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Irritationen – Geheimnisse Unheimliches Absurdes

Ellen Kindschuh-van Roje

IRRITATIONEN

Geheimnisse    Unheimliches    Absurdes

Inhalt:

Verharren

Nah und fern

Ich werde mein Rot noch finden

Mord in der Kleinstadt

Der Weg

Die Maschine

Das Spiel beginnt

Der Schrei

Monotonie

Das Credo

Ein Liebes-Märchen

Im Gegenzug

Verharren

„Bleiben Sie stehen!“, erscholl der laute Ruf.

Der Mann an der Ampel verstand es nicht, er hatte nicht die Absicht gehabt, die Straße zu überqueren. Er schaute sich fragend und zaudernd um, sah niemanden. Das grelle Sonnenlicht, das die letzten schwachen Strahlen des Sommers verhieß, ließ ihn blinzeln. Er wollte wissen, wer ihn gerufen und zum Stehenbleiben veranlassen wollte.

Herr Dannenberg drehte seinen kahlgeschorenen Kopf und blickte den Fremden durch die runde Hornbrille irritiert an.

Herrn Dannenbergs sportlich legere Kleidung und seine Schuhe sprachen von einer teuren Marke. Hängende Wangen, triefende Lider, nach unten gezogene Mundwinkel, überlange Arme, zu große Hände und ein schleppender Schritt kennzeichneten ihn.

Er verharrte leicht gebeugt an der Ampel, geradezu bewegungsunfähig, gehorchte der drohenden Befehlsstimme aus dem Nichts.

Warum wollte der Rufer ihn warnen, und wovor? Was, wenn er ihm schaden wollte?

Herr Dannenberg versuchte sich langsam vom Schall wegzubewegen. Schritt für Schritt setzte er seine Füße vorsichtig in Richtung von der Ampel weg. Der Park lag nahe. Dort war er in Sicherheit, dachte er.

Seine Frau hatte er verlassen, war einfach ohne ein Wort aus dieser zehnjährigen problematischen Ehe weggelaufen, trank sich anschließend Mut an, um zu vergessen. Ines, diese stolze Frau mit ihrer geheimnisvollen Ausstrahlung hatte so gar nicht zu ihm gepasst. Die Gespräche zwischen ihnen waren stets kurz und sachlich gewesen, bis auf den Sex, der war es nicht. Kinder hatten keinen Platz bei ihm. Sie belästigten und bedrängten ihn eher. Und wenn er seine Freunde beobachtete, dachte er: Wie können sie sich das nur zumuten? Ines quälte ihn mit ihrem Kinderwunsch, es gab viel Streit und keine Aussicht auf Lösung.

Der Abend war hell erleuchtet, das Licht der Leuchtreklamen fraß sich seinen Weg bis in den Park und bestrahlte ihn, besudelte ihn. Herr Dannenberg warf sich in die Dunkelheit und schwamm davon. Der erneute Schrei „Halt! stehen bleiben!“ erreichte ihn trotzdem noch. Er tat wiederum, was ihm von der Stimme befohlen. Eine eiserne Hand hielt plötzlich seinen Kopf fest, drehte ihn bis zum Anschlag nach links und etwas knackte. Er sah sich als zerbrochenen Spiegel, fasste um sich, um den Angreifer zu erreichen.

In seinem Inneren drehten sich die Gedanken. Wer wollte ihm was tun? Gelähmt gab er sich der Drehung hin und verharrte angsterfüllt. Noch ein Stück weiter, und er würde wie eine morsche Glasplatte zerbrechen. Der fremde Angreifer verhieß ihm lauthals Freiheit, wenn er stehenbliebe und sich nicht bewege. In seinem Gedärm brauste und zitterte es, so als müsse er sich übergeben. Seine Zähne klapperten aufeinander, das Herz war auf Augenhöhe angekommen, sein Atem ging stoßweise, der Blick starr und die sonst hängenden Lider nach oben geschoben und weit aufgerissen. Er fühlte sich gefangen in seiner Welt, der Fremde und er vereint in einem festen Griff.

„Wenn ich stehenbleiben rufe, dann muss man stehen bleiben“, befahl der Fremde kalt.

Herr Dannenberg verstand es immer noch nicht, verharrte in Todesangst.

Der Fremde lockerte seinen Griff zunächst noch nicht.

„In Afghanistan musste man auf das Kommando hören, sonst war man tot,“ schnarrte er. „Die vielen Toten, die zerfetzten Körper, die unschuldigen Frauen und Kinderleichen, sie sind alle nicht sofort auf Anruf stehen geblieben. Stehenbleiben ist mein Credo und ich will, dass das jeder erfüllt.“

Herrn Dannenberg wurde es immer unheimlicher zumute in Gegenwart des Fremden.

„Wer nicht stehenbleibt, den bringt es um.“

Herr Dannenberg schwitzte, sein Herz raste und jetzt lockerte der Fremde plötzlich seinen Griff. Dannenberg genoss das Gefühl neue Luft in seine Lungen einzusaugen und die Nacht erschien heller. Es schauderte ihn noch immer davor, den Fremden anzusehen, den Kopf zu wenden.

„Da gab es viele Situationen, die ich nie mehr vergessen kann. Mädchen zählen in Afghanistan nicht viel. Ein afghanischer Vater lief plötzlich vor unser Militärauto und warf seine fünfjährige Tochter davor. Wir haben sie nicht getötet. Wir sind stehengeblieben. Stehenbleiben kann Leben retten,“ fügte der Fremde eindringlich hinzu.

Herr Dannenberg war verwirrt.

Ines hatte vor Jahren einen schlimmen Fahrradunfall, er half ihr nicht nach einem heftigen Streit. Er blieb nicht stehen, um ihr zu helfen, fuhr davon.

Herrn Dannenberg gelang es, sich langsam aus dem Griff des Fremden zu lösen, und er floh aus dessen Nähe, stolperte durch den Park. Er schaute sich nicht um, wollte den Fremden nicht sehen und in seine Welt hineinlassen. Stehen bleiben – kein Tod – stehen bleiben – Tod, schwirrte es ihm durch den Kopf.

Er erinnerte seine Kindheit in seiner kleinen Familie. Vater, Mutter und er. Beide Eltern arbeiteten sehr viel, der Vater als LKW-Fahrer oft abwesend, die Mutter lange Tage in einem Supermarkt an der Kasse, seine Kindheit zu Hause wurde zum Fluchtpunkt. Er haute gern ab, ging gern zur Schule, freute sich, täglich das Haus verlassen zu können und andere interessantere Leute sehen zu dürfen.

Zu Hause stritten die Eltern meistens, wenn sie aufeinandertrafen. Er sah zu. Er hörte zu. Er spürte Angst. Die Mutter fühlte sich in der Ehe nicht gut und er hörte, wie sie sich ab und zu mit einem Liebhaber traf.

Eines Tages kam er nach Hause und hörte seine Mutter im Schlafzimmer. Er rannte schnell aus dem Haus mit wehendem Haar und Hass im Herzen auf den fremden Eindringling.

Seine Mutter schaute allerdings glücklich aus. Aber er mochte keinen anderen Mann im Haus. „Ich will so schnell wie möglich weg.“ Als Jugendlicher begriff er die Brisanz der Geschichte besser und hatte manchmal Mitleid mit seinem Vater, der von alldem nichts mitbekam und bei der Mutter blieb.

Die Jahre flossen vorbei, eine Jahreszeit reihte sich an die andere. Verwirrung, Unglück, Unzufriedenheit, Hilflosigkeit, Wehmut waren seine Begleiter. Er hielt Stillstand schlecht aus, war getrieben. Er bezog verschiedene Wohnungen für nur kurze Zeit, wechselte hektisch seine Bleibe, wenn ihm irgendetwas nicht passte, wechselte seinen Arbeitsplatz, wenn er sich gemobbt fühlte oder sein Gehalt nicht seinen Vorstellungen entsprach. Kurze Freundschaften mit Frauen gingen bei kleinen Konflikten auseinander.

Stehenbleiben ist nie gut, dachte er oft und hastete durchs Leben. Der Ruf des Fremden nach Stehenbleiben kam ihm in den Sinn. Stehenbleiben kann Leben retten, das hatte er jetzt verstanden. Aber das kann das Leben auch erschweren, Unglück und Verzweiflung und Schlimmeres nach sich ziehen.

Herr Dannenberg lief weiter ziellos durch die dunkle Stadt, achtete genau darauf, wer ging und wer stehen blieb, dachte sich bei jedem Menschen ihre persönlichen Geschichten dazu aus, wieso sie liefen oder stehen blieben. Sollte er gehen oder stehen bleiben? Stehenbleiben kann Leben retten, ging es ihm wie ein Mantra durch den Kopf.

Einmal blieb er stehen, der ICE nicht.

Nah und fern

Das Küchenfenster weist zum Hof hinaus und zum gegenüberliegenden Gebäude mit dem grauen Schieferdach. Rechts und links wird das Fenster von makellosem Eichenholz hochherrschaftlich eingerahmt. In der Sonne glänzt es lüstern, ich spiegele mich darin, an trüben Tagen hingegen liegt es ermattet und fahl darnieder.

Von draußen kann man problemlos das Innere im Blick haben, kann alles beobachten, was sich in dem Raum hinter diesem Rahmen abspielt.

Die erste Briefmarke klebe ich auf die linke obere Seite des Fensters. Der Kleister haftet so fest an meiner Hand, als wolle er mir die Haut abziehen.

Die Bäume vor dem Haus neigen sich zum Fenster, der Wind lässt sie lebendig sein, sie schaben mit ihren Ästen an der Fensterscheibe und erscheinen wie lange dünne alte Arme, die in ihren letzten Zügen nach Halt suchen. Ich klebe und klebe und klebe.

Das Haus auf der gegenüberliegenden Seite hat viele Fenster und Balkone mit bunten Geranien und anderen alten Gewächsen.

Ich klebe und klebe und klebe.

Frau Herbst schaut aus einem der Fenster hinter den gekräuselten Gardinen heraus und winkt mir zu. Ich winke zurück, notiere mir in meinem kleinen Notizbuch, dass ich den Eindruck habe, sie sei sehr allein und müsse sich durch mein Küchenfenster klammheimlich Freude stehlen.

Das Licht teilt mein Küchenfenster gleichmäßig ein in lange, klar abgegrenzte Streifen Helligkeit. Beim Haus gegenüber fällt ein grauer Schieferdachziegel zu Boden.

Ich hingegen klebe die nächste Marke aus Thailand in die rechte obere Ecke.

Meine Sicht bleibt nach wie vor ungetrübt, aber dem grauen versehrten Schieferdach von gegenüber fehlt jetzt ein Stück. Ist das Haus somit noch vollständig?

Die nächste Marke amputiert Frau Herbst einen Teil ihres Unterarmes, mit dem sie mir zuwinkt. Die 70-jährige Witwe ist einsam und das immer ganz besonders am Abend, dann kann sie nicht aus dem Fenster schauen, da fällt die Welt in sich zusammen und lässt nur noch gelegentlich ein paar Sterne übrig. Doch jetzt ist es erst Mittag, also lugt Frau Herbst vorsichtig hinter ihrer kleinen Nische hervor.

Soll ich Frau Herbst noch etwas mehr wegnehmen außer ihrem Arm?

Die nächste Marke aus Irland klebt. Die Sonne steht hoch am Himmel, lässt ihre grellen Strahlen wandern und verwandelt meine Umgebung in eine Badewanne voll mit goldenem Licht.

Geklebt habe ich schon immer gern, was darunter war, konnte verschwinden, es war, als hätte es das nie gegeben. Kleben heißt verstecken. Das Versteckte wird zwar akzeptiert und behalten, aber verdeckt.

Auf einmal muss ich an meine alten Schulhefte denken, in denen ich meine Fehler oft einfach überklebte. So waren die Unzulänglichkeiten schlicht unsichtbar, ohne ganz zu verschwinden.

Da kleben wieder zwei aus Kanada.

Draußen wird es immer heller, das Licht krabbelt in die kleinste Ecke des Gartens und beleuchtet messerscharf jeden Halm. Es ist Sommer. Mir gegenüber sitzen die Nachbarn auf ihrem Balkon und sonnen sich. Sie halten ihre Füße über die Brüstung und wackeln mit den Zehen. Ich klebe meine Marke aus Pakistan drauf und patsch, so ist schon wieder ein Fuß mit Sandale verschwunden.

Jetzt klebt Indien, neben der Marke links oben.

Im Garten schräg gegenüber schwappen Kinderstimmen zu mir hoch, verwirren mich etwas, Gläser klirren, ich sehe die Kleinen auf einer Schaukel sitzen, die bunten Beine frech in die Luft gestreckt. Die Schaukelbewegung wird jäh unterbrochen, die Kinder hängen in der Luft als ...

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