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Ja, ich liebe dich noch immer

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1. KAPITEL

„Ist noch etwas, Mrs Carson?“

Die Stimme ihrer Sekretärin riss Elizabeth unsanft aus ihren Tagträumen, und nur widerwillig wandte sie sich vom Fenster ab, durch dass sie, wie blind in die Ferne gestarrt hatte. Sie war müde, so müde, dass sie sich am liebsten in ihrem bequemen Chefsessel niedergelassen und die langen, schlanken Beine auf den Schreibtisch gelegt hätte, um ein Nickerchen zu machen. Aber das hätte nicht zu ihrem Image als superdynamischer, messerscharfer Buchprüferin gepasst, außerdem hatte sie in – sie warf einen raschen Blick auf ihre Armbanduhr – zwanzig Minuten einen wichtigen Termin.

„Mir fällt im Moment nichts ein. Danke, Jenny.“

„Ihre Stimme hört sich immer noch furchtbar an“, sagte Jenny. „Ich habe eine Tüte Halspastillen in meinem Schreibtisch …“

Elizabeth setzte sich ihre große, leicht getönte Brille auf die Nase und lächelte ihre mütterlich besorgte Sekretärin schief an. Sie kannte Jenny seit ihrem ersten Tag bei Meredith & Associates. „Noch eine Pastille mehr, und ich sehe selbst aus wie eine“, sagte sie in einem schwachen Versuch zu scherzen. „Aber könnten Sie bitte noch auf Mr Masterton warten und ihn mir hereinschicken, bevor Sie gehen?“

„Mach ich gern“, sagte Jenny augenzwinkernd. „Ich will doch sehen, was Ihre rauchige, sexy Stimme für einen Eindruck auf den Mann macht!“

Elizabeth versuchte ihren rauen Hals, das Überbleibsel einer schweren Erkältung, mit einem heftigen Räuspern zu klären, und lachte dann. „Jenny, wir sind hier nicht beim Film, sondern in der harten Realität. Reichen Sie mir bitte seine Akte rein? Danke.“

Nachdem Jenny ihrer Bitte gefolgt war und sich mit einem beziehungsvollen Blinzeln zurückgezogen hatte, schlug Elizabeth die Akte von Rick Masterton auf.

Es kam ihr seltsam vor, dass Jenny von einem Klienten so angetan war, wie sie es eben demonstriert hatte. Doch als sie die vor ihr liegenden, eng beschriebenen Seiten überflog, war sie fast geneigt, ihrer Sekretärin zuzustimmen. Wer würde nicht von einer Biografie beeindruckt sein, die sich wie ein reines Heldenepos las. Elizabeth verzog spöttisch die Lippen, während sie die verschiedenen Stationen im Leben dieses Musterknaben genauer unter die Lupe nahm.

Rick Masterton, vierunddreißig Jahre alt. Geboren in Boston. Absolvent von Exeter und Harvard, Jurastudium mit Auszeichnung. Mitglied des olympischen Skiteams, doch wegen einer Verletzung ausgeschieden, die er sich bei der Rettung eines Mitbürgers vor einem Straßenräuber zugezogen hatte – und das mitten in New York City …

An dieser Stelle mutierte Elizabeths Lächeln zu einem breiten Grinsen, denn wer immer diese Mappe erstellt hatte, hatte es sich nicht verkneifen können, eine Bemerkung an den Rand zu schreiben – Der ist zu gut, um wahr zu sein!

In der Tat, dachte Elizabeth, während sie rasch die unzähligen Auszeichnungen, Verdienste und Ehrungen überflog, mit denen dieser Supermann bisher überhäuft worden war. „Und dann auch noch ein Philanthrop in seinem zarten Alter!“, stieß sie ungläubig hervor. Sogar der neue Flügel einer Kinderklinik war nach ihm benannt worden. Elizabeth musste dem unbekannten Kommentator recht geben – dieser Mann war zu gut, um wahr zu sein!

Irgendetwas konnte mit ihm nicht stimmen, grübelte sie und überlegte belustigt, was wohl seine Achillesferse sein mochte. Vielleicht war er zu klein geraten, und seine Erfolge entsprangen einem ausgewachsenen Napoleon-Syndrom. Oder er war fett. Vielleicht sogar beides …? Elizabeth schüttelte den Kopf. Dagegen sprach seine Mitgliedschaft im Olympiaskiteam. Sie würde warten müssen, bis Jenny ihr diesen Wunderknaben hereinschicken würde.

Elizabeth warf einen Blick auf ihre dezente, sündhaft teure Armbanduhr, die an ihrem schmalen Handgelenk glitzerte. Zehn Minuten bis zum vereinbarten Termin, und sie hätte schwören können, dass Mr Masterton absolut pünktlich sein würde – wie alle erfolgreichen, wichtigen Männer. Diese Spezies schien nie Zeit zu verschwenden.

Am besten, sie machte sich schnell noch etwas frisch, bevor er kam.

Elizabeth ging in ihren ultraluxuriösen Waschraum. Geradezu lächerlich luxuriös, dachte sie und erinnerte sich noch gut an ihren Protest, weil Paul Meredith ihr diese Sonderbehandlung zukommen ließ. Es hatte nichts genützt. Energisch hatte ihr Chef den blonden Kopf geschüttelt. „Elizabeth! Sie sind die Beste und – was noch viel wichtiger ist – Sie verdienen nur das Beste!“

So war sie zu diesem privaten Luxusbad gekommen. Und das Seltsamste war, niemand in der ganzen Firma schien ihr dieses Privileg zu neiden. Vielleicht lag es auch nur daran, dass sie die einzige Frau in dem großen Trupp von Männern war, die ihr alle von Anfang an kollegiale Rückendeckung hatten zukommen lassen. Und, was viel wichtiger war – sie versuchten nicht, mit ihr zu flirten. Außer Paul, ihrem Chef, hatte niemand von ihnen je versucht, die beruflichen Beziehungen auf eine private Ebene zu ziehen. Doch auch er hatte schließlich ihr Nein akzeptiert und sich zurückgezogen. Vor einigen Jahren hatte Elizabeth für sich entschieden, dass sie mit ihrer beruflichen Karriere und dem Aufziehen ihres kleinen Sohnes so ausgelastet war, dass für eine Partnerschaft einfach keine Zeit und Kraft mehr blieben. Besonders, wenn sie dann auch noch so abrupt endete, wie die eine, die ihr Leben für immer verändert hatte …

Sie starrte gedankenverloren in den Spiegel und hatte Schwierigkeiten, in der smarten Karrierefrau, die unkomplizierte Beth Carson wiederzufinden, die sie mal gewesen war. Der vorzüglich geschnittene, kittfarbene Leinenrock war sehr figurbetont und die dazu passende lange Leinenjacke so geschnitten, dass sie ihre üppigen Brüste geschickt kaschierte. Langjährige Erfahrung hatte sie gelehrt, dass sie besser mit Männern reden und arbeiten konnte, wenn diese nicht ständig auf ihre außergewöhnliche Oberweite starrten.

Elizabeth hatte sich dieses betont kühle, strenge Image bewusst zugelegt, als eine Art Maske, hinter der sie sich verstecken konnte. Sie fühlte einen leichten Stich in der Herzgegend. Wann war das eigentlich genau passiert? Auf keinen Fall über Nacht. Aber vielleicht über ein Wochenende – ein bestimmtes Wochenende …?

Sie hörte entfernte Schritte und Jennys Stimme, die nach ihr rief. Das konnte nur bedeuten, dass ihr Klient eingetroffen war. Auf den hohen Absätzen, die ihre ohnehin langen Beine schier endlos erscheinen ließen, begab sie sich so schnell wie möglich an ihren Platz. Wie hatte sie sich nur so in Erinnerungen verlieren können, dachte sie ärgerlich. Es machte keinen guten Eindruck, einen wichtigen Klienten quasi vor der Badezimmertür zu empfangen.

Ihre Schritte stockten in der Sekunde, als sie Rick Masterton sah.

„Mr Masterton für Sie, Mrs Carson“, sagte Jenny förmlich.

Elizabeth hörte ihre Worte wie durch eine dicke Watteschicht, während sie mit angehaltenem Atem den Mann anstarrte, der ihr Büro förmlich auszufüllen schien. Er war weder klein noch fett noch glatzköpfig, dachte sie mit aufkommender Hysterie. Irgendetwas stimmte nicht mit ihrer Wahrnehmung. Es schien, als schaue sie durch das falsche Ende eines Teleskops. Alles um sie war totenstill – das einzige Geräusch war der heftige Pulsschlag ihres Blutes. Die Welt stand plötzlich Kopf – ihr größter Albtraum und ihr schmerzlichster Wunsch waren in diesem Augenblick Realität geworden. Er war es!

Elizabeth zwang sich, ihre Lungen langsam und vorsichtig mit Luft zu füllen. Hatte sie vielleicht Halluzinationen? Konnte dies wirklich der Mann sein, von dem sie jede einzelne Nacht in den letzten neun Jahren geträumt hatte?

Sie blinzelte krampfhaft hinter ihren Brillengläsern, aber die Vision verflüchtigte sich nicht. Er war es wirklich. Hier, in ihrem Büro! Riccardo! Der Vater ihres Sohnes.

Es dämmerte ihr schwach, was für ein komisches Bild sie abgeben musste, aber sie konnte nichts dagegen tun. Er ist meinetwegen wiedergekommen, schoss es ihr wild durch den Kopf, doch als sie seinem Blick begegnete, sah sie in seinen Augen nur ein vages, kühles Interesse, das man für gewöhnlich neuen Gesprächspartnern entgegenbringt. Elizabeths Herz klopfte schmerzhaft in ihrer Brust. Das beinahe Unfassbare war geschehen – er erkannte sie nicht mehr …

Sie stand einfach da, unfähig, sich zu rühren oder auch nur ein einziges Wort herauszubringen. Ihre Sekretärin betrachtete sie mit zunehmender Irritation. Rick Masterton drehte sich zu Jenny um. „Ist sie immer so?“, fragte er, mäßig interessiert. „Gibt es vielleicht einen Arzt in der Nähe?“

Doch bevor Jenny antworten konnte, gelang es Elizabeth endlich, sich zusammenzureißen. Was hatte sie denn erwartet? Ihr hätte schon damals klar sein müssen, dass sie für ihn nur eine von vielen attraktiven, jungen Frauen war, die mal das Bett mit ihm teilen durften.

„Mr Masterton.“ Sie nickte betont kühl. „Es freut mich, Sie kennenzulernen.“ Ihre Worte klangen in ihren eigenen Augen unaufrichtig, und sie reichte ihm auch keine Hand. Rick Mastertons Augen flackerten kurz, dann verhärtete sich sein Blick. Sie standen sich gegenüber und fixierten sich wie zwei Boxer vor einem Kampf. So geht das nicht, dachte Elizabeth, es muss doch einen Weg geben, normal und diplomatisch miteinander umzugehen. Sie schluckte mühsam und erinnerte sich errötend daran, dass die pure Höflichkeit gebot, dass sie ihm wenigstens eine Erfrischung anbot.

„Möchten Sie vielleicht einen Kaffee?“, fragte sie gepresst.

Unbewegt fixierte er sie weiter mit einem stechenden Blick. „Danke, nein.“

„Nun, in dem Fall … Jenny?“ Sie lächelte ihrer Sekretärin ins verstörte Gesicht. „Sie können Feierabend machen. Ich komme jetzt allein zurecht. Ich sehe Sie dann morgen.“

„Ja, Mrs Carson.“

Jennys Professionalität konnte nicht die Irritation und Besorgnis in ihrer Stimme verbergen. Nachdem sie die Tür hinter sich geschlossen hatte, wandte sich Elizabeth um und begegnete einem spöttischen Blick unter hochgezogenen, dunklen Brauen. „Wenn Sie mich einen Moment entschuldigen würden …“, murmelte sie gepresst.

Rick Masterton antwortete nicht, aber das war auch nicht nötig – sein Gesichtsausdruck sagte alles. Irgendwie schaffte sie es, in den Waschraum zu gelangen, ohne zu straucheln. Dort ließ sie eiskaltes Wasser über ihre Handgelenke laufen, als hoffe sie, damit ihre Verwirrung und Beklemmung wegwaschen zu können. Sie musste sich wieder unter Kontrolle bekommen. Es war nur ein Zufall, der Rick Masterton in ihr Büro geführt hatte, sagte sie sich eindringlich. Er erinnerte sich offensichtlich kein bisschen daran, dass er vor einer kleinen Ewigkeit mit ihr …

Aber was bedeutete das heutzutage schon? Und dann einem Mann wie ihm? Sie war es gewesen, die die Situation damals missverstanden hatte. Und deshalb hatte sie auch nicht das Recht, ihn mit den Folgen dieses fatalen Wochenendes zu konfrontieren. Er war ein zukünftiger Klient für sie, und nicht mehr. Doch als sie ins Büro zurückkehrte, meldete sich eine hartnäckige Stimme in ihrem Hinterkopf. Sag es ihm! Los, erzähl ihm von Peter!

Rick Masterton stand mit dem Rücken zu ihr und schaute aus dem Fenster. Doch als Elizabeth die Waschraumtür hinter sich schloss, wandte er sich rasch um.

Ihm erzählen, dass sie einen gemeinsamen Sohn hatten? Sein kühler, unpersönlicher Blick wischte die letzten Reste ihrer romantischen Jungmädchenträume einfach weg und hinterließ nur eine dumpfe Traurigkeit. „Setzen Sie sich doch bitte“, forderte sie ihn nochmals auf und wies mit ihrer schmalen Hand auf einen bequemen Ledersessel vor ihrem Schreibtisch.

„Danke sehr.“ Die höfliche Floskel konnte den Spott in seiner Stimme nicht verbergen. Er wartete, bis Elizabeth sich gesetzt hatte, bevor er selbst Platz nahm. Dann schaute er sie so eindringlich an, dass sie fast damit rechnete, dass er jeden Moment ein erstauntes „Beth!“ ausrufen würde. Doch als er schließlich sprach, klang seine Stimme unbewegt und neutral.

„Sind Sie eigentlich immer so abweisend und feindselig neuen Klienten gegenüber, Mrs Carson?“, fragte er kühl.

Glücklicherweise kehrte bei diesen Worten etwas von Elizabeths gewohnter Selbstsicherheit und Ruhe zurück. „Ich stehe im Moment ziemlich unter Druck, Mr Masterton“, sagte sie offen. „Eine scheußliche Grippe hat auch nicht gerade dazu beigetragen, die Umstände zu verbessern.“ Aber diese Erklärung gab keine ausreichende Entschuldigung für ihr seltsames Verhalten ab, das wussten sie beide.

Sie konnte es in seinen blaugrünen Augen lesen, die sie unter zusammengezogenen schwarzen Brauen skeptisch musterten. Doch Elizabeth beschloss, sich von diesem Mann nicht wieder aus der Ruhe bringen zu lassen. Ihr Besucher ließ sie nicht aus den Augen und lehnte sich lässig in dem weichen Ledersessel zurück, als hätte er jedes Recht der Welt, hier in ihrem Büro zu sitzen.

„Sagen Sie, haben Sie eigentlich ein generelles Problem mit Männern, meine Liebe?“, fragte er gedehnt und ließ seinen Blick über ihr jungenhaft kurz geschnittenes Haar gleiten. Elizabeth fühlte, wie brennende Röte in ihre Wangen schoss.

„Was sollte Sie das angehen?“

Rick zuckte mit den breiten, kräftigen Schultern. „Ich bin ein moderner, aufgeschlossener Mann. Ich kann damit umgehen. Sie wissen ja, wie es heißt – jedem Tierchen sein Pläsierchen.“

Elizabeth holte tief und empört Luft. „Wenn Sie das andeuten wollen, was ich vermute, dann kann ich Ihnen nur versichern, dass Sie sich irren! Und zwar gewaltig!“

„Tatsächlich …?“ Seine Stimme klang sanft, gefährlich sanft. „Umso besser …“ Er ließ seinen trägen Blick von ihren vollen Lippen, zu ihrer kaum zu verbergenden, üppigen Brust wandern. Seine Augen verdunkelten sich und die wie gemeißelt wirkenden Nasenflügel bebten. Elizabeth fühlte, wie ihr Hals sich verengte, und wurde nur von einem einzigen Gedanken beherrscht – sie musste dafür sorgen, dass er hier verschwand, und zwar augenblicklich, ehe es zu spät war …

„Mr Masterton!“, sagte sie mit betont kalter Stimme. Die Luft schien vor Elektrizität zu knistern. „Ich denke, Sie gehen jetzt lieber.“

„Gehen?“, fragte er amüsiert, aber seine Augen glitzerten hart wie Kristall. „Ich bin doch gerade erst gekommen.“

Oh, diese Augen! Blaugrün schimmerten sie, wie das Meer an einem lichten Sommertag.

„Tut mir leid“, sagte sie bestimmt. „Aber es scheint mir offensichtlich zu sein, dass wir keine Basis für eine konstruktive Zusammenarbeit finden werden.“ Mit einer entschiedenen Geste klappte sie den vor ihr liegenden Aktenordner zu, um ihre Worte zu unterstreichen, aber Rick Masterton lehnte sich nur noch bequemer in seinem Sessel zurück.

„Oh, und warum sollte das so sein?“

Elizabeth verspürte das kaum zu bezwingende Bedürfnis loszuschreien, weil seine bloße Anwesenheit ihr unaufhaltsam unwillkommene Erinnerungen vor ihr inneres Auge malte. Die leidenschaftlichen Küsse, mit denen er sie betört hatte, seine unvergleichliche Zärtlichkeit und Raffinesse, mit der er sie überwältigt und willenlos gemacht hatte …

Elizabeth schluckte heftig, um ihre plötzlich aufsteigenden Tränen zu unterdrücken, und zauberte ein schiefes Lächeln auf ihre zitternden Lippen. „Na, kommen Sie, Mr Masterton“, sagte sie betont forsch. „Spielen Sie nicht den Naiven. Wir haben es beide von Anfang an gespürt, nicht wahr? Eine unüberwindbare Antipathie – falsche Chemie –, wie immer Sie es nennen wollen. So etwas gibt es.“

Sein Blick umwölkte sich. „Ich sehe das ganz anders“, konterte er knapp. „Es gibt nichts Konstruktiveres für eine dynamische Zusammenarbeit als einen … nennen wir es mal kleinen Konflikt. Er schärft den Geist. Außerdem ist es eine erfrischende Abwechslung“, fügte er mit einem unseligen Glitzern in seinen verführerischen Augen hinzu, und ließ dann seinen Blick zu ihren langen, schlanken Beinen wandern, die er dank seiner lässigen Sitzhaltung unter dem Schreibtisch sehen konnte. Elizabeth fühlte einen heißen Strom durch ihren Körper fließen und begann zu zittern. Und was noch schlimmer war, an den zuckenden Mundwinkeln ihres Gegenübers konnte sie sehen, dass ihm diese Reaktion ihres verräterischen Körpers auch nicht entgangen war.

Er hatte nichts von seinem verdammten Sex-Appeal verloren, dachte sie mit aufsteigender Panik. Und sie reagierte so zuverlässig darauf wie damals, als sie noch ein unbedarfter, romantischer Teenager von knapp achtzehn Jahren gewesen war. Kein Laut war zu hören, als sie sich selbstvergessen anschauten, wobei seine Augen vor wachsendem Interesse funkelten.

Die Zeit war freundlich mit ihm umgegangen, dachte Elizabeth versunken. Sehr freundlich sogar. Aus seiner Akte wusste sie, dass Rick inzwischen vierunddreißig Jahre alt war. Er sah immer noch umwerfend attraktiv aus und verkörperte das Idealbild eines selbstbewussten, erfolgreichen Mannes mit Autorität und Charisma.

Sie hatte nie wieder einen Mann wie ihn getroffen. Die Kombination dieser ungewöhnlich strahlenden blaugrünen Augen, gepaart mit den fast mädchenhaft langen, dunklen Wimpern und dem dichten, schwarzen Haar, schien tatsächlich einmalig zu sein. Mit seiner olivfarbenen Haut und der aristokratisch gebogenen Nase, konnte er seine italienischen Vorfahren nicht verleugnen, die natürlich, zu allem Überfluss, aus einem alten, römischen Adelsgeschlecht stammten.

Sein Körper allerdings und sein Akzent ließen eindeutig den Amerikaner erkennen. Er war groß, mit sportlich trainierten Muskeln ausgestattet und verfügte über eine dunkle, rauchige Stimme, um die ihn jeder Schauspieler beneidet hätte. Er war das, was er immer gewesen war – ein Traum von Mann.

Elizabeth beugte sich vor. „Hören Sie, Mr Masterton, ich kann nicht für Sie arbeiten. Ich kann Ihnen aber andere ausgezeichnete …“

„Nein“, sagte er ruhig, aber entschieden. „Ich möchte, dass Sie persönlich sich um meine Angelegenheiten kümmern.

„Ich glaube, Sie haben mich nicht verstanden, Mr Masterton …“

„Nein, Mrs Carson“, unterbrach er sie in einem Ton, der keinen Widerspruch duldete. „Sie scheinen mich nicht verstanden zu haben. Sie sind mir empfohlen worden, weil Sie sich auf Anwaltspraxen spezialisiert haben, und genau das ist meine Profession. Man hat mir gesagt, Sie seien die Beste, und deshalb will ich, dass Sie für mich arbeiten. Ich denke, ich sollte Sie besser warnen, Mrs Carson …“ Jetzt funkelten seine hellen Augen wieder voller Spott. „Ich bin gewohnt zu bekommen, was ich will – immer! Und ich will Sie. Mir ist es egal, ob Sie mich unsympathisch finden, warum auch immer. Ihre Probleme mit Männern interessieren mich nicht. Ich will nur, dass Sie für mich arbeiten, nicht, dass Sie mich heiraten.“ Elizabeth zuckte unter der von ihm unbeabsichtigten Ironie seiner Worte zusammen.

Rick verzog seine Mundwinkel zu einem kühlen Lächeln. „Ich frage mich nur, was Paul Meredith dazu sagt, dass eine seiner Angestellten ihr Bestes tut, um einen lukrativen Klienten zu vergraulen …“

Sie nahm durchaus die unterschwellige Drohung in seiner seidenweichen Stimme wahr und wusste, dass sie in diesem Moment ihre berufliche Kariere aufs Spiel setzte, für die sie so lange und so hart gekämpft hatte. War es das wirklich wert? Sie schaute ihm ruhig und fest in die Augen.

„Gut“, sagte sie so sachlich wie möglich. „Sie sind mein Klient und scheinen ja genau zu wissen, was Sie wollen. Und ich kann Ihnen nur versichern, alles für Sie zu tun, was in meiner Macht steht.“

Erstaunen blitzte kurz in seinen Augen auf, dann verdunkelte sich sein Blick wieder. „Das hört sich schon besser an“, sagte er gedehnt und schaute Elizabeth forschend in die Augen. Sie hielt unwillkürlich die Luft an und überlegte, ob er sie jetzt vielleicht doch erkannt hatte, aber da war der Moment auch schon vorüber. Mit einem unhörbaren Seufzer zog sie eine Schreibmappe zu sich heran, schlug sie auf und griff nach einem Füllfederhalter. Dann hob sie den Blick erwartungsvoll zum Gesicht ihres neuen Klienten empor. „Mr Masterton …?“

„Rick.“

Sie wunderte sich noch flüchtig, dass er die amerikanische Abkürzung seines italienischen Vornamens gebrauchte, und schüttelte dann entschieden den Kopf. „Diese vertrauliche Art mag in Amerika üblich sein, Mr Masterton, entspricht aber nicht unseren englischen Gepflogenheiten“, sagte sie höflich distanziert. „Ich möchte es bei der formellen Anrede belassen, wenn Sie nichts dagegen haben.“

„Meine Güte, sind Sie verklemmt“, murmelte er spöttisch.

Elizabeth starrte ihn an, ohne auf seinen Kommentar zu reagieren. „Können wir, Mr Masterton?“, fragte sie frostig. Er nickte kurz. „Also, welche Art von Firma gedenken Sie hier in England zu etablieren?“

„Eine Anwaltskanzlei, natürlich“, sagte er arrogant. „Was sonst?

„Aber Ihre anwaltliche Zulassung ist auf die Staaten beschränkt. Und als amerikanischer Jurist …“

„Rechtsanwalt.“

„Als amerikanischer Rechtsanwalt können Sie nicht so ohne Weiteres eine Kanzlei in England führen.“

„Das habe ich auch nicht vor. Dafür habe ich einige sehr fähige, englische Kollegen vorgesehen. Ich bin nur hier, um alles in die Wege zu leiten und den Kurs zu bestimmen. Sobald das erledigt ist, fahre ich wieder in die Staaten.“

Sie konnte die Erleichterung in ihrer Stimme nicht unterdrücken. „Sie sind also nur vorübergehend in England?“

Es zuckte um seine Mundwinkel. „Höchstens ein paar Monate, Mrs Carson.“

Gott sei Dank, dachte Elizabeth. „Und an was für Fachgebiete haben Sie bezüglich Ihrer Kanzlei gedacht – Strafrecht, Familienrecht …?“

Er zwinkerte spöttisch mit den Augen. „Oh nein. Genau wie Sie, Mrs Carson, habe ich mich auf etwas ganz Außergewöhnliches spezialisiert.“

„Und das wäre?“, fragte sie steif.

„In Amerika nennen wir es Palimony. Ich bemühe mich darum, gewohnheitsrechtliche Verbindungen auf rechtliche Füße zu stellen, um entsprechende finanzielle Absicherungen für die Betroffenen zu gewährleisten. Aber das ist nur ein Bereich – mein Hauptinteresse gilt dem Wohlergehen von Kindern.“

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