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Isis, die Fuerstin der Nacht

Inhalt

  1. Cover
  2. Titel
  3. Impressum
  4. VORWORT
  5. PROLOG
  6. KAPITEL 1
  7. KAPITEL 2
  8. KAPITEL 3
  9. KAPITEL 4
  10. KAPITEL 5
  11. KAPITEL 6
  12. KAPITEL 7
  13. KAPITEL 8
  14. KAPITEL 9
  15. KAPITEL 10
  16. KAPITEL 11
  17. KAPITEL 12
  18. KAPITEL 13
  19. KAPITEL 14
  20. KAPITEL 15
  21. KAPITEL 16
  22. KAPITEL 17
  23. KAPITEL 18
  24. KAPITEL 19
  25. KAPITEL 20
  26. KAPITEL 21
  27. KAPITEL 22
  28. KAPITEL 23
  29. KAPITEL 24
  30. KAPITEL 25
  31. KAPITEL 26
  32. NACHWORT
  33. INFORMATIONS- UND BERATUNGSSTELLEN FÜR SEKTENOPFER

VORWORT

Lieber Leserinnen und Leser,

auf den nachfolgenden Seiten nehme ich Sie mit in das Leben und die Erfahrungen einer jungen Frau, die von sich selbst sagt: »Ich war zwei Kinder: ein Tagkind und ein Nachtkind.«

Meine erste Begegnung mit Isis fand auf der Erfahrungsebene des Tagkindes statt. Sie schrieb mir nach der Lektüre meines Buches »Monika B. Ich bin nicht mehr eure Tochter«, welches sie bereits im ersten Erscheinungsjahr erworben und fieberhaft gelesen hatte. Sie sei als Kind sexuell missbraucht worden, offenbarte sie mir, und wünsche sich, dass auch ihr einmal ein Mensch so gut zuhören möge, wie ich Monika B. zugehört hatte. Zwischen uns entspann sich ein zunächst eher sporadischer, bald aber intensiver Gedankenaustausch.

An ein Buch dachten wir dabei zunächst beide nicht. Dieser Wunsch ging erst nach Jahren von Isis aus, als sie erkannte, dass sie ihre Vergangenheit im Zuge unserer Gespräche und Korrespondenzen aufgearbeitet und innerlich bewältigt hatte.

»Ohne das Buch über Monika B. hätte ich nie den Mut und die Kraft gefunden, meine eigene Geschichte genauer anzuschauen und mich damit auseinander zu setzen«, sagte sie. »Ohne dieses Buch wäre ich heute noch immer nicht frei und würde noch immer Todesangst um meine Tochter ausstehen. Deshalb möchte ich, dass du auch über mich und meine Erfahrungen ein Buch schreibst, denn nur wenn Menschen wie ich das Schweigen brechen, wird die Macht des Geheimen aufhören.«

Diesem Wunsch konnte und wollte ich zunächst nicht nachgeben. Ich schreckte vor der Aufgabe zurück, aus Isis’ Lebensgeschichte ein Buch zu machen, da dies für mich als Verfasserin bedeutete, in ihre Haut schlüpfen zu müssen und das von Isis Erlebte selbst intensiv zu verinnerlichen, um es nach außen spiegeln zu können. Wollte ich mir das antun? Es dauerte fast zwei Jahre, ehe ich mich dazu durchrang.

Bereits in den ersten Monaten unseres Gedankenaustausches hatte ich die Erlebnisse, die Isis mir schilderte, zu hinterfragen begonnen. Ihre Tagkind-Erfahrungen waren hart genug, aber sie ließen sich für mich relativ einfach in meine Kenntnisse über sexuellen Missbrauch und Kindesmisshandlung einordnen.

Doch nach und nach öffnete Isis die »verbotene 13. Tür« im Haus ihrer Seele, hinter der sich das Leben des Nachtkindes abgespielt hatte. Hier eine Szene, dort eine Randnote, so startete sie einen Testballon ihrer Erinnerungen nach dem anderen, um zu prüfen, wie ich darauf reagierte, ob ich ihr glaubte, ob ich eine wie immer lautende Erklärung hätte.

Manches, was sie beschrieb und erzählte, erschien mir so unfasslich. Es erinnerte mich an Detailwissen aus Folterberichten der Inquisition, welche ich während meiner Studienzeit gelesen und forschend untersucht hatte. Mit dem Unterschied, dass Isis dieses Wissen aus einer anderen Perspektive darbot, nämlich aus der Binnensicht eines Kindes, das etwas erlebt hat, was es beschreiben, aber nicht benennen kann. Während ich Bücher und vor allem Gemälde studiert und theoretisches Wissen angesammelt hatte, wusste das Nachtkind Isis, wie sich ein Inquisitionsopfer fühlt, wie bestimmte Geräte hergestellt werden und funktionieren, welche Verletzungen sie hinterlassen und wie diese zum Beispiel mit Hilfe von Salzbädern und Unterkühlungen unsichtbar gemacht werden. Das eine oder andere dieser Geräte fand ich nach oft langer Suche in historischen Abhandlungen oder Archiven und wusste dann zwar einen Namen, Isis aber hatte ein Körpergefühl dafür. Sie sah die Abbildung an und geriet in einen Strudel der Erinnerungen, die so leidvoll für sie waren, dass mich allein das gedankliche Nachvollziehen dieses erinnerten Leides peinigte. Und bis heute leidet sie an den typischen körperlichen Schäden eines überlebenden Folteropfers.

Dieses Leid war es letztlich, welches mich dazu bewegte, mit Isis in das »verbotene 13. Zimmer« zu gehen und den daraus hervorquellenden Strom der Erinnerungen hin zu mir zuzulassen. Jahre vergingen darüber. Tausende Seiten Korrespondenz, ungezählte Stunden am Telefon, durchwachte Nächte und das Aushalten unaussprechlicher Ängste von Isis, die ich nie zuvor erahnt hatte, gehörten von Stund an zu meinem Alltag. Oft fühlte ich mich nicht nur ge-, sondern maßlos überfordert. Aber das Versprechen, mit einem Menschen in die Tiefen des Leids abzusteigen, ist irreversibel. Das kann man, kann ich, nicht so einfach abschütteln, weil es mir zu viel wird oder weil ich mir meine Illusion von der heilen Welt erhalten will.

Die langjährige Erfahrung mit Menschen, die in ihrer Kindheit sexuell ausgebeutet, misshandelt oder seelisch gequält worden sind, hat mich gelehrt, dass es unvorstellbare elterliche Grausamkeiten und sogar sadistisch folternde Elternliebe gibt. Zugleich aber hat es mich gelehrt, dass nicht jede mir anvertraute Erfahrung tatsächlich erlebt wurde. Die menschliche Erinnerung ist leider keine auf immer und ewig unveränderliche quasi schreibgeschützte Festplatte im PC der Seele. Im Gegenteil, alles Erinnerte unterliegt Wandlungen und Einflüssen, die bewusst oder unbewusst in die eigenen Bilder einfließen und sie nachträglich prägen.

Wenn ich mit Isis sinnvoll kommunizieren wollte, musste ich solche Irrtümer oder Abwandlungen der Erinnerung so weit wie möglich ausschließen. Folglich galt es, Möglichkeiten zu finden und zu nutzen, um an ihre Version der Wahrheit ein objektives Maß anlegen zu können. Nur aus dem Abgleich der Summe der Daten erlange ich ja ein möglichst klares Abbild dessen, was »wirklich« geschehen ist.

Also begann ich parallel zu unseren Gesprächen zu recherchieren, um so viele Fakten wie möglich zu den Hintergründen dessen zu erfassen, was Isis erlebt hatte und erinnerte. Dazu gehörte, mit Sektenbeauftragten und Satanismuskennern zu korrespondieren, mein historisches Wissen über die Wurzeln und Zeitzeichen des Satanismus, des Hexenglaubens und Okkultismus zu erweitern, sowie meine Kenntnisse der ägyptischen Mythologie aufzufrischen und in der Bibel nebst deren Apokryphen wie auch der Bibelforschung nach den Ursprüngen des Christentums zu suchen. Letzteres war erforderlich, um das Geflecht von Mythologie und christlichem Glauben zu entwirren, welche der satanistischen Ideologie der Sektenfamilie zugrunde lagen, aus der Isis hervorging.

Daneben hieß es, gemeinsam mit Isis Örtlichkeiten ihres Lebens aufzusuchen, Familien-Stammbäume zu erarbeiten, medizinische Akten bei Privatärzten und in Krankenhäusern zu suchen und auszuwerten, sowie Ängste der sehr wenigen alten Menschen aus dem familiären Lebensumfeld zu überwinden und sie zum Reden zu bewegen.

Rasch zeichnete sich ab, dass die so genannte Stasi im Leben der Sektenfamilie eine erhebliche Rolle gespielt hatte. Eingebunden in dieses System der Bespitzelung, hatten sie die Macht der Insider genutzt, um es sich zu Nutzen zu machen. Aufseher, Arzt oder Führungskraft in Gefängnissen der Staatssicherheit, mit Schlüsselgewalt ausgestatteter Luftschutzbunkerwart oder Spitzel im Dienst zu sein, hieß, aus dieser Position Vorteile ableiten zu können, Zugang zu sonst verbotenen Räumlichkeiten, Gerätschaften, sowie Möglichkeiten zu Reisen und zwischenmenschlichen Beziehungen zu haben.

Daher begannen wir in den Unterlagen des Staatssicherheitsdienstes der ehemaligen Deutschen Demokratischen Republik zu suchen. Und tatsächlich wurden wir fündig, gruben erste Dokumente über längst verjährte oder sogar verurteilte Straftaten aus, die bestimmte Erinnerungen an erlittene Grausamkeit bestätigten. Doch dann kam die »Akte Kohl« und mit ihr der richterliche Beschluss, dass Nachforschende das Risiko eingehen müssen, dass bei intensiver Suche die betreffenden Personen über die laufenden Recherchen informiert werden. Aus gutem Grund konnte weder Isis noch mir an einer solchen Offenlegung unserer Nachforschungen gelegen sein.

Als besondere Härte kam hinzu, dass Isis Mutter einer Tochter ist, die unter allen Umständen geschützt werden muss. In den Anfangsjahren unserer gemeinsamen Aufarbeitung von Isis’ Lebenserfahrungen hatte die Tochter keine Ahnung von der Vergangenheit der Mutter und durfte auch nichts davon erfahren. Obwohl die Tochter nicht zu Hause aufwuchs, mussten wir extrem umsichtig planen und recherchieren, um zu gewährleisten, dass sie keinen Verdacht schöpfte. Zu früh, zu jung in diese Erfahrungen eingeweiht zu werden, hätte in der Seele der Tochter unheilbare Schäden anrichten können. Allein die Möglichkeit, dass dies geschehen könne, reichte für Isis aus, kein Risiko einzugehen.

Erst nachdem wir die Geschichte des Tagkindes und des Nachtkindes Isis in ihren Zusammenhängen rekonstruiert und die Ereignisse in sinnvoller Reihung einander zugeordnet hatten, wagte Isis ein aufklärendes Gespräch.

Mein Buch zieht den Schlussstrich unter das Leben der Isis, Fürstin der Nacht, und stößt die »verbotene 13. Tür« für alle auf. Es ist die Tür zur Freiheit.

Wenn Sie, hebe Leserinnen und Leser, mit mir Kontakt aufnehmen möchten, schreiben Sie vertrauensvoll an meinen Verlag, der Ihre Nachrichten verschlossen an mich weiterleitet. Alternativ haben Sie die Wahl, mir eine E-Mail zu schicken. Sie finden die Adresse und viele Informationen auf meiner umfangreichen Webseite unter https://www.karin-jaeckel-autorin.de

Ihre
Karin Jäckel

PROLOG

Marlene ist da, meine Tochter. Endlich. Zum ersten Mal nach vielen Jahren. Zum ersten Mal will ich ihr meine Lebensgeschichte erzählen. Alles, was ich ihr bisher verschwiegen habe. Was sie bisher nie wissen durfte. Vor dem ich sie bewahren wollte.

Ich war noch so jung, als sie geboren wurde. Erst fünfzehn. Und die Sekte des Seth war mächtig. Sie wollten mein Kind haben, nachdem ich für sie wertlos geworden war. Ich konnte Marlene nicht beschützen und hatte sie aufgeben müssen. Mein Kind der Liebe ins Internat geben müssen, damit kein Kontakt zur Sekte entstehen konnte.

Doch nun ist sie erwachsen, und ich kann nicht länger schweigen. Zu sehr steht die Sekte des Seth zwischen uns. Zu sehr fürchte ich den Einfluss meiner Eltern.

Aber ich habe Angst, dass sie mir nicht glauben wird. Es wird schwer für mich zu ertragen sein. Denn dies hat man mir immer angekündet. »Wenn du redest, wird dir sowieso keiner glauben. Sie werden dich auslachen. Sie werden nichts von dir wissen wollen. Sie werden dich verachten. Sie werden dich hassen. Sie werden dich in die Klapsmühle stecken. Sie werden dich in die Gummizelle sperren. Sie werden dich nie mehr rauslassen. Kein Mensch wird es jemals mit dir aushalten.«

All das lässt mich innerlich zittern. Schon jetzt. Aber ich werde nicht aufhören zu reden. Sie wird mich fragen, woher ich das alles weiß. Sie wird sagen, dass ich mich doch gar nicht erinnern könne, wie das mit meinen Eltern war.

Doch es gibt viele Arten des Erinnerns. Da sind die Erinnerungen, die ich ganz bewusst im Kopf habe, weil ich alles, was ich darüber weiß, selbst erlebt und nie vergessen oder verdrängt habe. Schwere, schreckliche Erinnerungen, die man an Leib und Seele erfahren hat, brennen sich ein. Schon dem Kleinstkind.

Andere Erlebnisse wurden mir in der Therapie neu bewusst, weil mein Geist die Erinnerungen verdrängt hatte, mein Körper sich aber erinnerte, dessen Sprache ich mit Hilfe der Therapie verstehen lernte. Ich denke vor allem an die Feldenkrais-Methode, der ich unendlich viel verdanke.

Wieder andere Begebenheiten wurden mir aus dem Erinnerungsschatz anderer Menschen vermittelt. Meine Oma hat mir bis zu ihrem Tod, als ich fünf war, immer wieder gern aus dem Leben meiner Eltern berichtet. Sie liebte es, mit mir Fotoalben anzuschauen und mir zu den einzelnen Fotos Geschichten zu erzählen. Und weil sie mich dazu erzog, im Ganzen meiner Persönlichkeit würdig zu sein, Isis zu sein, erzählte sie mir nicht nur die Geschichten, die das Tagkind interessierten, sondern mit besonderer Vorliebe die Geschichten, die ich als Nachtkind wissen musste. Alles, was sie mir sagte, fiel in mein Herz, denn meine Oma war der einzige Mensch auf der Welt, der mich als Kind jemals geliebt hat. Sie war der allerwichtigste Mensch für mich.

Später, als ich schon Anfang 30 war, habe ich vor allem im Gespräch mit meinem Vater viel erfahren. Besonders seitdem er von meiner Mutter in ein Pflegeheim abgeschoben worden war, war er für meine Fragen zugänglich. Es machte ihm nichts aus, offen mit mir zu reden. Die Peinlichkeit der Ereignisse, über die ich sprechen wollte, war ihm nicht mehr bewusst oder gleichgültig geworden. Und außerdem hatte er ja nichts mehr zu fürchten. Selbst wenn zu diesem Zeitpunkt jemand erfahren hätte, dass er irgendwann etwas Strafbares getan hatte, war er als entmündigter, geistig nicht mehr ganz zurechnungsfähiger Demenzkranker nicht mehr zur Verantwortung zu ziehen. Dass sein Langzeitgedächtnis trotz des fortschreitenden Verfalls noch Erinnerungen gespeichert hatte, die er mir ungeniert öffnete, kam mir und meiner Suche nach mir selbst entgegen.

Selbst meine Mutter ließ sich gelegentlich dazu verleiten, mit mir über früher zu reden. Allerdings erfuhr ich immer nur ihre Variante der Geschichte. Auch war es zwischen uns immer so, als bewegten wir uns auf vermintem Gelände. Wir wussten beide, dass wir wussten; und dennoch gaben wir vor, nichts zu wissen, sondern das, was wir in Wahrheit gezielt angesprochen hatten, lediglich zufällig im Gespräch berührt zu haben. Oftmals verleitete der Zorn meine Mutter dazu, das eine oder andere Detail der Vergangenheit preiszugeben. Dies geschah vor allem im Zusammenhang mit Angelegenheiten, die meinen Vater betrafen. Dennoch ergaben diese scheinbar unbeabsichtigten Momente der Rückschau oder im Jähzorn herausgeschleuderten Spurenelemente der Erinnerung für mich so manche wichtige Ergänzung. Es kam sogar vor, dass diese erst der Schlüssel zum Verstehen waren.

Zu diesen Informationen kamen jene hinzu, die ich im Gespräch mit einigen alten Leuten, die mit meinen Eltern einmal befreundet waren und heute schon tot sind, erfuhr.

Manche Dinge fielen mir wieder ein, wenn ich mit ehemaligen Mitschülerinnen und Mitschülern über die gemeinsame Schulzeit sprach. Wir trafen uns hin und wieder zufällig in der Stadt oder auch zu den turnusmäßigen Klassentreffen, an denen ich zunächst fast nie, dann aber öfter teilnahm.

Wie oft habe ich gestaunt, dass diese Mädchen und Jungen damals viel mehr mitbekommen hatten, als ich ahnte. Eine Klassenkameradin erinnerte sich zum Beispiel daran, dass meine Mutter mir immer selbst die Haare schnitt, sodass ich nie eine normale Frisur hatte, sondern »wie ein wild gewordener Handfeger« aussah.

Einer der Jungen wusste, dass ich immer einen schwarzen Hals hatte, den man nicht einmal mit der Wurzelbürste sauber waschen konnte. »Weißt du noch, wie wir dich geschnappt hatten und dir den Hals mit Sand abscheuerten, bis er ganz rot war; und der Dreck ging trotzdem nicht weg?«, fragte er und setzte hinzu: »Mir ist erst viel später, als ich bei der Polizei war, aufgegangen, dass es gar kein Dreck war. Das war, nachdem ich die ersten Kinder gesehen hatte, die von ihren Eltern misshandelt und gewürgt worden waren, so dass sie einen schwarzen Hals hatten.«

Eine andere Klassenkameradin entsann sich, dass ich mich in den Sportstunden nie auskleiden wollte. Auf meine Frage hin, wie sie sich das denn erklärt habe, antwortete sie: »Wir haben doch alle gewusst, dass sie dich zu Hause grün und blau geprügelt haben. Wir haben manchmal durch eure Fensterläden geguckt, wenn du drinnen geschrien hast.«

»Aber ihr habt mir nie geholfen«, sagte ich zu ihr. Und sie zuckte mit den Schultern. »Wie denn?«

Das war eine gute Frage. Sie hatte Recht. Keiner hätte mir damals helfen können.

»Einmal haben wir es versucht«, erinnerte sich eine andere frühere Schulkameradin. »Weißt du noch, wie du den einen Tag zum Direktor musstest? Das war, weil wir ihm gesagt hatten, dass du zu Hause dauernd Prügel kriegst.«

Dieses Erlebnis hatte ich völlig vergessen gehabt. Jetzt fiel es mir wieder ein. Ich war tatsächlich eines Tages einbestellt worden. Mein Vater hatte auch kommen müssen. Der Direktor sagte dann, er habe den Eindruck, dass meine Eltern zu streng mit mir wären. Man habe auf meinem Rücken Spuren von Stockschlägen festgestellt. Und mein Vater hatte geantwortet, dass sie mich heben würden und deshalb so streng sein müssten, weil ich faul und aufsässig sei. Wenn sie weniger streng wären, würde ich mich niemals waschen und in der Schule nichts lernen. Da hatte der Direktor mich strafend angeschaut und mit dem Einverständnis meines Vaters angeordnet, dass ich jeden Morgen meine Fingernägel herzeigen und bei jeder vergessenen oder unfertigen Hausaufgabe Nachsitzen bekommen müsse.

Erinnerungen sind wie ein Mosaikbild aus der Antike. Das Zentrum ist gut erhalten. Mit der Zeit findet man allerlei vergrabene Steinchen und Scherben ringsherum. Man flickt sie zusammen und passt sie ein. Man vergrößert das Zentrum des Erhaltenen. Manche Stellen bleiben blind. Trotzdem erkennt man am Ende das gesamte Bild.

Auch in meinen Erinnerungen sind blinde Stellen. Manche werden im Lauf der Zeit noch klar werden. Andere werden trüb bleiben. Ich will jetzt auch nicht mehr so bewusst wie bisher weitersuchen. Einmal muss jede Therapie und jede Reise in die eigene Vergangenheit abgeschlossen werden. Für mich ist dieser Zeitpunkt jetzt.

Die finstere Hälfte meines Lebens liegt hinter mir. Vor mir liegt ein Neubeginn in die helle Hälfte hinein. Ich starte nochmals durch. Darauf freue ich mich.

Es wird mit einem Umzug beginnen. Ich will das Land meiner Kindheit hinter mir lassen. Europa ist groß. Ich habe Sprachen gelernt. Jetzt will ich sie anwenden.

Ich habe eine neue Arbeitsstelle im europäischen Ausland angenommen, endlich die Führerscheinprüfung bestanden und einen Kredit für ein Auto aufgenommen. Auch eine schöne Wohnung habe ich schon gefunden. Sie ist licht und hell. Morgens wird mich die Sonne wecken und mir das Häusermeer mit seinen blendend weißen Hausfassaden und roten Ziegeldächern zu Füßen legen. Die Luft duftet anders dort als hier zu Lande. Die Tage sind länger, die Sommer auch. Wo ich die Sonne doch so sehr liebe.

Wie schön es wäre, wenn Marlene mich dort besucht. Ich werde immer ein Zimmer für sie frei haben.

Es gibt keinen anderen Weg. Ich muss es ihr erzählen.

»Liebe Marlene, lass dich auf meine Vergangenheit ein. Kehre mit mir zurück in meine Kindheit und Jugend. Lern ein wenig über die Gründe, warum ich als deine Mutter nicht so perfekt war, wie ich es gern gewesen wäre.«

KAPITEL 1

Sie nannten mich Isis. Die Eine, die Alle ist. Die, aus der alles Werden wächst. Herrin der Gestirne im All. Braut und Mutter des Einen und Wahren, des von Gott-Mutter verheißenen Lichtbringers Seth, welcher die Erde durch die Kraft seines Sohnes, des Großen Tieres 666, zurückverwandelt in das Paradies der Freude und des Friedens. Isis, Schale des Lichtes, Fürstin der Nacht.

Sie gaben mir das Zeichen der Schlange im Rund der Sonne mit der nach oben geöffneten Sichel des Mondes zum Beweis des Mondzaubers und der heiligen drei Isis-Bünde der Ewigkeit. Erstens der Bund der Ehe mit Seth-Vater, dem schwarzen Schlangensohn Gott-Mutters und wahrem Lichtbringer ihrer Schöpfung. Zweitens der Bund der Zeugung und Geburt des Seth-Sohnes, des Großen Tieres 666. Drittens der Bund der Unsterblichkeit des Seth-Geistes im lustvollen Liebesakt des Sohnes mit Isis, der Mutter und Braut, zur Wiedergeburt des Vaters.

Ich war fünf Jahre alt, als sie mich zu zeichnen begannen. An jedem neuen Geburtstag setzten sie die Arbeit fort. Als ich 13 wurde, war das Werk vollendet. In jeder Sitzung hatte die Arbeit mit Nadel und Fräse Stunden gedauert, bis das Zeichen der Menat entstand. Es war nicht groß, aber sehr komplex.

Stich um Stich hatten sie die Farben in die tiefsten Schichten meiner Haut tätowiert, und der Schmerz war ein Wolf. Doch ich ließ sein Heulen nicht zu. Kein Zucken, kein Nervenzittern, keine Träne verrieten mich. Isis ist die Meisterin der Schmerzen. Wer zuckt, wenn der Schmerz kommt, ist nicht Isis; ist ein Wechselbalg, ein Hohn für Seth. Keine Strafe reicht dafür aus. Doch ich zuckte nicht.

Ich hielt die Augen geschlossen, während sich die Werkzeuge meines Körpers bemächtigten. Versuchte, mich fortzuschicken, hinaus in die Sonne, auf eine Wiese voller Licht, mit Blüten, deren Duft mich umschwebte, mit Schmetterlingen, die ihre prachtvollen Flügel öffneten und schlössen, mit hohen Gräsern, die im Wind tanzten. Es misslang. Sie hatten vorgesorgt. Becken mit schwelendem Weihrauch, Melissen- und Minzöl, Daturablättern in Kügelchen aus Honigwabenwachs sowie Gefäße mit glühenden Räucherstäbchen standen in einem magischen Kreis rings um mich herum. Der schwere, stechende Duft hielt mich fest. Isis ist die Flucht nicht erlaubt.

Später dann war die rohe Haut mit Vaseline geschützt worden, abgedeckt unter Klarsichtfolie. Jedes Mal brannte das frische Tattoo noch tagelang auf meiner Brust. Jede Berührung schickte Messerschnitte ins Hirn. Und es gab viele Berührungen.

»Warum?«, fragte ich meine Oma oft und wagte nie, die Frage ganz auszusprechen. Doch sie verstand mich stets auch so. »Weil du ihm gehörst«, sagte sie.

Und sie lehrte mich beten: »Großer Seth, komme, erwecke die Finsternis zu deinem Licht. Befreie mich zu tun, was ich will, denn mein Wille ist dein und die Kraft und die Macht in Ewigkeit. Amen.«

Nachts zerrte sie mich an der harten Hand hinter sich her, hinaus, wo über dem Schornstein der Sternenhimmel glitzerte. »Das ist Orion. Von dort bist du gekommen, dorthin wirst du gehen. Und ich werde schon vor dir dort sein.«

»Oma«, sagte ich in einer dieser Nächte, kurz vor meinem sechsten Geburtstag, »erzähl mir doch noch mal, wie es war.« Ich zog die Schultern hoch, denn ich fröstelte unter dem Licht der Sterne.

Meine Oma lächelte. Was immer geschehen wäre, ich glaube, diesen Wunsch hätte sie jederzeit erfüllt. »Komm«, lud sie mich ein. Dicht an sie geschmiegt, unter uns die von der Sommerhitze noch mild durchwärmten roten Porphyrsteine der Sonnenterrasse, sah ich die Nebel und Sterne des Orion über uns leuchten und hörte die Geschichte der großen Schöpfung Gott-Mutters und der Erschaffung Seths, ihres dunklen Sohnes, den wir Brüder und Schwestern in seinem Geist anbeteten als unseren wahren und einzigen Heiland und Erlöser.

Woher diese Geschichte wirklich gekommen ist, wer sie erdacht, zuerst erzählt und weitergegeben hat, weiß ich nicht. Als Kind grübelte ich nicht darüber nach. Als Heranwachsende wollte ich nicht darüber nachdenken. Und als Erwachsene wage ich nicht, mich auf die Suche nach den Ursprüngen einzulassen. Die Verschlingungen der Bilder und Gebote dieser Geschichte mit den Anforderungen und Gesetzen des Alltags sind für mich wie eine Moorlandschaft. Es glitzert darin von finsteren Augen und funkelnden Irrlichtern. Nur mühsam gelingt es mir, in diesem unsicheren geistigen Bereich auf dem festen Grund des realen Lebens zu bleiben. Und selbst da spüre ich viel zu oft das Schwanken des allzu nachgiebigen Bodens meiner Erinnerungen unter den Füßen. Sicher ist nur, dass niemand diese Geschichte schöner zu erzählen vermochte als meine Großmutter.

»Wenn du den Nachthimmel siehst, siehst du Gott-Mutter, die Schöpferin des Alls. Zwischen ihren Zehen und Fingerspitzen dreht sich die Welt. Ihr Körper wölbt sich in einem zärtlichen, schützenden Bogen darüber hin, denn sie liebt, was sie erschaffen hat.« Meine Oma streifte mit ihren kühlen, trockenen Lippen mein Haar, während ihre Hände unsichtbare Bögen über uns schlugen und ihr Bild für mich mit dem der großen Gott-Mutter eins wurde.

»Nachts bekleidet sie sich mit einem blauen Gewand, welches so zauberhaft schön aussieht, dass der lebendige Heilige Geist der Erde in ewiger Liebe zu ihr entbrannte. In seiner Begierde, sich mit ihr zu paaren, richtete sich sein Phallus millionenfach in den Obelisken der Bergspitzen auf und wohnt ihr bis heute unersättlich bei. Aus jedem Kind ihrer Liebe entsteht ein neuer Planet. Aus jedem Kuss entsteht ein neuer Stern. Wie ein endloser Strom glänzender Kraft ergießen sie sich in die Milchstraße.«

»Für immer und ewig?«, fragte ich. Jedes Mal dieselbe Frage an derselben Stelle der Geschichte. Und jedes Mal antwortete meine Oma nicht darauf.

Stattdessen lehnte sie den Kopf in den Nacken und erzählte weiter, als hätte ich sie nie unterbrochen. »Die mächtigsten Kinder von Gott-Mutter und dem Heiligen Geist der Erde sind uns aus der Überlieferung der alten Ägypter bekannt. Diese erlebten als auserwähltes Volk die Geburt Seths mit und begriffen es nicht. Dennoch lehrten sie uns die Namen der Kinder Gott-Mutters. Es sind die Zwillinge Nephthys und Anubis sowie ihre Zwillingsbrüder Osiris und Seth. Zwischen ihnen steht Isis, die Mittlerin zwischen Leben und Tod, die von allen Geliebte.«

Natürlich interessierte mich der Teil der Schöpfungsgeschichte brennend, in dem ich selbst erschien, denn ich war Isis, die Wiedergeburt der Wiedergeburt der Wiedergeburt in einer ewigen Kette der Unsterblichkeit.

Meine Oma stand auf. »Erzählen macht durstig«, meinte sie.

»Und hungrig«, sagte ich.

Sie blinzelte mir zu. Ihre Augen waren grün wie die Nordsee, wenn der Wind sie aufwühlt. Aber wenn sie lächelte, wurden sie blauer. »Die anderen kommen bald«, meinte sie. »Dann essen wir. Aber ich gebe dir ein Glas Milch. Willst du?«

Ich schüttelte rasch den Kopf. Milch mochte ich nicht. Überhaupt weiße Getränke oder weißer Käse; daran zu denken verursachte mir Übelkeit. Doch Isis ist mehr als nur ein Name und eine Geschichte. Es ist ein Programm. Es duldet keinen Fehler, keine Schwäche. Ich wusste es. Keine Milch trinken zu können war eine Schwäche. »Kann ich Saft haben?«, fragte ich. »Von dem neuen, den du heute gekocht hast?« Einer Lust nachzugeben war keine Schwäche.

Meine Oma legte die Hand über ihren Mund. Natürlich hatte sie meine List erkannt. »Leckermaul«, sagte sie. »Ich sollte dich nicht so verwöhnen.« Aber sie brachte mir ein Glas Saft und eine Scheibe Brot dazu. Es war noch warm, frisch aus dem Ofen. Genau wie ich es liebte. »Erzählst du weiter?«, bat ich.

Meine Oma nahm erst einmal einen tiefen Schluck aus der Kaffeetasse. Der Löffel steckte seitlich darin, als sollte er ins Nasenloch oder ins Auge bohren. Ich passte jedes Mal auf, ob es geschähe. Aber es passierte nie. Das Einzige, was unweigerlich passierte, war, dass zwischen ihren Zähnen schwarze Kaffeekrümel haften blieben. Kaffeeaufbrühen ging bei ihr nämlich noch ganz altmodisch. Ohne Kaffeemaschine und ohne Filter. »Schnick-Schnack«, sagte sie dazu. »Ein richtiger Kaffee muss frisch geröstet und frisch gemahlen und frisch aufgebrüht und frisch getrunken werden. Kochendes Wasser direkt aufs Pulver. Etwas Besseres gibt’s nicht.«

Das Ganze war eine Zeremonie. Es gab eine extra große Kaffeetasse. »Omas Kaffeepott«, stand in Schnörkelbuchstaben darauf. Dazu gab es einen extra kleinen Kessel, der genau so viel Wasser kochen konnte, wie in diese Tasse passte, wenn sie bis zur Hälfte mit Kaffeepulver gefüllt war. Während das Wasser genau so langsam auf dem alten Holzkohleofen erhitzt wurde, wie nötig war, damit es nicht zu heiß und nicht zu sprudelnd kochte, nahm meine Oma die Kaffeemühle vom Küchenbord. Sie gab eine genau bemessene Menge schwarz gebrannter Kaffeebohnen hinein, die sie einer Metalldose entnahm, auf der ein lachender Moor mit einem bunten Turban und weiten Pluderhosen abgebildet war. Mit dieser Kaffeemühle nahm sie auf dem Küchenschemel Platz, klemmte sie sich zwischen die Beine und begann zu mahlen. Zuerst ging es schwer, denn die Kaffeebohnen mussten unter Knirschen und Knacken aufgebrochen werden. Bald aber schnurrte die Mühlenradkurbel nur so durch das Mahlwerk. Und dann war auch schon das Kaffeewasser fertig.

Mit jener unnachahmlichen Bewegung aus dem Handgelenk heraus, die ich bis heute vergeblich nachzuahmen versuche, goss meine Oma das Wasser in die Tasse. Fasziniert beobachtete ich, wie das Kaffeepulver von den ersten Tropfen noch dunkler wurde, wie es sich voll sog und plötzlich die einzelnen Pulverkörnchen sichtbar wurden, die mir zuvor wie eine homogene Masse erschienen waren. Mit einem dicken schaumigen Berg schwemmte alles zum Rand der Tasse empor. Und genau, ehe es schwarz über den Rand schwappte, war der Kessel leer.

Nun trat der Kaffeelöffel in Aktion. Er war silbern, mit einem roten Glasstein im Griff und eingravierten Blumen verziert. Und nur er maß die richtige Menge an Zucker für den Kaffee.

Sacht rührend, sog meine Oma zuerst ganz tief den Duft ein, der in einer dicken Wolke aus der Tasse aufstieg. Und dann schlürfte sie den ersten Schluck. Dir »Mhmmm!« danach ist für mich ein Ausdruck des Hochgenusses geblieben.

»Jetzt kann ich auch weitererzählen«, meinte sie. »Wo war ich stehen geblieben?«

»Bei mir«, sagte ich. »Du wolltest von mir erzählen.«

»Ja, richtig. Isis, von Isis hatten wir gesprochen. Du weißt, wo sie regiert?«

»Auf dem Planeten Venus, dessen Glanz und Schönheit alle anderen Sterne des Nachthimmels übertrifft«, rief ich und verzog den Mund zu einem breiten Lächeln. ›Falsches Signal, falsche Zeit!‹, durchschoss es mich, noch ehe meine Oma mich in die Wange kniff. Wie mit einem Vogelschnabel, so schnell und fest.

»Eigenlob stinkt!«

Mein Atem ging plötzlich schneller. Angst trieb ihn an. Im ersten Moment verstand ich kaum, dass meine Oma sagte: »Na, lass mal gut sein. So’n bisschen Eitelkeit ist gesund. Aber weißt ja, Vögel, die am Morgen singen, holt am Abend die Katz. Und schön ist, was nicht gefallt.«

Ich steckte die Hände unter meinen Pulli, damit sie das Zittern nicht sehen sollte. Aber meine Oma bemerkte es doch und zog sie wieder hervor. »Schsch!«, machte sie und streichelte meine geballten Fäuste glatt. »Schsch!« Und dann erzählte sie weiter.

»Nur Isis allein kann die Dämmerung überbrücken, die sowohl Grenze als auch Bindeglied zwischen Tag und Nacht ist. Gott-Mutter hat ihr die Aufgabe erteilt, die Gefährtin, Mutter und Erneuerin des Leben spendenden Lichts zu sein. Sie muss es im unendlichen Kreislauf über den Himmelsbogen hinauf und wieder herunterziehen, es verschlingen und aufs Neue zur Welt bringen, damit es immer wiedergeboren wird und ewig lebt. Zwei Aufgaben in einer Person. Der Morgenstern als die gebärende Mutter. Der Abendstern als die verschlingende Mutter. Darum kommt und geht mit dem Erscheinen und Verschwinden der Isis auch das Licht.«

»Du verstehst nun«, fuhr meine Oma fort, »weshalb du, mein Kind, anders als andere Kinder bist. Du bist Isis. Dein Morgenstern verbindet dich mit dem hellen Tag. Dein Abendstern verbindet dich mit der Nacht. In beiden Zeiten musst du dem Lichtbringer dienen. Das ist deine Bestimmung. Ausgezeichnet bist du unter den Menschen. Niemand ist wie du. Aber noch reicht deine Kraft nicht aus, um diese Aufgabe ganz zu erfüllen. Deshalb musst du nach der Schule ruhen und schon zu Bett gehen, wenn die anderen noch draußen spielen. Niemand unter ihnen hat die Ehre, gerufen zu werden, wenn alle Welt schläft, um dem Heiland der Welt zu dienen. Bleib dir dessen bewusst, mein Kind, denn nur Isis ist sowohl im Reich des Lichts als auch im Reich der Finsternis zu Hause. Niemand als nur sie wandert zwischen den Welten und überwindet die Grenze zwischen Leben und Tod. Niemand, wenn nicht durch sie, erlangt Unsterblichkeit. Und darum ist derjenige, der die Liebe der Isis für sich gewinnt, der wahre Herrscher der Welt.«

»Ich werde nie einen lieben«, sagte ich.

Meine Oma wiegte den Kopf und strich einen Kringel ihrer weißblonden Löckchen hinters Ohr. »Wart’s ab. Liebe kommt. Du rufst sie nicht, sie ist da. Du verlangst sie nicht, sie schenkt. Du gibst sie nicht, sie nimmt. Du lässt sie nicht, doch sie geht. Du bist die Schale, sie ist der Krug. Und wer sich ergießt, nimmt deine Flut.«

Rätselworte wie diese bewirkten, dass die Leute im Dorf meine Oma schief ansahen. »Sprung in der Schüssel! Sprung in der Schüssel!«, sangen ihr die Gören auf der Straße nach. Aber für mich war es, als könnte ich Worte hinter den Worten hören, Stimmen hinter der einen Stimme, Sinn hinter dem Sinn. Und doch verstand ich nicht, was sie sagte. Nicht wirklich. Nicht in der Tiefe. »Omas Kaffeepott« war leer. Vorsichtig setzte sie ihn auf den Steinen neben sich ab und zog mich noch ein wenig näher an sich heran. »Frierst du?«, fragte sie. Ich zögerte. Es war nicht gut irgendetwas zuzugeben. Alles kehrte irgendwann wieder und wandte sich gegen mich. Als ich geklagt hatte, es sei mir zu heiß in der prallen Sonne, hatten sie nachts das Kohlebecken unter mir entzündet, um mir zu zeigen, was Hitze war.

Doch meine Oma hatte ihre Frage wohl schon wieder vergessen. »Wir müssen uns beeilen. Die anderen werden bald da sein. Und du weißt, dass niemand die Heilige Geschichte vor ihrem Ende abbrechen darf.« Ich nickte.

»Als Gott-Mutter in den Tiefen des Universums das Licht gebar, gebar sie auch seinen Schatten. Das Helle nannte sie Osiris und gab ihm die Herrschaft über den Tag. Dem Dunklen verlieh sie den Namen Seth und gab ihm die Herrschaft über die Nacht. Zum Zeichen des Lichts gab sie Osiris die Sonne und Seth den Mond mit dem Glanz der Sterne.«

»Dir seid meine Söhne, an denen ich Wohlgefallen habe«, sprach sie und verlieh ihnen die Aufgabe, die Welt von der Ewigkeit des Todes und der Finsternis zu befreien. »Isis sei die Mittlerin zwischen euch beiden. Sie sei euch Gefährtin, Geliebte, Mutter und Erneuerin. In der Zeit der Helle diene sie Osiris, in der Zeit der Dunkelheit diene sie Seth. Abwechselnd empfange sie euren Samen zur Wiedergeburt eurer Unsterblichkeit.«

Wie immer an dieser Stelle hielt ich den Kopf gesenkt und starb in der Seele die Tode aller der Isis-Reinkarnationen, die vor mir neu erstanden waren und dennoch den Sohn des Seth nie geboren hatten.

»Doch Isis, die Eine und Alle, vernahm die Stimme Gott-Mutters nicht«, fuhr meine Oma traurig fort, »denn sie lauschte den Weissagungen von drei weisen Männern, welche die Ankunft des Osiris auf Erden verkündeten. Sie waren von weit her nach Ägypten gereist, weil sie erforscht hatten, dass die Geburtsstunde dessen, der die Macht des Todes für immer besiegen werde, von Sirius, dem Leuchtfeuer-Auge des Anubis, angezeigt werde. Dieses werde im Osten des Nachthimmels über dem Nil erscheinen und heller erstrahlen, als es je zuvor geleuchtet habe. So schmücke sich die Totenstadt für die Ankunft des Erlösers und zum Fest der Auferstehung aller lebendigen Seelen zu neuem Leben.

Die Menschen am Nil jubelten. Und Isis jubelte mit ihnen, denn die Liebe zu dem Einen, der das Licht bringen sollte, war mächtig in ihr erwacht. ›Ich werde nur für ihn da sein‹, schwor sie den drei Weisen. ›Nichts wird ihn je verletzen.‹

Doch die drei Männer schüttelten den Kopf. Das Auftauchen des Sirius könne auch eine Warnung sein, meinten sie. Vielleicht drohe dem Lichtbringer eine unbekannte Gefahr. Und dann zauberten und zauberten sie, bis sie einen Zaubergürtel gefertigt hatten, den Osiris niemals ablegen sollte. In der Mitte des Gürtels befanden sich drei magische Sterne. Diese waren auf geheime Weise mit Sirius, dem Auge des Anubis, verbunden, damit der Herr der Unterwelt jede Gefahr für den Herrn der Oberwelt vorhersehen könne. So lange Osiris diesen Gürtel trage, weissagten die drei Weisen, werde er sicher sein.«

Meine Oma lachte. »Diesen Gürtel überbrachten sie Osiris am Tag seiner Geburt. Und weil er so eitel war, glaubte er ihnen, dass sie ihn mit einer so kostbaren Gabe ehren wollten. Von Stund an trug er diesen Gürtel und legte ihn niemals wieder ab.«

»Aber dann hatten sie ihm den wahren Grund für das Geschenk ja verheimlicht«, staunte ich.

Meine Oma kicherte. »Genau, denn auch die drei Weisen waren sehr eitel. Sie bildeten sich tatsächlich ein, dass sie mit ihrem Menschenwerk den Sohn von Gott-Mutter beschützen könnten. Aber sie hatten die Rechnung ohne den Wirt gemacht.«

»Was heißt das?«, fragte ich.

»Sie hatten zwar erforscht, dass Anubis der Bewacher des Osiris sein würde«, sagte meine Oma. »Aber sie hatten Seth vergessen. Deshalb hatten sie auch keine Ahnung, dass Anubis Osiris nur bewachte, weil er Seth dient. Und weil sie das nicht wussten, haben sie auch nicht gewusst, dass der Gürtel Osiris verraten würde. Und dass dieser Verrat Anubis helfen würde, Seth zu dienen.«

Mit ausgestrecktem Arm deutete meine Oma zu den Sternen des Orion hinauf. »Schau«, sagte sie«, »die große Astralgestalt des Osiris trägt den Gürtel mit den drei Sternen noch immer. Und wenn du von diesen drei Sternen eine Linie mit dem Finger über den Himmel ziehst, dann erkennst du, dass das Auge des Anubis diese drei Sterne bis heute beobachtet.« Sie stieß mich mit dem Ellenbogen an. »Was lernst du daraus?«

Ich wusste es nicht.

»Dass Osiris sich bis heute von der Liebe der Isis vorgaukeln lässt, dass er der alleinige Erlöser von der Finsternis des Todes zum ewigen Licht des Lebens sei«, sprach meine Oma. »Niemals nahm er die Lehren seiner Gott-Mutter im Himmel und die Warnungen des Heiligen Geistes seines Vaters, der Erde, an. Wie das so ist – das Küken will ja immer klüger als die Henne sein. Und so war Isis von Anfang an sein Ein und Alles. In ihren Schoß stieg er abends vom Himmel herab und morgens wieder zum Himmel hinauf. Alles schien in bester Ordnung.«

Meine Oma schwieg, wie sie immer schwieg, wenn sie die Geschichte bis hierher erzählt hatte. Sie hielt die Augen geschlossen und wiegte uns beide ganz sacht hin und her, als wären wir zwei Kinder, die getröstet werden müssten.

»Doch in Wirklichkeit«, flüsterte sie, »in Wirklichkeit war ein grausamer Fehler geschehen. Isis hatte in ihrer törichten Begeisterung für die Lehren der drei weisen Erden-Männer die Lehren ihrer Gott-Mutter vergessen. Sie, die dazu bestimmt war, zwei Herren mit ihrer Liebe zu dienen und ihren Samen zu empfangen, um das helle und das dunkle Licht des ewigen Lebens neu zu gebären – sie sah und erkannte nur einen von beiden.

Durch ihre Schuld und Sünde wurde allein Osiris, die Sonne, erhöht und Seth verraten, obwohl auch er der eingeborene Sohn von Gott-Mutter und der göttliche Lichtbringer ist. Jener mit dem goldenen Gesicht der Sonne und Augen aus leuchtendem Himmelsblau, er selbst mit dem silbernen Gesicht des Mondes und Augen so schwarz wie die Nacht. Beide hatten sie Anspruch auf den Thron, den Seth durch Isis verlor, die er dennoch liebte.«

Wie immer, wenn sie seinen uns heiligen Namen aussprach, berührte meine Oma das silberne Amulett an ihrem Hals. Es zeigte ein Pentagramm in einem Hexenkreis. In der Mitte der sternförmigen Strahlen befand sich ein Gesicht. Es streckte eine lange Zunge heraus. »Das sieht aus wie du«, hatte meine Oma irgendwann gesagt. »Genauso frech. Wenn ich alt bin, schenke ich es dir.«

Ich hatte damals gedacht, dass sie schon alt war. Aber ausgesprochen habe ich es nicht. Manche Lehren vergisst man nicht. Zu denen, die ich nicht vergesse, gehört der Bibelspruch des weisen Salomons. In seinem 13. Vers heißt es: »Wer seine Zunge bewahrt, bewahrt sein Leben. Wer aber mit dem Maule herausfährt, der kommt in Schrecken.« Ich, Isis, bin zu oft in Schrecken gekommen.

Meine Oma schlug ein Kreuz über sich. Dabei fuhr ihre Hand vom Mund zur Vagina, um den langen Kreuzbalken zu ziehen, und dann von links des Nabels nach rechts des Nabels, um den kurzen Querbalken zu markieren. Im Nabel, dem Schnittpunkt der beiden Kreuzbalken, verharrte ihre Hand zuletzt, denn dort befindet sich die stärkste Quelle der Kraft.

»Es ist geweissagt«, sprach meine Oma, »dass eines Tages die Hochzeit der Isis mit Seth, unserem Herrn, vollzogen wird. In seiner Gestalt als Schwarze Schlange wird er sie umschlingen und ihr seinen Sohn, das Große Tier 666, in den Schoß legen. In einer Feier der Lust wird sie ihn aus der Mitte ihres Leibes gebären und in dunkler Abgeschiedenheit großziehen, bis sich sein Phallus in ihrer Yoni versenkt und die Schwarze Schlange zum ewigen Leben neu ersteht.«

»Schwarz wie die Sonne am Tage der Sonnenfinsternis ist seine Gestalt«, flüsterte ich. »Auf seinen mächtigen Schultern ruht der Kopf eines silbern glänzenden Ziegenbocks mit starken Hörnern. Unter seinen Schritten tun sich schwarze Löcher im Universum auf, um das Sonnenlicht zu verschlingen.«

»Und allein Isis kann ihn erlösen.« Meine Oma flüsterte die heiligen Worte unserer Überlieferungen ebenso leise wie ich, denn wer das Große Tier 666 bei seinem Namen ruft, ist des Todes. Ihre Arme, mit denen sie mich umschlossen hielt, zitterten.

»Doch Isis, die Eine und Alle, die Erste der Einzigen, verachtete Seth. Dir Herz hing an ihrem schönen goldenen Bruder Osiris. Sie war seine Gemahlin. Und sie diente ihm gern. Voller Stolz sonnte sie sich in seinem Glanz, wenn sie den leuchtenden Sonnenwagen über den Himmel zog. Dass die Glut der Sonne das Land versengte und die heißen Sonnenwinde die Luft austrockneten, fiel Isis nicht auf. Es erschien ihr wahr, wenn Osiris ausrief: ›Mein ist die Welt, weil ich die Sonne bin, die Leben bringt und wachsen lässt. Ich bin der Lichtbringer, der einzige Herr der Welt.‹

Isis spottete über die Schwarze Schlange, wenn Seth sich aus der Dunkelheit zu ihr schlängelte und ihr sein silbernes Mondgesicht zum Kuss der Liebe darbot. Sie lachte, wenn er behauptete: ›Mein Licht errettet die Welt, denn die Sonne scheint nur am Tag, wenn es sowieso hell ist und niemand ihr Licht braucht. Ich aber bringe den Menschen die Erlösung des Lichts, wenn es dunkel ist und sie dringend nach Licht verlangen. Es ist also nicht die Sonne, sondern mein Mond, welcher ihnen zum wichtigeren Zeitpunkt leuchtet. Jeder weiß doch, dass das glühende Licht der Sonne alles verbrennt. Die Menschen flüchten davor in meinen Schatten. Selbst die Tiere suchen bei mir Schutz. Und die Pflanzen verlieren die Kraft, sodass sie auf den Feldern zur Erde niedersinken, wenn das goldene Glutgesicht über ihnen erscheint. Wie mild ist dagegen das Mondlicht, das ich ihnen bringe. Wie sanft heilt es alles, was die Sonne verbrannte.‹

Das Schlimmste aber war, dass Isis vor Seth ausspie, wenn er flehte: ›Isis, meine Liebste, wach aus deiner Blindheit auf! Sieh doch, ich bin es, ich, Seth, der dunkle Herr und Erlöser der Welt. Liebe mich, denn es ist deine Bestimmung, auch mich als den wahren Lichtbringer zum Gemahl zu nehmen. Öffne deinen Schoß für mich, denn nicht nur Osiris sollst du dienen, sondern auch mir. Jedem zu seiner Zeit.‹

Aber Isis glaubte ihm nicht. ›Schau deine eigene Zunge an, wie sie gespalten ist, damit du mit zwei Zungen gleichzeitig sprechen und lügen kannst‹, rief sie und klatschte in die Hände, wie man lästiges Getier verscheucht. ›Fort mit dir, du schwarzes Gewürm! Fort, in die Finsternis, wo du hergekommen bist. Nie und nimmermehr will ich dir gehören. Ich bin Isis, die Gemahlin des Osiris, die Königin des Königs der Welt.‹«

Tröstend legte meine Oma ihre Lippen an meine Stirn und küsste mich abermals. Sie wusste, was ich empfand, wenn sie mir den Spiegel der Isis vorhielt. Sie musste nichts sagen. Ihre Liebe zu mir war ganz nah. Sie kannte die Sünde auf mir und liebte mich doch. Sie wusste, dass ihre Liebe zu mir meine Sünde auf sie übertrug, wie alle, die ich liebte, zur Sünde verdammt wurden. Man würde sie strafen. Und dennoch verließ sie mich nicht.

»Ich weiß, Oma«, flüsterte ich und strich ihr die Löckchen, die ich so schön fand, von den Schläfen hinter die Ohren. »Isis war dumm.«

»Doch die Liebe des Seth ist unendlich«, gab meine Oma zurück. »Gebäre ihm seinen Sohn, das Große Tier 666, und er wird dir vergeben.«

Still wiegten wir uns gegenseitig, lauschten dem Zirpen der Grillen im Gras und ruhten uns in diesem Frieden aus.

»Durch die Schuld der Isis war nun die Sünde in die Welt gekommen«, sagte meine Oma zuletzt. »Statt Liebe entstand Hass zwischen den Brüdern des Lichts.

›Hat dieser Blender mir nicht alles genommen?‹, dachte Seth. ›Die Verehrung der Menschen, die in Wirklichkeit mir gebührt. Mein Königreich. Meine Macht. Und Isis, meine Braut.‹

›Wenn ich nicht wäre‹, schrie er in der ewigen Stille der Finsternis, ›ich, der die Gezeiten und alles Wasser auf der Erde durch die Kraft des Mondes beherrscht. Ich, der im Schutz der Dunkelheit meiner heilenden Nacht die Erde betaut, welche am Tage von der Sonne verbrannt und ausgedörrt wird. Wäre ich nicht, hätte mein Bruder schon alles Leben vernichtet. Ohne mich, der ich der verschmachtenden Welt Ruhe bringe, indem ich die Kühle meiner dunklen Nacht über die Hitze seiner Tagesglut ziehe, wäre schon Wüste vom Sonnenaufgang bis Sonnenuntergang. Weh dir, Isis, dass du deinen wahren Gemahl nicht erkennst!‹

Doch wie sehr Seth seiner verlorenen Braut auch zürnte, die Sehnsucht nach ihr quälte ihn immer mehr. In den langen Stunden der Finsternis, die er neben den Toren des Universums verbrachte, träumte er davon, wie es wäre, mit Isis zusammen das Paradies auf Erden zu errichten und in der Vereinigung mit ihr unsterblich zu sein.

›Osiris wird die Welt zugrunde richten‹, dachte er. ›Nicht der Retter der Welt, sondern der Zerstörer des Lebens ist er. Nicht das Licht des Lebens bringt sein glühender Sonnenstern mit sich, sondern das Höllenfeuer, welches alles Leben verbrennt. Und Isis hilft ihm dabei, weil er sie mit seinen Strahlen geblendet hat. Er wird auch sie vernichten. Alles wird zugrunde gehen durch ihn. Und ich soll zuschauen? Nichts tun? Ich, der Retter der Welt? Nein, Osiris muss sterben, um sie zu befreien.‹

Den eigenen Bruder töten zu müssen erschien Seth als eine grausame Pflicht. Aber er wusste, dass er sie erfüllen musste, um die Welt von dem Bösen zu befreien, das durch die Schuld der Isis mit dem Feuer der Sonne über die Erde gekommen war.

›Die Menschen werden mich hassen‹, dachte er traurig, ›denn auch sie sind verblendet in ihrer Liebe zu meinem Bruder, dem Zerstörer des Lebens.‹«

Die Stimme meiner Oma zitterte vor Rührung, als sie sich in die Gefühle unseres Herrn und Meisters hineinversetzte. »So unglücklich war Seth«, seufzte sie, »dass er die bitteren Tränen weinte, welche die Meere der Welt salzig machen bis zum heutigen Tag. Doch als sich der Mond in ein spitzes Horn verwandelt hatte, erfüllte Seth seine Pflicht und erschlug seinen Bruder Osiris, der schlafend an den Ufern des Nil lag.«

»Woher wusste Seth, dass sein Bruder dort schlief?«, fragte ich.

»Seth weiß alles«, antwortete meine Oma.

»Er wusste es, weil Anubis es ihm verraten hatte«, sagte ich.

Meine Oma schmunzelte. »Gut«, lobte sie mich. »Richtig. Du hast aufgepasst.«

»Ja«, nickte ich. »Weil nämlich Anubis der Diener des Seth ist und für ihn ausspionierte, wo Osiris war. Und wenn Osiris den dummen Gürtel nicht getragen hätte, wäre alles anders gekommen. Dann hätte Anubis ihn nicht gesehen. Also ist er doch eigentlich selber schuld.«

Doch zu meiner Verwunderung schüttelte meine Oma plötzlich den Kopf. »Nicht wirklich. Das musst du in einem viel größeren Zusammenhang sehen. Alles, was geschehen ist und geschehen wird, hat seinen Ursprung in Gott-Mutter. Ihr Wille ist das ewige Gesetz.

Doch die Kinder Gott-Mutters sind nicht nur Kinder ihrer eigenen Macht, sondern auch Kinder ihres Vaters, des heiligen Geistes der Erde. Und dieser Geist ist schwach. Er lässt sich von Schönheit blenden und von Begierde leiten. Lust kann ihn verführen und Angst lähmen. Und so ist Osiris in seinem Tageslichtgewand mehr der Sohn seines Vaters, während Seth in seinem nachtschwarzen Kleid mehr der Sohn seiner Mutter ist.

Deshalb hat Osiris nicht wirklich Schuld auf sich geladen, denn die Schwäche des Vaters war lebendiger in ihm als die Stärke der Mutter. Er war von dem Licht seiner eigenen Schönheit geblendet und von der Begierde verführt, sich mit Isis zu paaren.

Doch damit der Wille Gott-Mutters erfüllt werde, musste Osiris diese vom Vater ererbte Schwäche seiner irdischen Begierden und seines Ungehorsams gegenüber dem Auftrag von Gott-Mutter überwinden. Er musste den Gürtel der drei Weisen tragen, damit Anubis ihn bewachen und dafür sorgen konnte, dass Seth zu dem Recht kam, welches ihm von seiner Gott-Mutter verliehen worden war. Dies war der Wille von Gott-Mutter. Osiris wusste es nur nicht.

Allein weil Gott-Mutter es wollte, geschah also, was geschehen musste. Und deshalb war auch Seth, unser Herr und Retter, nicht schuld an dem Bösen, das durch ihn geschah. Er musste Osiris töten. Er war das Werkzeug von Gott-Mutter. Seth wusste es nur nicht.«

»Und Isis?«, flüsterte ich.

»Isis allein wusste es«, sagte meine Oma. »Sie allein wusste alles, denn sie ist die Eine und Alle, die Anfang und Ende in sich trägt und dennoch dem Befehl Gott-Mutters nicht gehorchte. Durch ihre Schuld kam die Sünde in die Welt.«

Ich fühlte mich innerlich wie ein Klumpen Eis.

»Es war eine andere Isis«, murmelte meine Oma, die meine Qual verstand. »Du bist die Reinkarnation der Reinkarnation der Reinkarnation in unendlicher Reihe. Und auch du weißt.«

Wir schwiegen minutenlang. Doch die Geschichte war noch nicht zu Ende, und so fuhr meine Oma mit der Erzählung fort. »Seth hatte die Waffe gut gewählt. Das spitze Horn des Mondes schnitt scharf wie eine silberne Sichel durch die goldenen Glieder seines Bruders. Schnell und so weit er konnte, warf Seth sie über das von der Sonne ausgedörrte Land, welches begierig das Blut aufsog.

Als er mit seiner Arbeit fertig war, strömte das Wasser des Nil rot vom Blut des Erschlagenen. Anubis aber schickte die Nachricht vom Tod des Sonnensterns und dem Sieg des dunklen Lichtbringers Seth mit dem lautem Heulen des Schakals über alle Welt.«

Ich dachte an den schwarzen Hund meines Großvaters, der nachts bei Vollmond zum Himmel hoch jaulte, bis alle Hunde ringsum in seinen Gesang einstimmten. »Hunde kennen immer ihren wahren Herrn«, hatte meine Oma mir irgendwann gesagt. »Hast du schon je einen Hund zur Sonne hinaufheulen gehört?«

»Nein«, hatte ich staunend erkannt.

»Siehst du!«, hatte meine Oma bedeutsam geantwortet. »Dann weißt du also, warum sie in den Mond heulen?«

»Weil sie Seth begrüßen?«, hatte ich unsicher geraten.

»Richtig!«, hatte meine Oma bestätigt. »Hunde sind die Söhne des Anubis. Und wenn der Mond aufgeht, grüßen sie ihren Herrn.«

»Opas Hund auch?«, hatte ich gefragt, denn ich wusste noch nicht, dass Fragen die eigene Dummheit besser offenbaren als Antworten und dass die Dummheit der Isis nicht mit Worten belehrt werden kann.

»Eines Tages wirst du es wissen«, hatte meine Oma damals orakelt. Und ich hatte in meinem Bauch das Zucken der Schlange Seth verspürt und diese Ahnung, dass ich die Antwort vielleicht Heber nie erfahren wollte.

Doch an diesem Abend, unter dem Licht des Orion, lag der Arm meiner Oma warm um meine Schultern, und ihr Atem streifte mein Ohr, als sie sprach. »Als Seth das Heulen des Anubis vernahm und das Blut seines Bruders im Nil strömen sah, verstand er erst wirklich, was geschehen war, und brach in lautes Weinen und Klagen aus. ›Hilf mir, Gott-Mutter‹, flehte er. ›Hilf mir, der ich das wahre Licht des Lebens bin, dass dieser Tod nicht umsonst gewesen ist. Lass mich meine Gemahlin Isis finden. Lass mich mit ihr die Unsterblichkeit des Lichts in seiner vollen Schönheit zeugen und erneuern. Hilf mir, Erdenvater, mit deinem heiligen Geist, denn du begehrst meine Mutter, wie ich Isis begehre.‹

Aber Gott-Mutter verbarg ihr Gesicht, und auch der Heilige Geist des Erdenvaters erhörte das Flehen ihres gemeinsamen Sohnes Seth nicht, denn ihr Schmerz um Osiris war zu groß. ›Geh‹, sprach Gott-Mutter. ›Es musste das Böse in diese Welt kommen. Doch wehe, durch wen.‹

Da machte sich Seth einsam auf die Suche nach seiner Geliebten. Und sein verzweifeltes Rufen erfüllte die Nacht mit ihrem Namen.

Isis aber verbarg sich in einem dichten Schilfgürtel. Heimlich las sie alle zerhackten Gliedmaßen ihres Liebsten auf und floh damit auf ihren Planeten Venus. An einem geheimen Ort der Kraft und Magie wusch sie den Leichnam mit kostbaren Essenzen und Kräuter-Ölen. Zuletzt umwickelte sie ihn mit starken Binden und Tüchern und küsste ihn wach. Da begann sich die Kraft des Lebens in ihm zu regen, und Osiris vereinigte sich mit seiner Geliebten ein letztes Mal, ehe Gott-Mutter seine Seele zum Nachthimmel zog und seinen schimmernden Astralleib in das Sternbild des Orion verwandelte.«

Meine Oma schwieg. Nachdenklich schauten wir zum Nachthimmel empor, wo wir das Sternbild des Orion leicht erkennen konnten. Als hätte Osiris sein irdisches Königreich Ägypten in sein Totenreich mitgenommen, fließt die Milchstraße wie der Fluss Nil zu seinen Füßen. Und wie das Licht aus unzähligen Häusern funkeln Sterne über Sterne zu beiden Seiten des Stroms. Osiris aber schreitet wie ein Hirte mit seinem Hirtenstab zwischen ihnen aus. Hell leuchtende Sterne schmücken seine Schultern und Knie. Und um seine Taille windet sich der Gürtel der drei Weisen, deren Sterne noch immer in einer unsichtbaren Linie mit Sirius, dem wachsamen Auge des Großen Hundes Anubis, verbunden sind.

»Auch dort oben errichtet er nun sein eigenes Königreich«, setzte meine Oma die Schöpfungsgeschichte unseres Glaubens fort. »Aber in Wahrheit gehört es nicht ihm allein, sondern auch Seth und den Seelen derer, die an Seth glauben.«

»Aber warum wissen das die Menschen nicht?«, rief ich. »Warum lesen sie ihre Bibel? Warum sagen sie, Jesus ist das Licht und die Auferstehung und das ewige Leben? Warum kennen sie Seth nicht wirklich? Warum nennen sie ihn Satan und das Böse der Welt?«

»Die Menschen sind dumm«, sagte meine Oma und legte mir die Hand auf den Mund, damit ich nicht weiterreden konnte. »Selbst die drei Weisen waren es, welche das Zeichen des Sirius erkannten. Sie werden von falschen Lichtern geblendet und merken es nicht. In ihrer Torheit folgen sie ihnen nach.

Du aber bist Isis. Du weißt. Willst du die Sünde der Isis erneuern, die sich blenden ließ wie die Menschen und durch ihre falsche Liebe noch immer den Falschen unsterblich macht?«

»Nein, Oma, nein!«, rief ich unter ihrer Hand hervor und zerrte an ihrem Handgelenk, damit sie mich nicht erstickte.

»Kind!«, seufzte meine Oma auf und legte die Hand, die sie von meinem Mund genommen hatte, über ihre Augen. »Möge die Kraft mit dir sein, wenn ich gehen muss. Du bist Isis. Geboren zur Rettung der Welt. Doch dein Geist ist schwach wie der Geist der Isis, deren Namen du trägst. Auch du bist in Gefahr, den Falschen zu lieben. Und ich kann dich nicht mehr lange lehren, denn ich bin alt.«

»Nein«, stieß ich hervor und legte die Hände über die Ohren, um nichts davon zu hören. »Du bist nicht alt.«

»Aber die falsche Macht ist immer noch in der Welt«, sagte meine Oma. »Es steht geschrieben im Buche Seth, dass Isis in der letzten Liebesnacht von ihrem Gemahl Osiris ein Kind empfangen hatte. Es war ihr egal, dass ihr rechter Bräutigam Seth jede Nacht voller Leidenschaft und Begierde nach ihr suchte und sich mit ihr paaren wollte. Ihre Zauberkräfte waren stark. Und so entkam sie ihm stets aufs Neue, indem sie ihm andere Frauen schickte, denen sie ihre Gestalt und Schönheit verlieh, damit sie Seth täuschten und sich ihm hingaben, um seine Kraft zu schwächen. Doch so oft sie ihm ein Kind geboren hatten, so war es doch nie das ersehnte. Nie war es das Große Tier 666, auch wenn es manchmal so schien.

Der einzige Sohn, den Isis selbst gebar, war Horus, der Sohn des Osiris. Er war schön wie sein Vater, der Sonnenstern, und Isis liebte ihn wie eine Mutter und eine Braut zugleich, damit er durch das Eintauchen in ihren Leib verzaubert werde und als die Wiedergeburt seines Vaters das Licht des Tages in die Welt zurückbringe und unsterblich werde.«

»Und Seth?«, fragte ich.

»Seth ist Gott, und Gott ist ewig«, antwortete meine Oma. »Unendlich ist seine Liebe zu Isis. Sie ist die Königin seines Herzens, die Bezwingerin seiner Finsternis und seine Fürstin der Nacht. In den Spiegeln ihrer Augen entsteht sein Bild zur Vollkommenheit. In den Tiefen ihres Leibes entspringen die Quellen seiner Kraft und die Macht seiner Wiedergeburt. Eines Tages wird er die Isis finden, die ihm bestimmt ist von Anfang bis Ende, die Eine, die Alle ist. In der Stunde der Wahrheit wird sie die Schale seiner Lust und Qual sein und ihm aus der Mitte ihres Leibes seinen Sohn gebären, der die drei in sich vereinigt: die Schwarze Schlange Seth-Vater, den Sohn als das Große Tier 666 und den Geist, der im Akt der Lust zur Schlange wird und wiedergeboren im Leib der Isis unsterblich ist.«

Die Worte meiner Oma ließen mich den Geist der Schwarzen Schlange in meinem Leib spüren. Sie bewegte sich in meiner Tiefe. »Bin ich Isis?«, fragte ich und schlug das Kreuz des Seth über mich, um meine Hand auf die Stelle legen zu dürfen, unter der ich die lebendige Schlange spürte.

Meine Oma sah mich lange an. Sie betrachtete mein Gesicht, meine blonden Locken und die meergrünen Augen, die ich von ihr geerbt hatte, meine flachen Kinderbrüstchen, den mageren Bauch mit meiner Hand darüber, und das noch unvollkommene Zeichen der Menat, das mich dennoch schon mit Seth vermählte. »Wir werden sehen«, meinte sie und strich mir über die Stirn. »Viele werden als Isis gezeugt und geboren und nach ihrem Namen benannt. Nur Eine ist Alle. Nur Eine ist die Kuppel der Venus, die Hügel der Lust, das Jammertal der Hölle, die Yoni Seths.«

»Und wann werde ich wissen, ob ich es bin?«, fragte ich.

»Bald«, versprach meine Oma und kleidete mich in Rot. Denn Rot ist die Farbe der Isis, deren Blut die Essenz des Lebens ist. Mächtig durch Zauberei und Worte der Kraft ist sie Herrscherin und Gebieterin des Grabes, Mutter am Ende des Himmels und Hüterin der verborgenen Orte des Seth.

Noch heute hasse ich Rot.

KAPITEL 2

Sie kamen um 21 Uhr, um mich zum Fest zur holen. Ich war aufgeregt in meinem roten Mantel, unter dem ich ein rotes Kleid, rote Strümpfe und feste Schuhe trug, denn ich freute mich auf das Fest. Ungeduldig lauschte ich immer wieder zur Tür hinaus, während meine Oma sich ankleidete. Und endlich hörte ich sie. »Sie sind da!«, schrie ich über die Schulter zu meiner Oma zurück und rannte hinaus auf den Hof.

Ich erkannte ihr Kommen am Motorgeräusch und an der Art, wie der Wagen über die holprigen Katzenkopfpflastersteine der Gasse fuhr, die auf der anderen Seite der Hofmauer verlief, und dann auf unserem säuberlich gefegten und im Fischgratmuster gerechten Vorhof stoppte. Das seltsame, leise zischelnde Rauschen der Reifen durch das aufgeraute Erdreich des Hofbelags war für meine Ohren unverwechselbar und vermischte sich mit dem Klopfen der Kolben und Ventile zu einem ganz einmaligen Klang. Unter allen Autos dieser Welt hätte ich dieses eine blind herausgefunden. Wahrscheinlich noch immer.

Mein Onkel Bernd war der Fahrer. In seinem schwarzen Sonntagsanzug saß er hinter dem Steuer und stieg auch nicht aus, als sich meine Mutter, die auf dem Beifahrersitz gesessen hatte, sowie mein Vater mit Tante Gesine, Onkel Friedmann und meiner Cousine Edda nacheinander, mit dem Po zuerst, aus den Türen des Fonds schoben.

»Was ist mit Kaffee?«, fragte meine Oma, die zum Willkommen mit der dickbauchigen Blümchenkanne auf der Türschwelle stand.

»Seid ihr fertig?«, fragte mein Vater zurück und winkte sie mitsamt dem Kaffee fort ins Haus. »Wir sind spät dran. Ist der Anhänger so weit?«

Meine Oma nickte mit dem Kopf zur Scheune hinüber, aus deren halb aufgeschlagener Tür meine Mutter und Onkel Friedmann soeben einen zweirädrigen Wagen zogen und ...

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