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Ist es vielleicht Liebe?

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1. KAPITEL

Sollte Feuer nicht eigentlich wild, unvorhersehbar oder sogar gefährlich sein? Micah zwirbelte eine Strähne ihres flammend roten Haares und fragte sich, wie sie den Funken verloren hatte, der mit diesen lebhaften Strähnen verbunden gewesen war. War die Flamme vor Jahren erloschen, oder war sie langsam und allmählich ausgegangen?

Sie war sich nicht mehr sicher. Es war, als wären die letzten zehn Jahre eine Lüge gewesen. Sie hatte den Heilungsprozess durchlebt, weitergemacht und sich eingeredet, alles läge nun hinter ihr. Aber dieses blasse Abbild eines Lebens war nur Fassade, das erkannte sie nun ganz eindeutig. Sie hatte ihren Schmerz lediglich begraben und seine Existenz geleugnet.

Bis jetzt.

Einen halben Tag im Bett zu liegen war nicht so beruhigend gewesen, wie es hätte sein sollen. Sie hielt den Teddybären, den Drew ihr geschenkt hatte, ganz nah an sich gedrückt und versuchte, etwas von seiner tröstenden Magie zu spüren, aber auch das gelang ihr nicht. An diesem trostlosen Oktobertag schien es, als könnte nichts den Schmerz lindern, der wie eine frische Wunde in ihr Herz schnitt.

Ihr Telefon informierte sie über den Eingang einer neuen SMS. Sie sah Joshs Namen auf dem Display.

Wollte nur hören, wie es dir geht. Alles in Ordnung bei dir? <3

Sie ignorierte sie, genauso, wie sie alle anderen Nachrichten ignoriert hatte, die heute eingegangen waren. Sie wollte jetzt nicht mit ihm sprechen. Josh war ihr bester Freund, er hatte sie aus ihrer Depression zurück ins Land der Lebenden geholt. Sie wusste, er würde versuchen, sie aus ihren Träumen zu holen. Doch genau das wollte sie nicht. Lieber wollte sie sich noch ein wenig länger in ihren Erinnerungen verlieren.

Micah warf das Handy beiseite und beschloss, dass diese Mitleidsorgie noch viel zu harmlos war. Sie rollte sich aus dem Bett, schlüpfte in ihre hässlichen, aber unglaublich bequemen Hausschuhe und ging in die Küche. Auf dem Weg erhaschte sie einen Blick auf sich im Spiegel und blieb stehen, um ihren einst makellosen Porzellanteint zu betrachten, der jetzt geisterhaft weiß war. Sie sah hohl und leer aus. Dunkle Ringe lagen unter ihren Augen. Sie war in einem erbärmlichen Zustand. Die Depression der letzten beiden Monate hatte ihren Tribut gefordert. Dass sie in letzter Zeit Gewicht zugelegt und ihr Äußeres vernachlässigt hatte, machte es auch nicht gerade besser, aber wenigstens sah sie ein akkurates Abbild dessen im Spiegel, was sie im Inneren empfand.

In der Küche ging sie schnurstracks zum Kühlschrank, wo im Eisfach hinter Beuteln mit gefrorenem Gemüse ein großer Becher ihrer Lieblingseiscreme auf sie wartete. Sie hatte gewusst, dass sie das Eis irgendwann brauchen würde. Ihre Mitbewohnerin Sabina war unterwegs und würde nicht so schnell wiederkommen – was Micah ausreichend Zeit ließ, um einen Krimi-Marathon zu starten und dabei ihrem eisigen Laster zu frönen. Ganz ohne Vorwürfe.

Doch als Sabina zwei Stunden später zurückkehrte, sprach ihr Gesichtsausdruck Bände.

„Was ist los?“ Sabinas Blick entging nichts. Mit spitzen Fingern hob sie den leeren Eisbecher an und schaute hinein. „Bitte sag mir, dass du das nicht alles allein gegessen hast. Und was hat es mit dem Pyjama auf sich? Bist du gerade erst aufgestanden?“

Micah überlegte krampfhaft, was sie zu ihrer Verteidigung sagen könnte, doch ihr fiel nichts ein. Sie war in allen Anklagepunkten schuldig.

„Du musst dich endlich zusammenreißen, Micah. Ich weiß, dass es wehtut. Aber es muss trotzdem ein Ende haben, und zwar eher früher als später.“

„Tja, heute wird das definitiv nichts mehr. Wie sollte ich an einem Tag wie diesem nicht an ihn denken?“

„Das sollst du ja gar nicht. Aber es gibt einen Unterschied. Wir anderen feiern sein Leben, während du … während du so tust, als wäre er gerade erst gestorben. Es ist zehn Jahre her, mein Gott! Komm schon. Wir haben keine Zeit, das jetzt zu diskutieren. Du musst dringend unter die Dusche, denn wir sind in zwei Stunden mit den anderen verabredet.“

Die hell erleuchtete Stadt, die jaulenden Sirenen und wütenden Hupen, die aggressiven Fahrer, die sich durch den Verkehr kämpften, der leicht fischige Geruch, der noch vom vormittäglichen Markt in der Luft hing – über all das würden sich andere Menschen vielleicht beschweren. Aber für Micah bedeuteten sie vor allem eines: Boston. Ihr Zuhause. Sie liebte jede einzelne Facette der Stadt. Jeden verärgerten Iren, italienischen Mafioso, jedes historische Gebäude – und nicht zu vergessen den Hummer.

Micah und ihre Freunde – Josh, Sabina, Hanna und Jamie – spazierten durch die Straßen von Boston, als würde die Stadt ihnen gehören. Sabina glaubte als Model vermutlich, dass das tatsächlich so war. Und bei Hanna würde es in ein paar Jahren vielleicht sogar stimmen, wenn sie so weitermachte wie bisher. Micah war die Außenseiterin in dieser erfolgreichen, gut aussehenden Truppe, aber heute Abend hatte sie sich große Mühe gegeben, um mit den anderen mithalten zu können.

Es war Freitagabend, und trotz der gefallenen Temperaturen sprühte die Stadt nur so vor Leben. Als sie gemeinsam die viel befahrene Straße überquerten, wurden sie von den Klängen des Bostoner Nachtlebens begrüßt. Das hier war nicht Micahs Szene, aber es war eine heilige Nacht, daher die hohen Schuhe, das schicke Top und die falschen Wimpern, zu denen Sabina sie überredet hatte. Es war das erste Mal seit letztem Oktober, dass sie sich schick gemacht hatte. Die Schuhe brachten sie inzwischen um.

Wenn man mit jemandem ausging, der so gut aussah wie ihre Mitbewohnerin, hatte man nur zwei Möglichkeiten. Man konnte sich aufbrezeln und hoffen, neben ihr nicht wie Aschenputtel auszusehen. Oder man konnte es von vornherein aufgeben und die Yogahose anziehen, die noch nie in einer Yogastunde getragen worden war. An dreihundertvierundsechzig Tagen im Jahr hatte Micah aufgegeben und sich für die Yogahose entschieden.

„Gott, ich liebe diese Stadt bei Nacht! Warum machen wir das nicht öfter?“ Sabina wirbelte im Gehen herum, die Arme ausgebreitet, den Kopf in den Nacken gelegt. Mit ihren acht Zentimeter hohen Absätzen stolperte sie etwas auf dem Kopfsteinpflaster, aber Jamie fing sie auf.

„Weil wir einen Job und ein Leben haben und nur Collegestudenten und seltsame alte Leute sich an einem Freitagabend in diesen Teil von Boston wagen“, sagte Micah.

„Wenn du heute Abend Spaß haben willst, musst du noch an deiner Einstellung arbeiten“, erwiderte Hanna und verzog die Lippen zu einem Schmollmund.

„Meiner Einstellung? Ich habe keine …“ Okay, vielleicht habe ich die doch. „Es ist auch egal. Ich habe nicht vor, heute Abend Spaß zu haben. So.“ Wie alt bin ich? Fünf?

„Es ist Drews Abend, da ist Spaß ein Muss.“

„Dieser Regel habe ich nie zugestimmt.“

„Komm schon, Micah. Drew hat solche Sachen geliebt. Wenn wir seine Erinnerung also wirklich ehren wollen wie in den letzten Jahren, müssen wir Spaß haben. Du eingeschlossen. Genau das hätte er gewollt, und das weißt du auch.“

„Er hätte auf jeden Fall nicht diese missmutige, depressive Version von Micah sehen wollen“, stimmte Josh zu und legte einen Arm um sie, um seinen Worten die Schärfe zu nehmen. „Ich weiß, dass diese Gedenktage für dich schwer sind, aber neun hast du schon überlebt. Was ist dieses Jahr so anders? Du schaffst es, das weiß ich.“

Das stimmte. Sie hatte die letzten zehn Jahre ganz gut gemeistert. Warum fällt es mir dann dieses Jahr so schwer?

Die frische Bostoner Luft ließ ihr einen Schauer über den Rücken laufen. Sie zog ihren Umhang fester um den Hals und kuschelte sich enger an Josh.

„Ist dir kalt?“, fragte er und zog sie näher an sich. Mit der Hand rubbelte er über ihren Oberarm, um sie zu wärmen. „Verrätst du mir, warum du heute alle meine SMS ignoriert hast?“

„Nicht wirklich.“

„Wie viel Eis hast du heute gegessen?“

„Das geht dich nichts an.“

„Was soll ich nur mit dir machen?“ Er behielt den Arm um sie gelegt.

„Ich muss mir womöglich ein neues Laster suchen. In den letzten Monaten habe ich fünf Pfund zugelegt. Selbst meine Stretchhosen fühlen sich langsam eng an.“

„Das ist wirklich schlimm.“

„Hör auf. Das ist ein sehr sensibles Thema.“

Josh lachte sein schönes tiefes Lachen, verstand aber den Hinweis und wechselte das Thema.

An jedem sechsten Oktober gingen sie zu fünft in denselben Pub in Bostons Innenstadt. Sie stießen auf Drew an und erzählten sich gegenseitig ihre liebsten Erinnerungen, doch Micah spürte, dass es dieses Jahr anders würde. Sie konnte nicht genau sagen, was sich verändert hatte, bis sie sich an ihren üblichen Tisch setzten und die erste Runde Getränke bestellten. Sie betrachtete die Gesichter ihrer engsten Freunde und erkannte, dass Sabina recht hatte. Sie alle hatten mit ihrem Leben weitergemacht, während sie in ihren schmerzlichen Erinnerungen feststeckte.

Diese Erkenntnis traf sie wie ein Schlag gegen den Kopf. Sie hatte die Wahrheit nicht sehen wollen. Es war bequem und einfach, so zu leben. Sich nie der Realität zu stellen. Dem Schmerz. Sich nie zu erlauben, wirklich um ihre erste große Liebe zu trauern – ihre einzige Liebe.

Jamie hob das Glas. „Auf Drew.“

Fünf Gläser hoben sich im Gleichklang, während Micah sich fragte, ob sie wohl alle wussten, was sie gerade erst erkannt hatte. Wissen meine Freunde, dass ich mich nie mit meiner Trauer auseinandergesetzt habe? Sie beobachtete sie weiter. Es war, als dächten alle das Gleiche. Und nun?

Die Jungs richteten ihre Aufmerksamkeit auf die Spiele auf den Fernsehern an den Wänden. Die Mädchen spielten mit ihren Handys. Einen Moment überlegte Micah, ob es wohl das letzte Mal wäre, dass sie diesen Abend gemeinsam verbrachten, den sie so sehr in Ehren gehalten hatte.

Hannas Handy vibrierte. „Da muss ich kurz ran. Ich bin gleich wieder da.“

Sabina war von einer Gruppe Jungen entführt worden, während Josh ein paar Freunde an der Bar entdeckt und Jamie und Micah allein zurückgelassen hatte. Sie schwiegen. Micah strich mit dem Finger über den Glasrand und wusste nicht, was sie sagen sollte. Ihr Gehirn war immer noch damit beschäftigt, die letzten Erkenntnisse zu verarbeiten.

Nach der Tragödie hatte ihre Mutter sie zu einem Therapeuten geschickt. Der hatte nicht viel gesagt, sondern nur zugehört, während Micah über die Gefühle gesprochen hatte, die jeden Bereich ihres Lebens beeinträchtigten. Sie hatte die Praxis mit dem festen Entschluss verlassen, sich nicht weiter von ihrem Schmerz kontrollieren zu lassen.

Micah war sicher gewesen, ihre Trauer in den Griff zu bekommen und wieder ein normales Leben führen zu können. Also hatte sie sich jedes Jahr ein paar Wochen gegönnt, in denen sie trauern durfte. Es hatte keinen Zweck, jeden Tag daran zu denken. Indem sie sich selbst einen zeitlichen Rahmen zugestand, hatte sie den Schmerz so lange ignoriert, bis sie ihm gegenüber taub geworden war. Nur so hatte sie überlebt.

Aber je näher der zehnte Jahrestag gekommen war, desto stärker hatte sie gespürt, dass es dieses Mal schwierig werden würde, ihn zu überstehen. Also hatte sie sich etwas zusätzliche Zeit gegönnt. Doch sie hatte nicht damit gerechnet, wie schwer es war, die Gedanken daran, wie ihr gemeinsames Leben mit Drew jetzt aussehen könnte, im Zaum zu halten.

Micah ertappte Jamie dabei, wie er auf die Uhr sah. „Musst du noch irgendwohin?“

„Ehrlich gesagt ja. Zu Hause wartet noch ein Berg Arbeit auf mich.“ Er sah körperlich und mental erschöpft aus.

„An einem Freitagabend?“

„Ja. Auf einer Farm hört die Arbeit niemals auf. Es tut mir leid, Micah, aber ich muss wirklich los.“

„Schon gut. Geh nur.“

Er gab ihr einen schnellen Kuss auf die Wange und ging. Micah schüttelte den Kopf. Von Jamie hätte sie am allerwenigsten erwartet, dass er ihr Ritual abkürzen würde. Er war Drews Cousin.

Dass er einfach gegangen war, goss Wut in den Cocktail ihrer sowieso schon brodelnden Gefühle. Sicher, inzwischen sollten alle ihr Leben weiterleben, aber man konnte doch ein bisschen Respekt zeigen. Der heutige Abend war eine Tradition unter Freunden. Er war heilig. Sie ehrten die Erinnerung an einen Freund, der ihnen allen nahegestanden hatte. Doch die anderen taten so, als würde Drew ihnen nichts mehr bedeuten. Bin ich die Einzige, die diese gähnende Leere spürt, wo er einst gewesen ist?

Sie leerte ihr Glas in einem Zug und griff dann nach den Drinks, die Sabina und Hanna zurückgelassen hatten.

Vor Jahren war ihr die Traurigkeit wie etwas vorgekommen, was sie problemlos in den Griff bekommen könnte. Doch irgendwo auf dem Weg hatte ihr Wunsch, den Schmerz zu kontrollieren, die Trauer unterdrückt. Und Themen, mit denen sie sich schon vor Jahren hätte beschäftigen sollen, waren unangerührt geblieben.

Jetzt hatte sie die Kontrolle vollends verloren. Über ihre Trauer, ihre Gefühle, ihr Leben.

Genug war genug. Es war zehn Jahre her. Morgen würde es ein Ende haben. Sie würde es schaffen. Sich endlich mit dem Leugnen und der Trauer zu beschäftigen wäre sicher gut, um es ein für alle Mal hinter sich zu lassen. Sie würde sich noch eine traurige Nacht mit vielen starken Drinks gönnen und dem Ganzen morgen ein für alle Mal ein Ende setzen. Ja! Ab morgen werde ich mein Leben wieder in die Hand nehmen.

Sie sah sich in der Bar nach ihren Freunden um. Sabina und Josh waren die Flirter ihrer Clique. Mit ihrem guten Aussehen und unwiderstehlichen Charme hatten sie bereits die Aufmerksamkeit vieler anderer Gäste auf sich gezogen. Vor allem Sabinas exotische Schönheit sorgte immer wieder für Aufsehen.

Josh stand an der Bar, umgeben von einer Gruppe Frauen, die wie die Geier nur darauf warteten, die Krallen in ihr Opfer zu schlagen. Sie hatten ja keine Ahnung, dass Josh alles andere als ein Opfer war.

Als die Kellnerin die Vorspeisen servierte, bestellte Micah noch einen Drink. Es hieß ja, dass man seine Trauer in Alkohol ertränken könne, und heute schien ein guter Abend zu sein, um diese Theorie auszuprobieren.

Josh kehrte an den Tisch zurück. „Wo sind denn alle hin?“

„Hanna ist telefonieren, Sabina ist da drüben, und Jamie ist gegangen.“

„Gegangen?“ Er wirkte genauso überrascht wie sie.

„Ja.“

„Seltsam.“ Josh musterte sie. Sie hasste es, dass er sie innerhalb weniger Sekunden durchschaute. „Was ist mit dir?“

Darauf gab es keine einfache Antwort. Micah hatte die Angewohnheit, ihre Gefühle in sich zu verschließen, doch heute Abend schien ihr das nicht zu gelingen.

Sie beneidete ihre Freunde. Sie hatten ihr Leben im Griff und erwarteten so viel mehr davon als sie. Bis eben war ihr das nie aufgefallen. In ihrem Leben war alles sicher – ihre Arbeit, ihre Freunde. Sie hatte sich von neuen Freundschaften ferngehalten, von neuen Beziehungen, neuen Gelegenheiten. Außerhalb ihrer Komfortzone war sie anfällig und verletzlich. Ihre Freunde lebten ihr Leben, während sie in ihrem sicheren Kokon saß und allem aus dem Weg ging, das sie verletzte.

Und nun brach alles, was sie sich geweigert hatte zu sehen, über ihr zusammen. Sie wollte sich endlich auch wieder lebendig fühlen, wollte aufhören, diesen blassen Abklatsch eines Lebens zu leben.

„Du solltest das mit den Drinks vielleicht etwas langsamer angehen. Ich habe dich noch nie so viel trinken sehen. Ich wüsste nicht mal, was ich mit dir anstellen soll, wenn du betrunken bist.“

Wie viele Drinks sind es gewesen? dachte Micah. Und wer zählt so etwas schon? „Tja, dann wirst du es wohl bald herausfinden. Heute bin ich nicht für meine Taten verantwortlich zu machen.“

„Oje.“

„Das Mädchen da drüben sieht dich ständig an.“

„Und?“

„Du hast sie vorhin auch angesehen. Du solltest zu ihr gehen und mit ihr reden.“

„Geht nicht, ich rede schon mit dir.“

„Dann bin ich heute also die Glückliche?“

„Ich schätze schon.“ Er richtete seine durchdringenden grauen Augen auf sie. „Hast du Lust auf ein Spiel?“

„Was für eins?“

„Wir versuchen, die Menschen anhand ihrer Drinks einzuschätzen.“

„Okay. Du fängst an.“

„Siehst du den Kerl da drüben mit dem roten Hemd? Er hat sich gerade die Karte mit den Margaritas angeschaut, sie aber sofort weggelegt, als er die heiße Barkeeperin bemerkt hat. Ich wette fünfzig Dollar, dass er einen Whiskey pur bestellt.“

„Ach, jetzt geht es auf einmal um Geld? Okay, ich bin dabei.“

Micah beobachtete, wie die Barkeeperin dem Mann ein Glas mit einer bernsteinfarbenen Flüssigkeit reichte. Er stellte es vor sich hin, ohne davon zu trinken.

„Warum trinkt er nicht?“

„Weil es ihm zu stark ist. Deshalb hat er ja zuerst bei den Margaritas geguckt.“

Sie verdrehte die Augen. Das ist so albern.

Josh nahm einen großen Schluck von seinem Bier, als eine wunderschöne Frau an ihrem Tisch vorbeischlenderte und ihm ein aufmunterndes Lächeln zuwarf. Die Dreistigkeit der Frau machte Micah sprachlos. Bin ich wirklich so unscheinbar, dass ich als Begleitung von Josh überhaupt nicht infrage komme? Josh erwiderte das Lächeln, fuhr dann jedoch mit dem Spiel fort. Sein Blick glitt zurück zur Bar, vorbei an dem Mann mit dem unangerührten Whiskey zu den anderen Gästen.

„Okay, du bist dran.“

„Nein. Ich bin in so was nicht gut.“

„Na gut … Siehst du die Granate am Ende der Bar?“ Bei dem Wort „Granate“ kniff Micah die Augen ein wenig zusammen. „Sie nuckelt schon seit beinahe einer halben Stunde an ihrem Corona. Sie ist allein, sieht gut aus und trinkt nur wenig. Ich wette, dass sie nicht vorhat, die Bar allein zu verlassen. Sie wird mehr trinken, sobald ein Kerl anfängt, ihr Drinks zu spendieren. Dann wird sie so tun, als wolle sie nirgendwo mehr hin, aber wenn irgendein Glücklicher die Zeichen richtig deutet, wird er wissen, dass Miss Corona zu allem bereit ist.“

„Du bist verrückt. Machst du so was öfter?“ Micah sah Josh an. „Was ist mit mir? Was sagen meine Drinks über mich aus?“

„Tja … deine Getränke verraten einiges. Zum einen sagt mir die Vielfalt, dass du die Drinks von anderen trinkst und nicht selbst bezahlst. Und dass du dich an nichts von dem erinnern wirst, was ich gerade gesagt habe.“

„Na dann … Warum gibst du Miss Corona nicht einen aus? Sie hat schon zwei Mal hergesehen.“ Micah fühlte sich heute Abend frech, was Josh bemerkte. Er hob die Augenbraue und lächelte.

„Jemand muss dich davon abhalten, heute schlechte Entscheidungen zu treffen.“

„Und das willst du übernehmen?“

„Für den Moment. Aber sobald du mich in den Wahnsinn treibst, bin ich weg.“

„Gut zu wissen, dass ich einen so tollen Freund habe, auf den ich mich in Notzeiten verlassen kann.“

„Jederzeit gern.“

Der Alkohol stieg ihr langsam zu Kopf. Josh verschwamm vor ihren Augen ein wenig, als er sich ihr gegenübersetzte und sie rätselhaft ansah. Er war wirklich schön und erinnerte sie irgendwie an eine Metallstatue – männlich, rau, mit harten Kanten, aber trotzdem wunderschön. Selbst seine Augen wirkten metallisch. Ein seltsames Grau, das manchmal blau, manchmal grünlich schimmerte. Frauen schienen sie zu lieben. Micah hingegen fand sie stechend und kalt. Sie hatte schon immer blaue Augen bevorzugt, so wie die von Drew.

Eine lebhafte Erinnerung stieg in ihr auf. Sie trank den Rest ihres Drinks und bestellte einen neuen. Josh sah aus, als würde er jeden Moment aufstehen und gehen.

„Verlass mich nicht“, bat sie.

„Warum?“

„Ich will nicht von fremden Männern angesprochen werden.“

„Oh, darüber würde ich mir keine Sorgen machen. Solange du so finster dreinschaust, wird sich niemand an dich heranwagen. Ich glaube, du machst allen hier Angst, inklusive mir. Ich hole mir nur schnell ein Wasser, bin gleich wieder da.“

Je mehr sie trank, desto mehr Erinnerungen überfielen sie. Und je mehr sie sich erinnerte, desto mehr trank sie. Ein endloser Kreislauf von Tequilas und verstörenden Erinnerungen. Sie und Drew waren seit der Highschool ein Paar gewesen. In jener Nacht hatte sie nicht nur ihren Freund verloren, sondern die Liebe ihres Lebens, die Kinder, die sie haben wollten, das Traumhaus und die Hand, die ihre hielt, während sie gemeinsam älter wurden. Der Unfall hatte ihr auf einen Streich alle Träume und Sehnsüchte genommen.

Oh Gott. Sie fing an, sich selbst auf die Nerven zu gehen. Das war einfach erbärmlich. Der Tequila wirkte nicht, er machte alles nur noch schlimmer.

„Micah, du siehst nicht gut aus.“

Tja, Josh, dafür fängst du langsam an, richtig gut auszusehen. Oh nein! Wo kam das denn gerade her?

Josh umfasste ihr Kinn und hob ihr Gesicht an, bis sie ihn ansah. „Wie viele hattest du?“

„Das ist unwichtig. Heute wäre Drew achtundzwanzig geworden. Kannst du das glauben?“

„Ja, es ist schwer vorstellbar.“

„Es ist, als wäre sein Bild eingefroren. Er ist für immer achtzehn.“

„Komm, ich bringe dich nach Hause.“

„Mir geht es gut, Josh. Ich bin noch nicht betrunken. Versprochen.“

„Machst du Witze? Du bist sturzbesoffen. Und ich Idiot habe dich nicht schon früher aufgehalten. Du trinkst sonst doch nie. Was ist nur mit dir los?“ Er packte ihren Arm, zog sie auf die Füße und half ihr in den Mantel.

Sie war nicht betrunken und zu sehr Lady, um sich wie die betrunkenen Collegestudenten zu benehmen, die den Pub bevölkerten. Andererseits … wo sie jetzt darüber nachdachte, vielleicht war sie doch betrunken. Sie wusste nicht, wie viele Drinks sie gehabt hatte. Der Raum neigte sich, und sie musste sich an Josh festhalten. Vermutlich hatte er recht. Und ihr Plan hatte nicht funktioniert: Sie hatte nicht genügend getrunken, um zu vergessen.

2. KAPITEL

Erst als sie an ihrer Wohnung ankamen, bemerkte Micah, dass sie ihre Handtasche und ihre Schlüssel in der Bar vergessen hatte.

„Er fehlt mir so sehr, Josh.“ Das hatte sie wieder und wieder gesagt, seit sie den Pub verlassen hatten. Diese neue Version von ihr wurde ihr selbst sehr schnell langweilig. Zum Glück war es das erste Mal, dass sie versucht hatte, den Schmerz zu ertränken. Ihren gelallten Worten nach zu urteilen, hatte es jedoch nicht funktioniert.

Sie war in keiner guten mentalen Verfassung. Es war an der Zeit, dass jemand etwas unternahm. Und als ihr bester Freund schien ihm diese Verantwortung zuzufallen. Aber jetzt war nicht der richtige Zeitpunkt. Er würde morgen mit ihr reden.

„Ich weiß. So geht es uns allen.“

„Aber du wolltest ihn nicht heiraten. Ich schon. Du warst nicht in ihn verliebt, oder? Ich würde es verstehen, wenn es so wäre, denn er war einfach umwerfend.“

So hatte sie seit Jahren nicht mehr geredet. Bis vor Kurzem war sie ihm vollkommen normal erschienen. Er hatte sich nicht einmal gefragt, ob sie noch an Drew hing. Aber je näher sein Geburtstag gerückt war, desto mehr war sie zu dieser depressiven, weinerlichen Version von sich geworden, die allen ziemlich auf die Nerven ging.

„Nein. Wir waren nur Freunde, Micah. Ich stehe mehr auf Frauen.“

„Oh ja, er mochte Frauen auch lieber … vielleicht etwas zu sehr. Einmal habe ich ihn erwischt, wie er eine andere geküsst hat.“

Das war neu für Josh. Er hatte immer etwas vermutet, aber nie gedacht, dass Drew so dumm wäre, Micah zu betrügen.

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