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Jack the Ripper und der Erbe in Görlitz

Prolog

London, 29. Januar 1890

Seit einer Woche schon kroch der Nebel in grauen Schwaden durch Londons enge Straßen, ein Ungeheuer, das jedes Geräusch verschluckte. Modergeruch von Häusern, die nie ein Sonnenstrahl erreichte, hing schwer in der Luft. Der nächtliche Nebel wich dem Tag nicht mehr. Obwohl es erst vier Uhr am Nachmittag war, schloss das Zwielicht alles in sich ein. Durch die Feuchtigkeit sahen die Häuser wie schwarze glitschige Monster aus. So auch jenes, in dem seit den frühen Morgenstunden ein Feuer im Kamin brannte; aber die Wärme konnte die nasse Kälte nicht vertreiben.

Die Dienstmagd Mary zündete die Kerzen an und warf ihrer Herrin, die im Sessel am Fenster saß und auf die unaufhörlich an die Scheibe trommelnden Regentropfen stierte, einen besorgten Blick zu.

Kräftige Männerschritte übertönten das Knistern des Kaminfeuers.

Mary schaute auf die Tür, hinter der die Schritte verstummten. Mit einem Ruck wurde sie geöffnet. Doktor Acland trat ein. Die kraftvollen jugendlichen Bewegungen standen im Kontrast zu seinem Alter. Einzelne graue Strähnen durchzogen das schwarze Haar, und der Anblick des stattlichen Mannes ließ Mary träumen.

Der Doktor ging an der langen Tafel vorbei, blieb seitlich neben dem Fenster stehen und stellte die Arzttasche auf den Boden. Er widmete nun die ganze Aufmerksamkeit der Frau im Sessel: „Seine Lähmung ist in der letzten halben Stunde schnell vorangeschritten. Der Atem ist flach, und der Herzschlag verlangsamt sich. Aber er wird Sie noch hören und sehen können.“

„Wird er den Morgen erleben?“

„Wahrscheinlich nicht. Ich kann nichts mehr für ihn tun. Es tut mir leid.“

„Ist Ihnen schon einmal aufgefallen, was für unterschiedliche Wege sich die Regentropfen suchen? Kleinere schließen sich zu einem großen zusammen, und dann gleiten sie schneller als die anderen hinunter. Es gleicht einem Wettlauf ungleicher Gegner, die sich betrügen.“

Der Arzt hob die Augenbrauen und betrachtete nachdenklich die Frau im Sessel. Ihr blutrotes Kleid passte weder zum Wetter noch zur Stimmung in diesem Haus.

Er hatte sich schon vor Jahren gefragt, warum eine so schöne junge Frau einen Mann, der sein Leben fast hinter sich hatte, heiratete. Es war nicht unüblich, einen um Jahre älteren Mann zu ehelichen, aber was war ihre Motivation, dies zu tun? Reichtum? Ansehen? Liebe?

Er war oft in diesen Räumen zu Gast gewesen, und nie hatte er diese Frau lachen sehen. Bei Tisch sprach sie kaum. Wenn der Hausherr die männlichen Gäste nach dem Essen zur gepflegten Konversation in die Bibliothek lud, zog sie sich diskret zurück. Auf dem letzten Absatz der Treppe wandte sie sich jedes Mal zu ihrem Mann um. Hasserfüllt verhakten sich für Sekunden die Blicke beider, bevor sie sich wieder umdrehte und weiterging. Was war das für eine seltsame Verbindung?

Die junge Frau erhob sich. Das braune, fast schwarze Haar war mit einem Brenneisen gelockt und kunstvoll hinten aufgesteckt. Ihre braunen Augen, die die Welt warm und freundlich betrachten sollten, schauten ihn mit einer klaren Kälte an. Für einen kurzen Moment stellten sich seine Nackenhaare auf. Das hochgeschlossene Kleid, das faltig in einen Rock überging, verlieh ihr Eleganz. Mit ihrer schmalen Taille wirkte sie zerbrechlich.

„Gefällt Ihnen mein Kleid?“

„Nun ja“, sagte er zögernd.

„Ich erlasse Ihnen die Antwort und gebe sie mir selbst. Für diesen Tag gibt es keine andere Farbe als Rot.“ Ihre kalten Augen beobachteten den Lauf der Regentropfen. „Er wird mich noch hören und sehen?“, vergewisserte sie sich.

„Ja.“

„Gut!“ Mit einer geschmeidigen Bewegung drehte sie sich zur Tür. Die intensive Farbe des Kleides flammte im Schein des Feuers auf. Ihr ebenmäßiger Schritt ließ den Stoff ebenmäßig fließen – wie Blut.

Als sie die Tür erreichte, drehte sie sich wie gewohnt um. Ein süffisantes Lächeln umspielte ihren Mund. „Ich brauche Ihre Dienste nicht mehr.“

Der Arzt nahm seine Tasche und verließ eilig das Haus. Er würde noch einmal zurückkehren müssen, um den Totenschein auszustellen.

Der Sterbende lag eingebettet in schneeweiße Kissen und eine leichte Decke. Deutlich zeichneten sich die Konturen seines schmal gewordenen Körpers ab. Einzelne Haare klebten ihm an der Stirn.

Als die junge Frau das Zimmer betrat, zuckten seine buschigen Augenbrauen. Der Zeigefinger der linken Hand hob sich kaum merklich. Sie ging am Bett vorbei zum Fenster und blickte wieder auf den Regen. „Der Doktor sagt, dass du den Morgen nicht mehr erleben wirst. Das weißt du sicher selbst am besten. Bist du darauf vorbereitet, vor den Herrn zu treten?“ Sie schaute über die Schulter zu ihm hinüber. „Ach, ich vergaß – du kannst ja nicht mehr reden.“ Nach wenigen Schritten stand sie vor seinem Bett. „Dann ist es an der Zeit, dass ich dir ein Versprechen gebe, das jeden Mann glücklich machen würde.“ Sie machte eine Pause und beobachtete sein Gesicht genau. Die silbrigen Augenbrauen hoben sich, um sich gleich darauf zusammenzuziehen. „Du glaubst mir nicht?“ Seine Augen ruhten auf ihrem Mund. „Das solltest du aber. Der Herr ist mein Zeuge. Ich verspreche dir, dass es nach dir keinen Mann wie dich an meiner Seite geben wird“, hauchte sie. Der Sterbende schloss die Augen.

Mit jeder Bewegung raschelte ihr Kleid. Sie setzte sich auf das Bett. Ihre Hand strich von seinem Bein hinauf langsam bis zu seinen Genitalien. Dort verharrte sie. Ihre Finger krümmten sich zu Krallen, bis sie eine Faust bildeten. „Ich kenne dein Geheimnis.“ Seine Augenlider hoben sich mit einem Schlag. „Ja, du hast richtig gehört! Ich kenne es!“ Ihre Hand öffnete sich und bewegte sich ganz behutsam von seiner Männlichkeit weg.

„Bevor du diese Welt verlässt, werde ich dir mein Geheimnis verraten.“ Sie beugte sich vor und ihre Lippen berührten sein Ohr. Wie ein scharfes Messer drangen ihre Worte in sein Bewusstsein …

Mary stand an der Tür. Nicht einmal der Hauch eines Wortes drang zu ihr herüber. Stattdessen sah sie die weit aufgerissenen Augen des Sterbenden. Ein gequälter gurgelnder Laut verließ seine Kehle. Mit letzter Kraft umschloss seine ausgemergelte Hand das Handgelenk der Frau in Rot. Sie riss sich los.

„Ich bin die Antwort auf deine zahllosen Lügen und deinen erbärmlichen Drang. Nun stirb im Wissen um mein Geheimnis.“

Das waren die letzten Worte, die er hörte, als er die Augen schloss und in die Ohnmacht glitt. Leise und unwiderruflich griff der Tod nach ihm.

1.

Marco kämpfte mal wieder mit seinem Kurierfahrrad. Entweder blieb er am Treppengeländer hängen oder die schwere Haustür blockierte. Heute war es Letzteres. „Himmelherrgott noch mal! Was haben die früher für Haustüren gebaut? Sicher für die Frauen, die eh schon mit ihren riesigen Kleidern zu tun hatten, und dann noch so eine Tür!“

Die Straße lag in tiefer Stille. Das Zuschlagen der alten Tür klang wie ein Kanonenschuss und hallte vom anderen Ende zurück. „Mann, du weckst ja Tote auf!“ Die Stimme gehörte zu seinem Nachbarn Benno.

Auch er bewohnte eine der drei Wohnungen in der untersten Etage des Hauses in der Spremberger Straße in Görlitz. Erst wenige dieser Gebäude aus der Gründerzeit waren von ihren Besitzern restauriert und modernisiert worden.

Fließendes Wasser hatten auch sie – allerdings musste man dazu auf den Flur hinaus. Dort war der Wasserhahn, einer pro Etage. Die Toilette befand sich eine Treppe höher. Es war schon ein Fortschritt, dass man nicht mehr auf dem Hinterhof in die Hütte gehen musste, sondern im Haus bleiben konnte.

„Na, Benno, schon wach?“

„Ich bin noch gar nicht schlafen gegangen. Jungchen, du weißt doch, meine Schlafstörungen.“

„Versuch mal, weniger Kaffee zu trinken.“

„Kaffee ist mein Lebenselixier.“

„Dann zieh dir wenigstens was über. Es sind nicht mal vier Grad.“

„Ihr jungen Leute habt aber auch gar keine Hitze mehr. Früher …“

„Ich kenne die Geschichte.“ Marco zog sich die Fahrradhandschuhe an und rückte seinen Kurierrucksack zurecht. Er war startklar.

„Wirst du die Blonde mit den kurzen Röcken und den langen Beinen wiedersehen?“, fragte Benno erwartungsvoll. Über das Gesicht des jungen Mannes huschte ein Lächeln.

„Mal schauen, welche Tour ich heute habe.“

„Du musst mir dann alles erzählen, hörst du?“

„Klaro!“ Elegant stieg Marco auf sein Fahrrad und fuhr zum Brautwiesenplatz, von dort aus in Richtung Bahnhof und dann zur Taxizentrale. Er kam am Brunnen auf dem Postplatz vorbei, der kurz davor stand, seine überdimensionale „Käseglocke“ wie in jedem Frühjahr mithilfe eines Krans loszuwerden. Marco schaute gern dem Schauspiel zu, wie die imposante „Minna“, die eine riesige Muschel über ihren Kopf hält, über deren Rand das Wasser nach unten ins Becken fällt, aus der runden „Käseglocke“ befreit und somit für die Görlitzer wieder sichtbar wurde. Marco liebte das Rauschen des Wassers, das sogar den Verkehr rund um den ovalen Platz herum übertönte. Hier hielt er gern einen Moment inne und ließ seinen Blick über den wohlgeformten Nixenkörper gleiten.

2.

Die Aufträge fand Marco in seinem Fach. Sie hatten ihm die Medizintour gegeben, und das bedeutete viel Arbeit. Er musste Krankenhäuser, Arztpraxen, Krankenkassen und medizinische Laboratorien abfahren.

Peter – ein großer schlaksiger Typ, der auf jedem Fahrrad etwas unbeholfen wirkte – und Frank – normalgewichtig, aber etwas steif – waren die beiden anderen Fahrradkuriere. Sie hatten ihre Umschläge schon verstaut. „Na, schlecht aus dem Bett gekommen?“, nuschelte Peter Kaugummi kauend.

„Nee, die Haustür war schuld“, erwiderte Marco grimmig.

„Zieh in eine ordentliche Wohnung.“

„Wenn du mir die Miete bezahlst, dann gerne.“

„Spiel Lotto oder beerb ’ne reiche Tante, dann kannst du dir jede Wohnung leisten, die du willst. Oder wandere gleich aus. Australien wäre nicht schlecht, oder die Malediven.“

„Wenn’s mal so weit ist, dann kriegst du eine extra große Karte von mir.“

„Los! Der Boss kommt!“, ermahnte Frank die beiden.

Ehe man den Chef mit seinen Einszweiundsechzig sah, hörte man ihn schon: „Ihr faulen Säcke! Seid ihr noch nicht unterwegs? Wenn ich euch das nächste Mal beim Quatschen erwische, wird der Lohn gekürzt.“

Leise zischte Peter: „Wenn ich ’ne bessere Arbeit finde, mach ich dem Ausbeuter einen Haufen in die Schublade. Da könnt ihr Gift drauf nehmen.“

Alle drei verließen die Taxizentrale und stiegen auf ihre Räder. „Also, dann mal los. Vergesst nicht, eure Stöpsel ins Ohr zu stecken!“, sagte Frank. „Ihr wisst doch, wie der Alte tobt, wenn er euch nicht erreichen kann.“

Peter winkte ab. Er war als Erster unterwegs.

„Hey, Marco!“, rief Frank.

„Machs kurz.“ Marco lehnte sich mit den Unterarmen auf den Lenker und schaute Frank an.

„Der Chef hat dich aufm Kieker. Gestern habe ich mitgekriegt, dass er dir hinterhertelefoniert hat. Also, pass ein bisschen auf!“

„Danke für den Tipp!“

„Du würdest dasselbe für mich tun.“

Marco entschied sich, entgegen seiner Gewohnheit, heute auf den Hauptstraßen zu fahren. Sonst nahm er die kleinen Nebenstraßen und Gassen. Schneller war er deswegen nicht, aber es war interessanter. Er liebte die alten Häuser. Jede Zeit hatte in den Bauwerken ihre Spuren hinterlassen, von Spätgotik, Renaissance, Barock über die Gründerzeit bis hin zum Jugendstil – so stellte er es sich jedenfalls vor. Er mochte besonders die Häuser, deren Fassaden reich verziert waren und deren Fenster durch unterhalb ins Mauerwerk eingearbeitete kleine Säulen noch größer wirkten, als sie ohnehin schon waren. Meistens besaßen diese Fassaden große Säulen, die von Sagengestalten auf Oberarmen und Kopf getragen wurden. Ja, diese Stadt übte eine gewisse Faszination auf ihn aus.

Im Sommer, wenn die Kellerfenster geöffnet waren und ihm die abgestandene kalte Luft mit dem typischen Staubgeruch entgegenschlug, stellte er sich vor, wie es vor vierhundert Jahren hier ausgesehen haben mochte. Den Kaisertrutz, einen Teil der Befestigungsanlage, der von den Görlitzer Bürgern zum Schutz des westlichen Eingangs gebaut worden war, gab es damals schon lange. Zu dieser Zeit war Görlitz von einer Stadtmauer umgeben. Pferdefuhrwerke holperten über das grob gehauene Pflaster. Oft genug rutschten die Pferde mit ihren beschlagenen Hufen weg. Ihr Klappern schallte durch die Straßen. Wer es eilig hatte, ritt wie der Teufel, und jeder, der sich auf der Straße befand, drückte sich an die Hauswand.

„Pass doch auf!“, schrie eine Frau mit Kinderwagen Marco an. Er kam ins Schleudern und konnte sich gerade noch rechtzeitig abfangen. „’tschuldigung“, nuschelte er vor sich hin.

3.

Am St.-Carolus-Krankenhaus angekommen, ging Marco zum Sekretariat, klopfte an und öffnete ohne zu warten die Tür. „Hallo, Moni! Die Morgenpost ist da.“

Moni, eine Frau Ende fünfzig, immer noch rank und schlank, war für ihn wie eine alte Freundin und Mutter zugleich. Sie lachte ihn an. „Ich hab gehofft, dass du heute unsere Tour hast. Der Kaffee steht schon bereit mit Milch und Zucker.“

„Genau das Richtige jetzt. Was würde ich ohne dich tun?“

„Das, was du immer tust: dich von deinem Boss schikanieren und jedes halbwegs vernünftige Mädchen wieder laufen lassen. Wie lange willst du denn noch mit dem Fahrrad über das Holperpflaster fahren? Wie oft bist du schon in den Straßenbahnschienen hängen geblieben?“

„Du hast ja recht!“ Dabei zwinkerte er ihr zu. „Aber eine Veränderung gibt es schon.“

Moni wurde neugierig. „Welche denn?“

„Ich werde an der Abendschule das Abitur machen.“ Stolz reckte er seine Brust und schlürfte den Kaffee.

„Dann nimmst du also das Angebot meines Bruders an?“

„Erst einmal das Abitur, und dann werde ich weitersehen. Verlockend klingt es schon.“ Das Telefon schrillte. „Sekretariat Carolus-Krankenhaus. Sie sprechen mit Frau Wenzel.“ Während Moni lauschte, legte sie den Finger auf die Lippen und bedeutete ihrem Besucher zu schweigen. „Er ist vor ein paar Minuten raus. Er ist immer so schnell! Ich werde ihn wohl nicht mehr erreichen.“ Verwundert schaute Moni den Hörer an. „Der Kerl hat einfach aufgelegt. Einen charmanten Chef hast du!“

„Sieht ganz so aus. Da werde ich mal lieber losmachen. Danke für den Kaffee!“

„Kann ich Hubertus sagen, dass du sein Angebot annimmst?“

„Ich werde selbst mit ihm sprechen. Okay?“

„Das wollte ich bloß hören. Pass auf dich auf!“

Marco setzte sich den Rucksack auf und zwinkerte Moni beim Hinausgehen noch einmal zu. Bei ihr ließ er sich immer etwas Zeit. Ohne sie hätte er nicht einmal mehr die Arbeit als Fahrradkurier. Damals, vor fünf Jahren, hatte er eine große Dummheit gemacht. Das war das Ende der Abstink-Phase, wie er diese Zeit nannte.

Mit siebzehn hatte Marco die Schule geschmissen. Er wollte nicht mehr nur in der Klasse hocken und lernen. Wofür? Und vor allem, warum? Er schlief bis Mittag und ging abends mit der Clique auf Tour. Bezahlt hatte er seinen Spaß vom reichlich bemessenen Taschengeld. Bis zu dem Tag, als sein Vater ihm den Geldhahn zudrehte, das Handy einzog und ihm drohte, ihn vor die Tür zu setzen, wenn er nicht seinen Abschluss mache. Was er nicht tat, obwohl er früher Klassenbester gewesen war. Irgendwann ging er gar nicht mehr nach Hause. Wozu auch?

Benno gabelte ihn am Bahnhof auf. Hungrig und durchgefroren ging er einfach mit. Die Wohnung war schön warm. Marco konnte sich noch genau erinnern, wie vorsichtig er sich in den schäbigen Sessel am Ofen gesetzt hatte, wie seine Hand an den heißen Kacheln entlangglitt und wie ihn die alten Brotkrümel auf dem Tisch scheinbar anstarrten. Er hielt Benno für ein heruntergekommenes Subjekt. Aber war er das nicht selbst auch geworden? Benno päppelte ihn innerhalb von drei Wochen auf. An einem Tag im März knallte er die Faust auf den Tisch. „So geht es mit dir nicht weiter! Du schmeißt dein ganzes Leben weg. Ab heute nimmst du es in die eigenen Hände.“ Benno zog sich an, verordnete Marco eine ordentliche Waschung und legte ihm saubere Sachen hin. Dann schleppte er ihn von einer Behörde zur nächsten. Am Abend sprach er noch beim Vermieter vor. Bevor Marco schlafen ging, war einiges geregelt: Er besaß ein eigenes Konto, auf das von nun an Geld vom Amt überwiesen werden würde. Die Adresse von der Taxizentrale lag auf dem Tisch, und ein Vorstellungstermin für den nächsten Tag war vereinbart. Und er hielt den Schlüssel für die Wohnung neben Bennos in der Hand. Stück für Stück kehrte er ins normale Leben zurück.

Ein paar Monate darauf lernte er Pia kennen. Sie verdrehte ihm den Kopf, und er glaubte an die große Liebe. Vor dem knisternden Kachelofen schworen sie sich ewige Treue.

Eines Tages, es war an einem Montag, kam er nach Hause. Benno stand in der Tür und meinte: „Ich würde da jetzt nicht reingehen.“

„Wieso? Das ist meine Wohnung.“

„Eben“, sagte er bedeutsam. „Komm rein und trink ein Bier mit mir.“

Aus Marcos Wohnung drangen Geräusche.

Jauchzen.

Kichern.

Stöhnen.

„Das glaube ich nicht!“, war Marcos einziger Kommentar.

Er schloss die Wohnungstür auf, ging hinein und kam kurz darauf mit Kleidungsstücken auf dem Arm wieder zurück. Mit jedem einzelnen Teil dekorierte er Haustüren, Autos und Mülltonnen, deren Gestank in der Luft lag. Einer Passantin drückte er eine Männerhose in die Hand. Dann setzte er Pia und ihren Bettgenossen vor die Tür. Bekleidet waren die beiden nur mit Slip und Unterhose. Lange war diese Aktion Thema in der Stadt.

Marco schwor sich, dass keine Frau mehr einen Schlüssel zu seiner Wohnung und zu seinem Herzen bekam.

Schweigend ging er in die Kneipe um die Ecke. So betrunken wie an jenem Abend war er danach nie wieder. Aber am nächsten Tag ging er trotzdem zur Arbeit. Mühsam bestieg er sein Rad. Kurz vor dem Carolus-Krankenhaus geriet er in eine Straßenbahnschiene. Er stürzte, und wie er es bis zu Moni ins Sekretariat schaffte, wusste er nicht mehr.

Ihr und ihrem Bruder Hubertus, einem Anwalt, war es zu verdanken, dass er den Job nicht verlor, und so fuhr er immer noch als Fahrradkurier durch Görlitz.

Die letzte Adresse seiner Medizintour war abgearbeitet. Einige Umschläge, die morgen zugestellt werden sollten, legte er in die dafür vorgesehene Ablage in der Taxizentrale. Schnell schrieb er den Stundenzettel und heftete die Unterschriftenliste dazu. Feierabend!

4.

Als er in die Spremberger Straße einbog, sah er, dass sie komplett zugeparkt war. Vorsichtig schob er sein Fahrrad zwischen zwei abgestellten Pkw hindurch.

„Na, Benno! Du guckst ja immer noch raus“, begrüßte er seinen Nachbarn.

„Nee, schon wieder“, kam die prompte Antwort.

„Hast du ein kaltes Bier für mich?“

„Klar!“

Da Marcos Fahrrad eine leichte Sportausführung war, trug er es mühelos die Treppe hinauf. Die Tür zu Bennos Wohnung stand offen. „Ich komme gleich rein. Ich will noch schnell zum Briefkasten.“

„Da findest du eh nichts als Rechnungen und Werbung“, hörte er Benno von drinnen sagen.

Mit zwei Sätzen nahm er die Treppe. In der langen Reihe der Briefkästen war seiner der letzte. Aus dem Schlitz quoll die Werbung. Er griff danach und zog sie heraus. Durch die Löcher im unteren Teil des Kastens sah er noch etwas leuchten. Nun musste er doch noch aufschließen. Einzelne Werbeblätter flogen ihm entgegen. Er hatte Mühe, alles zusammenzuraffen, und versuchte auf dem Weg in die Wohnung, nichts zu verlieren. Achtlos warf er den Inhalt auf Bennos Tisch. „Was für eine Verschwendung!“ Marco griff nach dem Bier und plumpste in den alten Sessel aus den Sechzigern. Der erste Schluck gluckste die Kehle hinunter. Benno setzte sich in den Sessel ihm gegenüber. Seine braunen Augen betrachteten den jungen Freund aufmerksam. Tiefe Falten im Gesicht zeugten von einem bewegten und harten Leben.

Marco wusste, dass hinter diesem Antlitz ein scharfer Verstand lag. „Ich werde mein Abitur machen“, sagte er zusammenhanglos.

Benno stellte das Bier beiseite. Seine Hände legte er auf die Armlehne.

„Du sagst ja gar nichts!“ Marco starrte vor sich hin.

„Es wurde ja auch Zeit“, erwiderte Benno.

„Wie meinst du das?“

„Endlich hast du begriffen, dass du zu mehr taugst als nur zum Kurier.“

Marco schaute auf, zog die Augenbrauen hoch, um gleich darauf seine Augen zu Schlitzen zu formen.

„Weißt du, warum ich dich damals mitgenommen habe?“, fragte Benno.

„Aus Nächstenliebe?“

„Nächstenliebe? Der Glaube an Gott? Der Gott, den ich kannte, der hat mich verlassen. Es gibt für mich keine Nächstenliebe mehr“, antwortete Benno verbittert. „Ich habe dich aufgelesen, weil du nicht auf die Straße gehörst. Du hattest einem Fixer einen philosophischen Vortrag gehalten – über das Sein, Nichtsein und Dasein. Über die Familie als Rückgrat, über Freundschaft und Vertrauen. Der Kerl war so beeindruckt, dass er glatt vergessen hat, sich den Schuss zu setzen. Du warst verbittert über dich selbst. Ich habe nie zuvor einen jungen Menschen getroffen, der sich selbst so gehasst hat wie du. Du warst erst achtzehn. Aber deine Ausführungen waren so überzeugend, dass ich fast selbst daran geglaubt hätte. In dir steckt so viel Potenzial, das genutzt werden möchte. Du kannst es nur nutzen, wenn du es erkennst.“ Benno schaute ihn ohne eine Regung lange an.

„Hm, kann schon sein. Der Bruder von der Moni hat mir ein gutes Angebot gemacht. Ich werde es wahrscheinlich annehmen.“

„Wie sieht dieses Angebot aus?“, wollte Benno wissen.

„Na ja, auf lange Sicht gesehen soll ich mal mit ihm zusammenarbeiten. Vielleicht stolpert ja mal eine junge hübsche Anwältin bei ihm rein, die die Kanzlei übernimmt und mich gleich mit.“ Marco grinste über beide Ohren. Dann sah er hinab auf den Stapel mit der Werbung. Die kleine Ecke eines Briefumschlages schaute hervor. Mit zwei Fingern zog er ihn heraus. Er drehte den Brief hin und her. Das Papier war rau und besaß einen gelblichen Ton. Eine Rechnung oder ein amtliches Schreiben sah anders aus. Damit hatte er Erfahrung. Der Brief war eindeutig an ihn gerichtet: Marco Petzold, Görlitz, Spremberger Straße. Als Absender stand Robert J. Wilson; Lawyer; London; Harley Street darauf. Auf der Rückseite waren die Initialen RJW zu erkennen.

Mit der Spitze eines Kugelschreibers fuhr Marco unter den Rand und schlitzte das Kuvert auf.

Auch Benno beugte sich vor und blickte gebannt auf den Brief. Zum Vorschein kam ein ebenfalls gelbliches Blatt Papier. Marco faltete es auseinander und las. Seine Lippen formten Worte, die nicht zu hören waren. Leicht schüttelte er den Kopf hin und her. „Und?“, fragte Benno gespannt.

Marco legte den Brief auf die Knie. Ungläubig schaute er zu Benno. „Lies selbst!“ Mit diesen Worten reichte er seinem Freund den Brief hinüber.

Benno las laut: „An Mister Petzold!

Betreff: Erbangelegenheit von Mrs Abigail Smith

Mrs Smith wählte meine Kanzlei aus, um im Todesfall ihre Erbangelegenheit zu regeln. Am 12. Februar dieses Jahres verschied meine Mandantin. In ihrem Testament verfügte sie, dass Sie, Mr Petzold, ihr Alleinerbe sind. Um die Erbangelegenheit zum Abschluss zu bringen, ist Ihre Anwesenheit in meiner Kanzlei notwendig.

Bitte teilen Sie mir mit, wann ich Sie erwarten darf. Hochachtungsvoll Robert J. Wilson“

Benno legte das Schreiben vorsichtig auf den Tisch. „Kennst du diese Frau? Ich meine, kanntest du sie?“, fragte er. Marcos braungrüne Augen leuchteten. Er trommelte mit den Fingern auf der Lehne.

„Ich kenne keine Abigail und ich war auch noch nie in London.“

„Aber sie muss dich ja kennen. Sonst wärst du nicht ihr Erbe, oder?“

„Hm.“

„Wieso macht diese Frau dich zu ihrem Erben?“

„Frag mich was Leichteres.“

„Gut! Dann frage ich was Leichteres. Wirst du dorthin fahren?“

„Ich weiß nicht. Stell dir mal vor, ich borg mir das Geld für den Flug zusammen. Ich fliege nach London, und dann stellt es sich als Scherz heraus oder es gibt nichts zu erben außer ein paar Fotos und alte Klamotten oder anderen sentimentalen Krempel. Möglich ist auch, dass ich gar nicht gemeint bin, sondern ein anderer Petzold.“

„Sprich doch mit Hubertus. Vielleicht kann der dir weiterhelfen.“

„Gute Idee!“

5.

Im Hintergrund hörte Marco die Rathausuhr dreimal schlagen. Um fünfzehn Uhr sollte er bei Hubertus im Büro sein. Er durchfuhr den Untermarkt, der in den Jahren zwischen 1200 und 1220 angelegt worden war. Die umliegenden Häuser waren architekturhistorisch bedeutende spätgotische Renaissance- und Barockbauten. Dafür hatte Marco jetzt aber kaum einen Sinn, nur einen schnellen Seitenblick auf den Neptunbrunnen gönnte er sich.

Wichtig war einzig und allein, dass er sich nicht verspätete. Hubertus hasste Unpünktlichkeit. Der junge Radfahrer bog in die Kränzelstraße ein. Er hatte nicht einmal Zeit gehabt, sich umzuziehen. Gleich nach seinem Kurierdienst war er aufgebrochen. „Ist ja kein Rendezvous“, dachte er bei sich. Er schob sein Fahrrad durch die Toreinfahrt der Nummer 16, schloss es an und rannte, mehrere Stufen überspringend, zur Kanzlei von Hubertus Jakobsen. Ungeduldig klingelte er mehrmals an der Eingangstür. Endlich summte der Türöffner. Marco lief durch den langen schmalen Flur zum Vorraum. Im Augenwinkel stellte er fest, dass die Wände nicht mehr weiß waren, sondern in einem Lindgrün leuchteten. Der Vorraum hatte auch ein völlig anderes Aussehen. Statt der tristen dunklen Möbel empfing ihn ein heller warmer Raum. Links entdeckte er eine gemütliche beigefarbene Sitzgarnitur mit einem kleinen weißen Couchtisch, auf dem einige Zeitschriften lagen. Die beiden großen Doppelfenster waren nicht mehr mit schweren Samtvorhängen verhangen. An ihrer Stelle befanden sich nun strahlend weiße Gardinen mit Stickerei. Rechts von den Fenstern prunkte ein Minisekretariat mit Schreibtisch, Ablagenschrank, Computerarbeitsplatz und Miniküche.

Mit dem Rücken zu ihm stand eine Frau vor einem Aktenschrank und sortierte Unterlagen. Ihr langes braunes Haar hatte sie hochgesteckt. Sie trug einen hellgrauen Zweiteiler. Marco machte zwei Schritte nach rechts. Was er dann sah, gefiel ihm: schwarze High Heels, in denen wohlgeformte lange Beine steckten. Der runde Po zeichnete sich deutlich unterm Rockstoff ab. Was sie wohl darunter trug? Sich das auszumalen, dazu kam er nicht mehr. Sie drehte sich zu ihm um. Ihre großen blauen Puppenaugen schauten ihn abschätzend an. Die Frau hatte es geschafft, mit dezentem Make-up einen Hauch von exotischer Ausstrahlung auf ihr Gesicht zu zaubern.

„Ein Fahrradkurier? Legen Sie die Post auf den Schreibtisch! Ich muss doch sicherlich gegenzeichnen?“, fragte sie mit einer warmen Stimme.

Marco schenkte ihr ein breites Grienen. „Nein, Sie müssen nichts gegenzeichnen.“

Ihre Augen verengten sich. „Nein?“

„Ich möchte zu Herrn Jakobsen. Jetzt!“

Sie ging die zwei Schritte zum Schreibtisch hinüber und schaute in ihren Kalender. „Wie war Ihr Name?“

„Ich habe ihn noch nicht genannt.“

„Wären Sie dann so freundlich …?“

„Bin ich. Mein Name ist Petzold.“

„Der Name steht hier nicht in meinem Kalender.“

„Das würde mich, ehrlich gesagt, auch wundern. Wir haben uns kurzfristig telefonisch verabredet.“

Die Frau stützte beide Hände auf den Schreibtisch. Ihre Wangen röteten sich, und sie atmete tief durch.

Marco überlegte unterdessen, wie alt sie sein mochte. So wie er Mitte zwanzig vermutlich. Auf dem Schreibtisch stand sogar ihr Namensschild: Frau C. Lobner.

Ganz selbstverständlich ging er um den Schreibtisch herum, nahm sich einen Kugelschreiber und sagte: „Darf ich mal an den Kalender?“ Irritiert machte sie Platz. „Da ich nicht in Ihrem Kalender stehe, werde ich das ändern. Heute Abend um zwanzig Uhr haben Sie einen Termin mit Herrn Petzold im Nachtschmied. Das Restaurant hat eine ausgezeichnete Küche. Manchmal ist der Sauerbraten etwas zäh. Den müssen wir ja nicht nehmen. Wenn Sie es wünschen, kann ich den Tisch gegenüber vom steinernen Kamin reservieren lassen. Vielleicht haben wir sogar das Glück, dass der Wirt uns als Nachtschmied ein bisschen kulturell unterhält.“ Er legte den Kugelschreiber zurück und fragte süffisant: „Würden Sie jetzt so freundlich sein und Herrn Jakobsen sagen, dass ich da bin?“

Verunsichert antwortete die junge Frau: „Das geht nicht.“

„Was geht nicht? Meine Einladung zum Essen anzunehmen oder Herrn Jakobsen zu sagen, dass ich da bin?“

Mit fester Stimme sagte sie: „Er hat einen Mandanten bei sich.“ Ihre großen blauen Augen schienen noch größer zu werden.

„Gut, dann warte ich.“ Marco nahm seinen Rucksack ab, stellte ihn an den Schreibtisch und machte es sich in der Sitzgruppe gemütlich. Er griff nach der obersten Zeitschrift und begann darin zu blättern.

Frau Lobner musterte ihn ungeniert. Sie schüttelte kaum sichtbar den Kopf.

„Hat Ihnen gefallen, was Sie gesehen haben?“, fragte der vermeintliche Klient spitzbübisch.

Empört ging sie zur Miniküche. Von dort nahm sie ein Tablett mit Tassen, Gebäck und Kaffee.

Marco reckte seinen Kopf und sagte: „Ich möchte auch einen Kaffee – mit Milch und Zucker. Das Ganze bitte umgerührt. Danke!“ Gleich darauf war sein Kopf hinter der Zeitschrift verschwunden.

Ihm gefiel dieses Spielchen. Er hörte, wie die Tassen klirrten, eine Tür geöffnet und wieder geschlossen wurde. Dann umgab ihn eine Stille, in die er hineinlachte, leise, aber aus tiefstem Herzen.

***

„Setz dich!“, sagte Hubertus Jakobsen. Marco nahm vor dem großen wuchtigen Schreibtisch Platz, rückte sich auf dem sesselartigen Stuhl zurecht und sortierte seine Gedanken. Er musste Frau Lobner vorerst daraus verbannen.

„Hat Carolin dir schon einen Kaffee angeboten?“, fragte der Anwalt mit seiner Baritonstimme.

„Nicht direkt. Ich glaube, ich habe sie etwas verärgert.“

Hubertus blähte seine pausbäckigen Wangen auf. Der Mund formte sich zu einem „O“. Marco hörte die Luft entweichen.

„Manches Mal habe ich das Gefühl, du wirst nie erwachsen. Nun gut. Du kommst wegen des Angebotes?“ Jakobsens stahlblaue Augen schienen ihn durchbohren zu wollen. Eine Haarsträhne von seinem tadellos frisierten Kopf löste und kräuselte sich auf der Stirn. Mit der rechten Hand drehte er den Kugelschreiber – eine Angewohnheit, der er nachging, solange Marco ihn kannte.

Umständlich fingerte der Besucher in seiner Allwetterjacke. Schließlich zog er den Brief aus London heraus und legte ihn vor Hubertus auf den Schreibtisch. „Deswegen bin ich hier. Der kam vor ein paar Tagen mit der Post. Ich weiß nicht, was ich davon halten soll.“

Hubertus nahm den Umschlag und betrachtete ihn von allen Seiten. Seine schlanken Finger griffen nach dem Inhalt und zogen den Brief ein kleines Stück heraus. „Ich darf doch?“ Marco nickte.

Das starke gelbe Papier raschelte dumpf. Hubertus nahm eine gerade sitzende Haltung an. Das Knarren, das er dadurch verursachte, klang hölzern. Er las sehr langsam. Es sah aus, als ob er jedes Wort auf Justitias Waagschale legte. Dann blickte er auf und legte den Brief so vor sich, dass er jederzeit nachlesen konnte, ohne ihn aufnehmen zu müssen. „Eine Erbangelegenheit.“ Mehr sagte er nicht dazu. Stattdessen faltete er seine Finger. Ein siegelringförmiges Schmuckstück mit einem eckigen Rubin prunkte an der rechten Hand.

Marco wurde ungeduldig. „Und was soll ich tun?“ Zur Ungeduld gesellte sich Unsicherheit.

Hubertus räusperte sich. Er beugte den Oberkörper vor. „Zuerst einmal werden wir Informationen über diesen Mr Wilson einholen.“

„Und wie?“

Hubertus nahm den Hörer in die Hand. „Carolin, würden Sie bitte kommen!“ Mit der eleganten Handbewegung eines Weltmannes legte er den Hörer wieder zurück.

Marco hörte, wie die Tür geöffnet und gleich wieder geschlossen wurde. Frau Lobner ging an ihm vorbei, ihre Aufmerksamkeit ganz auf Hubertus gerichtet.

„Sie sind in London aufgewachsen und haben dort Ihre Ausbildung absolviert. Kennen Sie einen Mr Robert J. Wilson in der Harley Street?“, fragte Hubertus. Sie schaute von einem zum anderem, hob die Augenbrauen, und ihr Mund öffnete sich leicht.

„Nun, Mr Robert J. Wilson ist einer der bekanntesten Anwälte von London. Zu seinen Mandanten sollen hochgestellte Persönlichkeiten und viel Prominenz gehören“, antwortete sie. Ihre Neugier war deutlich zu spüren.

„Das ist ja interessant“, sagte Hubertus. Unruhig trommelte er mit den Fingern auf dem Schreibtisch. „Hochgestellte Persönlichkeiten und Prominenz“, murmelte er vor sich hin. „Diese Abigail Smith, wer ist das – beziehungsweise: wer war das?“ Carolin zuckte mit den Schultern.

Marco nestelte an seiner Jacke. „Ich weiß es nicht. Wirklich! Mir ist das alles ein Rätsel“, erklärte er.

„Du weißt es nicht? Warum sollte sie dich als Erben einsetzen? Überleg mal, vielleicht ist sie eine vergangene Romanze?“

Marco bemerkte, dass zwei Augenpaare ihn intensiv anschauten. Es wurde ihm unbehaglich. Aber noch schlimmer war das Gefühl, das ihn beschlichen hatte, als er den Brief das erste Mal in den Händen gehalten hatte. Das Gefühl, ein Ball in einem Spiel zu sein, das nicht seins war. „Sie ist keine vergangene Romanze. Mein Vater erzählte mal von Verwandten in England. Ich hielt das immer für Spinnerei. Wir hatten nie Kontakt zu irgendjemanden.“ Er atmete tief durch. „Ich werde den Brief zerreißen, und dann war es das. Ich werde nicht nach London fahren und mich vor einem Prominentenanwalt lächerlich machen. Mein Englisch reicht für eine normale Unterhaltung, aber nicht fürs Anwaltslatein und Fachchinesisch.“

Carolin kicherte.

„Wie schön, dass ich Sie aufheitern konnte. Jetzt sehen Sie wenigstens nicht so streng aus.“ Dabei zwinkerte Marco ihr zu.

Hubertus straffte den Oberkörper. „Carolin, Sie werden bei diesem Anwalt anrufen. Sagen Sie ihm, dass Herr Petzold mein Mandant ist und noch ein paar Auskünfte wünscht, bevor er nach London kommt. Seine Zeit ist kostbar und bedarf einer akribischen Planung. Versuchen Sie, so viel wie möglich herauszubekommen. Geben Sie Ihr Bestes!“

Carolin nickte kurz.

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