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Islamische Kultur und Zivilisation

Stiftung für Islamische Studien e.V. (Hrsg.) Ali Akbar Velayati

Islamische Kultur und Zivilisation

Inhaltsverzeichnis

Vorwort

Einführung

Erstes Kapitel: Allgemeines

1. Bedeutende Ereignisse und ihre historischen Grundlagen

2. Definition von Kultur und Zivilisation

2.1. Kultur (pers. farhang)

2.2. Zivilisation (pers. tamaddon)

2.3. Zusammenhänge zwischen Kultur und Zivilisation

2.3.1. Wirksame Gründe für Entstehung und Aufstieg von Kulturen

2.3.2. Gründe für die Stagnation oder den Niedergang von Kulturen

3. Zusammenfassung der islamischen Geschichte und Kultur vom Zeitalter der Einberufung bis zur Periode der Eroberung

Zweites Kapitel: Grundlagen für die Entstehung und Entwicklung der islamischen Kultur

1. Stellung der Wissenschaft im Islam

2. Einzug der Wissenschaften in die Welt des Islams und deren Magnetwirkung auf die Gelehrten

3. Fortschritte in der Übersetzungstätigkeit

4. Wissenschaftliche Zentren der islamischen Zivilisation

Drittes Kapitel: Die Blütezeit der Wissenschaft in der islamischen Zivilisation

1. Gliederung der Wissenschaften

2. nicht-islamische Wissenschaften

2.1. Mathematik

2.2. Astronomie

2.3. Physik und Mechanik

2.4. Medizin

2.5. Chemie

2.6. Philosophie

2.7. Logik

2.8. Geschichte und Geschichtsschreibung

2.9. Geographie

2.10. Literatur

3. islamische Wissenschaften

3.1. Rezitation (qirā’at)

3.2. Exegesen (tafsīr)

3.3. Prophetenüberlieferung (ḥadīṯ)

3.4. Islamisches Recht (fiqh)

3.5. Grundprinzipien des Verstehens vom islamischen Recht (uṣūl alfiqh) in der schiitischen Welt

3.6. Scholastische Theologie (kalām)

3.7. Sufismus, Mystik und Mannestugend als mystische Haltung (taṣawwuf, ʿirfān wa futuwwa):

Viertes Kapitel: Verwaltungsorgane und soziale Einrichtungen der islamischen Zivilisation

1. Verwaltung (dīwān)

2. Steueramt (ḫarāǧ)

3. ḥisba

Fünftes Kapitel: Islamische Kunst

1. Architektur, Malerei, Kalligrafie und Kunsthandwerk

2. Wissenschaft der Musik (ʿilm al-mūsīqī)

Sechstes Kapitel: Einfluss der islamischen Kultur auf die des Westens

Die Übersetzung islamischer Quellen in europäische Sprachen:

1. Einfluss der Geisteswissenschaften, der islamischen Philosophie und Theologie auf die westliche Kultur

2. Einfluss der islamischen Medizin auf die westliche Zivilisation

3. Einfluss der islamischen Mathematik auf die Zivilisation des Westens

4. Einfluss der islamischen Astronomie auf die Zivilisation des Westens

5. Einfluss der islamischen Geographie auf die Zivilisation des Westens

6. Islamische Künste und deren Einfluss auf Europa

6.1. Einfluss der islamischen Malerei auf den Westen

6.2. Einfluss der islamischen Musik auf den Westen

6.3. Einfluss der islamischen Architektur auf den Westen

Siebentes Kapitel: Innere und äußere Gründe für die Stagnation der islamischen Zivilisation

a. Innere Gründe

1. Absolutismus (istibdād)

1.1. Beschreibung des Absolutismus

1.2. Ursprung des Absolutismus in islamischen Ländern

1.3. Folgen des Absolutismus

1.4. Absolutismus in islamischen Ländern

2. Materialismus, Erstarrung und Abstand vom Islam

2.1. Materialismus

2.2. Erstarrung

2.3. Intellektuelle und nicht-intellektuelle Strömungen in der islamischen Welt

b. Äußere Gründe

1. Kreuzzüge

2. Auftauchen der Mongolen

2.1. Mongolensturm und dessen Folgen

2.1.1. Mongoleneinfall in die islamische Welt

2.1.2. Mongolische Eroberungen

2.1.3. Dschingis Nachfolger und der weitere Anstrum auf die islamische Welt

2.1.4. Ende der mongolischen Eroberungen und die Bildung des Ilchaniden-Staates

2.1.5. Kulturelle und gesellschaftliche Bestandsaufnahme unter den Moguln

3. Verlust von Andalusien

3.1. Andalusien zur Zeit der islamischen Eroberung

3.2. Eroberung Andalusiens durch die Muslime

3.3. Politische Geschichte Andalusiens unter den Muslimen

3.4. Kulturelle und wissenschaftliche Bestandsaufnahme Andalusiens

3.5. Gründe für die Eroberung Andalusiens durch die Christen

3.6. Schlussbetrachtungen

Achtes Kapitel: Die Wiedererstarkung des Islam

1. Safawiden

1.1. Außenpolitische Beziehungen

1.2. Kultur unter den Safawiden

1.3. Literatur

1.4. Religiöse Schulen und Wissenschaften

1.5. Architektur

1.6. Textilien und Teppichknüpferei

1.7. Militärische Aufrüstung

1.8. Verwaltungssystem der Safawiden

1.9. Niedergang der Safawiden

2. Osmanen

3. Moguln in Indien

3.1. Historischer Überblick

3.2. Beziehungen der Mogulherrscher zu den Safawiden

3.3. Beziehungen der Moguln zu den europäischen Ländern

3.4. Verwaltungs- und politisches System der Moguln

3.5. Persische Literatur

3.6. Das Wirken muslimischer Mystiker auf dem indischen Subkontinent

3.7. Islamische Kunst Indiens

Neuntes Kapitel: Gründe für die neuzeitliche Stagnation der islamischen Kultur

1. Alter und neuer Kolonialismus

1.1. Alter Kolonialismus

1.2. Definition und Geschichte des Kolonialismus

1.3. Gründe für die Entstehung des Kolonialismus

1.4. Kolonialismus in Asien

1.5. Kolonialismus im Mittleren Osten und dem Persischen Golf

1.6. Der moderne Kolonialismus

1.6.1. Internationale Konzerne

1.6.2. Internationale Finanzinstitutionen

1.6.3. Globalisierung und ihre Folgen

2. Orientalistik

3. Zionismus

Zehntes Kapitel: Islamische Wachsamkeit

1. Islamische Wachsamkeit in der arabischen Welt

2. Islamische Wachsamkeit im Iran

Quellenverzeichnis

Anmerkungen des Übersetzers:

Die Transkription erfolgt nach der DMG-Umschrift. Nur bei den neupersischen Namen und Zitaten sind die Kurzvokale mit a, e, o wiedergegeben.

Die vom Übersetzer stammenden Erklärungen und Ergänzungen sind im Haupttext mit [ ], in den Fußnoten mit (DÜ) gekennzeichnet.

Der Übersetzer gibt lediglich den persischen Text des Verfassers im Deutschen wieder und haftet nicht für den Inhalt.

Alle Internetseiten wurden im Jahre 2016 aufgerufen.

Abkürzungen

DAF

Dāneš-nāme-ye adab-e Fārsī

DMBI

Dā’erat al-Muʿāref-e bozorg-e Islāmī

DGI

Dānešnāme-ye Ǧahān-e Islām

DMF

Dā’erat al-Muʿāref-e Fārsī

İA

İslam Ansiklopedisi

o. J. / o. O.

ohne Jahr / ohne Ortsangabe

HQ

hiǧrī qamarī (Aufzählung nach dem islamischen Mondkalender)

hiǧrī šamsī (Aufzählung nach dem iranischen Sonnenkalender)

Vorwort

Die Grundlagen der islamischen Kultur und Zivilisation stützen sich auf die Lehren, das Leben und die Gewohnheiten einer Persönlichkeit, die gegen Ende des sechsten Jahrhunderts das Licht der Welt erblickte. Die historischen Quellen der vergangenen 15 Jahrhunderte zeichnen ein Bild des Propheten, der als ruhiger und nachdenklicher Mann mit seinem Überwurf und der traditionellen Kopfbedeckung sich mal schnell, mal langsam durch das Zentrum Mekkas mit seinen engen steinernen Gassen bewegt - umgeben von der Landschaft des Ḥiǧāz, welche die traditionsverbundenen Menschen in ihren Stammesverbänden beheimatet. Ungeachtet der Menschenmenge und des Lärms bleibt er in seine Gedanken vertieft, ohne jemals die Antwort auf den Gruß der Menschen schuldig zu bleiben, gleich welchen Standes sie auch sind. Niemals versäumt er, der den Zenit des Lebens bereits überschritten hat, den Kindern seine liebevolle Aufmerksamkeit zu schenken. Trotz der schwierigen Lebensumstände bleibt er entschlossen und ehrenhaft seinen Entscheidungen treu. Sein fester Wille wird ebenso gelobt, wie das majestätische Bestreben, dem Menschen den Weg zum einzigen Schöpfer zu ebnen.1 Selbst seine Feinde geben ihm den Ehrentitel „der Treue und Zuverlässige“ (arab. al-Amīn).

Zu Beginn des siebten Jahrhunderts trat er durch die erleuchtenden Lichtstrahlen der Offenbarung erstmals mit der wahren Lehre des Monotheismus in Kontakt, die auf der eingehenden Kenntnis von Wort, Schrift und Feder beruht. Der Ruf nach sinnvoller Lebensart, das Verständnis für die Gleichheit aller Menschen als Geschöpfe Gottes wie auch die Ablehnung des auf Stammesabkunft beruhenden Stolzes zählten u.a. zu seiner weltbewegenden Botschaft, die er 23 Jahre lang verkündete. Zu seiner kulturschaffenden Schule gehörte ein sinnvoll gestaltetes, erfülltes Leben mit vielfältigen Aktivitäten. Die Grundlage bildeten der Sinn für Gerechtigkeit auf der Basis geistig-moralischer Regeln, die von tiefer Frömmigkeit geprägte, volle Hingabe an Gott, sowie die gütige, gegenseitige Hilfe und der liebevolle Umgang miteinander, die Ablehnung von Unterdrückung und Tyrannei, Respekt vor Leben, Ehre und Besitz, wie auch Selbstbeherrschung und die Gabe zu Verzeihen, das Einhalten von privaten und öffentlichen oder internationalen Verträgen, Bescheidenheit und Nachdenklichkeit, die Achtung der Wissenschaft mit ihren Gelehrten und Schülern, sowie die Ermutigung zum Erwerb von Wissen über religiöse Regeln. Auch die Naturwissenschaften, kosmische Gesetzmäßigkeiten und die schönen Künste sollten Beachtung finden, ebenso wie die Leben spendenden Eigenschaften der Natur und deren Bedeutung für die Lebewesen auf der Erde. Alle diese Eigenschaften vereinten sich gemeinsam mit bestimmten kulturellen und zivilisatorischen Werten in überwältigender Dimension und Ausprägung in seiner Person. Sowohl islamische als auch nicht-islamische Gelehrte sprechen vom Beginn einer Zivilisation, die in der Verkörperung des islamischen Propheten Muḥammad den Menschen als Rechtleitung gilt.

Die vorliegende, aus den Federn des bekannten Gelehrten Dr. Ali Akbar Velayati stammende, Einführung in die islamische Kultur beschreibt mit fundierten Berichten die Entstehung der islamischen Zivilisation mit ihren Höhen und Tiefen. Seine Darstellung überzeugt durch ihren logischen und nachvollziehbaren Aufbau und hat den Zweck, bei den Lesern und an Bildung interessierten Kreisen Neugierde, Selbstvertrauen und Wachsamkeit zu wecken.

Das Buch besteht aus einer Einführung, mit einem Überblick über den Inhalt, und elf Kapiteln. Im ersten Kapitel werden die Begriffe Kultur und Zivilisation im Allgemeinen definiert. Höhepunkte und Niedergang von Kulturen werden näher erläutert und Verbindungen zu Moral und Sittlichkeit hergestellt. Im zweiten Kapitel werden die Voraussetzungen für die Entstehung der islamischen Kultur und des islamischen Schrifttums dargelegt. Im dritten Kapitel geht es um die Blütezeit der islamischen Wissenschaften und die Rolle der Muslime bei der Einführung und Weiterentwicklung von Mathematik, Astronomie, Physik, Technik, Medizin, Chemie, Philosophie, Logik, Geografie, Philologie, Lektüre (Koranrezitation), Korankommentar (arab. tafsīr), Überlieferung (arba.-pers. ḥadīṯ), islamisches Recht, Theologie und Sufismus. Das vierte Kapitel ist den vielfältigen administrativen und gesellschaftlichen Organisationen gewidmet. Im fünften Kapitel wird die Stellung der islamischen Kunst beschrieben. Im sechsten Kapitel wird über den Einfluss der islamischen Kunst und Kultur auf die westliche Zivilisation in Bereichen der Malerei, Musik und Baukunst berichtet. Das siebte Kapitel beschäftigt sich mit der Stagnation der islamischen Kultur, dem Einmarsch der Kreuzritter und der Mongolen, dem Verlust von Andalusien und dem Despotismus, der Konsumsucht und Entfremdung von der wahren Lehre des Islams sowie den Gründen, die dafür verantwortlich sind. Im achten Kapitel werden die Anstrengungen zur Wiederbelebung der politischen Macht des Islams dargelegt. Dabei wird auf einige wesentliche innere und äußere Umstände der Entwicklung der islamischen Kunst und Kultur unter den Safawiden (reg. 1501-1722) hingewiesen. Im neunten Kapitel werden die Gründe für die neuzeitliche Stagnation der islamischen Zivilisation erläutert. An dieser Stelle geht es um die unterschiedlichen Formen des Kolonialismus, wie den alten Kolonialismus mit den Gründen für dessen Entstehung, den Kolonialismus in Asien und dem Mittleren Osten, den neuen Kolonialismus sowie die Rolle der internationalen Konzerne und Organisationen, wobei deren weltumspannende Bedeutung hervorgehoben wird. Das zehnte Kapitel beschäftigt sich schließlich mit der gegenwärtigen Wachsamkeit gegenüber dem Kolonialismus und der Ausbeutung in der islamischen Welt sowie deren Hintergründe und Dimensionen.

Das Amt für wissenschaftliche Erforschung an der Universität für islamische Erziehung und Kultus ist dem hochgeachteten Herrn Dr. Ali Akbar Velayati zu Dank verpflichtet und hofft, dass die vorliegende Untersuchung durch konstruktive und kritische Bemerkungen von Gelehrten, Dozenten und Studenten vervollständigt wird.

Vertretungsstelle der hochverehrten Führung an Universitäten

Amt für wissenschaftliche Forschung an der

Universität für islamische Erziehung und Kultus

Abteilung für islamische Geschichte und Kultur

1 Vgl. dazu auch Cahen 1968, Kennedy 2004; Krämer 2005. (DÜ)

Einführung

Seit jeher beschäftigt mich als Muslim iranischer Herkunft die Frage der kulturellen und zivilisationsbezogenen Identität des Irans und des Islams. Oft verlor ich mich in den Weiten des Ozeans und suchte das rettende Ufer der Hoffnung, die eigene Identität wieder zu entdecken und ihr entgegen zu eilen. Ich hörte gerne Vorträge und las aufmerksam Bücher und Aufsätze [zu diesem Themenbereich]. Allmählich begriff ich, wie durch die Trägheit von Freunden sowie durch das Misstrauen von Fremden, unser Volk und die islamische Welt Unrecht erfahren haben.

Zum einen ignorierten die Fremden lange Zeit unsere kulturellen Werte, zum anderen gingen auch Muslime mit ihren eigenen zivilisatorischen Errungenschaften nicht ausreichend sorgsam um, sodass durch diese von Grund auf falsche Einstellung Iraner und andere Muslime, die westlichen Völker (pers. farangiyān) als vollkommen andere, ja sogar höhere Wesen empfunden haben. Man ging so weit, ihnen sogar größere Begabung zuzusprechen, die andere Völker, darunter auch die Muslime nicht hätten. Vom antiken Griechenland über das alte Rom bis zur Renaissance wären sie Wegweiser und Erfinder, die Menschen im Osten einschließlich der Muslime dagegen „ihr Gefolge und ihre Verbraucher“ gewesen.

Nach zwei Jahrhunderten dieser intensiv propagierten Auffassung der westlichen Völker lernen wir inzwischen, dass wir uns nicht mehr als Menschen zweiter oder dritter Klasse verstehen und uns ebenso wenig ihre Regeln vorschreiben lassen dürfen. Es ist eindeutig, mit welchen herrschsüchtigen Methoden die westlichen Mächte darauf hinwirken, dass wir uns minderwertiger fühlen als andere. Aber auch unsere eigenen Versäumnisse begünstigen solche absurden Vorstellungen, dass es uns nicht zustehe „den Gipfel der Wissenschaft und Aufklärung zu erklimmen“ und wir uns vielmehr unserem Schicksal ergeben und wohl damit abfinden sollten. Für jeden verantwortungsbewussten Menschen ist nichts schmerzhafter, als dass seine religiöse Sichtweise und Herkunft mit Füßen getreten wird. Seit jener Zeit, als die islamischen und östlichen Länder von westlichen Mächten militärisch und kulturell angegriffen wurden, verbreitete sich durch entsprechende Propaganda gleichzeitig die Auffassung, diese wären bessere und klügere Menschen als andere, was ein eindeutiges Merkmal von Kolonialismus ist. Es gab jedoch auch angesehene Persönlichkeiten, die dem Vorgehen der westlichen Mächte Widerstand leisteten und die Muslime und das Morgenland zur Wachsamkeit aufriefen. Seit mehr als zweihundert Jahren wird die wachsame Trommel des Widerstands gegen die Ausbeuter immer lauter geschlagen. Die wichtigste Errungenschaft dieser historischen Bewegung aber war die Wiedererlangung des Selbstvertrauens der islamischen Welt. Heute kann sich daher die westliche Haltung bezüglich der eigenen Überlegenheit trotz aller ihnen verfügbaren Massenmedien kaum noch durchsetzen. Die magische Faust der zeitgenössischen Pharaonen liegt offen und niemand nimmt sie mehr ernst. Die aufkeimende Anerkennung des neuen Selbstbewusstseins des Morgenlandes durch den Westen ist aber wohl eher diplomatischer Natur. Auf die kulturellen Angriffe folgte, ähnlich wie bei den ersten Anläufen des Kolonialismus, die politische und dann die wirtschaftliche Ausbeutung.

Für die Muslime war es notwendig, sich der Leistungen der Vorreiter zur Wachsamkeit der islamischen Welt zu bedienen, um zu eigenem Selbstbewusstsein zu gelangen, welches von Wissenschaft und Aufklärung geprägt sein sollte. Um dieses Ziel zu erreichen, unternahmen große [muslimische] Persönlichkeiten wertvolle Anstrengungen. Untersuchungen in diesem Bereich zeigen jedoch, dass wir uns am Anfang befinden und das Ziel noch fern liegt. Dennoch besteht kein Zweifel, dass wir uns in die richtige Richtung bewegen.

Auch wir haben uns bemüht, einen Beitrag zu leisten, indem wir eine vierbändige Untersuchung über islamische Kultur und Zivilisation der Öffentlichkeit vorgelegt haben, welche als Teil dieser Bemühungen gelten soll. Die vorliegende Arbeit ist eine Zusammenfassung der dort behandelten Themen und gilt als Lektüre bzw. allgemeine Einführung an Universitäten [und wissenschaftlichen Einrichtungen]. Ein kritischer Blick in die islamische Geschichte zeigt, dass Kultur und Zivilisation des Islams von richtungsweisenden und durchaus näher definierbaren Stadien geprägt wurden, die logisch aufgebaut und leicht nachvollziehbar sind. Wenn verschiedene historische Epochen in einem Diagramm dargestellt würden, könnte man mit Leichtigkeit die Wiederholung der Geschichte darin erkennen. Die Epochen gliedern sich in verschiedene Phasen:

1. Phase:

Zeitalter der Berufung oder Beginn der islamischen Zivilisation.

2. Phase:

Formierung des islamischen Staates in Yaṯrib [Medina] und die Grundsteinlegung für die islamische Zivilisation.

3. Phase:

Zeitalter der Ausbreitung des Islams auf der Arabischen Halbinsel und in der zivilisierten Welt jener Zeit, einschließlich Mesopotamien, Iran, Byzanz, Ägypten, Äthiopien, Indien, Transoxanien, China, Nordafrika und Südeuropa.

4. Phase:

Zeitalter der Berührung der jungen islamischen Zivilisation mit den alten Weltkulturen und die Bemühung um deren Einbettung in die islamische Kultur durch Übersetzungen, Bibliotheksgründungen, Schuleinrichtungen sowie das Werben um Gelehrte an die wissenschaftlichen und lehrenden Zentren der islamischen Welt.

5. Phase:

Zeitalter der Formierung der islamischen Zivilisation.

6. Phase:

Zeitalter der Blütezeit islamischer Zivilisation und die Bildung der gnostischen Literatur.

7. Phase:

Zeitalter der Kunst und Architektur.

8. Phase:

Zeitalter der Stagnation der islamischen Zivilisation. Diese Phase fällt mit dem Einfall der Kreuzritter und Mongolen zusammen, welcher von beispiellosen Grausamkeiten, der Zerstörung von Städten und Tötung von Menschen gekennzeichnet war. Zum ersten Mal entstanden große Risse im Fundament der islamischen Zivilisation und Kultur.

9. Phase:

Die erneute Wiederbelebung der islamischen Welt.

10. Phase:

Überfall der Kolonialisten und Beginn der zweiten Epoche von Stagnation und kultureller Veränderung in der islamischen Welt. Diese Attacke glich einem elektrischen Schock im Epizentrum der muslimischen Welt. Unabhängig von ihren negativen Aspekten bewirkte sie aber, dass auch neue kreative Lebenswellen entstanden, welche in der geographischen Landschaft der islamischen Welt zu Widerstand führten. Wir könnten diesen Widerstand als Wachsamkeit oder die Rückkehr zum Islam bezeichnen.

Phase 1: Islamische Wachsamkeit

Es hängt davon ab, aus welchem Blickwinkel wir dieses Phänomen betrachten, denn je nach Sichtweise kann das Ergebnis der Analyse unterschiedlich ausfallen. Gelehrte haben das Wiedererwachen der Muslime mit unterschiedlichen Bezeichnungen versehen, von denen einige, wie folgt übersetzt werden können: Reformismus, Traditionsverbundenheit, Selbstvertrauen, Kampfansage an den Aberglauben, Erneuerung, Widerstand gegen den Kolonialismus, Einheit der Muslime … islamische Wachsamkeit.

Die Wahl der Bezeichnung islamische Wachsamkeit und die Tatsache, dass diesem Thema ein eigenes Kapitel gewidmet wurde, wird durch seine Universalität und mit seiner Verbindung zu anderen Kapiteln begründet. Die Entdeckung von Parallelen in den verschiedenen Phasen der historischen Entwicklung der islamischen Kultur und Zivilisation spricht ebenso dafür. Sie finden sich u.a. in den Epochen vor dem Einfall der Mongolen und dem gegenwärtigen Zeitalter mit dem Wiedererwachen des Islams. So könnte man der Meinung sein, dass sich die einstige negative Entwicklung der islamischen Kultur und Zivilisation wiederhole. Dieses Phänomen erinnert an den logischen Verlauf von Geschichte und unterstützt die Annahme, dass Geschichte nichts anderes als Wiederholung von Ereignissen ist. Dem Islam wohnt die Kraft zur Auferstehung und Wiederbelebung inne, was durch die gegenwärtige Situation in der islamischen Welt untermauert wird. Denn sowohl muslimische als auch nicht-muslimische Beobachter sind der Meinung, dass der Islam weltweit mehr Anziehungskraft besitze als jede andere Glaubensrichtung. Die rasante Entwicklung übertrifft diejenige anderer vergleichbarer Religionen und macht deutlich, dass der Islam lebt. Er gleicht einem Körper, der schädliche Elemente durch sein Immunsystem ausscheidet und fremde Angreifer abwehrt, seine inneren Kräfte mobilisiert und weiter entwickelt.

Das Wiedererwachen des Islams beginnt in der Regel mit der Einladung zum Widerstand, was dem Kern des Islams entspricht. Diesen Weg beschritten unzählige Persönlichkeiten wie Amīr ʿAbd-al-Qādir, Sayyid Ǧamāl ad-Dīn Asadābādī, Šaiḫ Muḥammad ʿAbduh, Sayyid Aḥmad Ḫān, Šaiḫ Fażlallāh Nūrī, ʿAbd ar-Raḥmān al-Kawākibī, Šaiḫ Šāmel, Rašīd ibn ʿAlī Riḍā, ʿAllāma Iqbāl-i Lāhaurī, Sayyid Ḥasan Modarris, Ḥasan al-Bannā, Sayyid Quṭb, Abū al-Aʿlā Maudūdī, Sayyid Muḥsin Amīn Ǧabal ʿĀmilī und schließlich Imām Rūḥollāh Mūsawī Ḫumeinī. Sie alle riefen Menschen zur Rückkehr zum Islam auf, mit dem Ziel der Wiederbelebung der Religion. Das Resultat war evident, denn die Menschen wandten sich aus allen Ecken der islamischen Welt scharenweise der Religion zu und erneuerten ihren Treueeid mit dem Glauben. Heute kann man von der Formierung einer Bewegung reden, die weltweit für die Wiederbelebung religiöser Werte und Vorstellungen kämpfte.

Genauere Untersuchungen der gegenwärtigen Geschichte wie auch die akuten Weltereignisse zeigen, dass es kein einziges islamisches Land gibt, in welchem die Rückkehr zum Islam und dessen Wiedererwachen nicht zu vernehmen wäre. Zu Recht kann man in diesem Zusammenhang von einer Wiedergeburt oder Renaissance des Islams sprechen. Die große Bedeutung dieser geschichtsträchtigen Phase lässt sich daran erkennen, dass die Habgierigen, d.h. die Nachfolger und Erben der alten Kolonialisten nun andere Strategien verfolgen. In neuem Gewand verfolgen sie alte Ziele und als Verfechter der Menschenrechte oder Unterstützer von Frieden, Sicherheit und Demokratie gleichermaßen wie unter dem Deckmantel der Theorie von der Begegnung der Kulturen wird nichts anderes unternommen, als die Zerstörung der Bestrebungen der Wiederbelebung des Islams. Auch hat der Druck auf die islamische Welt seit dem Zerfall der Sowjetunion noch deutlich zugenommen.

Phase 2: Die Formierung des islamischen Staates

Zurück zur zeitlichen Einteilung der islamischen Geschichte: Nach dem Zeitalter der Rückkehr zum Islam folgt die Epoche der Bildung des islamischen Staates. Wie von den Sunniten, so wurden auch von den Schiiten in Theorie und Praxis Anstrengungen unternommen, sich mit aller Kraft für die Bildung eines islamischen Staates einzusetzen. Die Sunniten orientierten sich an dem Prinzip des Kalifats als Kern eines islamischen Staates. Rašīd ibn ʿAlī Riḍā (gest. 1935) zählte als ernsthafter Vertreter der alten Schule zu den Begründern dieser Richtung. Er schlug die Errichtung eines islamischen Staates mit Sitz in Mossul und dem Eid auf Imām Hadī1 vor. Zu jener Zeit war der Zaiditen-Imām in Jemen Kalif der Muslime. Der Schiite Āyatullāh Muḥammad-Ḥusain Nā’īnī (gest. 1936) entwarf eine Theorie des islamischen Staates für die Gegenwart und präzisierte sie in seiner Schrift tanbiyat ul-umma wa tanzyat ul-milla. Von Imām Ḫumeinī (gest. 1989) stammt letztlich ein Entwurf mit der Bezeichnung welāyat-e faqīh (Herrschaft der islamischen Rechtsgelehrten), der sich gestaltend und aussagekräftig durchsetzte. Zum zweiten Teil dieser Etappe zählt die Bildung einer islamischen Regierung im Norden von Nigeria durch Usman dan Fodio (gest. 1817), die ca. hundert Jahre währte. Zudem wurden von den Sunniten einige weitere erfolgreiche sowie weniger erfolgreiche Maßnahmen ergriffen. Hier kann Ḥasan at-Turābī (gest. 2016) aus der Gruppe der Muslim Brüder [al-iḫwān al-muslimūn] mit seiner Theorie für die Bildung eines islamischen Staates im Sudan genannt werden, der mit der Unterstützung von ʿUmar Ḥasan al-Bašīr die säkulare Regierung von Ǧaʿfar an-Numayrī (gest. 2009) stürzte, worauf eine Regierung auf Basis der islamischen Scharia gegründet wurde. In der Türkei unternahm Necmettin Erbakan (gest. 2011) von der Wohlfahrtspartei (türk. Refah Partisi) die Anstrengung eine, aus Zurückhaltung gegenüber den Generälen der Armee, nicht direkt islamisch genannte Regierung zu bilden. Letztlich gelang es ihm mit Frau Tansu Ciller eine Koalitionsregierung zu bilden, die immerhin eine islamische Kleidungsordnung für Frauen vorschrieb. Außerdem zählten das Gemeinschaftsgebet in Ämtern sowie die Erweiterung der Imām-Khatip-Schulen (türk. İmam Hatip) zu den Errungenschaften dieser Administration. In Algerien formierte sich unter der Führung von ʿAbbāsī Madanī (gest. 2019) die Ǧabhat at-taḥrīr al-waṭanī (Nationale Befreiungsfront), um einen islamischen Staat zu gründen, die bei den Kommunalwahlen in sämtlichen Städten alle Sitze gewann. Āyatullāh Sayyid Ḥusain Larī (gest. 1924) gründete im südlichen Teil Irans einen schiitischen Staat, der auf der Grundlage des welāyat-e faqīh (Herrschaft der islamischen Rechtsgelehrten) funktionierte. Die Gründung eines eigenen Staates in Gilan durch Mīrzā Kučak Ḫān Ǧangalī (gest. 1921), welcher mit der Unterstützung der Hay’at Ittiḥād Islām (Partei für das Bündnis des Islam) Gestalt annahm, kann als ein mit Mängeln behafteter islamischer Staat bezeichnet werden. Unter General Zia’ ul-Haqq (gest. 1988) wurde die Scharia in Pakistan eingeführt und der Name des Landes von Pakistan in Islamische Republik Pakistan umgeändert. Diese Änderung galt immerhin als ein Versuch islamischen Werten und Normen größere Aufmerksamkeit zu widmen. Schlussendlich kann man die Gründung der Islamischen Republik Iran als offensichtlichen Beweis der Etablierung einer islamischen Regierung in unserem Zeitalter nennen.

Phase 3: Die Ausbreitung des Islams

Die Ausbreitung des Islams schritt bereits zu Anfang schnell voran und zeigt ihre wiederbelebende Kraft auch in unserem Zeitalter. Die zunehmende Ausbreitung in Amerika, Europa und Afrika zählt dabei zu den augenfälligsten Beispielen.

Phase 4: Erneuerung der islamischen Kultur und Zivilisation

Die islamische Kultur befindet sich dank des Wiedererwachens der Muslime in einem spürbaren Aufschwung, der gleichzeitig Beweis für die Tatsache ist, dass sich die zauberhafte Faust der Pharaonen unserer Zeit geöffnet hat. Die importierten westlichen Werte verblassen derzeit nicht nur bei ihren Verfechtern, sondern auch bei Millionen von Muslimen, wobei zu beobachten ist, dass die Anhänger der islamischen Zivilisation gegenüber denen der westlichen Kultur zunehmend eine von Würde geprägte Haltung einnehmen. Gestützt auf ihre eigene reiche islamische Kultur, die auf festem Glauben fußt, können die Muslime heute in vielen Bereichen von großen Erfolgen sprechen. In zahlreichen Steindrucken und Schriften, wie Heidentum im zwanzigsten Jahrhundert1 von Muḥammad Quṭb (gest. 2014), Die Zukunft im Machtbereich des Islam2 von Sayyid Quṭb (gest. 1966), Unsere Philosophie und Wirtschaft3 von Āyatullāh Sayyid Muḥammad Bāqir aṣ-Ṣadr (gest. 1980), Was die Welt mit dem Niedergang der Muslime verloren hat4 von Abū al-Ḥasan Nadawī (gest. 1999), Prinzipien der Philosophie1 von ʿAllāma Muḥammad-Ḥusain Ṭabāṭabāyī (gest. 1981) und Methode des Realismus2 von Āyatullāh Murtaḍā Muṭahharī (gest. 1979) wurden verschiedene Möglichkeiten zur Formierung und Wiederbelebung der islamischen Kultur erörtert. Die Bemühungen einiger islamischer Völker zur Erlangung moderner Technologien stoßen bei den westlichen Ländern auf Ablehnung, sprechen aber für eine hoffnungsvolle Zukunft der Muslime. Blickt man auf die lange historische Entwicklung der islamischen Kultur mit ihren Höhen und Tiefen, kann man davon ausgehen, dass sie sich heute auf dem besten Weg befindet, in absehbarer Zeit weitere Gipfel zu erklimmen, inšāʾallāh (So Gott will).3

Ali Akbar Velayati, Herbst 1383 HŠ (2004).

1 Muqbīl ibn Hadī al-Wadiʿī (gest. 2001). (DÜ)

1 Ǧāhilīyat al-qarn al-ʿAšrīn. (DÜ)

2 al-Mustaqbal li-haḏā ad-Dīn. (DÜ)

3 Falsafatuna wa iqtiṣaduna. (DÜ)

4 Māḏā ḫasir al-ʿālam bi-inhiṭāṭ al-muslimin. (DÜ)

1 Ušul-i falsafah. (DÜ)

2 Raveš-i ri’ālīsm. (DÜ)

3 Die Danksagung des Autors in persischer Sprache wird im Nachfolgenden in der Fußnote erwähnt:
Es ist meine Pflicht, denjenigen, die mich in den verschieden Phasen der Entstehung dieser Schrift unterstützt haben, meinen aufrichtigen Dank auszusprechen. Zu diesen zählen Frau Mahnāz Muqaddasī und die Herren Muḥammad-Taqī Anṣārī, Aḥmad Taqīzāde, Ǧawād Ḥasanpūr, Saǧǧād Rāʿī Galūǧe, Dr. Raḥīm Ra’īs-Niyā, Akbar Ramaḍānī, Dr. Maqṣūd Ranǧbar, Dr. Ḥasan Zandiyye, ʿAbd al-Qādir Sawārī, Aṣġar Ṣādiqī-Yektā, Dr. ʿAbbās ʿArāqčī, Masʿūd ʿIrfāniyān, Farīd Qāsemlū, Muḥammad-Ḥasan Kāwūsī ʿArāqī, Ǧawād Karīmī, Mahdī Karīmī, Dr. Riḍa Naẓar-Āhārī sowie Dr. ʿAbbās Malikī. Außerdem ist es mir ein Bedürfnis, Herrn Ḥuǧǧat al-Islām wa-l-Muslimīn Muḥsin Qomī, den Leiter der Vertretungsstelle der hochverehrten Führung an Universitäten, Dr. Ibrāhīm Kalāntarī, den leitendem Direktor, Herrn Ġolām-Ḥusain Gerāmī, den Direktor der Forschungsabteilung, Muḥammad Naṣīrī, den Direktor der Abteilung für islamische Geschichte und Kultur, und allen Mitarbeitern des Amtes für wissenschaftliche Forschung an der Universität für islamische Erziehung und Kultus meinen tiefsten Dank auszusprechen und Ihnen allen viel Erfolg zu wünschen.

Erstes Kapitel: Allgemeines

1. Bedeutende Ereignisse und ihre historischen Grundlagen

Der historische Anfang des Islams ist mit dem ersten Aufruf des Propheten, dem Islam zu folgen auf das Jahr 610 n. Chr. in Mekka zu datieren und findet seine unmittelbare Verbindung mit der Auswanderung (hiǧra) Muḥammads von Mekka nach Medina (Yaṯrib) und der Gründung des islamischen Staates. Der junge Staat, der bald Gestalt annahm, war von den alten Kulturen Irans, Byzanz und Ägyptens umgeben, die ihn mit ihrer Kraft durchdrangen und deren Erbe er später antrat.

Nach dem Abschluss des Friedensvertrages von Ḥudaibīya im Jahre 628 mit den Mekkanern, in welchem die Herrschaft des Islams über die arabische Halbinsel zu sichern war, sandte der Prophet Briefe an die Machthaber der Nachbarländer, um Kontakte herzustellen und diplomatische Beziehungen zu pflegen, wie es später auch unter den ersten vier Kalifen, den Umayyaden (reg. 661-749) und Abbasiden (reg. 749-1258) gängige Praxis war. Einen ersten Höhepunkt fand die Ausdehnung des Islams etwa in der Mitte der Herrschaftszeit der Abbasiden im asiatischen, afrikanischen und europäischen Raum. Zu dieser Zeit grenzte das islamische Hoheitsgebiet im Osten an China sowie im Westen an die äußere Küste Afrikas, einschließlich Marokko, während im Norden sämtliche Gebiete von Transoxanien und Südsibirien zum Einzugsbereich des Islams zählten. Außerdem gehörte ein beträchtlicher Teil von Kleinasien wie auch die östliche und südliche Küstenlandschaft des Mittelmeers bis hin zu den Pyrenäen, welche die Grenze zwischen Spanien und Frankreich bilden, zum islamischen Gebiet. Im Süden hat sich der Islam auf die Inselkette von Südostasien, die Jaffna-Halbinsel auf Sri Lanka und die südliche afrikanische Sahara ausgedehnt. In diesen gewaltigen geographischen Gebieten lebten Völker unterschiedlicher Sprachen und Herkunft, die in der vorislamischen Zeit oft blutige Kriege gegeneinander führten, im Zuge der Islamisierung aber in den Genuss gleicher Rechte kamen. Hier prägte sich eine Zivilisation aus, die als Schmelztiegel der alten Kultur bezeichnet werden kann.1

In der nächsten Phase formierten sich „Lehre und Kultur des Islams“ unter der Berücksichtigung vorangegangener Kulturen, jedoch nach der Maßgabe der koranischen Überlieferung. Sie begann im zweiten Jahrhundert nach der hiǧra und erreichte ihren Höhepunkt im vierten Jahrhundert als die islamische Literatur erblühte, die bis zum siebten Jahrhundert ihren Höhenflug fortsetzte. Der theoretische und praktizierende Mystizismus erlebte zwischen dem vierten und sechsten Jahrhundert seinen Höhepunkt und hielt sich bis zum neunten Jahrhundert. Das Kunsthandwerk gewann im fünften und sechsten Jahrhundert an Strahlkraft und legte eine lange Phase der Entwicklung zurück, bis es im zehnten und elften Jahrhundert zu einem Zeitpunkt stagnierte2, als auch die islamische Kunst und Kultur wegen innerer und äußerer Umstände ihrem Niedergang entgegenging. Der kulturelle Stillstand, der sich als Zwischenstation in der islamischen Kultur- und Religionsgeschichte herausstellte, hätte nach Einschätzung von Experten für die Gesamtentwicklung der Gesellschaft und ihrer Kultur Konsequenzen haben können, wenn ein Wiedererwachen des Islams nicht stattgefunden hätte. Was wir heute mit diesem Terminus bezeichnen, geht auf die Ideen muslimischer Vorkämpfer für den Islam zurück, die sich gegen den europäischen Modernismus stellten, wie etwa Sayyid Ǧamāl ad-Dīn Asadābādī, Šaiḫ Muḥammad ʿAbduh und ʿAbd ar-Raḥmān al-Kawākibī. Wie andere Gleichgesinnte kämpften sie unermüdlich für die islamischen Werte und beschworen so erneut ein Zeitalter der Einladung zum Islam auf Basis der koranischen Lehre herauf. Von diesem Zeitpunkt an sind wir Zeugen zahlreicher Bewegungen, welche die Gründung eines islamischen Staates der absoluten Vollkommenheit wie in der Zeit des Propheten Muḥammad in Medina zum Ziel hatten und neben anderen Faktoren letztendlich die Gründung der Islamischen Republik Iran unter der Führung von Imām Ḫumeinī ermöglicht haben. Diese Bewegungen blieben nicht nur auf den Iran begrenzt, sondern dehnten sich auch auf andere Länder aus, in denen man islamische Werte und Gesetze pflegte.

2. Definition von Kultur und Zivilisation

Für die Untersuchung der islamischen Kultur und Zivilisation ist es von größter Bedeutung, beide Begriffe unter Berücksichtigung ihres gegenseitigen Bezugs näher zu definieren.

2.1. Kultur (pers. farhang)

Basierend auf den modernen soziologischen Wissenschaften gründet in der Tradition der alten logischen Denkweise der Begriff Kultur auf der Unterscheidung des Menschen von den Tieren, der nach der Phase als Jäger und Sammler mit dem Anbau von Nutzpflanzen begann, Siedlungen gründete und sesshaft wurde. Im Bewusstsein seiner Fähigkeiten zähmte er Tiere und bewies auf diese Weise seine Überlegenheit. Wahrhaftig ist der Mensch ein höheres Lebewesen. Geprägt durch seine Intelligenz weiß er sowohl die angeborenen Charaktereigenschaften als auch die äußeren Lebensumstände gut zu beherrschen und ist im Stande, diese ihm innewohnende Eigenschaft Schritt für Schritt fortzuentwickeln.

Allgemein unterscheidet man die geistige von der materiellen Kultur. Im Gegensatz zur letzteren mit ihren gegenständlichen, von menschlicher Hand geschaffenen Errungenschaften umfasst die geistige Kultur Werte wie Traditionen, Gebotsregeln, Wissenschaften, Literatur, Philosophie und weitere Ergüsse des Geistes. Somit umschließt der Begriff Kultur stoffliche und geistige Elemente des gesamten gesellschaftlichen Lebens, in welchem der Mensch lebt und sich entfaltet. Die Psychologie verwendet in diesem Zusammenhang den Begriff Sozialisation und zeigt, dass der Mensch als Lebewesen mit einer kulturellen Identität ausgestattet ist, von der auch sein Alltag im Wesentlichen geprägt ist. Sämtliche Handlungen, die in der Psychologie als bewusst und unbewusst bezeichnet werden, basieren auf der soziokulturellen Umgebung, in welche der Mensch hineingeboren wird, in der er aufwächst und sich als Persönlichkeit entfaltet. Analog zur Lebensspanne des Menschen mit seiner Geburt, Entwicklung und dem Tod, können auch die Kulturen betrachtet werden in ihren Phasen des Entstehens, Erblühens und des Niedergangs. In den Untersuchungen der historischen Philosophie der verschiedenen Kulturkreise geht man zunächst von einer primitiven Phase aus, der mit der Gründung von Wohnsiedlungen und Städten die Phase des Aufbruchs folgt, in welcher wirtschaftlicher und technischer Fortschritt erlangt wird. Große Reiche werden gegründet, in denen Schrift, Literatur, Philosophie und Wissenschaft in Abhängigkeit vom Grad der sozio-ökonomischen Entwicklung ihrer Gesellschaft entstehen. Diese Kulturen können kurzlebig sein oder lange fortbestehen, sie können als gesund oder auch als ungesund bezeichnet werden. Gesunde Kultur wird in dem Zusammenhang durch Werte und Normen repräsentiert, die von den Menschen angenommen werden und ihnen ein Gefühl von Integration und Sicherheit vermitteln. Auf dieser Basis kann ein funktionierendes System wachsen, das allen Belangen der Gesellschaft gerecht wird und in der Lage ist, den Beginn einer weltweiten Kultur einzuleiten und eine bedeutende historische Entwicklung zu beschreiten. In einer kranken Kultur dagegen verlieren Werte und Normen ihre innere Bedeutung, sie verkommt zur Maske, die ihre Krankheit zu verbergen sucht. Ein solches System hat keine Anziehungskraft auf die Massen und wird sie nicht für sich gewinnen, da sie sich ihrer Belange nicht annehmen wird. Wie auch gegenwärtig in der Welt zu beobachten, beginnt der Niedergang einer Kultur dort, wo die grundlegenden, das Funktionieren einer Gesellschaft garantierende, Verhältnisse nicht mehr miteinander harmonieren und unpassende Elemente aufgenommen werden. Der Materialismus wie auch die Einführung moderner Techniken führen heute bei traditionell orientierten Gesellschaften zu einer unübersehbaren inneren Krise.1

2.2. Zivilisation (pers. tamaddon)

Die beiden Begriffe Kultur und Zivilisation werden in den anthropologischen Untersuchungen des 19. Jahrhundert sowohl für die primitiven Kulturen als auch für die Hochkulturen in Asien, Afrika und Europa oft parallel verwendet und synonym verstanden. Historiker und Kulturkenner haben daher den Versuch unternommen, die Begriffe näher und eindeutiger zu definieren: Während Zivilisation die materiellen Errungenschaften eines Kulturkreises, wie Architektur, Städtebau, Technik usw. bezeichnet, steht Kultur in der Regel für die inneren Werte und geistigen Leistungen wie Traditionen und Statuten, Religion und Wissen. Zivilisation deutet auf einen großen politischen, sozialen, wirtschaftlichen und wissenschaftlichen Kulturkreis hin, der - wie etwa ein Imperium mit hochentwickelter Kultur und Schrift - eine Einheit bildet und in einem großflächigen geographischen Raum beheimatet ist. Kultur dagegen kann sich, wie dies auch bei primitiven Völkern zu beobachten ist, in jedem Clan, Volksstamm oder Volk entwickeln.1

2.3. Zusammenhänge zwischen Kultur und Zivilisation

Trotz der engen Verbindung zwischen Kultur und Zivilisation bedingen beide einander nicht. Es ist durchaus möglich, dass ein Volk durch kulturellen Fortschritt Zivilisation erlangt. Eine Gesellschaft kann auch durch bloße Anlehnung an eine fremde Zivilisation, die ihr bis dahin unbekannt war Fortschritte erzielen und sich auf diese stützen. Wahr ist jedoch auch, dass eine Gesellschaft auch ohne nennenswerte Zivilisation immer noch eine eigene Kultur besitzen kann, wie man am Beispiel der Ureinwohner von Australien oder bestimmter Stämme aus Afrika, die eigene Sitten, Bräuche und religiöse Vorstellungen haben, sehen kann. Jede Gesellschaft, selbst der primitivste Stamm, kann also eine eigene Kultur besitzen.2

2.3.1. Wirksame Gründe für Entstehung und Aufstieg von Kulturen

Verschiedene Faktoren können hierbei eine Rolle spielen. Sicherheit und Frieden führen zu Reduzierung von Sorgen, Spannungen und Ängsten in der Gesellschaft. Stolz oder nationaler Zusammenhalt, was Ibn Ḫaldūn (gest. 1406) mit ʿAṣabiyat (leidenschaftliche Ergebenheit, Fanatismus, Patriotismus) bezeichnet, sind die Basis einer jeden Kultur. Zusammenarbeit und Solidarität innerhalb einer homogenen Gesellschaft mit den einenden ethischen Grundlagen der Nachsicht, Geduld, Selbstbeherrschung und Verantwortung für nationale Einigkeit, wie auch die Frömmigkeit können bedeutende kulturbildende Faktoren sein. Ebenso können relativer Wohlstand und ein gewisser Druck finanzieller oder gesellschaftlicher Art die Entstehung von Kulturen begünstigen. Während ersterer eine wesentliche Grundlage für die Entwicklung jeder Kultur ist, kann letzterer die Schwächen einer Gesellschaft aufzeigen, sie zusammenschweißen und so zur Entwicklung und Förderung der Kultur beitragen.1

2.3.2. Gründe für die Stagnation oder den Niedergang von Kulturen

Einige Wissenschaftler sind der Auffassung, dass jede Kultur entwicklungsbedingt verschiedene Phasen durchläuft. So ist Durant der Meinung, dass im Zuge ihrer fortschreitenden intellektuellen Entwicklung die Menschen in jedem Kulturkreis mit der Zeit sich von geistigen Werten entfernen und materielle Dinge an Bedeutung gewinnen. Der Zwiespalt zwischen Werten und Wissen bedingt so den Verschleiß der positiven menschlichen Energien und macht Stagnation und Niedergang unvermeidbar.

Aus der Sicht von Ibn Ḫaldūn durchläuft jede Kultur drei Stadien: Die anfängliche Phase der Anstrengung, die Phase der Allmacht und Unterdrückung und letztlich die Phase der Pracht und Verderbtheit, die zu ihrem Niedergang führt. Auch der zeitgenössische algerische Wissenschaftler Malek Bennabi (gest. 1973) untermauert die Dreiphasentheorie von Ibn Ḫaldūn mit seiner Meinung, dass die islamische Kultur auf den drei Hauptpfeilern Geist, Intellekt und Instinkt stehe. Seit dem achten Jahrhundert nach der hiǧra (15. Jh.) habe der Instinkt über den Geist die Oberhand gewonnen und dadurch eine Phase der Stagnation in der islamischen Kultur eingeleitet.2 Für den Niedergang von Kulturen werden auch andere Gründe angeführt: der Mangel an Einigkeit und Ordnung in der Gesellschaft, feindliche Angriffe von Außen, Desorganisation im Aufbau von Strukturen und letztlich auch Affektiertheit und Nepotismus.

3. Zusammenfassung der islamischen Geschichte und Kultur vom Zeitalter der Einberufung bis zur Periode der Eroberung

Historiker teilen die arabische Geschichte in drei Phasen ein:

1. Die Periode der Sabäer und Himyariten, deren Beginn im Dunklen liegt.

2. Die Periode des Heidentums, welche im sechsten nachchristlichen Jahrhundert beginnt und bis zur Etablierung des Islams fortbesteht.

3. Die Periode des Islams vom Beginn bis heute.

Gemäß historischen und archäologischen Zeugnissen hing man auf der arabischen Halbinsel unterschiedlichen Glaubensrichtungen und Sekten an. Abraham [Ibrāhīm] war der erste Prophet dieses Landes. Die Araber des Stammes der Banū Ġassān und Banū Manḏar, welche in Mesopotamien bzw. im Norden der Halbinsel lebten, sowie die Bewohner von Naǧrān und Yemen im Süden waren Christen. Der Mittelpunkt des gesellschaftlichen Lebens war der bāzār (arab. sūq), von denen einer ʿUkāẓ hieß, welcher den Literaten und Dichtern als Versammlungsort diente. Die Dichtung bildete in jener Zeit die wichtigste kulturelle Basis Arabiens und jeder Clan rühmte sich seiner Dichter.1

Die gesellschaftlichen Verhältnisse dieser Zeit lassen vermuten, dass politische Ämter traditionsgemäß nicht nach Qualifikation und Fähigkeit vergeben wurden, sodass zahlreiche Begabte mittellos auf der Strecke blieben. Durch den Segen der Kaʿba führten die Mekkaner in ihrer Stadt ein geregeltes und ruhiges Leben. Sie praktizierten gemeinsam ihre heidnischen Rituale und verteidigten ihre Stadt wie auch ihre Werte und Traditionen gemeinsam. Als Händler waren sie weitblickend. Die Bewohner von Yaṯrib (später Medina) dagegen trieben Landwirtschaft und galten als sehr fleißig.

Das waren die gesellschaftlichen Gegebenheiten, als der Prophet Muḥammad sich ca. im Jahre 610 offenbarte. Seine Anhängerschaft sah sich aber bald mit feindlichen Parolen und Drohungen der Mekkaner konfrontiert. Im elften Jahr der Berufung [621] stellte der Prophet des Islams bei einem Treffen im Ort namens ʿAqaba sich selbst und seine Religion einer medinensischen Gruppe des Clans der Banū Ḫazraǧ vor, die von der Pilgerschaft nach Mekka zurückkehrte, um ihre Sympathie zu gewinnen. Ein Jahr später sprachen zwölf Männer und eine Frau des Stammes in ʿAqaba ihren Treueid auf den Prophet Muḥammad aus, welcher als erster seiner Art in die Geschichte eingegangen ist. Auf dieser Grundlage entsandte der Prophet Musʿab ibn ʿUmair nach Yaṯrib, um die Menschen in die Lehre des Islams einzuführen. Nachdem deutlich wurde, dass Yaṯrib ein geeigneter Aufenthaltsort für den Propheten und dessen Anhänger war, beschloss er seine historische Übersiedlung dorthin. Das geschah am 12. Tag des Monats Rabīʿ al-awwal im 14. Jahr seiner Berufung - der Stichtag, ab welchem seine Anhänger in zwei Gruppen, nämlich jener der Übersiedelten aus Mekka und jener der Helfer aus Medina, geteilt werden. Der Prophet des Islams gründete die islamische Gemeinde in Medina, die sich auf drei Pfeiler stützte: Die Errichtung einer Moschee, brüderliche Beziehungen zwischen Auswanderern [muhāǧirūn] und Helfern [anṣār] sowie die Vereinbarung der Zusammenarbeit zwischen Muslimen und Nicht-Muslimen. Die islamische Gesellschaft nahm in Medina allmählich Gestalt an. Hier vereinigte sie alle Eigenschaften eines funktionierenden Staates in sich, verfügte über Grund und Boden, Rechtsprechung, Verwaltung und eine Exekutive. Auch besaß sie eine weitere spezielle Eigenschaft, die in der Geschichte der Menschheit einzigartig war: das Gesetz und seine Anwendung stand nun an aller erster Stelle und galt ausnahmslos allen Mitgliedern. Eine Gemeinschaft ohne Diskriminierung war entstanden.

Auf dieser Grundlage, wie auch durch weitere von Muḥammad persönlich eingeleitete Maßnahmen, entstand eine funktionierende politische und religiöse Gesellschaft, die seinen persönlichen Stempel trug. Mit Blick auf die Durchsetzung der religiösen Vorschriften und die Verbreitung des Glaubens gewann seine Gemeinde kontinuierlich an politischer und administrativer Bedeutung. Während seines zehnjährigen Aufenthaltes in Medina fanden 80 größere und kleinere Schlachten statt, die vom ihm geleitet wurden. Bei Abwesenheit überließ er das Kommando einem anderen fähigen Krieger aus seinen Reihen. Diese Kriege spielten bei der Positionierung des Islams als politische und religiöse Macht innerhalb der damaligen Welt eine besonders wichtige Rolle. Darüber hinaus vereinbarte er zahlreiche Verträge mit verschiedenen Völkern, Stämmen und Religionsgemeinschaften, darunter auch Juden und Christen, wodurch er dem jungen islamischen Staat in Medina seinen Platz unter den Nachbarn sicherte. Ebenso sandte er Briefe an die benachbarten Könige und Herrscher, so nach Iran, Rom, Ägypten, Yemen und Äthiopien - eine Maßnahme, die seine Außenpolitik in Gang bringen sollte.1

Wie dem Inhalt der medinesischen Suren des Korans entnommen werden kann, wurden somit die Fundamente einer islamischen Kultur und Zivilisation bereits zu Lebzeiten des Propheten Muḥammad errichtet. Im Gegensatz zu den mekkanischen Suren berichten sie von religiösen und gesellschaftlichen Vorschriften, die bei der Urgemeinde noch nicht existiert hatten.

Später richtete der Prophet seine Aufmerksamkeit auf die Einrichtung einer funktionierenden Verwaltung mit persönlichen Sekretären, denen er bestimmte Aufgaben übertrug. Außerdem wurde geeignetes Personal für die Festigung und Ausführung der islamischen Vorschriften bestimmt. So fanden sich Personen, die Almosen und Spenden einsammelten und solche, die sich um gesellschaftliche Belange kümmerten. Über diese zehnjährige Periode der Etablierung des islamischen Staates und seiner Gesetzgebung finden sich auch Hinweise in der göttlichen Offenbarung (Suren des Korans). Es wurden weitere Maßnahmen ergriffen, die bei näherer Betrachtung Einblicke in die inneren Beweggründe des Propheten gewähren und ein realistisches Bild von seinem Auftrag in Medina zeichnen. In diesen zehn Jahren hat Muḥammad die Grundlagen eines islamischen Gemeinwesens geschaffen. Man spricht in diesem Zusammenhang auch von der Bildung der Arabischen Nation, da er den größten Teil der Stämme Arabiens angegliedert hatte. Im Arabsichen wird seine Anhängerschaft bzw. Gemeinde daher als Umma bezeichnet.1

Nach dem Dahinscheiden des Propheten gab es Differenzen über seine Nachfolge im Amt, die mit den Ereignissen in der Säulenhalle von Saqīfa Banī Sāʿda und der Wahl von Abū Bakr (gest. 634) ein Ende fanden.2 Während der zweijährigen Amtsführung Abū Bakrs, die von Streitigkeiten gekennzeichnet war, gelang es ihm, alle Stämme der arabischen Halbinsel unter seiner Zentralregierung zu vereinigen. Darüber hinaus führte er einen Krieg gegen Šām (Syrien) und Irak, mit dem Ziel, den Islam dort einzuführen. Bevor Abū Bakr verstarb, ernannte er ʿUmar ibn al-Ḫaṭṭāb (gest. 644) als Nachfolger für das Amt des Kalifen, in dessen Amtszeit große Eroberungszüge der inzwischen sehr gestärkten muslimischen Armee in Ägypten, Iran, Syrien und Afrika angestrengt wurden. Erwähnenswert ist die Feststellung, dass Iran und Rom bzw. Byzanz langjährige erbitterte Kriege gegeneinander geführt hatten, die von Ermüdung und kriegerischem Verschleiß gekennzeichnet waren und den muslimischen Eroberungszügen nicht mehr standhalten konnten. Darüber hinaus war die Bevölkerung mit ihrer Staatsführung unzufrieden und begrüßte die Muslime als Befreier, sodass sie binnen eines halben Jahrhunderts ganz Iran und große Teile Nordafrikas eroberten. Die Eroberer kamen mit den Sitten und Gebräuchen der unterworfenen Länder und Völker in Berührung, welche maßgeblichen Einfluss auf die gesellschaftlichen Strukturen in Medina hatten. Die Verwaltung der eroberten Gebiete, die mit der allmählichen Bildung einer funktionierenden Administration Hand in Hand ging, stellte für die Araber aber eine enorme Herausforderung dar.

1 Für eine ausführliche Darstellung vgl. Mūsawī Buǧnūrdī (Hrsg.): Dā’erat al-Muʿāref-e bozorg-e Islāmī, Bd. 8 (Islām); im Nachfolgenden „DMBI“.

2 Zaydān: Tārīḫ at-Tamaddun al-Islāmī, S. 100-150 und 551-559.

1 Āšūrī: Taʿrīf-hā wa mafhūm-e farhang, S. 114-123.

1 Vgl. Ebd., S. 128; Huntington: Naẓariyye-ye barḫūrd-e tamaddon-hā, S. 407; Henry Lucas: History of Civilization, Bd. 1, S. 7 and 16.

2 Ǧaʿfari: Farhang-e pīruw, farhang-e pīšruw, S. 11-73.

1 Lacoste: Ǧahān-bīnī-ye Ibn Ḫaldūn, S. 9 und S. 33-38.

2 Vgl. Ibn Nabī: Šurūṭ an-nahḍa.

1 Šahīdī: Tārīḫ-e taḥlīlī-ye Islām, S. 4-15.

1 Aḥmadī-Miyānǧī, S. 20-50.

1 Halm: Der Islam, S. 20-21. (DÜ)

2 Vgl. Newid: Der schiitische Islam in Bildern, S. 15 ff. (DÜ)

Zweites Kapitel: Grundlagen für die Entstehung und Entwicklung der islamischen Kultur

1. Stellung der Wissenschaft im Islam

Würde man alle Berichte über den Stellenwert von Wissen und Weisheit im Koran und der theologischen Überlieferung zusammentragen, könnten daraus mehrere Bücher entstehen. Hätten die islamischen Heiligen und Wortführer nicht wiederholt die hohe Stellung von Wissen so ausdrücklich betont, wäre niemals eine derart wichtige Kultur entstanden. Allein das Wort Wissen / Wissenschaft (ʿilm) ist - ohne abgeleitete Formen - ca. achtzig Mal im Koran mit unterschiedlichem Kontext belegt. Dagegen findet sich eine konkrete Bezeichnung für Verstand / Geist (ʿaql) im Koran nicht. Dennoch kann man einen anderen Begriff (ūlī l-albāb = Gelehrten, Weisen) im Koran finden, der auf den Intellekt bzw. den Besitzer von Intellekt hinweist. Außerdem wird im Koran von Begriffen wie Weisheit / Philosophie (ḥikma), Argument (burḥān), Geist / Überlegung (fikr) und (islamisches) Recht (fiqh) wiederholt Gebrauch gemacht. Gott verneint die blinde Nachahmung ebenso wie Verehrung ohne tiefgreifende Überzeugung. Im Koran werden Wissen (ʿilm) und Glaube (īmān) beispielsweise als gleichwertige Eigenschaften parallel verwendet:

Und diejenigen, denen Wissen und Glauben zugekommen sind, sagen: «Nach dem Buch Gottes habt ihr bis zum Tag der Auferweckung verweilt. Und das ist der Tag der Auferweckung. Aber ihr wußtet es ja nicht.»1

Der Koran beschränkt sich aber nicht auf eine allgemeine Verwendung dieser Begriffe. Vielmehr finden sich detaillierte Hinweise auf die Bedeutung des Erwerbs von Wissen, darunter in den Suren Al-i-Imran 190 (3:190), al-Anʿām (6:97) und Yunus (10:5). Auch finden sich in den erzählenden und mahnenden Versen Hinweise auf die Geschichtsschreibung und historische Ereignisse, die geeignet sind beim Leser Interesse an historischen Abläufen zu wecken:

Sprich: Zieht auf der Erde umher und schaut, wie das Ende derer war, die (die Botschaft) für Lüge erklärt haben.1

In den Überlieferungen des Propheten Muḥammad, der Ahl al-Bait (Familienangehörige des Propheten) und der Imāme gibt es zahlreiche Hinweise auf die besondere Bedeutung von Wissen und die Tugendhaftigkeit der Wissenschaftler. Der Prophet des Islams forderte alle Männer und Frauen dazu auf, sich Wissen anzueignen, denn er vertrat die Meinung, dass eine einzige Stunde, die man für seine persönliche Bildung aufwendet, viel wertvoller ist, als ein ganzjähriges Gebet. Auch unter den Imāmen, besonders bei Ǧaʿfar aṣ-Ṣādiq (gest. 703) gewann die Bildung an Bedeutung. Er betonte, dass die Schreibfeder der Gelehrten am Tag des Jüngsten Gerichts mehr Gewicht haben werde als das Blut der Märtyrer. Der Islam weist auf die enge Verbindung von Ethik und Wissen hin und verfolgt in Bezug auf Bildung eine eigene Ideologie. Dem Wissenschaftler kommt in der Vermittlung von Bildung eine besondere Verantwortung zu, da ein lasterhafter Gelehrter die Menschen auf den falschen Pfad führt.2

Überblick über die Schreibkultur in der islamischen Geschichte

Einige vereinzelte Informationen über die Araber im Zeitalter des Heidentums zeigen, dass ihnen Schreiben und Lesen nicht fremd war. Diese Fertigkeiten standen aber nicht im Mittelpunkt des täglichen Geschehens, denn ihre Geschichte und Kultur wurde in der Regel mündlich tradiert. In einigen Teilen der arabischen Halbinsel wurden Steintafeln mit Inschriften gefunden, deren Alphabet nach Meinung von Fachgelehrten mit der nabatäischen Schrift verwandt sei.3

Das Vorkommen bestimmter Wörter im Koran mit Hinweisen auf Schrift bzw. Schreiben zeigen, dass beim Aufkommen des Islams die Tätigkeit des Schreibers unter den Arabern bereits bekannt war. Selbst das Wort kitab (Buch, Schriftstück) weist in diese Richtung, auch wenn wir nicht wissen, ob es ursprünglich im heutigen Sinne verwendet wurde. Trotz der Neigung der Araber, ihre Überlieferungen auswendig zu lernen, ist die Niederschrift des Heiligen Korans der beste Beweis für die Beschäftigung mit Schrift zu dieser Zeit. Von besonderer Bedeutung ist die Feststellung, dass die Muslime von Anbeginn auf die Echtheit der Niederschrift bedacht waren.1 Als geeignetes Material für die Niederschrift erwies sich Leder, da es beständig ist. Da Leder jedochein sehr kostbarer Stoff war, wurden auch preiswertere Materialen, wie die Rinde und Blätter der Palme hinzugezogen. Die Kontakte mit den benachbarten Kulturen trugen dazu bei, neue Mittel und Wege der Schreibkunst kennenzulernen. Die Berührung der Araber mit den Ägyptern brachte ihnen Kenntnis vom Gebrauch des Papyrus, das ebenso wie Leder kostbar war. Auf die Bekanntschaft der Alternative Papier mussten die Muslime jedoch bis zur Eroberung Transoxaniens warten. Dessen Produktion wurde zunächst von einigen chinesischen Herstellern in Samarkand betrieben, von wo aus die Technik in die Welt des Islams Einzug hielt. Der hohe Bedarf an Papier in den ersten Jahrhunderten war ein Grund für die Herstellung verschiedener Papierqualitäten, die sich im Grad der Beständigkeit wie auch in Stärke, Helligkeit und Farbe unterschieden. Es gibt Hinweise, dass die Muslime sich mit der schlichten Produktion von Papier nicht begnügten, sondern zur weiteren Verfeinerung des Produkts beitrugen. Hergestellt wurde Papier in großen Mengen nun in den bedeutenden Zentren der islamischen Welt im Irak, Iran, in Ägypten und Andalusien. In Bagdad wurde auf Initiative von Faḍl ibn Yaḥyā, dem Wesir von Hārūn ar-Rašīd (gest. 809), die Produktion von Papier aufgenommen, welches bald das Leder ablöste. Im fünften Jahrhundert nach der hiǧra wurde diese Technik dann in Syrien eingeführt, wo sie eine erstaunliche Weiterentwicklung erfuhr. Der bekannte persische Reisender und Dichter Nāṣir-i Ḫusrau (gest. 1078) teilt in seinen Reisebeschreibungen (Safarnāmeh) über die Papierproduktion in der libanesischen Stadt Tripolis mit, dass „die Qualität des hiesigen Papiers mit der von Samarkand konkurrieren kann, ja sie sogar übersteigt!“ Die Papierherstellung fand über Ägypten und Andalusien später Zugang nach Europa, wo im 13. Jahrhundert in Italien die ersten Fabriken entstanden.1 Die Muslime haben somit bei der Weiterentwicklung und Verbreitung der Schrift und Entwicklung von Kultur einen wichtigen Beitrag geleistet.

2. Einzug der Wissenschaften in die Welt des Islams und deren Magnetwirkung auf die Gelehrten

Die Heimat der Wissenschaften, die in der islamischen Welt eingeführt wurden, liegt in Griechenland. Die meisten Schriften griechischen Ursprungs lagen in altsyrischer oder lateinischer Übersetzung vor. Ein Teil der Quellen erreichte die muslimische Welt über das ägyptische Alexandrien, wo die Schule von Alexandrien beheimatet war.2 Die Muslime eigneten sich das Wissen der Griechen über Mathematik, Astronomie, Medizin und die Naturwissenschaften an. Zahlreiche Werke islamischer Gelehrter lassen das Ausmaß erahnen, welchen Nutzen sie aus den Schriften der antiken Griechen wie Hippokrates, Galenos, Plato, Pythagoras und Aristoteles gezogen haben. Erste Bekanntschaft mit der griechischen Welt machten die Muslime nicht durch ihre Übersetzung von Schriften, sondern durch Ärzte, die in den von Muslimen eroberten Gebieten wie Syrien, der späteren Hauptstadt des islamischen Kalifats, lebten und wirkten. Andere Wissenschaften kamen aus Indien, wohin am Anfang der Abbasidenzeit Verbindungen hergestellt wurden, sodass einige Werke aus dem Bereich der Medizin und Astronomie ins Arabische übertagen werden konnten. Im Jahre 154 nach der hiǧra [771] wurde vom Kalifen al-Manṣūr (reg. 754-775) in Bagdad eine Delegation von indischen Gelehrten empfangen, zu denen auch einige wichtige Astronomen zählten. Er beauftragte sie, die Gelehrten seines Hofes mit den Grundzügen ihrer Wissenschaft vertraut zu machen und legte damit den Grundstein für die Einführung indischer Wissenschaften in die islamische Welt.

Als weiteres wichtiges Zentrum der Wissenschaften galt der Iran, von wo aus verschiedene wissenschaftliche Disziplinen in die islamische Welt Einzug hielten. Im Zentrum der damaligen sasanidischen Stadt Gond-e Schapur zwischen Dezful und Schuschtar spielte die Medizin eine herausragende Rolle. Unter Ḫosrau I. Anūšīrwān (reg. 531-579) wurden hier eine medizinische Schule und ein Krankenhaus gegründet, in welchen zahlreiche Mediziner und Gelehrte tätig waren. Ein Grund für die Entstehung und Weiterentwicklung dieser Einrichtungen war die Anwesenheit der Nestorianer, die aus Odessa vertrieben worden waren und hier Schutz suchten.1 Im Auftrag des persischen Herrschers übersetzten sie einige wichtige Bücher griechischer Gelehrter aus dem Altsyrischen ins Pahlawi, darunter auch Werke von Plato und Aristoteles sowie Abhandlungen von Griechen, die im Exil lebten. Nach der Eroberung Irans durch die Muslime wurden diese Werke unter abbasidischer Herrschaft aus dem Pahlawi ins Arabische übertragen, darunter auch ein wichtiger astronomischer Kalender eines iranischen Gelehrten namens Zīǧ Šahriyār2, der von Abū Sahl ibn Nūbaḫt (8. Jh.) übersetzt wurde und später zur Vervollkommnung der islamischen Astronomie beitrug.

Auch in den Naturwissenschaften und hier besonders in der Pharmakologie haben die Griechen eine wesentliche Rolle gespielt. Durch die Übersetzung des bekannten Werkes von Pedanios Dioskurides3ins Arabische mit dem Titel Ḥašā’iš bzw. al-Hayūla fi aṭ-ṭibb gelangten die Erkenntnisse der Pharmakologie in die islamische Welt. Dank dieser Übersetzung und des Studiums weiterer bedeutender klassischer Werke erlangten die Muslime eine besondere Stellung in dieser Wissenschaft.1

3. Fortschritte in der Übersetzungstätigkeit

Nach den Eroberungszügen zu Beginn der islamischen Expansion und einer gewissen Stabilisierung der Verhältnisse keimte unter den Abbasiden-Kalifen2 das Interesse an den Wissenschaften, welche den Muslimen ursprünglich nicht zugänglich waren. Die Ermunterung zum Erwerb von Wissen ist mehrfach im Koran und in den Überlieferungen belegt. Von besonderer Bedeutung war in dieser Hinsicht die Eroberung des sasanidischen Irans und von Teilen des östlichen römischen (byzantinischen) Reiches. Beide Kulturkreise verfügten über alte Zivilisationen, von denen die islamische Welt profitieren konnte. Durch die Eroberungen Alexander des Großen (gest. 323 v. Chr.) in der ersten Hälfte des vierten vorchristlichen Jahrhunderts und die Herrschaft seiner Nachfolger haben philhellenistische Strömungen in Teilen des Orients Fuß gefasst. Die Muslime lernten rasch sich mit den besiegten Völkern zu arrangieren, deren Wissen und Weisheit sich anzueignen und aus dem großen Vielvölkerstaat eine Einheit zu bilden. Der Wissensdurst der höheren Gesellschaftsschichten mit seinen Regenten, Statthaltern, Richtern, Gelehrten und Liebhabern von Kultur war so groß, dass der Bedarf an Übersetzern sehr stark anstieg. Diese Zeit wurde später auch als eine Epoche der Übersetzungstätigkeit bezeichnet.

Die Aufnahme der Übersetzungstätigkeit der antiken Werke fiel in die Zeit der Umayyaden und erreichte ihren Höhepunkt zur Zeit der Abbasiden in Bagdad. Zunächst konzentrierte man sich auf Themen der Verwaltung und Hofzeremonie, der Politik und des Handels. Auch wurden Werke von kulturhistorischem Inhalt, hauptsächlich wegen ihrer militärischen oder verwaltungstechnischen Bedeutung übersetzt. Erst zur Zeit der Abbasiden wurde die wichtigste Epoche der Übersetzungstätigkeit erreicht, in welcher historische, medizinische, mathematische, philosophische, geographische und soziologische Traktate aus verschiedenen antiken Sprachen in großer Zahl ins Arabische übertragen wurden. Bereits unter dem zweiten Abbasiden-Kalifen al-Manṣūr begannen diese Aktivitäten, die ca. zwei Jahrhunderte andauerten, wobei von jedem Werk eine wörtliche und eine sinngemäße Übersetzung angefertigt wurde. In der ersten Phase übersetzten ehemals zoroastrische, zum Islam konvertierte Iraner in der Regel Werke der Pahlawi-Sprache ins Arabische. Als Beispiel sei das Kalīla wa Dimna angeführt, welches von dem Iraner ʿAbdallāh ibn Muqaffaʿ (gest. 757) übersetzt wurde. In den darauf folgenden Epochen erwarben die Übersetzer weitere Erfahrungen und verfassten von zahlreichen Werken aus dem Altsyrischen und Griechischen Übersetzungen ins Arabische. Von zentraler Bedeutung war der berühmte nestorianische Mediziner Ḥunain ibn Isḥāq (gest. 873), das Oberhaupt der Übersetzer, der die Sprachen Griechisch, Altsyrisch, Arabisch und Pahlawi beherrschte. Er sammelte eine Gruppe von Übersetzern und Schülern um sich, zu denen u. a. auch sein Sohn Isḥāq und sein Neffe Ḥubayš zählten, und verfeinerte die Technik der Übersetzungsarbeit. Auch verglich er Werke anderer Übersetzer mit dem Original und korrigierte sie bei Bedarf. Generell kann die Epoche der Übersetzungstätigkeit in verschiedene Phasen unterteilt werden, welche teils von unterschiedlicher Themenauswahl und teils vom Geschmack des jeweiligen Kalifen abhängig waren.

A) Die Zeit von Hārūn ar-Rašīd (reg. 786-809):

In dieser Periode wurden in der Regel wissenschaftliche Werke übersetzt. Dank der Bemühungen des Barmakiden-Wesirs Yaḥyā ibn Ḫālid wurden geeignete und fähige Übersetzer herangezogen. Aus den eroberten Gebieten wurden Bibliotheken nach Bagdad verlegt. Das Elemente von Euklid und das Almagest (abgeleitet vom Arabischen al-maǧisṭī / Griech. Mathematike Syntaxis) von Ptolemäus sowie einige indische Werke medizinischen Inhalts wurden in dieser Zeit übersetzt.

B) Die Zeit von Maʾmūn ibn ar-Rašīd (reg. 813-833):

Unter dem Kalifen standen die theologischen Themen und die damit zusammenhängenden Auslegungen der koranischen Überlieferung im Mittelpunkt. Daneben wurden auch zahlreiche philosophische Werke ins Arabische übersetzt.

C) Die Zeit nach dem Kalifen Maʾmūn:

Auch in der Nachfolgerzeit wurde die Übersetzungstätigkeit fortgesetzt. Ḥunain ibn Isḥāq gilt dabei als bekanntester Übersetzer unter dem Kalifen al-Mutawakkil (reg. 847-861). Nach der Verlegung der Hauptstadt von Bagdad nach Samarra durch Muʿtaṣim (reg. 833-842) verlor das Bait al-Ḥikma1 (Haus der Weisheit) in Bagdad an Bedeutung.

D) Ende der Übersetzungsaktivitäten:

Nach zwei Jahrhunderten aktiver Übersetzungstätigkeit verlor der Berufsstand in Bagdad aus Mangel an weiteren aktuellen Themen allmählich an Bedeutung, was aber nicht heißt, dass das Interesse an der Wissenschaft verloren gegangen wäre oder es an Übersetzern gefehlt hätte. Die Tätigkeit verlor ihre repräsentative Rolle in der Gesellschaft. Möglicherweise gab man sich nun mit den grundlegenden, bereits übersetzten Hauptwerken der Griechen und Inder zufrieden oder andere gesellschaftliche, politische sowie wirtschaftliche Themen standen im Mittelpunkt des Interesses. So schufen Gelehrte jetzt überwiegend eigene wissenschaftliche Abhandlungen in arabischer Sprache.2

4. Wissenschaftliche Zentren der islamischen Zivilisation

Mit der Stabilisierung des jungen islamischen Staates und dessen innerer und gesellschaftlicher Stärkung wurden allmählich auch Bildungszentren errichtet, deren Aufgabe darin bestand, die Menschen in die Wissenschaften und Techniken einzuweisen und gleichzeitig deren Verbreitung zu fördern. Das erste wichtige Zentrum dieser Art wurde mit dem Namen Bait al-Ḥikma (Haus der Weisheit) in Bagdad gegründet. Finanziert wurde es durch die Staatskasse (Bait al-Mal). Hier versammelten sich zahlreiche, fähige Übersetzer und Gelehrte, die naturwissenschaftliche und philosophische Werke des antiken Griechenlands ins Arabische übersetzten. Der Grundstein für diese erste islamische Bibliothek in Bagdad legte Hārūn ar-Rašīd. Bereits unter dem zweiten Abbasiden-Kalifen al-Manṣūr wurde die Übersetzungstätigkeit aufgenommen, sodass die ersten übersetzten Bücherbestände der Bibliothek vor deren Fertigstellung existierten. Unter Maʾmūn, der hundert Kamelladungen an Büchern nach Bagdad bringen ließ, wurde die Bibliothek erweitert, die er vom byzantinischen Kaiser Michael II. aufgrund eines Friedensvertrages erhalten hatte. Zudem gab Maʾmūn 300.000 Dinar für die Übersetzung von Büchern aus. Abgesehen von der Bibliothek zu Bagdad gab es auch weitere wissenschaftliche Einrichtungen, die Dār al-ʿulamā (Haus der Wissenschaftler) genannt wurden und als öffentliche Bibliotheken fungierten. Zu diesen Zentren zählte auch das fatimidische Dār al-ʿilm (Haus der Wissenschaft) in Kairo, gegründet im Auftrag des fatimidischen Kalifen al-Ḥākim (reg. 995-1021), in welchem eine Million Bücher beherbergt wurden. Auch in Mossul wurde durch Ǧaʿfar ibn Muḥammad Hamdān eine Bibliothek dieser Art errichtet, in der wissenschaftliche Bücher aller Richtungen vertreten waren. Ebenso befand sich im libanesischen Tripolis gegen Ende des zwölten Jahrhunderts eine Bibliothek mit 1,6 Millionen Büchern.1

Zu den weiteren Bildungszentren gehörten einige Niẓāmīya, welche von dem berühmten Seldschukenwesir Niẓām al-Mulk (gest. 1092) in Bagdad, Nischapur und anderen Orten gegründet wurden. In der im Jahre 1066 in Bagdad gegründeten Niẓāmīya unterrichtete der bekannte Gelehrte Abū Isḥāq aš-Šīrāzī (gest. 1083), dessen Nachfolger im Amt der namhafte Theologe und Mystiker Imām Abū Ḥāmid Muḥammad al-Ġazzālī (gest. 1111) war. Danach wurden im Auftrag des Wesirs im Herrschaftsgebiet der Seldschuken (reg. 1050-1195) auch weitere theologische Schulen errichtet, die nach ihm benannt wurden. Seine besondere Aufmerksamkeit richtete sich auf Nischapur, nicht zuletzt wegen der Nähe zu Isfahan, der Hauptstadt der Seldschuken, denen er als Großwesir diente. Aus dieser Schule gingen zahlreiche Persönlichkeiten wie Muwaffaq Nīšābūrī, ʿUmar al-Ḫayyām, Ḥasan Ṣabbāḥ, Muḥammad al-Ġazzālī und dessen Bruder Aḥmad al-Ġazzālī hervor, weswegen sie nach der Niẓāmīya von Bagdad an zweiter Stelle stand. Auch in der Niẓāmīya von Isfahan und Balch lehrten bekannte Wissenschaftler.

In der islamischen Welt hat es eine große Anzahl von Zentren der Wissenschaft gegeben. Zum wirkungsvollsten Bildungszentrum dieser Art zählte auch die Moschee, welche als Versammlungsort der Muslime der Verrichtung von Gebeten dient. Ihr waren zahlreiche Medresen und Bibliotheken angeschlossen, zu deren wichtigsten Vertretern die von Basra, Fustat, Qairuwan, Damaskus, Tunis, Fas und Isfahan1 zählten. In islamischen Krankenhäusern, die auch Māristān genannt wurden, hat man nicht nur Patienten behandelt. Sie waren auch mit Fachbibliotheken ausgestattet und dienten Ärzten als Aus- und Weiterbildungsstätten, vorrangig in Fustat, Kairo, Bagdad und Rey. Unter anderen wissenschaftlichen Einrichtungen können die islamischen Observatorien hervorgehoben werden, die zu den wichtigsten der Welt zählten. Hier wurden zahlreiche wissenschaftliche Untersuchungen durchgeführt, mit deren Ergebnissen europäische Wissenschaftler sich Jahrhunderte später noch beschäftigten. In den berühmten Observatorien von Maragha2 und Samarkand experimentierten u. a. Astronomen und Wissenschaftler wie Naṣīr ad-Dīn aṭ-Ṭūsī (gest. 1274) und Uluġ Beyg (reg. 1447–1449).

Zu den Lehranstalten der islamischen Welt zählen auch zwei weitere bedeutende Einrichtungen, die Gelehrten und Wissenschaftlern die Möglichkeit zu Austausch und Forschung gaben. Es handelt sich dabei um die Kuppelbauten von Šanb Ġāzānī und das Bauwerk Rab’-e Rašīdī in Täbris. Letzteres wurde im Auftrag des berühmten Ilchaniden-Wesirs Rašīd ad-Dīn Faḍlallāh aus Hamadan errichtet.

1 Q 30:56. Übersetzung: Khoury: Der Koran, 1987.

1 Q 6:11.

2 Vgl. Ḥakīmī: al-Ḥayāt, Bd. 1.

3 Vgl. Krämer: Geschichte des Islam, S. 12 ff.. (DÜ)

1 Al-Ǧabbūrī: Al-Ḫaṭṭu wa al-Kitābat fī al-Ḥaḍārat al-ʿArabīya, S. 249 ff.

1 Vgl. Mūsawī Buǧnūrdī (Hrsg.): DMBI, Bd. 2, S. 2144.

2 Taqīzāde: Tārīḫ-e ʿulūm dar Islām, S. 30-31.

1 D

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