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Islamische Philosophie

Murad Wilfried Hofmann (Hrsg.)

Muhammad Sameer Murtaza (Hrsg.)

Merdan Güneş

Hamid Reza Yousefi

Detlev Quintern

Ecevit Polat

Sedigheh Khansari Mousavi

Islamische Philosophie

Band 3:

Die Blütezeit der Falsafa

Murad Wilfried Hofmann (Hrsg.)

Muhammad Sameer Murtaza (Hrsg.)

Merdan Güneş

Hamid Reza Yousefi

Detlev Quintern

Ecevit Polat

Sedigheh Khansari Mousavi

Islamische Philosophie

Band 3:

Die Blütezeit der Falsafa

Inhaltsverzeichnis

Geleitwort

Muhammad Sameer Murtaza

Die Lauteren Brüder und ihre Philosophie der Menschlichkeit

Muhammad Sameer Murtaza

Ikhwan as-Safa und die frühe Einteilung der Wissenschaften: Eine werkimmanente Beschreibung

Hamid Reza Yousefi und Sedigheh Khansari Mousavi

Spiritueller Universalismus – Iwān a-afāʾ und Neue Aufklärung

Detlev Quintern

Das Zeitalter Al-Bīrūnīs

Ecevit Polat

Ibn Sina – Der Fürst der Gelehrten

Muhammad Sameer Murtaza

Avicenna (Ibn Sīnā) und sein philosophisches Erbe

Merdan Güneş

Ibn Al-Haithams Epistemologie

Muhammad Sameer Murtaza

Umar Khayyam – Der Existenzialist

Muhammad Sameer Murtaza

Geleitwort

Muhammad Sameer Murtaza

Der marokkanische Gelehrte und Ideologe Abdessalam Yassine (gest. 2012) schreibt in seinem Buch The Muslim Mind on Trial der Philosophie in der muslimischen Welt die Rolle zu, die Muslime vom Islam weggeführt und somit empfindlich geschwächt zu haben. Muslime würden nichts weiter als den Qurʾān und sie sunna benötigen. Philosophien würden kommen und gehen, doch das Buch Gottes bleibe auf ewig.1

Es ist schon interessant, dass sich Muslime stets auf die kulturelle und wissenschaftliche Blütezeit ihrer Zivilisation besinnen, jedoch wird dabei unterschlagen, dass dieses der intellektuellen Liberalität und den Philosophen geschuldet war.

Ideologen wie Yassine, die durch ihren islamischen „Protestantismus“ wieder an dieses „goldene Zeitalter“ anknüpfen möchten, übersehen, dass sie von einem falschen Geschichtsverständnis ausgehen und somit die zivilisatorische Rückwärtsgewandtheit vieler muslimischer Länder nur weiter bestärken: „Schriftgläubigkeit und Obskurantismus sind die Schlagwörter der Stunde. Für Rationalität oder gar Philosophie scheint in diesem Bild kein Platz zu sein. Gleichwohl ist es unbestreitbar, dass dieselbe [islamische] Welt vor nicht allzu langer Zeit ganz anders wahrgenommen wurde. Da war häufig von Kultur, von Philosophie, von Avicenna und Averroes die Rede: mithin von einer Tradition, die nur als Entfaltung höchster Rationalität verständlich ist“2, so der Islamwissenschaftler Ulrich Rudolph. Die Buchreihe zur islamischen Philosophie hat sich vorgenommen, die philosophische Tradition im Islam multiperspektivisch darzustellen und ihre Entwicklung zu skizzieren.

Der nun vorliegende dritte Band knüpft an den Siegeszug der falsafa, der islamisierten neuplatonischen Philosophie, an, wie sie von Al-Farabi definiert wurde. Der Leser wird eingeführt in die Blütezeit der falsafa, die geprägt wurde von Namen wie Al-Biruni, Ibn Sina, Ibn Al-Haitham, Umar Khayyam oder dem Bund der Lauteren Brüder. Begleitet wird diese Epoche von der zunehmenden Fragmentierung des abbasidischen Reiches in de facto relativ autonome Kleinreiche. Diese zunehmende Instabilität wird letztlich zu politischen Erosionen und einer geistigen Gegenrevolution führen – die aber Gegenstand der vierten Bandes werden soll.

Im Namen von Murad Hofman und mir gilt unser ausdrücklicher Dank Prof. Dr. Merdan Güneş, Prof. Dr. Hamid Reza Yousefi, Dr. Sedigheh Khansari Mousavi, Dr. Detlev Quintern und Prof. Dr. Ecevit Polat für ihre herausragende Mitwirkung an diesem Band.

1 Vgl. Yassine, Abdessalam (2003): The Muslim Mind on Trial. Divine Revelation versus Secular Rationalism. Iowa City: 61-66.

2 Rudolph, Ulrich (2004): Islamische Philosophie: Von den Anfängen bis zur Gegenwart. München: 7.

Die Lauteren Brüder und ihre Philosophie der Menschlichkeit

Muhammad Sameer Murtaza

Im 10. Jahrhundert veröffentlichte eine anonyme Gruppe namens iwā a-afāʾ (Die Lauteren Brüder) eine Sammlung von 52 Sendschreiben3 (Sing. risāla, Pl. rasā il) im Irak. Bei dem Werk handelt es sich um eine Übersicht über das gesamte Wissen der damaligen Zeit, didaktisch aufbereitet. Nach Giese zählt es zu den bedeutendsten Werken islamischer Literatur.4 Bis heute rätselt man aber, wer die Urheber der 52 Sendschreiben waren.

Wer waren die Lauteren Brüder?

Die Vermutungen und Spekulationen über die Identität der Lauteren Brüder sind zahlreich. Man hat sie schon mutazilitischen Theologen, der Siebener-Schia, also den Ismailiten, oder der radikal schiitischen Gruppierung der Qaramaten zugerechnet. Mittlerweile dürfte sich aber die Position von Detlev Quintern und Kamal Ramahi durchgesetzt haben, dass sie nichts hiervon waren. Die Vermählung von Glaube und Vernunft war nicht alleiniges Merkmal der Muʿtazila-Schule, sondern ebenso der falsafa. Zudem vertraten die Lauteren Brüder keine Imamats-Lehre, wie sie der Siebener-Schia zu eigen ist.5 Nach Farrukh waren die Lauteren Brüder Muslime, die sich aber keiner Konfession zugehörig fühlten, sondern eine Synthese von Sunnitentum und Schiitentum anstrebten.6 So finden sich in ihrem Werk sowohl die Anerkennung von Ali ibn Abi Talib (gest. 661) als Imam, was sie als Schiiten identifizieren würde, als auch lobende Worte für die ersten drei Kalifen, die von den Schiiten abgelehnt werden.7

Über ihre Weltanschauung schreiben die iwān aṣ-ṣafāʾ:

[U]nsere ist keine neue Sichtweise noch die einer erfundenen Sekte, sondern die alte Sichtweise, gefolgt zu allen Zeiten von Philosophen, Weisen, Propheten, Kalifen und Imamen, es ist die Religion Abrahams.8

Es ist nicht einmal sicher, ob es sich bei den Lauteren Brüdern um mehr als nur einen Autor gehandelt hat. Giese schreibt zwar zunächst: „Die Vorstellung von einem einzigen Autor ist zum größten Teil abgelehnt worden mit dem Argument, dass ein so umfangreiches und vielfältiges Werk nicht von einem einzigen Autor hätte hervorgebracht werden können“9, um dann jedoch den Einspruch zu erheben: „Dagegen lässt sich einwenden, dass es »eine Vielzahl von Gegenbeispielen weit umfangreicherer Produktion in der islamischen wissenschaftlichen Literatur« gibt, das Ganze außerdem »in einem einheitlichen Stil geschrieben ist« und »dass sich in der islamischen Literatur kein zweites Beispiel dieser Art für ein Werk findet, das auch nur angeblich als Gemeinschaftsarbeit mehrerer namentlich genannter Autoren entstanden und dann von einem Mann überarbeitet worden wäre«.“10 Der Islamwissenschaftler Godefroid de Callataӱ wirft ebenso die Frage auf, ob es sich bei den „Lauteren Brüdern“ nicht um eine Maskerade gehandelt habe. Zwar werden alle Sendschreiben als Werk einer Bruderschaft dargestellt, indem die 1. Person Plural verwendet wird, jedoch wird im 31. Sendschreiben mit einem Male die 1. Person Singular benutzt. Handelte es sich hierbei vielleicht um eine Nachlässigkeit, die den Rückschluss zulässt, dass die Sendschreiben doch kein Gemeinschaftswerk waren?11 Oder interpretiert man hier in eine mögliche Nachlässigkeit eines Schreibers der Autorengruppe vielleicht zu viel hinein?

Als die ergiebigste Quelle hinsichtlich der Identität der Lauteren Brüder kann wohl der Philosoph Abu Sulaiman Al-Mantiqi (ca. 912-985) bezeichnet werden, der Abu Sulaiman Muhammad ibn Maʿschar Al-Busti, genannt Al-Maqsidi, als alleinigen Urheber der Sendschreiben benennt. Al-Mantiqis Schüler, der Literat Abu Hayyan Al-Tauhidi (gest. 1023) erwähnt neben einer Reihe weiterer Autoren ebenfalls Al-Maqsidi.12 Auch die Behauptung, dass die iwān a-afāʾ jede Schicht der Gesellschaft infiltriert hätten, wertet Callataӱ als Fiktion.13 Vielleicht könnte eine solche Übertreibung auch auf die Bruderschaft an sich zutreffen. Andere Wissenschaftler gehen davon aus, dass das Werk zwar definitiv eine Gemeinschaftsarbeit ist, aber nicht alle Autoren zu den iwān a-afāʾ gehörten. Leider wird nicht verraten, wie man zu diesem Schluss gelangt.14

Quintern und Ramahi schließen aus ihrer Lektüre der Sendschreiben, dass die Lauteren Brüder eine Gemeinschaft von Männern und Frauen waren, die in vielen Teilen der damaligen muslimischen Welt, allen voran Bagdad und Basra,15 Zirkel gebildet hatten, die alle zwölf Tage zusammenkamen Daneben soll es Fortbildungsseminare gegeben haben, die sich intensiv mit den Humanwissenschaften, der Erkenntnistheorie und den Offenbarungsschriften der abrahamischen Religionen beschäftigten.16 So heißt es in den Sendschreiben:

Insgesamt dürfen unsere Brüder kein Werk außer Acht lassen, keine Wissenschaft ignorieren, kein Buch vernachlässigen und sich nicht für eine Weltanschauung fanatisch einsetzen. Unsere Sichtweise, Weltanschauung ist fähig, alle Weltanschauungen aufzunehmen und wir sind fähig, alle Wissenschaften ineinander zu integrieren. Unsere Aufgabe ist die umfassende Betrachtung alles Existierenden, sei es sinnlicher oder geistiger Natur. Von ihren Anfängen bis zu ihrer gegenwärtigen Entwicklung, ihre äußeren und inneren Strukturen, was wir von diesen verstanden und was wir nicht verstanden haben. All dies wird mit den Augen der Wahrheit begleitet.17

Diese Aussage verdeutlicht, die Lauteren Brüder sind gewiss keine Stellvertreter einer islamischen Philosophie, aber einer Philosophie im islamischen Kulturraum, die eine Metaebene einnimmt und griechische Philosophie und abrahamische Religion miteinander in Harmonie bringen will. Der Philosoph Hamid Reza Yousefi schreibt, dass die Lauteren Brüder „von einer grundsätzlichen offenbarungsunabhängigen Erkenntnisleistung aus-[gehen], ohne die Offenbarungswahrheit völlig außer Acht zu lassen. (…) Philosophie und Religion sind für die Ikhwan keine Widersprüche, sondern sie beschreiben unterschiedliche Erkenntniswege, um Transzendenz und Immanenz zu begründen.“18 Die Weltanschauung der iwān aṣṣafāʾ benennt Yousefi mit dem Begriff insāniyya, den er mit dialogische Menschengemäßheit wiedergibt, während Quintern Philosophie der Menschheit, Menschlichkeit bevorzugt,19 „in der Liebe, Nachsicht, Barmherzigkeit, Anteilnahme, gegenseitige Hilfestellung, Kooperation und Freundschaft dem Einzelnen gegenüber im Vordergrund steht.“20

Da die Identität der Lauteren Brüder ein Geheimnis bleibt, stellt sich die Frage, was sie mit der Bezeichnung iḫwān aṣ-ṣafāʾ zum Ausdruck bringen wollten. Nach Callataÿ stammt sie von der Fabelsammlung kalīla wa dimna, ursprünglich indische Erzählungen, die in vorislamischer Zeit zunächst ins Mittelpersische und dann im 8. Jahrhundert in das Arabische übersetzt worden waren. Die Fabel handelt von einer Taube, die in ein Fangnetz geriet und mithilfe einer Maus, die das Netz zernagte, fliehen konnte. Die Geschichte gibt das Selbstverständnis der Lauteren Brüder wieder, nämlich dass alles Leben Begegnung, gegenseitige Hilfe und Freundschaft ist, da kein Mensch allein das Heil erreichen könne. Dieses Selbstverständnis spiegelt sich auch in einer anderen Selbstbezeichnung wider: ḫullān al-wafāʾ, die treuen Freunde21

Die Zeit der Lauteren Brüder

Quintern und Ramahi beschreiben die Zeit, in der die Lauteren Brüder lebten, folgendermaßen:

Mit dem Auftreten von al-Kindī (st. 873) (…), auf den al-Farābī (870-950) und dann ar-Rāzī (865-955) folgten, war eine philosophiegeschichtliche Blütezeit eingeleitet, aus der Iḫwān aṣ-ṣafāʾ im 10. Jahrhundert (…) hervorgegangen waren. (…) Die Zentren des Kalifats rivalisierten auch in konstruktiver Hinsicht miteinander. Jede Metropole hatte den Ehrgeiz, die andere kulturell zu übertreffen. Dieser Wettbewerb wirkte positiv auf die wissenschaftlichen, technischen und kulturellen Entwicklungen. Wissenschaftler, Philosophen und Literaten hatten die Möglichkeit im Rahmen von Forschung, Lehre und Bildung freigestellt zu werden. Es bestanden zwar seit 969 n. Chr. drei Kalifate in Bagdad, Kairo und Qurṭuba (Córdoba) nebeneinander, die jedoch keine analogen Grenzen im Bereich der Philosophie, Wissenschaft und Kultur nach sich zogen.22

Die iḫwān aṣ-ṣafā ʾ setzten die interkulturelle Philosophie fort, die mit Al-Kindi und Al-Razi ihren Anfang genommen hatte. In ihrem Philosophieren berücksichtigen sie sowohl die griechische Philosophie, hier insbesondere Plato (348/347 v. Chr.), die neuplatonische Philosophie und die spätere ägyptisch-hellenistische philosophisch-religiöse Lehre der Hermetik als auch die Offenbarungsschriften Thora, Evangelium und Qurʾān.23

Kosmogonie und Anthropologie

In ihrer philosophischen Darlegung von der Entstehung der Welt (Kosmogonie) folgten die Lauteren Brüder der neuplatonischen Lehre, wie es bereits Al-Farabi getan hatte. Demnach ist alles Sein aus dem Einen ausgeflossen. Den Einen deuteten Juden, Christen und Muslime, die der neuplatoni schen Weltanschauung folgten, als den einen und einzigen Gott.24 Er ist für die iwān a-afā der Erste und einzig Ewige, der Eine, der Unvergleichliche in jeder Hinsicht, der Erschaffer (al-bāriʾ).25

Die zweite Komponente der Lehre Plotins (gest. 270) stellt der immaterielle Intellekt (al-ʿaql) dar, der zugleich der große Schleier ist, der Gottes Existenz verbirgt. Indem Gott als der aktive Intellekt sich selber denkt, geht aus einem Emanationsprozess ein geschaffener, immaterieller Intellekt (I1) hervor. I1 denkt sowohl den aktuellen Intellekt, woraus ein weiterer immaterieller Intellekt (I2) hervorgeht, und sich selber, was die oberste Himmelssphäre hervorbringt. Diese Kaskade an immateriellen Intellekten setzt sich fort, wobei jeder eine Himmelssphäre (Sing. falak, Pl. aflāk) hervorbringt. Insgesamt entstehen so elf Sphären. Die Welt geht demnach aus Gott hervor und ist ewig, zugleich wird zwischen dem aktuellen Intellekt und den immateriellen Intellekten deutlich unterschieden, zumal die Himmelsphären sich durch Bewegung auszeichnen, was zugleich auf die Existenz von Zeit hinweist.26 Nach den Lauteren Brüdern ist weder Raum noch Zeit Realität. Jedoch sei der endliche Raum konstanter, da die Zeit abhängig sei von der Bewegung der Himmelskörper im Raum, was folglich die Zeit relativ macht.27

Eine weitere Komponente ist die Weltseele (an-nafs al-kulliyya), aus der die Teilseele hervorgeht, die durch die Vermählung mit der Materie (al-hayūlā) das Leben auf der sublunaren Welt hervorbringt.28

Ausgehend von den vier Elementen (al-arkān) Feuer, Luft, Wasser und Erde beginnt die Entstehung des Lebens, das die Lauteren Brüder wie bereits Ibn Miskawai (gest. 1030) sich evolutionär vorstellten,29 beginnend mit den Mineralien und daran anschließend der Pflanzen- und Tierwelt (zunächst Seetiere, dann Landtiere).30

Jedes Sein, so die iwān aş-şafā ʾ, besitzt eine Seele, die in ihrem Sein danach strebt, sich zu ihrem Da-Sein weiterzuentwickeln, also dem Grund ihrer Existenz. Je höher die biologische Entwicklung, desto weitreichender sind die Fähigkeiten des Selbst.31

Für die Lauteren Brüder ist der Mensch, biologisch betrachtet, zunächst einmal nichts anderes als ein Tier. Wie diese vermag der Mensch zu fühlen und sich zu bewegen. Doch seine Seele ermöglicht ihm etwas, das allen übrigen Tieren verwehrt bleibt, nämlich ein Selbst-Bewusstsein zu entwickeln, das den Menschen in Distanz zur Welt treten lässt und dafür sorgt, dass er aus dem Naturzusammenhang deutlich herausbricht. Der Mensch stellt sich Fragen und diese überschreiten die Grenzen seiner engen materiellen Welt. Damit, so die Lauteren Brüder, ist mit dem Menschen der Endpunkt der biologischen Entwicklung erreicht. Der Mensch, so heißt es im Qur ʾān, wurde gewiss in schönster Gestalt (95:4) erschaffen und von Gott zu Seinem Statthalter auf Erden (siehe Sure 2, Vers 30) ernannt. In Anlehnung an Genesis 1, 26-27 folgern die iwān a-afāʾ, dass der Mensch Gott am ähnlichsten sei.32 Um dies zu erläutern, ziehen sie eine Analogie zum Handwerker. Dieser stellt sich Dinge vor und wandelt die von Gott gegebenen Ausgangsmaterialien entsprechend seiner Vorstellungskraft um. Gott schaffe nicht das Hemd, sondern der Mensch schaffe es durch seine Fertigkeiten, aber er bedarf der von Gott geschaffenen Ausgangsmaterialien. Der Mensch führt auf diese Weise Gottes Schöpfung fort und wird zum Mitarbeiter Gottes erhoben.33 Die Lauteren Brüder wären wahrscheinlich von der monotonen und dumpfen Fließbandarbeit im industriellen Zeitalter angewidert gewesen, erstickt doch eine solche jegliches schöpferische Potenzial des Menschen.

D. h. der Mensch steht für die Lauteren Brüder nicht am Anfang der Schöpfung, sondern an ihrem Ende. Zugleich besitzt er von allem Sein das höchste Potenzial, da er alle vorangegangenen Potenziale in sich vereint. Da die gesamte Schöpfung ihren Ursprung in Gott hat, gilt für den Menschen als Gottes Statthalter, achtsam mit ihr umzugehen, da er ethisch den kommenden Genrationen gegenüber verantwortlich ist, dass sie eine lebenswerte Welt erben.34 Nur in der Wahrnehmung dieser Verantwortung kann der Mensch sein in ihm ruhendes Potenzial aktivieren und mehr sein als nur ein Tier.35 Je konstruktiver die Menschen ihre Potenziale einsetzen, desto mehr nähern sie sich Gott an, d. h. sie finden zur Erkenntnis ihrer Selbst, ihres Da-Seins. Handelt der Mensch jedoch destruktiv sich selbst und der Pflanzen- und Tierwelt gegenüber, so entfernt er sich von der Erkenntnis über sein Selbst und damit von Gott.36

Den Menschen zu helfen, den rechten Weg einzuschlagen, hierin sahen die iwān aṣ-ṣafāʾ ihre Aufgabe, so schreiben sie in der 44. risāla:

Ein Weiser, der mit Medizin und den Heilkünsten vertraut war, betrat eine Stadt, in der die Einwohner von einer latenten Krankheit befallen waren, ohne sie zu erkennen. Die Einwohner bemerkten nichts darüber, dass sie unter einer ihnen unbekannten Krankheit litten. Er beschloss die Leute davon zu heilen. Wäre er jedoch offen mit seiner Absicht aufgetreten, würde man sich ihm widersetzen und ihn verpönen. Deshalb wandte er sich zunächst an einen Vortrefflichen, welcher ebenfalls diese unbekannte, heimtückische Krankheit hatte. Aufgrund seiner Heilmittel gesundete dieser bald. Aus Dank darüber fragte der Geheilte, ob nun er selbst nicht ihm gegenüber mit einer Wohltat entgegenkommen könnte. „Jawohl“, antwortete der Weise, „einer deiner Genossen leidet unter derselben Krankheit. Hilf mir, ihn zu heilen.“ Auch das war schließlich gelungen. Nun fuhr der Weise fort, mit Hilfe der beiden Geheilten einen Dritten zu heilen. So ging es weiter, bis dass die Mehrzahl ihm beistand und auch die letzten, die zu ihrer Heilung gezwun gen werden mussten, geheilt waren. Schließlich war die ganze Stadt von ihrem Übel befreit.37

Quintern und Ramahi erklären, dass „Krankheit“ bei den Lauteren Brüdern eine Metapher für eine autodestruktive Lebenshaltung ist, während „Heilung“ einen konstruktiven Weg darstellt, zu einem Einklang von Mensch, Natur und Kosmos zurückzufinden.38 Folglich bedeutet dies, dass kein Handeln des Menschen und keine Wissenschaft an der Frage der Menschlichkeit vorbeikommen. Quintern schreibt:

Die wissenschaftliche Tätigkeit muss als menschliche verstanden sein, in allen Situationen und unter allen Bedingungen. Jeder Mensch, Wissenschaftler allen voran, müssen sich dieses Grundverständnis zu eigen machen. Der als Wissenschaft verkleideten Destruktivität muss Einhalt geboten werden. (…) Die Restrukturierung der Wissenschaften und ihrer Methodiken soll auf der Basis von Insaniyat vollzogen werden.39

In Übernahme der platonischen Philosophie gehen die Lauteren Brüder davon aus, dass der Mensch aus Körper und Seele besteht. Bereits vor ihnen hatten muslimische Gelehrte, Philosophen und Mystiker diese Zweiteilung des Menschen von den Griechen übernommen. Dies zwingt natürlich zu einer Wertung, die nur zulasten des Körpers gehen kann, der wie bereits bei Plato in den dunkelsten Farben dargestellt wird, während die Seele als erleuchtet, unzerstörbar und ewig beschrieben wird. Folglich ist der Körper ein Gefängnis für die Seele und es ist die Aufgabe des Menschen, sich aus diesem zu befreien. Das „wahre“ Leben beginne erst nach dem Tod. Damit kommt es zu einer immensen Abwertung der diesseitigen Sphäre.40

Hierzu passt dann auch die Sexualfeindlichkeit der iwān a-afāʾ, die ihren Mitstreitern das Zölibat nahelegten. Die Ehe war nicht verboten, sie sollte aber ausschließlich dem Erhalt der Menschheit und dem Schutz vor Unzucht dienen.41

Die Schäbigkeit der materiellen Existenz erklären die Lauteren Brüder, indem sie christlich gedacht, den Ungehorsam Adams als Erbsünde deklarieren. Die Adam-Erzählung verstehen die iwān a-afāʾ allegorisch. Gemäß ihrer Auslegung gab es einen ersten (immateriellen) Adam, der gegenüber Gott sündigte, wodurch es zur Vereinigung von Seele und Materie kam, deren Endprodukt im Zuge der Evolution der erste irdische

Adam war.42

Dass Gott Adam in der qurʾānischen Erzählung vergibt, wird von den Lauteren Brüdern ignoriert. Gleiches gilt für das christliche Verständnis einer Erbsünde, die im Grunde sekundär ist und lediglich als Rechtfertigung dient, um den Kreuztod mit Bedeutung zu versehen, wonach Jesus für die Sünden der Menschen gestorben sei und diese damit erlöst seien. Für die Erlösung, so die Lauteren Brüder, ist jeder Einzelne selbstverantwortlich. Alle 7.000 Jahre, so die eschatologische Lehre der iwān a-afāʾ findet der Auferstehungstag (al-qiyāma) statt, an dem die guten und die schlechten Taten eines jeden gewogen werden. Im Zuge dessen werden die Menschen in drei Gruppen aufgeteilt. Die rechte Gruppe wird in das Paradies eintreten, wo die Menschen in der Gegenwart der Engel leben und sogar selber zu Engeln werden. Die linke Gruppe stellt die Glaubensverweigerer an Gott und großen Sünder dar. Sie wird in das Feuer der Hölle geführt. Schließlich gibt es noch jene Menschen, die zwar an Gott glaubten, aber nicht rechtschaffend genug lebten. Sie werden auf der Erde wiedergeboren, wo sie die nächsten 7.000 Jahre43 bis zum nächsten Gerichtstag verbleiben werden. Jene, die bereits in das Paradies eingetreten und zu Engeln geworden sind, stehen im Alltag jenen Seelen bei, die sich noch im Prozess ihrer Reinigung befinden.44

Die Erlösung besteht für den Menschen darin, sich vom bloßen Sein, also vom Zustand der Unwissenheit, Illusionen und Trunkenheit, zu befreien, indem er zu der Erkenntnis seines Da-Seins, dem Grund seiner Erschaffung gelangt. Dieser liegt darin, Gott ähnlich zu werden durch 1) die Erkenntnis von dem eigentlichen Wert des Vorhandenen, 2) den Glauben an die richtigen Ansichten, 3) der Formung eines schönen Charakters und 4) der Verrichtung guter Werke.45 Hier findet in der Seele des Menschen eine spirituelle Evolutionstatt, die ihn vom Tier unterscheidet.46 Quintern schreibt:

Eine Differenzierung wird ausschließlich zwischen Wissenden und Unwissenden vorgenommen. Jene Menschen, die sich von Erkenntnisgewinn und Wissen fernhalten und ausschließlich der Befriedigung ihrer körperlichen und materiellen Bedürfnisse nachgehen, leben nicht anders als die Tiere.47

Folglich ist lebenslanges Lernen der Pfad zur Erlösung. Dieser Weg erfordert „1. Zu fragen, 2. Schweigsames Zuhören, 3. Nachdenken, 4. Übereinstimmung im Handeln, 5. Aus sich selbst heraus nach der Wahrheit streben, 6. Der Wahrheit als Gnade Gottes gewahr zu sein, 7. Nicht zu prahlen. Bemühen um Erkenntnis und Wissen geben dem Menschen Erhabenheit, Achtung selbst den Verachteten, Reichtum selbst den Armen, Kraft selbst den Schwachen, Zielstrebigkeit, Gottesnähe, selbst dem ihn Fernstehenden, Freigebigkeit selbst den Geizigen, Schamgefühl selbst den Prahlern, Ehrfurcht und Seelenheit“48, so Quintern.

Lebenslang muss dieses Lernen auch deshalb sein, da das Wahrnehmungs-, Erkenntnis- und Verstehensvermögen des Menschen sich nur schrittweise entwickelt und jedes Verstehen somit zunächst einmal ein vorläufiges Verstehen ist. Als Kleinkind ist der Mensch nur zur sinnlichen und sprachlichen Wahrnehmung fähig. Zunächst bildetsich der Tastsinn als sensorisches Empfinden heraus, um warm und heiß zu unterscheiden. Darauf folgen Geschmacks-, Geruchs- und Hörsinn. Die Entwicklung der visuellen Wahrnehmungsfähigkeit nimmt die längste Zeit in Anspruch und ist als letztes abgeschlossen. Das Nervensystem leitet diese Wahrnehmungsimpulse an das Gehirn weiter, wo sie zu Bildern von den wahrgenommenen Gegenständen interpretiert werden. Je entwickelter die Sinnesorgane sind, desto vollständiger werden diese Bilder. Da ein Kind noch kein Reflexions- und Abstraktionsvermögen herausgebildet hat, kann seine Erkenntnisfähigkeit nicht mit der eines Jugendlichen oder Erwachsenen gleichgesetzt werden. Erst ab dem 15. Lebensjahr entwickelt sich schrittweise die rationale Erkenntnis, auf die das Differenzierungsvermögen folgt, das sich bis zum 30. Lebensjahr völlig ausgebildet hat. Ab dem 50. Lebensjahr ist das Reflexionsvermögen des Menschen durch Lebenserfahrung ausreichend ausgeprägt, um seine rationalen Erkenntnisse tiefer zu durchdringen und zu prüfen. So gereift, kann der Mensch sich schließlich auf den Lebensabend vor-

bereiten.49

Am Ende dieser Wiedergeburtszyklen, nämlich wenn alle Seelen der rechten oder linken Gruppe zugeteilt werden konnten, findet die große Auferstehung (al-qiyāma al-kubra) statt, bei der alle Seelen ohne Ausnahme mit der Weltseele vereint werden und damit ihre individuelle Existenz ausgelöscht wird. Im Zuge dessen wird die sublunare und materielle Welt aufgelöst. Der Konflikt zwischen Materie und Seele ist aufgehoben und es herrscht Frieden.50

Die Lauteren Brüder folgten der Vorstellung der antiken Hermetiker, dass jeder Mensch ein Mikrokosmos des Universums sei. Die Selbsterkenntnis ist Voraussetzung für die Erkenntnis des Makrokosmos.51 Der Mikrokosmos spiegelt den Makrokosmos, selbst wenn der Mensch letzteren in seiner Gänze nicht erfassen kann.

Insāniyya –
Philosophie der Menschlichkeit

In der vierten risāla befassen sich die Lauteren Brüder mit der Geografie. Sie teilen die Erde in sieben Regionen auf und beschreiben diese entlang der Klimate, der natürlichen Ressourcen sowie der vorhandenen Flora und Fauna. Diese detaillierten Beschreibungen sind immer humanistisch orientiert. Sie sollen Neugierde im Menschen erzeugen und das Verlangen wecken, mehr über die Menschen, die in diesen Regionen leben, zu erfahren, um mit ihnen in Kontakt zu treten. Die Lauteren Brüder fürchteten sich nicht vor dem Kontakt zu fremden Kulturen, sondern erhofften sich durch den Dialog mit Menschen, die sich in Glauben, Sprachen, Sitten, Fertigkeiten und Künsten von ihnen selber unterscheiden, einen fruchtbaren Austausch zum Wohle beider Seiten. Vielfalt war fürsie nichts Bedrohliches, sondern ein wunderschönes Charakteristikum unserer Welt52:

Wer in diesem Leben sich ausschließlich mit Essen, Trinken und sexuellen Bedürfnissen beschäftigt, nur Geld, Möbel und andere materielle Dinge sammelt und anhäuft und nach destruktiver Macht strebt, wodurch Wissen und Erkenntnisse vernachlässigt werden, der wird, wenn er stirbt, die Welt unwissend verlassen, so wie er unwissend auf die Welt gekommen ist.53

Wie schon Al-Farabi und Ibn Miskawai glauben auch die Lauteren Brüder, dass es zwar eine Wahrheit, aber mehrere Wege zu dieser gibt. So gibt es sowohl innerhalb der Religionen mehrere Pfade in Gestalt der prophetischen Religionen als auch außerhalb dieser Religionen, nämlich in einem rein von der Vernunft geleiteten Leben. Philosophie und Religion können sich demnach nicht widersprechen, sie drücken sich nur unterschiedlich aus.54 Die Propheten seien Weise, die den Menschen Orientierung geben in ihrem Streben, zu Gott zu gelangen.55

Callataӱ bewertet die Glaubensvorstellungen der iwān a-afāʾ als einen Synkretismus.56 Versteht man hierunter eine Vermischung der Glaubensvorstellungen und Rituale von Judentum, Christentum und Islam zu etwas Neuem, so mussdies zurückgewiesen werden. Die Lauteren Brüder sahen im Judentum, Christentum und im Islam eine abrahamische Weltbewegung, die in den Vorstellungen der Metaphysik, der Riten und der Ethik mehr eint als sie trennt. Und so bedienten sich die Lauteren Brüder aus dem Fundus dieser drei Religionen hinsichtlich dessen, was gleich ist, und dem, was sich ergänzt, wodurch sie aufzeigten, dass das Judentum, das Christentum und der Islam dieselbe Wahrheit lehren. Damit wurde aber das Trennende nicht negiert. Sie selber hatten sich dezidiert für den Islam als ihren Weg entschieden, was an ihrer Beschreibung des vollkommenen Menschen deutlich wird:

Dann erhob sich der Kundige, der Vorzügliche und Scharfsinnige, der Gottesdiener, der Einsichtige; ein Perser der Sitte nach und ein Araber in der Religion, ein Hanīf57 , was den Islam58 betrifft, und ein Iraker an feiner Bildung, ein Hebräer an Erfahrungswissen, ein Anhänger des Messias in seinem Weg und ein Syrer in seiner Gottergebenheit, ein Grieche in den Wissenschaften, ein Inder, in der Ausdeutung und ein Sufi in seinem ganzen Lebenswandel; einer mit königlichen Eigenschaften, herrlich in seinen Ansichten und göttlich in seinen Erkenntnissen.59

Der vollkommende Mensch zeichnet sich dadurch aus, dass er

- Theist ist,

- dem Islam folgt, der interessanterweise als arabische Religion umschrieben wird,

- Rechtgläubig ist (anīf), also keiner theologischen und rechtlichen Schule sowie keiner Sekte anhängt, sondern den Islam so folgt, wie er vom Gesandten Gottes übermittelt wurde, mit Ausnahme des Sufismus, der positiv gewertet wird aufgrund seiner Weltabgewandtheit und seines asketischen Lebensstils,

- über jüdisches Geschichtsbewusstsein verfügt,

- in der Ethik der Lehre Jesu folgt und

- über gute Sitten, feine Bildung, wissenschaftliche Erkenntnisse und Wissen über die Hermeneutik verfügt, wie es einst die Perser, Iraker, Griechen und Inder taten.

Die Lauteren Brüder beschreiben mit dem vollkommenen Menschen eine Person, die im Glauben Muslim und in der Kultur Weltbürger ist.

Allerdings hatte für die iwān a-afāʾ ihre eigene philosophische Weltanschauung das Primat hinsichtlich der Weltdeutung inne. Nicht sie musste sich dem Qur ʾān fügen, sondern Thora, Evangelium und Qur ān hatten sich ihrer philosophischen Weltanschauung zu unterwerfen, was theologisch gesprochen zu Sinnentstellungen bei der Interpretation führte. Insofern war die Vorstellung von einer Gleichwertigkeit von Religion und Philosophie ein Märchen.60

Wenn Judentum, Christentum und Islam jeweils Wege zu dem einen und einzigen Gott darstellen, warum ist dann der vollkommene Mensch bei den Lauteren Brüdern ein Muslim? Warum kein Jude oder Christ? Lag es schlicht und ergreifend einfach daran, dass die Adressaten der rasā ʾil Muslime waren? Aber die Hervorhebung des Sufi, des muslimischen Mystikers, führt zu einer doppelten Betonung des Islam in dem oben zitierten Text. Steckt hinter der Aussage, dass der Islam eine arabische Religion ist, vielleicht der Gedanke, dass Gott zu unterschiedlichen Völkern unterschiedliche Propheten zu unterschiedlichen Zeiten entsandte, die aber die gleiche Botschaft ihren Völker – und nur diesen – übermittelten? War also das Judentum die Religion für die Israeliten und der Islam die Religion für die Araber? Doch dies würde sich an der Tatsache stoßen, dass die Verwendung von persischen Gedichten in den Abhandlungen darauf schließen lässt, dass der oder die Verfasser selber kein/e Araber war/en. In der 31. risāla geben die Lauteren Brüder schließlich dem Islam den Vorzug vor allen anderen Religionen und verweisen dabei auf nachstehenden Vers61:

Er ist es, Der Seinen Gesandten mit der Rechtleitung und der Religion der Wahrheit entsandt hat, um sie jede andere Religion überstrahlen zu lassen, auch wenn es den Glaubensverweigerern zuwider ist. (9:33)

Aber dadurch, dass Menschen verschieden sind, ist es nicht möglich, dass sie sich alle für den Islam entscheiden. Daher habe Gott in Seiner Fürsorge mehrere Religionen offenbart, die ebenso zur Erlösung führen. Die eigene Präferierung des Islamführt bei den Lauteren Brüdern zu keinem Chauvinismus, sondern ihre Achtung und Wertschätzung des Judentums und Christentums zeigt sich daran, dass sie in ihren Werken immer wieder aus dem Tanach und dem Evangelium zitieren. Da, wo sie mit dem Qur ʾān übereinstimmen oder ihn ergänzen, ohne ihn inhaltlich zu widersprechen, sind die Schriften der Juden und Christen genauso autoritativ wie die letzte Offenbarung62 – wobei sie das nicht immer so genau nahmen, was oben bei der Vorstellung der Erbsünde deutlich wurde.

Somit haben die Lauteren Brüder einen Weg gefunden, ihre Glaubensentscheidung in Verbindung mit der Wahrheit zu bringen, etwas, das essenziell für Religion ist, ohne zugleich die Wahrheit des Judentums und Christentums zu bestreiten.

Aber in der Realität, in der die Lauteren Brüder lebten, gab es nicht mehr eine einheitliche muslimische Gemeinde. Der Islam bestand aus Sunniten und Schiiten und jede Konfession sah sich als die wahre an, was oftmals zur Folge hatte, dass man der anderen den rechten Glauben abstritt. Über dieses Phänomen schrieben sie im 38. Sendschreiben folgenden Dialog:

- Wie geht es dir diesen Morgen, Soundso? - Ich finde mich diesen Morgen wieder, sagte er, zu einem Gegenstand der göttlichen Gnade gemacht; ich strebe danach, noch mehr von ihr zu erhalten, ich begehre sie, ich bin begierig darauf, sie völlig zu besitzen; ich leiste meinen Beistand zum Sieg der Religion Gottes, binfeindlich gegen die Feinde Gottes und bekriege sie!

- Und wer sind diese Feinde Gottes? (…)

- Jeder Mensch, der sich mir in Bezug auf meine Lehre (madhhab) und meine Glaubensüberzeugung (iʿtiqād) widersetzt, antwortete der andere.

- Selbst wenn es unter den Leuten ist, die sagen »Es gibt keinen Gott außer Gott«?

- Ja.

- Und wenn du sie besiegst, was machst du mit ihnen?

- Ich lade sie ein, meine Lehre, meine Glaubensüberzeugungen und meine Meinung anzunehmen.

- Und wenn sie es nicht annehmen?

- Ich bekämpfe sie, erachte es für erlaubt, ihr Blut zu vergießen und ihren Besitz an mich zu nehmen, und nehme ihre Kinder in Gefangenschaft.

- Und wenn du nicht die Oberhand über sie hast, was machst du?

- Ich rufe Gott gegen sie an, Tag und Nacht, und ich verfluche sie in meinem Gebet; all dies, um mich Gott, dem Erhabenen, zu nähern.

- Wenn du Gott gegen sie angerufen und sie verflucht hast, weißt du, ob ein Unheil sie trifft?

- Ich weiß nicht, aber wenn ich tue, was ich dir beschrieben habe, finde ich Ruhe in meinem Herzen, Wohlergehen in meiner Seele und Erleichterung in meiner Brust. (…)

- Weißt du, warum es so ist?

- Nein, aber sag du es mir!

- Weil du eine kranke Seele hast, weil dein Herz gepeinigt wird und weil dein Geist eine Strafe erleidet (…).63

In diesem Sinne waren die Lauteren Brüder auch Verfechter der Religionsfreiheit und des Rechts, die eigene Religion oder Konfession zu wechseln.64

Entscheidender als die Religionszugehörigkeit ist, wie der Mensch im Sinne der „Philosophie der Menschlichkeit“ gegenüber seinen Mitmenschen handelt.

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