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Islamische Philosophie

Murad Wilfried Hofmann

Muhammad Sameer Murtaza

Ecevit Polat

Islamische Philosophie

Band 1:

Von den Anfängen bis zu Al-Kindi

 

Im Namen Gottes, des Erbarmers, des Barmherzigen

Murad Wilfried Hofmann
Muhammad Sameer Murtaza
Ecevit Polat

Islamische Philosophie

Band 1:
Von den Anfängen bis zu Al-Kindi

Inhaltsverzeichnis

Geleitwort

Aiman Mazyek

Was ist islamische Philosophie?

Muhammad Sameer Murtaza

Zur Rolle der islamischen Philosophie

Murad Wilfried Hofmann

Al-Afghanis Plädoyer für die islamische Philosophie

Muhammad Sameer Murtaza

Ein philosophischer Weg zum Islam

Murad Wilfried Hofmann

Die Rolle der Intuition in der islamischen Philosophie

Muhammad Sameer Murtaza

Al-Kindi – Ein Philosoph im Garten des Propheten

Muhammad Sameer Murtaza

Al-Kindi – Der verkannte Philosoph

Ecevit Polat

Geleitwort

Aiman Mazyek

Einst gab es eine Zeit, da war die muslimische Welt berühmt für ihre Gelehrten, Naturwissenschaftler und Philosophen. Mit einer Mischung aus Neid und Bewunderung schielte das Abendland zum Orient. Doch das war einmal vor langer Zeit…

Mit Blick auf die muslimische Welt von heute klingen die Berichte über das muslimische Mittelalter wie ein Märchen. In der Regel kennen wir Muslime selber nicht einmal die großen Denker unserer Geistesgeschichte. Weder begehen wir ihretwegen Gedenktage noch bemühen wir uns, ihre Werke zu erhalten, und so zerbröselten sie zu Staub in unserer kollektiven Erinnerung.

Es ist auch den von uns Muslimen so oft gescholtenen Orientalisten zu verdanken, dass unsere Denker nicht gänzlich vergessen wurden. Sie trugen mühevoll ihre Manuskripte zusammen, edierten sie neu, kommentierten und studierten sie, so wie einst die Muslime die großen Griechen, allen voran Aristoteles, durch Aufbereitung und Übersetzung vor der geistesgeschichtlichen Versenkung retteten.

Gestehen wir es uns redlich ein: Wir selber tragen hieran auch eine Mitschuld. Nicht wenige muslimische Bewegungen ab etwa dem 18. Jahrhundert haben uns weismachen wollen, dass die gesamte muslimische Geschichte eine Geschichte der Dekadenz sei. Einzig die Rückkehr zum Qurʾān und der sunna und die Trennung von allem, was danach kam, biete die Hoffnung auf eine Erneuerung der umma. Das klang, unterjocht durch den westlichen Kolonialismus, der in diesen Ländern wütete, verführerisch und so simpel, dass es überzeugte. Wie ein Lauffeuer verbreitete sich dieses Gedankengut mit fatalen Folgen für das Heute.

Weite Teile der umma sind zu Analphabeten ihrer eigenen Geistesgeschichte geworden. Getrennt vom Wissensschatz von Generationen von Muslimen haben wir uns selber auf die Stufe null zurückgeworfen. Mehr noch, diese Denkfeindlichkeit bewirkte, dass wir auf dieser Stufe verharrten. Aber wir stagnieren nicht, wir fallen immer weiter zurück, denn die restliche Welt erklimmt immer höhere Gipfel des Denkens.

Erstaunlich nur, dass diese Zertrümmerer der muslimischen Geistesgeschichte in der Konfrontation mit „dem Westen“ immer wieder das ruhmreiche muslimische Mittelalter zitieren, wenn es darum geht, dem Diskussionspartner die einstige muslimische Überlegenheit zu beweisen. Aber eigentlich haben sie gar kein Recht, diese Zeit argumentativ für sich zu beanspruchen. Sie wissen nichts von Al-Kindi, von Al-Farabi, Ibn Sina und Al-Ghazali. Ihre puritanische Theologie hatte ja zum Ziel, sie alle aus der Geschichte zu tilgen. Wer sich mit dem muslimischen Mittelalter brüsten will, der muss auch die Faktoren, die ihm zugrunde lagen, positiv bewerten: Freiheit des Denkens und Pluralität im Verständnis der Religion. Geistige Beweglichkeit, nicht Engstirnigkeit, ist der Garant für geistige Höhenflüge.

Umso erfreulicher, dass Murad Hofmann mit seiner kleinen Schrift (aber mit gewaltigem Inhalt!) Ein philosophischer Weg zum Islam so nachhaltig eine neue Generation von muslimischen Denkern prägen konnte, die sich wieder der islamischen Philosophie widmet.

Es bleibt zu hoffen, dass Muslime sich von der wahhabitischen philosophiefeindlichen Propaganda nicht abschrecken lassen, sondern offen dafür und mutig sind, die Geschichte des muslimischen Denkens zu entdecken.

Zu denken heißt manchmal auch, sich zu irren. Daher sollten die Leserinnen und Leser diese Schriftreihe nicht blind konsumieren, sondern kritisch mitdenken, um so ihr eigenes Denken zu stimulieren. Gerade dann wird Philosophie unglaublichen Spaß machen. Man merke sich: Kein Philosoph hat jemals behauptet, sein Denken sei die Wahrheit.

Es bleibt zu hoffen, dass der Herausgeber Muhammad Sameer Murtaza uns noch viele Folgebände bescheren wird.

Was ist islamische Philosophie?

Muhammad Sameer Murtaza

Begibt man sich auf die Suche nach einer Definition dessen, was islamische Philosophie ist, so wird man vier negative Beobachtungen machen:

1) Im Unterschied zu anderen Wissenschaften gibt es in der islamischen Philosophie keine allgemein anerkannte philosophische Methode.

2) Die islamische Philosophie verfügt auch nicht über einen gesicherten Bestand an allgemein anerkannten Wissensbeständen, der sich in verbindlicher Weise in Lehrbüchern darstellen ließe.

3) Es gibt gar keine philosophischen Lehrbücher und keine Autoritäten, allenfalls Einführungen, die helfen sollen, mit dem Philosophieren zu beginnen.

4) Während die anderen Wissenschaften stets nicht weiter hinterfragte Prämissen voraussetzen, hinterfragt die islamische Philosophie alles, selbst ihren eigenen Ausgangspunkt, den Islam. Das bisher fraglos Hingenommene wird hierdurch fragwürdig und erzeugt ein Staunen, das als Beginn einer philosophischen Haltung angesehen werden kann.

Die islamische Philosphie ist demnach ein unverbindliches Sammelsurium von Lehren unterschiedlicher Philosophen, eine Geschichte des muslimischen Denkens und zugleich eine Einladung, uns eine Denkschule auszusuchen oder eine neue zu gründen.

Die islamische Philosophie hat also immer einen Entwurfscharakter.

Aber vielleicht lässt sich doch ein Merkmal identifizieren, dass alle muslimischen Philosophen gemeinsam haben: das Hinterfragen. Die islamische Philosophie ist eine Wissenschaft, die ständig hinterfragt. Dies macht sie zum Urboden aller Wissenschaften, zugleich orientiert sie sich an den Erkenntnissen der anderen Wissenschaften. Sie mischt sich nicht in Fragen der Forschungswissenschaft ein, sondern konzentriert sich auf die erkenntnistheoretischen und methodologischen Probleme der Forschung und trägt damit zum Erfolg der anderen Wissenschaften bei.

Die Philosophie ist damit zum einen Wissenschaftstheorie, zugleich wird sie im Bereich der Existenzialphilosophie zu einer Lebenssinnphilosophie. Hier tritt sie dann zwar nicht in Konkurrenz zu den Naturwissenschaften, aber zur Theologie (kalām) und zur Mystik (Sufismus).

Disziplinen der Philosophie

Üblicherweise spezialisiert sich ein Philosoph im Laufe seines Lebens auf eine oder mehrere Disziplinen der Philosophie. Diese können sein:

-   Sprachphilosophie: Was ist Bedeutung? Was heißt es, dass sprachliche Ausdrücke für etwas stehen? Ist das Sprechen ein Handeln?

-   Erkenntnistheorie: Was kann ich wissen? Was ist Erkenntnis? Was ist Wahrheit?

-   Wissenschaftstheorie: Was bedeutet es, eine These zu beweisen? Welche Kriterien muss Wissenschaftlichkeit erfüllen? Was sind Erklärungen? Was macht eine wissenschaftliche Theorie aus? Was ist ein Gesetz?

-   Metaphysik: Gibt es Gott? Was können wir über Ihn wissen? Gibt es ein Leben nach dem Tod? Gibt es weitere Geschöpfe, die dem Erkenntnisvermögen des Menschen verborgen sind?

-   Kosmologie: Was ist Raum? Was ist Zeit? Was ist Wirklichkeit und was Realität? Gibt es Ereignisse?

-   Philosophie des Geistes: Was ist Bewusstsein? Was ist Denken? Bin ich frei?

-   Philosophische Anthropologie: Was ist der Mensch? Was unterscheidet den Menschen von anderen Lebewesen? Besitzt der Mensch eine Würde?

-   Ethik: An welchen Werten und Normen soll der Mensch sein Handeln orientieren? Gibt es das Gute?

-   Politische Philosophie: Braucht es einen Staat? Woher leitet Herrschaft ihre Legitimität ab? Wie soll Herrschaft konzipiert sein? Welche Ökonomie besitzt ein Ethos der Verantwortung?

-   Rechtsphilosophie: Muss das Recht wertgebunden sein? Welche Werte liegen der šarīʿa zugrunde? Ist das gegenwärtige Recht legitim? Darf die šarīʿa abgeändert werden? Welchen Werten muss neues Recht folgen? Gibt es überhaupt Recht und Unrecht? Was ist Gerechtigkeit?

-   Sozialphilosophie: Wie gelingt das Zusammenleben von Individuen innerhalb einer Gesellschaft?

-   Geschichtsphilosophie: Durch welche Faktoren kommt es zum Aufstieg oder zum Niedergang von Zivilisationen? Was ist Fortschritt?

-   Technikphilosophie: Darf der Mensch alles, was er kann? Darf der Mensch die Natur verändern wie er will?

-   Religionsphilosophie: Was ist Glauben? Sind alle Religionen gleich? Gibt es eine mystische Erfahrung?

-   Ästhetik: Was ist das Schöne? Gibt es Wahrheit oder Erkenntnis in der Kunst? Wodurch zeichnet sich ein Kunstwerk aus?

-   Logik: Was ist ein gültiges Argument?

-   Existenzialphilosophe: Was kann der Mensch werden? Wie kann der Mensch seine Persönlichkeit weiterentwickeln? Was sind aktive und reaktive Kräfte?

In der Auseinandersetzung mit dem Denken früherer Philosophen schult, schleift und schärft der Philosoph sein eigenes Denken. Er sucht bei ihnen keine endgültigen Antworten auf seine eigene Fragestellung, aber sie helfen ihm, mit dem Philosophieren anzufangen. Anhand des Studiums ihrer Denkwege kann er die Irrtümer und Irrwege früherer Philosophen feststellen und sich diese ersparen. Philosophieren heißt also, methodisch und grundlegend zu fragen sowie rational und argumentativ zu antworten.

Anders als in der Theologie oder in Ideologien ist beim philosophischen Nachdenken allein die rationale, nachvollziehbare Argumentation zulässig, um die zentralen Fragen menschlichen Weltverständnisses und menschlicher Lebenspraxis zu beantworten.

Die Geburt der islamischen Philosophie

Kann es überhaupt so etwas wie eine islamische Philosophie geben? Ist sie nicht nur das Ergebnis einer Übernahme griechischen Denkens im 9. Jahrhundert? Also reiner Elektizismus?

Dies ist ein beliebter und leichtfertiger Gedankengang, der sehr gerne von eurozentrischen Europäern und ideologisch gesinnten Muslimen gegangen wird, um die islamische Philosophie zu delegitimieren. Doch ist er gerechtfertigt? Oder ist die islamische Philosophie etwas, dass das Selbstverständnis Europas und muslimischer Ideologen nachhaltig erschüttern würde? Kann es sein, dass von der islamischen Philosophie eine Bedrohhung für zementierte Weltbilder ausgeht?

Das erste Beweismittel, das Muslime schon vor der Begegnung mit der griechischen Philosophie auf der Grundlage des Qurʾān, der als Impulsgeber für dieses Denken diente, über die Welt sinnierten, finden wir in dem Begriff ḥikma, der Weisheit bedeutet. Doch wieso ist dem so? Und was hat es mit diesem Wort auf sich?

Ḥikma und Falsafa

Verharren wir also für den Moment bei der ḥikma und beschäftigen uns mit dem bisher wenig beachteten Unterschied zwischen der ḥikma und dem späteren arabischen Ausdruck für Philosophie, der falsafa.1

Um einen arabischen Begriff als islamische Terminologie in seiner Ursprungsbedeutung zu verstehen, ist es zwingend notwendig, einen Blick in das Referenzmedium arabischer Sprache zu werfen: dem Qurʾān.

Als Ursprung der Weisheit gilt der islamischen Offenbarung Gott. So preisen Ihn die Engel mit den Worten:

Sie sagten: „Preis Dir, wir haben nur Wissen von dem, was Du uns lehrst; siehe, Du bist der Wissende, der Weise (al-ḥakīm).“ (2:32)

Gott wird von den Engeln als der Weise, al-ḥakīm angerufen. Da Er den Menschen an Seiner Weisheit teilhaben lassen will, vermittelt Er sie durch Seine Gesandten und die Offenbarungsschriften:

Demgemäß entsandten Wir zu euch einen Gesandten aus euerer Mitte, euch Unsere Verse vorzutragen, euch zu reinigen, euch das Buch, sowie die Weisheit zu lehren, und euch zu lehren, was ihr nicht wußtet. (2:151)

So tragen Wir dir Unsere Verse und diese weise Ermahnung vor. (3:58)

Das Zuteilwerden von Weisheit ist eine Barmherzigkeit, eine Gnade, die von Gott ausgeht. Sie beschränkt sich dabei nicht nur auf die Propheten, sondern auch nichtprophetischen Gestalten kann sie zuteilwerden:

Er gibt die Weisheit, wem Er will. Und wem Weisheit gegeben wurde, dem wurde ein hohes Gut gegeben; doch keiner beherzigt es, außer den Verständigen. (2:269)

Lies! Im Namen deines Herrn, Der erschuf – erschuf den Menschen aus einem sich Anklammernden. Lies! Denn dein Herr ist gütig, der durch die (Schreib-)Feder gelehrt hat – den Menschen gelehrt hat, was er nicht wußte. (96:1-5)

Und wahrlich Wir gaben Luqman.2 Weisheit: „Sei Gott dankbar; denn wer dankbar ist, der ist nur zu seinem eigenen Besten dankbar. Und wer undankbar ist – siehe, Gott ist unabhängig und rühmenswert.“ (31:12)

Nach dem Philosophen Muhammad Iqbal (gest. 1938) ist diese Gnade sogar etwas, das über die Offenbarung hinausgeht, hierbei stützte er sich auf den Vers:

Gott war wahrlich gegen die Gläubigen gnädig, indem Er unter ihnen einen Gesandten aus ihrer Mitte erweckte, ihnen Seine Verse zu verlesen, sie zu läutern und das Buch und die Weisheit zu lehren; denn siehe, sie waren zuvor in offenkundigem Irrtum. (3:164)

Laut Iqbal ist die separate Aufführung der Weisheit neben dem Buch ein Indiz dafür, dass diese etwas ist, das nicht in der Offenbarung enthalten ist.3 In der Schia wie auch im Sufismus glaubt man beispielsweise, dass der Prophetengefährte, Schwiegersohn des Propheten, vierter Kalif des Islam und erster Imam der Schia, Ali ibn Abi Talib (gest. 661), Träger dieser vom Propheten Muhammad über den Qurʾān hinausgehenden Weisheit ist.4 Gleichermaßen ging der Gelehrte Abdoldjavad Falaturi (gest. 1996) davon aus, dass in der islamischen Philosophie die Ansicht vorherrschte, dass das Wissen, d. h. die Weisheit, über das Metaphysische „denjenigen vernunftbegabten Seelen gespendet (…) [wird], die für diesen Empfang geeignet sind und dass es keinen Wirkenden außer Allah gibt“5.

Laut Sure 3, Vers 58 ist die Weisheit jedoch in der Offenbarung enthalten, daher kann Iqbal nicht zugestimmt werden, dass sie etwas Getrenntes von der Offenbarung ist, allerdings kann dem zugestimmt werden, dass der Gehalt der Weisheit über die Offenbarung hinausgeht. Aber worum könnte es sich bei ihr handeln?

In der Tat wird im Qurʾān immer wieder von dem Buch und der Weisheit gesprochen. Gott ist al-ḥakīm, somit ist Seine Rede Weisheit. Ist seine Rede Weisheit und ist die Offenbarung Seine Rede, so ist die Offenbarung ḥikma. Daher kann Iqbal nicht zugestimmt werden, dass sie etwas Getrenntes von der Offenbarung ist. Aber die Offenbarung ist in der Zeit, sowie in menschlicher und damit endlicher Sprache offenbart. Dadurch wird sie interpretationsbedürftig. Dies wirft die Frage auf, wie der Muslim die Offenbarung richtig auslegt. Gemäß dem Exegeten Ali Ünal bedeutet die Wendung Offenbarung und Weisheit, wie sie in Sure 2, Vers 129 oder Sure 3, Vers 164 vorkommt, dass mit Weisheit „die Art und Weise gemeint [ist], in der man das Buch versteht und es praktiziert und im Alltagsleben umsetzt. In diesem Sinn ist die „Weisheit“ nahezu synonym mit der Sunna des Gesandten. Deshalb haben viele Gelehrte sie als die Sunna interpretiert.“6

Ali ibn Abi Talib galt als außerordentlicher Kenner und Versteher der Offenbarung. Diese Tatsache verknüpfen wir nun mit den philosophischen Gedanken von Abdolkarim Soroush. Dieser lehrt, zwischen der Religion und dem religiösen Wissen zu differenzieren. Letzteres stellt das Verständnis des Menschen von seiner Religion dar.7 Religiöses Wissen ist also Ausdruck des Verständnisses, das Gläubige von ihrer Religion besitzen. Es darf aber nicht mit der Religion gleichgesetzt werden, da es ein Produkt menschlicher Interpretationen ist und damit immer nur Entwurfscharakter hat. Dies schließt Fehlbarkeit mit ein. Soroush schreibt:

Religion ist heilig und himmlisch, aber das Verständnis von Religion ist menschlich und irdisch. Das, was konstant bleibt, ist die Religion, das, was sich wandelt, sind das religiöse Wissen und die Erkenntnis.8

Es liegt bei Gott, eine Religion zu offenbaren, aber es liegt an uns, sie zu verstehen und zu realisieren. Es ist dieser Punkt, an dem das religiöse Wissen geboren wird.9

Folglich kann es vom Islam keine abschließende, in ein Interpretationssystem eingeschlossene Definition und Auslegung geben. Daher schreibt Soroush treffend: „Die letzte Religion ist bereits hier, aber das letzte Verständnis von Religion hat uns bisher nicht erreicht.“10 Wenn wir Ünal darin folgen, dass Weisheit die richtige Interpretation der Offenbarung darstellt, dann steht dies natürlich konträr zu der Aussage von Soroush. Was macht also die Weisheit zu wahrem Wissen (ʿilm)11, die sich vom bloß perspektivischen Blick unterscheidet?

ʿIlm ist die wahre Erkenntnis und damit korrekte Benennung (ism) einer Sache, wie Gott diese in Wirklichkeit erschaffen hat.12 Daher heißt es in der Urgeschichte:

Und Er lehrte Adam aller Dinge Namen; dann zeigte Er sie den Engeln und sprach: „Nennt Mir die Namen dieser Dinge, wenn ihr wahrhaft seid.“ Sie sagten: „Preis Dir, wir haben nur Wissen von dem, was Du uns lehrst; siehe, Du bist der Wissende, der Weise.“ (2:31-32)

Die falsche Benennung eines Tatbestandes führt dagegen zu einer falschen Wahrnehmung der Wirklichkeit13:

Wahrlich, Namen sind es bloß, die ihr ersonnen habt, ihr und euere Väter. Gott sandte keine Ermächtigung dazu hinab. Sie folgen nur einer Wahnvorstellung und ihren Wünschen, obwohl die Rechtleitung ihres Herrn zu ihnen gekommen ist. (53:23)

Ihr verehrt neben Ihm nichts als Namen, die ihr und euere Väter selber erfunden habt, und wozu Gott euch keine Ermächtigung gab. Die Entscheidung liegt allein bei Gott. Befohlen hat Er, dass ihr Ihn alleine anbetet. Das ist der wahrhafte Glauben, jedoch wissen es die meisten Menschen nicht. (12:40)

Diese falsche Wahrnehmung in Bezug zum ʿilm, kann a) als ein Noch-nicht-Wissen spezifiziert werden, wenn die Engel antworten: „Preis Dir, wir haben nur Wissen von dem, was Du uns lehrst; siehe, Du bist der Wissende, der Weise“ (2:32)14, b) als ein Aufheben bereits vorhandenen Wissens verstanden werden, wenn es in der Offenbarung heißt: Und Gott hat euch erschaffen. Dann lässt Er euch sterben, doch lässt Er einige von euch das gebrechlichste Alter erreichen, so dass sie nichts mehr von dem wissen, was sie einst gewusst haben (lā yaʾlama baʾda ʿilmin šaiʾa). Siehe, Gott ist wissen und mächtig (16:70)15, oder c) als eine Meinung, Ansicht oder Annahme (zann) aufgefasst werden, die aber nicht mit dem Gegenstand (šay) korrespondiert. Folglich ist die Benennung falsch (siehe Sure 12, Vers 40). Es handelt sich also hierbei um ein Schein-Wissen, da die Namen (asmāʾ) keinen Bezug zur Wirklichkeit haben.16

Bezogen auf die Hermeneutik können Interpretationen des Qurʾān aufgrund von fehlender Informationen oder falscher Schlussfolgerungen, die nicht mit dem Gegenstand, d. h. der Offenbarung korrespondieren, schlicht falsch sein. Aber hebt dies die Aussagen Soroushs auf? Keineswegs, die Offenbarung ist die Quelle der Weisheit und die Geschichte muslimischen Denkens ist eine Geschichte dem ʿilm, also dem rechten Verständnis dieser Weisheit so nahe wie nur möglich zu kommen. Diese Geschichte des Denkens stellt das religiöse Wissen dar, in dessen Verlauf falsche Interpretationen herausgefiltert und veraltete Auslegungen aufgrund von Noch-NichtWissen weitergedacht oder zurückgewiesen werden.

Zugleich verdeutlicht Sure 2, Vers 269, dass der Gehalt der Weisheit über die Offenbarung hinausgehen kann im Sinne, dass der Muslim mittelbar im Zuge der rechten Hermeneutik der Offenbarung oder unmittelbar im Sinne einer göttlichen Eingebung zu einer tieferen Einsicht über Gott, die Schöpfung, das Leben, Richtig und Falsch gelangt. Wichtig ist nur, dass die unmittelbar empfangene Weisheit niemals der Weisheit der Rede Gottes widersprechen kann.17

Weiter ist der Weise (al-ḥakīm) vom Wissenden (al-ʿālim) zu unterscheiden. Ersterer bezieht sein Wissen von Gott im Zuge einer unmittelbaren Einsicht, während der Wissende sich mit dem vorhandenen Datenbestand beschäftigen und auseinandersetzen muss. Er hat in diesem Prozess keinen Zugang zu einer überrationalen, aber nicht irrationalen, Erkenntnisebene.

Doch worin besteht nun der Unterschied zwischen den beiden Wörtern ḥikma und falsafa? Letzteres ist a) die Arabisierung des griechischen Wortes philosophía, das Liebe zur Weisheit bedeutet. D. h. sie selber stellt nicht die Weisheit dar, sondern bezieht sich auf diese. b) Bezeichnet falsafa ein Nachdenken über die Welt auf Grundlage des Qurʾān und der griechischen Philosophie, womit zugleich eine Debatte entstand, welche der beiden Quellen das Primat inne habe.

Beide Punkte verdeutlichen, dass die ḥikma höher steht und umfassender ist als die falsafa. Der Philosoph beschäftigt sich mit der Weisheit, aber er kann nicht gleich dem Weisen (Sg. ḥakīm, Pl. ḥukamā’) neues Licht ins Dunkel werfen oder einen Teil des Verborgenen offenbaren. Der Philosoph kann nur perspektivische Blicke auf die Welt richten, die zwar mit anderen Weltentwürfen ringen, sich ihnen gegenüber durchsetzen und dadurch Deutungshoheit erlangen, aber sie können auch anderen Perspektiven unterliegen. Ob die so erlangte Deutungshoheit dann aber ʿīlm ist, lässt sich nicht attestieren. Anders verhält es sich bei der ḥikma.

Die Weisheit teilt sich im Arabischen dieselbe Wurzel mit dem Wort Urteil, ḥukm. Gott ist al-ḥakīm (siehe Sure 2, Vers 32) und damit der absolute Souverän und Richter (ḥākim) jeglichen Urteilens, Beurteilens, Entscheidens, Richtens, Freisprechens und Verurteilens. So bittet der Prophet Jesus Gott am Jüngsten Tag hinsichtlich jener, die der Dreifaltigkeitslehre anhingen:

Wenn du sie strafst, wahrlich, sie sind Deine Diener, und wenn Du ihnen verzeihst, wahrlich, Du bist der Mächtige, der Weise. (5:118)

In der menschlichen Sphäre jedoch erteilt Gott dem Menschen als Seinem Statthalter die Weisung, gemäß der Offenbarung selbst zu urteilen. Folglich sind die Offenbarungsschriften Grundlage für die Gläubigen, was Werte, Normen und das Rechtsverständnis anbelangt. Die Gläubigen besitzen eine nicht zu ignorierende Entscheidungs- und Urteilskraft. Die Offenbarung ist eine Barmherzigkeit Gottes, damit der Mensch nicht schlecht urteile:

Siehe, Wir haben die Thora hinabgesandt, in der sich eine Rechtleitung und ein Licht befindet, mit der die gottergebenden Propheten die Juden richteten; so auch die Rabbiner und (Schrift-) Gelehrten nach dem, was vom Buche Gottes ihrer Hut anvertraut war und was sie bezeugten. Darum fürchtet nicht die Menschen, sondern fürchtet Mich und verkauft nicht Meine Botschaft um einen geringen Preis. Und wer nicht nach dem richtet, was Gott hinabgesandt hat – das sind Glaubensverweigerer. Und Wir hatten ihnen darin vorgeschrieben: Leben um Leben, Auge um Auge, Nase für Nase, Ohr für Ohr, Zahn um Zahn, und Wiedervergeltung auch für Wunden. Wer dies aber mildtätig vergibt, dem soll das eine Sühne sein. Wer aber nicht nach dem richtet, was Gott herniedergesandt hat – das sind die Ungerechten.

Und in ihren Spuren ließen wir Jesus folgen, den Sohn der Maria, um die Thora, die vor ihm war, zu bekräftigen. Und Wir gaben ihm das Evangelium mit einer Rechtleitung und einem Licht, die Thora, die vor ihm war, bestätigend als eine Rechtleitung und Ermahnung für die Gottesfürchtigen. Und die Leute des Evangeliums sollen nach dem urteilen, was Gott darin herabgesandt hat; und wer nicht Urteil nach dem spricht, was Gott hinabgesandt hat – das sind fürwahr Frevler.

Und Wir sandten zu dir in Wahrheit das Buch hinab, (vieles) bestätigend, was ihm an Schriften vorausging, und (über ihren Wahrheitsgehalt) Gewißheit gebend. Darum richte zwischen ihnen nach dem, was Gott hinabsandte. Folge nicht ihren Neigungen, um nicht von der Wahrheit, die zu dir gekommen ist, abzuweichen.

Jedem von euch gaben Wir ein Gesetz und einen Weg. Wenn Gott gewollt hätte, hätte Er euch zu einer einzigen Gemeinde gemacht. Doch Er will euch in dem prüfen, was Er euch gegeben hat. Wetteifert darum im Guten. Zu Gott ist euere Heimkehr allzumal, und Er wird euch dann darüber aufklären, worüber ihr uneins seid.

Und so richte unter ihnen nach dem, was Gott hinabgesandt hat, und folge nicht ihren Neigungen, und hüte dich vor ihnen, damit sie dich nicht dazu verführen, von etwas abzuweichen, dass Gott zu dir hinabgesandt hat. Und wenn sie den Rücken kehren, so wisse, dass Gott sie für manche ihrer Sünden treffen will. Wahrlich, viele Menschen sind Frevler.

Wünschen sie sich etwa die Rechtsprechung aus der Zeit der Unwissenheit? Wer aber richtet besser als Gott, für Leute, die im Glauben fest sind? (5:44-50)

Die Weisheit besitzt damit einen starken Bezug zur Lebenswirklichkeit des Menschen. Sie bewährt sich geradezu in Auseinandersetzung mit dem Leben und den Menschen, was die Ausbildung einer diskursiven Dialektik, im Sinne der Diskussion zwischen den Trägern der Weisheit mit den anderen Menschen fördert. Auf diese Weise dringt die göttliche Weisheit in die Realität des Menschen ein und wird hörbar.

Die Propheten, die Offenbarungsschriften und die Weisheitslehrer vermitteln demnach zwischen der transzendenten und sichtbaren Welt der einen Wirklichkeit. Weisheit ist also der Punkt, an dem diese beiden Ebenen der Wirklichkeit miteinander in Verbindung treten und sich Gottes Weisheit für den Menschen in sinnlich begreiflicher Form manifestiert.

Intuition und Rationalität sind aber keine Gegensätze, sondern zwei aufeinanderfolgende Phasen menschlichen Denkens, bezieht sich doch die falsafa auf die ḥikma, deren Ursprung im Verborgen, also außerhalb der Sphäre des menschlichen Erkenntnisapparates liegt. Ohne Glauben gibt es keinen Zugang zur Weisheit, da der Glaube an Ihn ja Ursprung aller Weisheit ist. Die Trennung des Menschen von Gott bedeutet damit auch, dass der Mensch sich von der Weisheit trennt und Verderben über sich bringt.

Während die ḥikma sich im Gestalten der Wirklichkeit bewährt, drückt sich die falsafa im literarischen Gebrauch der Schrift aus. Die Weisheit wird damit zu einem Gegenstand rationaler Betrachtung und Systematisierung. Die falsafa i

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