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Jäger des verlorenen Einhorns

Inhalt

  1. Cover
  2. Autorenvita
  3. Titel
  4. Impressum
  5. Widmung
  6. KAPITEL 1
  7. KAPITEL 2
  8. KAPITEL 3
  9. KAPITEL 4
  10. KAPITEL 5
  11. KAPITEL 6
  12. KAPITEL 7
  13. KAPITEL 8
  14. KAPITEL 9
  15. KAPITEL 10
  16. KAPITEL 11
  17. KAPITEL 12
  18. KAPITEL 13
  19. KAPITEL 14
  20. KAPITEL 15
  21. KAPITEL 16
  22. KAPITEL 17
  23. KAPITEL 18
  24. KAPITEL 19
  25. ANHANG A
  26. ANHANG B
  27. ANHANG C
  28. ANHANG D
  29. ANHANG E
  30. ANHANG F
  31. ÜBER DEN AUTOR
  32. Fußnote

Autorenvita

Mike Resnick wurde am 5. März 1942 geboren. Bereits im Alter von 15 Jahren veröffentlichte er seinen ersten Artikel, mit 17 seine erste Kurzgeschichte und mit 20 seinen ersten Roman. Er zählt zu den Urgesteinen der SF und Fantasy und hat im Laufe seiner Karriere alle international begehrten Genre-Preise gewonnen, darunter seit 1989 allein fünfmal den Hugo-Award (für den er weitere 27-mal nominiert war!). Er gilt als einer der fleißigsten Schriftsteller der Szene und ist auch als Herausgeber sehr aktiv. Seine Werke wurden bisher in 20 Sprachen übersetzt. Bei Mike Resnick dreht sich alles ums Buch. So verwundert es nicht, dass auch seine Frau Carol Schriftstellerin ist - wie auch seine Tochter Laura, die bereits ihre ersten SF/Fantasy-Preise gewonnen hat.

 

Für Carol, wie immer.

Und für Bill Cavin,

den Gottkaiser des Fandoms im Mittleren Westen.

KAPITEL 1

20:35 UHR BIS 20:53 UHR

Mallory ging zum Fenster hinüber und starrte durch die verdreckte Scheibe.

Sechs Stockwerke unter ihm hasteten die Menschen die Straße entlang und trugen dabei Päckchen und Aktentaschen, während ein endloser Strom gelber Taxis träge an ihnen vorbeisickerte.

An den meisten Laternenpfählen hing noch die Weihnachtsdekoration, und ein paar Weihnachtsmänner, offensichtlich nicht ahnend, dass bereits Silvester war - oder vielleicht einfach im Vollzuge einer kleinen persönlichen Gehaltsaufbesserung -, läuteten ihre Glocken, stießen ihr typisches Lachen aus und baten um Geld.

Er lehnte sich ans Fenster und blickte im spitzen Winkel zum Bürgersteig auf dieser Straßenseite hinab. Die beiden stämmigen Kerle, die dort den ganzen Tag lang Wache gehalten hatten, waren fort. Er grinste; selbst Gorillas wurden mal hungrig. Er nahm sich vor, in einer halben Stunde noch einmal nachzusehen, ob sie zurückgekehrt waren und ihre Nachtwache wieder aufgenommen hatten.

Das Telefon klingelte. Er blickte es an, leicht überrascht, dass man es ihm noch nicht abgeschaltet hatte, und fragte sich kurz, wer ihn zu dieser abendlichen Stunde wohl anrief. Endlich hörte es auf zu läuten, und er ging zu seinem Stuhl und ließ sich hineinfallen.

Es war ein langer Tag gewesen. Es war eine noch längere Woche gewesen. Und es war ein absolut endloser Monat gewesen.

Jemand klopfte an die Tür. Er fuhr erschrocken hoch und jaulte vor Schmerzen auf.

Die Tür öffnete sich knarrend, und ein uralter Kopf, gesäumt von einem weißen Haarkranz, blickte zu ihm herein.

»Alles okay mit Ihnen, Mr Mallory?«

»Ich glaube, ich habe mir etwas gezerrt«, brummte Mallory und rieb sich mit der rechten Hand behutsam den Rücken.

»Ich kann einen Arzt rufen«, bot ihm der Alte an.

Mallory schüttelte den Kopf. »Wir haben hier alles an Medizin, was wir brauchen.«

»Haben wir?«

»Wenn Sie den Wandschrank öffnen, finden Sie eine Flasche im obersten Fach«, sagte Mallory. »Holen Sie sie herunter und bringen Sie sie her.«

»Nun, das ist aber verdammt großzügig von Ihnen, Mr Mallory!«, sagte der Alte und ging über das abgewetzte Linoleum zum Wandschrank.

»Ich schätze, das ist es«, bestätigte Mallory. Er hörte auf, sich den Rücken zu reiben. »Also, was kann ich für Sie tun, Ezekiel?«

»Ich hatte gesehen, dass bei Ihnen noch Licht brennt«, antwortete der Alte und deutete auf die einsame Deckenlampe über Mallorys kahlem Holzschreibtisch, »und ich dachte mir, ich schaue mal zu Ihnen hinein und wünsche Ihnen ein glückliches neues Jahr.«

»Danke«, sagte Mallory. Er lächelte kläglich. »Ich kann mir nicht vorstellen, dass es noch viel schlimmer wird als das letzte.«

»Heh, das ist aber teures Zeug!«, sagte der Alte, schob ein paar ramponierte Schläger zur Seite und holte die Flasche hervor. Er starrte sie an. »Da ist eine Schleife herumgewickelt. Hat sie Ihnen einer Ihrer Kunden zu Weihnachten geschenkt?«

»Nicht ganz. Sie stammt von meinem Partner.« Er unterbrach sich. »Meinem Expartner. Eine Art Geschenk zum überraschenden Abschied. Sie steht schon seit fast vier Wochen da.«

»Die muss ihn, na ja, zwanzig Mücken gekostet haben«, schätzte Ezekiel.

»Mindestens. Das ist erstklassiger Sour-Mash-Bourbon aus Kentucky. Die Düngung im Urzustand erfolgte vermutlich durch erstklassige Rennpferde.«

»Übrigens tut mir das mit Ihrer besseren Hälfte leid«, sagte Ezekiel. Er öffnete die Flasche, nahm einen Schluck, brummte ein zufriedenes »Ah!« und reichte sie Mallory.

»Nicht nötig«, sagte Mallory. »Ihr geht es gut.«

»Dann wissen Sie, wo sie steckt?«, fragte Ezekiel und setzte sich auf die Tischkante.

»Natürlich weiß ich, wo sie steckt«, antwortete Mallory gereizt. »Ich bin Detektiv, wissen Sie noch?« Er nahm die Flasche von dem Alten entgegen und füllte aus ihr eine schmutzige New-York-Mets-Tasse, deren abgebrochenen Henkel er wieder angeklebt hatte. »Das brauchen Sie gar nicht mir zu glauben. Sehen Sie auf meiner Bürotür nach.«

Ezekiel schnippte mit den Fingern. »Verdammte Scheiße! Darüber wollte ich ja mit Ihnen reden!«

»Was?«, fragte Mallory.

»Ihre Bürotür.«

»Sie knarrt sehr. Braucht Öl.«

»Sie braucht mehr als Öl«, wandte Ezekiel ein. »Sie haben Mr Fallicos Namen mit rotem Nagellack durchgestrichen.«

Mallory zuckte die Achseln. »Ich habe keine andere Farbe gefunden.«

»Das Management möchte, dass Sie einen Maler beauftragen, der das fachmännisch erledigt.«

»Was bringt Sie auf die Idee, ein Maler könnte Fallicos Namen besser durchstreichen als ich?«

»Mir ist es sowieso egal, Mr Mallory«, sagte Ezekiel. »Ich dachte mir aber, ich richte Ihnen eine freundschaftliche Warnung aus, ehe die anfangen, wieder Drohungen auszustoßen.«

»Wieder?«, fragte Mallory, zündete sich eine Zigarette an und warf das Streichholz auf den Boden, wo es einen kleinen Brandfleck erzeugte, der sich zu mehreren Hundert ähnlichen angekokelten braunen Stellen gesellte. »Man hat noch nie Drohungen wegen meiner Tür ausgestoßen.«

»Sie wissen, was ich meine«, entgegnete Ezekiel. »Die sind doch immer wegen Ihrer Miete hinter Ihnen her und weil Sie Pappbecher aus dem Fenster werfen und wegen der Kunden, die durch die Eingangshalle spazieren.«

»Ich suche mir meine Kunden nicht aus. Sie suchen mich aus.«

»Wir kommen vom Thema ab«, sagte Ezekiel. »Sie waren immer nett zu mir, immer bereit für ein Schwätzchen und einen oder zwei Umtrünke, und Sie sind der Einzige, der mich nicht Zeke nennt, obwohl ich alle gebeten habe, es nicht zu tun … Und es wäre mir gar nicht lieb, falls man Sie hinauswerfen würde, nur weil denen Ihr Türschild nicht passt.«

»Warten Sie mal, bis die am kommenden Montag die Post öffnen und keinen Scheck von mir darin finden«, sagte Mallory und lächelte grimmig. »Ich garantiere Ihnen, dass sie die Tür dann ganz vergessen.«

»Ich kenne jemanden, der sie für zwanzig Mücken neu beschriftet«, beharrte Ezekiel. »Fünfundzwanzig, wenn Sie goldene Buchstaben haben möchten.«

»Sie ist ein Bestandteil des Hauses«, wandte Mallory ein und starrte nachdenklich auf die glühende Spitze seiner Zigarette. »Das Management sollte dafür aufkommen.«

Ezekiel gluckste. »Unser Management? Sie machen wohl Witze, Mr Mallory.«

»Warum nicht? Wofür zum Teufel zahle ich denn Miete?«

»Sie zahlen Ihre Miete ja gar nicht«, bemerkte der Alte.

»Na ja, falls ich es täte, wofür würde ich sie dann zahlen?«

Ezekiel zuckte die Achseln. »Keinen Schimmer.«

»Ich auch nicht«, pflichtete ihm Mallory bei. »Ich schätze, dann zahle ich auch weiter nicht.« Er drehte sich zur Tür um. »Außerdem mag ich irgendwie, wie sie aussieht.«

»So, wie Mr Fallicos Name durchgestrichen ist?«, fragte Ezekiel und warf der Tür einen prüfenden Blick zu.

»Der Mistkerl ist mit meiner Frau nach Kalifornien durchgebrannt, oder nicht?«

»Ich weiß, dass es mich nichts angeht, Mr Mallory, aber Sie haben fast fünf Jahre lang an beiden herumgemeckert. Sie sollten froh sein, dass Sie sie los sind.«

»Es geht ums Prinzip!«, schnauzte Mallory. »Nick Fallico ist ab nach Hollywood und kassiert zweitausend Dollar die Woche als Berater für eine Detektivserie im Fernsehen, und ich hocke hier mit all seinen Versagern von Kunden und einer Monatsladung schmutziger Wäsche!«

»Sie haben nicht mehr gewaschen, seit Ihre Frau weg ist?«

»Ich weiß nicht, wie man die Maschine bedient«, antwortete Mallory und zuckte unbehaglich die Achseln. »Außerdem wurde sie vergangene Woche zwangsversteigert.« Er blickte den Alten an. »Ich bin nicht aus eigenem Verschulden so tief in die roten Zahlen gerutscht, wissen Sie?«, setzte er scharf hinzu. »Ich hatte jede Menge Hilfe.« Er funkelte seine Zigarette an. »Und zur Krönung des Ganzen hat der treulose Mistkerl meine Pantoffeln mitgenommen.«

»Ihre Pantoffeln, Mr Mallory?«

Mallory nickte. »Doreen gegen den Bourbon, das war ein fairer Tausch, aber diese Pantoffeln werde ich vermissen. Ich hatte sie seit vierzehn Jahren.« Er unterbrach sich. »Das ist verdammt viel länger als meine Zeit mit Doreen.«

»Sie können sich neue Pantoffeln kaufen.«

»Ich hatte diese aber endlich so weit, dass sie nicht mehr drückten.«

Ezekiel runzelte die Stirn. »Damit ich das auch richtig verstehe: Sie haben Pantoffeln getragen, die vierzehn Jahre lang drückten?«

»Zwölf«, korrigierte ihn Mallory. »Die letzten zwei Jahre waren sie einfach prima.«

»Warum?«

»Weil Doreen in all der Zeit, die ich mit ihr zusammenlebte, nie mit dem Besen über einen Fußboden hergefallen ist.«

»Ich meine, warum sind Sie nicht einfach losgezogen und haben sich ein Paar gekauft, das richtig sitzt?«

Mallory starrte den Alten lange an, atmete dann tief aus und verzog das Gesicht. »Wissen Sie, ich hasse es, wenn Sie solche Fragen stellen.«

Ezekiel lachte. »Na ja, jedenfalls dachte ich mir, ich sage Ihnen einfach Bescheid, dass es wegen der Tür Beschwerden geben wird.«

»Warum bemalen Sie sie nicht? Schließlich sind Sie der Hausmeister.«

»Ich bin der Sanitärtechniker«, korrigierte ihn der Alte.

»Was ist der Unterschied?«

»Dreißig Cent pro Stunde, mehr oder weniger. Und ich beschrifte keine Türen. Verdammt, ich bin langsam so alt und steif, dass ich kaum noch einen Mopp durch den Flur schieben kann!«

»Zehn Dollar«, schlug Mallory vor.

»Zwanzig.«

»Für zwanzig bekomme ich Ihren Freund.«

»Stimmt«, räumte Ezekiel ein, »aber er kann nicht buchstabieren.«

»Warum haben Sie ihn dann überhaupt empfohlen?«

»Er ist geschickt, und er braucht das Geld.«

Mallory lächelte ironisch. »Ja klar, meine scharfe Spürnase als Detektiv verrät mir, dass ein Schildermaler, der nicht buchstabieren kann, jeden Auftrag braucht, den er nur kriegt.«

»Fünfzehn«, sagte Ezekiel.

»Zwölf, und Sie dürfen sich alle schmutzigen Fotos ansehen, die ich mache, wenn ich wieder einen Scheidungsfall bearbeite.«

»Abgemacht!«, sagte Ezekiel. »Besiegeln wir das mit einem Schluck.«

»Auf das Geld müssen Sie bis nächste Woche warten«, ergänzte Mallory und reichte ihm die Flasche.

»Ach, kommen Sie, Mr Mallory«, sagte der Alte und nahm einen Schluck. »Wie schwer kann es schon sein, an zwölf Mücken zu kommen?«

»Das hängt ganz davon ab, ob dieser verdammte Regen rechtzeitig aufhört, damit die Aqueduct-Rennbahn bis morgen Nachmittag wieder trocken ist.« Er schnaubte entrüstet. »Wer hat jemals von Regen an Silvester gehört?«

»Sie setzen doch nicht wieder auf Flyaway?«

»Es ist eine schnelle Bahn.«

»Macht es Ihnen gar nichts aus, dass er achtzehn Rennen nacheinander verloren hat?«

»Kein bisschen. Ich würde sagen, dass er statistisch gesehen mit einem Sieg an der Reihe ist.«

»Bezahlen Sie mich, ehe er läuft, und ich erledige die Arbeit für zehn Dollar«, sagte Ezekiel.

Mallory grinste, griff in die Tasche und zog etliche zerknitterte Banknoten heraus. Er warf zwei davon über den Tisch hinweg dem alten Mann zu.

»Sie führen harte Verhandlungen, Mr Mallory«, fand Ezekiel und steckte das Geld ein. »Ich erledige die Arbeit übermorgen.« Er unterbrach sich. »Was soll auf der Tür stehen?«

»John Justin Mallory«, antwortete Mallory und arrangierte die Worte mit der Hand in der Luft. »Der beste Detektiv der Welt. Diskretion gewährleistet. Kein Auftrag zu gering. Keine Gebühr zu hoch. Sonderrabatte für lederbekleidete Damen mit Peitsche.« Er zuckte die Achseln. »Sie wissen schon, so was in der Art.«

»Ernsthaft, Mr. Mallory.«

»Nur meinen Namen.«

»Ich soll nicht ›Privatdetektiv‹ daruntersetzen?«

Mallory schüttelte den Kopf. »Wir möchten doch keine Passanten abschrecken. Sollte jemand mit genug Geld hier hereinschneien, laufe ich als Point Guard für die Knicks auf.«

Ezekiel kicherte und nahm einen weiteren Schluck aus der Flasche.

»Das ist aber wirklich ein feines Gesöff, Mr Mallory. Ich wette, dass es in Eichenfässern gereift ist, ganz so, wie sie es in der Werbung sagen.«

»Ich stimme Ihnen zu. Wäre es eine Zigarre, dann hätte man sie auf den Schenkeln schöner Kubanerinnen gerollt.«

»Ein Mann sollte etwas so Gutes trinken, um das neue Jahr einzuläuten.«

»Oder um das alte loszuwerden«, sagte Mallory.

»Nebenbei, was tun Sie eigentlich an Silvester um diese Uhrzeit hier oben?«

Mallory verzog das Gesicht. »Ich hatte eine kleine Meinungsverschiedenheit mit meiner Vermieterin.«

»Hat sie Sie hinausgeworfen?«

»Nicht mit so vielen Worten«, antwortete Mallory. »Als ich jedoch meine Möbel auf dem Hausflur aufgestapelt sah, wandte ich meine Gabe der messerscharfen Schlussfolgerung an und entschied, die Nacht im Büro zu verbringen.«

»Zu schade. Sie sollten draußen sein und feiern.«

»Ich werde um Mitternacht wie der Teufel feiern. Dieses verdammte Jahr kann für meinen Geschmack gar nicht schnell genug enden.« Er blickte den Alten an. »Was ist mit Ihnen, Ezekiel?«

Ezekiel blickte auf seine Armbanduhr. »Es ist zwanzig vor neun. Ich schließe um neun Uhr ab und gehe mit meiner Frau zum Times Square. Schalten Sie in ein paar Stunden den Fernseher ein; vielleicht sehen Sie uns.«

»Das mache ich«, versprach Mallory, ohne sich der Mühe zu unterziehen, auf den offenkundigen Tatbestand hinzuweisen, dass er keinen Fernseher im Büro hatte.

»Vielleicht erhalten Sie heute Abend noch einen Auftrag«, sagte der Alte wohlwollend. »Ein paar Typen haben sich vorhin nach Ihnen erkundigt, etwa um vier Uhr. Sie sagten, sie kämen vielleicht zurück.«

»Große Kerle?«, erkundigte sich Mallory. »Als würden sie Steroide fressen?«

»Genau die.«

»Diese Kerle haben nicht vor, einen Detektiv zu engagieren«, erklärte Mallory. »Tatsächlich schwebt ihnen eher vor, einen zu zerstückeln.«

»Was haben Sie ihnen getan?«, wollte Ezekiel wissen.

»Überhaupt nichts.«

»Warum sind sie dann hinter Ihnen her?«

»Das sind sie nicht«, sagte Mallory. »Sie wissen es nur noch nicht.«

»Ich kann Ihnen nicht folgen.«

Mallory seufzte. »Nick brauchte eine Startfinanzierung, um sich nach Westen aufzumachen … Man kann über Doreen vieles sagen, Gutes und Schlechtes, aber dass sie preiswert wäre, das gehört nicht dazu. Also hat er einige unserer Kunden erpresst.«

»Und hat Sie allein im Regen stehen lassen?«

Mallory nickte. »Wie es scheint, hat ein Kunde Anstoß an Nicks Vorstellungen genommen, was die Geldbeschaffung angeht.«

»Dann sollten Sie denen lieber sagen, dass es nicht Ihre Schuld war.«

»Das habe ich vor. Mir hat sich nur noch nicht die passende Gelegenheit geboten. Etwas in deren Gesichtern erweckt den Anschein, dass sie nicht in gesprächiger Stimmung sind. Ich vermute, dass sie sich in ein paar Tagen wieder beruhigt haben, und dann klären wir die Sache.«

»Wie?«, fragte Ezekiel.

»Na ja, wenn alles andere scheitert, gebe ich ihnen Nicks Adresse in Kalifornien.«

»Das sieht Ihnen aber gar nicht ähnlich, Mr Mallory.«

»Ich bin in diese Branche gegangen, um Erpresser zu fassen, nicht um sie zu verstecken«, wandte Mallory ein.

»Das habe ich mich immer gefragt«, sagte Ezekiel.

»Was denn?«

»Warum jemand Detektiv wird. Das ist gar nicht so aufregend, wie es im Fernsehen den Anschein hat.«

»Sie sollten es mal von meiner Warte aus betrachten.«

»Also, warum sind Sie dann einer geworden?«

Mallory zuckte die Achseln. »Ich weiß nicht. Ich habe mir zu viele Bogart-Filme angesehen, schätze ich.« Er nahm die Flasche erneut entgegen, füllte die New-York-Mets-Tasse nach, nahm einen Schluck und schnitt eine Grimasse. »Es ist ganz sicher nicht so, wie ich es mir vorgestellt hatte, das kann ich Ihnen sagen. Die meiste Zeit fühle ich mich wie ein Fotograf des Hustler - und jedes Mal, wenn ich doch Glück habe und einen Dieb oder Rauschgifthändler hochnehme, ist er schneller wieder auf der Straße als ich zurück im Büro.« Er legte eine Pause ein. »Am schlimmsten an der Sache ist Velma.«

»Ich kenne keine Velma«, sagte Ezekiel.

»Ich auch nicht«, sagte Mallory. »Ich habe mir jedoch schon immer eine große, sanfte Sekretärin namens Velma gewünscht. Nichts Besonderes: Klamotten von Frederick's of Hollywood, von sklavischer Hingabe und vielleicht ein bisschen sexbesessen. Halt einfach die typische Sekretärin eines Detektivs.« Er starrte die Flasche an. »Was ich jedoch bekam, das war Gracie.«

»Sie ist eine nette Dame.«

»Ich schätze auch. Sie wiegt allerdings zweihundert Pfund, hat sich in den zwei Jahren, die sie für mich arbeitet, nie eine Nachricht richtig gemerkt, kann über nichts anderes reden als die Allergien ihres Kindes, und ich teile sie mit einem einäugigen Zahnarzt und einem Schneider, der Goldkettchen trägt.« Er legte eine nachdenkliche Pause ein. »Ich denke, ich sollte vielleicht nach Denver umziehen.«

»Wieso Denver?«

»Wieso nicht?«

Ezekiel kicherte. »Sie reden ständig davon, das Geschäft aufzugeben und wegzuziehen, aber Sie tun es nie.«

»Diesmal vielleicht doch«, wandte Mallory ein. »Es muss einen besseren Platz geben als Manhattan.« Er unterbrach sich. »Ich habe gehört, dass Phoenix ganz nett ist.«

»Ich war mal dort. Man kann um Mitternacht noch Eier auf der Straße braten.«

»Dann einer der beiden Carolinas.«

Ezekiel blickte auf die Uhr. »Ich muss gehen, Mr Mallory«, sagte er, stand auf und ging zur Tür. »Ich wünsche Ihnen einen schönen Abend.«

»Ich Ihnen auch«, sagte Mallory.

Der Alte ging hinaus auf den Flur und schloss die Tür hinter sich.

Mallory ging zum Fenster und blickte ein paar Minuten lang durch den Schmutz. Endlich zog er ein Stück abblätternde graue Farbe von einer Wand, fragte sich, wie ein leerer Raum so klein wirken konnte, und setzte sich wieder an den Schreibtisch. Er öffnete erneut die Whiskeyflasche und nahm einen Schluck im liebevollen Angedenken an die Velma, die es nie gegeben hatte. Er trank vier weitere Schlucke zu Ehren von vier unnatürlichen sexuellen Handlungen, die Doreen vorzuschlagen er nie den Mut gefunden hatte (und die sie, da war er absolut überzeugt, in genau diesem Augenblick vergnügt mit Fallico ausführte), einen weiteren auf das letzte Rennen, das Flyaway gewonnen hatte (mal vorausgesetzt, dass er tatsächlich in früher Vorzeit mal ein Rennen gewonnen hatte; durchaus möglich, dass er nur an den zurückliegenden achtzehn teilgenommen hatte) und einen weiteren auf das Jahr, das sich endlich dem Ende entgegenschleppte.

Er wollte gerade einen Schluck seligen Angedenkens an seine Pantoffeln trinken, als er den kleinen grünen Elf bemerkte, der vor seinem Schreibtisch stand.

»Du bist richtig gut geworden«, sagte er bewundernd. »Aber wo bleiben die rosa Elefanten?«

»John Justin Mallory?«

»Ihr Typen habt früher nie geredet!«, beklagte sich Mallory. »Normalerweise sitzt ihr einfach nur herum und singt ›Santa Lucia‹.« Er kniff die Augen zusammen und blickte sich im Büro um. »Wo bleibt der Rest von euch?«

»Betrunken!«, stellte der Elf angewidert fest. »Das geht nun aber gar nicht, John Justin. Überhaupt nicht.«

»Der Rest von euch ist betrunken?«

»Nein. Du bist es.«

»Natürlich bin ich das. Deshalb sehe ich auch kleine grüne Männchen.«

»Ich bin kein Männchen. Ich bin ein Elf.«

»Meinetwegen«, sagte Mallory achselzuckend. »Wenigstens bist du klein und grün.« Er blickte sich erneut im Zimmer um. »Wo sind die Elefanten?«

»Welche Elefanten?«, fragte der Elf.

»Meine Elefanten«, antwortete Mallory, als erklärte er einem begriffsstutzigen Kind das Offensichtliche. »Wer bist du, und was machst du hier?«

»Murgelström«, sagte der Elf.

»Murgelström?«, wiederholte Mallory stirnrunzelnd. »Ich denke, den findest du in der nächsten Etage.«

»Nein. Ich bin Murgelström.«

»Setz dich, Murgelström. Und du kannst genauso gut auch einen Schluck trinken, ehe du verschwindest.« Er prüfte, wie viel Whiskey noch übrig war. »Einen kleinen Schluck.«

»Ich bin nicht hier, um zu trinken«, sagte Murgelström.

»Dem Himmel sei Dank auch für kleine Wohltaten«, murmelte Mallory, hob die Flasche an die Lippen und trank sie aus. »Okay«, sagte er und warf sie in den Mülleimer. »Ich bin fertig. Jetzt sing dein Lied oder führe deinen Tanz auf oder tue sonst, was dir vorschwebt, und mach dann Platz für die Elefanten.«

Murgelström verzog das Gesicht. »Wir müssen dich nüchtern bekommen, und zwar schnell.«

»Falls du das tust, verschwindest du«, gab Mallory zu bedenken und starrte ihn eulenhaft an.

»Warum nur musste es Silvester sein?«, murrte der Elf.

»Wahrscheinlich, weil gestern der dreißigste Dezember war«, erklärte Mallory vernünftig.

»Und warum ein Säufer?«

»Jetzt aber mal langsam!«, verlangte Mallory gereizt. »Ich bin vielleicht besoffen, aber ich bin kein Säufer!«

»Das macht keinen Unterschied. Ich brauche dich jetzt, und du bist einfach nicht einsatzfähig.«

Mallory runzelte die Stirn. »Ich dachte, ich bräuchte dich«, sagte er verwirrt.

»Vielleicht ein Professor der Zoologie …«, brummte Murgelström vor sich hin.

»Das klingt nach dem Anfang eines Limericks.«

Der Elf stieß ein resigniertes Seufzen aus. »Die Zeit reicht nicht. Entweder du oder keiner.«

»Und das klingt nach einem schlechten Liebeslied.«

Murgelström ging um den Schreibtisch herum und kniff Mallory ins Bein.

»Autsch! Warum hast du das gemacht?«

»Um dir zu beweisen, dass ich wirklich hier bin, John Justin. Ich brauche dich.«

Mallory funkelte ihn an und rieb sich das Bein. »Wer hätte schon je von einer dreisten Halluzination gehört?«

»Ich habe einen Job für dich, John Justin Mallory«, sagte der Elf.

»Besorge dir jemand anderen. Ich trauere gerade über meine verlorene Jugend und andere Elemente meiner Vergangenheit, sowohl reale als auch eingebildete.«

»Wir sind hier nicht in einem Traum; es ist kein Scherz, und es ist kein Delirium tremens«, erklärte der Elf drängend. »Ich brauche einfach die Hilfe eines ausgebildeten Detektivs.«

Mallory öffnete eine Schublade, holte eine eselsohrige Ausgabe der Gelben Seiten hervor und warf sie auf den Tisch. »Wir haben davon sieben- oder achthundert in der Stadt«, sagte er. »Lass deine Finger die Arbeit erledigen, statt zu laufen.«

»Alle anderen haben entweder schon Arbeit oder sind unterwegs und feiern«, wandte Murgelström ein.

»Du meinst, ich bin der einzige gottverdammte Detektiv in New York City, der sich in seinem Büro aufhält?«, fragte Mallory ungläubig.

»Wir haben Silvester.«

Mallory starrte den Elf ausgiebig an. »Verstehe ich es richtig, dass ich nicht deine erste Wahl bin?«

»Ich habe mit dem Buchstaben A angefangen«, räumte Murgelström ein.

»Und hast dich bis zu Mallory und Fallico durchgearbeitet? Du musst seit Oktober auf der Suche sein.«

»Ich bin sehr schnell, wenn es sein muss.«

»Warum schaffst du dann deinen kleinen grünen Arsch nicht sehr schnell hier heraus?«, wollte Mallory wissen. »Du bringst mich zum Nachdenken.«

»John Justin, bitte glaube mir, wenn ich dir sage, dass ich nicht gekommen wäre, ginge es nicht um Leben und Tod.«

»Wessen?«

»Meines«, antwortete der Elf unglücklich.

»Deines?«

Der Elf nickte.

»Jemand versucht dich umzubringen?«

»So einfach ist es nicht.«

»Irgendwie ist es das nie«, meinte Mallory trocken. »Verdammt! Ich werde langsam nüchtern, und das war meine letzte Flasche!«

»Hilfst du mir?«, fragte der Elf.

»Sei nicht albern. Du verschwindest in einer halben Minute.«

»Ich verschwinde nicht!«, erklärte der Elf verzweifelt. »Ich werde umgebracht!«

»Gleich hier?«, fragte Mallory und schob den Stuhl einige Fuß weit vom Tisch weg, um Platz für eine umkippende Gestalt zu machen.

»Bei Sonnenaufgang, falls du mir nicht hilfst.«

Mallory starrte Murgelström ausgiebig an. »Wie?«

»Etwas, das mir anvertraut wurde, ist abhanden gekommen, und sofern ich es nicht bis zum Morgen wiederbeschaffe, ist mein Leben verwirkt.«

»Was ist es?«

Murgelström erwiderte seinen Blick. »Ich denke nicht, dass du schon dafür bereit bis, John Justin.«

»Wie zum Teufel soll ich etwas finden, wenn ich nicht mal weiß, wonach ich suche?«, verlangte Mallory zu wissen.

»Stimmt«, räumte der Elf ein.

»Nun?«

Murgelström blickte Mallory an, seufzte und platzte dann hervor: »Es ist ein Einhorn.«

»Ich weiß nicht, ob ich dir ins Gesicht lachen oder dich am Arsch packen und hinauswerfen soll«, sagte Mallory. »Verschwinde jetzt, damit ich den letzten Rest meines Rausches in Ruhe genießen kann.«

»Ich scherze nicht, John Justin!«

»Und ich kaufe es dir nicht ab, Morganthau.«

»Murgelström«, korrigierte ihn der Elf.

»Ist mir egal, selbst wenn du Barack Obama wärst. Verschwinde!«

»Nenne mir deinen Preis!«, flehte Murgelström.

»Um ein Einhorn in New York City zu finden?«, fragte Mallory sarkastisch. »Zehntausend Dollar pro Tag plus Spesen.«

»Abgemacht!«, rief der Elf, pflückte ein dickes Bündel Geldscheine aus der Luft und warf es auf Mallorys Schreibtisch.

»Warum habe ich nur das Gefühl, dass dieses Zeug nicht wirklich echte Landeswährung ist?«, fragte Mallory, während er mit dem Daumen das Bündel aus frischen neuen Hundert-Dollar-Scheinen durchblätterte.

»Ich versichere dir, dass die Seriennummern den Unterlagen eures Finanzministeriums entsprechen und die Unterschriften gültig sind.«

Mallory zog ungläubig eine Braue hoch. »Woher stammt das?«

»Es stammt von mir«, antwortete Murgelström abwehrend.

»Und woher stammst du?«

»Verzeihung?«

»Du hast mich schon verstanden«, sagte Mallory. »Ich habe in dieser Stadt schon ganz schön sonderbare Dinge gesehen, aber du gehörst verdammt sicher nicht dazu.«

»Ich lebe hier.«

»Wo?«

»In Manhattan.«

»Nenn mir die Adresse.«

»Ich gebe dir etwas Besseres. Ich führe dich hin.«

»Nein, das tust du nicht«, erklärte Mallory. »Ich werde jetzt die Augen schließen, und wenn ich sie öffne, werden du und das Geld verschwunden sein und dafür rosa Elefanten auf meinem Schreibtisch stehen.«

Er schloss die Augen, zählte bis zehn und öffnete sie wieder. Murgelström und das Geld waren nach wie vor da.

Mallory runzelte die Stirn. »Das dauert länger als sonst«, bemerkte er. »Ich frage mich, was zum Teufel in dieser Flasche war?«

»Nur Whiskey«, antwortete der Elf. »Ich bin kein Hirngespinst. Ich bin ein verzweifelter Bittsteller, der deine Hilfe braucht.«

»Um ein Einhorn zu finden.«

»Das ist richtig.«

»Aus reiner Neugier: Wie zum Teufel konntest du es nur verlieren? Ich meine, ein Einhorn ist doch ganz schön groß für etwas, das man einfach verlegt, oder?«

»Es wurde gestohlen«, antwortete Murgelström.

»Dann brauchst du gar keinen Detektiv«, meinte Mallory.

»Nein?«

»Man braucht eine Jungfrau, um ein Einhorn zu fangen, nicht wahr? Na ja, es können in ganz Manhattan keine zwei Dutzend Jungfrauen mehr übrig sein. Suche sie einfach nacheinander auf, bis du die mit dem Einhorn gefunden hast.«

»Ich wünschte, es wäre so einfach«, sagte Murgelström niedergeschlagen.

»Warum ist es das nicht?«

»Vielleicht findet man in deinem Manhattan nur zwei Dutzend Jungfrauen, aber in meinem sind es Tausende - und mir bleiben weniger als zehn Stunden.«

»Warte mal eine Minute!«, verlangte Mallory und runzelte erneut die Stirn. »Was soll das mit ›deinem und meinem‹ heißen? Lebst du nun in Manhattan oder nicht?«

Murgelström nickte. »Das sagte ich dir ja schon.«

»Wovon redest du dann?«

»Ich lebe in dem Manhattan, das du nur aus dem Augenwinkel kennst«, erklärte der Elf. »Mitunter erhascht einer von euch einen flüchtigen Eindruck davon, aber wenn er dann ganz hinsieht, ist es verschwunden.«

Mallory lächelte und schnippte mit den Fingern. »Einfach so?«

»Eine Tarnfarbe«, erläuterte Murgelström.

»Und wo genau liegt dieses Manhattan, von dem du sprichst? Beim zweiten Stern rechts abbiegen und geradeaus bis zum Morgen - oder vielleicht hinter dem Regenbogen?«

»Es ist genau hier, überall um dich herum«, entgegnete der Elf. »Es ist weniger ein anderes Manhattan als ein Teil deines eigenen Manhattans, den du nie siehst.«

»Kannst du es sehen?«

Murgelström nickte. »Man muss nur wissen, wie man hinsieht.«

»Wie sieht man denn hin?«, fragte Mallory, unwillkürlich von der Neugier gepackt.

Murgelström deutete auf das Geld. »Nimm den Auftrag an, und ich zeige es dir.«

»Keine Chance«, wehrte Mallory ab. »Aber ich bin dir dankbar, mein kleiner grüner Freund. Sobald ich wieder aufwache, schreibe ich dieses ganze Gespräch nieder und schicke es einem dieser Sexmagazine zur Analyse. Ich denke, sie zahlen einem fünfzig Mücken, wenn sie den Leserbrief drucken.«

Der Elf ließ geschlagen den Kopf hängen. »Ist das dein letztes Wort?«, fragte er.

»Ist es.«

Murgelström richtete sich zu seiner vollen, wenn auch begrenzten Größe auf. »Dann muss ich mich darauf vorbereiten, dem Tod zu begegnen. Es tut mir leid, dass ich dich belästigt habe, John Justin Mallory.«

»War mir ganz und gar nicht lästig«, sagte Mallory.

»Du glaubst immer noch gar nichts davon, oder?«

»Nicht ein Wort.«

Der Elf seufzte und ging zur Tür. Er öffnete sie, trat auf den Flur hinaus und wich dann gleich wieder ins Büro zurück.

»Erwartest du Besuch?«, fragte er.

»Rosa Elefanten?«, fragte Mallory.

Murgelström schüttelte den Kopf. »Zwei sehr große, fies aussehende Männer mit Wölbungen unter den Armen. Einer von ihnen hat eine Narbe auf der linken Wange.«

»Scheiße!«, brummte Mallory, rannte schwankend zum Lichtschalter und tauchte das Zimmer in Dunkelheit. »Sie sollten eigentlich unten warten!« Er lief zum Schreibtisch zurück und kniete sich dahinter.

»Vielleicht sind sie es leid geworden, weiter zu warten«, überlegte der Elf.

»Aber sie suchen gar nicht mich!«, beklagte sich Mallory. »Nick Fallico ist es, hinter dem sie her sind!«

»Sie sehen ganz schön entschlossen aus«, fand Murgelström. »Ich denke, sie nehmen jeden, den sie kriegen können.«

»Na ja«, sagte Mallory und sehnte sich nach wenigstens einem weiteren Schluck, »es sieht danach aus, als wärst du nicht der Einzige, der kein reifes Alter mehr erlebt.«

»Wirst du sie umbringen?«, fragte Murgelström.

»Ich habe nicht von ihnen gesprochen.«

»Wirst du sie nicht erschießen?«

»Womit?«, wollte Mallory wissen. »Natürlich mit deiner Pistole.«

»Ich habe keine Pistole.«

»Ein Detektiv ohne Pistole?«, fragte der Elf. »Davon habe ich ja noch nie gehört!«

»Ich habe nie eine gebraucht«, wandte Mallory ein.

»Nie?«

»Bis jetzt«, verbesserte er sich.

»Denkst du wirklich, dass sie dich umbringen?«, fragte Murgelström.

»Nur wenn sie sich mitreißen lassen. Wahrscheinlich brechen sie mir nur die Finger und sorgen dafür, dass ich ein paar Jahre lang nicht mehr ohne Krücken gehen kann.« Zwei massige Gestalten wurden durch das trübe Glas der Bürotür sichtbar. »Ich habe einen Vorschlag für dich, John Justin«, sagte Murgelström. »Warum überrascht mich das nicht?«, fragte Mallory mit einer Spur Ironie.

»Wenn ich sie verschwinden lasse, ohne dass du verletzt wirst, hilfst du mir dann, das Einhorn zu finden?«

»Wenn du sie verschwinden lassen kannst, brauchst du meine Hilfe nicht«, erklärte Mallory voller Überzeugung.

»Haben wir eine Abmachung?«, beharrte der Elf. Der Türknauf drehte sich langsam.

»Was ist mit den zehntausend Dollar?«, flüsterte Mallory. »Sie gehören dir.«

»Abgemacht!«, sagte Mallory im selben Augenblick, als die Tür aufging und die beiden Männer in sein Büro platzten.

KAPITEL 2

20:53 UHR BIS 21:58 UHR

Murgelström murmelte etwas in einer Sprache, die Mallory nicht mal entfernt bekannt vorkam, und die beiden Gestalten erstarrten in vollem Lauf.

»Was zum Teufel hast du mit ihnen gemacht?«, fragte der Detektiv und stand hinter seinem Schreibtisch vorsichtig auf.

»Ich habe ihre innere Vis-a-vis-Zeit verändert«, antwortete der Elf mit einem bescheidenen Achselzucken. »Für sie ist die Zeit stehen geblieben. Der Zustand müsste etwa fünf Minuten lang anhalten.«

»Magie?«, fragte Mallory.

»Fortschrittliche Psychologie«, antwortete Murgelström.

»Blödsinn.«

»Es stimmt, John Justin. Ich lebe in derselben Welt wie du. Magie funktioniert hier nicht. Das hier steht in völliger Übereinstimmung mit den Naturgesetzen.«

»Ich habe gehört, wie du einen Zauberspruch intoniert hast«, beharrte Mallory.

»Antikes Aramäisch, nichts weiter«, entgegnete Murgelström. »Das wirkt sich auf ihr ethnisches Gedächtnis aus.« Er schlug einen leiseren, vertraulichen Ton an. »Jung war der Erkenntnis sehr nahe, als er starb.«

»Wo wir gerade beim Thema sind - wie hast du dieses Geld aus der hohlen Luft gepflückt?«, fragte Mallory und wedelte mit einer Hand vor dem nächsten Gangster herum, ohne eine Reaktion zu erzielen.

»Ein Taschenspielertrick.«

Mallory starrte ihn ungläubig an, sagte aber nichts.

»Komm schon, John Justin«, sagte Murgelström und ging zur Tür. »Auf uns wartet Arbeit.«

»Ich denke nicht, dass dieser hier atmet«, sagte Mallory und deutete auf einen der Gangster.

»Das wird er, sobald die Zeit für ihn weiterläuft - was in weniger als drei Minuten der Fall sein wird. Wir sollten wirklich fort sein, wenn das geschieht.«

»Das Wichtigste zuerst«, sagte Mallory. Er hob die Rolle Geldscheine vom Schreibtisch auf und steckte sie in die Tasche.

»Mach schnell!«, drängte ihn der Elf.

»In Ordnung«, sagte Mallory und ging um die beiden Männer herum und auf den Flur hinaus.

»Hier entlang«, sagte Murgelström und rannte ihm voraus zum Fahrstuhl.

»Nehmen wir lieber die Treppe«, schlug Mallory vor.

»Die Treppe?«, wiederholte der Elf. »Aber wir sind hier im fünften Stockwerk!«

»Ja klar, aber die Treppe führt nicht in die zentrale Eingangshalle, wie es der Fahrstuhl tut. Und ob das hier nun ein Traum oder Delirium tremens oder die Wirklichkeit ist, ein grüner Elf wird einfach ein wenig deplatziert wirken, wenn er aus dem Fahrstuhl kommt und sich nach rechts zum Tabakwarenstand wendet.«

Murgelström lächelte. »Kein Grund zur Sorge, John Justin. Wir steigen nicht im Erdgeschoss aus.«

»Denkst du wirklich, dass sich dein Einhorn zwischen hier oben und der Eingangshalle versteckt?«, fragte Mallory. »Unter uns findet man nur zwei Discount-Börsenmakler, einen trunksüchtigen einäugigen Zahnarzt, einen Briefmarken- und Münzenhändler, einen Typ, der mit heißen Edelsteinen handelt, und - mal nachdenken - einen Schneider, der kein Englisch spricht, und eine alte Dame, die gelegentlich mit Kunstblumen handelt.«

»Ich weiß«, sagte Murgelström und betrat den Fahrstuhl.

»Okay«, sagte Mallory achselzuckend und folgte ihm. »Welche Etage?«

»Drück einfach ABWÄRTS«, sagte der Elf.

»Hier gibt es keinen ABWÄRTS-Knopf«, wandte Mallory ein. »Nur Etagenzahlen.«

»Genau dort«, sagte Murgelström und deutete auf das Bedienungsfeld.

»Na, da laus mich doch der Affe!«, brummte Mallory. »Der ist mir noch nie aufgefallen.«

Er streckte die Hand aus und drückte die Taste, und der Fahrstuhl fuhr langsam abwärts. Einen Augenblick später kamen sie am ersten Obergeschoss vorbei, und Mallory blickte den Elf an.

»Ich drücke lieber auf STOPP«, sagte er.

»Tu es nicht.«

»Wir schlagen auf.«

»Nein, tun wir nicht«, entgegnete der Elf.

»Dieses Gebäude hat keinen Keller«, sagte Mallory mit einer Spur Panik im Ton. »Falls ich nicht die Notstopptaste drücke, brauchen sie die nächsten zwei Tage dafür, uns von der Decke abzukratzen.«

»Vertrau mir.«

»Dir vertrauen? Ich glaube ja nicht mal an dich!«

»Dann glaube an die zehntausend Dollar.«

Mallory betastete seine Tasche, um sicherzugehen, dass das Geld nicht verschwunden war. »Falls das real ist, ist es dies hier auch. Ich stoppe die Kabine lieber sofort.« Er wandte sich dem Bedienungsfeld zu.

»Mach dir nicht die Mühe«, riet ihm Murgelström. »Wir sind vor zehn Sekunden am Erdgeschoss vorbeigefahren.«

Mallory blickte zu den Lampen auf, die anzeigten, an welcher Etage der Fahrstuhl vorbeifuhr, und sah, dass sie alle dunkel waren.

»Toll!«, brummte er. »Wir stecken fest.«

»Nein, das tun wir nicht«, sagte Murgelström. »Wir fahren nach wie vor. Spürst du das nicht, John Justin?«

Und unvermittelt bemerkte Mallory, dass sie tatsächlich noch immer in Bewegung waren.

»Eine der Lampen muss kaputt sein«, sagte er unsicher.

»Alle Lampen funktionieren«, wandte der Elf ein. »Sie reichen nur nicht so weit nach unten.« Er unterbrach sich. »In Ordnung. Du kannst die Kabine jetzt anhalten.«

Mallory drückte die STOPP-Taste und wollte gerade auf TÜR ÖFFNEN drücken, als die Tür von selbst zur Seite glitt.

»Wo sind wir?«, wollte er wissen, als sie ein schlichtes, unmöbliertes, matt beleuchtetes Foyer betraten.

»In eurem Gebäude natürlich«, antwortete Murgelström. »Fahrstühle verlassen ihre Schächte nicht.«

»Sie fahren auch nicht in ein Untergeschoss, wenn das Gebäude auf einer Betonplatte steht«, wandte Mallory ein.

»Das haben wir möglich gemacht«, erklärte Murgelström lächelnd. »Wir haben eines Nachts das Büro des Architekten aufgesucht und ein paar Änderungen vorgenommen.«

»Und niemand hat Fragen gestellt?«

»Wir haben eine ganz besondere Tinte benutzt. Sagen wir mal, dass niemand, der sie lesen konnte, einen Zweifel äußerte.«

»Wie tief unter der Erde sind wir?«, fragte Mallory.

»Nicht sehr tief. Einen Zoll, einen Fuß, einen Meter, einen Klafter, eine Meile - das hängt ganz davon ab, wo der Erdboden ist, nicht wahr?«

»Ich vermute.« Er blickte sich um. »Erwartest du, dein Einhorn hier zu finden?«

»Falls es so einfach wäre, bräuchte ich keinen Detektiv«, wandte Murgelström ein.

»Du hast die Zeit angehalten und uns auf ein Stockwerk gebracht, das nicht existiert«, sagte Mallory. »Wenn das einfach war, denke ich ungern darüber nach, was schwierig wäre.«

»Schwierig ist es, das Einhorn zu finden.« Murgelström seufzte. »Ich vermute, ich sollte dich zum Schauplatz des Verbrechens bringen.«

»Das ist normalerweise ein guter Anfang«, pflichtete ihm Mallory sarkastisch bei. »Wo ist er?«

»Hier entlang«, sagte der Elf und betrat die Schatten.

Mallory folgte ihm, und wenig später erreichten sie eine Tür, die vom Fahrstuhl aus nicht zu sehen gewesen war. Sie durchquerten sie, gingen knapp sieben Meter weiter und gelangten zu einer Treppe aus Beton. Sie stiegen zwei Treppenläufe weit hinauf und blieben auf einem breiten Absatz stehen.

»Wohin jetzt?«, fragte Mallory.

»Nach unten«, antwortete Murgelström, überquerte den Absatz und machte sich auf den Weg einen Treppenlauf abwärts.

»Jetzt mal langsam!«, verlangte Mallory. »Wir sind gerade zwei Treppenläufe hochgestiegen.«

»Das ist richtig.«

»Warum steigen wir dann jetzt wieder nach unten?«

»Es ist ein anderes Treppenhaus«, sagte der Elf, als wäre damit alles erklärt.

Sie stiegen drei Treppenläufe weit nach unten, erreichten einen weiteren Absatz und stiegen einen Lauf nach oben.

»Ich muss mich eine Sekunde lang ausruhen«, sagte Mallory und lehnte sich schwer atmend ans Treppengeländer. Er blickte sich um und sah keine weiteren Stufen. »Nach meiner Zählung sind wir wieder genau dort, wo wir angefangen haben.«

Murgelström lächelte. »Ganz und gar nicht.«

»Zwei minus drei plus eins«, sagte Mallory, zog ein Taschentuch und wischte sich das Gesicht ab. »Wir sind wieder am Anfang.«

»Sieh dich um«, sagte Murgelström. »Sieht das nach einer Stelle aus, an der wir schon gewesen sind?«

Mallory blickte forschend in die Dunkelheit und sah eine Reihe Lampen, die sich in die Ferne erstreckten und dabei einem schmalen Flur mit gewölbter Decke folgten.

»Vielleicht wäre es besser, wenn ich diese Geschichte doch nicht aufschreibe und an ein Magazin schicke«, überlegte er schließlich. »Wahrscheinlich würden sie mich dann wegsperren.«

»Hast du dich genug ausgeruht, John Justin?«, erkundigte sich der Elf. »Wir haben wirklich nicht viel Zeit.«

Mallory nickte. Murgelström machte sich auf den Weg durch den langen Flur, und seine Schritte erzeugten in der Stille Echos.

»Ein verdammt schlechter Platz, um ein Einhorn zu halten«, stellte Mallory fest. »Brauchen die nicht Sonnenlicht und Gras und solche Sachen?«

»Wir besorgen uns hier nur ein Beförderungsmittel.«

»Ich habe mich schon gefragt, was wir eigentlich machen«, brummte der Detektiv. Auf einmal bog der Korridor scharf nach rechts ab, und nach weiteren fünfzehn Metern gelangten sie auf einen U-Bahnsteig.

»Das ist nur eine U-Bahn-Haltestelle«, sagte Mallory. »Es hätte leichtere Wege hierher gegeben.«

»Im Grunde nicht«, erwiderte Murgelström. »Auf dieser Strecke verkehren nicht viele Züge.«

»Welche Haltestelle ist das?«, fragte Mallory.

»Fourth Avenue.«

»Es gibt keine Fourth Avenue.«

»Du brauchst mir ja nicht einfach zu glauben«, sagte Murgelström und deutete auf ein Schild über dem Bahnsteig.

»Fourth Avenue«, las Mallory. »Wenn ich es mir richtig überlege, sieht es hier auch ganz anders aus als sonst an Haltestellen.«

»In welcher Hinsicht?«

»Einmal ist es hier sauberer.« Er schnupperte. »Es stinkt auch nicht nach Urin.«

»Sie wird nicht viel benutzt«, erklärte Murgelström.

»Graffiti sind auch keine zu sehen«, sagte Mallory, während er sich umschaute. Er sinnierte für einen kurzen Moment. »Ich wünschte mir, die anderen würden sich in dem gleichen Zustand befinden.«

»Das haben sie mal.«

»Muss vor meiner Zeit gewesen sein.« Auf einmal spannte er sich an. »Was war das?«

»Was war was?«

Er blickte forschend in die Dunkelheit. »Ich habe etwas gesehen, das sich im Schatten bewegte.«

»Musst du dir eingebildet haben«, meinte Murgelström.

»›Dich bilde ich mir ein!«, blaffte Mallory. »Das war etwas, was sich bewegt hat. Etwas Dunkles.«

»Ah! Jetzt sehe ich sie!«

»Sie?«, fragte Mallory. »Ich habe nur eins gesehen.«

»Es sind vier«, entgegnete Murgelström. »Hast du U-Bahn-Chips?«

»U-Bahn-Chips?«, wiederholte Mallory.

Murgelström nickte. »Münzen gehen auch, aber U-Bahn-Chips sind wirklich am besten.« Mallory kramte in seinen Taschen herum und brachte zwei Chips zum Vorschein. »Wirf sie dorthinüber«, sagte Murgelström und deutete auf die Stelle, wo Mallory gesehen hatte, wie sich etwas bewegte. »Wieso?«

»Mach es einfach.«

Mallory zuckte die Achseln und schnippte die beiden Chips in die Schatten. Einen Augenblick später hörte er schlurfende Geräusche und dann zweimal ein lautes Knirschen. »Nun?«, fragte Mallory, nachdem es eine Weile lang still geblieben war. »Nun was?«

»Ich warte auf eine Erklärung.«

»Kannst du sie nicht sehen?«, fragte Murgelström.

Mallory blickte forschend in die Schatten und schüttelte den Kopf. »Ich sehe einfach gar nichts.«

»Leg den Kopf nach rechts«, schlug der Elf vor.

»Wozu?«

»So«, sagte Murgelström und machte es ihm vor. »Vielleicht hilft das.«

»Dadurch wird es hier auch nicht heller.«

»Versuch es trotzdem.«

Mallory zuckte die Achseln und legte den Kopf schief - und auf einmal sah er vier dunkle ungeschlachte Gestalten, denen die haarigen Hände bis fast auf den Boden reichten. Sie hockten vor einer gekachelten Wand und starrten ihn mit roten Augen an, ohne zu blinzeln.

»Siehst du?«, fragte Murgelström, der seine Reaktion verfolgte. »Ist wirklich nichts dabei.«

»Was sind das für welche?«, erkundigte sich Mallory und wünschte sich zum zweiten Mal an diesem Abend, er hätte eine Schusswaffe dabei.

»Sie sind die Gnome der U-Bahn«, antwortete Murgelström. »Mach dir keine Sorgen; sie werden dich nicht belästigen.«

»Aber das tun sie schon«, wandte Mallory ein.

»Sie sind es nicht gewöhnt, Menschen hier unten zu sehen«, erläuterte der Elf. »Andererseits bin ich es auch nicht gewöhnt, sie hier zu sehen. Normalerweise verbringen sie ihre Zeit am Times Square oder Union Square oder unten an der Haltestelle Eigth Avenue im Village.«

»Ich vermute mal, dass es dafür einen Grund gibt.«

Murgelström nickte. »Sie ernähren sich von U-Bahn-Chips, also findet man sie vor allem dort, wo es am meisten davon gibt. Wahrscheinlich hängen sie hier einfach nur herum.«

»Was für Kreaturen verspeisen denn U-Bahn-Chips?«, fragte Mallory und starrte die Gnome gebannt an.

»Diese Kreaturen«, antwortete Murgelström. »Hast du dich nie gefragt, warum die New Yorker Verkehrsbehörde jedes Jahr Millionen neue Chips herstellen lässt? Schließlich nutzen sich die Dinger nicht ab und haben absolut keinen Nutzen für irgendetwas sonst. Theoretisch sollten Milliarden Chips im Umlauf sein, aber natürlich ist das nicht der Fall. Man könnte die Gnome der U-Bahn als so etwas wie Ökologen betrachten: Sie verhindern, dass Manhattan in U-Bahn-Chips ertrinkt, und garantieren die Arbeitsplätze von Hunderten Menschen, die das ganze Jahr lang neue Chips herstellen.«

»Was machen die Gnome, wenn sie gerade nicht essen?«, fragte Mallory.

»Oh, sie sind vollkommen harmlos, wenn du das meinst«, antwortete der Elf.

»Genau das meine ich.«

»Eigentlich grasen sie fünfzehn bis zwanzig Stunden am Tag«, fuhr Murgelström fort. »Man braucht eine Menge Chips, um einen von ihnen satt zu kriegen.« Er senkte die Stimme auf einen vertraulichen Tonfall. »Ich habe gehört, dass ein Teil von ihnen nach Connecticut ausgewandert ist, als man dort oben anfing, Bus-Chips auszugeben, die so ähnlich aussehen, aber offenkundig waren die weniger nahrhaft, da die meisten Gnome hierher zurückgekehrt sind.«

»Was hätten sie gemacht, wenn ich ihnen die Chips nicht hinübergeworfen hätte?«, fragte Mallory und musterte die Gnome argwöhnisch.

»Kommt darauf an. Man hat mir erzählt, sie könnten einen Chip auf zweihundert Meter erschnuppern. Hättest du keine dabei gehabt, dann hätten sie dich in Ruhe gelassen.«

»Ich hatte jedoch welche. Was wäre passiert, wenn ich sie nicht herausgegeben hätte?«

»Das weiß ich wirklich nicht«, räumte Murgelström ein. »Wir können sie ja mal fragen.«

Er tat einen Schritt in Richtung der Gnome, aber Mallory packte ihn an der Schulter und hielt ihn auf.

»So wichtig ist es nicht«, sagte er.

»Bist du sicher?«, fragte Murgelström.

»Ein anderes Mal.«

»Vielleicht ist es auch besser so. Wir haben einen sehr knappen Zeitplan.«

»Vielleicht solltest du das der Verkehrsbehörde sagen. Ich habe noch keine Spur von einem Zug gesehen.«

Murgelström beugte sich über den Bahnsteig hinaus. »Ich kann mir gar nicht vorstellen, was ihn aufhält. Er hätte vor zwei oder drei Minuten hier sein müssen.«

»Ich sorge dafür, dass er sofort kommt, wenn du möchtest«, bot Mallory an.

»Du?«, fragte der Elf. »Wie?«

»Du kannst die Zeit anhalten«, sagte Mallory. »Na ja, und ich kann den Zug beschleunigen.« Er holte eine Zigarette hervor und zündete sie an. Gerade als er einen langen Zug nahm und wieder ausatmete, ertönte die Zugsirene und fuhr die Bahn vor.

»Klappt immer«, bemerkte Mallory, warf die Zigarette zu Boden und trat sie aus.

Die Türen glitten auf, und sie bestiegen den U-Bahn-Wagen, den ersten in einer Reihe aus vieren. Anstelle der üblichen Reihen aus abgenutzten und unbequemen Sitzen, die Mallory gewöhnt war, enthielt der erstaunlich saubere Wagen ein halbes Dutzend gebogene lederne Sitzgarnituren. Den Boden bedeckte ein Teppich mit komplexem Webmuster, und die Wände prangten mit Knautschsamttapeten.

»In der Fourth-Avenue-Linie haben wir Service einer höheren Klasse«, bemerkte Murgelström, als er die Reaktion des Detektivs sah.

»Ihr scheint aber keine Fahrgäste zu haben«, gab Mallory zu bedenken.

»Ich bin sicher, dass die anderen im Speisewagen sind.«

»Hier gibt es einen Speisewagen?«, fragte Mallory überrascht.

Murgelström nickte. »Und eine Cocktailbar.«

»Worauf warten wir dann?«, fragte Mallory und stand wieder auf.

»Ich brauche dich nüchtern«, erklärte der Elf.

»Wäre ich nüchtern, würdest du einfach verschwinden, und ich säße wieder in meinem Büro.«

»Ich wünschte, du würdest aufhören, das zu sagen«, beschwerte sich Murgelström. »Schon bald wirst du dich selbst überzeugen, dass es wahr ist.«

»Wozu?«

»Damit du, sobald wir mit gewissen Gefahren konfrontiert werden, nicht an ihnen zweifelst, sondern die angemessenen Maßnahmen ergreifst.«

»Was für Gefahren?«, wollte Mallory wissen.

»Wenn ich das wüsste, würde ich es dir nur zu gern erklären.«

»Wage eine Vermutung.«

Der Elf zuckte die Achseln. »Ich habe wirklich keine Ahnung. Ich habe nur so ein Gefühl, dass jemand, sobald wir Rittersporn nahe kommen, nicht sehr erfreut sein wird - wer auch immer ihn gestohlen hat.«

»Rittersporn?«

»So heißt das Einhorn.«

»Was zum Teufel hast du eigentlich mit einem Einhorn gemacht, das gar nicht deins war?«, fragte Mallory.

»Es beschützt.«

»Vor wem?«

»Vor jedem, der es stehlen wollte.«

»Warum sollte irgendjemand ein Einhorn stehlen?«

»Habgier, Schurkerei, ein unvernünftiger Hass auf mich - wer weiß?«

»Du bist nicht sehr hilfreich«, fand Mallory.

»Falls ich alle Antworten hätte, bräuchte ich keinen Detektiv, oder?«, sagte Murgelström gereizt.

»In Ordnung«, sagte Mallory. »Versuchen wir es mal anders. Wem gehört das Einhorn?«

»Sehr gut, John Justin!«, sagte Murgelström enthusiastisch. »Das ist eine viel bessere Frage.«

»Dann beantworte sie.«

»Das kann ich nicht.«

»Du weißt nicht, wem das Einhorn gehört?«

»Das ist richtig.«

»Woher willst du dann wissen, dass er dich umbringt, wenn du es nicht bis Sonnenaufgang zurückbringst?«

»Oh, er wird mich nicht umbringen«, sagte Murgelström. »Er erhält gar nicht die Chance.«

»Wer dann?«

»Meine Gilde.«

»Deine Gilde?«

Der kleine Elf nickte. »Wir bewachen wertvolle Habseligkeiten - Edelsteine, erleuchtete Manuskripte, diese Art Habseligkeiten. Unser Leben ist verwirkt, wenn wir in unserer Pflicht versagen.« Er schnitt eine Grimasse. »Deshalb musste ich dich beauftragen. Ich konnte nicht sehr gut zu meiner Gilde gehen und dort erzählen, was passiert ist. Sie hätten mich in Stücke geschnitten.«

»Wann wurde das Einhorn gestohlen?«

»Um die Mittagszeit. Es war das erste Einhorn, das mir anvertraut wurde. Ich dachte, ich könnte es unbedenklich für einige Minuten allein lassen.«

»Wozu hast du dich davongemacht?«, fragte Mallory.

Murgelström wurde dunkelgrün. »Das möchte ich lieber nicht sagen.«

»Also bumsen sogar Elfen.«

»Verzeihung?«, explodierte der Elf wütend. »Es war ein schönes und sehr bewegendes romantisches Stelldichein! Ich lasse nicht zu, dass du so billig und geschmacklos darüber redest.«

»Vor allem war es dumm«, bemerkte Mallory ironisch. »Sie hätten dich nicht dafür bezahlt, das verdammte Tier zu bewachen, wenn nicht die Gefahr bestanden hätte, dass es jemand womöglich stiehlt.«

»Der Gedanke ist mir auch gekommen«, sagte Murgelström unglücklich.

»Zweifellos nach dem Ereignis.«

»Als ich zu Rittersporn zurückkehrte«, räumte der Elf ein.

»Bescheuert«, fand Mallory.

»Woher sollte ich das ahnen?«, verlangte Murgelström zu wissen. »Nichts war die ersten sechs Male passiert, als ich mich aufmachte, dem Sirenengesang der Liebe zu folgen.«

»Wie lange genau war dieses Einhorn in deiner Obhut?«, fragte Mallory.

»Nicht ganz fünf Stunden.«

»Und in dieser Zeit hast du dich zu sieben romantischen Stelldicheins davongemacht?«

»Ich wirke vielleicht unnahbar und respekteinflößend«, sagte der kleine Elf, »aber ich habe Bedürfnisse wie jeder andere auch.«

»Du hast Bedürfnisse wie niemand sonst«, entgegnete Mallory beeindruckt.

»In Ordnung!«, explodierte Murgelström. »Ich bin nicht perfekt! Verklag mich doch!«

Mallory zuckte zusammen. »Schrei nicht«, sagte er. »Es war ein langer Tag, und ich habe eine Menge getrunken.«

»Dann hör auf, mich schlecht zu machen.«

»Ich kann noch viel mehr«, sagte Mallory. »Wenn du mir auf die Nerven gehst, kann ich aufhören, dir zu helfen.«

»Nein!«, schrie der Elf, und Mallory fuhr schmerzhaft zusammen.

»Bitte«, fuhr Murgelström in leiserem Ton fort. »Tut mir leid, dass ich die Nerven verloren habe. Das liegt an meinem leidenschaftlichen Wesen. Es kommt nicht wieder vor.«

»Bis zum nächsten Mal.«

»Ich verspreche es«, sagte Murgelström.

Auf einmal wurde der Zug langsamer und hielt.

»Sind wir da?«, fragte Mallory, als die Türen aufgingen.

»Nächste Haltestelle«, antwortete der Elf.

Mallory drehte sich zur Tür um und betrachtete die Fahrgäste, die einstiegen. Es waren drei Elfen, ein rotgesichtiger kleiner Mann mit rotem Schnurrbart und einem langen Mantel, der den zuckenden Echsenschwanz nicht ganz verbergen konnte, und eine elegant gekleidete ältere Dame, die ein kleines, geschupptes Mähnentier an einer Leine führte. Ein Gnom der U-Bahn stürmte noch in den Wagen, als die Türen schon zuglitten, scherte sich nicht weiter um die Ledergarnituren und lehnte sich an die Wand gegenüber, rutschte daran langsam auf den Boden hinab und starrte die ganze Zeit lang Mallory an.

»Ich wünschte wirklich, dass wir sie nicht in ...

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