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Iron Curtain Trail

Von Stettin an der Ostsee bis Triest an der Adria hat sich ein Eiserner Vorhang über den Kontinent gesenkt. “

Winston Churchill (5. März 1946)

Inhaltsverzeichnis

Vorwort

Über dieses Buch

Erster Teil

Wie alles begann (oder wie kommt man bloß auf so eine Idee?)

Mitternachtssonne

On the road

Lappland

Karelien

Überraschungen

Kleine Mogeleien

Regen, Regen, Regen

Gedanken zum ersten Teilstück auf dem Iron Curtain Trail

Stürmischer Empfang

Die Finnland-Etappe ist geschafft!

Wir haben rüber gemacht

Sankt Petersburg

Dürfen wir vorstellen?

Estland!

Na, wie habe ich das gemacht?

Lettland

Wasser

Russland zum zweiten

Kalinka, Kalinka, Kalinka moja

Polen? - Warum nicht!

Ende

Auf ein Neues!

Adieu Ostsee

Grenzerfahrungen

Von Sorge, Elend und anderen Brocken

Wer kam bloß auf die Idee

Wir haben uns getrennt!

Auf und nieder - immer wieder

Höhepunkte und Schiebereien

Slowakei im Schnelldurchgang

Ungarn - Puszta, Wein und Paprika?

Welcher Tag ist heute?

Länderhopping

Serbien erstaunt uns

Donauwalzer oder so

Welcome to Bulgaria!

Drum bun! Have a nice trip!

Schwarzes Meer - wir kommen!

Die Rückreise – oder wie kommt man mit dem Zug wieder nach Hause?

9000 Kilometer durch Europa - ein Fazit

Zweiter Teil

Die Route

Streckeninfos und Statistiken

Interview mit Michael Cramer

Ausrüstung und praktische Tipps

Interessante Webseiten

Vorwort

Über dieses Buch

Der Eiserne Vorhang. Fast ein halbes Jahrhundert lang war er zu den Zeiten des kalten Krieges die teils waffenstrotzende Grenze zwischen den Bündnisblöcken NATO und Warschauer Pakt. Er bildete die sicht- und spürbare Systemkonfrontation zwischen Ost und West, die Spaltung zwischen Kapitalismus und Kommunismus. Nicht nur Berlin und Deutschland, ganz Europa war geteilt - von der Barentssee bis zum Schwarzen Meer. Mit dem Eurovelo 13, dem Iron Curtain Trail, entsteht entlang dieser ehemaligen Grenze ein Radweg, der nicht nur an die jüngste Vergangenheit erinnert sondern auch europäische Geschichte, Politik, Natur und Kultur erlebbar werden lässt.

Der Iron Curtain Trail. Als wir im Jahr 2010 bei der Zeitungslektüre über diesen Radweg „stolperten“, ließ uns die Idee nicht mehr los, diese geschichtsträchtige Route irgendwann einmal selber zu radeln. Im Internet fanden sich damals keine Berichte darüber, dass jemand diese Reise von Kirkenes bis zum Schwarzen Meer komplett durchgeführt hätte. Deshalb wollten wir unsere Erfahrungen von der Idee bis zur Realisierung zunächst in unserem Blog festhalten. Im Sommer 2012 fuhren wir die erste Etappe bis nach Kesälahti. Von dort aus sind wir im Sommer 2013 zur zweiten Etappe gestartet, die uns bis nach Kolberg in Polen führte. Dies war dann der Startpunkt im Jahr 2014. In jenem Jahr radelten wir dann bis ans Schwarze Meer.

In insgesamt viereinhalb Monaten fuhren wir so ohne Begleitfahrzeug mit reiner Muskelkraft 9000 Kilometer durch ganz Europa. Dabei kamen wir durch 17 Länder. Natürlich gab es anfangs Bedenken, ob dieses Projekt nicht eine Nummer zu groß sein könnte. Aber im Nachhinein können wir nur jeden dazu ermutigen, sich selber auf das Fahrrad zu schwingen und eine Reise zu unternehmen – es müssen ja nicht gleich tausende von Kilometern sein. Weil wir immer wieder Fragen zu unserer Reise erhalten haben wir uns dazu entschlossen, im vorliegenden Buch über unsere Erlebnisse und Erfahrungen zu berichten. Im ersten Teil beschreiben wir die Reise selbst, im zweiten Teil finden sich praktische Informationen, Wissenswertes und Tipps zu Ausrüstung und Strecke.

Am Ziel!

Erster Teil

Wie alles begann (oder wie kommt man bloß auf so eine Idee?)

„Ich hab’s!“ rief Peter und schwenkte eine Zeitschrift. „Wir fahren den Iron Curtain Trail!“ sagte er und schaute mich begeistert an. In der Badewanne hatte er in einem Magazin der Stiftung Warentest geblättert und war auf einen Artikel über den längsten Radweg Europas gestoßen. Das fand er klasse und war sofort Feuer und Flamme. Bei mir hingegen hielt sich die Begeisterung zunächst sehr in Grenzen, denn unsere Radreiseerfahrungen lagen damals gerade mal bei einer zweiwöchigen Tour entlang des Rheins! Wir waren im Sommer von Konstanz aus auf dem Rhein-Radweg an die Mündung in Hoek van Holland geradelt. Dabei hatten wir in Pensionen und Hotels übernachtet, ich war sogar mit dem Pedelec unterwegs. Und nun sollten wir den Eisernen Vorhang ab radeln? 7000 Kilometer? Wir sind doch nicht mehr die Jüngsten! Unmöglich…

Doch irgendwie hat er es geschafft, langsam wurde auch ich infiziert und ließ mich von Peters Begeisterung anstecken. Bald begann ich, in die Planung mit einzusteigen. Im Internet fanden wir keine Berichte von Radreisenden, die diese Route bereits komplett bereist hätten. Überhaupt gab es wenig Informationen über diesen Trail – und das war noch mehr Ansporn für uns, den Iron Curtain Trail zu radeln und auch darüber zu berichten. Deshalb schrieben wir schon von Anfang an in unserem Blog, den wir später in www.radweltreisen.de umbenannten, über unsere Erlebnisse.

Aber damals, im Jahr 2011, steckten wir noch in der Planungsphase. Als Erstes kauften wir eine Karte von Finnland, denn die erste Etappe sollte ja in Kirkenes starten und dann hauptsächlich durch dieses skandinavische Land führen. Außerdem mussten Radreiseführer her, da empfehlen sich die Bikelineführer, die den ganzen Weg in drei Bänden beschreiben. Weitere Informationen suchten wir im Internet, unter anderem auch beim „Erfinder“ dieses Radwegs, bei dem Europaabgeordneten Michael Cramer. Ihn haben wir im Oktober 2011 auch angemailt, weil wir im Netz unterschiedliche Angaben über die tatsächliche Länge der Route gefunden hatten. Die Antwort kam prompt:

Hallo,

wir haben vor kurzem die Gesamtstrecke des ICT noch mal neu berechnen lassen und sind auf eine Länge von ca. 9000 km gekommen.

Viel Erfolg!

Mit freundlichen Grüßen / Mes meilleures salutations
Parliamentary Assistant to Michael Cramer, MEP

Im Dezember 2011 kamen wir unserer Reise einen weiteren Schritt näher, wir buchten die Flüge. In knapp 10 Stunden würde uns die SAS im kommenden Sommer von Stuttgart über Kopenhagen und Oslo nach Kirkenes bringen. Leider konnten wir keine feste Zusicherung für den Transport unserer Fahrräder bekommen, nur die beiden letzten Teilstücke (Kopenhagen - Oslo und Oslo - Kirkenes) wurden bestätigt, für das erste Teilstück (Stuttgart - Kopenhagen) gab es nur eine Stand-by-Reservierung. Dies gehe nicht anders bei so kleinen Maschinen, sagte uns die Dame von SAS. Blieb nur zu hoffen, dass am Reisetag wirklich noch Platz für unsere Fahrräder sein würde, denn sonst müsste man sie mit einer späteren Maschine nachschicken…

Inzwischen war auch klar, dass ich ein Reiserad bräuchte, denn mit einem Pedelec kommt man auf so einer Reise nicht weit, in der Einsamkeit Lapplands sowieso nicht, denn dort gibt es einfach zu wenig Steckdosen auf der Strecke! Deshalb habe ich mich Anfang des Jahres 2012 versucht schlau zu machen, habe mich durchs Internet gewühlt, mir Berichte in Fachzeitschriften und Foren durchgelesen und dieses und jenes Modell in Radgeschäften angeschaut. Bald hatte sich dann die Auswahl auf das Papalagi Trekking Rohloff von MTB Cycletech oder ein Rad aus der Velotraum-Schmiede fokussiert. Da Peter ein Velotraumrad in meiner Größe fährt, konnte ich damit des öfteren Probefahrten unternehmen. Mein Radhändler hatte ein Papalagi in meiner Größe vorrätig, aber in der falschen Farbe und vor allem nicht mit der obligatorischen Rohloff-Nabe. Zweimal konnte ich auch dieses Rad ausprobieren - es hat mir sehr gut gefallen, denn es ist ein sehr agiles, wendiges Rad mit einem filigran wirkenden Stahlrahmen.

Ich war mir natürlich bewusst, dass auch ein Papalagi deutlich schwerer ist als dieses Vorführrad, wenn es mit Straßenausstattung, Lichtanlage und Rohloffschaltung bestückt ist. Aber es hat großen Spaß gemacht, mit diesem Leichtgewicht zu fahren! Ich war schon nahe daran, dieses Rad zu bestellen, aber letztlich gab es ein paar Gründe, es doch nicht zu tun: der Rahmen passte nicht zu 100% (und sollte mit Vorbau etc. „passend“ gemacht werden) und die gewünschte Farbe sollte es auch nicht geben (als Frameset nur in grün mit schwarzer Gabel). Man hätte mir ein fertig konfiguriertes Rad (in meiner Wunschfarbe) bestellen können, um es dann nach meinen Wünschen umzubauen - aber dafür wäre die Lieferzeit sehr lange gewesen.

Deshalb sind wir zu Velotraum nach Weil der Stadt gefahren - ist ja quasi fast in der Nachbarschaft. Mr. Velotraum höchst persönlich hat uns beraten. Und ich muss sagen, es war die beste Beratung, die ich seit Beginn meiner Fahrradsuche erlebt habe! Ganz toll war es, dass wichtige Komponenten wie Sattel und Lenker direkt an der Messmaschine ausprobiert werden konnten. Dass dann auch noch die Rahmenfarbe aus allen RAL-Farben ausgewählt werden kann, ist das i-Tüpfelchen. Kurz entschlossen habe ich sofort „mein“ Velotraumrad bestellt und würde nun in ein paar Wochen ein absolut individuelles, speziell auf mich zugeschnittenes Reiserad in Empfang nehmen können. Danke Stefan Stiener für die tolle Beratung!

Nach gerade mal vier Wochen bekam ich Ende April die Nachricht, dass mein Fahrrad fertig sei - ich hatte eher mit Mitte Mai gerechnet! Die Freude war natürlich groß und in der gleichen Woche holten wir mein neues Reiserad in Weil der Stadt ab. Exakt auf meine Maße eingestellt stand es in den Verkaufsräumen von Velotraum – mein Traumvelo! Den Lowrider ließ ich vorher abmontieren, den brauche ich momentan noch nicht. Danach führte uns die Jungfernfahrt gleich vom Werk bis nach Hause (sind ja nur 25 km) - und ich muss sagen, der erste Eindruck ist erstklassig. Trotz der 16,7 kg lässt sich das Rad wunderbar leicht fahren, es ist sehr agil.

Das neue Reiserad ist abholbereit

In der Zwischenzeit haben wir einige kleinere Touren mit unseren Veloträumen absolviert und unsere übrige Ausrüstung vervollständigt – eine genaue Packliste und Details zu den Fahrrädern gibt es am Ende dieses Buchs mit weiteren praktischen Tipps. Von meinem neuen Reiserad bin ich absolut begeistert!

Der Start zur Reise kann kommen!

Mitternachtssonne

29.06.2012 bis 30.06.2012

 

Kirkenes

 

Auf dem Iron Curtain Trail

27 km

Strahlend blauer Himmel und Sonnenschein empfangen uns, als wir gegen 21 Uhr in Kirkenes landen. Damit hatten wir gar nicht gerechnet, denn bei unseren Zwischenstopps in Kopenhagen und Oslo hatte es heftig geregnet. Unser Flugzeug war in Stuttgart wegen Turbulenzen und Gewittern im Raum Kopenhagen erst mit Verspätung gestartet. Und im Flugzeug nach Oslo gab es eine Außenkamera, so dass wir ganz gut sehen konnten, wie trostlos es auch hier aussah. Doch wir hatten keine Zeit, über das schlechte Wetter nachzudenken, denn in der norwegischen Hauptstadt warteten einige Überraschungen auf uns.

Wir mussten unser gesamtes Gepäck samt den Fahrrädern im Erdgeschoss holen, um im ersten Stock erneut einzuchecken. Leider fehlten informative Hinweise am Flughafen, am Infodesk konnte man uns auch keine genauen Angaben machen. So dauerte es einige Zeit, bis wir mit Hilfe eines Bediensteten der SAS unsere Fahrräder in einem recht versteckt gelegenen Teil des internationalen Bereichs entgegen nehmen und in der oberen Etage beim Schalter für Sperrgepäck neu einchecken konnten. Im Flugzeug nach Kirkenes wird uns dann manches klarer. Bis nach Oslo waren wir auf einer internationalen Flugroute, jetzt machen wir ja nur noch einen Inlandsflug innerhalb Norwegens. Deshalb mussten wir in Oslo nach Norwegen einreisen, unser gesamtes Gepäck in Empfang nehmen und für den nationalen Weiterflug neu einchecken. Aber wenigstens ist dieser Flug okay und sogar das Wetter meint es gut mit uns. Je weiter wir nach Norden kommen um so sonniger wird es. Es hebt doch gleich die Laune, wenn man mit Sonnenschein empfangen wird!