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Iron Witch - Die Waldkönigin

Inhalt

  1. Cover
  2. Über dieses Buch
  3. Über die Autorin
  4. Titel
  5. Impressum
  6. Widmung
  7. DONNA UNDERWOODS TAGEBUCH
  8. Eins
  9. Zwei
  10. Drei
  11. Vier
  12. Fünf
  13. Sechs
  14. Sieben
  15. Acht
  16. Neun
  17. Zehn
  18. Elf
  19. Zwölf
  20. Dreizehn
  21. Vierzehn
  22. RACHEL UNDERWOODS TAGEBUCH
  23. Fünfzehn
  24. Sechzehn
  25. Siebzehn
  26. Achtzehn
  27. RACHEL UNDERWOODS TAGEBUCH
  28. Neunzehn
  29. Zwanzig
  30. Einundzwanzig
  31. Zweiundzwanzig
  32. Dreiundzwanzig
  33. DONNA UNDERWOODS TAGEBUCH
  34. Anhang
  35. Danksagungen

Über dieses Buch

Donna Underwood ist kein normales Mädchen. Sie ist die Erbin einer alten Alchemistenfamilie, gebrandmarkt mit magischen Tätowierungen, die ihr besondere Fähigkeiten verleihen. Um ihren besten Freund aus den Fängen der bösartigen Waldkönigin zu retten, musste sie das Elixier des Lebens stehlen. Deshalb steht sie jetzt vor dem Gericht der Alchemisten. Doch das ist noch nicht alles: Die Waldkönigin will sich an Donna rächen und hat es nun auf ihre Mutter abgesehen …

Über die Autorin

Karen Mahoney hat in verschiedenen erfolgreichen Anthologien veröffentlicht. Nach »Iron Witch – Das Mädchen mit den magischen Tattoos« ist »Die Waldkönigin« ihr zweiter Roman. Die Autorin lebt in der Nähe von London und träumt davon, eines Tages nach Boston zu ziehen. Sie schreibt einen stark besuchten Blog und ist gemeinsam mit anderen New-York-Times-Bestseller-Autoren online unter www.deadlinedames.com vernetzt.

Karen Mahoney

Iron Witch

Die Waldkönigin

Übersetzung aus dem amerikanischen Englisch
von Christina Pfeiffer

Für Mama, die alles liest, was ich schreibe, und die ständig fragt:
»Wann bekomme ich Nachschub?«

DONNA UNDERWOODS TAGEBUCH:

Das Waldmonster ist tot.

Ich weiß, dass es wahr ist, denn ich habe es getötet. Und trotzdem werde ich in meinen Träumen noch immer von Angst und Schmerz geplagt, obwohl es nun eine andere Art Angst ist und eine neue Art Schmerz.

Heute bin ich im Morgengrauen aufgewacht. Meine Decke lag auf dem Boden, der Schlafanzug klebte an meinem Körper, und meine schweißnassen Haare hingen mir in die Augen. Meine Hände und Arme schmerzten auf vertraute Weise. Das silbern glänzende Muster wand sich wie ein lebendes Tattoo um meine Handgelenke. Dass es sich manchmal so anfühlte, als wäre es tatsächlich lebendig, kam jedoch nur von der Magie. Durch alchemistische Magie gezeichnet zu sein macht dich selbst an guten Tagen ganz verrückt im Kopf. Und momentan war ich von guten Tagen weit entfernt.

Nachdem ich zu mir gekommen war, machte ich das Licht an, um die Schatten zu verjagen. Ich versuchte, mich daran zu erinnern, was ich geträumt hatte. Welcher Albtraum hatte mich diesmal aus dem Schlaf gerissen? Aber die Zeichen, Geräusche und verwirrenden Bilder waren schon weg. Geschmolzen, wie der Frost vor meinem Schlafzimmerfenster.

Wenn ich mich doch nur genauer an diesen Albtraum erinnern könnte. Ich bin sicher, dass er mir irgendetwas Wichtiges sagen will; etwas, das ich wissen muss oder tun soll. Es fühlt sich an wie eine Warnung, aber wie soll ich eine Warnung ernst nehmen, die so flüchtig erscheint und so schnell wieder verschwindet? Die einzige bleibende Erinnerung ist der Anblick meiner Mutter, die unter einem sterbenden Baum sitzt, in einer völlig leeren, verwüsteten Einöde. Ihr Gesicht, verdeckt von ihrem zerzausten roten Haar, ist weiß wie Elfenbein. Die weiße Strähne über ihrer Stirn ist zu einem bizarr wirkenden Zopf geflochten, durch den sich ein hellgrünes Band zieht.

Und all die Krähen; Unmengen von ihnen kreisen am indigoblauen Himmel und verlieren ölige Federn, die wie schwarze Blütenblätter aussehen.

Vielleicht habe ich diese Angstträume auch nur wegen des Verhörs, das mir bevorsteht. Tante Paige wird wütend, wenn ich es so nenne – meinen »Prozess« –, aber ist es nicht genau das? Sie sagte, es sei nur eine »interne Untersuchung«, nichts weiter als die übliche Routine, wenn etwas Ernstes passiert ist. Doch mal ehrlich, wo ist der Unterschied? Wenn die Anhörung heute beginnt, werden Vertreter der drei anderen Orden über mich richten, und wenn das kein »Prozess« ist, dann weiß ich nicht, was es sonst sein soll.

Mein erster Gedanke beim Aufwachen war, mit Nav über meinen Traum zu reden. Ich wollte ihm von den Bildern erzählen, an die ich mich noch erinnern konnte, die immer mehr verblassten, und ihn bitten, mir dabei zu helfen, herauszufinden, was sie mir sagen wollen. Aber die Realität traf mich so hart, dass ich zurück in die Kissen sank: Navin spricht kaum noch mit mir. Nach allem, was vor Kurzem passiert ist, kann ich ihm das auch nicht wirklich übel nehmen.

Er hat mir die Einzelheiten seiner Entführung durch die Waldelfen noch nicht erzählt. Er wird sich mir gegenüber nie wieder so öffnen können wie früher. Und ich weiß, dass ich das verdient habe, angesichts all der Geheimnisse, die ich während der gesamten drei Jahre unserer Freundschaft vor ihm hatte. Er hat recht, wenn er mir nicht mehr vertraut. Wie können wir echte Freunde sein, wo ich so viel vor ihm verheimlicht habe? Wie kann er mir jemals verzeihen, nachdem die magische Wirklichkeit meines bescheuerten Lebens ihn in etwas so Schreckliches hineingezogen hat, dass er es nicht einmal schafft, darüber zu reden?

Xan sagt, ich soll ihm Zeit geben. Auch Tante Paige ist der Meinung – als würde sie das wirklich interessieren. Aber mit jedem Tag, der vergeht, spüre ich, wie er mir weiter entgleitet …

Ich vermisse meinen besten Freund.

Eins

Donna setzte sich aufrecht in ihren Stuhl und versuchte, sich nicht anmerken zu lassen, dass in der vergangenen halben Stunde nach und nach Nagel für Nagel in ihren Sarg geschlagen worden war.

Simon Gaunt dabei zuzuhören, wie er die Liste ihrer »Verbrechen« herunterleierte, war fast so schlimm, wie sich einen Vortrag über altgriechische und lateinische Literatur anhören zu müssen.

Fast.

Ihre Finger ballten sich in den langen Samthandschuhen, die sie immer trug, zu Fäusten. Seit zehn Jahren waren sie schon ein fester Bestandteil von ihr, um zu verbergen, wer sie wirklich war. Und doch war alles, was sie jemals gewollt hatte, ein bisschen Normalität, an der sie sich festhalten konnte; ein normales Leben.

Vor Kurzem hatte sie allerdings angefangen, den Gedanken zu akzeptieren, dass man nicht immer alles bekommt, was man sich wünscht. Das Beste draus zu machen war häufig die einzig brauchbare Lösung. Aber das bedeutete nicht, dass es ihr auch gefallen musste.

Ihr Leben schien sich in eine endlose Achterbahnfahrt voller verrückter Ereignisse verwandelt zu haben, und so langsam war sie echt stinksauer.

Alles, was sie wusste, oder glaubte zu wissen, basierte auf einem fein gesponnenen Netz aus Geheimnissen und Lügen, und ihr blieb nichts anderes übrig, als es hinzunehmen. Mit ihren gerade mal siebzehn Jahren würde Donna noch für ein weiteres Jahr unter dem Einfluss des Ordens stehen, egal wie sehr sie sich wünschte, es wäre anders.

Sie biss sich auf die Lippen und sah sich in dem provisorischen Gerichtssaal um; in Wirklichkeit war es nur ein alter Speisesaal, der vor einigen Jahren in einen Ort der Zusammenkunft umgestaltet worden war. Staubteilchen glitzerten in der Luft, und vom Geruch der süßlichen Möbelpolitur wurde ihr leicht übel. Der Raum schien voller mürrischer alter Männer zu sein, abgesehen von einem jungen Kerl, ein großer asiatischer Typ, der ein unfassbar schräges Make-up im Gothic-Stil aufgetragen hatte und ihre Neugier weckte. Und natürlich war da noch Paige Underwood, die mit blasser, gefasster Miene schweigend weiter hinten im Raum saß. Abgesehen davon waren auch noch Vertreter aus den vier alchemistischen Orden anwesend, die meisten über sechzig Jahre alt, grauhaarig und männlich. Donna ließ ihre Augen für einen Moment auf der einzigen anderen Frau ruhen, die sich außer ihr und ihrer Tante im Raum befand. Eine zierliche Blondine, die etwa im gleichen Alter war wie Tante Paige und die den Gothic-Typen zu kennen schien.

Donna schaute kurz rüber zu den versammelten Funktionären, bevor ihr Blick den ihrer Tante kreuzte. Lautlos formte sie die Frage aller Fragen, die sie bereits beschäftigte, seit sie beobachtete, wie ein Alchemist nach dem anderen seinen Platz einnahm: Wo ist Maker?

Einen Augenblick lang sah es aus, als würde Tante Paige die Frage entweder ignorieren oder so tun, als verstünde sie sie nicht, doch schließlich deutete sie auf ihre Uhr, und ihre Lippen formten lautlos das Wort später.

Später? Was sollte das bitte schön heißen? Während sie noch einmal den ganzen Raum mit den Augen absuchte, wuchs in ihr die Sorge darüber, dass alle Alchemisten außer Maker anwesend waren. Vor dieser Anhörung war er ihre einzige echte Unterstützung gewesen, und dafür war sie wirklich dankbar. Darum war sein Erscheinen hier mehr als nur wichtig, insbesondere, wenn man die kleine Nebensache bedachte, dass er eigentlich ihre verdammte Verteidigung hätte übernehmen sollen.

Natürlich stand ihre Tante auch irgendwie auf ihrer Seite, aber bei genauer Betrachtung musste sie zugeben, dass Paige bis jetzt noch nicht wirklich ein gutes Wort für sie eingelegt hatte. Sie war nicht einmal eine große Unterstützung gewesen, was die Anhörung anging. Es tat weh, sich das einzugestehen, aber Donna war realistisch: Tante Paige war immer noch wütend auf sie, weil sie es gewagt hatte, hinter ihrem Rücken herumzuschnüffeln.

Angeblich war Simon der Sekretär des Drachenordens – eine Art Verwalter –, Donnas jüngste Entdeckung seines geheimen Labors ließ jedoch vermuten, dass es viel mehr mit ihm auf sich hatte, als sie bislang geglaubt hatte. Nur ein vollwertiger Magier besaß ein Labor wie dieses; eines, für dessen Geheimhaltung der Orden offensichtlich allerhand auf sich nahm. Was wiederum die Frage aufwarf: Wenn es stimmte, dass Simon ein Magier war, warum wollte der Orden die Tatsache, dass es einen solch mächtigen Mann innerhalb ihrer mehr und mehr schrumpfenden Riege gab, vertuschen? Das ergab alles keinen Sinn.

Donna versuchte, diese Verschwörungstheorien aus ihrem Kopf zu verbannen, und war dabei hin- und hergerissen zwischen dem Gedanken, wie lächerlich die ganze Sache war, und der Angst, was genau ein Verhör durch Alchemisten beinhalten würde. Sie hatte den Orden um etwas sehr Wertvolles, vielleicht sogar Unschätzbares gebracht, und sie hatte deren Geheimnisse einem »Gewöhnlichen« anvertraut. Ganz zu schweigen davon, dass sie sich mit einem Mann angefreundet hatte, in dessen Adern Feenblut floss.

Oje, ich bin so was von geliefert!

Sie seufzte und versuchte, sich wieder auf ihre Umgebung einzustellen. Sie warf einen Blick auf Quentin Frost, den Erzmeister des Drachenordens, und bemerkte, dass er müde aussah, sehr sogar. Sicher, er war alt, aber eine Art Aura der Erschöpfung hatte sich wie eine dicke graue Wolke um ihn gelegt.

Simon hatte seine Strategie geändert und sprach jetzt in einem beeindruckenden Tonfall, der immerhin leicht unterhaltsam war. Er benahm sich, als stünde er auf der Bühne und liefere einen Shakespeare-Monolog ab; die Hände locker hinter dem Rücken verschränkt schritt er auf dem hässlichen braun gemusterten Teppich auf und ab. Dabei gab er ein eher unscheinbares Bild ab – durchschnittlich groß und mager, mit schütterem Haar und einer schlichten Nickelbrille, in der sich das Licht spiegelte, wenn er sich bewegte. Er schien große Freude daran zu haben, jede einzelne von Donnas Verfehlungen aufzuzählen.

Als er zu dem Teil »Verbrüderung mit dem Feind« kam, musste sie sich sehr beherrschen, nicht aufzustehen und »Einspruch!« zu schreien. Das wäre vermutlich nicht allzu clever gewesen, außerdem war das ja kein Prozess, wie Tante Paige sie gern erinnerte. Eine »Anhörung« war Folgendes: eine Gelegenheit für die Vertreter aller Orden, zu erfahren, was Donna getan hatte, und über eine angemessene Strafe zu entscheiden. Natürlich waren die Alchemisten der Meinung, dass Donna sie auf fast jede denkbare Weise verraten hatte.

Mitgefühl dafür, was ihre eigentlichen Motive gewesen waren, gab es kaum, aber das überraschte sie auch nicht weiter.

Vor zwei Wochen hatte Donna ein Fläschchen von den Alchemisten gestohlen – mit den letzten noch verbliebenen Tropfen des angeblich mythischen Elixiers des Lebens –, um es der Waldkönigin Aliette zu geben, im Austausch für Navins Leben. Aber als sie aus dem Ironwood flohen, hatte sie das Fläschchen so weit sie konnte in den Wald geworfen, wo es zerbrach und somit unbrauchbar für Aliette wurde. Klar, damit hatte sie die einzige Hoffnung der Waldelfen auf eine Verlängerung ihrer dahinschwindenden Existenz zerstört, doch das Einzige, was die Alchemisten interessierte, war die Zerstörung des Elixiers des Lebens.

Die vergangenen Tage hatte sie mit Hausarrest und qualvollen Gedanken verbracht; nicht über den bevorstehenden Prozess, wie Tante Paige zweifelsohne vermutete, sondern darüber, welche Rachepläne die Waldkönigin für das Mädchen schmiedete, welches sie ausgetrickst hatte. Aliette war nicht die Art von Kreatur, die es einfach hinnahm, wenn sie betrogen wurde.

Donna hielt ihr Handeln immer noch für gerechtfertigt. Sie hatte doch gar keine andere Wahl gehabt. Sie musste Navins Leben retten, aber trotzdem hatte sie nicht das Recht, all das aus der Hand zu geben, wofür der Orden die letzten Jahrhunderte gekämpft hatte. Denn obwohl sie die Arbeit der Alchemisten anzweifelte, und ob sie nun auf der Seite der »Guten« stand, wovon sie eigentlich überzeugt war, oder nicht, hatte sie dennoch der Waldkönigin nicht einfach das Elixier aushändigen können. Denn damit hätte sie die Menschen verraten, die ihre Familie waren – was auch immer geschah. Natürlich war es völlig egal, wie oft sie versuchte, die anderen von ihrer Unschuld zu überzeugen, und es machte nicht den geringsten Unterschied, dass auch Maker sich für sie einsetzte. In den Augen des Ordens war sie eine Verräterin, egal wie gut ihre Absichten in ihren eigenen Augen gewesen waren.

Donna vermutete, dass die Alchemisten insgeheim besorgter darüber waren, dass sie sich mit einem Halbblut eingelassen hatte; mit jemandem, der weitaus mehr über den Konflikt zwischen den Waldelfen und dem Drachenorden wusste. Mit seinem Halbblutstatus stellte Alexander Grayson, der Sohn einer menschlichen Mutter und eines Vaters, der schon vor langer Zeit wieder nach Faerie zurückgekehrt war, in den Augen des Ordens eine noch viel größere Gefahr dar als jeder Gewöhnliche. Denn die Alchemisten stuften grundsätzlich jeden, der nur einen Hauch von Feenblut in sich trug, als gefährlich ein. Jedes Mal, wenn sie zu viel darüber nachdachte, glaubte Donna, ihr Kopf müsste explodieren. Abgesehen von der abscheulichen Wut, die ihr mit dieser Erkenntnis gekommen war, erklärte es auch, warum sich Simon ihr gegenüber so missbilligend verhielt: Ihr bester Freund, Navin Sharma, war nicht nur ein Gewöhnlicher, sondern, viel schlimmer noch, ihr »Fast-Freund« war, alleine aufgrund seiner Geburt, ein Feind der Alchemisten.

Sie stützte ihr Kinn in die Hand und wartete in Simons Oratorium auf eine Pause. Sie musste dringend aufs Klo.

Simon gab gerade einen Ausblick auf den Zeitplan für die kommenden Tage. Donna verkniff sich ein Augenrollen; es waren so viele sinnlose Rituale dabei. Anscheinend würden alle Mitglieder dieser Dringlichkeitssitzung des Rates so lange im Frost Anwesen Quartier beziehen, bis ein endgültiges Urteil über ihre Bestrafung gefällt wurde. Über die Angelegenheit sollte in den nächsten Tagen entschieden werden.

Ihr war klar, dass sie der ganzen Angelegenheit mehr Aufmerksamkeit schenken sollte, aber das war angesichts ihrer ständig abschweifenden Gedanken eher schwierig. Früher, als sie noch die Ironbridge High School besuchte, hatten sie die schrecklichen Hexenverfolgungen des siebzehnten Jahrhunderts in Neu-England durchgenommen. Das war allerdings gewesen, bevor sie wegen mutwilliger Zerstörung von Schuleigentum und Bedrohens eines Mitschülers von der Schule geflogen war. Vielleicht hatten die Alchemisten vor, sich ein Beispiel an der Geschichte Massachusetts zu nehmen und sie in den hiesigen Fluss einzutauchen, um ihre dämonischen Fähigkeiten zu testen. Und bei meinem Glück werde ich wie ein Stein sinken, wegen all des Eisens in meinem Körper, dachte sie.

Sie lächelte kläglich in Anbetracht ihres Galgenhumors, den sie normalerweise mit Nav teilen würde, und bemerkte, dass Simons Ausschweifungen sich tatsächlich dem Ende zuneigten …

Donna stieß fast einen hörbaren Seufzer der Erleichterung aus, schaffte es aber gerade noch rechtzeitig, sich zu beherrschen.

Doch dann rieb er seine Hände in einer schrecklich vertrauten Geste aneinander; das Geräusch seiner trockenen Handflächen klang plötzlich zu laut in dem kleinen Raum, und er sagte: »Als Nächstes werden wir die Vertreter des Löwenordens hören. Wenn ich bitten dürfte …«

»Simon.« Quentin hatte das Wort. Seine Stimme war leise, aber unerbittlich. Es reichte schon, wie er den Namen »Simon« aussprach, dass jeder sofort wusste, wer hier der Erzmeister des Ordens war und wer der Sekretär.

Zumindest dem Titel nach, dachte Donna.

Quentin positionierte sich langsam vor den Anwesenden im Raum: dem Rat der Alchemisten. Simon, der schleimige Bastard, saß brav auf seinem Stuhl und lächelte schwach. Donna betrachtete diesen unsympathischen Menschen mit den glasigen Augen, die ihr immer zu groß vorkamen für sein schmales Gesicht. Sie fragte sich ernsthaft und nicht zum ersten Mal, was in aller Welt Quentin an ihm fand. Sie selbst konnte nur schwer glauben, dass Simon mächtiger war als der Erzmeister selbst. Vielleicht sogar mächtiger als Maker. Natürlich konnte sie das nicht mit Sicherheit sagen. Es war nur eine Art wachsender Verdacht. Und ihr wurde immer bewusster, wie wichtig es war, auf ihre innere Stimme zu hören. Denn auf diese Weise war sie schon bei ihrem Wettlauf gegen die Zeit, als sie Navin retten musste, aus mehreren heiklen Situation herausgekommen.

Der Erzmeister machte ein paar Schritte nach vorne. Dabei wirbelte seine lange, rote Robe hinter ihm auf. »Der Drachenorden spricht im Namen aller Alchemisten, die sich in diesem Raum versammelt haben. Sind alle damit einverstanden?«

Ein Raunen ging durch die Menge, als die Alchemisten zustimmend nickten.

Quentin umklammerte den Rand des geschnitzten hölzernen Lesepults vor sich, und nur das Weiß seiner Knöchel verriet, dass er sich eher Halt suchend festhielt und nicht etwa, um offizieller zu erscheinen. Seit jeher erinnerte er Donna an Santa Claus, und auch seine Persönlichkeit entsprach diesem Bild. Er war stets nett zu ihr gewesen, und sie dachte gerne daran, wie er ihr vorgelesen hatte, während sie sich von den magischen Operationen erholte, die ihre Arme und Hände gerettet und ihre Tattoos verursacht hatten. Im vergangenen Winter war Quentin mehrere Monate krank gewesen, und seither war er nicht mehr derselbe. Er schien in nur wenigen Wochen um Jahre gealtert zu sein, und die Alchemisten hatten Angst um sein Leben. Donna erinnerte sich, wie besorgt Tante Paige gewesen war und dass man sogar darüber gesprochen hatte, einen neuen Vorsitzenden zu wählen, für den Fall der Fälle.

Aber jetzt räusperte sich der Erzmeister bedeutungsvoll, und sein Blick traf Donnas für einen Moment. Sie spürte, wie sie ihr Rückgrat unbewusst durchdrückte und sich aufrecht hinsetzte. Es war ein verzweifelter Versuch, irgendetwas – ein Zeichen der Hoffnung oder der Vergebung – in seinen Augen zu entdecken. Doch sein Blick glitt über sie hinweg und hin zu den übrigen Vertretern.

»Als Erzmeister der Alchemisten des Drachenordens und als ordnungsgemäß ernannter Sprecher des Rates, der sich heute hier versammelt hat, ist es meine Pflicht, uns zu einem Urteil zu führen bezüglich der jüngsten Handlungen von Donna Underwood. Dieses Urteil wird von den Vertretern aus den Orden der Drachen, Krähen, Löwen und Rose gefällt.«

Weiter so, dachte Donna und wünschte sich, überall zu sein, nur nicht hier. Ein Mann mittleren Alters aus dem Orden der Rose fiel ihr auf. Er tippte ständig auf einer Tastatur herum und hob seinen Kopf nur, wenn es in der Rede eine kurze Pause gab. Die Alchemisten des Rosenordens wurden in Donnas Augen völlig überbewertet, was das Aufzeichnen der Ordensangelegenheiten betraf. Bei den übrigen Alchemisten schienen sie jedoch ein hohes Ansehen zu genießen.

Sie wurde rot, als Quentin kurz den Verlust des Elixiers und die daraus resultierenden Folgen für die vier Orden ansprach. Sie tippte mit dem Fuß auf und fragte sich, ob ihre schwarzen Paillettensneakers auf die gleiche magische Weise wirken könnten wie Dorothys rubinrote Schuhe im Zauberer von Oz. Seltsam, in genau diesem Moment überflutete ein warmes Gefühl ihren Brustkorb, und ihr Magen schnürte sich auf ungewohnte Art und Weise zu. Ihre Fingerspitzen kribbelten, und ihre Handgelenke begannen zu schmerzen.

Donna schüttelte ihre Hände und versuchte, dieses merkwürdige Gefühl loszuwerden. Da erklang Quentins monotone Stimme erneut in ihren Ohren. Ihre Tattoos spielten oft völlig verrückt, aber jetzt war definitiv nicht der richtige Moment dafür.

»Ehe wir mit Simons recht beeindruckendem Zeitplan weitermachen, gibt es jemanden, den ich Ihnen offiziell vorstellen möchte.« Quentin hob seine Hand vom Pult, das in der Form eines Drachens geschnitzt war.

»Miranda Backhouse, die neu ernannte, leitende Alchemistin des Krähenordens, möchte ein paar Worte sagen.«

Die zierliche Frau, die Donna schon zuvor aufgefallen war, erhob sich und stellte sich neben den Erzmeister ans Pult. Quentin sank geradezu dankbar auf seinen Stuhl, und Donna bemerkte, dass der sonst so kalte und distanzierte Simon Gaunt beruhigend die Hand auf die Schulter seines Partners legte.

Und dann begann Miranda ihre Rede, und ihre sanfte Stimme erfüllte den Raum. Aber egal wie weich ihre Stimme auch klang, ein nicht zu überhörender Ton der Macht durchzog jedes einzelne Wort. Donna stellte sich vor, wie es wohl wäre, wenn jemand wie sie in den Reihen des alternden Drachenordens arbeitete. Seit sie denken konnte, gab es stets einen Mangel an Frauen. Abgesehen von ihrer Tante und ihrer Tutorin – der stocksteifen, wenngleich wohlgesinnten Alma Kensington – hatte Donna in ihrem Leben immer eine Mentorin unter den Alchemisten gefehlt.

Da drehte sich Miranda Backhouse um, sodass sie direkt in ihr Gesicht blicken konnte. Ihren blauen, intelligenten Augen entging nichts. »Es ist schön, Donna, dich einmal persönlich kennenzulernen, trotz der schwierigen Umstände. Ich kannte deine Eltern früher, als sie für kurze Zeit in England stationiert waren, kurz nach deiner Geburt.«

Offenbar wartete sie auf irgendeine Antwort, doch Donna war sich nicht einmal sicher, ob sie jetzt, an dieser Stelle, überhaupt schon sprechen durfte. Aber wann haben mich Regeln jemals abgehalten? »Ich kann mich nicht einmal daran erinnern, überhaupt irgendwann in London gewesen zu sein …«

»Oh, du warst noch ein Baby. Allerdings habe ich an Patrick und Rachel nur die allerbesten Erinnerungen.« Miranda hielt einen Augenblick inne, lächelte, und ihr Gesicht bekam einen unverwechselbaren Ausdruck von Warmherzigkeit. »Es war wirklich eine Freude, Zeit mit ihnen verbringen zu dürfen.«

»Danke«, sagte Donna. »Ich vermisse sie sehr.« Eine simple Wahrheit, aber eine, die ihr das Gefühl von Stärke verlieh, nachdem sie sie mit dieser Fremden geteilt hatte. Ihr Blick wanderte zurück zu Simon und seinen hochgezogenen Augenbrauen, und Donna freute sich, dass sie es geschafft hatte, die Aufmerksamkeit für einen Moment von ihm wegzulenken.

Miranda nickte, und der Moment verstrich. Erneut riss Simon das Wort an sich, und das Geschehen nahm seinen Lauf.

Donna seufzte. Was zum Teufel war mit der Pause? Sie war sicher, etwas von einer geplanten Pause am Vormittag gehört zu haben, aber sie konnte sich, angesichts all der anderen langweiligen Erklärungen, nicht mehr genau daran erinnern.

Es würde ein langer Tag werden.

Zwei

Wolken verdunkelten den späten Vormittagshimmel. Donna hielt den Kopf gesenkt, um auf ihre Schritte auf dem vereisten Weg zu achten. Die kalte Luft brannte auf ihren Wangen, und sie hauchte gegen den Wind, während sie träge zuschaute, wie der weiße Nebel sich langsam auflöste. Sie versuchte, nicht über all den offiziellen Mist nachzudenken, der im Haus vonstattenging, und war einfach nur froh darüber, für ein paar kostbare Minuten alleine zu sein. Die Pause war endlich ausgerufen worden, und in dem Augenblick, als Simon diese dämliche Ordensglocke geläutet hatte, war sie so schnell wie möglich hinausgelaufen. Sie musste frische Luft schnappen, und hier, auf dem weitläufigen Gelände des Frost Anwesens, ging das so gut wie an jedem anderen Ort. Miranda Backhouses sanfte Worte brachten Erinnerungen hervor, die Donna lange begraben hatte, und plötzlich fühlte sie sich schrecklich einsam.

Die kahlen, vom Winter gezeichneten Zweige eines großen Baumes schnitten ihr den Weg ab und holten sie kurz zurück in die Realität. Sie zitterte in der eisigen Kälte. Das Traumbild ihrer Mutter schien sie zu verspotten. Ihre Mutter … eingesperrt in einer Anstalt, und doch hatte sie immer wieder überraschende Momente der Klarheit, die Donna eine grausame Art von Hoffnung gaben. Das Wissen um den Tod ihres Vaters war ein Schmerz, den sie täglich in sich trug, auch wenn er im Laufe der Zeit verblasste. Aber mit Mom war das ganz anders. Sie war nicht im eigentlichen Sinne gegangen, und trotzdem … konnte sie nichts mehr zu ihrer Erziehung beisteuern. Nicht mehr.

Sosehr sie Navin auch vermisste, der Mensch, mit dem sie in diesem Moment so sehnlich sprechen wollte, war Xan. Einerseits fühlte es sich gut an, jemanden zu haben, der sich um sie kümmerte wie Xan. Das war nicht mehr zu leugnen, nach allem was sie in der kurzen Zeit gemeinsam durchgemacht hatten. Andererseits … nun ja, wenn sie ehrlich war, fühlte sie sich unsicher, sobald sie an Xan und die intensive Verbindung zu ihm dachte.

Nein, es war mehr als das. Donna war sich einfach nicht sicher, ob sie es schaffen würde, ihren inneren Schutzinstinkt so weit zurückzuschrauben, dass sie es zulassen konnte, sich beschützen zu lassen. Sei es von Xan oder jemand anderem. Sie war es eben gewohnt, auf sich selbst aufzupassen, was größtenteils daran lag, dass sie vom Orden zur Unabhängigkeit erzogen worden war. Manchmal war es schwierig, einer anderen Person uneingeschränktes Vertrauen zu schenken. In den letzten Jahren war Navin diese Person gewesen, aber selbst in dieser Zeit lebte ihre Freundschaft im Schatten all der Geheimnisse, die zu wahren sie gezwungen war.

Zu Donnas Linken ragten Bäume in den Himmel – eins der kleinen Wäldchen, die vor ein paar Jahren vom Ironwood Wald hier auf das Frost Anwesen umgesiedelt worden waren, weil Teile des Waldes einer neuen Straße weichen mussten. Simon hatte darauf bestanden, dass einige der Bäume auf dem Anwesen gepflanzt wurden. Eine Art Trophäe, die zeigen sollte, wie die letzte verbliebene Heimat der Waldelfen allmählich zerstört wurde.

Donna erschauerte und wurde das Gefühl nicht los, dass jemand sie von den Bäumen aus beobachtete. Sie versuchte, sich davon zu überzeugen, dass nur die Fantasie mit ihr durchging. Schließlich war es ja nicht so, als mangelte es auf diesem Anwesen an Schutzzaubern.

Als Donna eine weitere Gruppe von Ironwood-Bäumen durchschritt, deren winterliche, wie scharfe Klingen wirkenden Äste ihr verdächtig bekannt vorkamen, blieb sie abrupt stehen und biss sich nervös auf die Lippen. Das war verwirrend. Klar, es könnte ein Zufall sein, aber sie war sich fast sicher, dass sie hier schon entlanggegangen war. Das Anwesen war zwar riesig, doch war es wirklich so unübersichtlich, dass sie einen Bogen gelaufen und denselben Weg wieder zurückgegangen war, und das auch noch in so kurzer Zeit?

Langsam drehte sie sich um ihre eigene Achse, um ihre Position zu bestimmen und das Haupthaus wieder in Sichtweite zu bekommen, hielt aber erneut inne, als die Luft zwischen den zwei größten Bäumen im Hain zu flimmern begann. Donnas Herz raste, und ihr wurde schwindelig. Hastig machte sie einen Schritt zurück und fluchte laut, weil sie mit ihrem Fuß an einem herumliegenden Zweig hängen blieb. Sie stolperte und landete mit dem Hintern auf dem harten Waldboden.

Eine menschenähnliche Gestalt, klein und zierlich gebaut, schien sich wie Nebel aus dem Laub zu erheben und würde sie jeden Moment erreichen. Donna sah keine Möglichkeit, rechtzeitig um Hilfe zu rufen. Es gab nicht viele Wesen, die sich so schnell und so … so übermenschlich fortbewegen konnten.

Außer Waldelfen.

Sie rappelte sich auf und versuchte, das Hämmern der Knochen in ihren Armen zu ignorieren. Wie versteinert stand sie da, während die Kreatur, die die Gestalt einer Fee hatte, sich ihr weiter näherte.

Wenn das hier wirklich eine Art Waldelf war, dachte Donna, dann musste die Kreatur ihre jetzige Gestalt durch einen Zauber angenommen haben. Jedenfalls war es nicht gerade die stärkste Elfenhaut, die Donna bis jetzt gesehen hatte. Die äußere Hülle, die sich dieser Elf ausgesucht hatte, konnte auf den ersten Blick als menschlich durchgehen, trotzdem wirkte sie eigenartig. Wie alle Alchemisten-Lehrlinge in der Ausbildung hatte auch Donna längst gelernt, die manchmal unscharfen Ränder der schwächeren Zauber zu erkennen. Sie starrte das Geschöpf an und fragte sich, ob es vielleicht doch etwas anderes als ein Elf sein konnte.

Neugierde ergriff Besitz von ihr und half, ihre Angst im Zaum zu halten.

Das wild aussehende Teenager-Mädchen schien eher zu hüpfen als zu laufen; sein grünes Haar schimmerte im Morgennebel und ließ den Rest des Körpers in einem gespenstischen Licht erscheinen. Es sah aus, als hätte die fremde Kreatur die Gestalt eines schlanken, irgendwie emo-ähnlichen Mädchens annehmen wollen, was ihr jedoch nur halbwegs gelungen war. Zwar hatte das Wesen menschliche Gesichtszüge, die Haut jedoch war smaragdgrün, die Augen riesig und grellgrün. Das Elfen-Mädchen trug eine Camouflage-Hose wie in einem Kampfeinsatz und ein knappes, khakifarbenes Tank-Top. Es bestand nur aus Haut und Knochen, mit Herbstblättern in seinem grünen Haar

Donna schluckte und starrte das fremde Wesen an. Wie konnte es es wagen, einfach so in das Anwesen der Alchemisten einzudringen? Und wie hatte es das überhaupt geschafft? War es nur irgendein Feengeschöpf, oder hatte es etwas mit der Waldkönigin zu tun? Und wenn ja, wie hatten die Waldelfen sie hier finden können?

Dieser letzte Gedanke ließ auf der Stelle jegliche Zuversicht aus Donnas Gesicht weichen, doch sie schluckte ihre Angst vor Aliettes Rache hinunter und hob trotzig ihr Kinn. Das seltsame nebelhafte Wesen stand jetzt direkt vor ihr und sah sie auf eine freche Art neugierig an. Dann begann es zu sprechen.

»Donna Underwood von den Alchemisten, ich überbringe dir Grüße meiner Königin. Sie bittet um deine Anwesenheit.«

Etwas so Gruseliges wie diese Stimme hatte Donna selten zuvor gehört – und sie hatte schon viele abgefahrene Dinge erlebt. Sie klang, als käme sie von weit her, leise und fast flüsternd, und jedes Wort schien von einem seufzenden Hauch kalten Windes begleitet zu sein.

Donna zog die Augenbrauen hoch und konnte den Zynismus kaum verbergen. »So? Sie bittet also darum? Ja? Wirklich? Mir war nicht bewusst, dass Ihre Majestät so höflich ist und um etwas bittet. Steht sie nicht üblicherweise über solchen Dingen?«

Das Gesicht des Mädchens veränderte sich zu einem Ausdruck, den Donna als Verwirrung interpretierte. »Meine Königin hat eine Nachricht für dich.«

Donna bemühte sich, gleichmäßig zu atmen, und überlegte dabei, ob sie wohl Hilfe von jemandem im Haus erwarten konnte. Vielleicht sollte sie auf Zeit spielen, um wenigstens in Erfahrung zu bringen, welche Absichten Aliette hatte. Schließlich war sie durchaus in der Lage, sich selbst zu wehren.

»Hast du einen Namen?«, fragte sie.

Wieder überflog dieser seltsame Ausdruck der Verwirrung das Gesicht der Kreatur. »Einen … Namen?«

»Ja. So wie du mich Donna Underwood nennst. Das ist mein Name. Wie heißt du?«

»Oh. Ich bin Ivy.« Die Kreatur nickte, als müsste sie sich ihren Namen selbst bestätigen, und zupfte dabei Blätter aus ihrem Haar.

»Ivy. Okay, gut.« Donna kam das alles verdammt irreal vor, aber sie konnte jetzt nicht einfach weglaufen, ohne herauszufinden, warum dieses Wesen zu ihr geschickt worden war. Außerdem war die Waldkönigin eine gerissene Kreatur mit einem großen Potenzial an Grausamkeit. Vielleicht wäre es unklug, ihrer Botin keinen Respekt zu erweisen und ihn damit auch der Königin selbst zu verweigern. Sie musste also bleiben, zumindest bis sie gehört hatte, was Ivy ihr mitzuteilen hatte.

»Nun sag schon, was will sie?«

Ivy riss ihre großen grünen Augen noch weiter auf. »Die Waldkönigin, die du als Aliette Winterthorn kennst, möchte dir einen Vorschlag unterbreiten. Deshalb bittet sie dich darum, sich mit ihr zu treffen.«

Donnas Verstand raste. Aliette Winterthorn? Der Nachname war ihr neu. Natürlich kannte sie den Vornamen der Waldkönigin, den sie extra gewählt hatte, damit die Menschen ihn auch aussprechen konnten, aber sie hatte noch nie etwas von einem Nachnamen gehört. Hatte Ivy ihr diese Informationen wirklich verraten wollen, oder hatte sie sich irgendwie verplappert?

Auf jeden Fall fand Donna das interessant. Den Namen würde sie sich merken. Sie straffte ihre Schultern und sagte: »Ihre Majestät irrt, wenn sie glaubt, dass ich jemals wieder einen Fuß in das Elfenland setze. Und außerdem hat sie mir ohnehin untersagt, dorthin zurückzukehren und erklärt, dass der Alte Pfad, auf dem wir Zugang erlangten, verlegt würde. Wie kann die Königin also von mir erwarten, dass ich sie besuche, wenn ich gar nicht in der Lage bin, den Weg zu ihr zu finden?«

Ivy trat von einem Fuß auf den anderen. Entweder musste sie dringend aufs Klo, oder sie fühlte sich sehr unwohl dabei, hier im Freien, nur durch einen schwachen Zauber geschützt, vor ihr zu stehen. War das denn überhaupt ein Zauber, der sie umgab? Donna war sich nicht sicher. Vielleicht sah das Wesen ja wirklich so aus, wie es vor ihr stand.

»Nein, nein, du missverstehst mich.« Das Geschöpf blieb still stehen und hielt die Hände vor sich, als würde es Donna um etwas anflehen. »Die Königin kommt in die Stadt, sie wird morgen hier sein.«

Sie kommt hierher? Oh. Donna spürte, wie Hitze durch ihren ganzen Körper strömte, und dieser Schock drohte einen Kurzschluss in ihrem ohnehin schon überanstrengten Gehirn auszulösen. Wie konnte Aliette es wagen, das Reich der Menschen zu betreten? Sollte die Waldkönigin nicht bei ihresgleichen im Elfenland bleiben, das versteckt im Ironwood lag?

Donna kannte nicht alle Einzelheiten, aber so viel sie wusste, waren Aliettes Kräfte das Einzige, was die Elfen am Leben hielt. Sie hingen doch irgendwie zwischen den Dimensionen fest, waren gefangen am Rande der menschlichen Welt. Der Eingang zu ihrem vorübergehenden Zuhause konnte nur durch die dahinschwindenden Überbleibsel von Ironwood gefunden werden, an den das Elfenland angrenzte. Dieser war aber für das menschliche Auge nicht sichtbar. Die einzige Möglichkeit, Zugang zu erlangen, war einer der Alten Pfade, durch den man die magische Barriere zwischen den beiden Reichen überqueren konnte.

Den Alten Pfad überhaupt zu finden, war natürlich die eigentliche Herausforderung, und das war der Teil gewesen, bei dem Xan das letzte Mal ins Spiel gekommen war.

Xan … Sie musste sich zusammenreißen; es war nicht gerade der beste Zeitpunkt, um sich von Gedanken über den neuen Freund in ihrem Leben und das, was er ihr bedeutete, ablenken zu lassen.

Wie konnte die Königin ihr Volk zurücklassen und einfach so nach Ironbridge kommen? Vielleicht war es dieselbe Kraft, die es ihr ermöglichte, einen Boten zum Frost Anwesen zu schicken …

Falls Ivy Donnas Schweigen bemerkte oder gar verstand, bemühte sie sich, es nicht zu zeigen. Sie stand einfach nur da wie versteinert, ihr Gezappel war von einer Sekunde auf die andere verschwunden. Sie wartete.

Donna musste sich zusammenreißen, und zwar schnell. Sie musste irgendetwas sagen – oder tun. »Sag Ihrer Majestät, dass ich mehr über dieses Treffen wissen muss. Woher weiß ich, dass sie mich nicht in eine Falle locken will?«

Ivy fixierte sie mit ihrem beunruhigenden Blick. »Meine Königin hat damit gerechnet, dass Ihr Angst habt; das ist der Grund, warum sie angeboten hat, Euch auf Eurem Territorium zu treffen. Sie wird eine menschliche Form annehmen, etwas, das sie fast seit einem Jahrhundert nicht mehr getan hat. Außerdem ist sie bereit, Euch an einem öffentlichen Ort Eurer Wahl zu treffen.« Ivys Gesichtsausdruck nahm verschlagene Züge an. »Meine Königin sagt, dass sie etwas besitzt, was Ihr begehrt, und dass Ihr letzten Endes sowieso kommen werdet.«

Donnas Gesichtsausdruck verfinsterte sich, und für einen kleinen Moment vergaß sie ihre Ängste und kämpfte gegen die Versuchung an, etwas Sarkastisches zu erwidern und abzuhauen. Warum sollte sie es riskieren, wieder in eins von Aliettes Spielchen verwickelt zu werden? Aber da war irgendetwas in Ivys strahlendem Ausdruck, dass Donna nicht ignorieren konnte, egal wie verrückt es war, sich diese verwirrenden Worte ihres Feindes überhaupt anzuhören.

Natürlich würde die Königin einen möglicherweise verlockenden Bissen vor ihrer Nase baumeln lassen, aber ganz sicher war es eine Falle – dies musste ein lahmer Versuch sein, sie aus der Reserve zu locken.

Aber wenn es doch keine Falle war, was um alles in der Welt besaß sie, das Aliette von ihr haben wollte?

»Hör zu, Ivy«, sagte sie und fällte damit die einzige vernünftige Entscheidung. »Es ist mir egal, was deine Königin von mir will. Sie hatte mir einen Handel vorgeschlagen, doch das ist Vergangenheit. Richte ihr aus, dass ich diesmal nicht zögern werde, zum Orden zu gehen. Hinter was auch immer sie her ist, es kann sich nicht lohnen, einen Krieg dafür anzuzetteln.

»Ihr werdet überrascht sein.« Das Feen-Mädchen nickte, bevor es wieder zwischen den nebelverhangenen Bäumen verschwand. »Sie sagte, Ihr würdet ihre Bitte ablehnen.«

Vor Erleichterung wurde Donna schwindlig. »Ist das alles? Du haust ab – einfach so?«

Ivy verharrte und sah über ihre Schulter zurück. »Aber sie sagte auch, dass Ihr sie nicht ein zweites Mal ablehnen werdet.«

*

Minuten später fand Donna den richtigen Weg zurück zum Park des Anwesens, wo sie sich wieder auskannte. Wenn sie ihre Tattoos jetzt entblößte, würden die mit Eisen versetzten Ornamente aus eigener Kraft durch ihr inneres Licht leuchten. Ihre Arme und Hände fühlten sich an, als wären sie prall gefüllt mit Nadeln und Dornen, die wie aufgescheuchte Wespen tobten.

Ihr Brustkorb fühlte sich schwer an und zog sich zusammen, als hätte man ihr eine Metallkette um die Brust gelegt, die nun langsam fester geschnürt wurde. Donna schnappte nach Luft und versuchte, diese seltsame Empfindung durch ihre Atmung unter Kontrolle zu bringen. Schmerzen in den Armen und Händen zu haben war keine neue Erfahrung für sie, doch dieser Schmerz war vollkommen anders.

Diese neue Empfindung schien jeden Zentimeter ihres Körpers zu betreffen.

Donna zwang sich zur Ruhe, indem sie in den Schmerz atmete. Zumindest war sie sicher, dass, was auch immer dieses Gefühl sein mochte, es etwas mit den Tätowierungen zu tun hatte; mit dem Eisen, das ihre Haut und Knochen zusammenschnürte und sie auf eine Art und Weise zusammenhielt, wie sie es nicht einmal ansatzweise verstehen konnte. Wahrscheinlich war es etwas, das durch Ivys Präsenz ausgelöst worden war.

Maker hatte sie schon einmal zusammengeflickt, was bedeutete, dass er es wieder tun konnte.

Obwohl es erst etwa Mittag sein musste, schien es bereits kälter zu werden. Sie ging schneller, denn sie wusste, dass ihre Tante wütend sein würde, weil sie so lange weg gewesen war. Wahrscheinlich hatten sie schon einen Suchtrupp nach ihr ausgeschickt.

Donna erinnerte sich an eine Geschichte, die ihr Vater gern erzählt hatte. Sie handelte von einer total abgefahrenen Prinzessin, die im obersten Zimmer eines Turmes gefangen gehalten wurde, in einem fremden Land, weit weg von zu Hause. Aber diese Prinzessin hatte es nicht nötig, von dem schönen Prinzen gerettet zu werden. Nein, die Prinzessin in Patrick Underwoods Erzählung war mehr als in der Lage, sich aus dem Schlamassel selbst zu befreien – was gut war, in Anbetracht der Tatsache, dass der Prinz es sowieso nicht rechtzeitig geschafft hätte, sie zu retten. Sie riss die von Motten zerfressenen Samtvorhänge ihres Gefängnisses in Streifen und knotete sie zu einem Seil zusammen, das lang genug war, um den ganzen Turm nach unten zu klettern, und floh dann zurück in ihr Heimatland. Sie erlebte viele gefährliche Abenteuer auf dem langen Weg nach Hause, aber natürlich trat sie jedem in den Hintern, denn sie war eine ausgezeichnete Kämpferin.

Als der schöne Prinz schließlich in die Stadt geritten kam und um ihre Hand anhielt, jagte die Prinzessin ihn zum Teufel. Sie war ganz glücklich als Single – und überhaupt, was nützte ihr ein Mann, der Höhenangst hatte?

Donna lächelte bei der Erinnerung an ihren Vater und daran, wie er beim Lachen immer die Augen zusammengekniffen hatte. Manchmal wünschte sie sich, dass mehr von ihrem Vater in seiner jüngeren Schwester stecken würde. Tante Paige tat ihr Bestes, doch die beiden schienen nicht wirklich aus dem gleichen Holz geschnitzt zu sein; man konnte sich nur schwer vorstellen, dass die beiden zusammen aufgewachsen waren.

Während Donna darüber nachdachte, sah sie, wie ihre Tante schnellen Schrittes auf sie zukam. Ihr blasses Gesicht ließ erkennen, wie wütend sie war.

»Wo bist du gewesen? Man hat dir erlaubt, zehn Minuten Pause zu machen, keine halbe Stunde!«

Donna rollte die Augen angesichts dieser maßlosen Übertreibung. »So lang war es doch nun wirklich nicht. Ich habe nur …«

»Du wolltest unser aller Geduld auf die Probe stellen.« Diese nüchterne Aussage duldete keinen Widerspruch.

Ihr Gesicht lief rot an, und Donna widerstand dem Impuls, ihre Hände zu Fäusten zu ballen. Tante Paige hatte keine Ahnung, was da draußen passiert war, und Donna fragte sich, ob jetzt der richtige Zeitpunkt war, ihr von Ivy zu erzählen. Vielleicht sollte sie ihr die Wahrheit sagen, um das zerstörte Vertrauen zwischen ihnen wieder zu kitten.

Doch die offene Feindseligkeit in den Augen ihrer Tante wirkte so abschreckend, dass ihre Entschlossenheit dahinschwand, bevor sie ihr Vorhaben umsetzen konnte. »Tante Paige, ich war wirklich nur ein bisschen Luft schnappen.«

Paige spitzte die Lippen und sah zurück zum Haus. »Ich dachte, du würdest vielleicht irgendwas Dummes im Schilde führen.«

Donna zog die Augenbrauen hoch und versuchte unschuldig auszusehen. »Zum Beispiel? Dachtest du etwa, ich würde versuchen abzuhauen?«

»Zurzeit, Donna, weiß ich wirklich nicht, was ich denken soll, was dein Verhalten betrifft.«

Donna versuchte, die plötzliche Wut, die in ihr hochstieg, unter Kontrolle zu bekommen. Mit Absicht ignorierte sie die Erschöpfung in der Stimme ihrer Tante. »Du redest, als wäre ich ein kleines Kind.«

»Du bist noch keine achtzehn, Donna. Und das noch für eine ganze Weile. Bis dahin unterstehst du meiner Verantwortung.«

»Das heißt, wenn ich achtzehn bin, kann ich von zu Hause weggehen?« Donna konnte der Herausforderung, sie zu provozieren, nicht widerstehen, obwohl sie genau wusste, was ihre Tante antworten würde.

»Von zu Hause wegzugehen ist nicht gleichzusetzen damit, den Orden zu verlassen, das weißt du. Dein Leben gehört uns – den Alchemisten –, egal, wohin du eines Tages gehen wirst.« Tante Paiges Gesichtsausdruck wurde sanfter. »Du weißt, wie wichtig du für uns bist, wie wichtig du für Quentin bist.«

Donna hatte das alles schon einmal gehört. Junge Alchemisten waren Mangelware, da immer mehr Leute von der älteren Generation starben, ohne ihre Gene weitergegeben zu haben. Ganz zu schweigen von dem enormen Aufwand, der für die Rettung ihres Lebens aufgebracht worden war. Über die Zeit und das Geld, welches ihre Genesung gekostet hatte, machte sie sich nicht die geringsten Illusionen.

Paige wartete ungeduldig, zog ihre taillierte Jacke noch enger um sich und zupfte sich ihr glänzendes dunkles Haar zurecht. »Komm schon. Wir müssen wieder rein.«

Donna fixierte sie mit entschlossenem Blick. »Verlangst du wirklich von mir, dass ich das durchziehe?«

Ihre Tante sah ernsthaft überrascht aus. »Natürlich. Was dachtest du denn? Dass ich einfach mit dem Zauberstab winke, und alles ist gut?«

»Ganz ehrlich? Ich hatte gehofft, dass du vielleicht wenigstens etwas Vertrauen in mich hast. Hättest du das nicht haben können, nur dieses eine Mal?«

Tante Paige hielt inne. »Wie kann ich dir vertrauen? Nach allem, was du getan hast …« Ihre Stimme brach, aber trotzdem konnte Donna die Unsicherheit darin hören.

»Was ich getan habe, tat ich, um Navin zu retten. Und Maker. Warum kannst du das nicht verstehen?«

»Ich kann das sehr wohl verstehen, Donna.« Sie machte einen zögerlichen Schritt nach vorn. »Das ist es ja gerade. Es ist nicht so, dass ich es nicht verstehe. Das Problem ist, dass ich glaube, dass du falsch lagst mit deiner Entscheidung.«

Es war wie ein Schlag ins Gesicht. Schockiert versuchte Donna sich zu sammeln. »Wie kannst du das sagen? Sie wären gestorben!«

»Dann hat es so sein sollen. Wenn es so bestimmt war.«

Donnas ganzer Körper versteifte sich. »Selbst Maker?«

»Ja, selbst er.« Es gab keinen Zweifel in Tante Paiges Stimme. Ihr Glaube an eine höhere Macht – an was auch immer für ein verrücktes höheres Bewusstsein die Alchemisten glaubten – war absolut. Und absolut unerschütterlich.

Donna rang nach Luft und schüttelte langsam den Kopf. »Dann tust du mir leid«, flüsterte sie und hätte weinen können.

Bevor Tante Paige antworten konnte, ertönte das schrille Klingeln eines Handys in der eisigen Luft. Im selben Moment tauchte Simon auf den Stufen des Haupteingangs auf und sah so aufgebracht aus, als würde er jeden Moment komplett austicken. Paige hob die Hand in seine Richtung und zog ihr Handy aus der Tasche.

»Underwood.«

Donna biss die Zähne zusammen. Jetzt ging es bei ihrer Tante wieder nur ums Geschäft. Kein Zweifel, dass sie einen Anruf aus dem Bürgermeisteramt erwartete.

Plötzlich sah Tante Paige sie mit kreidebleichem Gesicht an. Was war los?

»Ich verstehe. Vielen Dank.« Sie steckte das Handy wieder zurück in die Tasche und holte tief Luft.

»Und?«, fragte Donna mit einem flauen Gefühl im Magen. Angst umklammerte ihren Hals, und am liebsten hätte sie ihre Tante am Arm gepackt und geschüttelt. »Was ist los?«

Irgendwie wusste Donna genau, worum es ging, ehe Paige auch nur ein Wort gesagt hatte. Sie wusste nicht, warum sie es wusste, aber sie vermutete, dass es mit den verrückten Träumen zu tun hatte, die sie Nacht für Nacht verfolgten.

»Es tut mir leid, Donna«, sagte Paige. Alle Anzeichen von Wut waren verflogen. »Das war das Sanatorium – leider ist etwas mit deiner Mutter.«

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