulter trug, steckten Pfeile, und innen im Wolfspelzmantel hingen in Schlingen weitere scharf geschliffene Waffen. In einem tief getragenen Holster steckten eine Pistole und eine Reihe kleine rasiermesserscharfe Pfeilspitzen.

Einen Moment lang hielt sie inne, sondierte die Lage. »Rührt euch nicht!«, zischte sie. In ihre leise Stimme mischten sich Verärgerung und Autorität.

Die beiden gefangenen Wölfe taten, wie ihnen geheißen, und warteten ab, am ganzen Leib zitternd und mit bebenden Flanken und hängenden Köpfen, um den unsäglichen Druck des festgezurrten Drahtseils so gut es ging zu mindern. Anmutig glitt die Frau über den eisverkrusteten Schnee, ohne auch nur die geringste Spur zu hinterlassen. Sichtlich angewidert musterte sie die zahlreichen Drahtfallen.

»Das ist nicht das erste Mal, dass sie das machen«, schimpfte sie. »Habe ich euch die Fallen nicht gezeigt? Aber ihr wart wieder einmal zu gierig, habt euch von der Aussicht auf eine schnelle Mahlzeit blenden lassen. Um euch eine Lektion zu erteilen, müsste ich euch eigentlich dem qualvollen Tod überlassen, den diese Fallen mit sich bringen.« Die Wölfe wie kleine Kinder ausschimpfend, holte sie eine Drahtschere aus ihrem Wolfspelzmantel. Mit wenigen gekonnten Handgriffen befreite sie die beiden Wölfe. Noch während sie ihre Finger in den dichten Pelzen vergrub und die tiefen Wunden abtastete, stimmte sie einen melodischen Heilgesang an. Das gleißend helle Licht, das ihre Hände dabei abstrahlten, flirrte umher und schien durch das Fell der Tiere hindurch.

»Dies dürfte euren Schmerz ein wenig lindern«, sagte sie versöhnlich und kraulte den beiden ausgiebig die Ohren.

Plötzlich stieß das Alphatier einen warnenden Laut aus, und sein Weibchen fletschte die Zähne. Ein Lächeln legte sich auf die Lippen der Frau. »Ich weiß, ich kann ihn riechen. Es ist ja beinahe ein Ding der Unmöglichkeit, einen Vampir, der seinen fauligen Gestank verbreitet, nicht zu bemerken.«

Sie drehte ihren Kopf und schaute über ihre Schulter auf einen hochgewachsenen, starken Mann, der aus dem knorrigen Stamm einer immergrünen Tanne heraustrat. Der Stamm klaffte weit auseinander und brach beinahe in zwei verkohlte Teile. Nachdem der Baum die abscheuliche Kreatur ausgestoßen hatte, vertrockneten die Nadeln an den Zweigen, und als die Äste sich schüttelten, um den Kontakt zu der verdorbenen Kreatur zu unterbrechen, regneten Eiszapfen herab wie kleine Speere.

Nachdem sich die Frau mit anmutigen Bewegungen erhoben hatte, wandte sie sich ihrem Feind zu und befahl den Wölfen mit einem verstohlenen Zeichen, sich in den Wald zurückzuziehen. »Wie ich sehe, bist du neuerdings dazu übergegangen, Fallen aufzustellen, um an Nahrung zu gelangen, Cristofor. Bist du so langsam und schlecht geworden, dass es dir nicht einmal mehr gelingt, einen Menschen anzulocken, an dem du deinen Hunger stillen kannst?«

»Jägerin!« Die Stimme des Vampirs klang rostig, so als würden seine Stimmbänder nur selten gebraucht. »Ich wusste, dass du kommen würdest, wenn ich dein Rudel zu mir locke.«

Ihre Augenbraue schoss in die Höhe. »Welch nette Einladung, Cristofor. Ich kann mich noch gut an dich erinnern, an damals, als du ein Jüngling und nett anzusehen warst. Um der alten Zeiten willen habe ich dich in Ruhe gelassen, doch wie es aussieht, sehnst du dich nach der Erlösung durch den Tod. Nun, alter Freund, so soll es denn sein.«

»Es heißt, du könntest nicht getötet werden«, fauchte Cristofor. »Eine Legende, an die alle Vampire glauben. Unsere Anführer haben befohlen, dich in Ruhe zu lassen.«

»Eure Anführer? Bist ihnen doch beigetreten und hast dich mit ihnen gegen den Prinz und sein Gefolge verbündet? Weshalb suchst du dann den Tod, wo ihr doch das Ziel verfolgt, jedes Land oder die ganze Welt zu beherrschen?« Sie gluckste. »Das ist ein törichter Wunsch und bringt eine Menge Arbeit mit sich. In der guten alten Zeit war das Leben doch einfacher. Es waren glückliche Tage. Kannst du dich denn nicht mehr daran erinnern?«

Cristofor musterte das makellos schöne Gesicht der Frau. »Es hieß, du wärst ein Flickenwerk, ein Stück Haut an das andere genäht. Und dennoch wirkt dein Gesicht, dein gesamter Körper wie früher auf mich.«

Sie zuckte mit den Achseln und verwies die Bilder aus den dunklen Jahren, die vor ihrem geistigen Auge aufzogen und sie an das erlittene Leid und die Höllenqualen erinnern wollten, zurück an ihren Platz. Damals hatte sich ihr fleischloser Körper geweigert, den Tod zu akzeptieren, tief in der Erde begraben, frei zugänglich für die krabbelnden Insekten, die sich scharenweise im Dreck tummelten. Sie wahrte einen heiteren Gesichtsausdruck und lächelte, während sie innerlich bereit war, von jetzt auf gleich den Kampf aufzunehmen.

»Weshalb verbündest du dich nicht mit uns? Wenn einer einen Grund hat, den Prinzen zu hassen, dann bist du es.«

»Ich soll mich mit denen zusammentun, die mich verraten und verstümmelt haben? Kommt gar nicht in Frage. Ich führe nur dann Krieg, wenn er nicht zu vermeiden ist.« So als könnte sie nichts aus der Ruhe bringen, streckte sie die Finger, die in dünnen Handschuhen steckten. »Du hättest besser daran getan, meine Wölfe in Ruhe zu lassen, Cristofor. Du lässt mir keine andere Wahl.«

»Ich will hinter dein Geheimnis kommen. Wenn du es mir verrätst, verspreche ich, dich am Leben zu lassen.«

Ivory rang sich ein Lächeln ab, das ihre geraden und schneeweißen Zähne zeigte. Ihre Lippen waren rot und voll. Als sie den Kopf zur Seite legte, tastete sie mit den Augen sein Gesicht ab, um zu ergründen, wie gefährlich er wirklich war. »Ich hatte ja keine Ahnung, was für ein Narr aus dir geworden ist, Cristo.« Sie benutzte absichtlich den Kosenamen aus früheren Zeiten, in denen sie oft und gern miteinander gespielt hatten. Damals, als sie Kinder waren. Früher, als ihre Welt noch in Ordnung gewesen war. »Ich jage und töte Vampire, und deine Fallen haben mich angelockt.« Sie unterstrich ihre Worte mit einer wegwerfenden Handbewegung. »Denkst du allen Ernstes, du könntest mir Angst einjagen?«

Ihr Gegenüber setzte ein Feixen auf. Ein hämisches, boshaftes Lächeln. »Du bist arrogant geworden, Jägerin. Und unvorsichtig. Du hattest nicht den Hauch einer Ahnung, dass die Falle für dich und nicht für deine geliebten Wölfe bestimmt war. Dir wird letzten Endes gar nichts anderes übrigbleiben, als mir zu geben, was ich haben will. Es sei denn, du möchtest noch heute Nacht sterben.«

Statt darauf zu antworten, zuckte Ivory mit ihren schmalen Schultern. Sofort kam Leben in den silbrig schimmernden Umhang, der ihr bis zu den Knöcheln herabrutschte. Einen Lidschlag später hatte er sich aufgelöst, und stattdessen überzogen sechs Tätowierungen von sechs wilden Wölfen ihren Rücken und beide Arme.

»Du lässt mir keine andere Wahl«, raunte sie, den Blick auf seine Augen gerichtet.

Blitzschnell zückte sie das Schwert, machte einen Satz auf ihn zu, stieß sich an einem eisverkrusteten Felsblock ab und schwang sich in die Luft. Gerade, als sie ihre Gestalt in Dunst auflöste, legte sich eine unsichtbare Schlinge um ihren Hals, zog sich zusammen und schnitt ihr unbarmherzig ins Fleisch. Ein sengender Schmerz zuckte durch sie hindurch. Sie fluchte unhörbar, als sie sah, wie ihr Blut in leuchtend roten Tropfen in den Schnee spritzte.

Lachend ging Cristofor in die Hocke, schöpfte eine Hand voll Schnee und leckte genüsslich das reine karpatianische Blut auf. Nicht irgendein karpatianisches Blut, sondern das der Vampirjägerin Ivory Malinov, die einer der ältesten Karpatianerfamilien entstammte. Er folgte den blutigen Spuren und entdeckte sie schließlich einige Fuß entfernt, dicht am Waldrand, wo sie wieder ihre natürliche Gestalt angenommen hatte. Zufrieden stieß er ein Glucksen aus.

Grüßend hob Ivory zwei Finger, berührte das dünne Rinnsal, das ihren Hals herabrann, steckte die Finger in den Mund und leckte das Blut ab. »Zugegeben, damit hatte ich nicht gerechnet. Vielleicht sollte ich mich bei meinen Wölfen entschuldigen, weil ich sie gescholten habe. Aber Cristo, falls du denkst, dein Verbündeter, der dort drüben im Wald lauert, wird dir zu Hilfe eilen, nachdem du mein Wolfsrudel getötet hast, irrst du dich gewaltig.«

Ohne Vorwarnung machte sie einen Satz nach vorne, griff nach den kleinen Pfeilspitzen an ihrem Gürtel und schleuderte sie in einer fließenden Handbewegung so kraftvoll von sich, dass sie sich tief in den Körper ihres Gegners gruben – in einer schnurgeraden Linie vom Bauch bis zum Hals. Brüllend versuchte der Vampir, seine Gestalt zu wandeln, doch lediglich seine Beine und sein Kopf lösten sich in Wassertröpfchen auf. Wie aus dem Nichts waberte eine dicke Nebelschwade in dem Versuch, ihm zu helfen, aus dem Wald und wickelte sich wie ein blickdichter Schleier um seinen Körper. Nur der Torso mit der langen Wunde, die den Blick auf sein Herz freigab, blieb sichtbar.

Ivory stieß ihr Schwert herab, und mit jedem Quäntchen Kraft, das sie hatte, versenkte sie es genau unterhalb des verdorbenen Herzens in den Körper des Feindes, der es verdient hatte zu sterben. Der Vampir stieß einen unmenschlichen Schrei aus. Sein ätzendes Blut spritzte aus der Wunde und lief zischend über das Schwert, ehe es auf den Schnee herabregnete. Es war nur der Schutzummantelung zu verdanken, mit der die Vampirjägerin all ihre Waffen überzog, dass sich das Metall nicht auflöste. Zudem hinderte sie den Torso daran, sich auch in Dunst aufzulösen. Wie eine Tänzerin wirbelte die Jägerin um die eigene Achse – das Schwert, das noch immer in seiner Brust steckte, hoch über dem Kopf haltend, sodass sie ein Loch um sein Herz schneiden konnte.

Ivory zog das Schwert heraus und griff mit ihrer Hand in die Wunde. »Jetzt kennst du mein Geheimnis«, flüsterte sie. »Nimm es mit ins Grab.« Mit diesen Worten riss sie ihm das Herz aus der Brust, schleuderte es weit von sich und hob die Arme zum Himmel. Sofort fuhr ein Blitz auf die Erde herab.

Nachdem er das Herz verkohlt hatte, sprang er auf Ivory über, um sie mit seinen Flammen zu reinigen. »Mögest du endlich Frieden finden, Cristofor«, raunte sie, stützte sich auf das Schwert und ließ den Kopf hängen. Aus Trauer um ihren einstigen Jugendfreund schimmerten kurz Tränen in ihren Augen.

So viele waren nicht mehr. Von dem Leben, das sie einst geführt hatte, war nicht mehr viel geblieben. Sie holte tief Atem, sog die kühle Nachtluft ein, ehe sie sich daranmachte, das Schwert und den Schnee von den Blutspuren des Vampirs zu säubern. Nachdem sie alle acht Pfeilspitzen aufgelesen und wieder gut verstaut hatte, erschien der silbrig schimmernde Wolfspelz um ihre Knöchel. Die Tätowierungen fingen an, sich zu bewegen, krochen über ihren Körper, um schließlich wieder das Aussehen eines Mantels anzunehmen. Sie griff nach ihren Waffen und setzte sich die Kapuze auf. Übergangslos löste sie sich auf und vermischte sich mit den weißen Nebelschwaden.

Ivory bewegte sich vollkommen lautlos, da sie spüren konnte, dass ihr Wolfsrudel angegriffen wurde und ihr Schutzschild wankte. In der Sekunde, in der sie den zweiten Feind gewittert hatte, hatte sie die realen Wölfe mit einem Schutzzauber umgeben. Wäre der Angreifer nicht so erpicht darauf gewesen, sie zu töten, und hätte sich stattdessen unter den Wind geduckt, wäre es ihm vielleicht sogar gelungen, ihr Rudel auszulöschen. Wegen des ätzenden Vampirbluts, das die schützende Beschichtung der Pfeilspitzen mit Sicherheit zerstört hatte, war es ihr nicht möglich, sie ein zweites Mal einzusetzen. Wenn sie die kleinen messerscharfen Keile erst einmal in den Körper eines Vampirs versenkt hatte, blieb ihr nur wenig Zeit, ihn auszulöschen – zu schnell fraß sich das aggressive Blut durch die Schutzummantelung und machte die Waffen wirkungslos.

Ivory wechselte abermals die Gestalt und lief als Wölfin, die sich dank ihres silberfarbenen Fells kaum von den Wölfen der Bergwelt unterschied, zwischen den Bäumen hindurch auf den zweiten Vampir zu. Sie ging hinter einem umgestürzten Baumstamm in Deckung und beobachtete, wie er auf ihre Wölfe, die er an einem Flussufer in die Enge getrieben hatte, Feuerbälle schleuderte. Sie konnte die Sprünge im dünnen Schutzschild sehen, den sie errichtet hatte, während der Vampir immer weiter attackierte.

Sie tat einen tiefen Atemzug, mit dem sie sich innerlich an einen Ort der absoluten Stille begab. Erst jetzt nahm sie wieder ihre menschliche Gestalt an, legte die Armbrust an und schoss im Laufen Pfeile auf den Vampir. Wie immer zielte sie dabei auf den Oberkörper. Sie erwischte ihn in der Drehung; der erste Pfeil traf ihn in den Rücken, der zweite verfehlte jedoch sein Ziel. Um dem Feuerball auszuweichen, den er ihr daraufhin entgegenschleuderte, schlug sie einen Salto, sodass das tödliche Geschoss zischend über sie hinwegflog. Sofort kam sie wieder auf die Füße, immer noch laufend und mit ihrer Armbrust schießend.

Der Vampir heulte vor Wut, doch dieser Schrei erstarb abrupt, als sich ein Pfeil tief in seinen Hals bohrte. Von dem Wunsch getrieben, ihrer Herrin zur Hilfe zu eilen, warfen sich die Wölfe wie wild gegen den Schutzschild. Ivory hatte jedoch nicht vor, sie auf den Vampir loszulassen, da er sie töten würde, sobald sich die Gelegenheit dazu böte. Andererseits …

Achselzuckend streifte die Vampirjägerin den dicken silbernen Fellmantel ab, der diesmal ausgebreitet im Schnee landete und sich wand, als wäre er lebendig. Ärmel und Kapuze blähten sich auf, verwandelten sich in drei Schatten – genau wie das Rückenteil und die Vorderteile. Ivory wartete nicht, bis ihre treuen Gefährten ihre natürliche Gestalt angenommen hatten, sondern nutzte das Überraschungsmoment, rollte durch den Schnee, kniete sich hin und schoss zwei weitere Pfeile auf die Brust des Gegners, während dieser von den sechs neu dazugekommenen Wölfen abgelenkt wurde.

Der Vampir zischte, und seine Augen glommen rot vor Wut. Sein Versuch, die Gestalt zu wechseln, scheiterte. Lediglich seine Beine und sein Kopf nahmen die Form einer wehrhaften Bestie an und ließen sein Herz schutzlos zurück. Er begriff, dass er in der Falle saß. Um Zeit zu schinden, damit sich sein ätzendes Blut durch die Pfeile fressen konnte, drehte er sich mit irrsinniger Geschwindigkeit um die eigene Achse. Peitschend wirbelte der Schnee auf, hüllte ihn ein und verbarg ihn so vor den Blicken der Vampirjägerin, was aber die Wölfe nicht davon abhielt, ihren Nasen zu folgen und zielsicher durch die herumwirbelnden Eiskristalle zu springen. Um ihn zu Fall zu bringen, verbiss sich der Rudelführer in seinen Hals. Im Nu lag der Vampir am Boden, an allen Gliedmaßen einen Wolf. Gerade, als Ivory mit gezücktem Messer angreifen wollte, jaulte einer der Wölfe laut auf. Mit seinen messerscharfen Klauen hatte der Vampir ihm die Flanke aufgerissen und ihr das Tier mit voller Wucht entgegengeschleudert.

Ivory ließ die Armbrust fallen, um den verletzten Wolf aufzufangen, wurde aber von der Wucht des Aufpralls nach hinten gerissen und ging zu Boden. Nachdem sie das verletzte Tier so behutsam wie möglich abgelegt hatte, kroch sie wie eine Schlange bäuchlings über den eisverkrusteten Schnee, las ihre Armbrust auf und lud sie im Vorwärtsgleiten nach. Keiner der drei Pfeile, die sie blitzschnell abschoss, verfehlte sein Ziel. Sie sprang auf ihre Füße und rammte dem Vampir kraftvoll das Messer in die Brust, das mühelos durch Knochen und Sehnen glitt, auf der Suche nach dem verdorbenen Herzen.

Der Vampir geriet ins Straucheln. Geifer und Blut tropften ihm aus den Mundwinkeln. Bei dem Versuch, an Ivorys Herz zu gelangen, schlug er mit seiner Faust gegen ihre Brust. Anstatt ihr die Rippen zu brechen, traf er die Schnallen. Mit lautem Jaulen zog er die Hand zurück. Die winzigen, in das Silber gehämmerten Kreuze der mit Weihwasser gesegneten Schnallen hatten sich bis auf die Knochen durch sein Fleisch gefressen.

Der Vampir heulte auf, und ungeachtet der beiden Wölfe, die knurrend an seinen Armen hingen, hieb er mit seinen langen spitzen Fingernägeln nach Ivorys Hals und Schultern, und wild strampelnd schaffte er es, sie zu kratzen. In diesem Moment machte das verletzte Alphamännchen einen Satz und riss ihn zurück, bevor diese vergifteten Krallen den Hals der Jägerin aufreißen konnten.

Im Nu saß Ivory auf seiner Brust, rammte ihm die Hand in den Brustkorb, sodass ihm die Rippen reihenweise brachen, und tastete nach seinem Herz. Der Säure, die sich durch ihre ebenfalls beschichteten Handschuhe fraß, schenkte sie keinerlei Beachtung. Genauso wenig wie der Tatsache, dass der Vampir nach Leibeskräften versuchte, auf sie einzuprügeln und an ihr zu zerren, während die Wölfe ihn am Boden hielten. Kaum hatten ihre Finger das pulsierende schwarze Herz ertastet, riss sie es ihm aus der Brust, schleuderte es im hohen Bogen von sich und streckte die Hände gen Himmel.

Wie zuvor fuhr ein gezackter Blitz vom Himmel herab, mitten in das noch zuckende Herz. Die Erde bebte, und die Wölfe stoben auseinander, als die reinigende Energie des Blitzes auch auf den Körper des Vampirs übersprang, den Leichnam zu Asche verbrannte und Ivorys Pfeile säuberte. Erschöpft wusch Ivory ihre Handschuhe in dem gleißenden Licht, ehe sie in den Schnee sank und einen Moment lang mit hängendem Kopf sitzen blieb. Das Atmen fiel ihr schwer, und ihre Lunge brannte.

Als einer der Wölfe in dem Versuch, ihre Wunden zu heilen, sie mit seiner rauen Zunge ableckte, legte sich der Hauch eines Lächelns auf ihre Lippen. Liebevoll umarmte sie das Alphaweibchen und vergrub ihr Gesicht in dem weichen Fell. Diese Wölfe, die vor so vielen Jahren dem Tod entronnen waren, dass sie kaum noch wusste, wann genau sich das zugetragen hatte, waren ihre einzigen Gefährten, ihre Familie. Die einzigen Wesen auf der Welt, denen ihre ungebrochene Loyalität galt.

»Komm her, Raja«, lockte sie das kraftvolle Männchen mit samtener Stimme zu sich. »Zeig mir deine Wunden.«

Kaum hatte sie zu Ende gesprochen, schlug das natürliche Alphamännchen, das sich noch hinter dem Schutzschild befand, herausfordernd an. Doch Raja ignorierte ihn – so, wie er es auch bei dessen unzähligen Vorgängern getan hatte. Die realen Wölfe lebten und starben, wie der Kreislauf des Lebens es nun einmal vorsah. Raja hatte gelernt, sich von derartigen Eifersüchteleien nicht aus der Ruhe bringen zu lassen, sodass er für das sterbliche Alphatier nur einen geringschätzigen Blick übrig hatte, als er sich zu Ivory schleppte und sich vor ihr auf die Seite legte, damit sie seine Verletzungen inspizieren konnte. Im Laufe der Jahre hatte sie ihn unzählige Male geheilt – genau wie er und seine Geschwister sich mit ihrem heilenden Speichel um die Wunden der Jägerin gekümmert hatten.

Nachdem Ivory den Schnee beiseitegefegt und eine Hand voll reichhaltiger Erde ausgegraben hatte, vermischte sie diese mit ihrem Speichel und verteilte die Mischung auf der tiefen Fleischwunde. »Hab Dank, Bruder. Wie so oft hast du mir wieder einmal das Leben gerettet.«

Raja rieb die Nase an ihr und wartete geduldig, bis sie auch den Rest des Rudels untersucht hatte. Das stärkste Weibchen, Ayame, das nach der Dämonenwolfprinzessin benannt war, kuschelte sich eng an ihn und fuhr mit der Zunge über die kleineren Wunden, während Ivory sich um ihre Geschwister kümmerte: um Blaez, den Rangnächsten nach Raja, um Farkas, das rangniedrigste Männchen, die beiden kleineren Weibchen Rikki und Gynger. In der Absicht, ihr zu helfen, drückten sich die Tiere eng an den übel zugerichteten Körper der Frau.

Die Wölfe hatten zwar unterschiedliche Eltern, waren aber zusammen aufgezogen worden. Mit ihrem dichten, silbern schimmernden Fell, das etwas länger als normal war, waren sie unverwechselbar. Ihre Augen waren wie damals, als Ivory der blutigen Spur des Todes bis in die Wolfshöhle gefolgt und dort auf den todgeweihten Wurf gestoßen war, noch immer stahlblau. Schon damals war Ivory den Vampiren ein Dorn im Auge gewesen, eine entstehende Legende, die sie zerstören wollten. Doch statt sich an ihr selbst zu vergreifen, hatten sie das Rudel, mit dem sie Freundschaft geschlossen hatte, niedergemetzelt.

Die halbtoten Welpen krochen auf der verzweifelten Suche nach ihren Müttern auf dem blutbesudelten Boden herum. Ivory konnte es nicht ertragen, ihre einzige Familie, ihren einzigen Quell an Wärme und Zuneigung, zu verlieren. Aus purer Verzweiflung hatte sie die Welpen schließlich mit ihrem eigenen Blut gefüttert. Mit reinem karpatianischen Blut, das heiß und heilend durch ihre Adern floss. Sie hatte die Welpen so lange genährt, bis sie nur noch ein Schatten ihrer selbst war. Um nicht zu sterben, nahm sie irgendwann winzige Mengen des Wolfsblutes zu sich. Erst, als der kräftigste Welpe begann, seine Gestalt zu wandeln, war ihr bewusst geworden, dass sie einen Blutaustausch vorgenommen hatte.

Die Wölfe behielten ihre blauen Augen auch später noch, und dank des karpatianischen Blutes besaßen sie die Fähigkeiten, ihre Gestalt zu wechseln und auf einem gedanklichen Weg mit Ivory zu kommunizieren. Genau wie die Jägerin waren auch sie unzählige Male in Kämpfen verwundet worden, und im Laufe der Zeit hatten sie von ihr gelernt, wie man erfolgreich Vampire bekämpft, sodass die sieben inzwischen ein eingespieltes Team waren.

Ivory legte sich in den Schnee, kontrollierte ihren Atem und schloss den Schmerz in ihrem Körper aus. Die Wunde in ihrem Nacken pochte und brannte, und sie wusste, dass sie sie sofort säubern musste. So wie alle Karpatianer war sie unempfindlich gegen Kälte. Ihr Volk war so alt wie die Zeit, nahezu unsterblich, wie sie schmerzlich hatte erfahren müssen, als der Sohn des Prinzen sie an die Vampire verraten hatte. Nie zuvor hatte sie solche Höllenqualen erduldet wie bei ihrem endlosen Kampf im Dunkel der Erde, als die Jahre verstrichen und ihr Körper nicht sterben konnte.

Obwohl sie sich dessen nicht bewusst war, musste sie unwillkürlich gestöhnt haben. Sie dachte, ihr Stöhnen wäre lautlos gewesen, aber ihre Wölfe kamen näher zu ihr, um sie zu trösten. Die realen Wölfe, die sich immer noch hinter dem Schutzschild befanden, begannen zu heulen. Mit einem Blick auf den Himmel überließ sie sich dem Trost der Wölfe, deren Liebe und Ergebenheit Balsam für ihre Seele waren, wann immer sie an ihr früheres Leben denken musste. Die Zeit verrann schnell, und der Tag war genauso ihr Feind wie die Vampire. Sie musste sich jetzt beeilen, um in ihr Versteck zu gelangen, und bis Sonnenaufgang war noch viel zu tun.

Die Finger auf die brennenden Augen gelegt, zwang sie sich, aktiv zu werden. Zunächst reinigte sie ihre Wunden von dem Vampirgift. Die Vampire, die sich zusammengeschlossen hatten, benutzten wurmähnliche Parasiten, um einander zu erkennen. Zudem infizierten sie damit jede offene Wunde. Sie musste sie schnellstmöglichst durch ihre Poren ausschwitzen, ehe sie sich mit ihren Widerhaken in ihren Zellen festkrallen konnten, was eine komplizierte innere Heilung nach sich ziehen würde. Nachdem sie einen weiteren Blitz heraufbeschworen und dadurch die winzigen Fremdkörper abgetötet hatte, vermischte sie abermals ein wenig Erde mit ihrem Speichel und verteilte die heilende Masse auf den Schnittwunden.

»Alle bereit?«, fragte sie in die Runde, als sie die Waffen auflas und die benutzten Pfeile zurück in den Köcher schob. Damit die Vampire und vor allem ihr Erzfeind Xavier nicht hinter die Formel für die einzigartige Beschichtung kommen konnten, hatte sie es sich zur Gewohnheit gemacht, niemals auch nur einen Pfeil oder eine andere Waffe zurückzulassen.

Kaum hatte Ivory die Arme seitlich ausgestreckt, sprangen die Wölfe auf sie, wandelten ihre Gestalten und verschmolzen wieder zu dem wallenden, wärmenden Kapuzenmantel, der sie liebevoll einhüllte. Ivory mochte es, ihr Rudel stets bei sich zu wissen. Egal, wohin sie kam, wie viele Tage oder Wochen sie unterwegs sein mochte, sie reisten stets mit ihr und hielten sie davon ab, wahnsinnig zu werden. Ivory hatte gelernt, alleine zu leben, und war mittlerweile anderen Lebewesen gegenüber genauso misstrauisch, wie Wölfe es von Natur aus waren. Dass sie sonst keine Freunde, sondern nur Feinde hatte, störte sie nicht weiter.

Nachdem sie einige Schritte durch den Schnee gestapft war, wedelte sie mit der Hand, woraufhin sich der schützende Schild um das reale Rudel in nichts auflöste. Sogleich bestürmten die Wölfe sie, liefen zur Begrüßung schnüffelnd zwischen ihre Beine und um sie herum. Um Rajas Duftnoten zu überlagern, ließ das Leittier es sich nicht nehmen, jeden Busch und Baum in der Nähe zu markieren. Als Ivory das sah, verdrehte sie leicht genervt die Augen.

»Es ist doch immer dasselbe mit männlichen Wesen, egal von welcher Rasse«, sagte sie laut, während sie jeden einzelnen Wolf in Augenschein nahm, um sicherzugehen, dass der Vampir sie nicht verletzt hatte.

»Dann wollen wir mal zusehen, dass wir für euch vor Sonnenaufgang noch Futter finden. Schließlich haben wir noch einen weiten Weg vor uns, und die Nacht neigt sich bereits dem Ende entgegen«, sagte sie. Sie zog die Schnauze des Rudelführers zu sich und sah ihm tief in die Augen. Lauft, macht euch auf die Suche nach Beute und treibt sie zu mir, damit ich sie für euch erlegen kann. Aber beeilt euch, uns bleibt nicht viel Zeit.

Obwohl sie fortwährend mit ihren Wölfen sprach und diese scheinbar jedes Wort verstanden, war es doch einfacher, dem wilden Rudel ihren Befehl in Form von Bildern, die sie in ihren Gedanken formte, zu übermitteln. Sie musste sich jetzt auf den Heimweg machen. Normalerweise würde sie einfach hinfliegen, denn auch ihre Waffen waren aus natürlichen Stoffen gefertigt, sodass sie sie bei einer Gestaltwandlung ohne Probleme mitnehmen konnte. Doch zunächst musste sie dem Rudel bei der Nahrungssuche helfen, denn es braute sich bereits ein neuer Sturm zusammen, und Ivory wollte ihre Wölfe in dem harten Winter nicht verlieren.

Sofort stoben die Wölfe auseinander, verschmolzen mit den dunklen Bäumen. Die Armbrust geschultert, machte Ivory sich durch die Wildnis auf den Weg nach Hause. Es war egal, dass sie nur ein paar Kilometer zurücklegen konnte, bis das Rudel ihr ein Beutetier in den Weg treiben würde, aber mit jedem Schritt, den sie machte, kam sie ihrem Zuhause näher. Und damit auch der Sicherheit.

Ivory wusste nur wenig über das moderne Leben. Als sie nach den langen Jahren der Heilung in der Erde wieder hervorkam, erkannte sie die Welt nicht wieder. Irgendwann hatte sie erfahren, dass der Sohn des Prinzen, Mikhail, den Thron der Karpatianer von seinem Vater übernommen hatte und dass sein Stellvertreter, wie eh und je, ein Daratrazanoff war. Damit erschöpfte sich ihr Wissen jedoch beinahe, aber auch die Welt der Karpatianer hatte sich drastisch verändert.

Sie wusste nur, dass es von ihrem Volk nicht mehr allzu viele gab, dass die Karpatianer vom Aussterben bedroht waren. Vielleicht war das noch nicht einmal sonderlich tragisch und ihre Zeit schon längst abgelaufen. Es gab nur noch wenige Frauen bei den Karpatianern, und in den letzten Jahrhunderten waren nur noch wenige Kinder geboren worden, sodass die Spezies beinahe ausgelöscht war. Sie hatte eh nicht das Gefühl, zu ihnen zu gehören. Genauso wenig wie in die Welt des modernen Menschen. Außer dem, was in Büchern geschrieben stand, wusste sie kaum etwas über Technik und hatte keinen blassen Schimmer, wie es sich anfühlen würde, in einem Haus, einem Dorf, einer Stadt oder – Gott bewahre – einer Metropole zu leben.

Als sie sah, dass sich erste silbrige Streifen am Firmament breitmachten, beschleunigte sie ihre Schritte. Viel Zeit blieb nicht mehr, bevor sie sich in die Lüfte schwingen und nach Hause fliegen musste. Sie hoffte, dass die Wölfe sich beeilten. Anders als die meisten Karpatianer, die die Morgendämmerung durchaus ertragen konnten, brannte ihre Haut bereits bei den ersten Sonnenstrahlen. Sie hatte den Großteil ihres Lebens unter der Erde zugebracht, sodass sie diese Überempfindlichkeit dem Licht gegenüber entwickelt hatte. In dem Moment, in dem die Sonne begann aufzugehen, konnte sie ihr Brennen bereits fühlen.

Natürlich konnte ihre Lichtempfindlichkeit auch damit zusammenhängen, dass ihre Haut unendlich lange gebraucht hatte, sich zu regenerieren, nachdem sie ihr sozusagen vom Leib geschält worden war und sie selbst nur noch aus Knochen und rohem Fleisch bestand. Manchmal, beim Aufwachen, fühlte sie immer noch die Klingen, die ihren Körper in Einzelteile zerhackten, damit diese den Wölfen auf einer Wiese zum Fraß vorgeworfen werden konnten. Sie erinnerte sich bis heute an das raue Gelächter ihrer Peiniger, als diese die Befehle ihres schlimmsten Feindes Xavier ausführten.

Der Wind frischte auf, hoch über ihren Köpfen eilten dunkle Wolken hinweg – die Vorboten eines nahenden Sturms. Nachdem Ivory den Schutz der Bäume aufgesucht hatte, schloss sie die Augen, um das Rudel zu suchen. Sie hatten eine alte, ausgemergelte Hirschkuh aufgespürt, die aufgrund einer alten Verletzung leicht lahmte und die sie jetzt abwechselnd in Ivorys Richtung trieben.

Mit leiser Stimme bat Ivory die Hirschkuh um Verzeihung, erklärte ihr die Notwendigkeit, das Rudel zu füttern, während sie darauf wartete, dem Tier den Fangschuss zu geben. Minuten verstrichen, als ein lautes Knacken des Eises die Stille durchbrach. Fast zeitgleich kam die gehetzte Hirschkuh in Sicht, dicht gefolgt von einem Wolf, der lautlos mit seinen großen Pfoten über die Eisfläche lief. Von allen Seiten tauchten jetzt die Wölfe auf, trieben das Tier in die Enge, bis ihm nichts anderes übrigblieb, als direkt auf Ivory zuzuhalten. Es war nicht das erste Mal, dass sie in schlechten Zeiten auf diese Form der Jagd zurückgriffen.

Damit das Tier nicht zu lange leiden musste, wartete Ivory, bis es nah genug war, um es mit einem einzigen Schuss zu töten. Ehe das Alphatier sich dem Kadaver nähern konnte, entfernte Ivory flink den Pfeil und sah zu, dass sie so schnell wie möglich auf Abstand ging. Sie musste mit ihrer Energie haushalten und durfte sie nicht dafür aufbrauchen, um ein Rudel hungriger Wölfe zu steuern, dem gerade ein Festmahl serviert worden war.

Ivory rannte los und begann mitten im Sprung, ihre Gestalt zu wechseln. Die Wölfe glitten über die Haut ihrer Arme und verwandelten sich wieder in Tätowierungen, als sie mit ihr durch die Wolken stürmten. Wie immer genoss sie diese Art des Reisens, und sobald sie sich in die Lüfte schwang, hatte sie wie jedes Mal das Gefühl, als wäre eine Last von ihren Schultern gefallen. Während sie schnell zu ihrem Versteck flog, schützten dräuende dunkle Wolken ihre Haut vor dem heller werdenden Licht. Vielleicht erschien ihr ihre Bürde auch nur leichter, weil sie sich ihrem Zuhause näherte, in dem sie sich sicher und geborgen fühlte.

Sie hatte es nie gelernt, völlig entspannt zu sein, wenn sie sich über der Erde befand, denn hier konnten überall Feinde lauern. Ihr Versteck hatte sie gut verborgen und hinterließ niemals Spuren in der unmittelbaren Nähe des Eingangs, sodass niemand in der Lage war, sie dorthin zu verfolgen.

Ihr einzigartiges Sicherheitssystem konnte von niemandem geknackt werden, dessen war sie sich sicher. Der Eingang wurde nicht durch die üblichen Zaubersprüche geschützt, sodass weder Karpatianer noch Vampire überhaupt dessen Existenz auch nur erahnten. Schon vor vielen Jahren hatte sie herausgefunden, welche Schichten der Erde ihre Feinde bevorzugten, daher mied sie sie einfach.

Ungefähr zehn Kilometer von ihrem Zuhause entfernt setzte sie zum Sinkflug an und landete mit ausgestreckten Armen, damit die Wölfe von ihr abspringen und sich auf die Suche nach Beute begeben konnten. Sie alle brauchten dringend frisches Blut. Als die Wölfe zielgerichtet losliefen, vermutete Ivory einen Jäger oder eine Jagdhütte in unmittelbarer Nähe. Sollte sich die Fährte als nutzlos erweisen, so entschied sie, würde sie eben einen Abstecher in das nächstgelegene Dorf machen. Außer, wenn die Umstände ihr keine andere Wahl ließen, vermied Ivory es, in unmittelbarer Nähe ihres Verstecks auf die Jagd zu gehen.

Während sie fast lautlos zwischen den Bäumen hindurchschlüpfte, stieß sie auf eine Fährte. Vielleicht ein Frühaufsteher, der sich entweder auf die Pirsch begeben hatte oder Holz sammeln wollte. Neugierig ging Ivory in die Hocke und berührte die frischen Spuren im Schnee. Ein großer Mann. Das war immer gut. Außerdem war er alleine unterwegs. Noch besser. Erst jetzt spürte Ivory, wie groß ihr eigener Hunger war. Ivory trat in die Fußspuren und folgte dem Mann auf seinem Weg durch den Wald.

Die Fußstapfen führten zu einer kleinen Lichtung, durch die ein Bach floss. Ihr Blick fiel auf eine Blockhütte, von der sie wusste, dass sie normalerweise unbewohnt war, doch die Spuren führten genau auf sie zu. Die dünne Rauchfahne, die gen Himmel stieg, verriet Ivory, die am Rande der Lichtung stehen geblieben war, dass der Bewohner erst vor Kurzem das Feuer entzündet haben musste.

Sie legte den Kopf in den Nacken und stieß ein Heulen aus, um das Rudel zu sich zu rufen, und wartete am Rande der Lichtung. Einen Augenblick später trat der Mann vor die Hütte. Mit einem Gewehr in der Hand ließ er den Blick über den umliegenden Wald schweifen. Es war ihm anzusehen, dass der einsame Ruf ihm einen gehörigen Schreck eingejagt hatte.

Nachdem Ivory sich abermals in Dunst aufgelöst hatte, verschmolz sie mit dem lichten Nebel, der die Lichtung erfüllte, und ließ sich zum Haus tragen, wo sie sich auf dem Dach der Hütte niederließ, während ihr Opfer mit einem leisen Fluch auf den Lippen die Tür hinter sich schloss, weil er nichts hatte entdecken können. Als Ivory zwischen den Bäumen die Schatten ihrer Wölfe ausmachte, gab sie ihnen ein Zeichen, dort auf sie zu warten, ehe sie durch den winzigen Spalt unter der Tür in die einfach eingerichtete Stube strömte, in der ein knisterndes Feuer brannte. Von einer dunklen Ecke aus beobachtete sie, wie der Fremde einen Topf mit Wasser zum Kochen auf das Feuer stellte.

Dicht vor ihm nahm sie ihre menschliche Gestalt an, sodass sie zwischen ihm und dem Feuer stand. Um ihn nicht zu ängstigen, drang sie in seine Gedanken ein und brachte ihn dazu, sie fraglos zu akzeptieren. Sein Blick wurde stumpf und ausdruckslos. Behutsam geleitete Ivory ihn durch den Raum und führte ihn zu einem Sessel neben dem Bett. Sie war hochgewachsen, größer als die meisten Frauen in den Dörfern, ein Erbe ihrer karpatianischen Vorfahren. Nachdem sie seinen Puls gefunden hatte, senkte sie genüsslich die Zähne in seinen Hals.

Bereits der erste Tropfen des kostbaren Blutes war eine Wohltat. Es war, als würden ihre Zellen zu neuem Leben erwachen. Manchmal vergaß sie fast, wie köstlich richtige Nahrung schmeckte. Tierblut konnte sie am Leben halten, ihre wahre Stärke und Energie erlangte sie jedoch erst durch das nahrhafte Blut von Menschen. Sie leckte jeden einzelnen Tropfen ab und dankte dem Mann für seine unfreiwillige Gabe, auch wenn er sich an den Vorfall nicht würde erinnern können. Sie pflanzte ihm einen erotischen Traum in sein Gedächtnis, damit diese Begegnung auch für ihn zu einer schönen Erinnerung wurde.

Um keinerlei Spuren zu hinterlassen, fuhr sie mit der Zunge über seinen Hals, um die beiden winzigen Bisswunden zu schließen. Als sie damit fertig war, holte sie ihm ein Glas Wasser, hielt es ihm an die Lippen und befahl ihm zu trinken, bevor sie es abermals auffüllte, neben ihn stellte und ihn in eine Decke hüllte, damit er nicht auskühlte. Erst dann ließ sie ihn alleine.

In den Tiefen des Waldes stieß sie auf ihr Rudel, das sich augenblicklich um sie scharte, als sie es rief. Das Alphamännchen kam als Erstes zu ihr, und rieb sich an ihrem Knie, als sie in die Hocke ging und ihm ihr Handgelenk darbot, in dem sich das Blut bereits staute. Während er links trank, bedienten sich die Weibchen rechts. Als alle sechs Wölfe satt waren, setzte Ivory sich in den Schnee, um kurz auszuruhen. Die Kämpfe mit den beiden Vampiren sowie das Füttern ihrer treuen Gefährten hatten sie doch mehr Kraft als gedacht gekostet.

Wenig später erhob sie sich, breitete die Arme aus und wartete darauf, dass die Wölfe sich wieder in Tätowierungen verwandelten. Kaum waren sie mit ihr verschmolzen, fühlte sie sich lebendiger, da sie auch auf die Lebensenergie der Wölfe zurückgreifen konnte. Erneut nahm sie Anlauf und verwandelte sich in einen Vogel, um über den Wald hinwegzusegeln, zurück nach Hause.

Dunkle Wolken türmten sich auf, und schwache Windböen bewegten den Nebel, sodass die aufgehende Sonne unsichtbar blieb. Bei dem Gedanken daran, dass im Innern des schneebedeckten Bergs, der vor ihr aufragte, Wärme und Behaglichkeit auf sie warteten, stahl sich ein Lächeln auf ihre Lippen. Wir sind so gut wie zuhause, teilte sie dem Rudel mit. Doch bevor sie zur Landung ansetzte, durchsuchte sie wie immer die unmittelbare Umgebung ihres Verstecks nach möglichen Störenfrieden.

Sie spürte, wie die Wölfe, die nur zu gut wussten, dass es keine völlige Sicherheit gab, so wie sie ihre Sinne ebenfalls schärften. Deswegen war es ihr so viele Jahre gelungen, allein zu überleben. Sie traute niemandem und sprach mit niemandem – es sei denn, sie befand sich weit genug von ihrem Versteck entfernt – und hinterließ niemals auch nur die geringsten Spuren. Die dunkle Vampirjägerin erschien immer nur kurz und verschwand sogleich wieder.

Während sie sich in immer enger werdenden Kreisen dem Eingang zu ihrem Versteck näherte, hielt sie Ausschau nach jeder noch so kleinen Störung im natürlichen Energiefeld der Erde, die auf einen Vampir oder einen Zauberer hindeuten könnte. Rauch und Lärm hingegen verwiesen auf Menschen. Am Schwierigsten war die Ortung von Karpatianern, aber sie besaß einen siebten Sinn, der sie warnte, wenn einer von ihnen in der Nähe war, sodass sie sich rechtzeitig verstecken konnte.

Gerade als sie zum spiralförmigen Sinkflug ansetzte, breitete sich ein ungutes Gefühl in ihrer Magengegend aus. Durch eine winzige Lücke in den dichten Nebelschwaden unter sich erhaschte sie einen Blick auf etwas Schwarzes, das regungslos im Schnee lag. Erneut begann es zu schneien, wodurch ihre Sicht weiter getrübt wurde. Das untrügliche Prickeln auf ihrer Haut verriet ihr, dass die Sonne bereits begann, sich über den Horizont zu schieben. Obwohl ihre Instinkte sie zur Eile antrieben, ihr rieten, keine weitere Zeit zu verlieren und endlich nach Hause zurückzukehren, hielt eine urtümliche Kraft, die aus den Tiefen ihrer Seele emporstieg, sie davon ab, zu tun, was das Beste für sie war.

Sosehr sie es auch wollte, sie konnte sich nicht von dem Körper abwenden, der mit ausgebreiteten Armen und Beinen im Schnee lag. O köd belsõ - Nimm es, Dunkelheit. Einen alten karpatianischen Fluch ausstoßend, der ihre fünf Brüder seinerzeit geschockt hätte, als sie noch die kleine, wohlbehütete Schwester war, landete sie mit den Füßen voran im Schnee und breitete die Arme aus, damit die Wölfe von ihr abspringen konnten.

Misstrauisch pirschte sich das Rudel heran, zog schweigend seine Kreise um den Fremden, der sich nicht rührte. In seinen zerschlissenen Kleidern steckte ein sichtlich ausgemergelter Körper. Raja war der Erste, der sich ihm mit gierigen Augen bis auf zwei Schritte näherte. Als Ayame es ihm gleichtat, drehte Raja sich zähnefletschend zu seinem Weibchen um, eine unmissverständliche Warnung, auf Abstand zu bleiben. Auch sie fletschte die Zähne und wich zurück.

Als Raja den leichenblassen Fremden beschnüffelte, stellte Ivory sich wachsam hinter den Anführer des Rudels. Der Mann hatte einst vor Kraft nur so gestrotzt, so viel war zu erkennen. Auch, dass er normale Menschen um einiges überragte. Sein langes von grauen Strähnen durchzogenes schwarzes Haar sah zottelig aus und war mit getrocknetem Blut und Dreck verklebt. Als Ivory sich über Raja beugte, um einen besseren Blick auf den Fremden zu erhaschen, war ihr, als hätte jemand einen Schalter in ihr umgelegt.

Mit einem entsetzten Keuchen wich sie zurück, bereit, die Flucht zu ergreifen. Ein Karpatianer. Wie die meisten seiner Art hatte auch er eine aristokratische Nase. Sein einst hübsches Gesicht war jedoch von tiefen Furchen gezeichnet. Doch was ihre Aufmerksamkeit vor allem auf sich zog, war das Muttermal auf seiner Hüfte, das sie durch den dünnen Stoff hindurch ausmachen konnte. Es hatte die Form eines Drachens. Das war keine Tätowierung; er war bereits mit diesem Mal zur Welt gekommen.

Drachensucher. Hörbar atmete sie tief aus. Einen Moment lang war ihr, als hielte die Welt inne, als wäre sie statt von fallendem Schnee von absoluter Stille umgeben. Sie konnte ihr wild schlagendes Herz hören; Adrenalin floss durch ihre Adern, und das Blut dröhnte in ihren Ohren.

Raja stupste gegen ihr Bein, um sie dazu zu bringen, den Mann liegen zu lassen und endlich nach Hause zurückzukehren. Sie atmete durch, obwohl sich ihre Lunge schwer damit tat, frische Luft aufzunehmen. Ein Zittern durchlief ihren Körper. Sie gab den Wölfen ein Zeichen, sich zurückzuziehen, und wollte sich abwenden, doch ihre Füße versagten ihr den Dienst. Sie konnte keinen einzigen Schritt tun. Dieser halbtote Mann mit seinem gramzerfurchten Gesicht und seinem ausgemergelten Körper hatte sie in seinen Bann gezogen.

Sie hob ihr Gesicht zum Himmel, bis der Schnee es mit einer dünnen weißen Maske bedeckte. »Warum jetzt?«, wisperte sie leise, wie eine Bitte, ein Gebet. »Warum verlangst du das ausgerechnet jetzt von mir? Hast du mir nicht schon genug genommen?« Auf eine Antwort wartend, stand sie da. Ein Blitz vielleicht oder sonst etwas. Ihr geflüstertes Flehen verhallte ungehört.

Raja heulte zum wiederholten Mal auf. Komm fort, kleine Schwester. Lass ihn, wo er ist. Er stört dich nur. Geh hier weg, bevor die Sonne zu hoch am Himmel steht.

Zum ersten Mal seit Jahrhunderten hatte Ivory die Sonne vergessen, hatte nicht auf ihre eigene Sicherheit geachtet. Alles, was sie je gelernt und in Erfahrung gebracht hatte, löste sich angesichts dieses Mannes in nichts auf. Ein Teil von ihr schrie, sie solle sich endlich abwenden und fliehen, doch ein anderer, noch stärkerer Teil ihres Selbst fühlte sich wie magisch zu diesem Mann hingezogen. Päläfertiilam – wahrer Gefährte, ihr Gefährte. Der Fluch aller karpatianischen Frauen.

2

Ivory sank neben dem liegenden Mann auf die Knie, fuhr mit den Fingern über sein Gesicht, ehe sie auf der Suche nach seinem Puls zum Hals glitten, obwohl das eigentlich überflüssig war. Ihr Herzschlag hatte sich längst seinem kaum noch spürbaren Puls angepasst. Nachdem sie ihm den Schnee aus dem Gesicht gestrichen hatte, machte sie sich daran, seine Wunden eingehender zu untersuchen. Sein Körper war mit Narben übersät – fast so wie ihr eigener. Seine Haut war eiskalt – und das, obwohl jeder Karpatianer schon im Kindesalter lernte, seine Körpertemperatur zu regulieren.

Kleine Schwester! Rajas Flehen schlug in warnendes Knurren um. Die Sonne geht auf.

Ivory war klar, dass er, wenn sie sich seiner nicht annahm, unweigerlich sterben würde. Ihr Herz geriet ins Stocken, als sie die Spuren betrachtete, die er hinterlassen hatte. Nur das hatte er bezweckt – in den Tod zu gehen. Die frischen Narben an Arm- und Fußgelenken verrieten, dass er bis vor Kurzem in Ketten gelegen hatte. In Ketten, die mit Vampirblut bestrichen waren, das sich bei jeder noch so kleinen Bewegung in sein Fleisch gebrannt hatte. Sie kannte nur einen Mann, der so mit seinen Gefangenen verfuhr: Xavier, der dunkle Magier. Der Drachensucher war aus der Gefangenschaft entflohen, doch statt in einem der umliegenden Dörfer Hilfe zu suchen, war er in die Tiefe des Waldes geflüchtet und hatte eine geeignete Stelle gewählt, um den Sonnenaufgang zu erwarten.

Von Unruhe getrieben, lief das Rudel herum, den besorgten Blick ständig gen Himmel gerichtet. Der dichter fallende Schnee bildete bereits eine zarte Decke auf ihren silbrigen Leibern. Mit einem Fluch auf den Lippen packte Ivory den Fremden an den Armen und brachte ihn in eine sitzende Haltung, um ihn hochzuheben.

Plötzlich flogen seine Augen auf – dunkle, unruhige Abgründe voller Leid, Entschlossenheit und Beherztheit. Ein Mann, der von den Feuern der Hölle gestählt worden war, der unsägliche Qualen durchlitten und nur dank seines eisernen Willens überlebt hatte. Ihn manipulieren zu wollen war aussichtslos, denn die Energie, die er verströmte und sie umfloss, war überwältigend.

»Lass mich«, befahl er ihr mit heiserer Stimme.

Als Ivory die geistige Kraft hinter der barschen Anweisung spürte, setzte sie alles daran, dem Druck nicht nachzugeben. Selbst die Wölfe waren nicht vor der mentalen Macht des Fremden gefeit. Als sie bemerkte, wie das Rudel immer weiter von ihr abrückte, gab sie ihm ein Zeichen stehen zu bleiben. Nur der starken Bindung zwischen ihr und den Tieren war es zu verdanken, dass die Wölfe nicht das Weite suchten – und das sagte viel über den Mann aus. Obwohl er schwach, halb verhungert und ausgemergelt war, erschien er unglaublich stark – und gefährlich.

Trotzdem erwiderte Ivory nichts. Stattdessen schüttelte sie stumm den Kopf und machte Anstalten, den Fremden emporzuheben. Sofort rückte der Drachensucher, wenn auch kaum merkbar, von ihr ab und legte überraschend sanft eine Hand auf ihren Arm. Ivory war, als würde sie vom Blitz getroffen. Ein warmes Kribbeln pulsierte durch sie hindurch, und unwillkürlich atmete sie laut aus.

»Du verstehst das nicht«, sagte er. »Du schwebst in entsetzlicher Gefahr, wenn du in meiner Nähe bleibst. Ich habe mächtige Feinde, die dich wegen mir angreifen könnten.«

Auch dieses Mal entging Ivory nicht der warnende Unterton in seiner Stimme. Dieser Mann besaß etwas Reines, Ehrliches. Er wollte, dass sie ihn zurückließ, in dem Wissen, dass dies sein Todesurteil war. Nein, es war mehr als das. Er würde Höllenqualen durchleiden und quälend langsam sterben. Ivory stieß einen erneuten Fluch aus. Jetzt blieb ihr keine andere Wahl, jetzt musste sie sprechen. Sobald sie das jedoch tat, würde er sofort erkennen, dass sie füreinander bestimmt waren. Dass er ihr Seelenpartner war, dass er derjenige war, der ihre Gedanken teilen, der wie kein Zweiter ihre Gefühle verstehen und erwidern würde. Karpatianer hatten immer nur einen wahren Gefährten, doch hieß das noch lange nicht, dass sich die beiden, die füreinander bestimmt waren, auch fanden. Manch einer streifte Jahrhunderte lang durch die Welt, immer auf der Suche nach dem Gefährten seines Lebens.

Sofort nach ihrem ersten Wort würde er die Wahrheit wissen, könnte die Welt wieder in bunten Farben sehen, und fast vergessene Emotionen würden über ihn hereinbrechen. Er würde unweigerlich erkennen – wenn er es nicht ohnehin schon ahnte –, dass sie seine andere Hälfte war. Sie vermutete, dass er dennoch gegen sie ankämpfen und alles daransetzen würde, sie zu zwingen, ihn zu lassen, wo er war. Auf der anderen Seite würde er wissen, dass sie nicht anders konnte, als ihm zu helfen, dass sie sich nicht einfach gegen ihre Bestimmung auflehnen konnte. Langsam schüttelte Ivory den Kopf.

Als der Drachensucher seine Hand hob, wusste Ivory, was er sagen wollte. Um ihn daran zu hindern, kam sie ihm zuvor. »Das kann und werde ich nicht. Und ich bin überzeugt davon, dass du sehr wohl weißt, warum. Wenn du nicht willst, dass mein Rudel – und ich – ins Sonnenlicht treten, wäre es besser, du würdest dich ein wenig kooperativer zeigen.«

Ivory sah, wie der Schock sein Gesicht verzerrte, wie sich sein Körper aufbäumte, so als hätte er einen kräftigen Schlag abbekommen. Einen nicht enden wollenden Moment kniff er die Augen zusammen, als die Emotionen und die zurückkehrenden Farben ihn überwältigten, zu blendend, um sie zu ertragen. Dabei war es eher so, dass ihm die neue Situation genauso wenig willkommen war wie ihr, aber sie konnte sehen, dass er sich genauso zu ihr hingezogen fühlte wie sie zu ihm. Als er schließlich die Augen aufschlug, blickte sie in einen Sturm aus schnell wechselnden Farben – Schwarz, Smaragdgrün, Meerestürkis, Mitternachtsblau. Sobald er blinzelte, verpuffte der Effekt jedoch.

»Mein Todfeind ist Xavier, der dunkle Magier. Er kann meinen Körper jederzeit benutzen, was er gerne und oft tut. Dann begeht er unsägliche Gräueltaten an Zauberern, Menschen und Karpatianern. Du kannst nicht in meiner Nähe bleiben. Im Moment ist er geschwächt, deswegen ist mir die Flucht geglückt. Es war meine einzige Chance, und ich habe sie genutzt.«

Ivory setzte sich auf die Fersen, den Blick in seine dunklen, gramerfüllten Augen gerichtet. Sie wusste, dass er die Wahrheit sprach. Xavier, der den Vampiren den Befehl erteilt hatte, ihren Körper in Stücke zu hacken. Ein Monster, wie es die Welt noch nie gesehen hatte, eine teuflische Kreatur, die auf keinen Fall wieder erstarken durfte.

»Dein Feind ist auch mein größter Feind«, sagte sie daher.

»Lass mich alleine. Versteck dich. Wenn ich hier sterbe, kann er mich wenigstens nicht mehr benutzen, um anderen Schaden zuzufügen.«

Kleine Schwester! Komm fort von hier. Bring uns nach Hause, knurrte Raja zähnefletschend.

Schwester. Jetzt fiel auch der Rest des Rudels in die verzweifelte Bitte ein.

Ivory spürte, wie ihr Hals und die Arme anfingen zu brennen. Selbst durch das dichte Schneegestöber war ihre Haut nicht vor dem Tageslicht geschützt und zeigte die üblichen Symptome. Oder konnte es sein, dass ihre tiefsitzenden Ängste ihr einen Streich spielten? Aber das Warum war jetzt völlig unerheblich.

»Wie kam es dazu, dass er von dir Besitz ergreifen konnte?«

»Weil ich ihm die Möglichkeit dazu gab.« Bei diesem Geständnis schaute er weiter tief in ihre Augen. »Begonnen hat alles mit einer jungen Magierin, die mich mochte. Ohne dass ich etwas davon wusste, experimentierte Xavier damals damit, den Körper und Geist eines anderen zu besitzen. Er hat mich gegen meinen Willen benutzt, um die Frau zu schwängern. Er wollte sich seine Blutversorgung sichern und dachte, meine Kinder könnten ihm für diesen Zweck immer zur Verfügung stehen. So wie ich, sein eigener Enkel.«

Ivory streckte die Arme zur Seite, damit das Rudel mit ihrer Haut verschmelzen konnte. Dankbar, weil sie endlich Anstalten machte aufzubrechen, glitten die Wölfe auf ihre angestammten Plätze auf Rücken und Armen, wo sie nicht mehr wie unsterbliche Wesen aussahen, sondern wie Tätowierungen. Dabei behielt Ivory ihren Seelengefährten mit unbeweglicher Miene im Blick, in ihrem Inneren gellend schreiend.

»Die junge Frau brachte mein Kind zur Welt. Ein wunderhübsches und kluges Mädchen, das viele Talente in sich vereinte. Es wurde in Gefangenschaft geboren. Wir waren alle seine Geiseln; meine Tanten, ich, die Magierin und meine kleine, niedliche Lara. Um zu verhindern, dass Xavier Lara tötete, wie er es schließlich mit ihrer Mutter getan hatte, versprach ich ihm, alles zu tun, was auch immer er von mir verlangte.«

Ungläubig schnappte Ivory nach Luft. »An den dunklen Magier? Du hast deine Seele an den dunklen Magier verkauft? An den dunklen Magier?« Sie kam sich wie eine Idiotin vor, weil sie sich ständig wiederholte, aber sie war völlig entgeistert. Wie konnte jemand so etwas tun?

»Zu dieser Zeit wurde ich aufs Übelste gefoltert. Xavier hatte die Leiche von Laras Mutter vor unseren Augen liegen lassen, sodass wir zusehen mussten, wie sie verweste. Die Vorstellung, dass er sich auch an Lara vergreifen könnte, war unerträglich. Um genau zu sein, ich war damals nicht bei klarem Verstand.« Er schüttelte den Kopf. »Es fällt mir schwer, mir die genauen Umstände in Erinnerung zu rufen. Die Zeit hat alles verwischt. Eins steht jedoch fest: Du darfst mir nicht über den Weg trauen. Xavier kann sich jederzeit wieder meines Körpers bemächtigen und mich dazu zwingen, denjenigen, die ich liebe, grausame Dinge anzutun. Bislang habe ich noch jeden betrogen, der mir etwas bedeutet hat.«

»Und dennoch hast du gegen ihn angekämpft und tust es noch immer.«

»In dem Punkt bin ich wie mein Vater, der ebenfalls von Xavier getötet wurde. Als dieser versuchte, auch noch meine Schwester in Besitz zu nehmen, konnte ich das nicht zulassen. Ich gab mein Leben für meine Schwester und meine Seele für meine Tochter. Du siehst selbst, dass für dich nichts mehr übrig ist.«

Die ganze Zeit hindurch sah er Ivory aus stechenden Augen an. Falls er so etwas wie Bedauern oder Reue empfand, hatte er es gekonnt unter Verschluss gehalten. Vor ihr lag ein Karpatianer, der sein Leben und seine Seele verkauft hatte und den Tod suchte, um andere – Ivory eingeschlossen – zu schützen.

»Bedaure, aber er kann dich nicht haben«, sagte sie nüchtern. »Ich bin untröstlich, aber sollte an deinen Worten etwas dran sein, so habe ich keine andere Wahl, als dich bewusstlos zu schlagen, damit du dir den Weg zu meinem Versteck nicht einprägen kannst.«

Zum ersten Mal während des Gesprächs änderte sich sein Gesichtsausdruck. »Du kannst mich unmöglich mit zu dir nehmen, Frau. Ich verbiete es dir.« Im selben Moment hob er die Hände in die Höhe. Ivory spürte, wie er versuchte, ihren Gehorsam zu erzwingen.

Doch Ivory war schneller. Die Handflächen vor sich haltend, hob sie seinen Zauber auf, woraufhin ein Funkenregen zwischen ihnen niederging. Als Ivory etwas flüsterte, begann der Fremde zu blinzeln, ehe er, geschwächt, wie er war, die Augen schloss und sein Kopf zur Seite fiel.

Als Ivory erst einmal ihre Entscheidung gefällt hatte, verlor sie keine Zeit mehr. Nachdem sie sich den Drachensucher über die Schulter geworfen hatte, schwang sie sich in die Lüfte und begann ihren Wettlauf mit der Sonne, die sich anschickte, die letzten Bergspitzen zu erklimmen. Während sie durch das dichte Schneetreiben raste, suchten ihre Augen die in die Berge führenden Wanderpfade nach Fährten menschlicher Vampirjäger ab. Derer gab es zwar nicht mehr viele, sie stellten aber dennoch eine immense Gefahr für ihresgleichen dar. Sie überprüfte die Umgebung und suchte nach Untoten, die unweit ihres Verstecks Unterschlupf gefunden haben könnten, oder nach karpatianischen Jägern, vor denen sie ihre Existenz immer sorgfältig verborgen hatte.

Auf halber Strecke ertappte sie sich dabei, wie sie innerlich die Augen verdrehte. Es gehörte schon ein großes Glück dazu, dass sie ihren wahren Gefährten überhaupt gefunden hatte, bewegungslos und vollkommen entkräftet im Schnee liegend, ein einziges Bild des Elends, sodass sie jetzt nicht so herzlos sein konnte, ihn einfach zurückzulassen.

»O jelä peje terád, päläfertiilam – Möge die Sonne dich versengen, Gefährte meines Lebens«, zischte sie laut.

Nicht einmal im Traum hätte sie damit gerechnet, sich jemals in einer solch misslichen Lage wiederzufinden. Ein Mann. Sie brachte ausgerechnet einen Mann in ihr geliebtes Zuhause, ihren einzigen Zufluchtsort auf Erden. Sie hätte besser daran getan, ihm terád keje – mögest du versengen – an den Kopf zu werfen und sich einfach aus dem Staub zu machen. Aber nein, sie musste auf ihre weibliche Seite hören und diesen Mistkerl auch noch mit zu sich nach Hause nehmen.

Wenig später hielt Ivory auf die klaffende Lücke zwischen zwei hohen und wie Hörner anmutenden Felsformationen unterhalb eines Berggipfels zu. Das Gestein sah massiv aus, und niemand außer Ivory wusste, dass sich am Fuße des linken Horns ein Haarriss befand, der bis in die Tiefe des Erdreiches führte. Es dauerte einen Augenblick, ehe sie ihr kompliziertes mineralogisches Sicherheitssystem ausgeschaltet hatte. Sachte blies sie in den Wind und verursachte einen Schneewirbel, der verschleierte, wie sie sich und ihren Gefährten in Dunst verwandelte und durch den Spalt strömte, der sich vom höchsten Punkt bis zum Fuß des Berges hinabzog.

Durch unzählige Gesteinsschichten und Kristallhöhlen führte sie ihr Weg stetig abwärts. Je wärmer die Luft wurde, desto mehr nahm auch der Druck auf ihren Körper zu. Wie immer brauchte sie einige Augenblicke, ehe sie sich an die Tiefe gewöhnt hatte. Wenn es stimmte, dass der Drachensucher Xaviers Gefangener gewesen war, hatte er sich vermutlich in den Eiskatakomben aufgehalten, von denen aus Xavier sein Unwesen trieb, und war es gewohnt, sich in der Tiefe aufzuhalten.

Ihr Weg führte sie immer weiter hinab, vorbei an Fledermaushöhlen bis auf die Höhe der Eishöhlen, auf denen ihrem Wissen nach noch nie ein Karpatianer geruht hatte. Es war dem Zufall zu verdanken, dass sie hier auf eine Schicht reichhaltiger Erde gestoßen war, die sich in einer Höhle gesammelt hatte. Im Laufe der Jahrhunderte hatte Ivory den Hohlraum ausgebaut und weitere Räume hinzugefügt. Sogar Bücher hatte sie hier hinuntergebracht und sie in deckenhohen Regalen untergebracht. In mühevoller Kleinarbeit hatte sie den Inhalt jedes Zauberbuchs aufgeschrieben, das sie in ihrer Zeit als Xaviers Lehrling gelesen hatte – damals, als er noch zu den Freunden des karpatianischen Volkes gezählt hatte.

Das Mobiliar war perfekt auf Ivorys Größe abgestimmt, und sämtliche Kerzen enthielten die erlesensten Heilessenzen und Mineralien, die sie bekommen konnte. Bei der Erweiterung ihres Verstecks war sie auf eine unterirdische Wasserader gestoßen, und sie hatte fast ein dreiviertel Jahrhundert gebraucht, um für das Rinnsal eine Grotte mit einem Bassin in den Fels zu hauen. Sie liebte das kühle, klare Gebirgswasser, das in kleinen Wasserfällen durch den Boden ihrer Behausung in die nächsttiefere Schicht abfloss.

Kaum hatte Ivory ihr Versteck betreten, programmierte sie ihr Sicherheitssystem neu. Sie hatte eine einzigartige, auf Edelsteinen basierende Anlage entwickelt, die nicht nur das Gewicht des Dunstes wog, der durch den Spalt strömte, sondern ihr zugleich so tief unter der Erde Licht spendete. Nachdem die Wölfe von ihr abgesprungen waren und ihre natürliche Gestalt angenommen hatten, inspizierte Ivory schnell noch die anderen Räume, darunter das Wohnzimmer, in dem sich die Wölfe gerne zusammenrollten, wenn sie las, malte oder musizierte, und die Räume, in denen sie ihre mentale Arbeit tat und ihre Waffen entwarf. Schließlich stieg sie die Treppe in ihren Schlafraum hinab, den sie sich mit den Wölfen teilte.

Ein Geigenkasten lag an einer Wand, gleich neben einem tiefen Felsenbecken, das sie mit fruchtbarer Erde gefüllt hatte und auf dem Ivory den Drachensucher ablegte. Es war ihm anzusehen, dass er mit aller Macht gegen den Schlafzauber ankämpfte, und Ivory wurde das Gefühl nicht los, dass er nicht annähernd so tief schlief, wie sie es beabsichtigt hatte. Doch das war nicht weiter von Belang. Wichtig war nur, dass er nicht wusste, wo sich ihr Versteck befand.

Ivory atmete tief durch und entledigte sich ihrer Waffen, ehe sie den Zauber aufhob, mit dem sie ihn in Schach hielt. Ungeachtet seines schlechten Zustandes, erhob sich der Drachensucher mit vor Wut flammenden Augen. Ivory wich zurück und fiel auf ihren Po, sodass sie ihren Kopf in den Nacken legen musste, um ihn anzusehen.

»Was hast du getan, Frau?«, brüllte er.

Ehe Ivory etwas erwidern konnte, kam Raja mit gefletschten Zähnen in das Zimmer gestürmt und machte Anstalten, dem Drachensucher an die Kehle zu springen.

»Nein!«, rief Ivory und stand wieder auf.

Der Drachensucher packte den riesigen Wolf am Nacken, wurde aber durch die Wucht des Aufpralls umgeworfen, sodass er zurück auf die Erde fiel. Seine Hände schlossen sich wie Schraubzwingen um die Kehle des Wolfes, sodass dieser begann, nach Luft zu schnappen.

Kleiner Bruder, er ist kein Feind, sondern mein Seelengefährte. Als Ivory die Zähne bleckte, hörte das Tier auf, sich zu wehren.

»Lass ihn sofort los!«, befahl Ivory dem Drachensucher. »Wenn nicht, wird dir das leidtun.«

Fragend hob er eine Augenbraue, nahm seine Hände aber nicht vom Nacken des Wolfes. »Du drohst mir? Mit körperlicher Gewalt? Ich bezweifle, dass du mir etwas antun könntest, das ich noch nicht erlebt habe. Falls du vorhast, mich zu töten, käme mir das sehr gelegen. Du kannst mir keine Angst machen.«

Ein weiterer Fluch löste sich von Ivorys Lippen. »Veridet peje – Auf dass dein Blut Feuer fange!«

Vorsichtig ließ der Fremde von dem Wolf ab, behielt ihn aber die ganze Zeit über im Blick. Es wurmte Ivory, dass er sich scheinbar mehr vor dem Tier als vor ihr fürchtete.

»Wenn du wüsstest, wie viele Male mein Blut bereits in Flammen gestanden hat, avio päläfertiilam – meine Seelengefährtin.«

Ivory atmete scharf aus. »Untersteh dich, mich jemals wieder als deine Gefährtin zu bezeichnen. Ich bin nicht dein Eigentum. Ich gehöre niemandem und vertraue auch niemandem. Und schon gar nicht Xaviers Enkel, der obendrein auch noch der Linie der Drachensucher entstammt!«, fauchte sie und legte sämtliche Verachtung und Abscheu, die sie aufbringen konnte, in ihre Stimme.

Noch bevor ihr Gegenüber etwas erwidern konnte, wandte Ivory sich Raja zu, der ihre Stimmung spürte, abermals die Zähne entblößte und ein tiefes warnendes Grollen ausstieß. Kleiner Bruder, ich kann mich unmöglich gleichzeitig um zwei Männer und ihre Egos kümmern. Geh zu deinem Weibchen, das dich besänftigen wird. In der Zwischenzeit kümmere ich mich um diesen … diesen … Sosehr sie auch suchte, sie fand keine Bezeichnung, die auch nur annähernd auf ihn gepasst hätte.

Der Wolf warf dem Drachensucher einen letzten vernichtenden Blick zu, ehe er aus dem Raum trottete und die beiden alleine zurückließ.

Ivory wich einige Schritte zurück, um Abstand zwischen sich und den Drachensucher zu bringen. Mit dem Rücken an die Wand gelehnt, rang sie um ihre Fassung. »Es ist mehrere Jahrhunderte her, dass ich mich alleine mit einer anderen Person in ein und demselben Raum befunden habe«, räumte sie ein. »Ich weiß nicht mehr, wie ich mich verhalten soll.«

»Wie wäre es, wenn du damit anfängst, mir deinen Namen zu verraten?«, sagte er nüchtern. Weder schaute er sie an, als sei sie sein Mondaufgang, wie das Lebensgefährten normalerweise tun, noch bestritt er, dass sie zu ihm gehörte, was jede ihrer Zellen als reine Wahrheit erachtete.

Ivory benetzte sich nervös die Lippen. »Ich heiße Ivory Malinov. Ich bin die Schwester der Fünf, die eine Armee rekrutiert und die Rebellion der Vampire angezettelt haben. Jener Fünf, die sich mit Xavier verbündet haben.« Sie atmete tief durch. »Und was du hier vor dir siehst, ist nicht meine wahre Gestalt.«

»Ich bin Razvan, der Enkel von Rhiannon und Xavier. Ich bringe allen Tod und Verderben, die es wagen, mir zu nahe zu kommen – besonders jenen, die mir etwas bedeuten. Sei unbesorgt, ich werde niemals Anspruch auf dich erheben, Ivory. Sobald ich wieder ein wenig bei Kräften bin, werde ich dir nicht weiter zur Last fallen.« Razvan legte den Kopf auf die Seite und musterte ausgiebig Ivorys makellosen Körper. »Hast du Angst, mir deine wahre Gestalt zu zeigen?«

Ivory streckte kämpferisch das Kinn nach vorne. »Es gibt nur wenig, das ich fürchte, Drachensucher. Und du gehörst bestimmt nicht dazu.«

»Das kann ich sehen«, sagte er mit leicht sarkastischem Unterton. »Dabei tätest du besser daran, dich vor mir zu fürchten. Das heißt, nicht vor mir, sondern vor Xavier, der mich jederzeit aufspüren kann, wenn ihm der Sinn danach steht. Das musst du mir einfach glauben.«

»Das tue ich ja. Auch ich hatte vor vielen Jahren die zweifelhafte Ehre, bei Xavier in die Lehre zu gehen. Länger, als mir heute lieb ist. Ich kenne ihn gut – zu gut.«

»Kann es sein, dass du ihn verärgert hast?« Es war weniger eine Frage als eine Feststellung.

Mit einem Mal war Ivory, als wäre der Raum zu eng für sie beide, als bekäme sie kaum noch Luft. Ob es daran lag, dass sie kaum noch in der Lage war, seinen übermächtigen Hunger zu ignorieren? Vielleicht war es auch mehr als nur Hunger. Vielleicht lag es an der Art und Weise, wie er besitzergreifend auf ihre Gestalt schaute. Ivory konnte sich kaum noch daran erinnern, wie lange es her war, dass ein Mann ihr einen verlangenden Blick zugeworfen hatte – sah man einmal von der unschönen Geschichte mit dem ältesten Sohn des Prinzen ab, die sie am liebsten vergessen würde. Vor allem das hässliche Ende würde sie gerne aus ihrem Gedächtnis streichen.

Ihre Haut schmerzte, genau wie ihre Knochen. Sie hatte den Schmerz vergessen, hatte ihn in die hinterste Ecke ihrer Erinnerung verbannt, wo er an Stärke und Intensität eingebüßt hatte. Bis jetzt. Der Ausdruck in seinen Augen und die Fragen, die er stellte, reichten aus, um ihrem Körper in Erinnerung zu rufen, wie es sich angefühlt hatte, als scharfe Gegenstände ihm Knochen und Gewebe zertrennten.

»Ivory«, rief Razvan sie mit sanfter Stimme in die Gegenwart zurück. »Was hast du getan, um seinen Zorn hervorzurufen?«

Ivory rutschte an der Wand nach unten, zog die Knie an und schlang die Arme um die Beine, um sich kleiner zu machen. »Ich bin bei Xavier in die Lehre gegangen, um von ihm zu lernen. Großgezogen wurde ich von meinen Brüdern und ihren fünf engsten Freunden, insgesamt zehn starken Kriegern, die mir jeden Wunsch von den Augen abgelesen haben. Ihnen habe ich zu verdanken, dass ich weiß, wie man kämpft. Bedauerlicherweise haben sie mir nie die Gelegenheit gegeben, meine Kenntnisse anzuwenden. Ich hatte Fähigkeiten wie kaum eine andere Frau, doch wurde von mir erwartet, zu Hause zu warten, bis mein wahrer Gefährte für meine Sicherheit sorgen würde.« Ivory schüttelte den Kopf, als sie daran dachte, wie frustriert sie gewesen war, über einen regen, lernbegierigen Geist zu verfügen, aber in den eigenen vier Wänden eingesperrt zu sein, weil ihre Brüder ihr jeglichen Freiraum verweigerten.

»Zu dieser Zeit war Vlad Dubrinsky der Prinz der Karpatianer.« Statt dem Drachensucher in knappen Worten zu erzählen, was sich genau zugetragen hatte, redete Ivory um den heißen Brei herum. Bevor sie weitersprach, hielt sie sich die Finger an die Schläfen. »Verzeih mir, wenn mein Gerede keinen Sinn ergibt, aber es ist eine halbe Ewigkeit her, dass ich mich statt mit einem Wolfsrudel mit einem erwachsenen Menschen unterhalten habe.« Nervös rieb Ivory sich die Handflächen.

Wie von selbst glitt Razvans Blick zu Ivorys Fingern und verharrte dort. Sie war scheu, genau wie ihr Rudel. Es stand ihr ins Gesicht geschrieben, dass sie sich nicht sonderlich wohlfühlte. Nicht, weil er eine Gefahr darstellte oder ihr Seelengefährte war, sondern einzig deshalb, weil sie von Natur aus jedem mit Misstrauen begegnete.

»Entspann dich, Ivory«, sagte er mit samtener Stimme, als würde er mit einem wilden Tier sprechen, das er zu zähmen versuchte. »Ich will nichts von dir. Die Wahrscheinlichkeit, dass Xavier so schnell schon wieder in meinen Körper schlüpft, ist eher gering. Er ist alt und schwach, bräuchte dringend frisches karpatianisches Blut. Erst, wenn er wieder zu Kräften gekommen ist, wird er mich aufspüren können. Lara war die Erste, die seiner Gefangenschaft entronnen ist, gefolgt von meinen Tanten. Zumindest für den Moment bist du sicher, aber kehre mir niemals den Rücken zu. Vielleicht solltest du mich besser töten.«

Ivory tat, als hätte sie seinen letzten Satz nicht gehört. »Wie ist es dir gelungen zu entkommen?«

»Xavier holte meinen Körper aus den Eishöhlen, als seine Festung zerstört wurde. Im Moment ist er auf der Suche nach frischem Blut, um zu überleben und um wieder zu erstarken.« Mit einem flüchtigen, humorlosen Lächeln blickte er an seinem geschundenen, ausgemergelten Körper herunter. »Er hat sich so lange von meinem Blut genährt, bis kaum noch etwas da war. Wenn mich mein Gefühl nicht trog, hatte er eigentlich vor, mich umzubringen. Nach der geglückten Flucht meiner Tanten war er jedoch auf mein Blut angewiesen, um sich am Leben zu halten. Er ist besessen von dem Gedanken, unsterblich zu werden. Wie du siehst, bin ich nur noch ein Schatten meiner Selbst. Doch auch Xavier ist schwach, denn der Bau seiner neuen Festung hat ihn viel Kraft gekostet.«

Ivory atmete tief durch. Razvan sah, wie sie mit sich rang, ehe sie ihm ein Angebot machte.

»Du braucht dringend Blut.«

Als die leisen, bebenden Worte an sein Ohr drangen, schlug sein Herz wahre Purzelbäume in seiner Brust. Es war eine halbe Ewigkeit her, dass ihm jemand mit Freundlichkeit begegnet war.

»Vielen Dank für dein Angebot, aber ich muss es bedauerlicherweise ablehnen. Zu oft habe ich das Blut derer getrunken, die ich eigentlich hätte beschützen sollen. Und deins werde ich nicht annehmen.«

Ivory bedachte ihn mit einem missbilligenden Blick. »Ich kann deinen Hunger spüren.«

»Ich weiß. Hier in diesem engen Raum kann ich meine Bedürfnisse nur mühsam beherrschen. Ich bin untröstlich, dir so viel Kummer und Sorgen zu bereiten.«

Razvan wollte nicht, dass sie weiter auf seinen quälenden Hunger einging, den er in jeder Zelle seines Körpers spürte. Nur zu deutlich konnte er ihr Blut wittern, reichhaltig und warm, wie es durch ihren Körper hindurch pulsierte und nach ihm rief. Als er spürte, dass sich seine Reißzähne verlängerten und ihm das Wasser im Munde zusammenlief, konnte er kaum noch klar denken. Ihr Herzschlag hatte sich gänzlich auf seinen unregelmäßigen eingestellt, was ihm Sorge bereitete.

Razvan wusste nur wenig über wahre Gefährten, und das Letzte, was er jemals gewollt hatte, war, echte Emotionen zu haben. Es war schon schlimm genug, sich daran zu erinnern, wie es war, für jemanden Gefühle zu hegen, und er bereute all die abscheulichen Gräueltaten, die er begangen hatte. Dass er dabei von außen gelenkt worden und nicht Herr seiner Selbst gewesen war, spielte nur eine untergeordnete Rolle. Aber sie hatte alles aufgewühlt und diese grausamen Erinnerungen wieder an die Oberfläche seines Bewusstseins und seines Herzens gespült. Nachdem es vorher Hunderte von Jahren nur ein stumpfes Gefühl in seiner Brust gegeben hatte, stürmten nun die grausamen Bilder seiner bestialischen Taten auf ihn ein. Erinnerungen daran, wie er Frauen geschändet hatte, wie er sich von seinen eigenen Kindern genährt hatte, wie er seine Tante erstochen und jeden betrogen hatte, den er geliebt und der ihm etwas bedeutet hatte.

Er verfluchte seine pechschwarze Seele und die Tatsache, dass mit den Bildern seine Gefühle zurückgekehrt waren – für seine geliebte Schwester, für deren Sicherheit er gekämpft und die er am Ende dennoch betrogen hatte; für seine Tante, die er versucht hatte zu retten, der er aber, weil Xavier die Kontrolle über seinen Körper übernommen hatte, ein Messer zwischen die Rippen gerammt hatte.

Mit einem Mal fiel ihm das Atmen schwer, und Razvan hatte das Gefühl, ersticken zu müssen. Sein Hals fühlte sich rau an, und er musste schlucken. Er schloss die Augen und versuchte, die Schuldgefühle und die Grausamkeit seiner Taten auszublenden. Es war unerheblich, dass er nicht Herr seiner Selbst gewesen war – schon dieser Umstand wog schwer auf seiner Seele – oder dass er nicht stark genug gewesen war, um Xavier zu stoppen. Dass er seinen Peiniger die ganze Zeit mit allen Kräften bekämpft hatte, war nicht genug gewesen. Und nun brachte diese fremde Frau jedes entsetzliche, ekelerregende Detail wieder zum Vorschein und brandmarkte damit seine Seele unwiederbringlich.

»Razvan.« Ivory sprach mit sanfter, freundlicher Stimme. »Schau mich an.«

Sosehr Razvan es auch wollte, er konnte sich nicht rühren, geschweige denn sie ansehen. Wie auch, wo er nicht einmal sich selbst ertragen konnte? Er verfluchte den Umstand, dass sein Körper unsterblich war. Wie konnte er angesichts der entsetzlichen Verbrechen, die er begangen hatte, je wieder jemand anderem in die Augen blicken? Galle stieg ihm in den Mund, ließ ihn abermals schlucken und hinterließ einen bitteren metallischen Geschmack. Als er sich über das Gesicht fuhr, war seine Handfläche verschmiert von blutigen Tränen.

Obwohl Ivory sich lautlos an ihn herangeschlichen hatte, witterte er sie sofort und schüttelte den Kopf. »Zurück! Wag es nicht, mir näher zu kommen.« Während der Hunger ihn wild werden ließ, trieben die Schuldgefühle ihn an den Rand des Wahnsinns. Nun war es nicht länger Xavier, den er fürchtete, sondern er selbst. Er wusste, wozu die liebenswürdigsten Vertreter seiner Artgenossen im ausgehungerten Zustand fähig waren, und er war meilenweit davon entfernt, liebenswürdig zu sein. Er war verdammt, verflucht und unendlich hungrig.

Trotzdem kam Ivory immer näher. »Ich muss dich einfach nähren. Mein Rudel füttere ich auch oft, daher ist das eine Kleinigkeit für mich. Nimm mein Blut.«

Razvan, der sie durch seine Finger hindurch anschaute, erkannte einen besorgten Ausdruck auf ihrem Gesicht, auch wenn sie schlau genug war, ihm gegenüber weiter misstrauisch zu bleiben. Dennoch ließ sie einen Fingernagel wachsen, bis er lang und rasiermesserscharf war, und ritzte sich damit das Handgelenk auf.

Razvan griff nach ihrer Hand, doch eine Mischung aus Furcht und Adrenalin verlieh ihm Kraft, auch wenn er nur noch wenig davon besaß. »Nein! Ich will nicht!« Allein der Gedanke, von ihrem Blut zu trinken, machte ihn krank. Das Handgelenk, das sie ihm entgegenstreckte, beschwor Bilder eines gierigen Mauls herauf, das an einem zarten Handgelenk riss. Als er abermals schlucken musste, wandte er sich von ihr ab.

Wie erklärt man jemandem, dass man verdammt ist? Razvan schüttelte den Kopf. »Am besten bringst du mich wieder zur Erdoberfläche und lässt mich gehen.«

»Weshalb willst du dich nicht nähren? Vielleicht kannst du mir erzählen, wie …«

Statt es ihr zu erzählen, zeigte er ihr alles. Sie musste sehen, wissen, was für ein Monster sie mit in ihr Versteck genommen hatte. Er berührte ihre Gedanken und überschwemmte sie mit seinen Erinnerungen: wie er sich am Handgelenk eines kleinen verängstigten Kindes zu schaffen gemacht hatte, während dessen Mutter zusehen musste, wie ihr Kind ausblutete; wie er geschrien und gegen seinen Peiniger angekämpft hatte; wie er seine Zwillingsschwester Natalya betrogen hatte und wie er beim Versuch, seine Tochter zu befreien, ein Messer in die Brust eines Drachen versenkt hatte.

Obwohl Ivory weiß wie Schnee wurde, schloss sie ihn nicht aus. Er spürte, wie sie unbefangen in seine Gedanken eindrang, wie sie seine Erinnerungen förmlich aufzusaugen schien und sichtlich interessiert das Buch seines Lebens las. Er zeigte ihr alles aus den Hunderten von Jahren, die er mit dem folternden und tötenden Xavier verbracht hatte. Der Magier hatte immer wieder Razvans Körper für grausame Taten benutzt und ihn mit übersinnlich veranlagten Frauen gepaart. Eigentlich hatte er erwartet, dass sie zurückschrecken oder ihm ihre Faust in den Brustkorb schlagen würde, um ihm das Herz herauszureißen. Doch sie hielt durch und betrachtete alles ruhig und ohne Angst, wobei sie ihre eigenen Gedanken nicht preisgab.

Es dauerte eine Weile, bis Razvan merkte, dass er tief im Inneren wegen all der Jahre der Qual und des Leids weinte, wegen der Arroganz eines jungen Manns, der allen Ernstes gedacht hatte, er könne allein gegen einen Feind bestehen, der weitaus ältere und erfahrenere Krieger bekämpft und besiegt hatte. Schließlich merkte er, dass sein Kopf auf ihrem Schoß lag und ihre Hand über sein Haar strich, während ihm blutige Tränen über das Gesicht rannen.

»Siehst du nun, mit was du es zu tun hast?«, fragte Razvan. Zwanzig Jahre lang hatte er seine Flucht geplant, damit die Sonne endlich seine Seele reinigen und er im Leben nach dem Tod noch einmal von vorne anfangen konnte.

»Ich sehe mehr, als du denkst. Du hast vergessen, dass auch ich meine Erfahrungen mit Xavier gemacht habe.« Ivorys Finger glitten durch Razvans Haar, zogen kleine Kreise auf seiner Schläfe. »Außerdem hast du mir mehr über Xavier und seine Zaubereien verraten, als dir bewusst ist.«

Der seltsame Unterton in ihrer Stimme gefiel ihm gar nicht, im Gegensatz zu ihren Händen, die wahre Wunder bewirkten und seine geistigen und körperlichen Schmerzen gekonnt im Zaum hielten.

»Glaub mir, Ivory, du könntest ihn nicht in die Knie zwingen. Ich habe es in den vergangenen Jahrhunderten selbst unzählige Male versucht und bin stets gescheitert.« Wenn es nach Razvan ginge, hätte er sie weggestoßen, aber er brachte einfach nicht die nötige Kraft dafür auf. Ihre Hände verfügten über eine ganz eigene Magie. Er konnte sich kaum noch daran erinnern, wie lange es her war, dass ihn jemand so zärtlich berührt hatte.

»Dann haben wir wohl dieselben leidigen Erfahrungen machen müssen«, entgegnete sie. »Ich kannte Rhiannon und ihren Gefährten. Als Xavier mich mit einem Zauber bannte und mich in die Tiefen des Waldes verschleppte, weihte er mich in seinen Plan ein, ihren Seelenpartner zu töten, damit er sie zwingen konnte, sich mit ihm zu paaren. Er hatte alles bereits in die Wege geleitet. Mir war natürlich klar, dass die Karpatianer ihn besiegen würden. Wir waren viel zu stark.«

Als Ivory nach einem kurzen Zögern abermals das Wort ergriff, war ihre Stimme tiefer und samtener als zuvor. Razvan war machtlos, als die weichen Töne in ihn eindrangen, sich über die schmerzhaften Erinnerungen legten und sie sanft, aber bestimmt zurückdrängten. Alles an Ivory erschien ihm plötzlich sanft, weich und friedlich.

»Xavier ist unbesiegbar.«

Ivory beugte sich zu ihm herab und raunte ihm ins Ohr: »Aber nur, weil er Helfer hat; weil er immer Hilfe hat. Bei jeder Erinnerung, die du mir gezeigt hast, benutzte er einen unbedeutenden Magier für seine Zaubereien. Weder bei meiner Entführung noch bei dem Mord an Rhiannons Lebensgefährten hat der dunkle Magier sich selbst die Finger schmutzig gemacht. In beiden Fällen war es Draven, Prinz Vlads ältester Sohn. Er war es auch, der unser Volk an Xavier verraten und der ihm den Leichnam von Rhiannons Lebensgefährten gebracht hat.«

Razvan versuchte, sich zu erheben, scheiterte jedoch an der Schwäche seiner Glieder. Er spürte, wie sein Geist zur Ruhe kam, während sie in seinem Kopf Mauern um die Erinnerungen und den damit verbundenen Schmerz errichtete, damit sie ihm nichts mehr anhaben konnten. Nach und nach versiegten Qual und Schuldgefühle, bis sein Bewusstsein aus der geschaffenen Distanz heraus fähig war, die Jahrhunderte des Versagens, der Folter und des Selbsthasses zu akzeptieren. Ihre Stimme war das Schönste, was er je vernommen hatte, und er gab sich die größte Mühe, sich auf die sanfte, liebliche Melodie zu konzentrieren, die ihn an einen weit entfernten Ort zu entführen schien. Einen Ort, der nichts mit der unglaublichen Brutalität seiner Existenz zu tun hatte.

»Ich kann mich an Draven erinnern. Schemenhaft zumindest. Ein blutrünstiger, hinterhältiger Mann, der als Belohnung für seine Informationen forderte, von Xavier junge Magierinnen zu bekommen. Als er eines Tages verschwand, war Xavier außer sich vor Wut und hat Gregori Daratrazanoff wochenlang beschimpft und verwünscht. Ich nehme an, Gregori hatte schließlich von dem Betrug erfahren und Gerechtigkeit walten lassen.« Sein Versuch, die Augen zu öffnen, um sie anzusehen, scheiterte, so schwer waren seine Lider. Außerdem wollte er unter keinen Umständen, dass sie ihre Finger wegnahm.

»Welchen Grund hatte Draven, Rhiannons Lebensgefährten zu töten?« Als ihm der Name seiner Großmutter über die Lippen kam, musste er schlucken. Er trug die Erinnerungen seines Vaters an die Frau mit der wunderbar weichen Stimme in sich, von der Xavier sich genährt hatte, bis seine Kinder alt genug waren, um ihren Platz einzunehmen.

»Draven hatte einen Narren an mir gefressen. Obwohl ich nicht seine Seelengefährtin war, wollte er mich besitzen. Er war von einer Krankheit befallen, die den einen oder anderen Mann heimsucht, denn er glaubte, dass er jede Frau haben könnte, die er wollte, nur weil er der nächste Prinz werden würde. Meine Brüder erteilten ihm eine Absage, als ich ihnen sagte, ich sei nicht für ihn bestimmt. Eines Tages, als sie in eine Schlacht ausgezogen waren, schickte Prinz Vlad mich zu Xavier in die Lehre. Vermutlich, um mich von Draven fernzuhalten.«

»Und Draven tauschte dich bei Xavier gegen die Leiche von Rhiannons Lebensgefährten ein.« Es war keine Frage, sondern eine Feststellung.

Razvans Geist schien zur Ruhe gekommen zu sein, gab sich den Berührungen ihrer Finger und der sanften Melodie ihrer Stimme hin. Es war unwichtig, dass sie über ein abscheuliches Thema sprachen. Jetzt konnte er alles ohne Schuld oder Angst verarbeiten und sich den überwältigenden Gefühlen, die beim Klang ihrer Stimme in ihm aufgestiegen waren, stellen. Im Gegensatz zu vorher akzeptierte sein Verstand jetzt die Fakten. Wenn es nach ihm ginge, könnte dieser Zustand für immer anhalten. So musste es seiner Vorstellung nach im Himmel sein, ein Ort, an dem nichts Böses geschehen konnte, nicht einmal für kurze Zeit.

»Stimmt, aber Draven hatte nicht damit gerechnet, dass ich mit zehn starken Kriegern aufgewachsen war, die mir das Kämpfen beigebracht hatten. Meine fünf Brüder und die De-La-Cruz-Brüder.« Ivory zwirbelte eine Strähne seines Haares zwischen den Fingern, ehe sie kaum spürbar seinen Kopf umbettete, sodass er nun in ihr Gesicht blickte.

Razvans Lider zuckten. Er öffnete die Augen ein wenig und sah sie an. Die Luft blieb ihm weg. Ihr Gesicht war noch immer das eines Engels, ihre Haut makellos und rein, doch jetzt konnte er die Narben darunter erkennen – furchtbare Narben, die an ihrem Hals ansetzten und sich gewiss über den gesamten Körper zogen, als wäre sie mit Stacheldraht zusammengeheftet worden.

»Hat er dir das angetan?«, keuchte er schockiert. Obwohl Karpatianer von Verletzungen normalerweise keine Narben übrig behielten, waren auch ihre Arme bedeckt mit wulstigen Linien, die planlos aneinandergefügt wirkten.

»Draven konnte es nicht akzeptieren, dass sich ihm eine Frau widersetzte, ihm, dem mächtigen, designierten Prinzen – falls seine Pläne mit Xavier aufgingen. Er prahlte vor mir, dass er seinen Vater töten würde, denn er hätte nie gedacht, dass ich ihn im Kampf besiegen könnte. Er war so wütend.«

Ihm war, als käme ihre Stimme von weither, als sänge sie ein Lied von Frieden und Wärme, statt ihm grausame Geschichten zu erzählen. Obwohl er es versuchte, war er nicht in der Lage, weder das Entsetzen in ihren Worten zu spüren noch die Größe des Betrugs, den Draven Dubrinsky nicht nur an seinem Volk, sondern auch an seinem Vater begangen hatte, richtig einzuschätzen. Xavier war der Teufel in Person, ein Monster, das seinesgleichen suchte, und dennoch war Draven aus freien Stücken ein Bündnis mit ihm eingegangen.

»Auf dem Rückweg zu meiner Familie wurde ich von vier Vampiren überwältigt«, fuhr Ivory fort, drehte seinen Kopf noch ein Stück weiter zu ihr und kraulte ihn weiter.

Ihr Körper fühlte sich wunderbar weich an, und sie verströmte den Duft des Waldes, wild, frisch und geheimnisvoll.

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