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Ja heißt für immer

PROLOG

Wie gebannt blickte Katie Fitzgerald auf das leuchtend rote Fahrrad. Es lag zusammen mit anderen schrottreifen Rädern hinter der Eisdiele, wo ihr älterer Bruder und seine Freunde gerade eben eingekehrt waren.

Obwohl ihr bei dem Gedanken an ein leckeres Eis das Wasser im Mund zusammenlief, sagte sie sich: Das ist meine Chance, Rad fahren zu lernen.

Ihre Zwillingsbrüder waren zwei Jahre jünger als sie und konnten es schon. Nur sie noch nicht. Und das, weil ihre Eltern ihr nicht einmal erlaubten, es zu versuchen.

Ich kann nichts dafür, dass ich so klein bin, dachte sie und ballte die Hände zu Fäusten. Ihr Vater nannte sie manchmal scherzhaft „Zwerg“, was sie jedes Mal verletzte. Aber sie zeigte ihre Tränen nicht, hob stolz den Kopf und schob das Kinn vor. Immerhin war sie eine Fitzgerald und zehn Jahre alt – so gut wie erwachsen.

Katie überlegte: Wenn David und seine Freunde erst einmal anfangen zu quatschen und wie die Weltmeister anzugeben, hocken sie den ganzen Nachmittag im Café. Sie musste nur aufpassen, dass sie von niemandem gesehen wurde.

Leichter gesagt als getan. Lone Star Canyon war eine Kleinstadt, und jeder kannte jeden vom Sehen, wenn nicht sogar beim Namen. Dabei hatte Katie nicht vor, das Fahrrad zu stehlen. Sie wollte es sich nur von ihrem Bruder ausleihen.

Wenn ihre Mutter erfuhr, dass sie sich das Radfahren ganz allein beigebracht hatte, hörte ihre Familie hoffentlich auf, sie wie ein Baby zu behandeln. Nur, weil sie als kleines Kind oft krank gewesen war, verboten die Eltern ihr noch heute, Sport zu treiben. Für Katie galten andere Regeln als für ihre Geschwister. Die durften sich viel mehr Freiheiten herausnehmen.

Letzten Endes hing alles davon ab, dass sie das Radfahren beherrschte. Dann mussten ihre Eltern ein Einsehen haben und sie draußen spielen lassen. Sie hatte also guten Grund, sich das Rad auszuborgen. Niemand konnte etwas dagegen haben, oder?

Katie presste die Lippen aufeinander. Da sie ohnehin Ärger bekommen würde, brauchte sie auch nicht auf das Vergnügen zu verzichten. Sie richtete das Fahrrad auf und schwang ein Bein über die Stange.

Aber der Sattel war viel zu hoch für sie. Selbst wenn sie sich auf die Zehenspitzen stellte, konnte sie nicht sitzen. Sie schob das Rad an den Straßenrand und benutzte den Bürgersteig, um aufzusteigen. Langsam stieß sie sich ab.

Eine halbe Stunde später waren ihre Knie und Ellenbogen aufgeschürft. Aber trotz Schmerz und Tränen gab sie nicht auf. „Ich kann es lernen“, murmelte sie wild entschlossen.

„Du machst es ganz falsch“, hörte sie plötzlich eine Stimme hinter sich.

Als sie sich umdrehte, begann ihr Herz heftig zu klopfen. Jack Darby rollte auf seinem verbeulten Rad geschickt vom Bürgersteig auf sie zu und kam einen Meter vor ihr zum Stehen.

Obwohl er nur ein Jahr älter war als sie, überragte er sie um einen ganzen Kopf. Wie alle Darbys hatte er dunkles Haar und braune Augen. Katie wagte kaum zu atmen, so einen Respekt hatte sie vor ihm. Aber selbstverständlich würde sie das einen Darby nicht merken lassen.

„Soll ich es für dich halten, Katie?“ Jack ließ sein Rad auf den Boden fallen und ergriff ihren Sattel. „Zuerst musst du lernen, die Balance zu halten. Der Rest ist dann ganz einfach.“

„Es geht schon. Ich brauche deine Hilfe nicht“, ließ sie ihn abblitzen.

Für einen Moment verfinsterte sich sein Blick. Hatte sie ihn verletzt? Aber er war ein Junge, und Jungen waren nicht empfindlich.

Er stand ruhig neben ihr und musterte sie. Katie erwiderte seinen Blick. Eigentlich machte Jack Darby gar nicht den Eindruck, als wollte er ihr etwas antun. Nein, er wirkte richtig freundlich.

„Alle Darbys hassen alle Fitzgeralds. Vom ersten bis zum letzten Atemzug. Die Darbys und die Fitzgeralds sind verfeindet, seit der Staat Texas existiert“, so klangen ihr die Worte ihres Vaters in den Ohren.

Jack deutete auf ihre blutigen Knie. „Du schürfst dir ja die ganze Haut ab. Willst du wie ein gehäutetes Hühnchen aussehen?“

Bei dieser Vorstellung musste sie lachen. „Werd ich schon nicht.“

„Wenn sie dich sehen, laufen sie weg.“ Jack klopfte auf den Sattel. „Komm schon. Meine beiden Schwestern können auch Rad fahren, und die sind jünger als du.“

Die Herausforderung in seiner Stimme klang gar nicht böse. Seine Augen schienen zu lächeln. Die zu langen Haare fielen ihm in die Stirn. Bisher hatte sie Jack nur von Weitem in der Schule gesehen. Obwohl ihr Dad ständig abfällige Bemerkungen über die Darbys machte, fand sie den Jungen eigentlich ziemlich nett.

„Was mache ich bloß falsch?“ Verlegen zupfte sie am Saum ihres T-Shirts. Der Sommer in Lone Star Canyon war heiß, und beide Kinder trugen Shorts. Jacks Beine waren glatt und sonnengebräunt – ohne jeden Kratzer.

Mit einer Hand hielt er den Lenker fest, die andere lag auf dem Sattel. „Mach schon, steig auf. Stell die Füße auf die Pedale. Ich lass dich schon nicht hinfallen. Bald fühlst du dich ganz von selbst sicher.“

Eine Weile schob Jack sie herum, während sie schwankend die Pedale trat. Dabei fiel ihr auf, dass er gar nicht so übel roch. Es konnte also nicht stimmen, dass die Darbys sich nicht wuschen, wie ihr Dad immer behauptete.

Plötzlich gab Jack ihr einen kleinen Schubs. Katie schrie auf. Beinahe hätte sie das Gleichgewicht verloren, aber dann trat sie einfach kräftig weiter zu, und tatsächlich: Sie konnte Rad fahren.

„Ich kann es“, schrie sie glücklich.

Nach einer Stunde radelten sie noch immer. Katie war nicht so schnell wie Jack, aber er wählte Wege, auf denen sie ihm leicht folgen konnte.

„Nicht schlecht für ein Mädchen“, meinte er anerkennend. „Du bist so klein, dass ich dich ins Wasser zurückwerfen würde, wenn du ein Fisch wärst. Aber du machst es prima.“

Katie strahlte. „Diesen Sommer bleibe ich nicht im Haus“, verkündete sie Jack und der ganzen Welt. „Ich will spielen und Spaß haben und …“

„Hab ich euch!“

Plötzlich standen vier Jungen vor ihnen. Drei von ihnen packten Jack und sein Rad, während der vierte – der dreizehnjährige David Fitzgerald – Katie von seinem Fahrrad zog.

„Du hast mein Fahrrad gestohlen.“

Katie wäre beinahe wieder gestürzt. „Ich hab es mir nur geliehen. Ich wollte Radfahren lernen. Auf der Farm darf ich es ja nicht.“

Flehentlich blickte sie ihren älteren Bruder an, der sonst immer so lieb zu ihr war. Aber als sie sein zorniges Gesicht sah, fiel ihr sofort wieder ein, dass er nur lieb war, wenn sie allein waren. Vor Freunden neckte und quälte er sie ohne Rücksicht auf ihre Gefühle.

Jack versuchte, sich aus der Umklammerung der anderen drei Jungen herauszuwinden, aber sie waren nicht nur in der Überzahl, sondern auch älter und größer als er.

Katie ahnte Schlimmes. Sie rannte zu ihrem Bruder und packte ihn am Ärmel. „Tu ihm nichts, David. Er war supernett zu mir und hat mir das Radfahren beigebracht.“

„In der Nähe meiner Schwester hat kein Darby was zu suchen“, schimpfte David.

All die Wunden und Kratzer hatten Katie nicht zum Weinen bringen können. Aber der Anblick ihres neuen Freundes, hilflos in den groben Händen der Jungen, trieb ihr die Tränen in die Augen.

„Du bist ein Feigling“, schrie sie ihren Bruder an. „Vier gegen einen. Zu einem fairen Kampf reicht es ja nicht bei dir.“

David ging auf sie los. „Halt’ die Klappe, sonst kommst du als Nächste dran.“

Sie schob das Kinn vor. „Vor dir habe ich noch lange keine Angst, David Fitzgerald. Na klar, wer einen Wehrlosen verprügelt, schlägt auch kleine Mädchen. Dad wird stolz auf dich sein, wenn er das hört.“

David überlegte kurz und herrschte seine Freunde an: „Lasst ihn los.“

„Lauf“, schrie Katie.

Aber kaum hatten sie ihn freigelassen, stürzte sich David auf ihn. Jack wehrte sich, obwohl die anderen drei gleich wieder auf ihn einschlugen. Das nimmt ein schlimmes Ende, dachte sie, warf sich dazwischen, biss und kratzte verzweifelt, um ihrem neuen Freund zu helfen.

Als ein kräftiger Schlag sie an der Schläfe traf, wurde es dunkel um sie herum.

Die Stimme ihres Vaters weckte sie. Endlich, dachte sie benommen, jetzt ist Jack in Sicherheit. Aber als sie die Augen öffnete, sah sie, dass ihr Vater Jack wie einen Hund schüttelte.

„Nicht, Dad“, rief sie. „Jack hat nicht angefangen. David war’s.“

Ihr Vater ließ Jack gehen. „Egal, wer angefangen hat. Jetzt ist Schluss. Kein Darby hat etwas in der Nähe meiner Familie zu suchen.“

Das kann doch nicht wahr sein. Hatte ihr Vater sie missverstanden? „Daddy, Jack hat mir geholfen. Ich kann jetzt Rad fahren.“

Jack richtete sich auf. Blut tropfte aus einer aufgeplatzten Lippe, sein linkes Auge war beinahe zugeschwollen. Das schmutzige T-Shirt hing ihm in Fetzen von den Schultern. Aber zu Katies Freude sahen die anderen Jungen beinahe ebenso schlimm aus.

Ihr Vater schaute sie finster an. „Was wird deine Mutter dazu sagen, dass du deinem Bruder das Fahrrad gestohlen und dich geprügelt hast?“

Darauf wollte Katie nicht antworten. „Es tut mir so leid, Jack“, rief sie, als der Junge davonhumpelte.

„Du hast ihm nichts zu sagen“, befahl ihr Vater. „Die Darbys sind der letzte Dreck.“

Tränen rollten über ihre Wangen. „Nein, das stimmt nicht. Jack ist mein Freund.“

Vor David und seinen Freunden, schlimmer noch, vor Jack, verpasste ihr Vater ihr eine saftige Ohrfeige. „Mit solchen Leuten haben wir nichts zu tun, junges Fräulein. Verstanden?“

Schweigend blickte Katie Jack hinterher und schwor sich, dieses Unrecht wiedergutzumachen. Und wenn es eine Ewigkeit dauern sollte …

1. KAPITEL

Neunzehn Jahre später

Jack Darby kam rechtzeitig hinzu, als vier junge Rüpel einen schmächtigen Jungen verprügelten. Der kleine Kerl, blass und mit Brille, boxte wie ein hilfloses Mädchen. Er hatte so wenig Chancen gegen seine Angreifer wie ein Kätzchen gegen ein Rudel Wölfe.

Manches ändert sich nie, dachte Jack, während er sich an die vielen Kämpfe erinnerte, die er als Kind hatte ausfechten müssen. Rasch schritt er auf die Gruppe zu.

„Aufhören“, herrschte er die Jungen an.

Die vier Rabauken blickten auf und rannten sofort in Richtung Hauptstraße.

Jack rechnete mit Blut und Tränen, als er sich zu dem Kleinen am Boden hinunterbeugte. „Alles in Ordnung?“

Aber der Junge lächelte stolz. „Haben Sie das gesehen? Zweien habe ich was auf die Nase gegeben.“ Er rappelte sich auf und rückte seine Brille zurecht. Seine Unterlippe blutete, aber das schien er nicht zu spüren.

Jack reichte ihm ein Taschentuch.

„Blute ich?“

„Du hast dir auf die Lippe gebissen.“

„Toll. Wie im Kino.“ Der Kleine presste das Taschentuch an den Mund. Als er das Blut sah, freute er sich. „Cool.“

„Für jemanden, der beinahe tot geprügelt wurde, geht es dir offensichtlich noch recht gut“, stellte Jack fest.

„Auch wenn man weiß, dass man verliert, muss man wie ein Mann kämpfen.“

Jack musterte ihn interessiert. Der Junge mochte sieben oder acht Jahre alt sein, klang aber älter. Vielleicht redete er auch nur altklug daher – wie Jacks Mutter es ausdrücken würde.

„Jedenfalls hast du früh eine lehrreiche Erfahrung gemacht“, räumte er ein. „Aber nächstes Mal solltest du dir nicht gleich vier große Jungs vornehmen, sonst hast du wieder keine Chance.“

„Werd ich nicht vergessen.“ Der Kleine gab Jack das Taschentuch zurück. „Ich bin Shane Fitzgerald.“

„Jack Darby“, antwortete Jack automatisch. Was Shane dann noch sagte, hörte er schon nicht mehr.

Shane Fitzgerald. Katies Sohn!

Blondes Haar, blaue Augen. Alle Fitzgeralds hatten eine helle Haut und helle Haare. Er hätte ihn gleich erkennen müssen.

Katies Kind. Als Katie im Sommer vor elf Jahren ihren Highschool-Abschluss gemacht hatte, versprach sie Jack, ihn bis in alle Ewigkeit zu lieben. Shane war der lebendige Beweis, dass dieses Versprechen nur leere Worte gewesen waren.

„Ich sollte jetzt zu meiner Mom gehen“, verabschiedete sich der Junge. „Sie macht sich sonst Sorgen.“

„Das haben Mütter so an sich. Weißt du was? Ich begleite dich. Für den Fall, dass sie mehr über deine Prügelei erfahren möchte.“

Jetzt wirkte Shane nicht mehr so selbstbewusst. Er seufzte. „Mom mag nicht, wenn ich mich mit anderen prügle.“

„Das glaube ich gern. Was das betrifft, habe ich in deinem Alter mehr als genug Erfahrungen gemacht.“

„Haben Sie sich oft geprügelt?“

„Zu oft.“

„Waren Sie der Gewinner?“

Jack erinnerte sich, wie er Katie Fitzgerald das Radfahren beigebracht hatte und von ihrem Bruder und seinen Freunden verprügelt worden war. „Meistens.“

Shane lief auf das Gebäude zu, in dem sich die Praxis von Dr. Stephen Remington befand, dem neuen Arzt von Lone Star Canyon. Jack folgte dem Jungen durch die Glastür zur Rezeption und sah dort Katie Fitzgerald im Gespräch mit Remington.

Sie bemerkten die Ankommenden nicht, und Shane schien es auch nicht eilig zu haben, sein Kommen anzukündigen. Jack war das nur recht. Er nahm die Gelegenheit wahr, Katie einen Moment lang zu betrachten und festzustellen, ob sie sich äußerlich verändert hatte, nachdem sie die Stadt verlassen hatte …

Er erinnerte sich an jene Nacht vor elf Jahren, als sei es gestern gewesen. Katie war achtzehn und wollte aufs College. Schon damals war ihm klar gewesen, dass er den Rest seines Lebens in Lone Star Canyon verbringen würde. Sie wollte, dass er mitkam, flehte ihn an und versprach, ihn immer zu lieben – ganz gleich, was geschehen mochte. Zum Schluss zog sie ihr T-Shirt aus und bestürmte ihn, mit ihr zu schlafen.

Mehrmals waren sie sich sehr nahegekommen, aber sie hatten ihrem Verlangen nie nachgegeben. Nur mit äußerster Selbstbeherrschung konnte er Katie auf Distanz halten. Er musste sich dazu zwingen, denn er wusste ja, dass einer von ihnen fortgehen würde. Nur, er konnte es nicht sein.

Heute, nach all diesen Jahren, musterte er erneut diese Frau, die damals ein Teenager gewesen war.

Sie war noch immer klein, vielleicht einssechzig. Die langen Haare hatte sie abgeschnitten, dafür umrahmten kurze Locken ihr Gesicht und betonten ihre hohen Wangenknochen. Mit ihrem bezaubernden Lächeln konnte sie noch heute einen ganzen Raum erhellen.

Vor allem aber war sie eine Fitzgerald geblieben. Schon damals gab es tausend Gründe, warum eine Beziehung zwischen ihnen undenkbar war. Heute waren es noch viel mehr …

Was fühle ich bei ihrem Anblick?, fragte sich Jack. Bedauern? Trauer? Nein, er empfand gar nichts – er hatte seine Lektion gelernt. Er hatte keine Lust mehr, sich auf Frauen einzulassen, am wenigsten auf Katie Fitzgerald.

Ein Nerv zuckte in ihrem Nacken. Katie zitterte leicht, spürte, wie sich ihr Magen verkrampfte. Obwohl sie gerade intensiv mit Dr. Remington über einen Patienten sprach, drehte sie sich unwillkürlich um. Zwei Personen hatten die Rezeption betreten, ihr Sohn – schmuddelig und blutend – und sein Begleiter: Jack Darby.

„Hallo, Katie“, grüßte der Geist aus ihrer Vergangenheit.

Sie hielt den Atem an. Unmöglich zu sagen, wessen Anblick sie am meisten schockierte. Shanes oder Jacks. Sie war froh, dass auch Stephen Remington Jacks Gruß gehört hatte.

„Hey, Jack. Was ist denn hier passiert?“ Damit ging der Arzt auf Shane zu und hob sein Kinn an. Die Unterlippe war deutlich geschwollen.

Mit einem trotzigen Blick auf seine Mutter berichtete Shane von der Prügelei. „Aber es war nicht meine Schuld. Die anderen haben angefangen.“

„Jedenfalls hast du durchgehalten“, lobte Stephen den Jungen. „Ich bin beeindruckt. Lass mich zuerst deine Lippe ansehen. Tut es sonst noch irgendwo weh?“

Katie war erschrocken, weil ihr Sohn sich geprügelt hatte, und sie war verwirrt, weil das Wiedersehen mit Jack so überraschend kam. Wie sollte sie sich jetzt verhalten?

Vor allem erst einmal die Ruhe bewahren, befahl sie sich selbst.

„Seine Zähne haben glücklicherweise nichts abbekommen.“ Stephen lächelte Katie aufmunternd zu. „Keine Panik.“

„Siehst du, Mom, ich bin schon groß und gar nicht wehleidig“, trumpfte Shane auf.

Katie zuckte zusammen. Verflixt. Offensichtlich hatte ihr Sohn das Gespräch mit ihrem Vater am Morgen belauscht. Aaron war höchst unzufrieden mit seinem Enkel, der so gar kein starkes Mannsbild zu werden versprach. Aus diesem Grund hatte Shane auch panische Angst vor seinem Großvater. Was für eine unerträgliche Situation …

„Er hat sich tapfer gewehrt“, sagte Jack leise, damit Shane ihn nicht hörte. „Und er hat wirklich nicht angefangen. Sei nicht zu streng mit ihm, ja?“

Katie sah den Mann an, der einmal der Mittelpunkt ihrer Welt gewesen war. Die Zeit hatte die glatten Züge des damals Neunzehnjährigen rauer und gleichzeitig noch attraktiver werden lassen. Seine gebräunte Haut verriet, dass er meistens im Freien arbeitete. Er hatte eine schlanke kraftvolle Figur – ein Farmer, der sein Leben seinem Grund und Boden widmete.

Sein Blick wirkte offen, der Zug um seinen Mund genauso entschlossen wie damals. Vor langer Zeit hatte sie geglaubt, Jack beinahe ebenso gut zu kennen wie sich selbst. Hatte sie sich das nur eingebildet? War er möglicherweise ein ganz anderer Mensch?

„Danke, Jack, dass du ihm geholfen hast.“ Sie hoffte, dass ihre Stimme normal klang.

Jack lächelte sie an. „Ich bin dir ja noch etwas schuldig. Vor vielen Jahren hast du mir bei einer Prügelei geholfen.“

Katie erwiderte sein Lächeln nicht. „Ich weiß nur noch, dass du meinetwegen verprügelt worden bist.“

Die kleine Narbe am Mundwinkel war noch sichtbar. Wie gern hätte sie die Stelle kurz berührt – wie früher. Sie hatte sie oft geküsst, hatte geschworen, alles für ihn zu tun …

Ihr Blick fiel auf Shane. Ganz sicher war dieses Kind für Jack der Beweis, dass ihr Schwur nichts als ein leeres Versprechen war.

„Keine bleibenden Schäden“, unterbrach Stephen ihre Gedanken und half Shane von der Liege. „Geh Prügeleien in Zukunft möglichst aus dem Weg, junger Mann.“

Shane stellte sich militärisch gerade hin. „Jawohl, Sir.“

Jetzt wandte sich Stephen Katie und Jack zu. „Ich hatte es ganz vergessen: Sie kennen sich ja schon. Nicht ungewöhnlich in einer kleinen Stadt.“

Er lächelte. „Ich habe hier allerdings immer noch nicht mit allen Bekanntschaft geschlossen.“

Katie schob die Hände in die Hosentaschen und versuchte, ihre Nervosität zu unterdrücken. „Stephen kommt aus Boston“, erklärte sie.

„Ich weiß“, sagte Jack.

Sie blickte von einem zum anderen. „Sie kennen sich?“

Stephen nickte. „Ich habe Ihnen doch von meiner Patientin erzählt, die sich bei einem Unfall Becken, Hüfte und Bein gebrochen hat. Das ist Hattie Darby, Jacks Mutter.“

Jack kniff die Augen zusammen. „Wieso unterhalten Sie sich mit ihr über meine Mutter?“

Katies Mut sank. Diese schroffe Bemerkung klang nicht gerade vielversprechend.

Aber als Profi ließ sie sich nichts anmerken und lächelte Jack freundlich an. „Ich bin jetzt selbstständige Physiotherapeutin und erst seit ein paar Wochen in der Stadt. Stephen hat mir den Auftrag gegeben, mit deiner Mutter eine Rehabilitationsbehandlung durchzuführen. Dazu werde ich jeden Tag zu ihr auf die Farm fahren.“

Jack hatte viele Fragen, aber er blieb stumm. Er presste die Lippen aufeinander und schien nicht sonderlich erfreut über die Aussicht, sie wieder in seinem Leben zu haben. Aber Katie war auch nicht gerade glücklich darüber.

Sie war nie eine gute Lügnerin gewesen und hatte sich vor allem selbst nie etwas vormachen können. Insgeheim leugnete sie nicht, dass Jack Darby auch heute ihr Herz schneller schlagen ließ und die Schmetterlinge in ihrem Bauch zum Flattern brachte. Dass sie allen Männern abgeschworen hatte, spielte auf einmal keine Rolle mehr.

„Dann sehe ich dich wohl demnächst bei uns.“ Jack drehte sich um, lächelte Shane kurz zu und ging.

Stephen schaute von Katie zur Tür. „Ich habe von dem Streit zwischen den Fitzgeralds und den Darbys gehört, aber heute habe ich zum ersten Mal erlebt, wie er ausgetragen wird.“

„Ja wirklich, das muss man gesehen haben“, murmelte Katie niedergeschlagen.

„Die meisten Mütter tun, was zu ihrem Alter passt“, beklagte sich Jack.

Er saß am Bett seiner Mutter in einem Privatzimmer der Reha-Klinik von Lone Star Canyon, wohin sie nach dem Krankenhausaufenthalt überwiesen worden war und seit sechs Wochen lag. Endlich war sie so weit wiederhergestellt, dass sie nach Hause entlassen werden konnte.

Hattie zwinkerte ihrem ältesten Sohn zu. „Ist dir eine Laus über die Leber gelaufen, oder warum hast du so schlechte Laune?“

„Es ist gar nichts.“

„Du bist doch wohl nicht mehr böse auf mich, weil ich diesen Unfall hatte, Jack? Er war nicht geplant.“

Er kniff die Augen zusammen. „Du hast dich mit dem Fassreiten beim Grillfest der Thompsons einfach übernommen. Mit deinen fünfzig Jahren wird es Zeit, dass du dein Verhalten deinem Alter anpasst.“

„Mein Pferd hat den Halt verloren, das ist ja wohl kaum meine Schuld.“ Hatties dunkle Augen funkelten zornig.

„Und sag mir nicht, wie ich mich verhalten soll“, fuhr sie ihn an. „Wenn du mal fünfzig bist, werden wir sehen, ob du bereit bist, dich wie ein alter Mann aufzuführen. Also hör schon auf, so zu tun, als wärest du wütend auf mich. Sag endlich, was wirklich los ist.“

Trotz Krankenhaushemd und Gipsverbänden war Hattie eine attraktive und vitale Frau. Abgesehen von den Knochenbrüchen, erfreute sie sich bester Gesundheit.

Jack war seiner Mutter im Wesen und auch äußerlich sehr ähnlich. „Heute kommst du nach Hause“, sagte er nur.

„Hattest du Frauen im Haus? Bist du deshalb so schlecht gelaunt, weil sie nun gehen müssen?“

Jetzt musste Jack trotz seines Ärgers über die Situation lächeln. „Du kennst mich doch. Warum nur eine, wenn ich zwanzig haben kann?“

„Es würde dir nicht schaden, wenn du auch hin und wieder mal ausgehen würdest“, erwiderte seine Mutter.

„Nein, vielen Dank, und versuch nicht das Thema zu wechseln.“

„Welches Thema?“

„Ich habe heute mit Dr. Remington gesprochen. Katie Fitzgerald wird jeden Tag auf die Farm kommen und die Therapie weiterführen.“

Hattie zwinkerte ihm erneut zu. „Ach so, das ist der Grund. Katie Fitzgerald? Das glaube ich jetzt nicht. Dieser alberne Streit. Höchste Zeit, ihn zu beenden. Das meinst du doch auch, oder?“

Dass er derselben Meinung war, wollte er lieber nicht zugeben.

„Übrigens“, fuhr sie fort. „Katie ist eine sympathische junge Frau, die du dir ruhig etwas näher ansehen könntest.“

Mit anderen Worten, Katie wäre eine gute Partie für ihn. Hattie war einigermaßen verzweifelt über das nicht vorhandene Liebesleben ihres Sohnes.

Schon überlegte er, ob er seiner Mutter sagen sollte, dass es für ihn und Katie zu spät war. Sie hatten ihre Chance gehabt, und es hatte ein böses Ende genommen.

„Ich habe nicht die Absicht, noch einmal zu heiraten. Soweit ich weiß, hat auch Katie eine Scheidung hinter sich.“

„Dann passt ihr doch ausgezeichnet zueinander.“

„Eher wird sie doch ein gebranntes Kind sein“, widersprach Jack.

Er holte tief Luft. „Wie ich hörte, dauerte ihre Ehe gerade mal sechs Monate, als der Kerl ging und sie schwanger zurückließ. Ich bezweifel, dass sie es noch einmal versuchen möchte. Ich würde es nicht tun. Ich habe mir oft genug die Finger verbrannt.“

Hattie schien nicht überzeugt. „Du kannst dich doch nicht mit ihrem Exmann vergleichen. Und ich möchte wetten, dass sie auch ganz anders ist als deine Exfrau.“

„Mom, ich meine es ernst. Wir sind beide nicht interessiert. Misch dich nicht ein.“

Sie wird es doch tun, dachte Jack. Aber er war auf der Hut. In den zwei Jahren seiner Ehe hatte er die bittere Lektion gelernt, dass es keine dauerhafte Liebe gab.

2. KAPITEL

Katie bog nach links ab und fuhr auf die Darby-Farm. Feindliches Gebiet, dachte sie lächelnd, während ihr Blick über das leere Weideland schweifte, das zurzeit von wilden Blumen übersäht war. Frühling in Texas war für sie die schönste Jahreszeit.

Nach ungefähr zwei Meilen sah sie in der Ferne einige niedrige Gebäude auftauchen.

Pferde grasten in großen Korrals, dahinter die Rinder auf den sich weit erstreckenden Weiden. Schon von Weitem war zu erkennen, dass die Gebäude frisch gestrichen waren. Die Zeiten schienen sich gebessert zu haben auf der Darby-Farm.

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