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Isländisch Roulette

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Epilog

Danksagung

 

Dieses Buch ist Laufey, meiner Frau, gewidmet.
Bei allem, was ich mir vornehme,
steht sie wie ein Fels
an meiner Seite.

1

Reykjavík, Donnerstag, 28. Mai 1987

Ich stecke tief in der Scheiße, denkt Steinn Þorri Steinþórsson, als er erstarrt mit dem Telefonhörer in der Hand zu Hause im Esszimmer seiner Eltern sitzt. Gerade eben hat er mit Steinunn Anna gesprochen, der Studienberaterin am Wirtschaftsgymnasium. Sie hat ihm die schlechteste Nachricht seines Lebens überbracht: Er ist durchgefallen und wird sein Abitur nicht bestehen. Wie kann das sein? Steinn Þorri weiß selbst, dass er nicht gerade zu den besten Schülern zählt, schließlich ist er Legastheniker. Aber wenn er vor zwei Jahren durch die Aufnahmeprüfung gekommen ist, sollte er doch auch das Abi schaffen. Er ist zu nachlässig gewesen. »Das ist das beschissenste Jahr in meinem Leben. So eine verdammte Schande«, brummt er. Als ob es nicht schon genug der Blamage gewesen wäre, im letzten Jahr die Wahl zum Vorsitzenden der Schülervertretung gegen diesen Arsch von Angeber Reynir Sveinn Reynisson zu verlieren. Wie zum Teufel soll er nun seinen Leuten gegenübertreten? Tief in Gedanken geht er in sein Zimmer, schließt die Tür, löscht das Licht, zieht die Gardinen zu und legt sich ins Bett. Es ist alles aus. Entweder bringt er sich um oder er setzt sich ins Ausland ab. Er schließt die Augen und sieht schwarz. Er kann jetzt nicht mit seinen Eltern sprechen. Er blickt auf die Uhr. Es ist zehn, noch genug Zeit, um zur Bank zu gehen, alles Geld abzuheben und ein Flugticket zu buchen.

Er reißt eine Seite aus dem Notizbuch auf dem Schreibtisch und beginnt zu schreiben:

 

Ich habe versagt, sory. Ich bin wegg, aber ich verspreche,

ir werdet eines Tages stolz auf mich sein könen.

Euer Son

Steinn Þorri

 

Er will nicht eher zurückkommen, bis dass er seinen Leuten wieder unter die Augen treten kann. Er geht in die Abstellkammer, kramt die schwarze Reisetasche hervor und stopft das Allernötigste hinein. Dann sucht er Sparbuch und Reisepass heraus. Jetzt muss er noch ein Flugticket buchen und Reiseschecks in der Bank besorgen. Er legt den Abschiedsbrief auf den Küchentisch, nimmt sich eine Dose Diet Pepsi aus dem Kühlschrank und stiefelt hinaus.

2

Reykjavík, Mittwoch, 24. März 2010

Hörður Sveinsson, Redakteur des Dagblaðið, sitzt im morgendlichen Meeting der Zeitungsredaktion. Von der Redaktionsrunde wird er »der Quadratmeter« genannt, wenn er es nicht hört, denn er ist klein und gedrungen. Weder ist er ein ansehnlicher Mann noch sonderlich gepflegt. Das dunkle, krause Haar glänzt fettig und sieht aus, als wäre es zum letzten Mal zu Weihnachten gewaschen worden. Die Schultern seines schwarzen Hemdes sind von Schuppen übersät. Seine Augen sind blau und tief, die Nase ist klein, und seine Mundwinkel verziehen sich nach unten, wenn er lächelt. Die Zähne stehen schief und sind gelb vom jahrzehntelangen Rauchen. Die Rasierfrequenz wechselt zwischen drei Tagen und drei Wochen. Ein Hals wurde in Hörðurs Fall vergessen, so dass sein Kopf direkt auf dem stämmigen Rumpf sitzt. Hörður ist breit, aber obwohl er sogar fett ist, steht es ihm irgendwie. Seine Beine sind mächtig wie Hafenpoller und lassen ihn kleiner wirken, als er in Wirklichkeit ist. Auf der hellblauen Jeans prangen zwei frische Kaffeeflecken, die weißen Puma-Turnschuhe sind seit langem schon grau vor Dreck.

In dem Meeting werden die Themen für die Wochenendausgabe besprochen, die Sonnabend erscheint.

»Wir müssen an diesen verdammten Krebs-Tag am Samstag denken«, erinnert Hörður. »Wie ist das noch mal? Ist dieser Schnauzer-März dann nicht zu Ende?«

»Ja, genau! Das ist er«, ist von zwei Journalistinnen zu hören.

»Ich kenne einen, der Hodenkrebs hatte und nichts lieber tut, als davon zu erzählen. Das ist ein alter Schulfreund von mir, Gunnsi Finnbjörnsson von der Polizei«, sagt Hörður und grinst selbstzufrieden. »Drífa! Ruf ihn an und bring ihn dazu, ein rührseliges Interview zu geben. So ein Ich-bin-fast-gestorben-hab-aber-überlebt-Herzschmerz-Interview«, sagt er zu einer etwa fünfzigjährigen Frau, die mit einer Feile dasitzt und sich die Nägel macht.

Drífa hat dreißig Jahre Erfahrung als Journalistin und kann ein Lied davon singen – in jeder Hinsicht. Sie ist trockene Alkoholikerin, und heute ist sie diejenige, der Hörður am meisten vertraut, wenn es um dramatische Interviews oder schwierige Porträts geht.

»Ja, Hörður, kein Problem. Ist das nicht der Chef von der Kriminaldirektion?« Drífa wirkt gelassen.

»Ganz genau. Heute ist er ein regelrechter Gesundheitsapostel. Läuft wie 'ne Ziege jeden Berg rauf, den er sieht.«

»Denkst du da an irgendeine besondere Schlagzeile für das Interview?«

»Ja, es wär schön, so etwas wie ›Wollte auf jeden Fall diesen verfluchten Krebs besiegen‹ oder etwas in der Richtung zu haben.«

»Dann ruf ich ihn jetzt an.«

»Gut, Drífa, und lass ihn nicht mit irgendwelchen Widerreden kommen. Es ist seine Pflicht, jetzt seine Geschichte zu erzählen. Sag ihm das!«

»Das werde ich, mein Lieber.« Drífa erhebt sich, geht in aller Ruhe zu ihrem Schreibtisch und schlägt die Telefonnummer nach. Dann nimmt sie den Hörer ab und wählt.

»Spreche ich mit Gunnar Finnbjörnsson von der Polizei?«

»Ja, am Apparat.«

»Guten Tag! Ich heiße Drífa und bin Journalistin beim Dagblaðið. Ich rufe an, weil am Sonnabend die Aktion Schnauzer-März zu Ende geht, die die Männer besser über Krebs informieren soll. Dein alter Schulfreund Hörður hat mir erzählt, du hast den Hodenkrebs besiegt. Du wärst also ein guter Kandidat für ein Interview an diesem Tag.«

»Na, ich weiß nicht so recht. Ich bin nicht so sehr für solche Interviews«, antwortet Gunnar.

»Ach komm, fass dir ein Herz. Dieser Tag soll das Bewusstsein der Leute zum Thema Krebs erweitern, und es ist wichtig, dass eine bekannte Persönlichkeit hervortritt und von ihrer Erfahrung berichtet, damit die Männer aufhören, sich zu schämen oder dieses Problem zu verdrängen.«

»Okay, ich könnte vielleicht ein kleines Interview geben. Kann ja nicht schaden. Kurz und bündig, einverstanden?«

»Einverstanden. Nur ganz kurz. Können wir uns morgen Vormittag treffen?«

»Ja, komm um neun runter zur Wache.«

»Gut, dann sehen wir uns.«

»Das tun wir.«

»Der Bursche ist bereit zu einem Interview«, sagt Drífa zu Hörður, der sie nicht aus den Augen lässt.

»Ich wusste es. Der gute alte Gunnsi ist und bleibt ein Wichtigtuer«, triumphiert Hörður und lacht laut auf.

 

Reykjavík, Sonnabend, 27. März 2010

Inga Dóra Ragnarsdóttir, die Ehefrau von Kriminalinspektor Gunnar Finnbjörnsson, sitzt am Küchentisch in ihrem Reihenhaus in der Álftamýri und trinkt Kaffee aus einem Becher mit der Aufschrift: Beste Mama der Welt. Sie blickt auf die Titelseite des heutigen Dagblaðið und traut ihren Augen nicht.

»Guuuunnnnnaaaaaar!«, ruft sie.

Er kommt im Laufschritt in die Küche.

»Was, mein Schatz?«

»Kannst du mir erklären, was das hier ist?«

Er sieht auf die Schlagzeile: Dem Krebs zu unterliegen kam nie in Frage.

»Hörður, dieser verfluchte Idiot! Ich hätte wissen müssen, dass er es so drehen würde.« Gunnar schnaubt heftig und mit hochrotem Gesicht.

»Du hast ihm vertraut?«, fragt Inga Dóra ungehalten. »Er war schon in der Schule ein Armleuchter und ist es heute noch.«

»Ich habe zehn Minuten mit irgendeiner Journalistin gesprochen und dachte, ich wäre einer von vielleicht zwanzig, die wegen dieser Krebs-Aktion interviewt werden. Ich hätte es wissen müssen. Ich ruf ihn sofort an.«

»Das ist sinnlos. Du amüsierst den Satansbraten damit doch bloß«, erwidert Inga Dóra.

»Ja, du hast wahrscheinlich recht, so wie sonst auch.«

»Am besten schau ich mal«, sagt sie, »was für Lebensweisheiten du für dieses ehrwürdige Organ vom Stapel gelassen hast«, und blättert nach dem Interview mit Gunnar.

»Schönes Foto übrigens. Ziemlich stattlich so in Uniform«, fügt sie lächelnd hinzu und verdreht die Augen nach ihrem Ehemann.

Sie findet es schier unglaublich, wie gut ihm das Alter steht, und sie hat das Gefühl, sich mit jedem Jahr mehr in ihn zu verlieben. Gunnar ist ziemlich genau einen Meter achtzig groß und rank und schlank. Sein Haar ist mit den Jahren schütter geworden, und jetzt ist nur noch ein dünner Kranz übrig, der langsam grau wird. Aber die grauen Haare machen ihn in Inga Dóras Augen nur noch ehrwürdiger und begehrenswerter. Das wettergegerbte Gesicht verleiht ihm eine frische Ausstrahlung, die tiefblauen Augen blicken schelmisch. Seine Nase sitzt ein kleines bisschen schief durch einen Bruch nach einem Besäufnis während der Schulzeit.

Am schönsten findet sie es allerdings, wenn er lächelt. Sein ganzes Gesicht wird dann vom Lächeln ergriffen, das Licht selbst in den finstersten Wintertag hineinträgt.

Nach der Krebsdiagnose hat er seinen Lebensstil geändert, und Inga Dóra ist stolz auf ihn. Er begann mit Laufen und Bergsteigen, was ihn zu dem energiegeladenen und lebenslustigen Mann gemacht hat, der jetzt an ihrer Seite steht.

Dem Krebs zu unterliegen
kam nie in Frage

Gunnar Finnbjörnsson, Leiter der Kriminalpolizeidirektion des gesamten Hauptstadtgebietes, erhielt vor etwa acht Jahren die Diagnose Hodenkrebs. Heute ist er frei von dieser bedrohlichen Bürde. Er verdankt dies dem Umstand, dass er niemals aufgegeben hat, stets war er fest entschlossen, den Krebs zu besiegen. Drífa Dagbjartsdóttir hat sich mit Gunnar zusammengesetzt, der seinen Kampf gegen den Krebs Revue passieren lässt, aus Anlass der Aktion Schnauzer-März, die heute offiziell zu Ende geht.

Im Schnauzer-März sind alle Männer auf Island dazu aufgefordert, als Zeichen der Solidarität ihre Oberlippenbärte um die Wette wuchern zu lassen. Neben den gedeihenden Schnauzbärten soll das Spendenkonto zur Unterstützung des Kampfes gegen den Krebs anwachsen. Alle Teilnehmenden können sich auf der Webseite der Aktion registrieren, am Ende des Monats wird der Sieger in einer feierlichen Zeremonie geehrt.

»Ich hatte seit einer Weile Schmerzen im rechten Hoden gespürt. Meine Frau jagte mich dann zur Untersuchung, als der Hoden anfing, sich zu entzünden. Da kam eine bösartige Erkrankung zutage, die sich zum Glück noch nicht weiter ausgebreitet hatte«, berichtet Gunnar.

»Wie war es für dich, zu erfahren, dass du Krebs hast?«

»Das war ein ungeheurer Schock. Mir ging durch den Kopf, dass nun alles zu Ende sein könnte – und ich erlebte ein großes Bedauern wegen all der Dinge, die ich nicht gemacht hatte. Doch vor allem dachte ich an meine Frau und meine beiden Töchter. Sie waren die Hauptsache, und ich fragte mich, ob ich sie viel zu früh würde verlassen müssen«, erzählt Gunnar.

Der Hoden wurde entfernt, und die Ärzte waren zuversichtlich, dass es gelungen war, eine weitere Ausbreitung zu verhindern.

»In dem Moment, als ich mich der Operation unterzog, beschloss ich, den Kampf gegen den Krebs aufzunehmen. Ich nahm mir vor, positiv zu denken und glaubte es schlichtweg einfach nicht, dass ich den Kürzeren ziehen könnte. Ich glaube, das hat mir sehr geholfen. Ich hätte mich auch in mein Schicksal ergeben können, doch meine Frau ist nun auch so, dass es diese Option gar nicht für mich gab. Wäre ich in Depressionen verfallen, sie hätte mich wieder herausgezogen. Ich hatte keine Wahl. Dem Krebs zu unterliegen kam also nie für mich in Frage«, sagt Gunnar und lacht.

Mehrfach kommt er im Verlauf des Interviews auf das Personal im Gesundheitswesen zu sprechen.

»Es war unglaublich, all diese guten, liebenswerten und fähigen Menschen kennenzulernen, die im Gesundheitswesen auf Island tätig sind. Diese Leute verfügen über ein ungeheures Wissen, doch am Ende war es vor allem diese Herzlichkeit, die sie mir entgegenbrachten und die ihre Wurzeln einzig in tiefster Anteilnahme und Mitgefühl hat. Diese Leute machen einen großartigen Job«, sagt Gunnar, und die Dankbarkeit steht ihm ins Gesicht geschrieben.

Muss er oft an den Krebs denken?

»Ich habe eine Narbe in der rechten Leiste, die mich jeden Tag daran erinnert, was für ein Glück ich habe, dass ich am Leben bin. Diese Krankheit unterscheidet nicht zwischen den Menschen, sie klopft an bei wem auch immer. Die größte Lehre war wahrscheinlich die, in der Gegenwart zu leben und mehr an diejenigen zu denken, die einem am nächsten stehen, und an sich selbst. Nach dieser Lebenserfahrung habe ich angefangen, mich zu bewegen, und bin jetzt viel besser in Form als vor zehn Jahren. Ich bin dankbar für diese Lektion«, sagt Gunnar, der alle Männer auffordert, besser auf sich zu achten und es nicht zu versäumen, zur Krebsvorsorgeuntersuchung zu gehen.

drifad@db.is

 

»Ist doch gar nicht so schlecht gemacht, mein Lieber«, sagt Inga Dóra und legt die Zeitung beiseite.

»Ach so? Na dann ist ja gut.«

»Und danke für deine lieben Worte, Schatz.«

»Du hast jedes einzelne Wort verdient«, sagt Gunnar und küsst seine Frau auf den Mund.

3

Kópavogur, Sonnabend, 1. Mai 2010

Was zum Teufel tue ich hier eigentlich?, denkt Arvydas Savanauskas. Er steht unter dem Dachvorsprung eines Gewerbegebäudes in Kópavogur, und strömender Regen peitscht ihm ins Gesicht, während er auf einen Mann wartet, den er vor langer Zeit in Litauen kennengelernt hat. Dieser hatte ihn vor ein paar Tagen angerufen und ihm mitgeteilt, dass er einen Auftrag für ihn hätte. Einen Auftrag, den er nicht ablehnen könne. Nass steht er da in seinem Rollkragenpullover, den er vor drei Jahren als Sonderangebot bei Dressmann gekauft hat, und muss an seine Regenjacke denken, die er zu Hause gelassen hat.

Arvydas ist kein Engel. Er saß neun Jahre im berüchtigten Lukiskes-Gefängnis in Vilnius für bewaffneten Raub und mehrere Körperverletzungen, und als er vor fünf Jahren freikam, hat er sich schnell aus dem Land abgesetzt. Er ist ein bärenstarker Kerl, einen Meter fünfundneunzig groß und achtundneunzig Kilo schwer, kahlgeschoren und übersät mit unzähligen Tattoos, die seine Geschichte vom Aufwachsen im Armenviertel von Vilnius bis hin zum Gefängnis erzählen. Dieser Mann ist nicht zart besaitet. Sein Gesicht ist grob geschnitten, die Ohren stehen ab, sein Blick ist roh. Und die Kiefer sind mächtig, zweifellos um Eisen zu zermalmen, wenn es drauf ankommt.

Arvydas angelt eine Lucky Strike aus der Schachtel und zündet sie an. Es ist kalt und nass, und er hat keinen Bock mehr, noch länger auf seinen alten Bekannten zu warten. Was er wohl will? Es kann vermutlich nicht schaden, sich anzuhören, was im Angebot ist. Das Leben hier ist nicht gerade das Paradies, obwohl es ein wenig unbeschwerter ist als in Litauen. Er braucht Geld. In der Baubranche ist kein Job mehr zu bekommen, und seit er die Arbeit im Fisch aufgegeben hat, hat er sich mit einem todlangweiligen Lagerjob rumgeschlagen.

»Komm heut um Mitternacht, und ich werde dir ein Angebot machen, das du nicht ausschlagen kannst«, hatte ihm sein Bekannter am Telefon gesagt.

Er ist kurz davor aufzugeben, als er einen schwarzen Prachtschlitten in seine Richtung kommen sieht. Der Wagen bremst scharf vor ihm, und ein großer und stämmiger Mann mit Sonnenbrille steigt aus, in einen glänzenden schwarzen Adidas-Jogginganzug gekleidet. Der gute alte Lukiskes-Kumpel. Damals war Jósteinn Friðbertsson auf dem Weg von Litauen nach Island mit Speed aufgegriffen worden und saß dafür vier Jahre von seiner Strafe ab. Das erschien ihm mild für den Versuch, sieben Kilo Amphetamin zu schmuggeln. Das Zeug sollte von Vilnius nach Kopenhagen und von dort nach Island gehen.

»Jósteinn, alter Kollege! Schön, dich zu sehen. Was gibt’s, das du im Schutz der Nacht mit mir besprechen musst?«, fragt Arvydas seinen Freund in gebrochenem Englisch.

Er hat schon oft darüber nachgedacht, warum er sich dieses Isländers angenommen und ihm geholfen hat, die Zeit im Bau durchzustehen. Das wahrscheinlichste Motiv war simpel und egoistisch. Um noch etwas bei einem Menschen aus Island gutzuhaben. Und das hatte sich bezahlt gemacht, als Arvydas seine Strafe abgesessen und beschlossen hatte, nach Island auszuwandern. Da war es gut, einen Mann zu kennen, der alten Freunden Weiber gratis besorgen konnte.

Arvydas ist Stammgast im Stripteaseclub Súlan, der Jósteinn gehört, und er kriegt Weiber zum Bumsen für lau, wann immer er will. Das passt ihm gut. Er ist nicht so sehr dafür, sich mit Mädels in Diskotheken oder anderswo zu unterhalten. Er will nur Sex. Insbesondere nach seiner jämmerlichen Erfahrung mit der isländischen Frauenwelt. Diese Silja, mit der er kurze Zeit zusammen war, hat ihn fast wahnsinnig gemacht mit ihrem endlosen Geheule.

»Ich will gleich zur Sache kommen. Ich muss diesen Mann töten lassen«, sagt Jósteinn und reicht Arvydas das Foto eines Mannes, den er schon einmal gesehen hat. Wahrscheinlich ein Geldsack, er lächelt breit und steht mit nacktem Oberkörper und in grünen Mokassins auf irgendeiner Yacht im Mittelmeer.

»Wer ist das?«, fragt Arvydas.

»Wenn du den Auftrag ausführst, kriegst du zehn Millionen cash«, sagt Jósteinn, ohne direkt zu antworten.

Arvydas überlegt einen Moment. Sollte er das verbrecherische Leben wieder aufnehmen, das er in seinem alten Land geführt hatte? Kann er das Geld ablehnen, das ihm ein Leben ermöglichen würde, wie er es noch nie gekannt hat?

»Okay. Aber ich will richtiges Geld, Euros«, antwortet Arvydas.

»Gut, also sechzigtausend Euro.« Jósteinn zögert keine Sekunde. »Der Mann ist selten im Land. Allerdings wird er in zwei Wochen zur Hochzeit seiner Schwester kommen. Das ist die Gelegenheit.«

Arvydas nickt nachdenklich.

»Willst du dir die Sache noch mal überlegen und mich später kontaktieren, oder bist du dazu bereit? Du zögerst?«

»Nein, nein, ich brauche das Geld.«

»Da ist noch eine Sache. Du musst ihm den rechten Daumen abschneiden und in diese spezielle Dose legen und mitbringen«, sagt Jósteinn so unbewegt wie möglich und reicht ihm eine kleine, handliche Box. »Das darf auf gar keinen Fall schiefgehen. Ich will die Dose mit dem Finger haben – sonst bekommst du nichts. Wir hören uns in zwei Wochen wieder, Sonntagnacht, wenn das erledigt ist.«

»Was willst du mit seinem Daumen?«, fragt Arvydas verwundert.

»Das spielt keine Rolle. Ich brauche ihn einfach. Er spielt eine Schlüsselrolle.« Jósteinn wedelt energisch mit dem rechten Daumen. Er gibt Arvydas einen handgeschriebenen Zettel mit dem Namen und der Adresse des Mannes, steigt ins Auto und fährt davon.

Arvydas spürt das Adrenalin durch seine Adern strömen und boxt und tritt den ganzen Weg nach Hause in die Luft. Das ist das, was er die ganze Zeit wollte. Geld, um mit dem Leben weiterzumachen. Er wusste, Island würde eine Goldgrube sein.

Es ist nicht weit zu seiner Wohnung im Häuserblock im Engihjalli zu gehen. Arvydas hat sie im letzten Jahr gemietet. Nicht die gemütlichste, aber gut genug für einen alleinstehenden Litauer, der nichts anderes als ein Dach über dem Kopf braucht. Ein Schlafzimmer und ein offener Raum, wo die Ikea-Kücheneinrichtung an der einen Wand und das Wohnzimmer ineinander übergehen. Im Wohnzimmer stehen ein braunes zerschlissenes Ledersofa, ein 20-Zoll-Dantax-Fernseher mit eingebautem DVD-Player und auf dem Wohnzimmertisch ein kleiner Computer. Arvydas setzt sich an den Computer und googelt den Namen des Mannes. Er findet unzählige Seiten auf Isländisch und einige auf Englisch, darunter einen Artikel in einer britischen Zeitung: »Reynir Sveinn Reynisson, The Icelandic Millionaire.«

Arvydas erhebt sich, reckt und streckt sich und setzt sich draußen auf den Balkon. Die Aussicht ist nicht gerade berauschend, er blickt direkt auf den nächsten Betonklotz. Ihm ist das scheißegal. Er zündet sich eine Zigarette an und beginnt, das bevorstehende Projekt zu planen. Er hat zwei Wochen Zeit.

Der Balkon bietet wenig Deckung, und der Regen prasselt dem gewaltigen Litauer ins Gesicht, ohne dass er Notiz davon nimmt. Seine Hände spielen mit dem Feuerzeug. Welche Methode soll er anwenden, um den Milliardär Reynir Sveinn Reynisson umzulegen? Diese Frage verfolgt ihn bis ins Bett, wo er sich dreht und wälzt, bis er schließlich aufgibt und ein Taxi hinaus nach Seltjarnarnes nimmt. Das Taxi hält an der Ecke Ægisíða/Kaplaskjólsvegur. Arvydas möchte das letzte Stückchen zu Reynirs prunkvollem Haus zu Fuß gehen. Niemand scheint zu Hause zu sein, er hat also genügend Zeit.

Als er in die Einfahrt schlendert, steht sein Plan fest. Messer und Drahtschneider. Das wird nicht schwierig. Zehn Minuten allerhöchstens. Organisieren war noch nie seine starke Seite. In Litauen war er es gewohnt, den Anweisungen anderer zu folgen. Er ist mit den Fäusten geschickter als mit dem Kopf, das weiß er selbst am besten. Allerdings sieht er schnell, dass sich die Außentür nicht als Zutrittsweg eignet, da drei Kameras die Vorderseite des Hauses überwachen. In allen Fenstern sind Aufkleber von Securitas. Die verdammte Paranoia der Leute. Seine Hoffnung ist die Nordseite des Hauses. Wenn das Kellerfenster offen wäre, wie jetzt, sonst müsste er von der Gartenseite kommen. Nicht ganz so leicht, aber auch nicht unmöglich für ihn. Seine massive Gestalt, gut zwei Meter hoch, erlaubt nicht viele Alternativen.

Verdammt, schon so spät, denkt er, als er auf die Uhr sieht. Es ist vier. Es wird bereits hell. Arvydas beschließt, zu Fuß nach Kópavogur zurückzugehen. Morgen ist Sonntag und frei. Heute Nacht schläft er sowieso nicht viel.

Zwei Stunden später liegt er schlaflos im Bett und überlegt, ob er Jósteinn wirklich vertrauen kann. Ob er ein zu großes Risiko eingeht, ohne auch nur irgendeine Sicherheit in den Händen zu haben. Er weiß, was es bedeutet, wenn er mich reinlegt, denkt Arvydas bei sich. Er hat gesehen, zu was ich fähig bin.

4

Genf, Mittwoch, 12. November 2008

»Guten Tag, Gentlemen«, begrüßt Jacques Trossett, Direktor der Banque de Genève, die beiden Herren, die ihm in seinem Büro in der sechsten Etage an der Rue du Rhône gegenübersitzen.

Trossett, ein Mann in den Sechzigern, ist seit dreißig Jahren Direktor der Banque de Genève und übernahm diese Aufgabe einst von seinem Vater. Die Bank ist auf Sonderservices für reiche Kunden spezialisiert, und das schon seit Generationen. Die beiden Herren sind nach Genf gekommen, um ein gemeinsames Schließfach anzumieten. Die Bank hat die beiden Männer in den vergangenen Monaten einer detaillierten Seriositätsüberprüfung unterzogen, und ihre Anwälte haben alle notwendigen Dokumente vorbereitet. Ihre Erscheinung ist unterschiedlich, aber sie ähneln sich in ihrer Kleidung. Der eine ist hochgewachsen, hat breite Schultern und eine Kurzhaarfrisur. Der andere ist untersetzt und hat lange Haare. Beide tragen schwarze Anzüge.

»Es ist uns eine außerordentliche Freude, dass Sie unsere Bank für Ihre Unternehmungen gewählt haben. Wir sind eines der ältesten Institute der Stadt, und Sie können darauf vertrauen, den bestmöglichen Service zu erhalten«, sagt Trossett und lächelt, so dass ein Goldzahn in der oberen Zahnreihe von niemandem im Büro unbemerkt bleibt. »Es gibt nichts, worauf wir noch warten müssen. Lassen Sie uns den Tresorraum besichtigen, in dem sich die Schließfächer befinden«, sagt er dann und geht mit ihnen zum Lift.

In dem eleganten Vorraum bleibt er stehen.

»Wir haben die strengsten Sicherheitsvorkehrungen getroffen, die zur Verfügung stehen. Die Schließfächer haben ein doppeltes Sicherheitssystem. Der Tresorraum ist unterirdisch gelegen. Man muss mit diesem Fahrstuhl hier drei Etagen nach unten fahren«, sagt Trossett und zeigt auf eine Fahrstuhltür rechts neben dem schlichten Bankschalter. »Bevor Sie das tun, müssen Sie der Dame dort am Tisch die Nummer Ihres Faches geben.« Er weist auf eine Frau, die rechts neben dem Fahrstuhl sitzt, bevor er ihn mit einer Magnetkarte öffnet, und erklärt weiter: »Erst danach nehmen Sie den Lift hinunter zum Tresor.«

Der Fahrstuhl gleitet sanft abwärts. Die Türen öffnen sich, und ein Fingerabdruckscanner ist zu sehen. In einigen Metern Entfernung stehen bewaffnete Wachleute.

»Sie legen beide den rechten Daumen auf den Scanner. Er tastet den Fingerabdruck ab, und ein Infrarotlicht misst die Temperatur des Fingers. Wenn das getan ist, geben Sie einem der Wachmänner die Nummer des Schließfachs. Danach ist der Zugang passierbar«, sagt Trossett und lächelt.

Die beiden Herren schauen in den mahagonigetäfelten Saal mit massivem Eichenparkett. An seinem Ende befindet sich eine Tür mit dickem Stahlgitter. Trossett geht in Richtung der Gittertür, die sich öffnet, und nickt einem uniformierten Mann zu.

»Dieser Mann begleitet Sie in den Sichtraum, während Ihr Schließfach geholt wird«, erläutert er. »Sie können dort den Inhalt in Augenschein nehmen und Ihre Angelegenheiten in aller Ruhe verrichten. Wenn Sie fertig sind, geben Sie das Fach einfach wieder ab.« Die beiden Männer nicken und scheinen mit dem System zufrieden. »Hier gibt es dreizehnhundertundachtzig Bankschließfächer. Sie sind äußerst begehrt, und Sie haben Glück, dass Sie eines bekommen. Wir haben vor kurzem ein Schließfach geöffnet und geleert. Es war seit hundert Jahren gemietet, und niemand hatte den Inhalt inspiziert. Die Regeln hier in der Schweiz gestatten uns nicht, ein Fach eher zu öffnen als einhundert Jahre nachdem es eingerichtet wurde, auch wenn die Person, die das Fach gemietet hat, gestorben ist und niemand anderes von dem Schließfach Kenntnis hat.«

»Und was war am Ende drin?«, fragt der Große scherzhaft.

Trossett lächelt höflich, ohne ein Wort zu sagen.

Die Männer sehen einander an.

»Kommen wir nun zum Mietvertrag«, sagt der Großgewachsene.

»Schön! Dann sollten wir wieder nach oben in mein Büro gehen«, sagt Trossett.

Sie nehmen denselben Weg, den sie gekommen sind, durch die Stahltür, die Sicherheitssperre, in den Fahrstuhl, den Vorraum und wieder mit einem Lift hinauf in die sechste Etage.

»Sie müssen diese Dokumente hier in zweifacher Ausführung unterschreiben«, sagt der Bankdirektor und reicht ihnen einen vierseitigen Vertrag. »Dann muss ich Ihre Fingerabdrücke nehmen. Wenn Sie so freundlich wären, den rechten Daumen hier auf den Schirm zu legen«, sagt er und stellt einen kleinen Scanner, der mit einem Computer verbunden ist, auf den Tisch. »Vielen Dank dafür. Damit sind Ihre Fingerabdrücke in unserem System registriert. Gratulation!«, sagt Trossett, nachdem der Scanner die digitalen Bilder ihrer beider Daumen eingelesen hat. »Sie haben das Schließfach Nummer 1208.« Er überreicht den beiden einen Ausdruck mit der Nummer.

Die vergisst man am besten nicht, denkt der Große fest entschlossen. Der Gedrungene ist tiefer in Gedanken und geht im Geiste noch einmal den Ablauf durch. Zuerst die Nummer des Fachs und dann den Daumen. Das kriege ich hin. Nicht wahr?, fragt er sich selbst.

»Dann wäre da noch die Gebühr für das Fach. Die Jahresmiete beträgt zehntausend Schweizer Franken. Wie möchten Sie diese bezahlen?«, fragt Trossett.

»Wir zahlen für zehn Jahre im Voraus. Ich habe hier ein vorbereitetes Dokument, das Ihnen gestattet, einhunderttausend Schweizer Franken von meinem Konto abzubuchen«, sagt der Große und reicht dem Bankdirektor ein Papier.

»Ausgezeichnet. Meine Leute werden das fertig bearbeiten.«

»Gut«, kommt es von den beiden Männern wie aus einem Munde.

»Da ist noch eins, was ich fast vergessen hätte«, sagt Trossett plötzlich, schüttelt den Kopf und lächelt über seine eigene Vergesslichkeit. »Sie müssen entschuldigen. Ich fange schon an zu verkalken. Wir bieten unseren Kunden unsere Dienstleistungen vierundzwanzig Stunden am Tag und an dreihundertfünfundsechzig Tagen im Jahr. Wir sind das einzige Bankhaus der ganzen Schweiz, das so was möglich macht. Die Kunden können jederzeit an ihr Schließfach gelangen, auch wenn die Bank selbst geschlossen ist. Aber das kostet etwas extra.«

»Und wie viel?«, fragt der Untersetzte.

»Die Gebühr beträgt weitere zehntausend Franken im Jahr. Würden Sie das wollen?«, fragt Trossett.

Die Männer sehen einander an.

»Ja, es wäre gut, diese Möglichkeit zu haben. Man weiß nie, was kommt. Wir zahlen dann die Miete für fünf Jahre im Voraus mit diesem Service«, sagt der Große.

»Ausgezeichnet. Ich geben Ihnen dann die Telefonnummer, die Sie außerhalb der Öffnungszeiten anrufen, anschließend werden Sie in die Bank hineingelassen.«

Die beiden Herren nehmen die Nummer entgegen und unterschreiben die Dokumente. Alles ist somit klar. Sie erheben sich, und der Bankdirektor gibt ihnen die Hand.

»Vielen Dank, dass Sie sich für unsere Bank entschieden haben. Sie werden wahrhaftig nicht enttäuscht werden.«

Die beiden Männer nicken.

Sie fahren zusammen mit dem Lift nach unten zum Eingang und treten auf den Gehweg hinaus.

Trossett streckt die Hand aus.

»Dann verabschieden wir uns erst einmal. Vergessen Sie nicht, dass ich stets zu Ihren Diensten stehe«, sagt er zum Schluss.

Die beiden Männer bedanken sich und gehen die Straße hinunter.

5

Budapest, Montag, 20. Juni 2005

Reynir Sveinn liebt Budapest geradezu. Der Grund ist wahrscheinlich der, dass er hier seine besten Geschäfte gemacht hat. Im letzten Jahr verkaufte die Gesellschaft, die zu seinem Besitz gehört, den ungarischen Glühlampenriesen Tungsram an GE, und er kassierte damit vierzig Milliarden auf einen Schlag. Er war der richtige Mann am richtigen Ort während der ungarischen Privatisierungen 1995. Er kaufte etwas mehr als die Hälfte der Geschäftsanteile von Tungsram durch seine Gesellschaft Schei Electrics. Seitdem ist das Unternehmen ungeheuer gewachsen und gediehen. Im letzten Jahr hat er es mit Bedauern verkauft. Er konnte das Angebot des amerikanischen Elektroriesen einfach nicht ablehnen.

Leichtfüßig klettert er mittags auf dem Flughafen Budapest aus seinem Privatjet. Es ist heiß und schwül. Das dünne Hemd klebt an seinem Rücken. Morgen wird er den Präsidenten höchstpersönlich treffen und eine Unterredung mit dem Chef der Deutschen Bank in Budapest haben. Das Gesprächsthema sind weitere Investitionen im Land. Doch das ist alles erst morgen. Heut ist Zeit, um sich zu vergnügen. Er geht an seinem Privatchauffeur vorbei und steigt in den glänzenden Benz, der ihn am Flughafen erwartet. Das Wageninnere ist angenehm klimatisiert.

Ob er wohl an die Zeitschrift gedacht hat, denkt Reynir.

»Hey, Tamás«, ruft er nach vorn zu seinem Chauffeur. »Hast du an das Heft gedacht, das ich dich gebeten hatte mitzubringen?« Ein paar Sekunden später hält er das Magazin in den Händen. Die neueste Ausgabe des ungarischen Playboy. Er blättert durch das Magazin, kritzelt vier Seitenzahlen aufs Deckblatt und reicht dem Chauffeur die Zeitschrift zurück. »Tamás! Ich will die Mädchen auf Seite 23, 47, 89 und 126 heute Abend auf mein Zimmer. Um neun«, schiebt er in gebieterischem Ton hinterher. »Und mach zehn Gramm Koks klar.«

 

Das Hotelzimmer ist das erstklassigste in ganz Budapest. Ja, die Präsidentensuite im Hotel Boscolo. Weniger darf es nicht sein. Einhundertneun Quadratmeter Luxus. Das einzige Zimmer der Stadt, das seinen Anforderungen genügt. Reynir schreitet über die Schwelle der Suite und sinkt in den tiefen Teppich ein. Er zieht die dünnen Vorhänge auf und öffnet die Tür zum Balkon. Er sieht auf die Uhr. Viertel nach zwei. Er ruft den Zimmerservice an und bestellt einen Hähnchensalat. Auf seinen Wunsch hin waren einige Flaschen Veen, des besten finnischen Mineralwassers, im Kühlschrank bereitgestellt worden. Er schlingt den Salat hinunter und leert zwei Flaschen des überteuerten Wassers. Er merkt, dass er müde ist nach dem Flug, und legt sich ins Bett, streckt sich nach dem Telefon und verlangt, um sechs geweckt zu werden.

Als Reynir mit dem Klingeln erwacht, nimmt er eine eiskalte Dusche. Das Wasser ist nur fünf Grad warm. Er spürt, wie sich die Haut im Gesicht unter dem Strahl zusammenzieht und frisch wird.

Das wird ein Spaß heut Abend, denkt er grinsend, während er sich abtrocknet und auf den Whirlpool in der Badezimmerecke blickt. Er schaut in den Spiegel. Dein Gesicht, Mann … Klasse, mit Dreitagebart. Er geht wieder in das Zimmer und sieht, dass alle seine Kleidungsstücke aufgehängt wurden. Er wählt ein weißes Hemd. Die obersten drei Knöpfe lässt er offen. Grauer Armani-Anzug, Prada-Schuhe, Gucci-Socken und D&G-Seidenunterhosen. Brand the world, eine bombensichere Aufmachung. Er hört es an der Tür klopfen. Drei Mal. Reynir öffnet, draußen steht Tamás.

»Ein Päckchen, Sir«, sagt er und übergibt ihm eine braune Papiertüte.

Reynir nimmt die Tüte entgegen, nickt dem Chauffeur zu und schließt die Tür wieder. Er legt die Tüte in eine Schublade und macht sich fertig zum Ausgehen.

»Klasse, Mann«, sagt er zu sich selbst, als er auf dem Weg nach draußen in den Spiegel guckt.

Im Restaurant des Hotels wird die beste Gulaschsuppe angeboten, die er je probiert hat. Es sind noch fünfzig Minuten bis zur Verabredung. Er geht zur Rezeption und bestellt zehn Flaschen Cristal-Champagner. Dann geht er hoch in die Suite, legt sich aufs Bett und lässt die Gedanken schweifen. Das ist genau das Leben, das er sich immer ausgemalt hat. Er öffnet die erste Champagnerflasche und gießt sich ein Glas ein.

»Cheers, auf dich, Meister«, sagt er zu sich selbst und hebt das Glas in Richtung Spiegel. Dann öffnet er die Papiertüte und angelt sich einen Fingernagel Koks. »Verkostungszeit«, sagt er und verzieht das Gesicht, als er den bitteren Geschmack des Stoffs wahrnimmt. Je bitterer, desto besser. Echt gutes Zeug!

Reynir braucht eine ganze Weile, das Pulver in eine dünne Linie zu zermahlen. Es ist voller Klümpchen, und er muss den weißen Stoff eingehend bearbeiten, bevor er zufrieden ist. Er erstellt eine ansehnliche Linie, sieben Zentimeter lang, und zieht sie in die Nase. Das Gefühl, wenn das Kokain das Zentralnervensystem zu stimulieren beginnt, ist mit Nichts vergleichbar. Unter dem Einfluss von Koks ist er fucking unsterblich. Gänsehaut umrieselt ihn.

Es klopft an der Tür. Drei Mal. Er sieht auf die Uhr. Es ist neun.

Ungarische Huren sind immer pünktlich, denkt er und grinst. Er genehmigt sich noch eine Line und öffnet die Tür. Die Aussicht ist gut. Vor ihm stehen vier ungarische Models.

»Das sind Juliska, Krisztina, Onella und Zsofika«, sagt Tamás, der sie nach oben begleitet hat.

Sie sind göttlich. Zwei Blonde, eine Dunkelhaarige und eine mit rotem Haar. Das ist fast so, wie aus einem Katalog für Schönheitsköniginnen zu bestellen, denkt Reynir und spürt merklich, wie bestimmte Körperteile auf die Mädchen reagieren. »Ruhig, Brauner«, sagt er grinsend zu sich selbst, schaut hoch und sieht in die Augen der Gäste. »Kommt rein, Mädels«, sagt er und schließt die Tür. Die Königinnen sind zum König gekommen. »Let the party begin!«

 

Reykjavík, Sonnabend, 15. Mai 2010

Reynir Sveinn ist nicht in Hochzeitsstimmung, als sein grauer Gulfstream-Jet früh am Morgen dieses Maitages auf dem innerstädtischen Flughafen von Reykjavík landet – er hat einen dreistündigen Flug von London hinter und die Hochzeit seiner Schwester vor sich. Er mag die Annehmlichkeiten, die so ein Privat-Jet mit sich bringt. Keine Warterei in der Schlange mit dem Pack in Keflavík und eine superflotte Stewardess, die ihn von vorn bis hinten verwöhnt.

Viele von Reynirs Geldanlagen sind während des Börsencrashs zu Nichts zerfallen. Aber im Gegensatz zu vielen anderen Unternehmern war er nicht in die Falle getappt, enorme Mengen Geld bei dem Versuch zu verpulvern, es zu retten, sondern ließ einiges davon trotz Gegenwind weiterarbeiten und konzentrierte sich auf Investitionen, die funktionierten. Dank seiner Genialität ist er immer noch steinreich. Sein Lebensstil ist derselbe wie vor dem Zusammenbruch. Immer noch genauso schrill.

Der schwarze Benz erwartet Reynir, als er aus dem Flugzeug steigt. Der Chauffeur begrüßt ihn und öffnet die Tür für seinen Boss.

»Sieht ganz danach aus, dass deine Schwester Glück mit dem Wetter haben wird«, sagt der Fahrer, doch Reynir antwortet ihm nicht. Er ist tief in Gedanken.

Mist, dass Schwesterlein in diesen Zeiten der Armut heiraten muss, denkt er.

Das wird zweifellos eine karge und langweilige Hochzeit. Die Trauung in der Háteigs-Kirche und die Feier im dazugehörigen Saal. Páll Óskar soll in der Kirche singen und Wettergott Ingó auf der Feier. Wenn Reynir bestimmen könnte und hätten wir noch das Jahr 2007, würde die Hochzeit in der Südsee stattfinden.

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