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JOES GEILE KISTEN

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Das Buch

Ein junger, attraktiver Mann schmeißt sein Studium und muss zu Geld kommen. Mit Hilfe von Kumpeln und seiner Freundin kommt der Handel mit gebrauchten Sportwagen in Gang. Je größer das Unternehmen, die Zahl der Mitarbeiter wird, desto mehr Probleme kommen auf. Ob ein Mitarbeiter durch Unfall oder durch Vorsatz zu Tode kommt, bleibt offen. Inzwischen handelt man mit Flugzeugen und streckt die Hand nach der Airline aus, die am höchsten verschuldet ist. Alles mit Unterstützung durch Banken, die selbst Unterstützung bedürfen. Die Akteure machen großes Geld oder landen im Knast.

Der Autor

arbeitet als Mediator in München. Er studierte Betriebswirtschaftslehre und arbeitete im Vertrieb von Handels- und Produktionsunternehmen. Seine anfänglich als Hobby ausgeübten musikalischen Aktivitäten setzte er auf der Bühne als Sänger und Pianist fort, in Musical, Show und Operette. Ehrenamtlich arbeitet er mit jungen Menschen und gibt seine beruflichen Erfahrungen weiter.

HORST JOACHIM KERWIEN

JOEs GEILE KISTEN

Roman

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© 2017 Horst Joachim Kerwien
Umschlag: Jochen Wenzel

Verlag und Druck: tredition GmbH, Grindelallee 188, 20144 Hamburg

Paperback:978-3-7345-4634-1
Hardcover:978-3-7345-4635-8
e-Book:978-3-7345-4636-5

Das Werk, einschließlich seiner Teile, ist urheberrechtlich geschützt. Jede Verwertung ist ohne Zustimmung des Verlages und des Autors unzulässig. Dies gilt insbesondere für die elektronische oder sonstige Vervielfältigung, Übersetzung, Verbreitung und öffentliche Zugänglichmachung.

1

Wenn Joe noch seine Zeit im Hörsaal verplempern würde, wäre dies sicher nicht sein Tag gewesen. Jetzt schlendert er durch die Occamstraße und stellt erstaunt fest, dass Ecke Feilitzschstraße ein sympathisches Bistro entstanden ist, wo früher die Nachteule war. Gegenüber das Drugstore scheint sich seit Jahrzehnten zu halten, mit demselben Look wie am Anfang. Erstaunlich. Noch zu früh für Alkohol. Er braucht einen unbenebelten Blick in seine Zukunft. Doppelter Espresso draußen vor dem „Copain“. Zum zweiten Mal bereits an diesem sonnigen Dienstagnachmittag zeigt ihm seine Bank-App den aktuellen Kontostand: tausendzweihundertdreißig Euro Plus und die Miete ist noch nicht abgebucht. Bafög gibt es nicht mehr und den Wochenendjob hat er mit einem deftigen Krach mit dem Autotandler Arnie Reithmayr zu einem ungeplanten Ende gebracht. Gut, den Mustang muss Joe verhökern, der bringt bestimmt noch sechstausend, Baujahr Neunundsiebzig, schwarz und in gutem Zustand.

Joe, eigentlich Josef - diesen Namen hasst er seit frühester Kindheit, will endlich etwas Festes mit Perspektive anpacken. Warum nicht alte Karren, wie Arnie, aber Sportwagen, Classics und so? Später könnte ja ein Haus für Neuwagen daraus werden. Schließlich hat er eine Menge gelernt, an den Wochenenden, wie man noch die klapprigste Kiste an den Mann, noch besser an die Frau bringen kann. Und die viereinhalb Semester Ingenieurwissenschaften, genau: Fahrzeugtechnik sind auch nicht umsonst gewesen.

„Hallo, wie geht`s?“ Am Nachbartisch lässt sich eine Blonde elegant nieder und bedient ihn mit einem auffordernden Lächeln.

„Bestens, Schatz, bestens, alles paletti. Und dir?“ Rasend suchen seine Gehirnzellen nach dem passenden Vornamen und der Erinnerung, ob man sich etwa intimer kennengelernt hat oder woher eigentlich.

„Bist fertig mit dem Studium, TU war`s doch, oder?“

„Ja doch. Bin gerade dabei, was Eigenes auf die Beine zu stellen. Und du? Modeling war`s doch, oder?“ Plötzlich erinnert er sich an die tolle Nacht mit Mary, stimmt ja, nach dem opulenten Essen in der „Uni-Reitschule“. Joe zieht das iPhone aus der Jeans und sucht unter Mary.

„Stimmt die Nummer noch: 0173 5208670?“

„Nee, die ist weg. Gib mir doch deine, ich ruf` zurück und wir sind wieder up to date.“

Dass ich Mary einfach aus den Augen verloren habe, fragt sich Joe, das ist doch `ne wirklich heiße Braut.

„Was machst du jetzt so und geht`s dir gut?“ Joe ist ganz konzentriert.

„Agentur für Filmrechte, bin wieder weg vom Modeln, Hungern, Make up. Lebt sich leichter und ist spannender.“ Joe ist beeindruckt. Vor zwei Jahren sah das ganz anders aus.

„Filmindustrie fand ich immer interessant. Hast du das studiert? Da muss man doch in Jura fit sein, oder nicht?“

„Ja, schon, aber bei mir reichten die sechs Semester BWL und Modeling war nicht ganz unwichtig, verstehst du?“

„Voll und ganz, läuft doch immer darauf hinaus, nicht? Übrigens, wenn ich mal diskret baggern darf, sollten wir uns nicht mal anderswo zusammensetzen, wo es was Vernünftiges zu Essen gibt?“ Wo sollte das wohl am Besten sein, und nicht zu teuer? Glockenbach, das ist schick und bezahlbar.

„Na klar, Joe, wann und wo meinst du? Auf der Leopoldmeile besser nicht. Weißt du eigentlich, dass das Roxy bald dichtmacht? Muss man auch nochmal vorbeischauen, bevor die Abrissbirne kommt.“ Joe staunt nicht schlecht, Mary ist oder war zumindest Schwabing-Girl und meistens Mittelpunkt der Bussi-Gesellschaft.

„Glockenbach wär` mein Vorschlag, das Café oder die CordoBar, am Freitag, aber lass` mich besser mal nachgucken.“ Joe tippt auf Termine im iPhone, obwohl er weiß, dass Freitag nichts vorliegt. „Ja Freitag geht, und wie sieht`s bei dir aus?“ Mary zückt ihr Mini iPad und nickt ihm strahlend zu.

„Prima, Joe, das machen wir. Reden wir über die Zukunft, heute ist dann schon gestern.“ Stereophon prusten beide los und Joe fühlt eine Vertrautheit mit diesem eleganten Weib wie ein ganz neues Erlebnis. Sein Smartphone klingelt.

„Ne, du störst nicht, wollte dich eh gleich anrufen, du wart’ mal eben,“ zu Mary gewandt: “Entschuldige bitte, bin sofort fertig,“ Mary: „Muss sowieso los, also bis Freitag, CordoBar, zwanzig Uhr, ok?“ „ich freu´ mich“ und zum Phone gewandt: „bin wieder dran, Schorschi, weißt du eine passende Location für einen Gebrauchtwagenmarkt, möglichst zentral und bald zu beziehen?“

2

Der Business-Plan sieht beeindruckend aus. Ohne Marys Hilfe hätte er das nicht hingekriegt. Glücklicher Weise ist der junge Bankberater frei, der Joe jedes Mal so leicht verschämt anzumachen versucht, wenn er, selten genug, mal am Tresen steht.

„Herr Kaiser, das ist zwar keine originelle, aber immerhin eine durchdachte Geschäftsidee und Erfahrung haben Sie ja bereits erworben, also vorbehaltlich der Zustimmung meines Direktors kann ich Ihnen Hoffnung auf ihren Kreditantrag machen. Ich werde Sie in den nächsten drei Werktagen anrufen und Ihnen Konkretes mitteilen.“

„Herzlichen Dank, Herr Heimann, und wenn Sie mal einen rasanten, nicht unbedingt neuen, Flitzer brauchen, wissen Sie ja meine neue Adresse.“

„Und Ihre neue Telefonnummer kenne ich ja nun auch.“ Heimann drückt ein Auge unmerklich zu. Joe ist es gewöhnt, auch von Männern länger angeblickt zu werden. Seine Größe, der dunkelblonde, kurze Vollbart, der beide Grübchen nur unwesentlich verdeckt und auch die gut proportionierte Figur heben ihn einfach heraus aus dem Angebot junger Männer, die man auf der Leopoldstraße oder in der Maxvorstadt begutachten kann.

„Wie ist`s gelaufen?“, haucht Mary während der Umarmung. Lange musste sie nicht warten im Art Café.

„Du, ich glaube, das wird was mit den dreißigtausend. Fünfzig hätte der auch geschluckt. Gut, dass du nicht dabei warst, der scheint auf mich zu stehen, der nette Herr Heimann.“

„Schwule Bankberater sind die Besten, glaub` mir, ich habe Erfahrung aus der Filmbranche. Lass uns ´nen Happen essen gehen.“ Draußen ist es zu frisch, drinnen beim Steirer ist noch ein Zweier Tisch am Fenster frei.

„Mary, du bist `ne tolle Frau und eine super Betriebswirtin, das muss ich hier mal ohne Wenn und Aber sagen. Vielen Dank, mein Schatz.“ Joe haucht einen Kuss auf ihre Wange.

„Damit bist du eingeladen, also bestell` was Schönes“, entgegnet sie mit einem koketten Augenaufschlag.

„Dieser Augenaufschlag hat mich bereits gestärket“, schwuchtelt Joe und der Tag kann nicht besser werden. Er spürt seinen Schwanz wachsen und sofort hat er die vergangene Nacht vor Augen. Sie auf ihm, seinen Dicken im Mund und er dicht an ihrem unteren Gefilde. Diesen Duft nach frischem Heu und Matjes würde er sofort wiedererkennen, im Bruchteil einer Sekunde.

„Dich erkenn ich mit verbund`nen Augen“, summt er und hält die Augen dabei geschlossen.

„Was soll das jetzt bedeuten?“, fragt Mary, „ich sag nur: letzte Nacht“, wispert Joe und sein Schwanz schwillt bedrohlich in der Stoffhose, die ohnehin zu eng ist. Sülze mit Bratkartoffeln und Vitello Tonnato kommen gleichzeitig. Mary nippt am Wasser, Joe genießt den Bauer-Rosé und sieht jetzt Mary als Gesamtkunstwerk, das ihm gegenüber sitzt. Ihre dunklen Locken formen das Gesicht zu einem Bild, das im Lenbachhaus hängen könnte. Ein Ausdruck zwischen spöttisch und jungfräulich, wie von Jawlenski gemalt. Und die straffe Figur dazu machen sie zu einem absoluten Hingucker. Du bist ein Gewinner, schmeichelt er sich selbst.

„Wie fand der nette Heimann eigentlich deinen Firmennamen“?

„Er hat den Kopf zur Seite gelegt und gesagt, JOEs GEILE KISTEN ist gewagt, aber sexy.“

„Der Mann gefällt mir immer besser!“ Mary lächelt zwinkernd rüber. Joe denkt daran, mit Arnie zu reden, der ihn von jetzt auf gleich rauswarf. Sobald das ok von der HVB kommt. Feinde zu Freunden machen, denkt er und überlegt, in welchem Zusammenhang er diesen Spruch gehört hat. Die Grundthemen für Werbung im Internet und bei Facebook und Twitter hat er ja mit Mary und später auch mit Schorschi besprochen. Die Sprache muss dem Firmennamen entsprechen und junge und junggebliebene Menschen ansprechen. Mit Joes geiler Kiste gleich in die Kiste, oder so. Schorschi war genial mit seinem Vorschlag für die Location. Im Schlachthofgelände ist ein Platz für vorläufig drei Jahre frei geworden, bis mit dem Bau des Volkstheaters begonnen wird. Wenn die drei Jahre planen, werden es wohl fünf werden. Zwischennutzung also, und zu wirklich humanen Bedingungen. Lage und Größe könnten nicht günstiger sein. Fernab von Landsberger und Wasserburger Landstraße, wo die meisten Tandler zu finden sind. Bis Dienstag will Heimann sich melden.

„Haaaaallo, träumst du? Ich rede mit dir und du schaust gar nicht her.“ Mary holt ihn aus seinen Gedanken.

„Blöd, entschuldige, ich spiele gerade die Werbeideen durch, war schon in der Welt der geilen Kisten. Was wolltest du wissen?“

„Du solltest wissen, dass ich heute Abend mit Gabi verabredet bin, aber morgen habe ich Zeit, nach Büro und bis zum Morgen, wenn du willst. Denk` dir was Nettes aus, Darling, ist das ok?“ Joe fährt mit der Zunge rund um seinen Mund und Mary weiß, was er nicht aussprechen muss.

3

„Herr Kaiser, Sie werden übereinstimmen mit meiner Einschätzung, dass dreißigtausend als Startkapital sehr knapp bemessen sind. Auch mein Direktor war der Meinung, dass fünfzigtausend angemessen sind, nicht wahr? Sie sollten nur diese eine, angepasste Seite des Vertrags noch unterzeichnen“. Herr Heimann sieht ihn wieder so werbend von unten an, dass Joe innerlich lachen muss. Ist doch ein gutes Gefühl, wenn drei, vier Kisten am Hof schon bezahlt sind und nicht alle auf Kommission gehen.

Die ersten vier Monate laufen zäh, frustrierend ist der bessere Ausdruck. Joe versucht sich in Selbstmotivation. Vier Kisten stehen am Hof, eine davon auf Kommission. Vorn steht der MGB V8 Roadster, Einzelstück, Cabrio, rot. Dahinter der Mercedes AMG GTS in diesem verfluchten Bronce-Ton, ein BMW aus der 6er Reihe, als Cabrio, den Joe eigentlich ausprobieren wollte und ein 911er Porsche. Zu wenig Auswahl, verflucht noch mal! Liegt es vielleicht am Flo? Aber wer kennte dieses Business besser als er? Die Lage kann es doch nicht sein, die ist doch eher von Vorteil, oder? Die Wettbewerber mindestens drei Kilometer weit entfernt. Ist die Idee mit den geilen Kisten nichts als ein Jugendtraum? Die Vintage-Wagen aus den sechziger Jahren? Jaguar bis Testarossa? Geile Kisten, die heute auf Auktionen Millionen bringen? Oldtimer aus den italienischen Autoschmieden, Pininfarina, Ghia, Bertone und all die anderen, legendären Namen? Nein, die müssen wir uns abschminken, das ist eine andere Liga. Joe versucht, realistisch zu denken. Vielleicht später, vielleicht nie. Gut leben von diesen geilen Kisten, das ist unser Ziel, das muss Flo begreifen. Keine Höhenflüge, real Business eben. Müssen wir uns ein Preislimit setzen? Erst mal probieren, was geht und was nicht geht. Und deutlich mehr Werbung.

Florian hat seinen ersten Wagen verkauft, 635D Cabrio, Baujahr Zweitausendacht, grau-metallic, mit allem Schnickschnack, sechsundzwanzig Mille, zwei Mille wurde cash angezahlt. Für achtzehn hatte Joe das sehr gut erhaltene Stück vier Tage zuvor angekauft.

„Flo, darauf trinken wir ein Glas nach Feierabend, klar“? Joe klopft Florian auf die linke Schulter. Die beiden kennen sich von der TU, wo Florian Mozzari im achten Semester Maschinenbau studiert. Gutaussehend und ein offener Typ. Knapp einsneunzig groß und erkennbar bestens trainiert. Kurz gehaltener, dunkler Vollbart. Kommt bei Frauen, aber auch bei Männern gut an, vor allem vertrauenerweckend, was im Gebrauchthandel doppelt so wichtig ist wie im Neuwagengeschäft.

„Danke Joe, aber können wir das morgen oder nächsten Samstag nachholen? Heute Abend muss ich um achtzehn Uhr in See stechen, Schlagerparty auf der MS Starnberg, hab’ ich Vroni versprochen“. Macht ein ziemlich saures Gesicht dazu. Joe verdreht die Augen, ist auch nicht der Typ für deutschen Schlager. Gott sei Dank liegt Mary auf seiner Welle. Modern Jazz, kein Dixieland.

„Dann besser nächsten Samstag. Mach’ du bitte heute Abend alles dicht, ich verzieh’ mich dann mal früher und kauf’ der Mary was Nettes zum Geburtstag übermorgen. Tschau, und schönen Abend“.

„Dann bis nächsten Samstag, mach’s gut Joe“. Beim Rausfahren hört er das Bürotelefon laut über den Hof klingeln. Die Nummer wurde heute erstmals in der Süddeutschen veröffentlicht. JOEs GEILE KISTEN- nichts für Angsthasen. Ist das der erste Anruf darauf?

Mary will alles wissen, über das Geschäft, die Kunden, über Flo, den sie ganz am Anfang kennenlernte, als sie zum ersten Mal am Hof war. Joe ist froh, sie als kompetente Businessfrau, als Gesprächspartnerin Tag und Nacht in seiner Nähe zu haben.

„Buchführung ist nicht meine Stärke, dafür kann ich dir aber Günter empfehlen, der ist auch in Steuersachen fit. Ich rede mal mit ihm. Ihr habt ja nicht viele Geschäftsvorgänge im Monat, das macht der so nebenbei“. Damit wäre diese Frage auch geklärt, denkt Joe und erinnert sich an Margit, die er ein paar Mal gebumst hat, als Dank für die windigen Steuererklärungen, die er für diverse Jobs während der ersten Jahre seines Studiums abgeben musste.

„Was läuft eigentlich in deinem Job aktuell? Habt Ihr was Geiles am Köcheln“? Früher war das Thema Film immer etwas Spannendes für ihn, seit dem eigenen Laden mit den Kisten hat er das Thema Film allerdings beiseite geschoben.

„Gestern war ein junger Typ beim Chef, der in Kürze fertig ist bei der HFF. Alois Romberger, ein pfiffiger Bursche. Will als Abschlussarbeit einen Hundertminuten-Film machen. Hat schon einige Investoren an der Hand.“

„Worum geht’s da?“ Joes Neugier ist erwacht.

„Um künstliche Intelligenz, Zukunft, unsere Zukunft, in sehr schwarzen Farben dargestellt. Hat das Buch komplett. Der Chef ist fasziniert. Ich finde das Thema etwas kompliziert, eher ein Männerfilm.“

„Ich denke, Ihr Frauen seid an der Zukunft mindestens genauso interessiert wie Männer. Ohne Frauen keinen Nachwuchs und ohne Nachwuchs keine Zukunft, stimmt’s?“

„Selbstbefruchtung funktioniert aber noch nicht, Honey, obwohl in Harvard vermutlich heftig dran geforscht wird“, wirft Mary mit nach unten gezogenen Mundwinkeln ein.

„Oder in Martinsried“, ergänzt Joe.

„Ich soll übrigens den Chef begleiten. Es geht zwei bis drei Tage nach Cannes auf die Fernsehmesse, Mipcom oder so, da gibt es einige fixe Termine und da will er mich dabei haben. Montag nächster Woche fliegen wir.“

„Schön für dich, mein Schatz, wo wohnt Ihr da?“

„In Nizza, Cannes ist schweineteuer. Messina, nee Hotel Massena, glaube ich, liegt sehr zentral.“

4

Günter hat soeben die Gewinn- und Verlustrechnung für das letzte Jahr erklärt und Joe ist mehr als zufrieden. Es bleibt für ihn sechsundsechzigtausend Euro als zu versteuerndes Einkommen hängen. Die Steuererklärung kann noch etwas frisiert werden, dann kommt sogar ein Plus für Joe raus, nach den vorab entnommenen Beträgen. Ok, reich ist was anderes, aber für’s erste Jahr nicht schlecht. Mary ist verabredet heute, aber Florian wartet im Bratwurstglöckl am Dom.

„Du strahlst, also ist das Ergebnis super, oder?“, empfängt er Joe.

„Besser als ich befürchtet, aber schlechter als ich erhofft habe.“

„Es sprach der geschäftsführende Vorsitzende der KG auf Aktien, oder so ähnlich, das hast du schon gut drauf“, ätzt Florian und beide lachen sich an.

„Sag’ mal, Flo, und sei ehrlich, wie klappt das zwischen dir und Basti, wenn ich nicht am Hof bin?“

„Warum fragst du? Ich komme mit dem gut aus und er mit mir auch, habe zumindest nichts Anderes gehört.“ Joe hat ein Gespür dafür, wenn es zwischen Menschen nicht harmoniert. Eigentlich hatte er den Basti ja auch halbtags engagiert, damit Florian etwas von Wettbewerb zwischen zwei Verkäufern merkt und sich seiner Sache nicht so sicher ist. Sache heißt, seiner Position als Starverkäufer am Wochenende. Das Studium läuft ja auch noch, irgendwie.

„Ich erinnere mich, dass der Basti vor ein paar Wochen, das war, als Mary auf der Messe in Nizza“... „in Cannes“, wirft Flo spontan ein, „also in Cannes war, da hatte Basti drei Kisten an einem Wochenende verkauft und du eine, an dem langen Wochenende, hattet Ihr beide da nicht Zoff oder irgendwelche Reibereien miteinander oder war da was, was ich wissen sollte?“ Bei Joe bleibt wieder Nizza – Cannes hängen. Flo weiß alles, ich bin der unwissende Trottel.

„Vergiss es, kein Grund zum Grübeln. Ich hatte mindestens drei Stunden mit dem Angeber zu tun, der dann letztlich doch den Cayman kaufte, währenddessen Basti drei Kunden rüberzog. Ich war ihm nicht neidisch und der war obenauf, war der King an dem Wochenende. Du warst ja plötzlich verreist. Hatte mich damals gewundert, dass du auch weg warst, als Mary in Frankreich war.“ Florian sieht Joe aus den Augenwinkeln an. Beide belauern sich plötzlich und keiner weiß, was der andere denkt. Eine merkwürdige Stille ist jetzt da und beide fühlen sich unbehaglich, während sie essen und sich zutrinken.

Joe geht zu Fuß den Weg in seine Schwabinger Wohnung. Er denkt an die ersten neun Monate seiner Beziehung mit Mary. Jetzt ist sie gegangen und Flo ist ihm geblieben. Seit ihrem, nein, seinem Ausflug an die Cotê d’Azur ist der Bruch da und er hat nicht den Mut, zurück auf Anfang zu gehen. War es Argwohn, Misstrauen gegenüber Mary oder eine Art kindlicher Überraschungsidee? Als er Montagabend im Nice Massena an der Reception nach Dr. Berger fragte, war der gerade in die Bar gegangen. Mary Reiblich war der Reception nicht bekannt. Obwohl er Marys Chef nicht kannte, war klar, dass er fünf Meter vor ihm, dort neben dem Kamin stand und seinen Arm um Mary legte. Von hinten gesehen, gab es keinen Zweifel. Als Joe auf beide zuging, Mary anrempelte, diese sich empört umdrehte, sah er in das Gesicht einer Fremden. Dr. Berger sprach Joe laut in Französisch an und dieser konnte nur ein paar Worte der Entschuldigung in Englisch herausbringen und sich schleunigst aus der Bar entfernen. Hatte Mary nicht gesagt, zwei bis drei Tage und hat sie nicht ihren Chef als schwul beschrieben? Hier passte nichts mehr zusammen. Dienstagfrüh bekommt er noch einen Platz auf der Air Dolomiti nach München, geht aber nicht in seine Firma, sondern setzt sich ins Café Nymphenburg am Viktualienmarkt. Gegen vierzehn Uhr hat er schon drei Glas Wein intus. Mary geht nicht an ihr Handy, weder wenn Joe mit sichtbarer noch mit unterdrückter Nummer anruft. Joe lässt alles noch einmal vor seinem Auge ablaufen:

„Bist du heute Abend auf der Party von Gabi? Sicher, die ist ja die Intimfreundin von Mary. Dann können wir ja dort persönlich reden, muss ich dich nicht am Telefon vollquatschen.“ Schorschi scheint in bester Stimmung zu sein.

„Nee du, weiß nix von Party und Mary is weg, nich München, nich Nizza, nirschenwo, nich in Nymphenburg, nirschenwo“, lallt Joe und weiß, dass er die Kontrolle über seine Artikulation verloren hat.

„Halb drei und schon so gut drauf, Mensch, da passt doch Gabis Party wie die Faust aufs Auge, also bis später.“ Schorschi verlässt sich auf das Wiedersehen bei Gabi. Joe schleicht nach Hause, zieht nur die Schuhe aus und wirft sich auf das Bett.

„Das ist aber ne Überraschung, Joe, herzlich willkommen, komm’ rein, wir sind fast komplett.“ Gabi zieht ihn rein in die Wohnhalle der Altbauwohnung am Wedekindplatz. Joe will etwas zu Marys Abwesenheit sagen, aber Gabi interessiert das offensichtlich nicht.

„Bist du einigermaßen klar, inzwischen?“, will Schorschi wissen, „wir müssen nämlich mal über eine Online-Plattform deines Kistenladens reden. Ich habe da einen Ex-Studenten an der Hand, der ist top fit in Online-Shops zaubern.“

„So wie Mobile.de? Habe ich auch schon drüber nachgedacht. Da muss ich aber dreimal so viele Kisten im Angebot haben, sonst sieht das doch nicht überzeugend aus.“ Diese Überlegung mit der Angebotsmenge hat ihn die Online-Idee nicht weiter verfolgen lassen.

„Und wenn du die Classics und Oldtimer deines früheren Chefs mit ins Angebot aufnimmst und auch von anderen Tandlern, kriegst du schon genug zusammen. Hast du eigentlich mit dem, wie heißt der noch, ah Arnie geredet?“ Mit Arnie Reithmayr ist Joe wieder klar. Zweimal haben beide zu Abend gegessen, jetzt als Kollegen, und es gab bisher keine nennenswerte Wettbewerbssituation, soweit Joe weiß.

„Da muss ich mit den Kollegen vertraglich regeln, was an Provision für mich bleibt, oder?“

„Exakt, das ist ja der Clou, du hast die Kisten auf deiner Homepage und die anderen Tandler auf ihrem Hof und zahlen Provision, und zwar an dich. Ist doch genial oder nicht?“ Schorschi redet sich in Euphorie.

„Da muss die Homepage aber auch genial sein, oder, Schorschi?“

„Du hast es begriffen. Lass uns morgen telefonieren, dann machen wir einen Termin mit dem studentischen Online-Genie, danach geht es steil bergauf mit deinem Kistenladen.“ Barbi, seine Freundin, flüstert Schorschi etwas ins Ohr. Schorschi steht auf:

„Joe, alles wie besprochen. Ich muss früher los. Noch viel Spaß hier.“ Joe sieht beiden hinterher. Barbi ist die weibliche Seite von ihm, sinniert Joe. Auch äußerlich. Ausgebautes Ober- und Unterteil, rubensisch oder so. Da kann Schorschi tief reingreifen ins weiblich Körperliche. Aber dieses Outfit in dunkelblau, Baby Doll mit kurzem Röckchen und die massigen Oberschenkel. Military-Reiterin, fällt ihm ein und stellt sich ihre Position auf Schorschis Oberkörper vor.

„Was schmunzelst du vor dich hin?“ Gabi erscheint öfter mit einem neu eingeschenkten Glas, während Joe seine Small-Talk-Fähigkeiten strapaziert. Die Mädels sind alle mit Anhang da, an den Männern ist er nicht so interessiert.

Er muss eingeschlafen sein, in der Ecke der viersitzigen Couch. Gabi schmiegt sich an ihn, knöpft sein Hemd auf und spielt mit seinem rechten Nippel. Joe genießt ihre Berührungen, hat jetzt eine Brust in der Hand, Gabi öffnet ihren BH, Joe greift mit beiden Händen zu, spürt seinen Schwanz hart in der Hose. Gabi öffnet seinen Gürtel, Joe hilft dabei. Die Couch ist verflucht weich, aber Gabi scheint es zu mögen. Sie sitzt auf ihm und reitet hart und schnell. Er bearbeitet ihre festen Titten und schließt die Augen. Die Nummer zieht sich und Joe will kein Ende finden. Gerade rechtzeitig zieht er die Reissleine und im selben Moment fragt er sich, ob bei Gabi überhaupt verhütet werden muss.

„Das war schon lang` mal fällig, mein Lieber. Schließlich kenne ich dich fast so lange wie Mary und so lange habe ich davon geträumt. Bist auch wirklich ein scharfer Typ.“

„Sagt Mary auch immer, abgesehen von den anderen, hahaha. Na, und jetzt ist sie einfach ab und davon und weißt du was, ist mit scheißegal, scheißegal ist mir das wie sonstwas!“

„Kann ich verstehen, dass du sauer bist. Ich weiß nicht, wie ernst das mit dem Flo ist oder war, aber dass er ihr auch noch ein Kind macht, ist wirklich nicht ok.“

„Ach, habe ich jetzt richtig gehört? Mein Flo? Mein Mitarbeiter Flo? Den habe ich schon fast als Freund angesehen, aber wo du das jetzt sagst, geahnt habe ich schon vor Längerem, dass da was laufen könnte. Der wusste auch von der Messe in Cannes, wo ich immer Nizza sagte.“

„Aus Cannes ist jetzt Amsterdam geworden. Da geht das mit `ner Abtreibung einfacher. Irgendwie tut sie mir ja leid, aber ich verstehe dich auch sehr gut, dass du Schluss gemacht hast. Du weißt, meine Tür steht immer für dich offen, ganz weit sogar.“ Joe ist schockiert und gibt sich alle Mühe, Gabi das nicht merken zu lassen. Sie glaubt offenbar, Mary habe ihm alles gestanden. Er geht die Treppe hinunter und jetzt zweifelt Gabi, ob sie zu viel geplaudert hat.

5

Gregor Gusmann, Anfang dreißig, trainiert für Langstrecke, Marathon, brach sein Informatik-Studium an der FU Berlin zwei Semester vor dem Abschluss ab. Seine Freundin hatte einen gutbezahlten Job als Assistentin des CEO bei Telefonica Germany in München bekommen und Gregor Gusmann wollte seine Tina nicht allein nach München ziehen lassen. Er konnte es im Anfang gar nicht glauben, dass sie in seine ziemlich bescheidene Wohnung am Prenzlauer Berg zog. Da waren dutzende Typen, die scharf auf sie waren. Diese intellektuell-kumpelhafte Art, der Mensch zum Pferde stehlen, mit raspelkurzem Haarschnitt, zog eine ganz bestimmte Klientel an, zu der sich Gregor gar nicht zählte. Ihm war klar, dass er nie wieder eine solch klasse Frau finden würde. Auch war das Studium in Berlin zum Nebenfach geworden, denn seine Fähigkeiten beim Aufbau eines Online-Shops hatte er von Mal zu Mal erweitert, und inzwischen muss er sich nicht mehr um Aufträge bemühen, die Mund zu Mund-Propaganda besorgt ihm Arbeit ohne Pause. Selbst nach München kommen die Kunden aus Berlin, um sich mit seiner Hilfe eine neue Existenz aufzubauen. Das alles erfährt Joe von Schorschi, während sie gemeinsam in Joes Corvette, Baujahr fünfundsiebzig, im Angebot von JOEs GEILE KISTEN für siebenunddreißig Mille sitzen, auf dem Weg zu diesem Internet-Genie nach Oberföhring.

„Das ist Gregor Gusmann, den ich in USA kennen gelernt habe und dies ist Joe Kaiser, mein bester Freund und Inhaber von JOEs GEILE KISTEN in München am Schlachthof. Ich denke, ihr habt euch ne ganze Menge zu erzählen.“ Schorschi kann auch förmlich sein, denkt Joe und drückt Gregor fest die Rechte.

„Gebrauchtwagen gibt es ja mehr als genug im Internet, aber Classics Sporftwagen nur sehr begrenzt. Vielleicht kann man das Angebot noch enger eingrenzen, aber das später. Hast du schon Ideen entwickelt, was dein Angebot gegenüber anderen heraushebt?“ Gregor hat einen leichten rheinischen Zungenschlag, sympathisch und irgendwie gemütlich.

„Also, man sollte den deutschsprachigen Raum als Kernmarkt sehen und ich überlege, ob ich mich auf europäische Marken oder auf britische und amerikanische spezialisieren muss. Festgelegt bin ich noch nicht, aber vielleicht bist du ja auch im Thema.“ Joe schwimmt und merkt, dass er sich zu wenig mit der Materie vertraut gemacht hat.

„Bei britischen und amerikanischen Marken trifft dein Firmenname nicht wirklich auf den Kopf“, wendet Schorschi ein und Joe fühlt sich zusätzlich verunsichert.

„Bevor wir zum Thema Internet kommen, sollten wir zunächst das Angebot klar definieren“, wirft Gregor ein und schlägt vor, als erstes eine Analyse des Angebots im europäischen und dann im deutschsprachigen Raum zu erstellen. Das wäre Basis für die Spezialisierung von Joes Business. Joe erkennt die Logik, Schorschi sieht das als Zeitverschwendung an. Das Thema Finanzierung kommt zur Sprache. Joe merkt, dass er sich auf dünnem Eis bewegt. Auch die Diskussion im Beisein von Schorschi behagt ihm nicht, obwohl er dessen Meinung generell hoch schätzt. Wer ist denn hier der Inhaber, die oder ich, fragt er sich und weiß, dass er grundsätzlich über eine andere Gesellschaftsform nachdenken sollte. Da geht es um Haftung und Teilen des Gewinns aber auch des Verlusts. Alles Themen, die ihm eher fremd aber soeben klar geworden sind.

„Wer macht die Angebotsanalyse am besten von uns drei oder gibt es noch jemand, der damit mehr Erfahrung hat?“ Joe sieht Gregor und Schorschi nacheinander an.

„Ich habe Erfahrung darin, hab` so was öfter gemacht und ich würde das für hundert Euro pro Stunde Zeitaufwand machen, um mal Klartext zu reden“, beginnt Gregor und sieht zu Joe rüber. Der sieht Schorschi an.

„Dafür bin ich nicht der richtige Mann. Theaterwissenschaften sind auch nicht geeignet dazu und was anderes habe ich nicht drauf.“

„Dann nehme ich dein Angebot dankend an, Gregor. Bis wann kannst du etwa ein Ergebnis vorzeigen?“ Joe sieht sich jetzt wieder als Frontmann.

„Ich arbeite aktuell an einem Projekt, das nächsten Dienstag beendet sein wird. Also Donnerstag nächster Woche wäre ich so weit.“

„Dann würde ich sehr gerne zur nächsten Runde mit euch beiden zu mir einladen, passt Freitag, vierzehnter um achtzehn Uhr?“ Gregor nickt, Schorschi forscht im Smartphone, nickt dann ebenfalls. Gregor bietet einen kalten Weißwein an. Um zehn Uhr findet Joe sich allein in seiner Wohnung in der Georgenstraße und wünscht sich Mary herbei.

6

Seit sechs Monaten sind Joe, Schorschi und Gregor Gesellschafter der JOE’s OLDTIMER Europe SE mit einem Online-Shop, der alles Andere in den Schatten stellt. Joe mit vierzig, die beiden mit je dreißig Prozent Anteil. JOEs GEILE KISTEN GmbH bleibt als realer Laden am Münchner Schlachthof Joes alleinige Firma. Deren Internet-Auftritt ist an den Online-Shop angepasst, so dass jeder Interessent die Verbindung erkennt. Schorschi und Joe haben drei Wettbewerber in München, Düsseldorf und Frankfurt vertraglich binden können, wodurch das Angebot im Online-Shop das größte Europa-weit ist. Gregor hatte Rechtsanwalt Dr. Preisler ins Spiel gebracht, der bei der Gründung der SE half und die Verträge bastelte, und die waren erste Klasse. Herr Heimann von der Hypo Vereinsbank fühlte sich geschmeichelt, einen Kredit über sechzigtausend innerhalb acht Tagen auf Joes Konto überweisen zu dürfen, Joes Kollegen hatten ebenfalls keine Probleme mit ihren Banken, denn das Konzept, von Dr. Preisler nach Vorgaben der drei Gesellschafter entworfen, war umwerfend. Eine überzeugende Marktanalyse und die drei Gesellschafter mit ihren Expertisen erfreuten die Bankfachleute. Schorschi hatte seine Vitae den Erwartungen entsprechend angepasst. Florian ist jetzt Geschäftsführer in der GEILEN KISTEN am Schlachthof, sein Studium ruht. Die Europe SE hat ihren Sitz in der Münchner Leopoldstraße 10, dritte Etage. Nachbarn sind Anwälte und Versicherungsgesellschaften.

„Ich weiß nicht, wie es euch geht, aber ich bin reif für ein Sanatorium.“ Joe eröffnet die Gesellschafterversammlung mit einem Hilfeschrei. „Ich weiß nicht, wie und wo ich zwei fähige Verkäufer für München finden kann. Eigentlich müsste ich den Flo auch ersetzen, was wir brauchen, sind erstklassige Männer, die sich auf internationalem Parkett bewegen können, die mit unseren Kunden auf Augenhöhe reden.“

„Erwartet der Vorstand einer Aktiengesellschaft wirklich einen ebenbürtigen Mann, wenn er einen Oldtimer kaufen will? Der erwartet doch eher einen Fahrzeugexperten, einen Ingenieur, einen Schrauber, meinst du nicht auch, Schorschi?“

„Joe, da muss ich dem Gregor Recht geben. Ich würde auch lieber von einem Ingenieur als von einem Wirtschaftsexperten beraten werden.“

„Klar, personelle Entscheidungen sind die Wichtigsten. Ich habe dreimal testweise den Schlachthof angerufen und jedes Mal bin ich in der Warteschleife hängen geblieben. Die kleine Maus dort am Empfang scheint auch überfordert zu sein“, ergänzt Gregor.

„Ob die überfordert ist, weiß ich nicht, aber derzeit ist die in Urlaub“, überrascht Joe. Lautes Gelächter.

„Habt ihr eigentlich mal das Angebot verglichen mit dem vor vier Monaten? Freunde, was wir vor allem brauchen, sind Fahrzeuge, vor allem Kisten aus den Staaten. Ich hab` etliche lange Telefongespräche mit meinem alten Kumpel Manni geführt. Der hat in Berkeley Informatik studiert, macht aber seit vier Jahren mit Im- und Export rum und seit Neuestem mit amerikanischen Oldtimern, die er auf Vordermann bringen lässt und dann vertickt, hauptsächlich nach UK. Der kann sein Geschäft vergrössern, wenn wir einigermaßen verlässlich Abnahmezahlen nennen würden. Was der vermeiden will, ist totes Kapital in Form von Schrottkisten auf seinem Hof. Und flüssig bleiben ist für den natürlich ganz wichtig. Seine Kunden, ich meine die ihre Dinger verkaufen, wollen sofort und gleich cash sehen, sonst gehen die zum Nächsten.“

„Ist doch bei uns nicht anders. Übrigens, als ich vor zwei Monaten auf São Miguel war, habe ich außerhalb von Ponta Delgada einen Schrauber kennengelernt, der an verschiedenen Oldtimern arbeitete. Seine Kunden kommen hauptsächlich aus England. Die haben auf den Azoren ein Lohnniveau wie bei uns vor dreißig Jahren. Und dieser Antonio Machado ist etwa vierzig und hungrig, mit drei Kindern, Frau und Haus und kann Aufträge gebrauchen.“ Joe ärgert sich, dass er diese Information nicht eher in die Runde eingebracht hat.

„Also, wie gefällt euch dieser Vorschlag? Gregor redet mit dem Kumpel in USA und Joe mit dem Antonio in Ponta Dingsbums, und zwar persönlich. Der Mann aus USA liefert Schrottkisten und der Insulaner bringt die auf europäischen Standard und beide liefern zu Tiefpreisen.“ Schorschi sonnt sich in den zustimmenden Blicken der Kollegen.

„Dann schlage ich vor, Marion schreibt das Protokoll, berät sich mit Dr. Preisler und wir beschließen die Gesellschafterversammlung und reden über andere Themen nebenan bei Bachmayr“. Joe hat ein gutes Gefühl nach den konstruktiven Beiträgen. Zustimmendes Nicken.

Joes Stammplatz im Bachmayr ist besetzt. Boris hat einen Tisch hinten am Fenster abgeräumt. Weißbier für Gregor, für Schorschi Aperol Sprizz, für Joe Rosé. Boris bringt die Karte.

„Wenn der Manni in USA nur ankaufen und verschiffen muss, hat der ja nicht viel zu tun mit dem Deal, also müsste der mit etwa zwanzig plus Prozent auf den Einkauf klarkommen. Der Transport von der Ostküste bis Azoren ist ja etwas mehr als die Hälfte nach Europa-Festland und die Unterbrechung in Ponta Dingsbums wird ja nicht unbedingt die Kosten nach oben treiben, glaube ich mal, zumindest nicht wesentlich. Wird durch das niedrige Lohnniveau dort locker aufgefangen.“ Gregor könnte auch Kaufmann sein.

„Warum machen wir diesen Antonio nicht zum Gesellschafter einer Firma auf den Azoren, unsere SE sechzig, Antonio vierzig Prozent?“ Schorschi kann das auch, nimmt Joe zur Kenntnis.

„Dann kriegt Dr. Preisler wieder was zu tun, JOE’s OLDTIMER Azores SE oder Limited, oder welche Form da am Besten geeignet ist“, steuert Joe bei, „wir müssen für diese Strategie noch `ne Schippe Kapital drauf tun, ist euch das klar?“

„Der Preisler soll unser Geschäftsmodell erweitern, so wie jetzt angerissen, dann werden unsere Banken mitziehen, denke ich mal“, bringt Gregor ein „und vielleicht, aber das erst in zweiter Linie, sollte der USA-Mann eingebunden werden wie der auf den Azoren.“

„Lasst uns über solche Sachen erst reden, wenn Joe und Gregor von ihren Reisen zurück sind“, schließt Schorschi ab.

Aus seinem Wohnzimmerfenster starrt Joe in den weißblauen Himmel und ruft Marys Nummer an.

7

Azores Airlines landet pünktlich um siebzehnuhrzehn auf der Piste von Ponta Delgada. Beim Anflug kann Joe das São Miguel Park Hotel rechts erkennen. Die Suite 325 wurde ihm bestätigt. Man macht ihm immer einen fairen Preis. Er holt den kleinen BMW bei Ilha Verde ab und fährt direkt zum Hotel. Ist wie nach Hause kommen, denkt Joe, nachdem er die doppelflügelige Schiebetür geöffnet hat und über die Stadt bis zum Hafen blickt. Nach rechts hat er fast die gesamte Flughafenpiste im Auge. Etwa im Halbstundenabstand kommt eine Maschine rein oder geht eine raus. Wenn Joe geschäftlich auf der Insel ist, genießt er diese Aussicht runter auf das Städtchen und alles ringsum. Mit einer Frau würde er lieber etwas außerhalb wohnen, Agua de Pau ist nicht weiter als dreißig Minuten mit dem Auto entfernt, aber eine andere Welt. Caloura Hotel, schnuckelig und so fernab von allem. Joe betritt gegen neunzehn Uhr das Colégio 27 und wird von der Chefin wie ein alter Freund begrüßt. Fünf Meter neben der Bar ist der kleine Tisch frei, wo er gern sitzt. Der Gitarrist singt und spielt Brasilianische Folklore, nicht laut, ohne Verstärker. Joana serviert eine mittelgroße Fischplatte und Gemüse, wie immer. Dazu einen erstklassigen Weißwein von Pico. Im Hotel checkt er seine Mails auf dem iPhone und liegt vor Mitternacht bereits im Bett.

Um kurz vor acht betritt Joe den Fitnessraum und macht das übliche Programm. Hierher kommen auch die Einheimischen, aber jetzt in der Früh sind nur vier weitere Männer zu sehen. Nach dem Duschen in seiner Suite nimmt er ein Müsli im Restaurant ein und begrüßt Antonio gegen halb zehn mit einer festen Umarmung. Seit sie Partner sind, ist ein anderer Ton eingekehrt. Nicht unbedingt freundschaftlich, aber respektvoll und offen. Antonio weiß von Joes abgebrochenem Studium in Fahrzeugtechnik und akzeptiert Hinweise und Vorschläge. Inzwischen arbeiten drei Leute mit ihm gemeinsam in der deutlich vergrößerten Werkstatt. Im Hof stehen zwei Corvettes, ein Mustang und ein Dodge, mehr oder minder im Schrott-Zustand. Ein Bentley blinkt draußen in der Sonne, dunkelblau und sehr edel. Soll übermorgen verschifft werden, direkt zum Kunden nach Düsseldorf.

„Antonio, reichen dir die drei Leute? Sind die eigentlich alle von der Insel?“

„Wenn nicht viel mehr Vehicles reinkommen, sind wir vier gut ausgelastet. Einer, der José ist Spanier, lebt aber schon zwanzig Jahre auf der Insel, der Kleine ist von Pico und der Dünne ist von Faial.“

„Und wie klappt das mit Ersatzteilen aus USA?“

„Die kommen meistens im selben Container wie die Vehicles. Bis jetzt habe ich alles bekommen, was ich haben wollte. Mit Manni telefoniere ich mehrmals die Woche. Was er verspricht, hält der auch, typisch deutsch. Ich finde auch gut, dass er jetzt an der Ostküste sitzt.“ Antonio ist sehr gesprächig, heute.

„Ich wollte ihn längst besucht haben in seinem neuen Betrieb bei Boston. Was liegt sonst an aktuell?“ Joe will ein Gefühl für den Ablauf bei Antonio kriegen.

„Na, heute kommen wieder drei Vehicles und etliche Ersatzteile an. Gegen siebzehn Uhr unten am Hafen. Wenn du dort sein kannst, bleibe ich besser in der Werkstatt.“

„Notfalls kann ich dich ja telefonisch dazu bitten, wenn ich allein nicht klar komme. Wie heißt das Schiff?“

Ville de Saturne, so mittelgroß.“

„Danke, wir sehen uns aber morgen noch, ciao Antonio.“ Joe hat vorsorglich Handtuch und Badehose mitgenommen. Zwei Stunden unten am Santa Barbara Beach und anschließend Lunch im Beach Club, irgendwas Frisches, das passt doch eins A. Immer wieder fasziniert ihn der dunkle Lavasand mit den tausenden, funkelnden Körnchen. Ein Strand wie Swarowski, Natur pur, diese Inselschönheit auf dem Weg von Europa nach Amerika. Joe rennt den heranrollenden Wellen entgegen und genießt den herrlich erfrischenden Atlantik. Ein paar junge Männer toben am Strand rum, Teens oder schon Twens, denkt Joe. Obwohl zehn Jahre älter oder mehr, kann er noch mithalten, vergleicht er heimlich. Er muss die Disziplin unbedingt beibehalten, Fitness Club, Joggen. Oben im Beach Club grüßt Claudia, als wäre er erst gestern hier gewesen. Die Fischsuppe ist erstklassig und Mangosaft auf Eis passt genau dazu.

Auf dem Weg zurück nach Ponta sieht er bereits das Containerschiff linker Hand. Bis das angemacht hat, kann er den Wagen parken und sich im Hafengelände umsehen. Im Zollbereich wird der erste Container runtergehoben, Joe geht dem Schiff entgegen. Plötzlich sieht er einen Mann, der Schorschi zum Verwechseln ähnelt, zumindest was seine Statur angeht. Füllig um die Hüfte, Stirnglatze, blaues T-Shirt, das um den Bauch spannt. Klar, das ist Schorschi! Einem Impuls folgend, tritt Joe hinter eine Säule, um sich nicht zu zeigen. Was macht der hier und warum weiß Joe nichts von seiner Anwesenheit auf Sao Miguel? Der Container wird geöffnet, man erkennt ein rotes Fahrzeug im Innern. Schorschi geht in den Container, kehrt zurück nach ein paar Minuten und trägt eine Art Reisetasche, ziemlich lang, in seiner Linken, die offensichtlich gefüllt und merklich schwer zu sein scheint. Ein Zöllner geht auf ihn zu, man begrüßt sich per Handschlag, man redet, Schorschi dreht sich um hundertachtzig Grad, hält Ausschau, zieht etwas aus seiner Hosentasche und der Zöllner steckt dieses Etwas blitzschnell in seine Jackentasche. Wenn das keine Geldübergabe war, was war es dann? Schorschi verschwindet Richtung Ausgang, Joe wechselt seine Position, um nicht gesehen zu werden.

„Marion, hallo, kannst du mal so en passant bei Sonja fragen, wo Schorschi gerade ist und mich danach zurückrufen?“ Marion ist seit sechs Wochen seine Assistentin, und sie hat ein Gefühl für Botschaften zwischen den Zeilen, eine super Mitarbeiterin. Etwas mollig, bebrillt, und das ist gut so, denkt Joe. Fünf Minuten später:

„Hallo Joe, Schorschi hat eine Chartermaschine von München nach Ponta Delgada genommen und wird morgen zurückerwartet. Soll ich Sonja sagen, dass du auch vor Ort bist?“

„Nee, lass mal. Ich werde ihn überraschen. Danke und bis Donnerstag.“ Er geht hinüber zum Schiff und beobachtet, wie zwei weitere Container geöffnet werden, in denen sich Fahrzeuge befinden. Der Zollmensch schaut kurz hinein, verschließt die Türen und winkt dem LKW, der etwa hundert Meter entfernt wartet. Eingespielter Ablauf. Gut so, bis auf Schorschis Anwesenheit. Zwanzig Minuten später in Antonios Werkstatt:

„Antonio, die drei Container kommen wohl jeden Moment an. Ich habe am Hafen die Prozedur angesehen. Wie heißt der Zöllner? Ich habe seinen Namen vergessen.“

„Michele und Juan der andere.“

„Wollte Schorschi nicht diese Woche auf die Insel kommen?“ Joe fragt so ganz nebenher.

„Ich weiß nichts davon. Schorschi habe ich zuletzt vor etwa vier Wochen hier gesehen, wir waren zusammen essen.“

„Wir müssen noch über einen Termin für ein Meeting in München reden.“ Joe hat zwar keine Termine mit den Kollegen abgesprochen, aber es sollte schon aus Gründen des Gefühls von Zugehörigkeit von Antonio passieren.

„Ja, wir hatten darüber geredet. Aber ehrlich, es kostet mich zwei bis drei Tage und hier bin ich wichtiger, verstehst du? Ich will die beiden auch nicht allein arbeiten lassen, die fragen immer wieder nach diesem und jenem. Kommt besser ihr Drei nach Ponta Delgada, nehmt euch eine Chartermaschine, dann könnt ihr am nächsten Tag wieder im Büro sitzen.“

„Wir reden nochmal drüber, intern. Hast du noch irgendeinen Wunsch an uns, eine Forderung, eine Idee unser Geschäft betreffend?“

„Bin froh, dass alles so läuft, wie es läuft. Bin auch froh, dass ich mit Euch Deutschen dieses Geschäft mache, verstehst du? Alles passiert, wie besprochen, das ist hier auf der Insel anders, ganz anders, verstehst du?“

„Ich weiß, Antonio, gut, dass du das zu schätzen weißt. Also bis bald, ciao.“ Antonio winkt Joe hinterher. Man muss sich einfach die Zeit nehmen, miteinander persönlich zu reden. Joe ist mehr als zufrieden mit diesem Trip, wenn nur, ja wenn Schorschi nicht aufgetaucht wäre.

8

Joe hört seine Mailbox ab, bevor die Maschine nach München startet:

Ok Joe, habe die drei Anrufe abgehört. Wir können uns sehen. Freitag um neunzehn Uhr im Osterwaldgarten. Wenn ich nichts von dir höre, sehen wir uns dort. Ciao Mary

Sein Puls schlägt hoch. Mary will mit ihm reden, sie redet mit ihm. Eine Art Schauer zieht über seinen Körper. Ich werde ihr verzeihen, ich werde es ihr leicht machen. Aber was habe ich vielleicht falsch gemacht, was wird sie mir vorwerfen? Die paar Mädels fürs Bett, was macht das schon? Ok, die Nummer mit Gabi, davon wird sie wissen.

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