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Ist von selbst gekommen, wird auch von selbst wieder vergeh'n

Franziska Eder

Ist von selbst gekommen, wird auch von selbst wieder vergeh'n

Erinnerungen an mein Leben

2016

 

Mein neunzigster Geburtstag

Gegen alle Gewohnheit habe ich meinen Geburtstag gefeiert. Ein paar Monate, bevor ich am 11. August 90 Jahre alt wurde, rief mich mein Sohn an und eröffnete mir, dass der denkwürdige Anlass begangen werden solle, solange aus meiner Generation noch jemand lebt. Von meiner Seite gibt es nur meinen Stiefbruder, mit dem ich nie viel zu tun hatte. Aber weil die Geschwister meines Mannes auch schon bald alle in den Achtzigern und darüber hinaus sind, habe ich mich überreden lassen. Wer weiß, wie groß der Kreis noch sein wird, wenn ich meinen Hundertsten feiern will. So haben sie mir in der Nähe, wo ich aufgewachsen bin, eine Feierlichkeit mit Musik und Tanz ausgerichtet, die am Ende sehr lustig war.

Den Besuch in der Heimat haben meine Tochter und ich mit einer kleinen Rundreise verbunden, um zu sehen, wie es in Oberbuch (alle haben immer nur „Buch“ gesagt und das tue ich hier meistens auch) jetzt aussieht, und ob es den Kreuzweg von der Wallfahrtskapelle Maria Hilf auf dem Frauenberg ins Donautal hinab noch gibt. Auf dem bin ich als kleines Mädchen zur Schule gelaufen.

In Buch gab es nicht viel zu sehen. Die drei Höfe lagen noch da wie früher. Ein paar neue Gebäude sind hier und da dazugekommen. Anderes ist abgerissen worden. Leute waren nicht unterwegs. Wir hatten keine Absicht, einen Verwandtschaftsbesuch zu machen und haben daher nur kurz angehalten, um einen neugierigen Blick in die Einfahrt des in die Jahre gekommenen Beckerbauernhofes zu werfen und das neue Wohnhaus, das der Sohn meines Stiefbruders für seine Familie auf der anderen Straßenseite gebaut hat, in aller Kürze zu begutachten. Danach sind wir den Weg, den wir gekommen sind, zurückgefahren und am oben gelegenen Ortsrand von Pleinting nach rechts zur Maria Hilf-Kapelle abgebogen, die hier schön im Halbschatten hoher Buchen steht. Auf einer Bank in der Nachmittagssonne haben wir ein wenig verweilt. Hinter dem Kirchlein steht ein Kreuz, das, wie eine Erinnerungstafel informiert, einmal an der Todesstelle von König Ludwig II von Bayern im 130 Kilometer entfernten Starnberger See gestanden hat, 1986 von Frevlern abgesägt und 1987 hier wieder aufgestellt wurde. Die zwölf Bitttafeln mit den Stationen des Leidensweges Christi stehen noch aufgereiht an der steilen Treppe mit ihren unregelmäßig ausgetretenen Steinstufen, die als Abkürzung durch das lichte Wäldchen zum Markt Pleinting hinunterführt.

Es ist ein beschaulicher Nachmittag, an dem mich diese Umgebung, die sich in den vielen Jahrzehnten so verändert hat und doch die Gleiche geblieben ist, in meine frühe Kindheit zurückholt. Die Eindrücke erinnern mich plötzlich daran, dass ich immer schon mal sehen wollte, wo eigentlich der Pommerhof liegt, der Bauernhof auf der anderen Donauseite, von dem meine Großmutter herstammte. Und weil wir Zeit haben und nichts drängt, nehmen wir den Weg hinunter zur Bundesstraße 8 in Richtung Passau und überqueren bei Vilshofen die Donaubrücke. Auf der anderen Seite geht es ein Stück in die Gegenrichtung; dann fangen wir an, uns nach Gelbersdorf umzusehen. Rechts führt der Weg hinauf nach Hilgartsberg, wo die Großmutter als Kind zur Kirche und zur Schule gegangen ist. Noch heute ist die Burgruine ein gern besuchter Ausflugsort, mit einem grandiosen Ausblick über das Donautal und einem Ausflugslokal, das mit frischem Bier aus der örtlichen Brauerei lockt. Seit ein paar Jahren findet hier oben in der Adventszeit immer ein mittelalterlicher Weihnachtsmarkt statt. Jetzt im Sommer sind die fest gebauten Holzbuden verschlossen.

Gleich hinter der Abzweigung nach Hilgartsberg steht auch schon das grüne Ortsschild, das den Weiler Gelbersdorf als Ortsteil von Hofkirchen ausweist. Das Tal weitet sich und die Straße entfernt sich von der Donau. Da liegt ein großer Hof gleich an der Straße, die nach Hofkirchen weiterführt. Hühner laufen in der Einfahrt, Katzen räkeln sich in der Nachmittagssonne. Neben dem eingezäunten Gemüsegarten dösen wohlgenährte Kaninchen in einem großzügigen Auslauf. Der Hof steht voll schwerer landwirtschaftlicher Maschinen.

Auf dem Balkon zur Straße hin ist ein alter Mann auf unser Auto aufmerksam geworden, in dem wir unschlüssig vor seiner Einfahrt herumstehen. Er steht auf und beugt sich über das Geländer. Meine Tochter steigt aus, um nach dem Weg zu fragen.

„Grüß Gott, wir suchen den Pommerhof“

„Den Pommerhof? Ja, dös is ja der Pommerhof. Was wollt’s denn?“

„Die Großmutter von meiner Mama stammt vom Pommerhof. Und weil wir grad‘ in der Gegend sind, wollten wir schau’n, ob wir ihn finden.“

„Ja, da seid’s scho richtig. Kommt’s halt rein.“

Bis das Auto geparkt ist, hat der Mann unten die Haustür aufgemacht. Ich stelle uns vor und erzähle, wie es kommt, dass ich auf der Suche nach den Wurzeln meiner Großmutter Katharina Eder, gebürtige Schneider vom Pommerhof, bin. Der Mann, der uns gleich freundlich hereinbittet und bewirtet, ist der Xaver Schneider in so-und-so-vielter Generation. Es wird geklärt, dass sein Großvater, auch ein Xaver Schneider, Bauer auf dem Pommerhof, der Bruder meiner Großmutter Katharina war. Er ist also mein Cousin zweiten Grades, dem ich ohne Vorwarnung ins Haus geschneit bin, und den ich jetzt in beiderseits fortgeschrittenem Alter kennenlerne. Er lebt mit seiner Frau im Altenteil. Den Hof hat der 82jährige schon lange seinem Sohn Franz-Xaver übergeben. Dessen Sohn, etwa so alt wie meine eigenen Enkel, haben sie Matthias genannt und damit eine lange Folge von Erstgeborenen des Namens Xaver Schneider beendet. Nacheinander kommen andere Familienmitglieder dazu, neugierig, was da für ein Besuch beim Großvater angekommen ist. Der Nachmittag vergeht damit, dass wir alle zusammen diese ganz neu ans Licht gekommenen Verwandtschaftsverhältnisse drehen und wenden. In unseren Köpfen stöbern wir nach Erinnerungen an Menschen und Ereignisse, die der alte Xaver Schneider und ich selbst noch erlebt haben, und solchen, die wir noch vom Hörensagen kennen. Bei den vielen „Xavern“ auf der Pommerseite ist es gar nicht leicht, den Überblick zu behalten. Alte Fotos sind leider nicht mehr da, aber Franz-Xaver verspricht, sich in der weiteren Verwandtschaft umzuhören, ob noch jemand Bilder oder Dokumente hat. Die „Jungen“ tauschen E-Mail-Adressen aus; der frische Kontakt soll gepflegt werden. Schließlich verabschieden wir uns herzlich von unserer neu entdeckten Verwandtschaft, die uns nach diesem Nachmittag so vertraut ist, als würden wir uns schon immer kennen. Ich fühle mich an das herzensgute Wesen meiner Großmutter erinnert. Charaktereigenschaften, die nicht selbstverständlich sind, wie ich früh in meinem Leben feststellen musste.

Weil dieser Nachmittag die Zeit zurück bis zur Jugend meiner Großmutter, also weit mehr als 100 Jahre, hat so lebendig werden lassen, möchte ich die Erinnerungen daran aufschreiben und meinen Enkeln hinterlassen, deren Welt so ganz anders geworden ist, als meine Großmutter, meine Mutter und ich sie erlebt haben.

1926 – 1934

 

Allererste Bilder

Es blitzt und kracht. Eine Sturmbö fegt über das Anwesen und hebt mit ungeheurem Geschepper einen Teil des Wohnhausdaches ab. Schwarze Wolken verfinstern den Tag, als ob gleich die Welt untergeht. Einen Moment lang leuchtet es taghell auf, gleich darauf poltert Donnerschlag direkt über dem Haus. Stundenlang geht das so. Es will gar nicht mehr aufhören. Kaum scheint es, als ob der Abstand zwischen Aufleuchten und Donnergrollen größer wird, da dreht das Unwetter, Blitz und Donner sind wieder ganz nah, der Wind nimmt noch einmal Fahrt auf.

Ich bin drei Jahre alt und die Bilder von der Naturgewalt, die draußen vor dem Fenster tobt, sind meine allererste Erinnerung. Außer mir ist der Großvater in der großen Bauernstube. Er betet. Wenn es besonders laut gekracht hat, geht er hinaus und schaut, ob es irgendwo eingeschlagen hat. Die anderen sind vielleicht im Stall, um die Viecher zu beruhigen oder haben sich versteckt. Angst habe ich nicht. Eher staune ich über dieses Naturspektakel.

Es war ein Jahrhundertunwetter, das an diesem schwülen Sommertag im August 1929 über weiten Teilen Bayerns niederging. Die Leute redeten noch lange davon, und obwohl das jetzt bald 90 Jahre her ist, sehe ich alles noch ganz genau vor mir.

Nicht lange danach hat es beim Kodek gebrannt. Der Hof, den man passierte, wenn man aus Oberbuch in Richtung Vilshofen weiterfuhr, stand auf einer Anhöhe. Es war tagsüber und trotzdem war weithin zu sehen, wie das Feuer lichterloh aus den Fenstern schlug. Das Dach stand in hellen Flammen. Der Wind trieb schwarze Rauchschwaden über die Gegend. Ich stand zuhause am Fenster und beobachtete das Spektakel, das ich bis heute nicht vergessen habe.

Ein gutes halbes Jahr später: Ich bin immer noch keine vier Jahre alt, aber auch dieses Bild hat sich fest in meinem Kopf eingebrannt: Ein paar Männer tragen eine kleine Holztruhe aus dem Haus. Die Leute in der Stube haben ernste Gesichter. Keiner sagt ein Wort. Noch am Abend zuvor hatte meine Tante mit einem kleinen Mädchen in der Stube gestanden, das ihr matt in den Armen hing. Das Kind war meine Schwester Mathilde. Jetzt lag sie tot in dem kleinen Sarg. Sechsjährig ist sie im Frühjahr 1930 an der Diphterie gestorben. Ich spürte keine Trauer, weil ich nichts vom Tod wusste. Nur dass Mathild, wie sie gerufen wurde, nicht mehr kommen würde, habe ich verstanden. Und dass sie ihre Puppe nicht mehr brauchen würde, die ich so schön fand, und um die ich mich jetzt so gern gekümmert hätte. Lange habe ich nach ihr gesucht, in allen Schränken, unter den Betten und auf dem Dachboden. Heute denke ich, dass man ihr die Puppe in Grab mitgegeben hat.

***

Ich erkrankte nicht. Ich wuchs auf wie eine kleine Katze, die gutes Futter bekam, gestreichelt wurde, ein warmes Nest hatte. Ich war ein stilles Kind, das immer mehr dachte, als es sagte, wenig fragte und das meiste alleine verstehen lernte. Die Geschwister meiner Mutter waren immer freundlich zu mir, die Großmutter hat mich mit Leckereien verwöhnt. Der Großvater nahm mich auf dem Einspänner mit, wenn er Geschäftliches im nahegelegenen Markt Pleinting oder in der Umgebung zu erledigen hatte. Der Beckerbauernhof in Oberbuch war ein großer, wohlhabender Bauernhof, der keine materiellen Sorgen kannte. Dort bin ich am 11. August 1926 in der Mittagszeit, als die Sonne am höchsten stand, zur Welt gekommen, und dort war meine Heimat. Ich verlebte eine schöne Kindheit dort. Meine Mutter war eines von acht Geschwistern und half, den elterlichen Hof zu bewirtschaften. Es ging friedlich und harmonisch zu und ich kann mich nicht daran erinnern, dass je ein böses Wort gesprochen wurde. Die Güte und ruhige Heiterkeit dieser Menschen haben mich geprägt und ganz besonders die Herzlichkeit der Großmutter.

Es war nicht selbstverständlich, dass man mir so liebevoll begegnete. Schließlich war ich das jüngere von gleich zwei Kindern, die meine Mutter Maria Eder unehelich zur Welt gebracht hat. Selten war das damals nicht. Trotzdem war es natürlich im katholischen Niederbayern eine Schand‘ für die ledige Mutter und die ganze Familie. Und auch wenn man es auf dem Beckerbauernhof mit der Religiosität nicht übertrieben genau nahm, so war man doch gottesfürchtig. Meine Mutter wird also einen schweren Stand gehabt haben und als schwarzes Schaf der Familie durchs Leben gegangen sein. Dabei hätte sie den Vater ihrer beiden Kinder durchaus gern geheiratet, wenn es der Großvater erlaubt hätte.

1868 – 1925

 

Der Großvater

Peter Eder kam am 3. April 1868 auf dem Einödhof Bichlberg nahe der Gemeinde Garham im Bayerischen Wald zur Welt. Von den fünf Geschwistern wurde sein jüngster Bruder Franz Bauer auf dem elterlichen Hof.

Josef Eder, Bruder von Großvater Peter; auf dem Pferd sein Neffe Franz

Hans und Josef blieben ledig auf dem Hof. (Unverheiratete Geschwister waren gern gesehen. Man brauchte keine Mitgift für sie aufzubringen und sie waren willkommene Arbeitskraft.) Die Schwester Katharina heiratete den Xaver Schneider aus Gelbersdorf. Der wiederum war der Bruder von Peters späterer Braut, die auch Katharina hieß. Peter erbte den Beckerbauernhof in Oberbuch, der jenseits der Donau auf der gegenüberliegenden Hochebene lag.

Die Einöden und Weiler, die hier oben in den Ausläufern des Bayerischen Waldes verstreut sind, gehören alle zum Markt Hofkirchen, der unten an der Donau gelegen ist. Von Bichlberg aus geht es in nördlicher Richtung den Albersberg steil hinab, geradewegs auf die Donaubrücke bei Vilshofen zu. Auf der anderen Seite folgt man der Donau ein Stück weit flussaufwärts bis Pleinting, wo die Straße nach Nordosten ansteigend abzweigt. Oberbuch liegt an der Straße nach Alkoven. Der Beckerbauernhof war der am höchsten gelegene von drei Höfen.

Ursprünglich gehörte er Verwandten vom Peter, seinem Onkel Josef Eder und dessen Frau Anna, die gegen Ende des vorletzten Jahrhunderts das Austragsalter erreicht hatten. Zwei Söhne waren da, aber sie sollen nicht solide gewesen sein und sind beide schon in jungen Jahren an der Lungentuberkulose gestorben. Die Großmutter hat später einmal erzählt, sie haben sich „totgetanzt“.

Zwei Grabsteine auf dem Familiengrab. Der rechte erinnert an meinen Großvater und meine Schwester. „Hier ruht in Gott Herr Peter Eder, Erbhofbauer Oberbuch, gest. 20. Mai 1937, im 70. Lebensj.“, „Mathilde Eder, * 27.11.1924, gest. 13.3.1930 (rechts) und an die Vorbesitzer des „Beckerbauernhofes: „Josef Eder, Bauer in Oberbuch, welcher nach Empfang der heiligen Sterbesakramente am 16. Mai 1895 im 67 Lebensjahr sanft im Herrn verschieden ist. Und dessen Ehegattin Anna Eder, gest. am 22. Dez. 1901 im Alter von 74 Jahren“ (links). In demselben Grab ruhen auch die jung verstorbenen Söhne von Josef und Anna. Die Inschrift ist nicht erkennbar. Die Grabsteine existieren nicht mehr.

Der Hof brauchte also einen Nachfolger und da kam nun der junge Peter Eder aus Bichlberg als nächster Verwandter infrage. Wenn es nach dem Willen der Tante gegangen wäre, hätte der Peter eine Nichte von ihr heiraten sollen. Dann wäre der Hof von zwei Seiten bei der Verwandtschaft geblieben. Das ist immer gut. Aber da hatte der Peter sich schon die Katharina vom Pommerhof in den Kopf gesetzt. Zur Strafe für seinen Undank haben der Onkel und die Tante, die das Wohnrecht auf dem Hof behielten, keinen Handstrich mehr getan, so lange sie lebten. Aber das war nicht mehr sehr lange.

Peter Eder, der als Dreißigjähriger den großen Beckerbauernhof übernahm, war, obgleich körperlich immer kränklich, ein charakterstarker Mann, der ruhig und besonnen die Rolle des Familienoberhauptes übernahm. Als ich zur Welt kam, wurde er mein Vormund und nahm klug meine Interessen wahr. Wenn es schwer für ihn war, dass ich ein lediges Kind war, so hat er es an mir nicht ausgelassen. Und wenn ich es im Leben nicht immer leicht hatte, dann lag es nicht an ihm.

 

Katharina vom Pommerhof

Katharina Eder, geborene Schneider

Meine Großmutter wurde am 6. November 1871, im Jahr der Deutschen Reichsgründung, als Katharina Schneider im Niederbayerischen Gelbersdorf in der Gemeinde Hofkirchen geboren. Aufgewachsen ist sie am Pommerhof, unweit der Donau.

Den elterlichen Hof bekam Katharinas Bruder Xaver. Ich bin ihm einmal begegnet, als er seine Schwester in Buch besuchte. Das muss während des Krieges gewesen sein. Ich war damals ungefähr fünfzehn und er schon ein alter Mann, aber ich erinnere mich, dass er gemütlich war und viel gelacht hat. Auf dem Pommerhof hängt ein gerahmtes Bild, auf dem dieser Xaver Schneider zu sehen ist: Es zeigt einen schneidigen Soldaten im blauen Waffenrock, mit Tornister auf dem Rücken und einem Gewehr mit aufgesetztem Bajonett in der Hand. In merkwürdigem Kontrast zur farbenfrohen Darstellung des Soldaten und der ihn umgebenden Heeresinsignien ist der mit einem Spitzhelm bedeckte Kopf des Gefreiten in schwarz-weiß gehalten. Bei genauem Hinsehen erkennt man, dass hier ein Ausschnitt aus einer Fotografie, wie es sie damals noch gar nicht lange gab, in die kolorierte gedruckte Vorlage eingeklebt ist. Der Unterschrift unter dem ehrwürdigen Bildnis ist zu entnehmen, dass es in Erinnerung an die Dienstzeit des Xaver Schneider 1889 bis 1892 bei der „8. Companie des 11. Königlich Bayerischen Regiments ‚von der Tann‘ in Regensburg“ verliehen wurde.

Außer dem Bruder Xaver hatte Katharina fünf Schwestern, die in unterschiedliche Gehöfte in und um Hofkirchen einheirateten und so der Reihe nach die „Seppenbäuerin“, die „Mühlhammerin“, die „Mossbauerin“, die „Zitzelsbergerin“ und die „Michlbäuerin“ wurden. Die Zitzelsbergerin hat in ein Wirtshaus in Hofkirchen eingeheiratet, das es heute noch gibt.

Wie sich der Peter und die Katharina begegnet sind, weiß ich nicht. Die Bauernfamilien in der Region kannten sich. Es wird eine Kirchweih gewesen sein oder ein Familienfest in der Umgebung, wo sie sich nähergekommen sind. Jedenfalls hat er sie gefragt, ob sie Bäuerin in Oberbuch werden möchte und sie hat „ja“ gesagt.

„ … soll gehen auf Reisen,
Euch alle zur Hochzeit laden und heißen!“

Geheiratet wurde Anfang des Jahres 1898. Es war eine Bauernhochzeit, wie sie damals der Brauch war. Die Braut kam mit einem Kammertwagen auf den Hof. Eine Brautkuh ist angebunden hinterhergegangen. Auf dem Wagen war das Schlafzimmer aufgebaut, das die Frau in die Ehe mitbrachte. Im Schrank waren ihre Kleidung und die Aussteuer. Ein Paar selbstgestrickte, rot-weiß-geringelte Strümpfe hatten wir noch lange nach dem Tod der Großmutter im Haus. Geschirr war auch dabei. Je reicher die Braut, desto üppiger war auch der Kammertwagen ausgestattet. Wenn am Hochzeitstag zwischendurch Zeit dafür war, sind die Gäste zur „Kammertwagenschau“ gegangen. Man wollte ja wissen, was die junge Frau mitbringt.

Wochen vor der Hochzeit war der „Progroder“ beauftragt worden, die Hochzeit auszurichten. Der Hochzeitslader musste besondere Talente haben. Schnoderhipfl singen gehörte unbedingt dazu. Und Stil musste er haben! Er ist durchs Dorf gegangen und hat die Gäste nach festem Brauch persönlich eingeladen.

„Grüß euch Gott mit Herz und Mund!

Ihr seid wohl alle frisch und g`sund?

Auch ich bin froh und guter Ding,

weil ich euch eine Botschaft bring`,

Einen lieben Gruß in Gottesnam`

von der Jungfrau Braut und dem Bräutigam.

Sie haben mir geboten, ich soll gehen auf Reisen,

euch alle zur Hochzeit laden und heißen!“

So oder ähnlich lautete die Einladung. Danach zeichnete er mit Kreide einen Strauß an die Haustür und schrieb die Höhe des Mahlgeldes auf, sowie den Ort und die Zeit der Festlichkeit, damit niemand den Termin der Feierlichkeit vergaß.

Am Hochzeitstag gibt es zeitig in der Früh etwas zu essen. Dann geht man zur Kirche wo Braut und Bräutigam sich feierlich die Ehe versprechen, „bis dass der Tod sie scheide“. Nach so viel ernster Festlichkeit freuen sich Brautpaar und Gäste auf das Hochzeitsmahl, zu dem sie in die Wirtschaft eingeladen haben. Als Vorspeise gibt es eine Suppe, dann den Schweinsbraten, später Kaffee und Kuchen. Während des Essens spielt die Musik, für die zwischendurch ein Teller fürs Trinkgeld herumgereicht wird. Zum selben Zweck lässt die Köchin eine Schöpfkelle herumgehen. Auch für die Entlohnung des Progroders wird von den Gästen ein Obolus erwartet. Nicht billig für die Gäste, so eine Hochzeit. Dafür darf jeder etwas von dem übrig gebliebenen Fleisch – eingewickelt ins Pschorrtüchl – mit nach Hause nehmen.

Wenn alle gestärkt sind, geht‘s ans Schenken: Dazu ruft der Progroder nacheinander alle geladenen Gäste auf. Der Aufgeforderte tritt heran, beglückwünscht das Brautpaar mit Handschlag und übergibt ein Geschenk nebst Geldumschlag. Vor der versammelten Gästeschaft will sich keiner lumpen lassen. Schon deswegen nicht, weil das Gegebene gleich begutachtet wird und der Progroder beim „Aussingen“ gern spontan einen Kommentar zur Großzügigkeit des jeweiligen Gastes in sein improvisiertes Schnoderhipfl einbaut. Bei einer großen Hochzeit kann „das Schenken“ also eine ganze Zeit dauern vor lauter Singen und Händeschütteln und Glückwünschen.

Wenn gegessen und die Schenkerei vorbei ist, stellen sich die „Draufgänger“ ein: Verwandte von den Geladenen zumeist, junge Burschen, die keine Gelegenheit auslassen, zu feiern und zu tanzen. Erst lassen sie das Brautpaar leben, dann betrinken sie sich. Getanzt wird, bis die Brautleute heimgehen. Danach wird noch lange gesoffen, und nicht selten endet so ein Fest in einer Messerstecherei. Wenn es eine schöne Hochzeit war, wird sie hinterher fleißig gelobt; wenn gespart worden ist, werden die Gastgeber ausgerichtet. So oder so gibt es noch lange was zu reden. Flitterwochen gab es nicht. Nach der Hochzeit begann der Alltag auf dem Beckerbauernhof.

 

Der Beckerbauernhof

Auf dem Schrot (Balkon) oben steht die Großmutter. Unten von links nach rechts: Maria, Katl, die kleine Franziska mit Puppe, Hans und Muckl. Am Dach sieht man vorne rechts, wo nach dem Gewitter von 1929 die Ziegel ausgebessert wurden.

Der Beckerbauernhof war ein für die Region typischer Vierkanthof, dessen Gebäudeteile einen geschützten Innenhof umschlossen. Die Längsseite des Wohnhauses blickte zur Straße hin, links davon schloss sich – von einer Hofmauer eingerahmt – die breite Toreinfahrt an. Zwischen Tor und Haus war eine Tür in der Mauer, so dass man als Fußgänger eintreten konnte, ohne das schwere Tor öffnen zu müssen. Links schloss sich quer zur Straße der Kuhstall an, in dem zu beiden Seiten eines betonierten Ganges je fünf Kühe in ihren Koben standen. In der Außenmauer des Stalles gab es Öffnungen mit hölzernen Klappläden, durch die der Mist auf kurzem Weg zu dem dahinter liegenden Misthaufen transportiert werden konnte. Die Kühe wurden der Milch wegen gehalten, die die Großmutter zu Butter und Schmalz verarbeitete.

Auf den Kuhstall folgte der Saustall. An einer Seite entlang waren vier Koben aufgereiht, in denen immer zwei bis drei Säue untergebracht waren. Gezüchtet wurde nicht selbst. Der Großvater hat im Frühjahr Ferkel gekauft und großgezogen; zwei davon wurden im folgenden Winter für den Eigenbedarf geschlachtet, die anderen verkauft. Auch der Saustall war betoniert und mit einer Urinrinne versehen, und wie der Kuhstall hatte er eine Luke zum Misthaufen hin. Nach dem Ausmisten wurden Eimer voll Wasser hinterher geschüttet und der restliche Dreck mit einem der Riedlbesen aus Birkenreiser, die der Großvater im Winter selbst band, hinausgekehrt.

Dem Saustall schloss sich bis zur nächsten Quermauer der „Dent“, (die Tenne) an, der gleichzeitig Remise für Wagen und Gerätschaften war. Im Winter hat man den Dent leergeräumt und – durch eine Öffnung von oben gespeist – das Getreide darin gedroschen. Über den ganzen Gebäudeflügel erstreckte sich der Heuboden. Neben dem Wagenschuppen führte ein Tor auf das zum benachbarten Hoisnhof angrenzende Grundstück hin. Eine rechte Wildnis war da hinten. In eine „Logga“, einen trüben Tümpel, floss die Jauche aus dem Kuhstall, daneben lag der Misthaufen. Das matschige, brennesselbewachsene Stück Grund ging über in eine ganz ähnliche Wildnis, die zum Hoisnhof gehörte und den gleichen Zwecken diente. Rechts vom Durchgang erstreckte sich über die ganze hintere Breitseite des Hofes der Stadl, in dem Getreide und Stroh lagerten. An seinem Ende gab es ein weiteres Tor, durch das die Gespanne während der Ernte auf kurzem Weg zu den dahinterliegenden Feldern gelangten. Im rechten Winkel dazu hatte Peter einen vierten Gebäudeflügel angebaut, den „Neubau“, in dem sich der Ross-Stall und die „Holzleg“ für das Brennholz befanden. Im Heuboden darüber lagerte das duftende Kleeheu für die Pferde. Der Pferdemist musste mit dem Schubkarren über den Hof gefahren werden, weil der sonst übliche direkte Zugang zum Misthaufen durch das hinter dem Stall gelegene Waschhaus versperrt war. Es war in den Hang hineingebaut, der sich an dieser Seite des Hofes erhob und stellte in einer Zeit, in der vielerorts die Wäsche noch in Zubern auf dem Küchenherd ausgekocht und am Brunnen im Hof ausgespült wurde, eine hochkomfortable Errungenschaft dar. An einer Wand standen die Waschbank und der Kessel für die Wäsche. In einem Wechselbehälter wurden auf dem gemauerten Holzofen täglich auch die Kartoffeln für das Saufutter gekocht. Die Kartoffeln lagen griffbereit nebenan im ebenerdigen „Keller“, einem bunkerartigen Raum, der auf dieser Seite ebenfalls in den Hang gegraben war. Auf der anderen Seite des Waschhauses war der Backofen, der aber, soweit ich zurückdenken kann, nicht mehr verwendet wurde, weil der Großvater das Brot schon lange beim Bäcker holte.

Im Waschhaus gab es außerdem einen einzelnen Koben, in dem manchmal ein altes Schwein untergebracht war, für das im Saustall gerade kein Platz war. Das hatte es dann schön warm vom vielen Kartoffeldämpfen. Über all dem lag eine Austragswohnung mit zwei Zimmern, in die man über eine Außentreppe gelangte. Als Altenteil wurde sie nie verwendet. Die unverheirateten Männer, die auf dem Hof lebten, Muckl, Hans, der Knecht und vielleicht noch ein Stallbursche, schliefen in dem einen Zimmer. Das andere war Abstellraum, wo die Männer am Abend ihre Stallkleidung aufhängten. Nach hinten, über dem Kartoffelkeller, hatte die Wohnung eine Terrasse, von der man wahlweise Blick auf die Straße hatte oder auf den Misthaufen.

Das Gebäudekarree wurde mit einem vierten Tor zwischen dem Waschhaus und dem Wohnhaus vollendet, durch das das Pferdegespann Zugang zum Misthaufen hatte. Dazwischen lag noch das „stille Örtchen“, das Scheißhäusl mit dem geschnitzten Herz in der Holztür. Damit man nicht jedes Mal das schwere Holztor aufmachen musste, war auch hier ein Türchen im Tor.

Dahinter lag, bevor sich Wiesen und Felder ausdehnten, der eingezäunte Gemüsegarten, in dem die Großmutter sorgfältig pflegte, was für die Küche angebaut wurde. Kohlrabi für die Suppe, die es oft als Vorspeise gab, Weißkraut, Blaukraut, Rettich, Raner (Rote Beete) und Zwiebeln. Knoblauch gab es hier nicht. Auch Tomaten waren in einem Bauerngarten noch nicht zu finden. Aber ein paar Erdbeeren hatten ihr sonniges Plätzchen. Gepflanzt haben die „Weiberleut‘“ und zwar bei „kleinem Regen“, also schön feuchtem Nieselwetter.

Jenseits des Gemüsegartens auf der Wiese nach Unterbuch hin, hatte der zukünftige Bauer Hans zahlreiche Nussbäume gepflanzt und auf der anderen Seite der Straße gab es einen reichen Obstgarten. Glasäpfel wuchsen hier, die sich gut einwintern ließen, und drei hohe Birnbäume: die ein wenig faden aber sehr saftigen Mostbirnen und ein Baum „Gute Luise“, eine kleine, sehr wohlschmeckende und saftige Sorte von Birnen, die man gleich essen musste, wenn sie reif waren. Außerdem Zwetschgen, kleine, fast schwarze süße Kirschen und die sauren Weichsel. Am Spalier wuchsen Weintrauben. Der Hans hat das alles fachkundig gepflegt und geschnitten. Im Herbst hat er in einer großen Presse die Birnen gesaftet und vergären lassen. Die Zwetschgen wurden im Backofen zu Kletzen gedörrt. Auf gleiche Weise wurden Apfelspeitel getrocknet und beides wurde im Winter als Begleitung zu Mehlspeisen aufgekocht.

Für die Obstkonservierung, genauso wie für das Bepflanzen des Gemüsegartens, waren die „Weiberleut‘“ zuständig, also meine Mutter, ihre Schwester Katl und die Magd.

***

Von diesem Abstecher in den Garten kommen wir zurück in den Hof und stehen jetzt vor dem Wohnhaus. Über den „Gret“, die flache schmale Veranda, die sich an der Längsseite entlang zog, führten zwei Türen hinein. Die linke war der Eingang zum sogenannten „Ochsenstall“, der in Wirklichkeit das Jungvieh beherbergte und die ganze hangseitige Hälfte des Erdgeschosses einnahm. Kälber und Jungrinder hatten hier ihr Zuhause. Die Rückseite hatte wieder die bekannte Öffnung zum Misthaufen, die bei der Stallarbeit Wege sparte.

Die rechte Tür ist die Haustür, die in den großzügigen Flez, den Hausflur, führt. Drinnen geht es links nochmal durch eine Tür in den Ochsenstall. Gegenüber ist der Eingang zur großen Stube. Dahinter, zur Straßenseite hin, liegt die „Kuchl“. Vom Flur aus führt auf Höhe der Küchentür eine Holztreppe nach unten in den Keller, in dem auf gestampftem Lehmboden das Suhrfleisch, der große Sauerkrautzuber und die Mostfässer lagern.

Nach oben führt die Treppe zu einer beachtlich breiten Diele im ersten Stock hinauf. Mittig zur Hofseite hin geht es auf den „Schrot“, den hölzernen Balkon, hinaus; über dem Ochsenstall liegt das Schlafzimmer der Großeltern und auf der anderen Seite, über der großen Stube, die „obere Stube“. Sie ist eingerichtet mit dem, was die Hausfrau auf dem Kammertwagen mitgebracht hat. Ein Gläserkasten mit Geschirr steht hier oben, ein Schrank mit Wäsche und vier Betten, in denen Gäste schlafen, wenn Besuch da ist.

Über der Kuchl war ein Zimmer, das weitgehend unbenutzt war.

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