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Irminar Die Seelenleserin

Nika Bechtel

Irminar Die Seelenleserin

Die Saga der Seelenleserin





BookRix GmbH & Co. KG
80331 München

Titel

Nika Bechtel

 

 

 

Irminar

Die Seelenleserin

Die Saga der Seelenleserin

Buch 1

 

 

Roman

Copyright 2017 by Nika Bechtel

2. Auflage

Gestermannstr. 1, 33775 Versmold

Cover Design: Yvonne Less

@ www.art4artists.com.au

 

 

 

 

 

https://nikabechtel.jimdo.com

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Vorwort

Die nun folgende Geschichte widmet sich der Liebe – die mit ihrem Facettenreichtum und dem Geheimnis ihrer Macht stets das Fantastischste in unser aller Leben sein wird. Sie ist zum Teil, wen wundert es, auch meine Geschichte.

Ich als Autorin habe all das durchlebt, als ich es schrieb. Und über die Jahre der Entstehung dieses Buches hinweg, haben die Charaktere angefangen, ihr eigenes Leben zu führen, ihre eigene Geschichte verändern zu wollen.

Verfügen sie also tatsächlich über die Kräfte, die ich ihnen zuschrieb?

Ja, ich fühle mit den Helden in diesem Buch, aber sie gehören mir nicht. Denn jetzt gehören sie auch ein wenig Ihnen.

Freuen Sie sich darauf!

Beim Lesen begleitet werden Sie in erster Linie von:


Mike von Irminar

Evolutionär hoch entwickelte Genetik, kurz: Besonders* und bei Mike überaus stark hervortretend. Geburt zum Ende des Zweiten Weltkrieges in den USA, aus Deutschland stammend und seit langem wieder zurückgekehrt. Er ist der überlegene Held – stark und im allerhöchsten Maße Präzision liebend. Sein Denken und sein Handeln sind zielgerichtet, nur will er (vielleicht zu oft) in den Menschen nur das Gute sehen.


Roger von Gunlau

Besonders. In derselben Nacht geboren wie Mike – Ewige Freunde*. Er ist ein Sunnyboy mit Dauerlächeln und er lebt das Kind in sich. Bereits mit sieben Jahren verlor er seine Eltern und lebt seither mit und bei Mike von Irminar. Seine Vorliebe zum Spielen bringt er überall ein.


Mali Theresia Schmidt

Besonders. Wächst ahnungslos zum Ende des 20. Jahrhunderts auf. Sie ist die sympathische junge Frau von nebenan, die mehr denkt als sagt und mehr fühlt als sieht. Das ändert sich langsam, nachdem sie Mike begegnet und das Chaos nimmt seinen Lauf.


Alexander von Irminar (Alex)

Besonders. Mikes drei Jahre jüngerer Bruder. Er ist ein Mitläufer, der Mike das Erbe neidet, obwohl er seinen Bruder liebt. Sein Antrieb ist nicht von schlechter Natur, doch ist er launisch.


Willem von Irminar

B
esonders. Geburt um 1818, Vater von Mike und Alex, Rogers ´Ersatzvater´. Er ist ein überaus einflussreicher Mann mit dem Weitblick und der Gelassenheit des Alters. Aus Unwissenheit um die Umstände sehen seine Söhne ihn oft anders.



Und natürlich:


Beli, Bestimmer der Schatten

Geburt und genetischer Status unbekannt. Er ist der Gründer des Schattenvolkes und lässt Mali seit ihrer Geburt beschützen. Nicht nur, weil er sie liebt. Sein Hass richtet sich vor allem gegen die Irminar-Dynastie. Doch zu sagen, er wäre allein der Böse ...



Eine Begriffserklärung* finden Sie am Ende des Buches.





Das Spiel

Gott, ihr ganzes äußeres Erscheinungsbild war perfekt, begehrenswert und hochwohl erzogen. Innerlich jedoch war sie die hässlichste Kreatur, die man sich nur vorstellen konnte. Unverhohlene Gier, krankhafte Niedertracht und schofle Ideen. Ihm lief ein Schauer der Entschlossenheit über die gerade wenig strahlende Rüstung. Er verstand nicht, wie ein Mensch so unterschiedliche Gesichter zeigen konnte und vor allem, warum. Die Natur machte sich einen Spaß daraus, besonders widerliche Charaktere in auffallend hübschen Verpackungen zu liefern. Auch eine Art Spiel, an dessen Ende nur Unglück auf den Gewinner wartete. Gott sei Dank war sie, wie die zehn vor ihr, wieder nach Hause gegangen.

„Bitte nur noch einmal“, forderte Mike von Irminar erneut, mit schlecht gespielter Verzweiflung. „Im Oktober will meine Mutter ein großes Fest zu meinem Ehrentag geben. Sie wird mir den ganzen Abend heiratswillige Damen vorführen und sonst was unternehmen, damit ich endlich heirate. Es wird eine einzige Schmach.“

„Dein Ehrentag also.“ Roger von Gunlau erfasste ein ödes Gefühl.

Es war auch sein Ehrentag, ihr beider Geburtstag. Ein sonst unbedeutend gehaltener Tag – denn Männer wie sie feierten keine Geburtstage. Aber in der Tat plante Eleonore zu diesem ein Fest. Stichhaltige Informationen waren bereits durch zuverlässige Quellen zu ihm durchgesickert und die Gästeliste sprach für sich. Mikes Mutter wollte unbedingt noch ein Enkelkind erleben. Nicht des Kindes wegen. Nein, um der Tradition willen.

Zum Austragen standen mehr als sechsundzwanzig junge Damen aus einwandfrei passenden Elternhäusern parat. Und ohne Zweifel würde jede von ihnen nichts lieber tun, als dem Herrn von Irminar gefällig zu sein. Das alles könnte ein Spaß werden, wenn nicht Mike dazu seine Zustimmung gegeben hätte. Diese Tatsache wunderte Roger nicht nur, sie schmerzte. Deshalb auch Mikes Wunsch. Es war kurz vor Weihnachten und der Herr von Gunlau wäre kein guter Freund, geschweige denn ein Ewiger, wenn diese Gefühle nicht sein Herz berühren würden.

„Na gut, aber es wird wirklich das letzte Mal sein. Es wird anders ablaufen und dieses Mal werde ich sie aussuchen.“

Mikes Lächeln erstarb langsam. „Du suchst sie aus?“

„Ja, ich!“ Darauf würde er bestehen – so oder gar nicht.

„Nein, nie im Leben“, entgegnete der im Grunde stete Verlierer entsetzt. Doch bereits einen Wimpernschlag später erhellte sich sein Gesicht. „Ich suche mir eine aus und du kannst deine Favoritin dazu einladen“, schlug er kurzerhand listig vor und zeigte ein überlegenes Grinsen.

Das verblüffte Roger von Gunlau.

„Zwei Damen? Du willst dieses Mal gleich zwei nehmen?“, empörte er sich scharf und zweifelte zum ersten Mal ernsthaft an Mikes Verstand. Und seiner Ideologie.

Roger verzieh ihm dieses Spiel, weil seinesgleichen auch ohne dies nicht viel tun brauchte, damit die Frauen zu allem bereit waren. Aber in keine von ihnen hatte sich Mike je auch nur ein wenig verliebt.

„Nein, nehmen werde ich nur eine, versprochen. Es sei denn, sie wollen mich beide unbedingt.“ Bei dieser Ankündigung konnte Roger ein schiefes Schmunzeln nicht verbergen. „Und da es zwei sein werden, winkt einer von ihnen auch noch eine Einladung zu meinem Ehrentag. Auch werde ich mit ihr vor allen anderen Gästen tanzen.“

Wie sein Gefährte um die Zusage feilschte, gefiel Roger. Wenn er auch den Einsatz für fast nichtig hielt. Was interessierte es den Hausherrn, ob nun eine Dame mehr oder weniger anwesend wäre? Davon würde der sich wohl kaum dazu drängen lassen, eine Ehefrau zu wählen. Wenn es in diesem Universum überhaupt etwas gab, von dem sich Mike drängen ließe – so viel dazu.

„Okay, wenn du das als eine Art Gewinn ansehen willst. Jedoch erfordern zwei junge Damen mehr Zeit. Ich denke, wir setzen vier statt der sonst üblichen drei Monate an“, schlug Roger von Gunlau vorsichtig vor und sein Gegenüber nickte entgegenkommend. „Und das mit deinem Ehrentag entscheiden wir besser spontan.“ Je nach Zustand der Dame eben.

Förmlich streckte Roger seine rechte Hand aus und der von Irminar schlug ein. „Das Spiel steht. Nur, in welchen Häusern bringen wir sie unter?“

So würde der Edelmann Mikes Hand nicht freigeben. „Sie kommen beide hier ins Herrenhaus!“, verlangte er gepresst und stählte sich.

„Du glaubst tatsächlich, es sei besser, sie zusammen unterzubringen? Sie werden sich gegenseitig die Augen auskratzen!“, sagte Mike knapp und sein Lachen dazu klang höhnisch im Raum wider.

Etwas wie ein leichtes Grunzen entwich Roger daraufhin. „Vielleicht hast du recht“, musste er gestehen, aber sein Innerstes wehrte sich vehement. „Willst du es parallel mit beiden treiben? Hast du gar kein Gefühl von Anstand mehr?“

„Einverstanden. Doch, habe ich“, lenkte Mike von Irminar frostig ein und musterte Roger auf gleiche Weise.

Ja, es war dreist, ihm so etwas überhaupt zu unterstellen. Die Schuld daran trug Mike jedoch selbst, und dass sein Händedruck langsam zu schmerzen begann, änderte daran auch nichts.

„Ein wahrer Freund weiß manchmal besser, was für einen gut ist. Also stimme ich deinen Einwänden zu. Wir bringen sie beide hier unter. Beide wissen, worum es geht, und wir werden sie die meiste Zeit gemeinsam treffen. Möchte ich mit einer etwas allein unternehmen, wirst du die andere begleiten“, und wie Mike das betonte, verhieß es nichts den Wert noch Steigerndes. „Und getrieben habe ich eine Dame noch nie.“

Schon wollte Roger von Gunlau einwilligen und damit endlich seine Hand freibekommen, da fügte Mike noch hinzu: „Aber wenn sie sich tatsächlich die Augen auskratzen, regelst du das ohne mich.“ Mike löste den Handschlag und seine Augen glänzten.

„Ja“, grollte Roger rebellisch nach, „die Aussicht, dich kriegen zu können, lässt jede in Hysterie verfallen.“

Mehr Sarkasmus ging in Mikes Gegenwart nicht. Dieser Mann gab sich viel zu selten locker.

Was für eine Art junge Dame Mike sich einladen würde, war klar wie die Winterluft, die ums Herrenhaus pfiff. Sie entsprachen alle dem gleichen Schema und Mike hing daran heillos fest.

Eine von ihnen – es war die zweite oder dritte – egal, sie jedenfalls hatte Roger zu einem Bild inspiriert, welches sich noch immer in seinem Haus befand. Ja, in seinem Haus und nicht auf dem Dachboden dessen, wie die meisten anderen seiner malerischen Ergüsse. Angeblich soll sie ja eine Niete im Bett gewesen sein. Ein bedauerlicher Umstand, wohl wahr. Und nicht zum ersten Mal rätselte Roger, wie Mike zu diesem harten Urteil gekommen war. War es allein wegen des Aktes der Entjungferung? Hatte sie unablässig gekichert? Geweint? Oder hatte sie abstoßende Geräusche von sich gegeben, oder gar solche Gerüche? Was hatte sie nur so falsch gemacht haben können?

Doch für die Erörterung war jetzt nicht der geeignete Zeitpunkt. Eine neue Runde MD* stand an und es galt, einige Vorbereitungen zu treffen. Die Wahl seiner Kandidatin würde dem Ganzen die Krone aufsetzen. Sie sollte diesmal so gar nicht Mikes Typ sein. Im Gegensatz zu den anderen sollte sie auch nicht das Geringste von seinen genetischen Vorzügen ahnen. Der gewaltige Reichtum an Gut und Männlichkeit sprächen sowieso schnell für sich. Vor seinem inneren Auge zeigte sich bereits diese Eine. Mittelgroß, jung natürlich, mit dunklen Haaren und einem Mund zum Küssen einladend. Ja, etwas frech, aber mit viel Herz. Welche all diese Eigenschaften am besten verkörperte, auch das wusste Roger schon.

Vor zwei oder drei Jahren hatte er flüchtig ihre Bekanntschaft gemacht. Zwischen den vielen Besuchern einer Gartenschau hatte sie gestanden und herausgestochen wie keine jemals zuvor und keine je wieder. Gemeinsam erwarteten sie seinerzeit das Erblühen einer selten präsentierten Nachtkerze. Diese botanische Besonderheit blüht nur einmal, wenn auch überaus eindrucksvoll, für eine einzige Nacht. Für die meisten ein sensationelles Drama.

Das besondere Fräulein hatte dagegen eine Kraft und Lebensfreude ausgestrahlt, wie Roger es nie bei einer Vierzehn- oder Fünfzehnjährigen verspürt hatte. Über die Aussicht, dass die Blüte verwelkt zu Boden fallen würde, noch bevor die Sonne ein weiteres Mal aufginge, hatte sie nicht getrauert. Auf seine Frage, ob sie denn kein Mitleid für die arme Blüte habe, hatte sie geantwortet, dass nichts wahrhaft Berauschendes für die Ewigkeit sei und das aus gutem Grund. Das Leben dieser Blüte sei nur in menschlichen Augen kurz, wenngleich faszinierend intensiv. Sie hätte gespürt, wie viel lebendige Energie darin stecke, und diese zu bedauern sei sinnlos. Schließlich hatte sie gelacht und das soeben Gesagte auf den Konsum eines Glases Sekt geschoben. Ihr bezauberndes Lächeln war ansteckend gewesen und allein die Erinnerung daran machte ihn immer wieder seltsam glücklich. Wäre sie älter gewesen, hätte er ernsthaft mit ihr geflirtet. Hätte ihr gesagt, jene lebendige Energie in ihr ebenfalls zu spüren.

Würde sie die Tatsache, selbst eine Art schnell verblühende Seltenheit an der Seite eines besonderen Mannes zu sein, ebenso gefühlvoll hinnehmen? Zumindest, wenn es sich ebenso faszinierend intensiv darstellte? Es schien möglich. Wie sie wohl jetzt aussah? Wie schön und wie jungfräulich?




Erste Runde

Roger von Gunlau straffte seine Schultern und damit auch seinen silbergrauen Anzug, den eine Ladymaid als perfekt für diesen Anlass ausgewählt hatte. Dieser mache ihn angeblich zutraulich – wobei Zutraulichkeit wohl eher die Eigenschaft eines Tieres darstellt. Anderseits zeigte er ihr vielleicht zu oft das Tier in sich, wenn sie ihm beim Training zusah.

Das breite Lächeln erlosch, vor ihm stand das Eingangsgespräch. Diesmal mit gleich zwei jungen Damen. Sie waren erst vor wenigen Minuten eingetroffen und bedauerlicherweise hatte er ihre Ankunft versäumt. Ein Umstand, den er ebenfalls der besagten Ladymaid verdankte. Aus den Akten kannte er ihre Namen: Vanessa von Hohenfeld und Mali Schmidt.

Mali stellte seine Wahl dar und sein Herz tat einen kräftigen Sprung, als er von ihrer Jungfräulichkeit erfuhr. Mike machte daraus keine belanglose Nebensächlichkeit. Sollte anderes nachgewiesen werden können, drohte eine mehr als empfindliche Strafe. Und in ihren Kreisen gab es dafür seit Jahrhunderten nur eine: den Tod. Und nein, selbst heute ist es keineswegs eine selten vollzogene.

„Genug davon!“, entschied Roger rigoros.

Dieses Spiel reizte ihn schon jetzt überdurchschnittlich. So atmete er noch einmal tief durch und betrat dann den kleinen Salon. Beide Kandidatinnen versteinerten sofort auf ihren gepolsterten Stühlen und sahen ihm interessiert entgegen – weiter hätten sie sich nicht voneinander wegsetzen können.

Keine von beiden würde je zu würdigen wissen, was ihr selbsternannter weißer Ritter an diesem Spiel für sie besser machte. Seine Absichten, die lauterer nicht hätten sein können und für die er sich so einsetzte, nur noch lächerliche Versuche. Wieso verdrängte er bloß stets die doch existierenden Belege für Stutenbissigkeit unter Damen?

Bevor sein Frust ihn überwältigte, schaute er lieber zu der linken Dame. Sie hatte lange blonde Haare, ein Porzellanpüppchengesicht mit edlen Zügen und einem leicht unterkühlten Ausdruck sowie jenem unverfänglichen Hauch der Leere. Ende Mai würde sie ihr siebzehntes Lebensjahr vollenden und die Lieblichkeit noch mädchenhafter Naivität machte sie eindeutig zu Mikes Wahl.

Sein Blick glitt zur rechten Dame. Ganz anders war sie. Fast ein anderes Geschlecht. Ha! Kriselnd wehrte er absurde Gedanken ab. Mali, seine Favoritin. Allein schon ihre Haare, die er als zumeist braun einstufen wollte, fielen teils lockig, teils glatt über ihre Schultern und waren ein wildes Zusammenspiel unterschiedlichster Strähnen und Strähnchen. Im einfallenden Sonnenlicht schrien sie ihre Einzigartigkeit sinnbetäubend heraus. Wie damals! Sie bildeten den Rahmen für ein leicht ovales Gesicht mit zartem Kinn. Seine männliche Konzentration blieb an ihrem Mund hängen und es wäre ihm recht, wenn es sich nicht nur darum handeln würde. Er hatte in der Vergangenheit von genug schönen Lippen gekostet, um zu wissen, dass deren voller Schwung sich perfekt zum Küssen eignete.

Ob Mike diesen Vorzug überhaupt zu schätzen wüsste? Er hatte den eisigen Titanen nie eine Frau küssen sehen, wenigstens nicht auf den Mund. Über dieses Abschweifen musterten ihn grünbraune Augen angriffslustig. Mali atmete angespannt ein, was er an der zarten Blähung ihrer Nasenflügel erkannte. Rätselhafte Zeiten, dachte er, wie kann eine solche Frau ihren zwanzigsten Geburtstag jungfräulich feiern? Zu spät erkannte er seine, ihn in die Irre geführte Erinnerung, ihr Treffen läge erst drei Jahre zurück.

Mike winkte diese Offenbarung nur mit einem Grinsen durch.

„Guten Tag“, hauchte da Vanessa.

Und Roger lenkte seine Aufmerksamkeit sofort auf sie. Wenn auch ungern. Schließlich sollte er sich neutral verhalten oder wenigstens höflich.

„Ja mir scheint, es ist ein wunderschöner Tag. Du bist Vanessa.“ Zielstrebig ging er auf sie zu, gab ihr einen Handkuss und wendete sich Mali zu. „Und du bist Mali“, grüßte er auch sie und ergriff ihre ihm nur zögerlich entgegengestreckte Hand.

Dieser Kuss mochte den Bruchteil einer Sekunde länger dauern. Sie roch genauso einladend, wie sie aussah. Als er, sich die Lippen befeuchtend, aufsah, versuchte sie ein zaghaftes Lächeln.

„Hallo“, grüßte Mali mit leicht erstickter Stimme.

Sogleich um sie bemüht, fragte er: „Fehlt dir etwas?“

Leider gab Vanessa ihr keine Gelegenheit zu antworten. „Sind Sie derjenige, der uns zur Brautschau eingeladen hat?“, platzte sie ungefragt dazwischen.

Ja doch, Mike würde am Ende wieder recht behalten. Es würde ein schreckliches Hin und Her werden. Ein sehr ernüchternder Fakt. Allein dieses Wort: Brautschau. Mike verwendete es gerne und den Eltern der jungen Damen gefiel es selbstverständlich. Roger bezweifelte allerdings stark, dass der Irminar in nächster Zeit überhaupt ans Heiraten dachte. Und von einer MD zur höchsten Frau des Hauses aufzusteigen, war beinahe undenkbar – selbst für ihn.

„Ja, richtig. Ich bin aber leider nicht der Eine welche, den werdet ihr später kennenlernen. Ich bin Roger. Roger von Gunlau. Betrachtet mich als eine Art Vertrauensperson und ihr solltet mich als solche duzen. Meine Hauptaufgabe ist es, mögliche Unstimmigkeiten zwischen euch und Demjenigen welchen zu vermeiden“, erklärte er. „Damit einer reibungslosen Brautschau so wenig wie möglich im Weg steht“, fügte er noch hinzu und wich damit von seinen üblichen Formulierungen ab.

Es begann ein neues Spiel, ein besseres Spiel, ein letztes Spiel. Zumindest dieser Art.

„Derjenige welcher ist nicht zufällig der Erstgeborene und höchster Herr derer von Irminar, oder?“ Vanessa lächelte wissend und kämpfte offensichtlich gegen den Drang, vor Freude auf der Stelle zu hopsen.

Roger fühlte sich überrumpelt, konnte jedoch seine Gefühle verbergen. Ihre Eltern wussten Bescheid, warteten nach eigenen Angaben sogar auf diese Gelegenheit, wenn nicht mehr. Auf jeden Fall war strengstes Stillschweigen vereinbart worden.

„Die junge Dame ist gut informiert, hervorragend“, log er.

Vanessa glaubte ihm, würde alles glauben, und kindische Verzücktheit sprach aus ihrer Haltung – sie wäre fast doch gehüpft.

In Malis Gesicht zeichnete sich derweil Verunsicherung ab.

„Sollte ich wissen, wer das ist?“, fragte sie schließlich irritiert.

„Du Dummerchen“, begann Vanessa, an Mali gerichtet. „Mike von Irminar ist der wohl reichste und angeblich auch der mächtigste Mann in unserem ... oh, wohl eher in deinem Alter. Und darüber hinaus soll er auch noch sexy und ein exorbitant guter Liebhaber sein.“ Erst Rogers Räuspern machte Vanessa die Anwesenheit eines Herrn wieder bewusst und entsprechend peinlich berührt sah sie ihn mit weit aufgerissenen Augen an. „Oh, Verzeihung. Das hätte ich jetzt nicht sagen sollen.“ Und eilig hielt sie die nun behandschuhte, kleine Hand vor ihren Mund.

Trotzdem vernahm man ihr Kichern. Diese Entgleisung bedurfte keines Kommentars und Roger musterte lieber Mali aufmerksam. Deren Wangenknochen waren markant hervorgetreten, fast als könnten sie ihre Form verändern, und offene Feindseligkeit brannte aus ihrem Blick. Einen von Gunlau wehrte sie mit dieser Wandlung vom Reh zur Katze sicher nicht ab und dieses Thema, im Zusammenhang mit einer Brautschau, dürfte doch keinem ganz abwegig erscheinen. Zudem war sie in einer Zeit aufgewachsen, in der ständig über Sex in nahezu jeder Form gesprochen wurde. Vielleicht eine Überjungfrau mit erotischer Anziehungskraft, kam es Roger von Gunlau in den Sinn. Möglich wäre es, bei ihrer lang erhaltenen Unberührtheit. Oder war sie aus voller Überzeugung enthaltsam und nicht, wie er hoffte, nein, innerlich fast betete, auf den Richtigen wartend? Vielleicht war sie nur schlicht sauer, eine attraktive und offensichtlich besser informierte Nebenbuhlerin zu haben? Trotz seiner Erfahrungen mit dem schönen Geschlecht konnte er Malis Gemütszustand schlecht deuten.

Vorerst sollte im zurechtgelegten Prozedere fortgefahren werden, beschloss Roger und räusperte sich deutlich.

„Das wäre dann also auch geklärt. Ihr wurdet auserwählt, euch eine gewisse Dauer – wir gehen von etwa vier Monaten aus – in Herrn von Irminars Nähe aufzuhalten. Ihr werdet ihm in dieser Zeit näher kommen, Freizeitaktivitäten mit ihm teilen und ihn zum Essen begleiten. In dieser Zeit seid ihr völlig von der Öffentlichkeit isoliert. Dies geschieht zur Wahrung eurer sowie seiner Integrität. Darüber hinaus wird euch alles Nötige zur Verfügung gestellt. Ich meine hiermit insbesondere angemessene Kleidung und die nötigen Utensilien, um euch ebenso präsentieren zu können. Scheut euch nicht, Wünsche zu äußern. Jede von euch lernt gleich ihre persönliche Ladymaid kennen. Sie wird eure direkte Ansprechpartnerin sein und euch hilfreich zur Seite stehen.“

„Und wofür das alles?“, fragte Mali unbeeindruckt in diese Einweisung hinein.

Kannte sie das Begleitschreiben etwa nicht? Die Grundidee dieses Spiels? Vanessa grinste. Und auch diese Reaktion war fehl am Platz. Mike war der wertvollste Mensch überhaupt und natürlich war es eine Ehre, ihm nahe sein zu dürfen! Das konnten die Damen wohl nicht nachvollziehen, weder die eine noch die andere. Darum fühlte Roger sich sowie in seiner ehrenvollen Position angegriffen und fast schnauzte er Mali an: „Wofür fragst du? Ihr habt die einmalige Chance, Mike von Irminar hautnah zu begegnen, und vielleicht wird eine von euch sogar seine Braut.“ Wenn auch nur für eine Nacht – und Malis Blick nahm ihn gefangen, als lese sie seine Gedanken.) „Ihm zur Ehren werden seine Eltern in absehbarer Zeit ein großes Fest geben. Wir gehen davon aus, als Krönung dieses Festes seine Verlobung bekannt geben zu dürfen. Er ist nun alt genug. Es wird Zeit für ihn, eine Frau zu wählen.“

Wieso sagte er das? Vorsorglich hielt er den Mund geschlossen. Diese Mali zwang ihn auf sagenhafte Weise, immer mehr preiszugeben, und seine Worte flossen wie eine sprudelnde Quelle.

„Und wenn ich weder seine Braut, noch seine Frau werden will?“, wollte Mali obendrein wissen.

Eine berechtigte Frage, für ihren Geschmack. Im Begleitschreiben stand dazu nichts und sie hatte es doch sehr genau gelesen, als man sie hier hergebracht hatte – die Bedingungen ihres Aufenthaltes.


Plötzlich war alles passiert. Dieser kalte Aprilabend, an dem ihre Eltern ihr diese Möglichkeit unterbreitet hatten, war wirklich skurril gewesen. Vieles war schief gegangen, die Familie mal wieder in finanzieller Not, einer großen diesmal. Und sie, Mali, sollte sie retten. Weil sie allein es konnte. Niemand sonst. Weil diese Fremden kamen – mit dieser Einladung.

Wenn es nicht die Wahrheit wäre, könnte sie darüber sogar lachen. Sie wurde zu einer Brautschau eingeladen, bekam problemlos für Monate von der Arbeit frei, sogar obwohl eine Kollegin in Mutterschutz ging und es an Angestellten mangelte. Alles hier sollte kostenlos sein und sie brauchte nichts mitzunehmen, was nicht in einer Handtasche Platz fand. Kleider, Schuhe, Essen, Unterkunft und ferner etwas, das ihr Vater nicht benennen wollte. Geld wohl auch.

Ihre Eltern fragten sie, ob sie es wagen wolle und nannten es ein Abenteuer. Die Vorfreude ihrer Eltern, besonders ihrer lieben Mutter, zu sehen war unerträglich. Mali fühlte sich gezwungen, zuzustimmen. Ihre Eltern hätten sie nicht gebeten, wenn sie einen anderen Weg, einen besseren, gesehen hätten.

Sie lebte in einem modernen Rechtsstaat. Durfte es dergleichen überhaupt geben? Hatte sie von solchen Dingen nicht in Geschichten über das finstere Mittelalter gelesen? Wenigstens war noch eine andere da. Und Roger erweckte gleich ihr Vertrauen, was sonst selten genug geschah. Ihre Sinne schienen sich zu entspannen, während er von diesem Mike von Irminar sprach. Gerade so, als nähmen seine Worte ihr den Schrecken. Zumindest vorerst, zumindest ein wenig, und Roger sah überaus charmant aus. Wie der blonde Prinz, der mit einem Lächeln zu ihrer Rettung geeilt käme ...


Vanessa winkte ab, als hätte sie gerade das Lächerlichste der Welt gehört. Roger gefiel Malis natürlichere und auch vernünftigere Abwehrhaltung. Das würde Mike reizen, nur in welche Richtung? Sie sollte ihm eine Chance geben! Denn, ohne zu zögern, würde Roger sein Leben für ihn opfern. Und das nicht aus Leichtsinn. Wie das alles mit einer Frau an Mikes Seite aussehen würde, vermochte er sich nicht vorzustellen. Sein Ewiger Freund* wollte ja nie etwas von Liebe wissen. Liebe sei nur hinderlich, hatte er einmal gesagt, und wenn er heirate, dann nur um zwei legitime Söhne zu zeugen, diese entsprechend zu begleiten und damit die Pflicht zu erfüllen. Seltsame, befremdliche Zukunftsaussichten waren das. Erneut schob Roger ähnliche Gefühle zur Seite. Er musste mehr hinter Mike stehen und im Spiel bleiben.

So antwortete er überheblich: „Würdest du einen Heiratsantrag von ihm erhalten und du würdest diesen ablehnen, dürfest du selbstverständlich in dein altes Leben zurück.“

Zumindest ging er davon aus. In der Geschichte derer von Irminar gab es, seines Wissens, keinen solchen Fall. Aber auch sein Wissen endete irgendwo und irgendwann war immer das erste Mal.

„Nun gut, ich will dir glauben“, willigte Mali schließlich ein, und in ihren Worten hörte er die Anforderung an die Wahrheit.

Wäre dem nicht so, würde sie ihn persönlich in die Verantwortung nehmen. Und obwohl sie eine junge Dame aus einfachem Hause war, überaus nichtsahnend, umgab sie gerade ein untrüglicher Schein von Macht. Unerklärlich, aber er spürte ihn eindeutig.

„Gefällt dir dieser Gedanke jetzt doch?“, fragte er ungelenk und leicht erhitzt.

Als wisse sie um ihre Wirkung, sprach sie fast gleichmütig: „Mir gefällt der Gedanke an die Möglichkeiten, ja. Ich bin in schlichten Verhältnissen aufgewachsen. Die Aussicht auf Vergnügungen, die sonst nur den Reichen zur Verfügung stehen, hat ihren Reiz. Ich sehe es als eine Art All-inclusive-Urlaub. Nur so kann ich darüber hinwegsehen, wie anmaßend und würdelos diese Situation ist.“

Weitere Bissigkeiten parat habend, lächelte sie herausfordernd.

Gut so, dachte Roger und schluckte unauffällig. Mali verlor ihre Tugendhaftigkeit und die Bereitschaft, diese zu verteidigen, nicht im Angesicht dieses Herrenhauses. Und ob sie es nach einem Treffen mit Mike noch täte und wie sie es täte, blieb der spannende Höhepunkt dieser Runde. Vanessa brauchte er gar nicht anzusehen, die war sich ihres vermeintlichen Triumphes bereits gewiss. Wie konnte einer wie Mike nur immer auf diesen Frauentyp stehen? Er sollte doch langsam erwachsen werden.

In diesem Augenblick klopfte es an der Tür und die beiden neuen Ladymaids, Ani und Juli, traten ein. Zügig stellte er sie einander vor und verabschiedete sich.


Juli und Ani blieben jedoch nur kurz, weil sie, so sagten sie, noch letzte Vorbereitungen treffen müssten.

Mali wollte nicht übersensibel reagieren, aber sie jetzt erneut allein in diesem Salon warten zu lassen, empfand sie als beunruhigend. Schließlich hatte man sie vor Wochen eingeladen und pünktlich abgeholt. Schlimmer war nur noch dieser Raum, der eine Mischung aus elegantem Wartezimmer und überladenem Terrarium zu sein schien. Zur Unterhaltung lag eine Auswahl Zeitschriften parat, für die die andere mäßiges Interesse zeigte und wieder Platz nahm. Mali sah zu den zwei grünen Papageien in der Voliere hinüber, deren exotische Schreie schon wieder verklungen waren. Vielleicht rührte ihr Gefühl des Beobachtet-Werdens von den intensiven Blicken der Vögel her? Fragten die sich auch, wer hier in einem Käfig saß? Mit einem leichten Grinsen vernahm sie Vanessas ausgiebiges und geräuschvolles Gähnen, während diese lustlos eine Illustrierte von hinten aufblätterte. Mali steuerte indes auf den Servierwagen zu, von dem sie sich eine Tasse Kaffee nahm. Allein schon der aufsteigende Duft brachte Klarheit. Sie war hier gefangen. Leichte Beute für einen gelangweilten Reichen. Und obwohl sie bereits ergebnislos nach Kameras gesucht hatte – es war ihr doch klar: sie wurde beobachtet. Vorsichtig nippte Mali an dem heißen Gebräu und genoss seinen herben Röstgeschmack auf der Zunge. Wegzulaufen wäre feige, aber wie automatisch lockte sie bei diesem Gedanken das große Fenster mit seiner Aussicht auf die Freiheit. Mali sah hinab auf saftiges Grün, das sich allein dem blauen Himmel zu ergeben bereit war. Die weitläufige Rasenfläche fassten akkurat geschnittene Buchsbaumhecken sowie sich schlängelnde Kieswege ein. Links rahmte diesen trügerisch-idyllischen Vorhof zur Hölle, für den Mali ihn halten musste, ein dicht bewachsenes Wäldchen, während zur linken Seite ihre Sicht durch schwungvoll ansteigende Wälle eingegrenzt wurde. Aus diesem Blickwinkel war die Eingangspforte nicht auszumachen. Erst am Stand der Sonne meinte sie verdrossen zu erkennen, sich auf der anderen Seite des Hauses befinden zu müssen. Lächelnd bedauerte sie ihren wenig ausgeprägten Orientierungssinn. Und wenn schon, das viele Grün tat ihren Augen wohl und diese schweiften hin zum wahrhaft prachtvollen Rosengarten, zu dem helle Kieswege führten und ihn imposant umschlangen. Durch vier gemauerte Torbögen konnte man auf sandsteingepflasterten Wegen ins Innere gelangen, wo im Wasserspiegel eines lang gezogenen Bassins der wolkenfreie Himmel glänzte. Von den Hauptwegen führten schmale Pfade zu Sitzbänken und kleinen, verwünscht wirkenden Brunnen oder umrankten Skulpturen. Nur zu gerne würde sie jetzt dieser Einladung zum Verweilen und Entspannen folgen. Solch einer Verführung wollte sie erliegen und beinahe roch sie schon der ersten blühenden Rosen süßen, lieblichen Duft.

Jenes tief empfundene Sehnen nach Leidenschaft teilte sie mit ihrer Mutter. Leider fehlte es der Guten nur zu häufig an Zeit und Geld, um dies auszuleben.

Diese und ähnliche Gedanken trübten Malis Stimmung unweigerlich. Sich allein fühlend, suchte sie die Nähe der Paradiesvögel, die sie lautstark begrüßten. Munter spielte der eine, während der andere geschickt eine Erdnuss öffnete.

„Euch gefällt der goldene Käfig ganz gut, nicht wahr?“, fragte sie leise, machte eine Schnute und fühlte sich erneut beobachtet.

Aufmerksam wanderte ihr Blick durch den Raum und blieb an einem protzigen, großen Spiegel hängen. Intuitiv hielt Mali die Luft an und ihre Nackenhaare stellten sich auf. Das konnte nichts Gutes bedeuten. Im Grunde war nicht einmal die Existenz dieser Haare etwas Gutes. Doch solange sie den Spiegel auch begutachtete: außer diesem schlechten Gefühl, welches sich ebenfalls in ihrem Gesicht widerspiegelte, war nichts zu sehen. Ein unzufriedenes „Hm“, entwich ihr nur.

„Na, nicht zufrieden mit dem, was du siehst?“, mischte sich Vanessa von Hohenfeld ein.

Mali verdrehte die Augen. „Mehr mit dem, was ich nicht sehe.“

Wenn nicht bald jemand käme, würde sie gehen. Zumindest nach draußen.



Erster Stich

Nach dem ersten Eindruck der beiden MD, den Mike von Irminar sich heimlich durch das einseitig verspiegelte Beobachtungsglas gemacht hatte, empfand er das dringende Verlangen nach Zerstreuung. MD. Allein sie so bezeichnen zu müssen, ging ihm gehörig gegen den Strich. Doch er wollte es nicht noch verkomplizieren.

Lieber nannte er sie Mädchen. Doch auf Mali, die fast 21 Jahre alt war und alles andere als mädchenhaft wirkte, passte das einfach nicht. Ungern, sehr ungern griff er deshalb auf Rogers Bezeichnung MD zurück. Und der rügte ihn auch noch dafür! Und für seine unkontrollierte Neugierde.

Auch fühlte Mike sich tatsächlich unangenehm ertappt, als er vor allem die ihm fremde Mali intensiv musterte und Roger das mitbekam. Seine Versuche, Mali nicht als absolut interessant einzustufen, endeten in wenig anständigen Äußerungen, auf die Mali prompt zu reagieren schien. Bedrohlich inspizierte sie den tückischen Spiegel und schlug so den Herrn von Irminar vorerst sogar in die Flucht. Naturgemäß käme er wieder und an einen Zufall wollte er nicht glauben. Oder doch? Ohne Mali einmal über diesen Blick hinaus leibhaftig erlebt zu haben, verschwamm erneut jede rationale Perspektive in ein emotionales, sich wie Flut ausbreitendes Chaos.

Ein Anflug von Aufregung, begleitet von einem erwartungsvollen Prickeln stieg in ihm auf. Etwas Neues und Schönes lag vor ihm. Roger vermochte ihn durchschaut haben, wenn der absichtlich eine Teilnehmerin wie Mali ins Spiel brachte. Sie kannten einander viel zu gut.

Und er, er wollte mehr, sehr viel mehr als nur spielen. Aber für ein solches Geständnis war die Zeit noch nicht reif – oder er selbst. So viele Jahre ging er bereits ohne diese eine Frau, ohne eine Partnerin an seiner Seite durchs Leben und hatte auf diesem Weg zahllose Frauen kennengelernt. Schöne Frauen, deren Intelligenz ihn reizte und deren Ansprüche, deren Wünsche er ohne Weiteres zu erfüllen vermochte. Aber das Verlangen, auch nur eine davon wahrhaftig zu besitzen, war ausgeblieben. Die Begegnung mit anderen Menschen wirkte stets bereichernd und auch kurzweilige Vergnügungen mit dem weiblichen Geschlecht waren ihm willkommen. Jedoch spürte er nie mehr als dieses zwanglose Gefühl. Darauf ließ sich keine Ehe gründen. Nicht mit ihm. Er ersehnte alleinige Besitzansprüche mit größter Hingabe. Das war seine eigene Urdefinition von Liebe. Seine Frau würde ihm mit Haut und Haaren gehören, mit allem. Diese Eine würde seine Seele zum Schmelzen bringen und er wollte für sie sterben und vor allem leben. Schon jetzt, ohne sie zu kennen. In Mikes Brust hämmerte sein Herz. Ja, er war sich sicher, zu solch großer Leidenschaft fähig und dafür bereit zu sein. Nur die richtige Frau fehlte bisher. Das Ausmaß dieses Bishers definierte die Verzagtheit dieses Spiels.

Mit Roger konnte er darüber nicht sprechen. Roger sollte weiter nur von einem überheblichen Zeitvertreib ausgehen, so war es besser oder zumindest einfacher. Ja, der große von Irminar scheute davor, zu erklären, wie viel Hoffnung er darin sah. Ihr einsames und von der Öffentlichkeit abgeschiedenes Leben glich ab und zu eben doch nur einem Zwinger. So fanden die meisten seiner Art ihre Frauen auf entsprechenden Festen – und auch er hatte diesen Weg mehrmals beschritten. Erfolglos. Seine Hoffnung hing an der naiven Illusion, sie würde eines Tages einfach hier sein. Sie würde zu ihm kommen und das lange Warten wäre vergessen, wenn nicht vonnöten gewesen.

Elfmal erstarb dieser Wunsch jäh und es blieb ein deprimierender Zeitvertreib. Dieses Mal nun, zum wirklich letzten Mal. Er mutete schon zu Vielen zu viel zu. Hiernach würde er sich einen neuen deprimierenden Zeitvertreib einfallen lassen müssen, oder vielleicht einfach irgendeine heiraten. Zumindest eine Weile wäre dann Ruhe.

Tief atmete der Mann die erdige Luft, die von seiner Kleidung aufstieg, ein und aus. Er wusste, dass das Vertrauen auf Orakel schon so manchen in den Wahnsinn getrieben hatte und vielleicht war er selbst kurz davor. Jetzt erwarteten ihn zwei Jungfrauen. Eine von ihnen, und Mike wusste, welche es sein sollte, musste einfach passen. Wieder streifte ihn ein hoffnungsvoller Hauch. Es wurde Zeit …




Gezinkte Karte

Jemand kam näher, spürte Mali und sie sah einen Moment auf. Drinnen hatte sie es kaum noch ausgehalten, ohne zu schreien. Endlich draußen, brach all das Negative an ihrer Situation leise aus ihr heraus. Tränen flossen.

Und nun durchbrach ein wirklich großer Mann in dunkler Kleidung und schnellen Schrittes die Ruhe des Rosengartens. Achtlos hinterließ er mit seinen groben Stiefeln dicke, erdige Spuren auf dem feinen Sandsteinweg. Seine ganze Kleidung war so voller Dreck, als hätte er sich darin absichtlich gewälzt. Dieser Aufzug konnte jedoch nur kurz von seinem eindrucksvollen Körperbau ablenken. Seine zu Schlitzen verengten Augen blickten entschlossen auf das Haus. Ein solcher Blick, genährt von purem Willen, vermochte die dicksten Mauern zu brechen und Mali wollte sich ihm nicht in den Weg stellen. Sie hoffte vielmehr, dieser Hüne würde sie zwischen den Rosenhecken, und zielsicher, wie er voranschritt, übersehen. Doch kaum war er an ihr vorüber, da blieb er stehen. Ein stummer Fluch entwich ihr und sie flehte, er würde weitergehen. Sich des seltenen Erfolges solcher Stoßgebete bewusst, dachte sie über ihr Erscheinungsbild nach und fuhr etwas zusammen. Ihre Augen mussten aufgequollen sein und ihre Nasenspitze feuchtrot leuchten. Darum zögerte sie nicht länger, nahm ein Taschentuch zur Hilfe und wischte die Tränenspuren mit dem Handrücken von ihren Wangen. Keinen Moment zu früh.

„Guten Tag“, grüßte der Fremde, als er den Grund seines Aufmerkens in ihr entdeckte und näher kam.

Seine Entschlossenheit wich und er musterte sie. Ob ihm gefiel, was er sah? Gerne wollte Mali sich in Nichts auflösen, und sein freundliches Lächeln aus dem blendend gepflegten Gesicht beschämte sie nachhaltig.

„Hallo“, erwiderte sie seinen Gruß, nach endlos erscheinenden Sekunden. „Entschuldige bitte, ich wollte dich nicht anstarren.“

Mali fragte sich zu spät, wieso sie erklärte, ihn angestarrt zu haben. Hoffentlich stand wenigstens nicht ihr Mund offen. Nein, nicht mehr und um ein Haar hätte sie sogar vergessen, weshalb sie überhaupt so heruntergekommen und verheult an einem so wundervoll sonnigen Frühlingstag, inmitten dieser Rosenpracht aussah. „Ich dachte, ich sei hier allein“, gestand sie ihm.

Der Kerl bewegte sich ein wenig und ließ damit wieder die Sonne ungehindert auf sie scheinen. Dabei war ihr sein Schatten nicht minder angenehm gewesen.

„Ich muss mich entschuldigen. Ich hätte vorbeigehen sollen, aber es erschien mir doch zu unhöflich.“

Sein Bariton gefiel ihrem ausgezeichneten Gehör und selbst der nachschwingende, rauchige Unterton wirkte schmeichelnd.

„Darf ich mich setzen?“, fragte er auch noch.

Sie antwortete stumm, indem sie ein wenig näher an den Rand der glatten Granitbank rutschte. Wortlos nahm er Platz.

„Weshalb bist du traurig?“, wollte er wissen und blinzelte kurz in die Sonne, als belästige sie ihn rechtlos.

„Wieso sollte ich dir das erzählen?“, erwiderte Mali angespannt. Seine Anwesenheit und die Art, wie er sie ansah, wie er neben ihr saß und sie dabei auszufragen vermochte, versetzte sie in ungeheuerliche Gefühlszustände.

Mike von Irminars Mundwinkel zuckte und er unterdrückte ein aus unbekannten Tiefen aufsteigendes Knurren. Er wusste, wer sie war, und sie hier in dieser Verfassung zum ersten Mal überhaupt zu treffen, in verdreckter Kleidung und vor allem allein, gefiel ihm nicht. Ihre Stimme klang in seinen Ohren viel zu herb für eine zierliche Erscheinung wie sie und sie erinnerte ihn an eine seiner Erzieherinnen. Zudem stellte die Dame Gegenfragen, anstatt zu antworten. Und über die Bedeutung, dass sie sich beide wie selbstverständlich dem Du bedienten, wollte er gar nicht erst anfangen nachzudenken. Hatte sie ihr Begleitschreiben nicht gelesen?

Mikes bis dahin starre Mimik entspannte sich schlagartig. Sie wusste gar nicht, wer er war. Eine interessante Möglichkeit tat sich da vor ihm auf. Gerade wandte sie ihren Blick von ihm ab – wahrscheinlich erwartete sie keine Erklärung. Trotzdem erhaschte er ein ausreichend scharfes Bild von ihren Augen und erkannte darin sofort Kontaktlinsen. Deren unnatürlich blauer Film störte das Gesamtbild ihrer sonst schönen Augenpartie. Gleichwohl erinnerte ihre Iris mit den vereinzelten grünen Sprenkeln, in dem sonst erdigen Braun an ein fruchtbares Feld im Frühling ... Beim Anblick einer Jungfrau auf das Wort ´fruchtbar´ zu stoßen und sei es nur in Gedanken, war ihm neu und nur bedingt willkommen.

„Es hilft im Allgemeinen, wenn man sein Herz jemandem ausschütten kann“, warf er routiniert ein.

„Vielleicht hast du recht“, entgegnete sie knapp.

Sehr neugierig wirkte er nicht mehr, fand Mali. Seine Gedanken schienen anderen Dingen nachzuhängen, und sie erinnerte sich wieder an sein entschlossenes Gesicht von zuvor. Vielleicht hatte er Ärger mit seinem Chef, vielleicht sogar mit diesem Mike von Irminar. Das könnte gut möglich sein. Ein Mann, der junge Frauen auf diese Weise einlud, musste über kurz oder lang mit jedem anständigen Kerl in Streit geraten. Menschen, die ihr Geld nicht durch wirkliche Arbeit verdienten, verhielten sich meist, als seien sie etwas Besonderes und anstatt über ihr besseres Schicksal einfach zufrieden zu sein, machten sie es allen anderen unnötig schwer.

„Und?“, bohrte er jetzt weiter.

Gut, nun sprach sie sowieso schon mit diesem Prachtkerl, da konnte sie es auch richtig tun. Eindeutig abschätzig, erklärte sie: „Ich bin hier eingeladen.“

„Und das ist der Grund?“

Für den irgendwie abweisenden Unterton in dieser Frage sah sie ihn direkt an, was sie bisher vermieden hatte. Und als sie es tat und er ebenso, wusste sie auch warum. Sie waren einander verdammt nah – für einander völlig Fremde. Vor solch unbegründeter, extremer Nähe scheute sie sonst aus vielen Gründen. Aber sie roch hauptsächlich die Erde auf seinen Kleidern und sonst nichts. In seiner Gesellschaft empfand sie, ehrlich gesagt, nur eines: Ihn-haben-Wollen. Einen kräftigen Mann, wie er es war, konnte sie an einem Ort wie diesem gut gebrauchen. Nö! – ein unverschämtes Glühen huschte durch ihren ganzen Körper. Einen wie ihn konnte sie noch an vielen Orten gebrauchen. Aber hier zählte zuerst so etwas wie ein Freund.

„Er“, begann sie und deutete mit dem Kinn auf das Haus, „macht hier seine kleine private Brautschau. Ihm werden zwei total unterschiedliche Weibsbilder vorgeführt, wie dressierte Rassehündchen.“

„Wie Hunde?“, lachte er los und bremste sich viel zu schnell wieder.

Gott, wenn er losließ, war er noch attraktiver, dachte sie verklärt.

Auf einen weiteren kleinen Gefühlsausbruch von diesem Recken begeistert wartend, nahm ihr Temperament an Fahrt auf. „Ja, wir werden zurechtgemacht, ausstaffiert mit allem Möglichen, um gut auszusehen. Und dann sollen wir vor ihm Männchen machen. Und wer die besten Tricks drauf hat, darf auf seinen Schoß.“

Ihrem Gegenüber gefiel ihre Einschätzung offenbar nicht. Seine Miene nahm eindeutig ablehnende Züge an und das war wirklich schade. War er womöglich ein Freund von diesem Irminar? In Aussehen und Auftreten stand er Roger von Gunlau, dem Betreuer, in nichts nach. Na ja, zumindest, wenn sie den schmierigen Aufzug außer Acht ließ.

Mist! Sie war umgeben von Fremden in einer ungewöhnlichen Situation, am Rande der ihr bekannten Zivilisation. Im Begleitschreiben hatte gestanden, wie abgeschieden sich ihr Aufenthalt hier darstellen würde, und als sie den schwer bewachten Eingang passiert hatte, erkannte sie erst, was damit gemeint war. Hinter den Mauern schien sich eine andere Welt zu eröffnen, die so gar nichts mit der gemein hatte, in der sie aufgewachsen war.

„Wenn er auf Brautschau ist, wird er doch sicher eine von euch heiraten wollen. Verzeih mir, aber ich sehe darin nichts Verwerfliches.“

Sprachlos war sie darüber. Versuchte der schmutzige Schönling gerade, als eine Art Animateur für alle Fälle, dieses Spiel gut zu reden? Und wenn ja, wie groß war die Wahrscheinlichkeit hier wahrhaftig wachgeküsst zu werden? Vielleicht gehörte es einfach dazu, es anzunehmen, wenn dieser Animateur ihr etwas versüßen wollte. Trotzdem musste sie aussprechen, was sie beschäftigte, und er wollte es anfangs nicht anders.

„Ja, was auch immer er unter Heiraten versteht. Sicher wird er mit keiner von uns Einzug in seinen Stammbaum halten, wie im Märchen. Ich bewege mich nicht in diesen Kreisen, aber glaub mir, so wählen hohe Herren keine Ehefrauen. So werden Huren beschafft.“

Endlich war es raus und das tat Malis Gemüt gut.

Mike von Irminar schluckte. Die Kleine sprach auf beschämend freie Weise. Den Familien wurde etwas Angemessenes geboten. Ehre, Geld oder Verbindungen und damit die Aussicht auf noch mehr Geld und größeren Wohlstand. Was hierbei angemessen war, überließ er vertrauensvoll Roger. Ehre war ein zweischneidiges Schwert und Geld interessierte Mike noch nie. Trotzdem sah er die jungen Frauen nie als seine Huren. Er kaufte nicht deren Sex oder gar deren Jungfräulichkeit. Nein, er wollte die Richtige finden. Natürlich war er am Ende des Tages auch nur ein Mann mit Bedürfnissen, und eine hübsche junge Frau zu verführen, lag in seinem Sinne. Aber was auch immer er für dieses Privileg gab, er kaufte nicht deren Blut an seinem Schaft! Dass sie ihm dieses stets bereitwillig boten, stand auf einem ganz anderen Blatt.

Deshalb touchierte er: „Wenn du dir dessen so sicher bist und alles an diesem Ort so verachtest, warum bist du dann überhaupt hier?“ Niemand zwang sie, außer dem Geld. Und wenn man sie damit verleiten konnte …

„Richtig, wieso überhaupt? Wieso tun Menschen Dinge, von deren Zweifelhaftigkeit sie überzeugt sind?“, stellte sie schon wieder eine Gegenfrage. Eine, um seine Moral zu ermessen.

Es gab de facto nur eine Antwort: Hoffnung. Wieder musterte er das feminine Wesen – ihre Lippen umgab ein spöttischer Zug. Weshalb Roger sie gewählt hatte, war ihm nun beunruhigend klar.

Als habe sie seine Antwort vernommen, nickte sie. „Ich habe es nicht übers Herz gebracht, mich dagegen zu entscheiden. Ich hoffe, ich werde es nicht zu sehr bereuen. Andererseits lassen einen ja gerade miese Erfahrungen besonders reifen. Oder es ist alles so, wie mich alle glauben machen wollen, und dieser Mike von Irminar ist nur sehr, sehr hässlich.“

Von ihrer Ungehaltenheit bewegt, stieß Mali leicht auf. Viel zu selten sprach sie über ihre Gefühle. Besonders nicht mit einem wildfremden Kerl. Von ihm wusste sie kaum etwas. Außer dem, was sie sah. Und da er wieder gedankenverloren in den Garten schaute, erlaubte sie sich einen eingehenden und hoffentlich ihre Neugierde befriedigenden Blick auf das Mannsbild.

Seine nicht allzu kurzen Haare glänzten in einem einheitlichen Schwarz. Keine bräunlichen oder grauen Stellen und so dicht, dass keine Kopfhaut zu sehen war. Viele, kräftige Haare und sie lagen ordentlich, obwohl sie hätte schwören können, einen Mann vor sich zu haben, der sich gelegentlich aufgeregt die Haare zerzaust. Innerlich lächelte sie und erlaubte sich die Vorfreude, diese Geste einmal zu sehen. Seine gerade Nase und die eher schmalen Lippen gaben ihm das Aussehen eines wahren Aristokraten – heute im Kostüm eines Waldarbeiters. Aber nein, hier zeigte die Natur ihre ganze Schöpfungsmacht. Auch ein begnadeter Bildhauer käme infrage und Mali dachte an Michelangelos Helden aus purem Marmor. Sogar die Größe würde in etwa passen. Naja fast, der hier mochte etwa zwei Meter sein, nicht mehr. Gar keine Narben, keine Haare an den falschen Stellen. Alles in allem ein viel zu makelloses Gesicht für einen echten Helden. Aber seine ruhige Art und die graublauen Augen ... Seine frostige Ausstrahlung war geheimnisvoll intensiv. Okay, er wirkte sehr selbstsicher, vor allem für einen Waldarbeiter Ende zwanzig, wenn er denn einer war. Aber das könnte auch nur eine schützende Fassade sein. Für ihn würde sie hier bleiben, flatterte es durch ihren Körper. Für die Chance, ihn wenigstens einmal mit durcheinander gewuschelten Haaren zu sehen. Sie würde das gerne tun und ihre Finger kribbelten erwartungsvoll. Vielleicht war er kein reiner Siegertyp, aber ihm wäre es zu verdanken, dass Mali bleiben wollte.

Gerade als er aufgetaucht war, plante sie nämlich ihren Rückzug. In Gedanken hatte sie bereits einen vorwurfsvollen Brief an ihre Eltern verfasst und sich darin Zeit für sich allein erbeten. Ihr Leben musste sich ändern, wenn ihre Eltern sie schon zu so etwas ermutigten. Der Plan krankte bedauerlicherweise an den einfachsten Dingen. Wohin? Womit? Wie? Von der schreienden Selbstverachtung, wie ein Feigling sofort eine Flucht in Erwägung zu ziehen, mal ganz abgesehen. Hier neben ihm löste sich Malis Missmut auf und ihr beklemmendes Gefühl der Opferrolle verging. Denn die Blicke dieses Mannes aus dem Rosengarten wollte sie genießen und ein neu gewonnenes Freiheitsgefühl breitete sich in ihrer Seele aus.

Sie schaute ihn an, musterte ihn, was er zuließ. Ihre Anwesenheit wärmte ihn oder die Mittagssonne, eventuell beides, urteilte er.

„Na ja“, fuhr sie bald fort. Ihr Schweigen war ihm lieber gewesen. „Ich sehe meine Zeit jetzt hier als eine Art All-inclusive-Urlaub mit Flirtgarantie. So was gibt es auch im Reisebüro, für Leute, die das bezahlen können. Sicher wird der hohe Herr auch die andere wählen, wofür auch immer“, erklärte Mali ihm und erhob sich. „Ich muss jetzt gehen.“

Rasch stand auch Mike von Irminar auf. Sich ihrer Kürze ihm gegenüber nun vollkommen bewusst, sah sie lächelnd zu ihm auf und er zu ihr hinab. Mali wirkte, als würde sie die Herausforderung, die sich gerade allein durch ihren zugegeben erheblichen Größenunterschied definierte, annehmen.

„Ich würde mich freuen, dich wiederzusehen“, sagte sie und dieses Mal gefiel ihm die Ausdrucksstärke in ihrer Stimme sehr. „Mann aus dem Rosengarten.“

„Sicher wirst du das. Ich freue mich ebenfalls darauf“, brachte er mühsam hervor.

Mali lächelte einladend herzlich und ließ ihn damit stehen. Am Hauseingang erhaschte er gerade noch einen Blick auf ihre Ladymaid Ani. Darüber, was Mali tun würde, wenn sie erkannte, dass er ja der hässliche, Jungfrauen kaufende Reiche war, wollte der Irminar nicht nachdenken. Er würde es bald erfahren.




Jeder Spieler erhält ...

Zum Glück fand Ani sie gerade im richtigen Moment. Ihn würde Mali wiederfinden, überall – den Salon, aus dem sie geflohen war, nicht. Schweren Herzens widerstand sie der Versuchung, sich noch einmal zu ihm umzudrehen.

Dem hilfreich lief Ani zügig voran durch lange Flure, die endlos zu sein schienen und einfach nahtlos in weitere übergingen. Mali sah sich Orientierung suchend in den immer düsterer werdenden Korridoren um. Die Decken waren dunkel vertäfelt und die grob verputzten Wände durch einige Knüpfteppiche verhangen. Gleich kommen sicher ein paar Schießscharten, vermutete sie belustigt. Und ein Richtungsschild Zum Verlies. Und ein grünes, darüberliegendes Notausgang, dürfte nicht fehlen. Ob beide in dieselbe Richtung zeigen würden? Konnte das hier alles echt sein?

Schon bei ihrer Ankunft hatten sie die erhabenen Mauern von rotem Klinker und riesigen Sandsteinblöcken, die teilweise komplexe Ornamente aufwiesen, zum Staunen gebracht. Das Eingangsportal, welches von Säulen getragen wurde, zu deren Füßen silbrige Quarzblöcke ruhten, zeugte von Herrschaft und purer Macht. Wer ein solches Haus sein Heim nannte, der musste weit mehr als nur reich sein. Ein epochenloses Schloss. Genau das war es, was diesen Anblick auszeichnete, eine unabdingbare Präsenz. Ein Haus, das alle Zeit sagte: Ich bin hier.

Ja, und Mali war es auch.

Wieder ihrem direkten Umfeld Beachtung schenkend, suchte sie auf dem steinernen Boden vergebens nach einem Staubkörnchen oder wenigstens einem frischen Spinnennetz in einer Nische. Ihrer Meinung nach gehörte dergleichen in so alt anmutende Flure. Brächte mehr Authentizität, mäkelte sie in ihr kurz schwindendes Realitätsempfinden. Wenigstens fehlten nicht die in Öl gemalten Jagdszenen in übertrieben prunkvollen Bilderrahmen.

Endlich öffnete Ani beide Seiten einer gigantischen, zweiflügeligen Eichentür, vor der sie schließlich standen, und ließ Mali mit einer freundlichen Geste ein.

„Atemberaubend“, entfuhr es ihr, kaum über die Schwelle getreten, tief beeindruckt. „Was für ein wunderschönes Holz.“

Sie liebte doch Hölzer und dieses war ein dunkles mit lebhafter Struktur. Ihre Mutter unterstellte ihr einmal die Liebe zu solchen Dingen, aufgrund der Ähnlichkeit zu sich selbst. Mali brauchte sich ihre Haare nicht anzusehen, um einige Parallelen zu erkennen. Und ganz sicher ging es nicht nur um Haare.

Ani lächelte. „Der Boden ist aus dem Holz der indischen Akazie gefertigt, die Möbel ausschließlich aus heimischen Gehölzen. Ich hoffe, dir gefällt es.“

„Es ist herrlich, danke“, erwiderte Mali glücklich. „Dieses Zimmer muss meinen Träumen entsprungen sein.“

Ihr war es vollkommen unbegreiflich, an einem Ort wie diesem einen Raum zu finden, der so sehr ihrem Geschmack entsprach. Sicher war es reiner Zufall und für die hier Lebenden eher belanglos. Aber egal, es war eine wunderbare Fügung. Wie auch die Begegnung mit dem Mann aus dem Rosengarten.

„Ich muss zugeben, dich hier einquartieren zu dürfen war nicht ganz einfach. Es kostete mich sogar ein wenig Überwindung, danach zu fragen. Du musst nämlich wissen, der Vater des Herrn ließ diesen Raum nach seinen Wünschen einrichten. Damals sein Verlobungsgeschenk an seine erste Frau. Sie starb leider früh und seine zweite Frau, des Herrn Mutter, zog eleganteres Interieur vor. Somit stand es einige Jahre leer, wie dieser ganze Teil des Hauses, auch der Alttrakt genannt, weniger genutzt wird. Mit seiner Grundfläche von nur 500 Quadratmetern ist er alles, was nach dem Zweiten Weltkrieg übrig geblieben ist. Der neuere Haupttrakt entstand als die Familie nach Deutschland zurückkehrte und der moderne Neutrakt, in dem auch Herr von Gunlau lebt, ist keine zehn Jahre alt. In diesem Zimmer schlief also bereits eine Hausherrin und nach der Reinigung legte die Harmonieberaterin letzte Hand an.“

Mali folgte den geschichtlichen Punkten nur beiläufig, der letzte traf sie dagegen sehr.

„Das Zimmer gehörte einer früh verstorbenen Hausherrin? Harmonieberaterin? Und das ist denen hier recht? Ich darf in diesem Zimmer wohnen? Hast du Mike von Irminars Vater wirklich um Erlaubnis gebeten?“

Unter derartigen Vorzeichen wollte sie hier eigentlich nicht bleiben, aber ihr Herz hing bereits an jedem einzelnen Detail. Sich hiernach in einem anderen Zimmer auch nur annähernd gleich geborgen zu fühlen, wäre unmöglich. Ganz persönlich hielt sie nichts von verwaisten Räumen. Andererseits wollte sie weder Ärger noch Familienstreitigkeiten heraufbeschwören. Diesem Mike gönnte sie schon etwas Durcheinander – vor allem, wenn das auf ihre Kappe ging, aber seinem Vater eher nicht.

„Ich habe ihn nicht persönlich fragen können, weil er momentan nicht zugegen ist. Aber mir wurde sein Einverständnis versichert. Er soll sich sogar über diesen Umstand gefreut haben, weil, ich darf zitieren: Endlich wieder Leben in dieses Gemach einkehrt.“

Mike von Irminars Vater gefiel Mali spontan und sie dachte sogar daran, ihn auf ihre Seite zu ziehen – gegen sein Söhnchen. „Okay, ich verlass mich da auf dich.“

Ani lächelte. „Das kannst du.“

Mali nickte und ließ die Sorgen um dieses Thema fallen. Lieber betrachtete sie eingehend jedes Möbelstück und kostete die Überwindung vollends aus, sich auf dem riesigen Himmelbett niederzulassen. Und als sie darauf saß, war es wunderbar! Es prahlte beinahe vulgär in diesem Zimmer, mit seinem üppigen Ausmaß, und schrie geradezu: Wer es wagt sich hierher zu setzen, der wagt alles!

Ja, dachte sie, gerade unheimlich überwältigt von ihrem hohen Selbstwertgefühl, und war zufrieden.

Willkommen in Ihrer Suite, wir hoffen, Sie finden Gefallen, hörte sie innerlich und antwortete: „Ach ja.“

Während sie hoffte, bald allein gelassen zu werden, tanzten ihre Fingerspitzen lautlos über die sicherlich kostbare weiße Damastbettwäsche. Angenehm kühl fühlte sich diese an und glatt. Dazu gesellte sich ein milder, frischer Duft mit einem Hauch von Rose. Wie ein leichter Traum führte er vom hellen Dekor zum schweren, dunklen Brokatstoff einer altmodischen, wunderschönen Tagesdecke. Wie aus einer anderen Zeit legte sie wohl Zeugnis ab für die Last, die dieses Herrenhaus seinen Eigentümern aufbürdete. Wenn dies das Werk der Harmonieberaterin war, verstand die ihren Beruf. Reiche haben es irgendwie auch nicht immer leicht.

„Die meisten Gäste werden im Neutrakt untergebracht. Dort ist alles komfortabler und heller, auch die Bäder.“

Und Ani sah hinunter zu ihren Füßen. Mali grinste, sicher waren auch die Wege kürzer. Ihr konnte das nur allzu recht sein, denn weniger dicht dran war besser.

„Du kannst dir nicht vorstellen, wie gerne einige dieses Zimmer sehen würden!“, trällerte Ani angeberisch schwärmend.

„Aber?“, fragte Mali nebenher und ging ins Badezimmer, um sich von dessen Ausstattung ein Bild zu machen.

Es passte zu einer echten Dame, mit seinen goldenen Wasserhähnen, und die Fliesen zeigten Goldfasane zwischen verspieltem Geblüm’. Die Wanne stand frei im Raum, natürlich auf goldenen Pranken, und nur die Dusche schien wirklich neu zu sein, denn dort roch es noch nach Silikon.

„Nun, es ist nicht jedem gestattet, durch die Gemächer zu gehen.“

Oh, wie bedauerlich. Andererseits stand das sogar in ihrem Begleitschreiben. Es wurde garantiert, dass nur eine begrenzte Personenzahl Zutritt habe. Hoffentlich zählte dieser Mike nicht dazu!

„Wenn es jemandem so am Herzen liegt, dann ...“

„Nein, unmöglich!“, wehrte Ani schnell ab. „Aber ich habe ein Bild gezeigt und alle waren hingerissen.“

„Ein Foto? Ich dachte, die seien hier nicht erlaubt.“

Ani zögerte, bevor sie gestand: „Ja, du hast recht. Ich löschte das Bild in Anwesenheit von drei weiteren Frauen von meinem Handy. Bitte verrat es trotzdem keinem.“

„Das werde ich sicher nicht.“

Und sicher fühlten sich die vier Frauen in diesem Moment wie Geheimagenten. Gott sei Dank kannte Ani wenigstens den Umgang mit moderner Technik. Einige Zeit war Mali auch davon ausgegangen, dass sie hier völlig fern der Realität lebten. Schließlich bewegte Ani sich ganz selbstverständlich in ihrem dunkelblauen Kleid mit der kleinen weißen Schürze. Eigentlich fehlte nur das Spitzenhäubchen.

Ein Klopfen an der Tür unterbrach sie und Ani eilte, um diese nur einen Spalt zu öffnen.

„Ein Strauß für die bezaubernde Miss Mali, von unserem Herrn“, hörte Mali eine unerwartet jugendlich klingende Stimme ohne ihn sehen zu können.

Es war also nicht der Mann aus dem Rosengarten. Dessen volle Stimme hätte sie sofort erkannt.

„Den kann er gleich wieder mitnehmen!“, rief sie abweisend.

Anis schon gewohntes Lächeln verschwand für einen Moment.

„Du hast es gehört“, gab sie, an den hinter der Tür Verborgenen, weiter. „Miss Mali möchte diese Blumen nicht.“

Ihre Stimme war dabei alltäglich ruhig geblieben, die Reaktion allerdings ganz und gar nicht. „Was s-s-s-soll das hei-hei-heißen, möchte ihn nicht? Was s-s-s-soll i-ch je-je-jetzt machen?“

Oje, erschrak Mali, was hatte sie diesem Jüngling damit angetan? Daher schlug sie vor: „Er soll die Blumen Vanessa bringen. Sie wird ihre eigenen Schlüsse ziehen. Sicher hat sich der Herr sowieso in der Frau geirrt.“

Der Herr, dachte Mali, daran würde sie sich wohl nicht so schnell gewöhnen. Konnten diese Reichen sich denn keinen ordentlichen Adelstitel leisten? Freiherr oder Herzog oder ähnliches, wie andere auch?

„Also bring sie Miss von Hohenfeld. Du sagst einfach, du wüsstest nicht, von wem sie sind”, bot Ani an. „Oder du sagst am besten gar nichts.“

„Das könnte gehen“, stellte sich der junge Mann, jetzt wieder besser gestimmt, vor.

Und Ani schloss die Tür. „Sicher hat der Herr sich nicht geirrt. Zum einen irrt sich der Herr nicht und zum anderen hab ich gesehen, wie der Herr dich angesehen hat.“

„Was willst du denn damit sagen?“, regte Mali sich auf.

Dieser Kerl zöge sie der Blonden vor? Unfassbar!

Sie schämte sich dieses dummen Gefühles des Geschmeichelt-seins wegen und versuchte, trotz ihrer zu schnell gestellten Frage, gleichgültig zu wirken. Über diese typisch weibliche Reaktion würde sie immerhin erfahren, wann dieser Mike von Irminar sie überhaupt angesehen hatte – als ihr eine Wespe gefährlich nahe kam. Mali erstarrte. Ani dagegen reagierte, ähnlich aggressiv wie das Insekt, und beförderte den Störenfried mit einem gekonnten Schlag ihres bloßen Handrückens aus dem Fenster.

Anerkennend schob Mali die Unterlippe vor und Ani sagte, sichtlich zufrieden mit ihrer Leistung: „Ich bin vielleicht nicht die Gescheiteste, aber Miss Vanessa wird viele, sehr viele Vorzüge brauchen, um dich auszustechen.“

„Aha“, antwortete Mali und wünschte, Ani würde diesen Mike von Irminar handhaben wie das unschuldige Tier. „Der einzige Vorzug, der zählen wird, ist der, dass sie ihn will. Ich kann mich fast in Luft auflösen, wenn ich das will.“

Ungläubig quittierte Ani: „Ja, spiel nur die Desinteressierte. Aber keine Frau kann im Angesicht einer evolutionären Versuchung widerstehen, wenn ihr Herz ungebunden ist und ...“

„Hm ja“, pflichtete Mali bei, als Ani verstummt war und dachte gleich an die Versuchung aus dem Rosengarten.

Erstaunt merkte sie plötzlich auf. „Hast du gerade evolutionäre Versuchung gesagt?“

Ani erblasste und schaute in Richtung Tür.

„Nein, ich sagte nur: Wenn man einen Partner sucht und wenn dann, dann könnte man ja sicher schlecht einer widerstehen. Wenn, ich meine, wenn das möglich wäre. Was natürlich nicht geht. Möglich ist, weil wir ja keine Affen sind“, rang Ani um eine Erklärung und fummelte nervös an der Schleife ihrer Schürze.

Malis Blick nagelte die Kleine bewusst fest. Sie machte sich Sorgen, ernsthafte. „Ani? Zwingen die dich hier zu irgendetwas oder nimmst du irgendwelche Drogen?“

„Nein!“, rief Ani und lachte übertrieben laut. Dabei ließ sie das steife Band los, rückte alles tatkräftig zurecht und strahlte wieder sinnfrei. Ein leises Geräusch verklang und beinahe hätte Mali es überhört. Interessiert entdeckte sie einen kleinen, zusammengefalteten Zettel auf dem Boden, der ihr zuvor nicht aufgefallen war. „Mali, ich glaube der Herr ist nur dir interessiert und dafür solltest du dankbar sein.“

„Und ich dachte, es sei für dich verständlich gewesen, als ich sagte, diesen von Irminar nicht zu wollen“, stellte Mali erneut klar.

Wie kam Ani nur auf so etwas? Malis Neugierde auf diesen Typ wuchs. Ani verzog ihr Gesicht zu einer Grimasse und wandte sich ab. Für Mali der passende Moment, das Papier mit dem Fuß unter den Nachttisch zu schieben.

Dem gegenüber beschäftigte Ani sich äußerst leichtfüßig mit dem Öffnen zweier Doppeltüren. Dahinter lag ein anderes großes Zimmer, aber nicht irgendeines. Spiegel vom Boden bis zur mindestens dreieinhalb Meter hohen Decke, beleuchtete Regalfächer und eine Wand voller Schuhe! Magisch angezogen, öffnete Mali selbst eine der futuristisch anmutenden und in diesem Alttrakt fremd wirkenden Schranktüren. Dahinter lagen durchsichtige Schubladen voller Strümpfe, Strumpfhosen, Unterwäsche und Dingen, von denen sie keine Ahnung hatte, welchem Zweck sie dienten. Alles nach Farbe und Stoff sortiert. Gespannt, was noch käme, glitt eine Spiegeltür lautlos zur Seite. In diesem Schrank, ein Karussell voller Kleider. Ani brachte es mit sanftem Druck auf ein kleines Feld in Bewegung und so tanzte eine ganze Kompanie von Kleidern ihren Reigen. Elfengleich tippelte Ani zur anderen Seite des Raumes und wiederholte den Vorgang. Mit ähnlichem Ergebnis. Noch mehr Kleider.

War ja klar, griente Mali, denn laut Begleitschreiben durften nur in Ausnahmefällen Hosen getragen werden und was einen solchen darstellte, vorsorglich erst gar nicht. Hässlich waren diese Kleider nicht, nur allesamt sehr weiblich. Ein strahlend weißes Gewand mit Fledermausärmeln stach Mali ins Auge. Diese Aufmachung könnte sie im Verlies tragen, zur Hinrichtung und danach prima darin herumspuken! Notfalls kopflos. Grinsend über diese Option, musste sie sich der sehr knackigen Elite von Unterwäsche stellen. Also wenn diese Kleiderpflicht sie zweifelsfrei als häusliche Frau des vorletzten Jahrhunderts darstellen sollte, beamte diese Unterwäsche sie eindeutig wieder in die fast tabulose Neuzeit. Nein, hier gab es keine rosigen Blümchen und auch nichts Sportliches. Oder irgendetwas, das sich für etwas anderes eignen könnte als zum Verführen. Sie schloss diese Tür vorsorglich und wollte gerade gar nicht weiter über die Verwendung nachdenken.

Ani starrte sie an, wie Mali feststellen musste.

„Und? Was sagst du zu den Kleidern, zu den Schuhen? Sag schon was!“, verlangte sie unter heftigem Wimpernschlag und mit leicht geröteten Wangen.

„Unglaublich“, konnte Mali nur antworten. „Ich befehlige nun also eine ganze Armee, die in einem Kleiderschrank Stellung bezogen hat. Die Schuhe sind das Musikregiment, die Socken nur ihre Instrumente. Die Hauskleider sind das Heer der einfachen Soldaten, die Abendkleider die Offiziere und die Unterwäsche stellt die Nahkampftruppe.“

Gemeinsam lachten sie ausgelassen.

„Sind die alle in meiner Größe?“

„Selbstverständlich“, erklärte Ani dahingehend stolz. „Vielleicht werden wir das ein oder andere etwas ändern müssen. Aber sie wurden allesamt für dich angefertigt.“

„Dafür wurde ich also so eingehend vermessen.“

„Wofür wohl sonst?“, fragte die Kleiderschrankfee sorglos und tippte an Sensoren.

„Keine Ahnung. Ich dachte eher an etwas Sexuelles“, vermutete Mali und grinste erwartungsvoll.

Aber Ani riss die großen Augen auf und blankes Entsetzen sprach aus ihrem Gesicht.

„Was? Glaubst du etwa, ich weiß nicht, wofür ich hier bin?“, versuchte Mali erneut ein Gespräch unter Frauen zu initiieren. Dieses Spielchen feierte keine Premiere, worauf unter anderem das formelle Begleitschreiben hinwies.

Vorsichtig fragte Ani: „Das wäre?“

„Na, für etwas Sexuelles wohl. Ich bitte dich, wir sind doch Erwachsene und dieses Haus bietet nicht die Kulisse für ein harmloses Kinderspiel. Ich bin eine Art Spielzeug, Zeitvertreib, Sexfee. So was halt.“

Sexfee. Konnte Mali eine Sexfee darstellen? Sie hatte keine Ahnung. Für diesen Kerl aus dem Rosengarten jedenfalls würde sie es zumindest einmal versuchen wollen. Ob sie mit Ani wenigstens über ihn reden konnte? Die Ladymaid schien mehr auf Mikes Seite zu sein als auf der ihren, und dass sie grundsätzlich zwei verschiedene Seiten darstellten, war ja auch klar. Zumindest Mali. Anis große blaue Augen weiteten sich noch mehr in dem viel zu lieben Gesicht und gaben ihr langsam das Aussehen einer hastig gezeichneten Karikatur. Okay, dachte sich Mali, solche Dinge gehören offenbar nicht zum vorgesehenen Gesprächsstoff. Elfchen! Worüber würden sie dann überhaupt sprechen? Ani schien deutlich unreifer als sie selbst – vor allem im Kopf. Obwohl sie etwa im gleichen Alter sein mussten. Wie auch immer, Mali durfte sie nicht mit ihrer burschikosen Art erschrecken und vielleicht romantische Träume zerstören.

„Ani, du hast Glück, dich wird sicher mal ein besonderer Mann lieben.“

Ani schwieg, was Mali akzeptieren musste. Mike von Irminar war schließlich ihr Arbeitgeber, und in Anbetracht der angespannten Situation sollte man sie auch nicht dazu drängen. Leicht enttäuscht von dieser Sackgasse, verhielt Mali sich einfach nur ruhig. Und wie immer, wenn sie derart still wurde, schienen die Menschen um sie herum sie zu vergessen. Nach einer Weile summte Ani sogar ein Lied vor sich hin.

„Ach nein!“, rief Ani urplötzlich und sie fuhr heftig zusammen, weil Mali direkt vor ihr stand. „Mali, wo warst du?“

Mali setzte ihr Unschuldsengelgesicht auf und zuckte zudem mit den nicht vorhandenen Flügeln. Ani tat irritiert und meinte mit unsicherer Stimme: „Ich war wohl ganz in Gedanken. Aber ich muss kurz etwas erledigen, ja? In einer halben Stunde bin ich wieder da und helfe dir beim Herausputzen!“

„Wenn´s sein muss“, stimmte Mali vor allem dem Alleinsein zu.

Kaum war die Tür zu, warf Mali sich aufs Bett und schloss die Augen. Zeit zum Träumen.




Die Narrenkarte

„Konntest du das nicht verhindern?“ „Nein, wie denn?“ „Du hättest sie warnen können!“ „Warnen? Wie? Miss Mali weiß doch gar nichts!“

Als sie ihren Namen aus der Ferne hörte, öffnete Mali unwillig ein Auge.

„Mag sein. Trotzdem, Franki ist in der Küche und bibbert am ganzen Leib.“

„Der soll sich nicht so anstellen“, hörte sie Ani heraus.

Mali war nun gezwungen, ihr zweites Auge auch noch zu öffnen und ihren Traum auf später zu verschieben.

Während sie aufstand, redeten die Frauen draußen weiter. „Anstellen? Was willst du damit sagen? Mein Franki ist kein Weichei, der Herr ist nur ein Gigant! Er wird toben wegen der Blumen“, keifte die andere, die Mali nicht kannte.

Unauffällig spähte sie aus dem Fenster und entdeckte Ani mit einer jungen Frau in heller Tracht. Ani zog die schluchzende Frau in ihre Arme.

„Du weißt doch, wie anfällig Franki für Krankheiten ist. Wo andere ein paar Tage brauchen, braucht er Wochen“, heulte sie und schnäuzte sich.

„Der Herr überlässt Herrn Roger meistens die Personalfragen. Ich rede mit ihm“, versprach Ani beruhigend.

„Der wird gar nichts machen, wenn der Herr ausflippt. Und Franki wird leiden, weil diese dumme Pute …“

„Nicht doch, bitte, Miss Mali ist keine dumme Pute“, unterbrach Ani sie und Mali zog ihren Mund in die Breite.

„Trotzdem, es waren doch nur unschuldige Blumen und dazu so herrliche! Ich wünschte, ich bekäme mal so einen Beweis der Zuneigung und sie … sie hat sie nicht einmal angesehen. Mein armer Franki muss für ihren hochnäsigen Stolz mit …“

„Was tut ihr da?“, rief eine dritte Stimme und Mali blickte in diese Richtung.

Eine opulente Dame rauschte heran, was ihr sichtlich schwerfiel. „Rein mit euch in die Küche, sofort! Sowas beschwatzt man nicht im Garten! Der Herr hätte euch hören können!“

Dazu wurde irgendwo geräuschvoll ein Fenster geschlossen. Ani und die andere liefen aufgescheucht los. Die beleibtere Frau musste die Küchenchefin sein und ihr Blick wanderte suchend umher. Gerade noch rechtzeitig gelang es Mali, sich zu bücken.

Als von draußen nur noch Vogelgezwitscher zu hören war, setzte sich Mali zurück aufs Bett. Besorgt dachte sie darüber nach, diesem Franki echten Ärger gemacht zu haben.

„Oh“, hauchte Mali schuldbewusst vor sich hin.

Ein Klopfen riss sie hoch. Ani trat gleich darauf ein. Ob sie darüber sprechen sollten?

„Du bist blass, fehlt dir was?“, bemutterte ihre Ladymaid sie. „Soll Frank dir etwas aus der Küche besorgen?“

Nein, um Gottes willen! Mali legte ihr herzlichstes Lächeln auf. „Nein, mir geht es supi. Ich bin ganz gespannt, wie´s weitergeht.“

„Schön“, strahlte Ani und eilte in ihr Rüschenreich.

„Ich habe schon etwas für dich vorbereitet“, sang sie aus dem Kleiderraum. „Du brauchst etwas Geeignetes, damit der Herr gleich nur dich im Kopf haben wird.“

So sähe also Malis Strafe aus. Sie musste diesem Mike gefallen, zumindest eine Weile. Nicht nur wegen Frank, vielleicht sogar für den Mann aus dem Rosengarten und wer weiß, wer am Ende des Tages noch dazu käme. Sie konnte das, das wusste sie. Aber es war nicht ihre Art, Männern schöne Augen vorzuspielen. Doch wie ihre Großmutter stets sagte: Etwas zu können, ist nicht nur schmückend, es birgt auch die Verantwortung, es zum Wohle anderer einzusetzen. Oma.

Ani nickte eifrig, als höre sie auch Großmutters Weisheit und holte ein Kleid sowie ein Unterkleid – trotz dieser Wärme – und passende Schuhe hervor.

„Ich hab keine Wahl, oder?“

„Nein“, lachte Ani glockenhell.

Beim Anblick ihres so eingekleideten Spiegelbildes verlief Malis Gesicht wie Himbeersorbet in der prallen Sonne. Ihre innere Sexfee knallte laut lachend ihre Schublade zu und alle anderen sangen Fitzefatze. Das Kleid war ohne Frage schön. Sein heller Stoff fein gearbeitet und dezent glänzend. Der Ausschnitt war großzügig, aber nicht gewagt, nur ungewohnt in Malis Augen. Wie ihre ganze Figur in diesem Kleid eigenwillig betont wurde. So weiblich und ihr fehlte eindeutig der Mut, es überhaupt nur zu denken, so romantisch.

„Du siehst bezaubernd aus“, stieß Ani, höchst zufrieden über ihr Werk, spitz hervor.

„Ich sehe verliebt aus und süß“, würgte Mali und war nicht wirklich zufrieden. Sicher wollte sie helfen. Aber so? „Ach“, stieß sie, sich schon jetzt gefoltert fühlend, aus, „endlich mal ein paar Tage Ruhe, keine Arbeit, keine Geschwister, die alles Mögliche von mir wollen. Und dann so ein Outfit.“

Ani sah unendlich enttäuscht drein.

„Du bist wie meine kleine Schwester“, nörgelte Mali ein wenig. „Zieh nicht so eine Schnute! Ich werde es ja tragen und ich werde nett sein.“

Sichtlich erfreut begann Ani wieder zu strahlen.

„Aber meine Haare trage ich nicht offen“, schloss Mali trotzig und steckte diese mit wenigen Handgriffen und wahllos ergriffenen Klammern hoch.




Fair Play

Wenige Minuten später ließ Mali sich zum ersten offiziellen Treffen führen.

Sie wahrte Ruhe und konzentrierte sich auf ihre Aufgabe. Die ganze Mission wäre zum Scheitern verurteilt, wenn sie nicht an die vielen Vorteile glaubte. Um positiven Einfluss auf diesen reichen Schnösel zu nehmen, war wohl jedes Mittel recht und der würde sicher kein gebrochenes Herz davontragen. Falls doch, umso besser!

Auf ihrer Unterlippe kauend, zweifelte sie. An allem hier. Hätte sie doch wenigstens diese Blumen einfach genommen und aus dem Fenster oder in den Mülleimer geworfen. Oder einfach akzeptiert, als das was sie waren, schöne Blumen. Sie wollte einen Unbekannten ärgern und am Ende ärgerte sie sich nur selbst. Vielleicht erhielten sogar beide Kandidatinnen einen Strauß? Mist! Und das alte Sprichwort von dem, der anderen eine Grube gräbt und schließlich selbst hineinfällt, flötete ungebeten durch ihre Gedanken. Hätte man sie bloß mit diesen Kalenderweisheiten verschont!

Ihre Ladymaid wollte gerade die Tür öffnen, als Roger von Gunlau im Flur auftauchte und auf sie zukam. Ani knickste in seine Richtung. Bereitwillig sah Mali ihm entgegen. Ein flaches Lächeln lag auf seinen Lippen. Gab es schon jetzt Ärger?

„Mali. Dürfte ich kurz unter vier Augen mit dir sprechen?“, fragte er und Ani ging wortlos.

Vage antwortete Mali: „Ja, ich denke schon.“

„Darf ich dich dafür in einen anderen Raum bitten? Ich möchte mit dir darüber nicht auf dem Korridor sprechen.“

Roger bot ihr sogleich seinen Arm, den sie annahm. Einige Meter weiter betraten sie ein kleines, recht gemütliches Zimmer. Sorgsam schloss Roger die Tür hinter ihnen.

„Ist etwas geschehen?“, musste Mali besorgt fragen. „Ist jemandem etwas zugestoßen oder bin ich ...“

„Bist du was?“, wollte Roger wissen.

„Bin ich frühzeitig disqualifiziert?“

Dabei entglitt ihr ein Lächeln und nach nicht einmal einer Sekunde lachte er kurz dies verneinend auf. Aber weiter kamen sie nicht. Er schritt zu einem der Servierwagen, welche über das ganze Haus verteilt in Räumlichkeiten standen, nahm sich ein Glas und trank. „Oh, verzeih mir. Möchtest du auch etwas trinken?“

Mali schüttelte den Kopf. Soweit sie es erkennen konnte, befand sich nichts Alkoholfreies auf dem Wagen und es war doch erst früher Nachmittag. Zudem hatte sie seit dem Morgen nichts gegessen.

„Nein, danke. Sollte ich jetzt nicht Mike von Irminar bei Kaffee und Kuchen oder so etwas kennenlernen?“

Roger von Gunlau musterte sie, lächelte. „Hast du etwa Hunger?“

Ihr Magen knurrte, für sie antwortend, und, Gott, war Mali das peinlich. Nun lachte Roger auch noch lauthals. Aber es wirkte gar nicht beleidigend und deshalb lachte sie ebenfalls, nur leiser. „Entschuldige.“

„Dafür nicht“, wehrte er ab, aber so, als gäbe es anderes, was er ihr zur Last legte und schwieg.

Verstohlen guckte sie zu einer Schale mit Obst, die auf einer nahen Fensterbank stand. Es war so beschämend! Die einfache Kleinbeamtentochter brauchte etwas zu essen. Sicher aßen diese feinen Menschen gar nichts. Sicher ließen sie mit ihren Geldsorgen auch ihren Hunger für die anderen zurück.

Roger schnalzte mit der Zunge und stellte sein Glas ab.

„Wir haben ein Problem“, sagte er dann.

„Wir? Also wir, du und ich? Wir haben ein Problem? Miteinander?“

Mali glaubte schon, ihn von irgendwoher kennen zu müssen oder wenigstens einmal gesehen zu haben. Aber sie kam nicht drauf. Könnte das sein Problem sein?

„Nein und entschuldige bitte. Ich muss mit dir reden, aber mir fehlen die richtigen Worte. Ich weiß nicht, wo ich beginnen soll.“

Mali tat einen kleinen Schritt in Richtung Obstschale. Und Fenster.

„Mike von Irminar sprach gerade mit mir. Er schickt mich.“

„Wegen der Blumen?“, fragte sie befangen.

Roger sah sie nachdenklich an.

„Blumen? Nein“, antwortete er mit glanzloser Ernsthaftigkeit. „Mike geht davon aus, dass du nicht weißt, wer er ist.“

„Nun ja, damit hat er wohl recht. Aber ich dachte, ich lerne ihn gleich kennen.“

„Eben, da ist das Problem.“

„Will er nicht?“

Mali hörte ihn leise hinter sich lachen. Allzu schlimm konnte ihr Problem zum Glück nicht sein.

„Doch, er will. Er will auf jeden Fall“, hüstelte er. „Mali, du hast ihn vor gut zwei Stunden im Rosengarten getroffen.“

Oh. Doch schlimm. Ihre Schläfen drückten sofort schmerzhaft auf ihren Verstand. Kein Nerv rührte sich und Mali schwankte.

„Er fand nicht die Gelegenheit sich vorzustellen und wollte auf jeden Fall vermeiden, dich deswegen in Verlegenheit zu bringen“, hörte sie Roger von weit weg sagen.

Natürlich kamen die Rosen vom Mann aus dem Rosengarten.

„Geht es dir gut?“

Gut? Nein, ihr war einfach nur schlecht.

„Mali, möchtest du dich setzen?“

Der leicht ironische Ton in seiner Stimme ließ sie aufsehen und der Betreuer lächelte, was auch sonst.

„Und jetzt?“

Ihre Gedanken waren viel zu konfus, um vernünftige Fragen stellen zu können oder deren Konsequenzen abzusehen. Vertrauensvoll würde sie wohl tun, was er vorschlug. Sie fühlte sich schwach und elend und ihre Mama war einfach zu weit weg. Und sie, Mali Schmidt, war mittlerweile zu erwachsen, trotzdem nach ihr zu rufen.

„Wir machen weiter.“

Sagte er das gerade wirklich?

„Warte“, bat Mali entschieden und atmete tief ein, wodurch sie an Standhaftigkeit gewann. „Gehört das zum Spiel?“

„Zur Brautschau? Nein.“

„Ich kann nicht“, verlor sie ihr Gleichgewicht erneut. „Ich meine, ich fand diesen Mann im Rosengarten sehr sympathisch und er sah gut aus.“ Für Mali war er bereits mehr als das. Und was viel schlimmer war, sie wollte gerne noch mehr für ihn empfinden. Viel, viel mehr, was in Betracht der gemeinsamen Zeit ebenfalls beängstigend war. „Das war Mike von Irminar?“

„Ja, er kam gerade von einem Spaziergang zurück“, erklärte Roger und musterte sie genau, was Malis Unruhe wachsen ließ.

„Aber, aber das kann nicht sein“, rief sie verzweifelt. „Ich meine, alles was ich von diesem Irminar weiß, ist abstoßend. Er lädt junge Frauen zu sich ein, für Geld. Sie sollen ihm Vergnügen bereiten, auf welche Weise auch immer. Ich wollte ihn hassen, widerwärtig und bemitleidenswert finden. Er sollte mich ankotzen.“

„Ich kann mir denken, wie du dich fühlst.“

„Sicher nicht“, empörte Mali sich zischend. „Ihr wisst nicht, was es heißt, am Ende des Monats seine Rechnungen nicht mehr zahlen zu können. Ihr wisst nichts von ... Aber wir, wir haben wenigstens uns, unsere Ehrlichkeit und unseren Anstand, unser kleines Glück! Und da glaubt ihr Reichen, ihr könntet einfach etwas Glück und Anstand von uns abkaufen?“

„Mali, ich bitte dich. Darum geht es doch hier gar nicht.“

„Ach nein? Wolltet ihr der armen Außenseiterin wenigstens einmal zeigen, wovon sie träumen kann?“

Dann schwieg Mali. Rogers Schuhe klackten einige Male, aber sie schaute nicht hin, vernahm alles nur gedämpft. Sie wusste nicht, wie ihr geschah. Sicher sah auch sie den Menschen nur vor den Kopf, aber dieser Kerl im Rosengarten, der besaß eine einzigartige Seelenstärke. Sie wusste nicht, woher sie das wusste, aber genau so war es. Das Schicksal schien über sie zu lachen.

„Mali, hier spielt keiner ein falsches Spiel. Brautschau bedeutet: Mike von Irminar lernt zwei junge Damen kennen und vielleicht verliebt er sich in eine. Einer wie er lernt Frauen nicht beim Einkaufen um die Ecke kennen. Wenn du ihn erst ein wenig besser kennst, wirst du wissen, dass er viel mehr Außenseiter ist, als du es je warst. Sei nicht so ein misstrauischer Mensch. Hier will dir keiner etwas Schlechtes. Versuch einfach, es zu genießen.“

Mali merkte, wie ihr Kopf nickte. Natürlich, wenn ihr Betreuer verlangte, sie solle es einfach genießen, würde sie das tun. Sie vertraute ihm und war es gewohnt, die Grenzen ihres Daseins von anderen stecken zu lassen. Ihre kläglichen Versuche, selbstbestimmt und frei zu sein, endeten doch immer im Unglück pur. Auch dieses Mal. Ihr wurde ganz übel und sie fühlte sich um die schönen, wie um die rechtschaffenen Gefühle der letzten Stunden betrogen. Damit musste Schluss sein! Entschlossen ging Mali die drei Schritte bis zur Obstschale und griff nach einem rotbackigen Apfel. Sie wollte ehrlich leben und sie hatte ehrlich Hunger! Gerade führte sie die Frucht zum Mund, als sie Rogers Atem an ihrer halbnackten Schulter spürte und ein warmer Schauer ihren Rücken hinunterprickelte.

„Vorsicht, der ist nicht echt“, sagte er breit grinsend und seine azurblauen Augen sprachen von den alten Tugenden.

Mali schluckte bei seinem Anblick. „Nein, natürlich nicht. Wieso sollte er auch?“, mokierte sie lachend.

„Mike von Irminar ist echt, keine Sorge“, versicherte Roger, mit ihr lachend.

„Kann der sich nicht einmal echtes Obst leisten?“, fragte sie im Scherz und legte den falschen Apfel angewidert zurück. Gleichsam nahm sie Roger herausfordernd ins Visier. „Er sucht wirklich eine Frau zum Heiraten?“

„Ja, auf jeden Fall.“

„Sag mir, ihr seid nicht alle so nett zu mir, um mich am Ende besser demütigen zu können, oder?“

„Mali“, beschwor er sie und trat erneut näher. „Ich gebe dir mein Ehrenwort nicht als Reicher, sondern als Mann von Ehre, hier wird niemand gedemütigt, und ganz sicher nicht du. Die Menschen hier, ihre Gefühle und Sehnsüchte sind völlig echt und nicht gespielt. Das Spiel ist die Fassade. Versuch einfach mitzuspielen und ich versichere dir, niemand wird dich zu etwas zwingen, was du nicht möchtest. Weder zu Schmerz noch zur Liebe.“

Schmerz und Liebe, sie liegen so dicht beieinander und wie er davon spricht, dachte Mali und verlor sich in seinem schönen, offenen Anblick.

„Ich glaube dir“, versprach sie, weil sie es auch wirklich tat. „Und was ist mit der Kleiderpflicht?“

Roger von Gunlau lachte wieder. „Das ist eine Regel, kein Zwang. Du kennst alle Regeln und hast eingewilligt.“

„Was natürlich nichts mit Zwang zu tun hatte.“ Sarkasmus war eine ihrer schärfsten Waffen und das Mauerblümchen in ihr hatte sie vor den Mauern von Irminar zurückgelassen.

„Fang bitte nicht wieder damit an“, stöhnte Roger rau. „Du bist kein kleines Kind, also hör auf zu jammern. Du hast eingewilligt zu spielen und die Gründe dafür kennst du ganz genau! Und jedes Spiel bedarf seiner Regeln. Also, möchtest du nun weiterspielen oder nicht?“

Ihr wäre beinahe ob dieser klaren Ansage, der rote Mund offen stehen geblieben. „Tja, wenn du mich so nett bittest.“

Seine Augen funkelten erregt. „Komm schon, Mali. Du hast alles, was du brauchst. Geld ist hier unwichtig, genauso wie deine Eltern. Deine Gründe, aus denen heraus du schließlich hier bist, waren wichtig. Und du bist es, die jetzt zählt. Du bist da, mach was draus! Wenn du wieder zurück willst, dann geh doch einfach und ich schwöre dir ...“, und dabei berührten ihre Körper einander fast, „ ... du wirst es dein Leben lang bereuen.“

Mali blinzelte. Dieser Mann konnte richtig ernst sein. Sie mochte das. Die Lippen, die diese Worte formten, waren voll und glänzten feucht. Ein verführerisch süßer Geruch ging von ihm aus. Würden nicht in dieser Sekunde wieder ihre Schläfen zu pochen beginnen, sie würde Anstalten machen, von ihm geküsst werden zu wollen.

Roger räusperte sich. Doch das war ihr egal.

„Dir zuliebe werde ich es tun“, versprach Mai und sah, wie sein Adamsapfel anschwoll. „Roger von Gunlau.“

„Erfreulich zu hören“, antwortete Roger ein wenig zu laut. „Ich werde wieder zu Vanessa von Hohenfeld gehen. Wir sehen uns also gleich.“

Roger machte auf dem Absatz kehrt und war weg.

Mali blieb eine ganze Weile allein in diesem Raum zurück. Irgendwann öffnete sich die Tür wieder, und obwohl sie hörte, dass eine Person eintrat, blieb sie verschlossen in ihren Gedanken. Nein, Mali wollte noch nicht gehen. Etwas hielt sie bereits hier fest und sie wollte wissen, was es war. Neugierde, Hoffnung, Sehnsucht und eine Spur nostalgischer Gefühle begleiteten diesen Entschluss. Rogers eindringliche Worte taten den Rest dazu.

In ihre Sphäre eindringend, erklang ein säuselndes Raunen, wie Wind, der durch Birkenblätter weht: „Mali? Du hast Märchen immer geliebt. Hast deren Zauber und Tiefsinn geehrt.

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