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Jakob

Die Anderswelt

 

Jakob saß am Fenster. Draußen tobte der Schneesturm, der die Schneeflocken wild hin und her wirbelte. Er hatte den Kopf auf die Hand gestützt und seufzte. „Wo war Rabe?“ Rabe war sein bester Freund. Er erschien jeden Tag, klopfte mit dem Schnabel gegen die Fensterscheibe und wartete geduldig, bis Jakob ihm öffnete, um mit ihm zu sprechen. Tagelang hatte er ihn nicht mehr gesehen, und das war sehr ungewöhnlich. Eines Morgens vor zwei Jahren hörte Jakob ein eindringliches Klopfen an seinem Fenster als er noch schlaftrunken im Bett lag. Jakob hob den Kopf und spähte hinüber. Es war ein kalter Wintermorgen und noch sehr dunkel, die Scheiben waren leicht beschlagen. Ein großer Schatten war am Fenster. Es war ihm unheimlich, doch mutig sah er genauer hin und erkannte einen großen Vogel. Der Vogel klopfte an die Scheibe, kein Zweifel. Jakob setzte sich auf, schaukelte mit den Beinen auf seiner Bettkante und überlegte: „Was wollte der Vogel?“ Auf einmal war es still. Der große schwarze Vogel schaute durch das Fenster.

„Ein Rabe“, dachte Jakob. Im Elstal gab es nur noch wenige Raben. Manchmal hörte man sie krächzen. Wenn Jakob seine Großmutter Elenna besuchte, erzählte sie ihm von den Raben aus Sagen und Legenden, die viele Menschen schon lange vergessen hatten. Sie wohnte mit ihrem Hund Rock, Gänsen und Hühnern in einem kleinen Häuschen am Rande des Elstals. Dort gab es in jeder Ecke und jedem Schrank etwas zu entdecken. Er liebte seine Großmutter Elenna und mochte ihren Geruch nach süßen Äpfeln und Kräutern. Sie backte mit ihm Kuchen und kochte seine Lieblingsgerichte. In ihrem Garten kletterte Jakob in die Apfel- und Pflaumenbäume, um die Früchte zu ernten. Jakob stand auf und schaute durch das Fenster zu dem Raben. Der blinzelte ihm mit seinen schwarzen Augen zu und saß ganz still. Jakob saß auch still. Der Junge und der Rabe schienen eine Ewigkeit bewegungslos zu sein. „Was für ein schönes Tier“, dachte Jakob, „wie groß er ist.“

Erneut klopfte der Vogel mit dem Schnabel an das Fenster.

„Was willst du?“, fragte Jakob lachend.

„Mach mir das Fenster auf“, antwortete der Rabe.

Jakob erschrak, sprang auf und kroch aufgeregt in sein Bett. „Was war das? Das kann nicht wahr sein, der Rabe hatte gesprochen“, dachte Jakob.

„Mach mir das Fenster auf“, sagte der Rabe erneut.

Neugierig trat Jakob zum Fenster.

„Mach mir doch bitte das Fenster auf.“

Zögernd griff Jakob zur Fensterklinke und drehte sie langsam herum. Kalter Wind wehte in das Zimmer, als er das Fenster weit öffnete. Der Rabe machte einen Satz und saß auf seinem Schreibtisch. Eilig schloss Jakob das Fenster. Der Vogel hüpfte auf dem Schreibtisch herum, spielte mit dem Radiergummi und den Blättern, die lose auf dem Tisch lagen und ging auf dem Schreibtisch spazieren. Jakob setzte sich auf seinen Stuhl und schaute zu. Nach einer Weile fragte er vorsichtig. „Wer bist du?“

Der Rabe stellte sich vor ihn, plusterte sich auf, sah ihn mit leuchtenden Augen an und antwortete: „Ich heiße Rabe und bin dein neuer Freund.“

Jakob lachte. „Du willst mein Freund sein? Wie soll das gehen? Wer bist du, woher kommst du, warum sprichst du?“

„Ich spreche nicht, wie du das meinst. Du verstehst mich, weil du meine Gedanken lesen kannst“, antwortete der schwarze Vogel.

„Was meinst du damit, ich kann deine Gedanken lesen?“, fragte Jakob.

„Das bedeutet, du kannst dich mit mir telepathisch unterhalten. Es ist eine Fähigkeit sich mittels Gedanken mit jemandem auszutauschen. Dazu benutzt man die Worte nur in seinem Geist und sagt sie innerlich, ohne sie laut auszusprechen. Man spricht geistig miteinander, gedanklich, ohne sich zu unterhalten, wie Menschen es normalerweise tun. Hat man die Fähigkeit der Telepathie, hört man den anderen und antwortet still auf die Fragen.“

„Aber du bist ein Tier“, sagte Jakob.

„Trotzdem verstehe ich dich, Jakob.“

„Woher weißt du, dass ich Jakob heiße?“

„Jemand hat mir von dir erzählt.“

Jakob stutzte kurz, dann platzte er heraus: „Ich heiße Jakob, bin 10 Jahre alt und habe eine kleine Schwester. Sie heißt Uma und ist manchmal ziemlich blöd. Weißt du das auch?“

„Ja“, antwortete der große schwarze Vogel. „Öffne mir bitte das Fenster. Morgen früh komme ich wieder, dann sprechen wir weiter.“

So war Rabe in Jakobs Leben getreten.

Jetzt schaute Jakob sehnsüchtig in den dunklen Winterhimmel und wartete auf Rabes Klopfen am Fenster. Seine Mutter stand hinter ihm in seiner Zimmertür. „Rabe wird schon kommen, mach dir keine Sorgen. Bei dem Wetter sitzt er bestimmt auf einem Baum und fliegt nicht.“

„Rabe kommt bei jedem Wetter. Normalerweise wäre er schon längst hier. Irgendetwas muss passiert sein.“ Jakobs Mutter strich ihrem Sohn durch das dunkle lockige Haar, das ihm meist wirr und zerzaust vom Kopf stand und schaute in braune Augen und ein schmales Gesicht. In den letzten Monaten war er ordentlich gewachsen, und sein Körper hatte sich noch einmal gestreckt. Ihr Sohn war ein muskulöser schlanker zwölfjähriger Junge, der noch immer im Schlafanzug am Fenster saß und wartete.

„Uma und ich wollen nachher Schlittenfahren, kommst du mit?“

„Mama, ich kann nicht weg, ich warte auf Rabe.“ Später beim Frühstück rutschte Jakob unruhig auf seinem Stuhl hin und her. Endlich hörte er das vertraute Klopfen. Er rannte die Treppen hinauf, stürmte in sein Zimmer und riss das Fenster auf. Da saß Rabe. Eine Feder stand quer vom Flügel ab, und sein ganzes Gefieder war zerrupft, nass und schmutzig.

„Rabe!“ Jakob stieß einen Freudenschrei aus. „Rabe, komm herein. Ich hab‘ mir Sorgen gemacht. Wo warst du? Was ist mit dir? Du siehst schrecklich aus.“

Rabe machte einen Satz auf den Schreibtisch. Dann war ein Rauschen zu hören, und ein zweiter großer Vogel saß auf seinem Tisch.

„Mach schnell das Fenster zu“, rief Rabe.

Jakob gehorchte und staunte mit großen Augen über die Tiere auf seinem Tisch. Neben Rabe hockte nun ein zweiter Rabe, der auch zerzaust war. Die beiden schüttelten sich, putzten sich das Gefieder, plusterten sich auf, und keiner sprach ein Wort. Jakob beobachtete seinen Freund und dessen Begleiter. Dieser war um einiges größer als Rabe. Er hatte eine auffallend weiße Feder auf der Stirn, sehr ungewöhnlich für Raben. Rabe saß still und schaute zu Jakob.

„Das ist Rubin, mein Lehrer, er kommt von weit her. Er hat mich alles gelehrt, was ich weiß.“

„Es ist schön, dich kennen zu lernen, Jakob. Rabe hat mir viel von dir erzählt“, sagte Rubin mit ernster Stimme. Jakob hatte eine Gänsehaut.

„Komm, setz dich, wir wollen uns mit dir unterhalten“, sprach Rubin.

Der Junge sank auf seinen Stuhl und starrte die beiden Gestalten auf seinem Tisch an.

„Entschuldige, dass ich nicht gekommen bin. Durch den Sturm hatten wir Mühe, zu dir zu fliegen.“

Rabes Augen funkelten. Er hüpfte über den Tisch und sprang auf Jakobs Stuhllehne. Er zwickte ihn in den Arm und sagte lachend: „Du träumst nicht! Rubin ist ein Lehrer und Weiser. Ich kenne ihn seit vielen Jahren. Raben können sehr alt werden, und Rubin ist einer der ältesten von uns. Er ist fast 40 Jahre alt. Ich bin seit 13 Jahren sein Schüler und soll einmal sein Amt übernehmen. Wir kommen aus einem weit entfernten Land. Dort gibt es einen König namens Wesingir. Wir Raben dienen seinem Reich seit vielen hundert Jahren. Damals bin ich zu dir gekommen, um über die Menschen zu lernen. In den Sternen stand geschrieben, dass ich dich kennen lernen würde. Ich hatte alle Hoffnung aufgegeben, dich zu finden. Bis Rubin mir eines Tages den Weg erklärte und mich zu dir schickte. Hättest du mir nicht das Fenster geöffnet, wäre alles anders gekommen. Du sprichst unsere Sprache und verstehst auch die anderen Tiere, Blumen, Bäume, das Wasser und den Wind. In den vergangenen Jahren durftest du alles lernen, und wir haben miteinander geübt. Unsere Sprache ist dir nun sehr vertraut. Rubin ist gekommen, um dir alle Sprachen beizubringen, und die Welt der anderen Wesen zu zeigen.“

Jakob starrte die beiden Vögel an und brachte kein Wort heraus. Rubin richtete sich auf. Sein Gefieder war inzwischen trocken und glänzte wie Seide. Die weiße Feder auf seiner Stirn stand ein wenig hervor. „Deine Zeit ist gekommen, verstehst du. Wie oft sitzt du vor dem Fenster, schaust in die Wolken und träumst von fernen Welten, von Märchenwesen, die du aus den Geschichten deiner Großmutter Elenna kennst. Hast du Rock schon einmal in die Augen geschaut?“, Rubin sah Jakob dabei sehr eindringlich an. Rock, der Hund seiner Großmutter war ein riesiger gelber Hund, der meistens schlief. Er lag mit dem Kopf auf Jakobs Füßen, wenn Großmutter Elenna ihm ein Märchen erzählte. Jakob dachte an Rocks Augen, und ihm fiel auf, dass sie ihn an einen freundlichen alten Mann mit einem grauen Bart erinnerten.

„Manche Tiere sind Wesen aus einer anderen Welt, die bei den Menschen sind, um sie zu unterstützen. Viele sind die besten Freunde der Menschen. Die Zeit ist gekommen, um zu wissen, wer du wirklich bist und warum du in dieser Welt lebst“, sagte Rubin.

„Was meinst du damit?“

Rabe hüpfte auf den Tisch und hockte sich neben Rubin.

„Du bist ein besonderes Kind. Wir leben in einer Zeit, in der Kinder auf die Erde kommen mit außergewöhnlichen Fähigkeiten. Sie werden geboren, um diese Welt zu heilen und sich mit ihr zu verständigen.“

Der Junge erinnerte sich an die gemeinsame Zeit mit Rabe. Anfangs hatte Jakob gezögert, sich mit einem Vogel zu unterhalten, aber dann war Rabe sein Freund geworden mit dem er über alles sprach, was ihm in den Sinn kam. Nach einigen Wochen war Rabe sogar mit zu Großmutter Elenna gekommen, die ihn freudig begrüßte und für die es normal zu sein schien, dass Jakob einen Raben zum Freund hatte. Seine Mutter war still geworden, als sie Rabe zum ersten Mal sah. Doch sie lächelte und freute sich mit Jakob.

Rabe und Rubin saßen auf dem Tisch. Es herrschte Stille im Raum und im Haus. Jakobs Mutter war mit Uma fortgegangen. Er hatte ihr Auf Wiedersehen nicht gehört.

„Aber was soll ich tun? Ich verstehe das nicht.“

„Wir werden dir helfen deine Gaben zu entwickeln. Wir sind hier, um dich in unsere Welt mitzunehmen“, ertönte Rubins Stimme.

Jakob bekam Gänsehaut.

„Was heißt das in eure Welt mitnehmen?“

„Morgen gehst du zu Großmutter Elenna. Wir begleiten dich, und du wirst sehen.“

Die beiden schwarzen Vögel schlugen mit den Flügeln.

„Willst du das Fenster öffnen?“

„Ja“, antwortete Jakob verwirrt.

Die beiden Raben stiegen in den Himmel auf, und Jakob blickte ihnen nach. Eine Träne lief über seine Wange, und er wusste nicht warum. Der Tag war für Jakob unerträglich lang. Die Zeit schien still zu stehen. In der Nacht warf er sich unruhig in seinem Bett hin und her. Er schaute in den Himmel und verlor sich in wilden Gedanken.

„Was würde geschehen, wenn er morgen mit Rabe und Rubin zu seiner Großmutter ging?“, überlegte er.

Als der Morgen kam, sprang er aus dem Bett, zog sich rasch an, rannte die Treppe hinunter und aß hastig sein Frühstück. Seine Mutter schaute ihm zu, sagte aber nichts. Sie wandte sich ab und blickte aus dem Fenster. Uma kam verschlafen in die Küche, rieb sich die Augen und setzte sich zu ihm an den Tisch.

„Rabe ist gestern wieder gekommen. Stell dir vor, er brachte jemanden mit. Einen anderen Raben namens Rubin mit einem weißen Fleck auf der Stirn.“

„Was?“, rief Uma laut.

„Ich will auch einen Raben als Freund. Du hast schon zwei, das ist gemein.“ Sie begann zu weinen, und die Mutter nahm sie tröstend in den Arm.

„Wie ist er, und wann sehe ich ihn?“, fragte Uma schniefend.

„Wir gehen gemeinsam zu Großmutter Elenna. Sie holen mich nachher ab.“

Als Jakob am Nachmittag die Raben sah öffnete er sofort das Fenster.

„Bist du soweit?“, fragte Rubin.

Jakob nickte stumm, weil er auf einmal vor lauter Aufregung einen dicken Kloß im Hals spürte. „Ich ziehe mich an.“ Kurze Zeit später war er im Garten. Seine Mutter und Uma standen neben ihm.

„Mama, das ist Rubin.“

Die Raben saßen auf dem Holzstapel neben der Tür. Jakobs Mutter lächelte und rieb sich über die Augen. Uma lachte als Rubin mit den Flügeln schlug. Jakob gab seiner Mutter einen Kuss. Sie drückte ihn fest an sich und strich ihm über das Haar. Ungeduldig machte Jakob sich frei und lief los. Seine Mutter sah ihm lange nach und hielt Uma an der Hand. Der Junge rannte durch die kleinen Gassen, die beiden Vögel über ihm, und endlich erreichten sie das Haus der Großmutter.

Elenna stand vor der Tür mit Rock an ihrer Seite und wartete schon auf ihn. „Da seid ihr ja, kommt herein.“ Sie gingen ins Wohnzimmer. Ein Feuer brannte im Kamin, und es duftete nach Kuchen und Keksen.

„Woher wusstest du, dass wir kommen?“, fragte Jakob seine Großmutter.

„Ich habe heute Morgen eine Nachricht erhalten“, schmunzelte sie. „Rubin, möchtest du einen Keks?“ „Ihr kennt euch?“, verdutzt sah Jakob seine Großmutter an.

„Natürlich kennen wir uns. Wir haben uns leider viele Jahre nicht gesehen.“

Jakob schwieg und verstand die Welt nicht mehr. „Trink noch einen Kakao.“ Großmutter Elenna beugte sich über ihn und füllte seine Tasse auf. Rock lag vor dem Sofa und zuckte träumend mit den Pfoten. Jakob streckte sich auf dem Sofa aus, und während er langsam in den Schlaf sank und den Stimmen der Großmutter und der beiden Raben lauschte, hörte er Rocks Stimme. „Hab’ keine Angst!“

Jakob wanderte durch ein Tal, und Rock trabte neben ihm. Der Hund war nicht mehr gelb, sondern weiß. Sie liefen durch blühende Wiesen und Wälder, Vögel zwitscherten, und es war mild und warm wie im Sommer. Rock blieb stehen und hob die Nase in die Luft.

„Schnell, dort in den Wald.“ Er rannte los und Jakob hinterher.

„Duck dich“, rief Rock.

Jakob versteckte sich hinter einem Busch. Ein Reiter kam das Tal entlang geritten. Er saß auf einem großen schwarzen Pferd und trug weiße Kleider mit einem schwarzen Stern auf der Brust. An seiner Seite liefen zwei Hunde, die aussahen wie Rock, nur schwarz.

„Das sind die Jäger“, sagte Rock.

Sie hielten sich hinter dem Busch versteckt und warteten, bis der Reiter verschwunden war.

„Wer war das?“, fragte Jakob.

„Timor, der Sohn von Wesingir. Er versteht die Sprache der Tiere. Er missachtet seine Gabe, die Sprache des Waldes und seiner Wesen zu sprechen. Anstatt sich mit ihnen zu befreunden, quält er sie. Er jagt jedes Tier, das ihm über den Weg läuft.“ Rock trat aufmerksam aus dem Wald, und sie liefen weiter.

Jakob erwachte, schlaftrunken rieb er sich die Augen. Das Zimmer war leer. Auf dem Stuhl, auf dem vorher die Raben gesessen hatten, lagen noch ein paar Kekskrümel. Auch Rock war nicht da. Er sah sich fragend um. „Wesingir“, murmelte er. Er hörte Stimmen in der Küche. Seine Großmutter stand am Herd und kochte. Die Raben saßen auf der Fensterbank und unterhielten sich angeregt mit ihr.

„So wird Wesingir sterben“, hörte er seine Großmutter gerade sagen. Sie verstummte, als sie Jakob in der Tür erblickte.

„Setz dich zu uns“, sagte Rubin.

„Wer ist Wesingir?“, fragte Jakob.

„Ich habe gerade geträumt von Timor, dem Sohn Wesingirs. Rock ist neben mir gelaufen und war ganz weiß.“ Rabe öffnete seine Flügel und klapperte mit dem Schnabel. „Jakob, wir sind hier, um dir etwas zu erzählen, hör mir zu. Rock ist die Abkürzung von Rockward. Er stammt aus der Gilde der Felsenleute aus einer anderen Welt. Sie sind Lichtarbeiter, die auf die Erde kommen, um die Menschen zu ihrer Seele zu führen. Auch deine Großmutter gehört zu den Felsenleuten, diese leben mit ihren Hunden seit vielen Generationen weit oben in den Bergen. Sie kommen, wenn sie gebraucht werden und helfen den Menschen, dafür nehmen sie die Gestalt der Menschen an oder die eines Hundes.“

„Aber sie ist meine Großmutter.“

„Ja, das ist sie, doch sie und dein Großvater sind Felsenleute, dein Großvater Jonas ist wieder bei ihnen.“ „Der ist doch tot.“

„Nach ihrem Tod kehren die Felsenleute dorthin zurück. Hör mir zu, Timor soll Nachfolger des Königs Wesingir werden, der im Sterben liegt. Alle fürchten den Beginn seiner Herrschaft. Du bist der Einzige, der ihn aufhalten kann. Rubin wird dich mitnehmen und alles in die Wege leiten.“

„Heißt das, ich kann nicht mehr nach Hause gehen?“

„Für eine Zeit kommst du mit mir“, antwortete Rubin, „ich werde dir ein guter Freund und Lehrer sein. Rabe bleibt so lange bei deiner Großmutter.“

Jakob war in sich zusammen gesunken. Er war aufgewühlt, verwirrt und verstand die Welt nicht mehr. Großmutter Elenna legte ihre Hand auf seine Schulter. Er blickte in ihre Augen, so hatte er sie noch nie gesehen. Ihre Gestalt begann zu strahlen und wurde heller und heller. Sie schaute ihn voller Liebe an, und Jakob sah glitzernde Sterne in ihren Augen. Das Zimmer war angefüllt mit Licht. Ihre Stimme klang fremd und schien von weit her zu kommen. „Fürchte dich nicht. Du wirst zur rechten Zeit am rechten Ort sein. Alles wird für dich bereit stehen. Ich gebe dir meinen treuesten Begleiter mit.“ Das Licht verschwand, und neben ihm stand seine Großmutter, wie er sie kannte, mit runzeligen roten Wangen und süßem Apfelgeruch. Ihre Hände auf seinen Schultern waren warm und fest. „Begleite uns, Rockward. Jakob und ich machen einen Spaziergang.“

Sie traten in den kalten Winterabend und liefen über das Feld. Rock war wie immer, rannte über das Feld, schnüffelte hier und dort. Im Gegensatz zu früher kehrte er nicht zu Großmutter Elenna zurück, sondern lief zu Jakob.

„Du gehst morgen mit Rubin, und wir sehen uns in einiger Zeit wieder“, sagte Elenna.

„Großmutter, warum ich?“

„Weil du für diese Aufgabe geboren bist. Schau auf deine Brust, hast du das schon einmal getan?“

„Ja, Mutter hat mich dort gestreichelt, als ich klein war.“ Er legte die Hände auf die Brust und dachte an das weiße sternenförmige Mal. „Großmutter, Timor trug im Traum ein weißes Gewand mit einem schwarzen Stern auf der Brust.“

„Das ist richtig. Von klein auf lehrte ihn sein Vater Wesingir die Kunst der Jagd. Er sollte ein guter Jäger werden. Eines Tages als sie in die Wälder gingen, kamen die Völker aller Stämme der Waldwesen zusammen, um ihn zu sehen. Doch Timor dachte nur an die Jagd, und anstatt sie zu begrüßen, galoppierte er davon und kehrte erst am Abend nach Hause zurück. Er hatte eine Wunde auf der Wange, die aussah wie ein tiefer Kratzer. Drei Tage sprach er kein Wort und machte ein finsteres Gesicht. Er begann seine Hunde zu schlagen mit denen er bis dahin gespielt hatte. Ritt er aus, kehrte er auf seinem schweißnassen Pferd zurück, das sich vor Erschöpfung kaum auf den Beinen halten konnte. Wesingir wusste sich keinen Rat und machte sich auf den Weg zu uns Felsenleute. Der Weg war beschwerlich, und er brauchte lange, um uns zu finden. Nicht jedem war der Zugang zu unserer Welt möglich. Doch sein Wille war stark, und so fand er uns. Atrio half ihm weiter. Unser aller Anführer ist ein mitfühlender und weiser Mann. Er schaute in Wesingirs Herz und erkannte den Schmerz um seinen Sohn. Was er sah, erschütterte ihn. Er erkannte, was mit Timor geschehen war, er hatte sich selbst verloren.

Du musst wissen, dass Timor die gleichen Gaben hatte wie du. Er verstand die Sprache der Welten. Weißt du, Jakob, es gibt nicht nur Menschen in dieser Welt. Unzählige Welten existieren in dieser einen Welt, so sonderbar das klingen mag. Timor war ein Weltenwanderer. Er ritt durch den Wald und trieb sein Pferd immer schneller an und galoppierte durch einen Fluss, der verboten war zu überqueren und drang so in die Schattenwelt ein, ohne es zu wissen. Der Wald wurde immer kühler, sein Pferd scheute, und seine Tritte wurden unsicher und zögerlich. Er hörte ein Kreischen und Knurren und fühlte, dass ein unbekanntes Wesen ihn verfolgte. Die Stute schnaubte nervös, zerrte an den Zügeln, fing an zu galoppieren und hörte auch nicht mehr auf ihren Reiter. Das Kreischen und Knurren wurde immer lauter. Auf einmal wurde Timor an den Schultern gepackt, und etwas versuchte, ihn vom Pferd zu reißen, das in Panik geriet und durch den Wald raste. Er klammerte sich fest und verlor das Bewusstsein. Als er wieder zu sich kam, war er auf der anderen Seite des Flusses im Gras. Sein Pferd lag tot neben ihm und eine Gestalt, ein Mann der Wälder, stand daneben. Er schimmerte durchsichtig und doch konnte Timor ihn sehen, als wäre er aus Fleisch und Blut.

„Du bist in die Schattenwelt eingedrungen, die für Menschen verboten ist. Hier leben die Verlorenen und auch du bist verloren gegangen. Ein Bruder wird für dich geboren werden, der dir deine Seele zurückgeben wird, wie auch die Sprache der Liebe für jedes Lebewesen und dein liebevolles Wesen mit dem du die Sprache der Tiere gesprochen hast. Doch anstatt diese Gabe in Freundschaft zu nutzen, gebrauchst du sie, um dich aller Wesen zu bemächtigen. Die Schattenwelt wird dich lehren, dich an das Gute zu erinnern.“ Er beugte sich über Timor und berührte seine Wange. „Der Riss ist tief, wird aber gut verheilen. Niemand wird ihn sehen, doch in deiner Seele wird diese Narbe brennen, bis du zu dir zurückgekehrt bist.“

Timor erschrak und blickte auf. Der Mann war fort. Dort, wo der Mann gestanden hatte, brannte die Erde. Er rannte davon und kam in das Haus seines Vaters zurück. Mehr konnte Atrio nicht sehen. Woher die Wunde auf Timors Wange kam, wusste niemand. Was du in deinem Traum gesehen hast war der Timor, von heute. Es sind nur wenige Jahre vergangen, und er ist ein herrischer junger Mann geworden, dem es Freude macht, Menschen und Tiere zu quälen.“

Großmutter Elenna seufzte und wandte sich zu Jakob. Sie streichelte seine Wange und sagte leise. „Deine Zeit ist gekommen.“

Jakob hatte nicht alles verstanden, aber sein Herz klopfte wild. Er schob seine Hand in die Hand seiner Großmutter, und sie liefen mit Rock an Jakobs Seite nach Hause.

Jakob erwachte früh. Er schlüpfte in seine Kleidung und ging in die Küche, in der es nach frisch gebackenem Brot duftete. Rubin und Rabe begrüßten ihn freundlich. „Guten Morgen!“

„Bevor du gehst, brauchst du ein gutes Frühstück“, sagte Elenna.

„Bist du bereit?“, fragte nach einer Weile Rubin.

Jakob nickte und stand auf, Rock lief zu ihm. Seine Großmutter ging voraus um das Haus herum, und sie standen vor einer kleinen Gartenpforte, die Jakob noch nie gesehen hatte. Elenna legte ihm die Hand auf die Brust. Dann öffnete sie die Pforte und wünschte ihm eine gute Reise. Jakob trat durch die kleine Tür, Rock machte einen riesigen Satz an ihm vorbei, und Rubin landete auf seiner Schulter. Er spürte, wie die Luft sich erwärmte, und nach wenigen Schritten sah er sich erstaunt um. Er war umgeben von blühenden Wäldern und Wiesen, wo kurz vorher noch Winter gewesen war. Rock an seiner Seite war weiß, wie er ihn schon einmal gesehen hatte. Er war in einer anderen Welt. Der Junge, der Hund und der Rabe mit der weißen Feder auf der Stirn machten sich auf den Weg. Rockward trabte an Jakobs Seite, lief voraus, hob die Nase in den Wind, witterte und kehrte zu ihm zurück. Rubin kreiste über ihnen und schickte ab und zu einen fragenden Gedanken zu Jakob. „Wie geht es dir? Kannst du noch?“

Jakob antwortete manchmal still, manchmal laut. „Danke, Rubin, mit mir ist alles in Ordnung.“ Doch innerlich plagten ihn Fragen. „Wo gehen wir hin? Wo schlafen wir? Was essen wir?“

Rock, der ihn sehr aufmerksam beobachtete, begann zu sprechen. „Wir laufen dorthin, wohin unser Inneres uns lenkt. Das ist am Anfang nicht leicht heraus zu finden, mit der Zeit übt man sich darin. Rubin und ich lauschen auf unsere innere Stimme, und wir haben es über Jahre gelernt darauf zu hören. Sie ist mit der großen Stimme des Himmels verbunden, diese lenkt unsere Schritte und führt uns durch das Leben, dafür muss man lernen, still zu sein. Die Menschen reden viel und sind andauernd von lauten Geräuschen umgeben. Das lenkt sie von ihrer inneren Stimme ab. Rabe hat dich viel gelehrt. Auch auf diese leise Stimme im Innern zu lauschen.“

„Das stimmt, wir waren oft im Wald. Ich habe gelernt mit Bäumen und Sträuchern zu sprechen, das ging über meine Gedanken, wenn ich mich darauf konzentriert habe still zu sein.“ Er schwieg und dachte an die vergangenen beiden Jahre mit Rabe, der ihm so viel beigebracht hatte. Rabe hatte ihn oft geneckt, und sie hatten zusammen Streiche ausgeheckt. „Hoffentlich merkt Rubin nicht, dass ich Rabe vermisse“, dachte er.

Rubin kam zu ihm herunter geschaukelt. „Sei nicht traurig, ich weiß, dass Rabe dir fehlt, du siehst ihn bald wieder.“

Sie wanderten weiter, und ihm wurde heiß in seiner dicken Winterjacke. „Rock, mir ist heiß, was soll ich mit meinen Sachen tun?“

„Wir legen sie unter einen Baum.“

„Du meinst, ich soll sie ausziehen und hier liegen lassen? Meine Mutter wird schimpfen, wenn ich ohne die Sachen zurückkomme.“

Der Hund schwieg und sah ihn an. Ihre Augen trafen sich, und die warmen freundlichen Augen des weißen Hundes blickten verständnisvoll. Jakob legte Mütze, Schal, Handschuhe und Wolljacke ordentlich auf einen Stapel unter den Baum, drehte sich um und fing an zu laufen. Er weinte. Rock trabte neben ihm her und ließ ihn nicht aus den Augen.

Jakob vertraute seinen Begleitern, und mit der Zeit vergingen Kummer und Furcht, alleine in der neuen Welt zu sein. Er fühlte sich geborgen und staunte über die Landschaft, in der er sich bewegte. Die Wiesen, Bäume und Sträucher waren mit Blumen und Blüten übersät. Er sah Schmetterlinge, Vögel und Insekten, die er teilweise kannte. Fasziniert gab er sich dem neuen Erleben hin und öffnete seine Sinne für die Düfte und Gerüche dieser Welt. Sein Herz wurde leicht, und er freute sich, mit den beiden Tieren unterwegs zu sein.

Sie näherten sich einem Waldsaum mit großen alten Bäumen und dichtem Bewuchs. Rock und Rubin hielten an und verneigten sich. Sie sprachen einen Gruß und forderten Jakob auf, es ihnen gleich zu tun. Die Blätter der Bäume raschelten wie ein Flüstern, und Jakob hörte ihre leisen Stimmen. „Wir grüßen euch, tretet ein. Ihr werdet erwartet.“

Sanfte Pfade schlängelten sich durch den Wald. Das Licht schillerte in berauschenden Farben, und die dunkel grünen Blätter glänzten im Sonnenlicht.

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