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Iron Witch - Das Mädchen mit den magischen Tattoos

Inhalt

  1. Cover
  2. Inhalt
  3. Über die Autorin
  4. Titel
  5. Impressum
  6. Widmung
  7. Kapitel Eins
  8. Kapitel Zwei
  9. Kapitel Drei
  10. Kapitel Vier
  11. Kapitel Fünf
  12. Kapitel Sechs
  13. Kapitel Sieben
  14. Kapitel Acht
  15. Kapitel Neun
  16. Kapitel Zehn
  17. Kapitel Elf
  18. Kapitel Zwölf
  19. Kapitel Dreizehn
  20. Kapitel Vierzehn
  21. Kapitel Fünfzehn
  22. Kapitel Sechzehn
  23. Kapitel Siebzehn
  24. Kapitel Achtzehn
  25. Kapitel Neunzehn
  26. Kapitel Zwanzig
  27. Danksagung
  28. Die Entstehung der IRON WITCH

Über die Autorin

Karen Mahoney hat in verschiedenen erfolgreichen Anthologien veröffentlicht. »IRON WITCH – Das Mädchen mit den magischen Tattoos« ist ihr erster Roman. Die Autorin lebt in der Nähe von London und träumt davon, eines Tages nach Boston zu ziehen. Sie schreibt einen Blog und ist auch gemeinsam mit anderen New York Times Bestseller-Autoren online unter www.deadlinedames.com

www.kazmahoney.com

Karen Mahoney

Mahoney_IronWitch

Das Mächen
mit den magischen Tattoos

Aus dem Englischen von
Christina Pfeiffer

Für Mum, die immer an mich geglaubt hat,

egal was passiert ist;

Ich liebe dich sehr.

Und für Veej, du hast mich immer motiviert,

meine Träume zu leben (alle!);

»Danke« trifft es nicht einmal ansatzweise.

Donna Underwoods Tagebuch:

Ich war sieben, als mein Vater mir das Leben rettete und dabei starb.

Ich wünschte, es fiele mir leichter, mich nicht nur in meinen Träumen an ihn zu erinnern. In diesen ist er natürlich ein großer und gut aussehender Mann, der mich immer und immer wieder vor dem Waldmonster rettet.

In meinen Albträumen hetze ich durch einen zugewucherten Wald. Die Baumkronen sind ineinander verwachsen und flüstern im Mondlicht; ich stolpere über die Wurzeln und versuche verzweifelt, nicht hinzufallen. Hinter mir höre ich schnelle Schritte, begleitet von kreischendem Katzengejammer. Ich erreiche eine kleine Lichtung, den jaulenden Klang meiner Verfolger noch immer im Rücken.

In der Mitte der Lichtung steht ein verbrannter Baumstumpf, in dem die verzauberte Axt eines Holzfällers steckt. Ich atme schwer, mein Brustkorb schmerzt, Angst umklammert mich wie eine eiserne Klaue. Meine kleinen Hände greifen nach dem verschrammten Griff der Axt, obwohl ich weiß, dass ich sie nicht herausziehen kann.

Ich kann sie nie herausziehen.

Ein unheimliches Stimmengewirr umgibt mich, das gnadenlos meine Vernichtung besingt. Außerhalb der Lichtung sehe ich nichts außer Bäumen und Dunkelheit. Da sind noch andere Geräusche: Ein seltsames Knacken und Kratzen schmerzt in meinen Ohren und erfüllt mich mit Abscheu.

In diesem Moment erscheint mein Vater neben mir.

Und genau dieser Teil des Traumes ist immer so deutlich, dass ich mich frage, ob es so wirklich passiert ist?

Dad wirft mir einen kurzen Blick zu, greift die Axt und zieht sie spielend leicht aus dem Stumpf. In seinen Augen sehe ich seine mir so bekannte Entschlossenheit. Vielleicht schaffen wir es, vielleicht geht alles gut aus.

»Stell dich hinter mich, Donna.«

Ich tue, was er sagt, und während ich mich hinter seinem breiten Rücken verstecke, beginne ich zu beten.

Da aber fällt die kreischende Horde in die Lichtung ein; zwei der Kreaturen reiten auf dem Rücken des Waldmonsters, und ich höre auf zu beten und fange an zu schreien.

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Eins

Alles begann mit der Party.

Zumindest redete sich das Donna Underwood an den folgenden Tagen ständig ein. Hätte sie sich nur nicht von Nav überreden lassen mitzugehen, dann wäre vielleicht alles anders gekommen. Vielleicht wären die Dinge nicht so schlimm geworden. Aber Donnas bester Freund, Navin Sharma, hatte immer leichtes Spiel mit ihr. Er musste sie nur mit seinen großen braunen Augen traurig anschauen, und sie würde ihm folgen, wenn es sein müsste, sogar bis in die Hölle. Oder, wie in diesem Fall, in ein fremdes Haus voller Kids, die alle glaubten, sie wäre der größte Freak aller Zeiten.

Eigentlich waren das und die Hölle so ziemlich das Gleiche.

Es war nicht wirklich das, was sie sich unter einem lustigen Samstagabend in Ironbridge vorstellte; schon alleine deshalb nicht, weil die meisten dieser Leute noch immer auf dieselbe Highschool gingen, aus der sie letztes Jahr rausgeflogen war.

Aber Navin war fest entschlossen, auf die »heißeste Party« des Jahres zu gehen und gleichermaßen fest entschlossen, dass sie ihn dorthin zu begleiten hatte. Gut gelaunt versicherte er ihr, dass es sich hier um mehr als nur das übliche gemeinsame Abhängen handelte; es würde das Event schlechthin sein und von einem Typen organisiert, der früher mal die Ironbridge Highschool besucht, mittlerweile aber das College geschmissen hatte. Seine Eltern wären stinkreich – und gerade im Urlaub –, und diese Party sei schon seit Wochen Gesprächsthema Nummer eins. So wie es aussah, würden einfach alle dort sein.

Und genau davor hatte sie Angst.

Als sie drin war, nutzte Donna die erstbeste Gelegenheit, um sich so unsichtbar wie möglich zu machen. Sie fand eine dunkle Ecke im Wohnzimmer und lehnte sich unbeholfen an die Wand. Dort band sie sich zum wohl hundertsten Mal ihren silbernen Schal neu um den Hals. Mit ihren bestickten Jeans, dem schwarz-silbernen T-Shirt und den langen, schwarzen Samthandschuhen sah sie deutlich glamouröser aus, als sie sich fühlte. Es half auch nichts, dass sie schon den ganzen Tag nervös und angespannt war, nachdem sie mit dem ihr allzu bekannten Gefühl von Furcht aufgewacht war. Ihre Träume ließen sie meistens so zurück.

Früher am Abend waren sie und Navin an der Central Station aus dem Bus gestiegen und hatten sich auf den Weg zum Haus der Graysons gemacht. Donna spürte den pulsierenden Rhythmus der energiegeladenen Stadt unter ihren Füßen. Adrenalin schoss durch ihren Körper, und das Blut, das ihr in den Kopf stieg, machte sie schwindlig. Ihre mit Eisen versetzten Hände und Arme pochten im Einklang mit dem Herzschlag der Stadt. Sie wusste, dass sie ohne größere Anstrengung in der Lage war, die Knochen von Navins Hand bersten zu lassen, wenn sie es denn wollte.

Donna war von Magie gezeichnet. Nicht irgendeine Magie, sondern uralte, alchemistische Magie, über die seit Jahrhunderten in Legenden erzählt wurde. Obwohl sie sich ihrer Fähigkeiten bewusst war, dachte sie nicht, sie sei etwas Besonderes. Sie fühlte sich nicht mächtig. Sie fühlte sich nur vollkommen und zugleich fürchterlich allein.

Aber heute Abend war sie nicht allein; Navin zog sie an der Hand durch die Straßen, während sie so tat, als sei sie nicht völlig verängstigt. Ihre Finger krümmten sich reflexartig in ihren Lieblingshandschuhen, und sie unterdrückte die Versuchung zu flüchten.

»Hör auf so muffig zu sein, Underwood. Du bist einfach nur nervös.« Es fiel Navin schwer, den Spott in seiner Stimme zu unterdrücken. Er tätschelte ihre Hand, bevor er sie losließ.

Donna blickte grimmig.

»Warum zur Hölle sollte ich nervös sein?«

Navin warf ihr seinen besten »Komm-willst-du-mich-verarschen-Blick?« zu. Sie boxte ihm spielerisch gegen die Schulter, aber doch eine Spur härter, als sie es vorgehabt hatte. Ihre Handschuhe verdeckten zwar die Tätowierungen – diese seltsamen Symbole, die sie nicht einmal Navin gezeigt hatte –, aber sie konnten nicht verheimlichen, wie viel Kraft sie wirklich hatte.

Das war nur eines der vielen Geheimnisse, die sie hütete. Die »offizielle Geschichte« über ihre Arme und Hände war die, dass sie sich nach einem Feuer, bei dem die Arme verbrannten, mehreren Hauttransplantationen unterziehen musste. Sie hasste diese Lügen, aber ihr blieb keine andere Wahl (zumindest redete sie sich das immer wieder ein). Und sie musste stets aufpassen, dass sie ihre Kraft kontrollierte. Sie lebte nun schon seit drei Jahren in derselben Straße wie Navin, und ständig hatte sie Angst, sie könnte ihm aus Versehen wehtun.

»Au! Mach mal langsam, Wonder Girl.« Navin rieb sich seinen Bizeps und spannte ihn an, um seine nicht vorhandenen Muskeln zur Schau zu stellen.

»Tut mir leid.« Donna konnte ein Grinsen nicht unterdrücken. Navin war manchmal so ein Idiot, und dafür liebte sie ihn. Trotz ihrer engen Freundschaft gab es so vieles, das sie ihm nie über ihre Familie und den Orden des Drachens erzählt hatte. Um genau zu sein … hatte sie ihm so gut wie gar nichts darüber erzählt. Und der Grund dafür war nicht, dass sie es nicht erzählen durfte – das durfte sie tatsächlich nicht –, sondern dass sie ihn schützen wollte.

Er legte seinen Arm um ihre Schultern, als sie, kurz bevor die Fußgängerampel auf Rot übersprang, die Straße überquerten.

»Komm schon, Don. Irgendwas stimmt nicht, ich kenn dich doch.«

Sie konnte ihm nicht in die Augen sehen und zuckte nur mit den Schultern.

»Keine Panik – ich hab nicht vor, dich jetzt zu verhören. Du kannst es mir später auf der Party erzählen.«

Donna schnitt eine Grimasse.

»Ich kann es kaum abwarten.«

Navin fixierte sie mit einem spöttischen Blick.

»Gib es zu. Du willst nicht hin.«

Sie verzog das Gesicht. »Nein, echt? Party mit den Auserwählten ist nicht wirklich meine Vorstellung von Spaß, und die Leute da werden nicht grad Freudensprünge machen, wenn ich durch die Tür komme. Du setzt deinen Ruf aufs Spiel, wenn du dich auf einer Party mit mir sehen lässt.«

»So jung und schon so zynisch.«

»Na, stimmt doch, und das weißt du.«

Navin lachte.

»Um welchen ›Ruf‹ muss ich mir Sorgen machen? Ist ja nicht so, als wäre ich der angesagte coole Typ. Ich bin anders, aber zum Glück nicht schräg genug, als dass sie sich die Mühe machen würden, mich zu schikanieren.«

»Du meinst so, wie sie es mit mir machen.« Donna schmollte.

Er lenkte sie vorbei an einem Obdachlosen, der ein AC/DC-T-Shirt und einen zerrissenen, bodenlangen Mantel trug und mitten auf dem Gehweg stand. Auch die anderen Fußgänger strömten an ihm vorbei wie Wasser um einen Stein.

»Komm schon, hör auf dich selbst zu bemitleiden.«

»Können wir wenigstens gehen, wenn ich keine Lust mehr habe?« Donna hoffte, sich nicht so armselig und verletzlich anzuhören, wie sie sich fühlte.

»Logisch können wir gehen. Aber das heißt, dass du Spaß haben musst, bevor wir überhaupt in Erwägung ziehen können wieder zu gehen …« Navin fuhr sich grinsend durchs Haar und duckte sich vorsichtshalber, bevor sie wieder nach ihm schlagen konnte.

Das gleiche Grinsen blickte jetzt von der anderen Seite des schummrig beleuchteten Raums rüber, einem Zimmer voller Teenager, die alle diesen schwer zu begreifenden »Spaß« hatten. Donna spannte ihre Schultern an, hob das Kinn und überflog die einzelnen Grüppchen, alles Kids, die sie nur oberflächlich kannte und von denen sie sich wünschte, sie hätte sie nie kennengelernt. Sie hatte den größten Teil ihres Lebens damit verbracht, sich anzupassen, aber seit dem »Vorfall« war es viel schwieriger geworden. In dessen Folge hatte sie die Ironbridge Highschool verlassen und wurde nun vom Orden zu Hause unterrichtet … Alle hielten es für das Beste, wenn sie nur zu Prüfungen in der Schule erschien, alles wurde entsprechend vorbereitet. Doch jetzt war sie hier, umgeben von Kids, die sie einmal gekannt hatte. Kids, die dachten, sie sei der größte Verlierer aller Zeiten. Ein Freak.

Obwohl es ein vollkommen hoffnungsloses Unterfangen war, hatte Donna Nav versprochen, dass sie zumindest versuchen würde, sich unters Volk zu mischen. Und es war ja nicht so, als ob sie etwas Besseres zu tun hatte. Sie wäre jetzt zwar lieber zu Hause bei Tante Paige, aber die war noch auf Geschäftsreise in Boston und würde erst spät zurückkommen.

Navin erhaschte ihren Blick von der anderen Seite des Raums und lächelte, seine weißen Zähne blitzten im Kontrast zu seiner zimtfarbenen Haut. Sein schwarzes Haar war heute ordentlich und glatt nach hinten gekämmt, es fiel auf den Kragen seiner schwarz-roten Motorradjacke aus Kunstleder, die er immer trug. Ganz offensichtlich hielt er die Jacke für ein notwendiges Accessoire, wenn er sein verbeultes altes Motorrad in bester Motocross-Manier durch die belebten Straßen von Ironbridge fuhr.

Donna nickte und versuchte zurückzulächeln, in der Hoffnung, dass er nicht merken würde, wie mies sie sich fühlte. Sie wollte ihm das hier nicht verderben. Aber mal ehrlich, warum machte er sich die Mühe? Ihre Ex-Schulfreunde würden sie niemals akzeptieren. Tatsächlich war ihr der Beweis hierfür schon in dem Moment geliefert worden, als sie die Party erreicht hatten. Das Erste, was Melanie Swan zu ihr sagte – genaugenommen über sie sagte –, war an Navin gerichtet. »Warum musstest du den Freak mitbringen?«

Nur Navins beschwichtigende Hand auf Donnas Arm hielt sie davon ab, Melanie die Flasche, mit dem was auch immer sie gerade trank, in den Hals oder vielleicht dahin zu stopfen, wo es noch mehr wehtun würde, jedenfalls überlegte sie das grimmig. Navin warf ihr einen warnenden Blick zu und knöpfte sich dann die unerklärlicherweise sehr beliebte Klassensprecherin vor, weil die sich seiner Freundin gegenüber hier nicht zu benehmen wusste.

»Von dir hätte ich etwas Besseres erwartet, Mel«, sagte er, und seine Stimme klang ungewöhnlich scharf. »Du müsstest ein Vorbild sein, und zwar ein gutes.«

Unglaublich, aber Melanie hatte es geschluckt und sich entschuldigt. Natürlich bei Navin und nicht bei Donna. Sie fummelte an ihrem blonden Haar herum und fing an sich wie ein Girlie vor ihm zu produzieren.

Donna war irritiert. Flirtete Mel etwa mit ihm? Ekelhaft.

Sie schüttelte den Kopf, um dieses widerliche Bild wieder loszuwerden, schnappte sich das nächstbeste Glas, merkte jedoch sofort, dass das Getränk Alkohol enthielt, und stellte es wieder ab. Heute Abend wollte sie nicht gegen Tante Paiges Regeln verstoßen, erst recht nicht, wenn es so wichtig war, einen klaren Kopf zu behalten. Sie konnte es sich nicht leisten, noch mal die Beherrschung zu verlieren und diesen Leuten noch mehr Gründe zu liefern, sie zu hassen. Nicht, dass sie sich darum scherte, was die anderen dachten; wenn sie keinen von denen jemals wiedersehen würde, könnte es ihr egal sein. Aber Navin zuliebe war es ihr eben nicht egal.

Menschen wie Melanie Swan machten es ihr wirklich verdammt schwer, gelassen zu bleiben.

Das Gedränge und Stimmenwirrwarr waren überwältigend. Die Musik dröhnte mit einem beständigen Rhythmus in Donnas Schläfen und unter ihren Fußsohlen. Aufgeregte Schüler begrüßten einander mit schrillem Gekreische oder Schulterklopfen, begleitet von Zurufen und Gebrüll. Donna verwarf jeden Gedanken, den sie vielleicht gehegt hatte, hierherzupassen und bahnte sich einen Weg zu Navin. Sie stand eine Weile herum und hörte seinen Gesprächen zu … so lange, wie sie es eben aushielt, sich wie ein Klotz am Bein zu fühlen.

Es war Zeit, einen Abgang zu machen. Donna dachte, dass es im oberen Stockwerk vielleicht ruhiger wäre, sie schrie Navin ins Ohr, dass sie sich auf die Suche nach einem Badezimmer machen würde. Als er es verstanden hatte und nickte, überließ sie ihn seinem brüllendem Gespräch mit ein paar Möchtegern-Bikern. Mit schwirrendem Kopf entfernte sie sich von dem Gedröhne, drückte sich an einem Pärchen, das auf der Treppe rummachte, vorbei und lief ins obere Stockwerk.

Hier oben war genausoviel los wie unten. Hinter geschlossenen Schlafzimmertüren konnte sie Geräusche hören, die sie verlegen machten und schnell weiterlaufen ließen. Vor dem Badezimmer stand schon eine Schlange schriller Mädchen. Sie schlich sich durch die einzige offene Tür, um ihren Ex-Mitschülern auszuweichen, in der Hoffnung, dass sie nicht in irgendein Geschehen reinplatzte, das sie nicht unbedingt sehen wollte.

Zum Glück war das Schlafzimmer leer. Ein Gefühl der Ruhe überkam sie, und sie wunderte sich, wie diese Oase des Friedens der Aufmerksamkeit aller Feierwütigen entgangen sein konnte.

Donnas Fingerspitzen kribbelten, und für einen Moment glaubte sie, Magie zu spüren. Direkt hinter der Türöffnung hielt sie inne und versuchte ihre Gedanken zu ordnen, während sie ihren Sinnen erlaubte, mehr wahrzunehmen, als das was man üblicherweise als normal bezeichnen würde. Wenn man von Magie umgeben aufgewachsen ist, ist es schwer, nicht dafür empfänglich zu sein. Kein Wunder, dass die Mitglieder des Ordens so versessen darauf waren, sie in ihrer uralten alchemistischen Kunst zu unterrichten.

Kurz darauf schloss Donna die Tür und schaute sich nach Anzeichen von etwas Andersartigem um. Alles fühlte sich jetzt ziemlich normal an, und sie fragte sich, ob sie sich den Hauch von Magie nur eingebildet hatte.

Das Schlafzimmer schien ausgesprochen maskulin, in Cappuccino- und Schokoladentönen gehalten, mit roter Farbe als Kontrast in Vorhängen und Lampen. Das Licht war an, aber nur auf ein warmes Leuchten gedimmt. In einer Ecke stand eine schwarze, verstaubte Gitarre, wie ein Emo-Relikt aus Pubertätstagen, und in der anderen Ecke, auf dem Schreibtisch, stand ein sehr teurer Computer. Der begehbare Kleiderschrank hinter der dunklen Doppeltür war bestimmt gigantisch, und es gab sogar ein eigenes, separates Badezimmer.

Donna spürte einen kalten Luftzug im Genick und wünschte, sie hätte ihren Mantel angelassen. Als sie hinter einen der schweren Vorhänge schaute, sah sie ein Paar verzierte Fenstertüren. Eine war leicht geöffnet. Ihre weiteren Erkundungen ließen sie einen kleinen Balkon und eine aufs Dach führende Stahltreppe entdecken.

Warum auch nicht?

Sie konnte etwas Frischluft vertragen, auch wenn es kalte, fast schon winterliche Luft war. Donna zog ihre Handschuhe so hoch es ging – beinahe bis über die Ellenbogen –, schlüpfte auf den kleinen Balkon und hielt sich am metallenen Geländer fest.

Sie zog sich auf die erste Stufe hoch und balancierte unsicher auf dem Balkon, der mehr so etwas wie eine größere Feuerleiter war. Ihre mit Pailletten besetzten Turnschuhe quietschten auf den Stufen, und sie konnte die vorbeifahrenden Autos unter ihren Füßen hören. Als sie ganz oben ankam und ihr klar wurde, wie hoch das war, überkam sie ein schwindelerregender Moment der Höhenangst. Ihre Handschuhe rutschen auf den metallenen Sprossen ab, und sie hielt sich fest; ausnahmsweise war sie dankbar für die große magische Kraft in ihren Händen.

Plötzlich lugte ein Kopf über den Rand des Daches. Donna war nur Zentimeter entfernt von dem eindrucksvollen Gesicht eines jungen Typen, der anscheinend den gleichen Zufluchtsort wie sie gefunden hatte. Sein dunkelblondes Haar schien in dem klaren Nachthimmel zu leuchten.

»Ich hatte mich schon gefragt, wie lange es dauern würde, bis jemand hier raufkommt und den Frieden und die Ruhe stört«, sagte er mehr gelangweilt als genervt.

Donna sah die selbstgedrehte Zigarette zwischen seinen Fingern und erhaschte gleichzeitig den Hauch von etwas Süßlichem und Ungesundem.

Der Geruch erinnerte sie an den Salbei, den ihre Tante verbrannte, um das Haus spirituell zu reinigen.

»Na, dann komm schon hoch, wenn du willst«, fuhr er fort. Er steckte sich die Zigarette in den Mundwinkel und streckte seine Hände nach ihr aus.

Einen kurzen Moment hatte Donna Zweifel und wünschte sich, sie wäre unten bei Navin geblieben. Aber sie schüttelte es ab. Mit diesem Typ hier oben rumzusitzen konnte nicht schlimmer sein, als mit Melanie und ihren Klonen da unten abzuhängen.

Also ließ sie sich von ihm aufs Dach hochziehen.

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Zwei

Donna saß auf einer schmalen Bank auf der grob gezimmerten Holzdachterrasse. Ihr neuer Freund saß zu ihren Füßen auf dem Boden der Plattform und lehnte sich gegen etwas, das aussah wie ein Sicherheitsgeländer. Sie schwiegen, und Donna rutschte verlegen hin und her und beobachtete, wie er seine Kippe, was auch immer er da geraucht hatte, wegschnippte. Er neigte seinen Kopf, bis sie einander in die Augen sahen.

Donna spürte einen Druck auf ihrem Brustkorb, und ein seltsames, glucksendes Gefühl in ihrem Magen. Seine Augen waren so grün, wie sie sie noch niemals gesehen hatte. Glänzend wie Smaragde, mit Wirbeln, die aussahen wie frisches Moos auf der Rinde eines Baumes. Sie fragte sich, ob er in seinem dünnen, fliederfarbenen Hemd fror (und wie viele Typen konnten es sich überhaupt erlauben, so eine Farbe zu tragen?), doch da entdeckte sie einen schwarzen Pullover neben ihm auf dem Boden. Sein karamellfarbenes Haar war ein oder zwei Schattierungen heller als das ihre. Hinten kurz geschnitten und oben etwas länger, sodass es stufig über seine überirdischen Augen fiel. Seine Haut war glatt und goldbraun, als ob er gerade aus dem Urlaub gekommen wäre.

»Hast du keine Angst runterzufallen?« Donna zuckte beinahe zusammen beim Klang ihrer eigenen Stimme.

Für einen Moment sah es aus, als ob der Typ lächelte. Stattdessen neigte er seinen Kopf nach hinten und lehnte ihn an das schwarz gestrichene Eisengeländer, von dem Farbe abblätterte. Dann starrte er nach oben in den Sternenhimmel.

»Und?«, stichelte Donna. »Hast du Angst?«

»Nein.«

»Oh.«

Sie beobachtete ihn weiter. Warum war sie überhaupt hier hochgekommen? Dieser ganze Abend war ein einziger Riesenfehler.

Sie konnte es nicht lassen, seinen breiten Mund mit der vollen Unterlippe anzustarren und ließ ihrer Fantasie freien Lauf. Sie hatte plötzlich ein Bild vor Augen, wie sie diesen fremden Jungen küsste. Nun ja, eigentlich kein Junge … er sah ja um mindestens zwei Jahre älter aus als sie. Sie wusste, seine Lippen würden weich, aber zugleich fordernd sein. Plötzlich verwandelte sich sein träges Halblächeln in etwas sehr viel Intensiveres.

Sie schüttelte ihren Kopf, schloss die Augen und versuchte das Bild aus ihrem Kopf zu verbannen. Dann schaute sie wieder zu ihm hin. Er hatte seine Augenbrauen hochgezogen, entweder aus Neugierde oder Belustigung – Donna war sich nicht sicher. Sie errötete und hasste sich augenblicklich wegen dieser kindischen Reaktion.

»An was hast du gerade gedacht?«

Donna zog ihre Beine hoch und legte die Arme um ihre Knie.

»An nichts.«

»An nichts. Ja, klar.« Er zog die beiden letzten Worte in die Länge, wesentlich länger, als es höflich war.

Donna warf ihr Haar nach hinten, blickte in die andere Richtung, ballte ihre Hände in den schwarzen Handschuhen zu Fäusten und presste sie gegen ihre Jeans. Sein plötzliches Lachen überraschte sie. Was sie aber noch mehr überraschte, war, dass sie im nächsten Moment zusammen lachten. Sie fragte sich, woher sie wusste, dass er eigentlich jemand war, der genauso selten lachte wie sie selbst.

Sie fühlte, dass er es auch von ihr wusste und dass sie über einen geheimen Witz lachten, den andere nicht verstanden. Da war etwas Verbindendes zwischen ihnen – zwei Fremde, stillschweigend vereint durch … irgendetwas. Es war berauschend und zugleich beängstigend.

Als Donna wieder ruhiger atmete, schaute sie ihn erneut an.

»Also, wie heißt du?«

»Xan. Und du?«

»Ich bin Donna. Underwood.« Beim Klang ihrer Stimme zuckte sie innerlich zusammen. Warum hörte sie sich nur immer so jung und kindisch an?

»Ist dein Name eine Abkürzung für Alexander?«

»Ah. Wunderschön und weise, diese Donna Underwood.«

Sie hätte sich über seinen Tonfall ärgern können, aber sie bemerkte das Funkeln in seinen Augen und beschloss, dass es nett war, mal von jemand anderem als Navin gehänselt zu werden.

»Die Party gefällt dir wohl nicht?«, fragte sie.

»Das will ich mal hoffen.«

»Und was soll das bedeuten?«

Er veränderte seine Sitzposition, damit er leichter zu ihr hochschauen konnte.

»Nun ja, dass einem seine eigene Party gefällt, geht doch gar nicht, oder?«

Donna lief schon wieder rot an.

»Oh, dann bist du Alexander Grayson.«

»Erfreut, dich kennenzulernen«, erwiderte er und lächelte wieder so seltsam.

»Ich würde mich noch mehr freuen, wenn du dich zu mir auf den Boden setzen würdest. Ich verrenke mir langsam den Hals.«

Sie wollte etwas Cooles und Weltkluges von sich geben, ihn vielleicht fragen, warum er es vorzog, am Rande des Daches zu sitzen, statt zu ihr auf die Bank zu kommen, aber etwas in seiner Stimme ließ sie zögern … eine Verletzlichkeit unter der Oberfläche, die sie nachdenklich machte.

Sie rutschte auf den Boden und überlegte, wo er wohl herkam. Es schien, als hätte er einen leichten britischen Akzent, mit einem Hauch Ostküstenaussprache der Vokale und vielleicht noch etwas anderes. Etwas, was noch ein bisschen exotischer war. Sie ließ sich im Schneidersitz neben Xan nieder.

»Viel besser«, sagte er. »Hier unten ist es auch nicht so kalt.«

Tatsächlich, Donna fror, sie spürte deutlich, dass sie nur ein kurzärmliges Oberteil anhatte und der Samt ihrer Handschuhe wärmte nicht wirklich. Sie zitterte, legte ihre Arme eng um sich und fühlte sich unerträglich schüchtern, während dieser Fremde sie so beobachtete.

Xan hielt ihr den Pullover hin, den sie vorher schon bemerkt hatte.

»Hier, zieh das an.«

Einen kurzen Moment lang zögerte sie.

»Danke.« Schnell zog sie sich den noch warmen Pullover über den Kopf und versuchte, nicht zu lächerlich zu wirken, als sie Xans Geruch, der in den Fasern hing, tief einatmete. Deo oder Aftershave vielleicht, Zigarettenrauch, und noch etwas anderes. Etwas, das von Moos und Bäumen und weiten Feldern voller sich im Wind wiegender Gräser erzählte. Stirnrunzelnd begegnete sie seinem neugierigen Blick und versuchte ihre zerzausten Haare zu ordnen.

»Also«, sagte er. »Auf welche Highschool gehst du?«

Es ärgerte sie, dass er sofort ihr Alter erraten hatte, aber sie versuchte, sich nichts anmerken zu lassen.

»Ich gehe auf keine Highschool.«

Er sah sie fragend an.

»Du bist auf dem College?«

»Nein, ich werde zu Hause unterrichtet. Ich bin in der Zwölften. Ich muss noch zur Ironbridge High, um Prüfungen abzulegen und so, aber ansonsten bin ich raus aus der Tretmühle.«

Er grinste. »Wie schön für dich. Warum Unterricht zu Hause?«

»Sagen wir mal so, ich hatte Differenzen mit einem beachtlichen Teil meiner Mitschüler.«

»Aha.« Xan veränderte seine Sitzposition und drehte sich zu ihr, streckte seine langen Arme über den Kopf und gähnte laut. Donna ließ sich nicht täuschen von seinen trägen Bewegungen und dem schläfrigen Blick – dieser Typ war verdammt gerissen hinter der entspannten Fassade.

»Und? Was ist mit dir?«, wollte sie jetzt wissen.

»Was soll mit mir sein?«

»Du weißt schon, Schule, College …« Sie ließ die Frage im Raum stehen. Vielleicht wäre es unhöflich, durchblicken zu lassen, dass sie wusste, dass er das College geschmissen hatte.

»Ich bin letztes Jahr weg, um aufs College zu gehen. Aber die Dinge liefen nicht wie geplant.« Er fixierte sie mit seinen smaragdgrünen Augen. »Aber das wusstest du doch sicher schon.«

Sie ignorierte die plötzliche Röte, die ihr ins Gesicht stieg.

»Ich hatte sowas gehört, aber ich gebe für gewöhnlich nicht viel auf Gerüchte – vor allem deshalb, weil ich meistens selbst Gegenstand dieser Gerüchte bin.«

Er starrte sie lange an.

»Ich würde zu gerne wissen, was die Leute über dich sagen, Donna Underwood.«

Sie biss sich auf die Unterlippe und wechselte das Thema.

»Was machst du hier oben, wenn die Party da unten stattfindet? Solltest du nicht den Gastgeber oder so was in der Art spielen?«

Sein Lachen hörte sich verbittert an.

»Genau, als wäre ich der perfekte Gastgeber.«

»Was meinst du damit?«

»Nichts. Ich lass mich nur zu blöden Sachen überreden, wenn mir langweilig ist.«

Dann war es still. Donna zupfte am Ärmel von Xans Pullover herum. Sie wusste nicht, was sie noch sagen sollte und bereute es schon wieder, dass sie hier hochgekommen war. Sie dachte an Navin, unten in der Menge, und wünschte sich, sie könnten einfach nach Hause gehen. Wenn sie ihr Handy nicht in ihrer Manteltasche gelassen hätte, könnte sie jetzt wenigstens nachschauen, wie spät es war. Ihr Magen verkrampfte sich bei dem Gedanken daran, dass ihre Tante bald nach Hause kommen würde und die ihr erlaubte Ausgehzeit für Wochenenden bald vorbei war.

»Wie spät ist es?«

Xan zog sein Handy heraus.

»Kurz vor Mitternacht, Cinderella.«

Über diese Anspielung musste sie schmunzeln.

»In der Tat, ich muss bald gehen. Ich hab nur noch eine Stunde, dann muss ich zu Hause sein. Und mein Freund sucht mich wahrscheinlich schon.«

Er nickte.

»Ich hoffe, ich habe dich nicht verschreckt. Ich kann manchmal ein bisschen …« Er zögerte. »… ein bisschen exzentrisch sein, denke ich.«

»Daran arbeitest du wahrscheinlich?«, zog ihn Donna auf.

»Nur wenn ich hübsche Mädchen beeindrucken will.«

Hübsch? Hatte dieser unglaublich heiße Typ sie gerade hübsch genannt? Donna wollte aufstehen, aber seine Hand auf ihrem Arm hielt sie zurück.

»Warum trägst du die Handschuhe?«, fragte er. »Das hat doch nichts mit Mode zu tun, oder?«

Donna bemühte sich um einen leichten Tonfall: »Du denkst, ich würde die der Mode wegen tragen?«

Er stimmte ihr zu, indem er ein klein wenig lächelte.

»Jetzt ernsthaft. Warum?«

Ihr Herz zog sich zusammen, und sie bekam keine Luft. Warum hatte sie das Gefühl, sie müsste diesem Typ die Wahrheit sagen? Sie betrachtete ihre bedeckten Hände.

»Weil ich anders bin«, offenbarte sie schließlich, und ihre Stimme klang kaum hörbar.

»Das bin ich auch«, antwortete er fast genauso leise.

Sie sahen einander an, Donnas düstere graue Augen starrten in seine grünen. Stein und Wald. Eisen und Blatt.

»Ich wusste, dass …«, begann sie zögernd. »… ich weiß nämlich manchmal Dinge über Menschen.« Auf ihr Einfühlungsvermögen konnte sie sich schon immer verlassen.

Xan verzog einen Mundwinkel.

»Was weißt du über mich?«

Donna schloss für einen Moment die Augen.

Ungebetene Erinnerungen überströmten sie, drängten sich in ihr Hirn, mit einer Heftigkeit, die ihr den Atem nahm. Erinnerungen an einen dunklen und flüsternden Wald, eine Lichtung und das Geräusch des Todes, das sie verfolgte. Ihre Erinnerungen, nicht seine. Zumindest dachte sie, es wären ihre Erinnerungen.

Sie verbannte die Bilder aus ihrem Kopf und öffnete ihre Augen. Xan betrachtete sie neugierig.

Es war lange her, dass sie sich so bewusst an die Ereignisse im Wald von Ironwood erinnert hatte. Meist träumte sie nachts davon, aber alles so deutlich zu sehen während sie wach war, wie gerade eben … Donna zitterte und versuchte zu lächeln, in der Hoffnung, dass Xan nichts bemerkt hatte.

»Nun ja, du bist schwer zu durchschauen«, sagte sie leise. Warum kamen die Erinnerungen an Ironwood plötzlich einfach so, während sie doch versuchte sich auf Xan zu konzentrieren?

Die Stimmung hatte sich verändert, und sie hatte das Gefühl, etwas Wichtigem und Angsteinflößendem auf der Spur zu sein.

»Du auch, Miss Donna Underwood.« Er langte in seine Hosentasche und zog eine kleine Dose Tabak heraus.

»Hey, rauchst du?«

»Bäh, niemals.« Die Worte sprudelten aus ihrem Mund, bevor sie sie aufhalten konnte.

Xan schien nicht beleidigt zu sein. Seine Mundwinkel zuckten, als er die Dose öffnete. Seine Finger waren lang und gebräunt und seine Bewegungen fließend und anmutig … er verströmte eine so intensive Energie, die Donna den Atem nahm. Sie beobachtete ihn. Er war anders als alle, die sie bislang je kennengelernt hatte.

»Du bist wirklich anders, nicht wahr?« Sie zuckte innerlich zusammen und fragte sich, was sie dazu gebracht hatte, so etwas zu sagen. Vielleicht war es der verletzliche Ausdruck in seinem Gesicht. Oder die Art und Weise, wie er versuchte Dinge zu verheimlichen, aber gleichzeitig den Eindruck vermittelte, als wolle er sie in seine Welt einladen.

Er nickte langsam und bedächtig.

»Ich denke, wir alle haben unsere Geheimnisse. So wie du mit dem, was du unter diesen Handschuhen versteckst.«

Sie schaute weg. Sie konnte es nicht – sie konnte sich nicht überwinden, sich diesem Menschen zu öffnen. Sie hatte ihn gerade erst kennengelernt.

Was ist denn nur los mit mir?, überlegte sie. Sie war versucht, ihr Geheimnis einfach so auszuschütten, gerade so wie die Kids unten im Haus ihr Bier auf dem Teppich verschütteten, ihm einfach zu erzählen, wie ihre Hände durch Magie neu gestaltet worden waren. Sie biss sich auf die Unterlippe und hielt ihren Mund.

Xan wechselte in den Schneidersitz und fing an, das Zigarettenpapier mit Tabak zu füllen.

»Sieht aus, als ob das gemeinsame Gespräch zu Ende wäre.« Seine Stimme war wieder ausdruckslos; der gedehnte Tonfall zurückgekehrt.

Donna stand zu schnell auf, und ihr wurde furchtbar schwindlig.

»Ich sollte jetzt wirklich gehen. Ich muss mir ein Taxi suchen.«

»Ja, natürlich«, erwiderte Xan und klemmte sich die frisch gedrehte Zigarette hinters Ohr.

»Ich helfe dir beim Runterklettern.«

Sie wich ihm aus, noch bevor seine ausgestreckte Hand sie berühren konnte.

»Nein, danke, ich komm allein zurecht.«

Aber er folgte ihr trotzdem.

Als sie wieder unten im Schlafzimmer waren, wusste Donna nicht, was sie noch sagen sollte. Irgendetwas an Xan gab ihr das Gefühl, mit ihm auf besondere Weise verbunden zu sein, obwohl sie so gut wie nichts über ihn wusste. Die Verbundenheit zu Navin gab ihr oft Trost; Navin gab ihr das Gefühl, sie würde ein halbwegs normales Leben führen (was immer das auch sein sollte).

Aber das hier war ganz anders.

Xan war anders.

Donna schlüpfte aus dem schwarzen Pullover. Ihr war plötzlich heiß, und sie fühlte sich unbeholfen, als sie Xan den Pullover zurückgab. Ihr Blick fiel auf die Digitaluhr neben dem ungemachten Bett, seinem Bett.

»Verdammt. Ich muss wirklich gehen. Navin wird mich schon suchen.«

»Navin?« Er runzelte die Stirn. »Ah, dein Freund.« Es klang wie eine Feststellung.

»Nein, nur ein Freund.« Sie zuckte mit den Achseln. »Eigentlich mein bester Freund.«

»Oh.« Xan strich sich mit der Hand übers Gesicht.

»Kann ich dich anrufen? Ich denke, wir haben noch einiges zu bereden …« Für einen kurzen Augenblick klang er unsicher. Das machte Donna Mut, ihre Chance zu nutzen.

»Sicher.« Sie spulte ihre Telefonnummer herunter, und er tippte sie in sein Handy.

Als Xan dann aber auf sie zukam, wollte sie davonlaufen. Wer zum Teufel war dieser Alexander Grayson? Sie zwang sich stehen zu bleiben. Xan streckte seine Hand aus, und sie hielt den Atem an, während er sanft eine Haarsträhne, die ihr über die Augen gefallen war, hinter ihr Ohr schob.

Wärme durchströmte ihren Körper, und sie versuchte zu lächeln. Zum ersten Mal fiel Donna auf, dass sie ihren Kopf in den Nacken legen musste, um ihm in die Augen zu schauen. Er war groß. Größer als Nav, dachte sie, und hatte dabei sofort das Gefühl, als sei sie Nav untreu.

Xans Hände glitten über ihre Schultern, und sie beobachteten sich gegenseitig. Als er seine Hände zurückzog, strichen seine Finger über ihren Arm, genau an der Stelle, an der ihr schwarzer Handschuh auf die weiße Haut ihres Ellenbogens traf.

Ein plötzlicher Funke knisterte, es war wie statische Elektrizität – nur viel stärker.

Donna zuckte vor Xans Berührung zurück, und Schmerz breitete sich in ihren Armen und Händen aus. Es war wie ein Krampf, ein unmöglicher Schmerz, der ihre Knochen und nicht ihre Muskeln erfasste. Sie erinnerte sich an die Schmerzen ihrer Kindheit – die vielen »Operationen« an ihren entstellten Armen, bei denen der Maker sie mit Metall und Magie bearbeitet hatte. Sie erinnerte sich an den Ausdruck auf Tante Paiges Gesicht, die nach jeder einzelnen dieser Prozeduren zu Besuch gekommen war.

»Was zum Teufel war das?« Xan blickte Donna an, als ob sie etwas Kostbares und gleichzeitig Gefährliches wäre. Seine Stimme klang leise, und seine Augen blitzten im schwach beleuchteten Zimmer. Er rieb sich die Hände, als ob er sie wärmen wollte, und sein Blick schweifte zur halboffenen Tür.

Donna schluckte.

»Was war was?« Der Schmerz in ihren Knochen war jetzt mehr ein kribbelndes Gefühl, das sich in ihren Armen ausbreitete. Sie musste hier raus. Was immer gerade zwischen ihnen passiert war, sie würde später darüber nachdenken, wenn sie nicht mehr unter der Intensität von Xans Blick atmen musste.

Er schaute finster drein.

»Du hast es auch gespürt. Erzähl mir ja nicht, du hättest es nicht gespürt.«

Donna machte einen Schritt in Richtung Tür.

»Es war nur ein kleiner Stromschlag. Keine große Sache.«

Einen Moment lang fragte sie sich, ob er versuchen würde, sie aufzuhalten. Ihr Herz hämmerte, und sie widerstand der Versuchung, sich den Arm an genau der Stelle zu reiben, wo die Haut noch immer kribbelte.

Aber Alexander Grayson stand nur da und beobachtete sie, beinahe als ob er in sie hineinschauen könnte, wenn er es nur lange genug versuchen würde.

Rasch ging Donna zur Tür und drehte sich nur ein einziges Mal um, bevor sie das Zimmer verließ. Sie lief nach unten und machte sich auf die Suche nach Navin.

Wie zu erwarten, war Navin ziemlich sauer.

»Wo warst du? Ich hab dich überall gesucht. Ich hab dich bestimmt hundert Mal angerufen.«

Donna fand, dass er sich wie ein Vater anhörte, der sein Kind im Einkaufszentrum verloren hatte, aber sie unterdrückte ihr Grinsen.

»Übertreib mal nicht«, erwiderte sie und überprüfte die verpassten Anrufe auf ihrem Handy, während sie in ihren Mantel schlüpfte. Sie runzelte ihre Stirn, als sie sah, wie viele Anrufe sie tatsächlich verpasst hatte.

»Oh. Du hast tatsächlich ein paarmal angerufen.«

»Natürlich hab ich das!« Navin war kurz davor, in die Luft zu gehen.

»Ich wusste nicht, was los ist. Ich hab mich schon gefragt, ob Melanie und ihre Leute dich erwischt haben.«

Seine Besorgnis war rührend, aber Donna nahm alles nur seltsam distanziert wahr, als ob es durch einen Filter passierte oder sich ein Mantel über ihre Gefühle gelegt hätte, damit sie die Dinge nicht so intensiv spüren musste.

»Es tut mir leid, Nav«, entschuldigte sie sich, »aber was glaubst du, hätte mir Melanie groß tun können? Es sieht eh so aus, als ob sie dir aus der Hand frisst.«

Und dann war da ja noch die Tatsache, dass Melanie Swan sich seit dem berüchtigten Vorfall nicht mehr direkt mit ihr angelegt hatte. Donna versuchte, an etwas anderes zu denken, aber die Erinnerung bohrte sich in ihren Verstand wie hartnäckiges Unkraut sich durch den Boden zwang.

»Halt die Klappe, Underwood. Versuch nicht, mich abzulenken; du hast schon genug Ärger.« Navin zeigte auf seine Uhr.

»Scheiße. Und du wirst noch mehr Ärger bekommen, wenn wir dich nicht in der nächsten halben Stunde zu Hause haben.«

Donna verzog das Gesicht.

»Es ist ja nicht so, als ob Tante Paige mir bei lebendigem Leib die Haut abziehen würde …«

»Da wär ich mir nicht so sicher. Das letzte Mal, als wir zu spät nach Hause kamen, hat sie gedroht, mich mit einem Fluch zu belegen.«

»Sie hat doch nur Spaß gemacht!« Ja, es stimmte, auf Menschen außerhalb des Ordens machte ihre Tante durchaus den Eindruck einer schrulligen, alternativen New-Age-Tante, aber manchmal nahm Nav das alles ein bisschen zu ernst. Er war schon fast überzeugt, dass Paige eine neuzeitliche Hexe war – was der Wahrheit schon recht nahe kam. Irgendwie jedenfalls.

»Ist gut, ich habe dir doch gesagt, dass es mir leidtut, dass du dir Sorgen um mich gemacht hast.« Donna versuchte, das Gespräch weg von ihrer Tante und in eine andere Richtung zu lenken.

Navin legte seinen Arm lässig um ihre Schultern und drückte sie. Er hatte ihr verziehen.

»Was hast du denn überhaupt die ganze Zeit getrieben?«

»Ich war auf dem Dach frische Luft schnappen.«

»Auf dem Dach

Sie lächelte.

»Ja, wo denn sonst?«

Er schüttelte den Kopf und lächelte schwach.

»Du bist seltsam, weißt du das?«

Donna schaute ihn mit ihrer besten Unschuldsmiene an und ging in Richtung Tür.

»Ich dachte immer, das wäre der Grund, warum du mit mir abhängst.«

»Ja, genau, das ist der Grund.« Navin verdrehte die Augen.

»Komm jetzt, ich habe schon ein Taxi gerufen.«

Sie lachte und öffnete die Haustür, zögerte aber in dem Moment, als sie hörte, wie Schritte den langen Gang hinter ihnen herannahten.

»Donna, warte eine Sekunde!«

Als sie sich langsam umdrehte, sah sie Xan mit ihrem silbernen Schal in der Hand. Sie griff sich an den Hals; sie hatte den Schal noch nicht vermisst. War er runtergefallen, als sie auf dem Dach waren?

Xan strich sich den zu langen Pony aus seinen Augen.

»Den hast du fallenlassen.«

Navin schaute die beiden abwechselnd an, mit einem Gesichtsausdruck, den Donna noch nie bei ihm gesehen hatte. Ihr Gesicht wurde warm, und der plötzliche Gedanke, dass sie sich schuldig fühlte, gefiel ihr gar nicht. Es war ja nicht so, als ob sie etwas Falsches getan hätte.

Sie schnappte sich den Schal von Xan, murmelte ein Dankeschön und hoffte, dass keinem auffiel, wie sehr ihre Hände zitterten. Dieser knochentiefe, zermürbende Schmerz war wieder da, und sie wünschte, sie könnte einfach die Arme um sich schlingen und warten, bis der Schmerz vorüber war. Das Gefühl – als ob sich ihre Knochen aneinanderreiben würden – trieb ihr die Tränen in die Augen. Donna schlang den Schal um ihren Hals und unterdrückte ihre Tränen. Sie versuchte so zu tun, als ob alles in Ordnung wäre.

Xan lächelte.

»Das sieht hübsch aus zu deinem Mantel.«

»Mmh … danke.« Sie scharrte mit den Füßen und beschloss die Jungs miteinander bekannt zu machen. Sie berührte Navins Hand.

»Nav, das ist Xan – Alexander Grayson«, fing sie an.

»Wir haben uns oben kennengelernt. Xan, das ist mein Freund Navin Sharma.«

Sie checkten sich gegenseitig ab, so wie Jungs das eben tun. Navin streckte seine Hand aus.

»Nett, dich kennenzulernen.« Seine Stimme allerdings besagte das Gegenteil.

Was zum Henker war denn in ihn gefahren?, überlegte Donna, obwohl sie dankbar war, dass er sich zumindest bemühte.

Xan schüttelte Nav die Hand.

»Gleichfalls. Ich hoffe, du hast dich amüsiert?«

»Es war cool. Danke.«

Der hämmernde Beat der Musik aus dem Wohnzimmer vibrierte unter den Sohlen von Donnas Turnschuhen. Niemand sagte etwas, und so lenkte Xan seine Aufmerksamkeit wieder auf Donna. Er beobachtete sie, mit diesem seltsamen, neugierigen Ausdruck, als ob sie eine neue Lebensform wäre, die er gerade entdeckt hatte. Sie wollte ihm sagen, dass es unhöflich war, so zu starren, aber das konnte sie unmöglich vor Nav tun.

Ein lauter Knall kam aus dem Wohnzimmer, und Xan zuckte zusammen.

»Idioten! Was haben die jetzt schon wieder kaputt gemacht?«

Navin schaute zu Donna, und ihre Blicke trafen sich. Er runzelte fragend die Stirn, und sie musste beinahe kichern. Gerettet von irgendeinem ungeschickten Typen, dachte sie.

»Tut mir leid«, sagte Xan. Er fuhr sich mit der Hand durch die Haare.

»Ich muss nachsehen, was diese Schwachköpfe treiben.«

Donna nickte.

»Okay, und nochmals danke.«

Xan lief zurück in die Richtung, aus der das verdächtige laute Geräusch gekommen war.

»Ich ruf dich an«, warf er ihr über seine Schulter zu.

Donna wollte in der Alkoholpfütze auf dem Teppichboden versinken. Warum musste er das sagen? Männer waren solche Idioten.

Sie schaute zu Navin und war erleichtert, dass der nicht darauf reagierte. Vielleicht hatte er es nicht gehört. Zumindest hoffte sie das …

Sie verließen das Haus. Donna kickte mit dem Fuß eine Flasche aus dem Weg und blickte über die Straße. Sie starrte in die Dunkelheit; hatte sich da was bewegt? Dann duckte sich ein dünner Schatten hinter eine Mauer, und sie hätte beinahe aufgeschrien. Ihr Mund war plötzlich wie ausgetrocknet, sie blieb stehen.

»Was ist los?« Navin hatte seine Hand schon auf dem schweren Eisentor am Ende des Wegs und wollte gerade auf den Bürgersteig hinaustreten.

»Warte.« Donna griff nach seinem Arm; sie drückte zu fest zu, und er zuckte zusammen.

Navin warf ihr einen finsteren Blick zu und begann theatralisch seinen Arm zu reiben. Dann starrte er sie einen Moment lang an. »Donna, was ist?«

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