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Irische Nächte

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1. KAPITEL

Chloe schaute von der Tastatur ihres PCs auf und warf einen Blick auf den Tischkalender. Nur noch drei Wochen, dann würde sie zu ihrer Familie nach Irland fliegen! Bei dem Gedanken, dass sie auf der Hochzeit ihrer Halbschwester ohne Begleitung auftauchen musste, stieg leise Panik in ihr auf. Sei nicht albern, ermahnte sie sich sofort. Was ist heutzutage schon dabei, als Frau allein bei gesellschaftlichen Anlässen zu erscheinen?

Seufzend wandte sie sich wieder der Geschäftskorrespondenz zu und beendete rasch den letzten Brief. Ein Blick auf die Armbanduhr verriet ihr, dass es nur noch wenige Minuten bis zum Feierabend waren. Bisher hatte sie sich immer auf die freien Wochenenden gefreut – und auf Neil …

Doch das war vorbei! Ihre Verlobung war geplatzt, und so war sie mit ihren neunundzwanzig Jahren wieder Single. Zwei Jahre hatte sie an einen Mann vergeudet, der sich innerhalb eines einzigen Nachmittags vom Märchenprinzen in eine hässliche Kröte verwandelt hatte. Wie hatte sie nur so dumm und naiv sein können? Aber genug von Neil Flynn! Sie musste ihn endlich vergessen! Das war allerdings leichter gesagt als getan, zumal sie durch seine Schuld vor einem finanziellen Desaster stand.

Der Drucker warf das letzte Blatt Papier aus, und Chloe überflog den Text noch einmal zur Kontrolle, ehe sie ihn zu den anderen Briefen in die Unterschriftenmappe legte.

„Chloe, haben Sie daran gedacht, mich in Manchester anzukündigen?“, meldete sich Steven Cavendishs sonore Stimme aus dem angrenzenden Büro.

„Ja, Steven, das habe ich.“ Chloe erhob sich von ihrem Schreibtischstuhl, rückte ihre Brille zurecht, strich dann mit beiden Händen ihren schmalen schwarzen Rock glatt und bereitete sich innerlich darauf vor, ihrem Chef entgegenzutreten. Heute wollte sie ihn endlich um eine Gehaltserhöhung bitten. Die ganze Woche über hatte sie auf einen günstigen Moment gewartet, aber den schien es nie zu geben. Steven Cavendish war seit Monaten in nervenaufreibende Verhandlungen zur Übernahme einer Restaurantkette eingespannt, und die vielen Überstunden und Probleme machten ihn zunehmend nervöser und gereizter. Aber länger konnte sie es sich einfach nicht leisten zu warten. Chloe griff nach ihrem Terminkalender und der Unterschriftenmappe, hob entschlossen ihr Kinn und begab sich in die Höhle des Löwen.

Ihr Boss stand mit dem Rücken zu ihr am Fenster und starrte auf das winterliche Szenario der Londoner City. „Der Wetterdienst hat Schnee vorhergesagt“, begann Chloe diplomatisch. „Das sollten Sie morgen bei Ihrer Reise in den Norden berücksichtigen.“

„Hm … ja, danke, Chloe. Aber ich glaube nicht, dass ein bisschen Schnee dem Firmenjet schadet“, murmelte er in Richtung Fensterfront.

„Es sei denn, er kommt in Form eines Blizzards – was die Meteorologen immerhin für möglich halten.“

„Tatsächlich? Nun, da die Wetterfrösche in den seltensten Fällen recht behalten, werde ich mich nicht jetzt schon verrückt machen.“

„Wie Sie meinen.“ Chloe legte die Mappe auf den Schreibtisch und öffnete sie. „Sie müssten mir nur noch diese Briefe unterschreiben …“ Steven ließ sich immer noch nicht von seinem Panoramablick ablenken. Erst jetzt fiel Chloe auf, dass er sein Jackett abgelegt hatte. Fast schüchtern ließ sie ihren Blick über seinen geraden Rücken und die breiten Schultern wandern. Für einen Mann, der den größten Teil des Tages hinter dem Schreibtisch verbrachte, hatte er einen bemerkenswert durchtrainierten, athletischen Körper. Als sie ihm vor zwei Jahren in diesem Büro zum ersten Mal gegenübergestanden hatte, war sie geradezu überwältigt von seiner maskulinen Attraktivität und Ausstrahlung gewesen. Seine rabenschwarzen Haare und die intensiven dunklen Augen hatten ihr seelisches Gleichgewicht damals ganz schön ins Wanken gebracht. Dazu diese kühle Selbstsicherheit und Professionalität …

Sie liebte es, für Steven Cavendish zu arbeiten, war ebenso engagiert und arbeitswütig wie er und konnte selbst mit seinem rasanten Tempo ohne Weiteres mithalten. So passten sie zumindest im Büro ausgezeichnet zusammen, und innerhalb weniger Wochen hatte Chloe sich auch nicht mehr von seinem guten Aussehen irritieren lassen, sondern gelernt, ihn als Chef zu sehen und zu bewundern. Außerdem hatte es ja auch noch Neil Flynn in ihrem Leben gegeben …

Mit einiger Anstrengung lenkte sie ihren Blick von Stevens breiten Schultern auf ihren Terminkalender. „Renaldo hat angerufen, um zu sagen, dass er sich etwas verspätet“, informierte sie ihren Boss.

„Na großartig! Noch ein langer Abend!“

„Oh, und Sie möchten bitte Miss Smyth-Jones zurückrufen.“

„Okay.“

Die glamouröse Helen Smyth-Jones war nach dem frühen Tod von Stevens Frau seit einiger Zeit seine Geliebte. Chloe tippte mit der Spitze ihres Stiftes auf die aufgeschlagene Seite ihres Kalenders, während sie darauf wartete, dass sich ihr Chef endlich umdrehen würde.

„Feiert Beth nächste Woche nicht ihren sechsten Geburtstag?“ Es war als Frage gemeint, nicht als Erinnerung. Denn Termine, die seine kleine Tochter betrafen, vergaß Steven niemals. Beth war die einzige Person in seinem Leben, die Vorrang vor den Geschäften hatte.

„Ja, so ist es. Sie denken wohl an alles?“ Langsam wandte er sich um und ließ seinen Blick über Chloes zierliche Gestalt zu ihrem schmalen Gesicht und dem honigblonden Haar wandern, das sie während der Arbeit immer hochsteckte. Sie kannte diesen Blick, der durch sie durchging und auf ein entferntes Ziel gerichtet zu sein schien.

„Es gehört schließlich zu meinem Job.“

Er nickte. „Gut, aber wir können nicht den ganzen Tag hier herumstehen und Small Talk halten“, knurrte er. „Ich unterschreibe erst einmal diese Briefe.“ Er zückte einen Stift und ging mit kraftvollen Schritten zum Schreibtisch hinüber. Es gab Stimmen, die Steven Cavendish für hart und kompromisslos hielten, aber wie sonst hätte er es auch mit achtunddreißig Jahren bereits zum Selfmade-Millionär bringen können?

Steven schob Chloe die Unterschriftenmappe über den Tisch zu. „Ist alles für die Vorstandssitzung in der nächsten Woche vorbereitet?“

„Ja, ich habe auch schon Sandwiches und Getränke von Galley’s geordert. Und zum Kaffe etwas Kuchen.“

„Was, den backen sie nicht selbst?“, fragte ihr Boss mit schiefem Grinsen.

„Geben Sie mir den Montagmorgen frei, und ich werde sehen, was ich tun kann“, gab sie schlagfertig zurück.

Touché!“ Steven lachte anerkennend. „Tut mir leid, Chloe, ich wollte Sie nicht ärgern. Es wundert mich nur immer wieder, wie perfekt Sie hier alles im Griff haben.“

Da war die passende Gelegenheit! „Es freut mich, dass Sie mit meiner Arbeit zufrieden sind, Steven“, hakte sie sofort nach. „Wenn Sie eine Minute Zeit für mich hätten, würde ich gern etwas mit Ihnen besprechen.“

„Na, dann schießen Sie mal los.“ Mit einer nachlässigen Handbewegung forderte er sie auf, ihm gegenüber Platz zu nehmen. „Wo liegt das Problem?“

Chloe schluckte trocken und versuchte, nicht an den riesigen Stapel von Rechnungen zu denken, der zu Hause auf sie wartete. „Ich würde es nicht unbedingt als Problem bezeichnen, aber …“

„Gut, das freut mich zu hören. Zusätzliche Schwierigkeiten können wir im Moment ohnehin nicht gebrauchen, was? Ihre bevorstehende Hochzeit bringt unseren Terminplan schon mehr als genug durcheinander.“ Während Steven sprach, schob er einige Papiere auf dem Schreibtisch hin und her, als suche er etwas ganz Bestimmtes.

Es überraschte Chloe nicht im Geringsten, dass ihrem Chef noch gar nicht aufgefallen war, dass sie gar keinen Verlobungsring mehr trug. Aber hätte sie ihm etwa erzählen sollen, dass ihr Verlobter sich aus dem Staub gemacht hatte, nachdem er ihr Bankkonto geplündert hatte? „Wonach suchen Sie?“, fragte sie ergeben. „Vielleicht kann ich Ihnen helfen.“

„Die Notizen von dem letzten Meeting mit Renaldo“, grummelte er unwillig.

„Blauer Ordner – links von Ihnen“, kam es knapp zurück.

Steven griff nach den Unterlagen und schenkte ihr ein flüchtiges Lächeln. „Danke, Chloe. Wo waren wir stehen geblieben?“

„Nun, ich …“

Das Telefon begann zu klingeln, und mit einem entschuldigenden Schulterzucken nahm Steven den Hörer ab. „Steven Cavendish“, meldete er sich in barschem Ton. Chloe ließ sich in ihrem Stuhl zurücksinken und versuchte, sich zu entspannen. Warum war sie nur so nervös? Das Schlimmste, was passieren konnte, war, dass Steven ihr keine Gehaltserhöhung genehmigte. Und in diesem Fall hatte sie immerhin eine reizvolle Alternative. Die Firma, für die sie bis vor zwei Jahren gearbeitet hatte, war mit einem großzügigen Angebot an sie herangetreten und hatte versucht, sie abzuwerben. Sie waren bereit, zehn Prozent auf ihr jetziges Gehalt draufzuzahlen, egal wie hoch es war.

Das Fatale war nur, das Chloe ihren Job bei Cavendish eigentlich gar nicht aufgeben wollte. Sie fühlte sich hier sehr wohl, und wenn dieses Desaster mit Neil nicht passiert wäre, hätte sie auch an ihrem Verdienst nichts auszusetzen gehabt.

„Ich brauche nähere Informationen, ehe ich mich dazu äußern kann“, sagte Steven gerade mit scharfer Stimme. Chloe schaute ihn überrascht an. „Okay, schicken Sie es her, dann werde ich es mir anschauen und zurückrufen.“

„Wer war das?“, fragte sie automatisch, als er den Hörer aufgelegt hatte.

„Ach, nur die Buchhaltung. Es geht um eins von den Renaldo Restaurants in Paris.“

„Bestimmt warten sie auf die Liste mit den Kostenvoranschlägen, die ich ausgedruckt habe – sie liegt nebenan …“

„Darum können wir uns auch später kümmern.“ Er warf einen schnellen Blick auf seine Armbanduhr. „Renaldo wird ja wohl erst nach sechs hier auftauchen.“

„Ja, also … was ich sagen wollte …“ Wieder wurde Chloe durch das Schrillen des Telefons unterbrochen und stöhnte unwillkürlich leise auf.

Kurze Zeit später fiel ihr auf, dass Steven ganz blass geworden war. „Gina, beruhigen Sie sich!“, sagte er in autoritärem Ton. „Ich kann Sie nicht verstehen. Ist mit Beth alles in Ordnung?“ Besorgt beugte sich Chloe etwas nach vorn und versuchte, in seinem angespannten Gesicht zu lesen. „Okay! Ich komme sofort nach Hause!“ Damit legte Steven den Hörer auf die Gabel und warf erst einen erneuten Blick auf seine Uhr, dann einen resignierten auf Chloe. „Tut mir leid, Chloe, aber was immer Sie mir auch sagen wollten – es muss leider warten. Das war Gina, mein Kindermädchen.“

„Ist etwas mit Beth?“, fragte sie ängstlich.

„Nein, es geht um Ginas Vater. Er ist überraschend ins Krankenhaus eingeliefert worden, und sie will so schnell wie möglich zu ihm.“

„Aber Sie haben doch gleich die Verabredung mit Renaldo“, wandte sie entgeistert ein. „Er hat gesagt, dass es sehr wichtig sei.“

„Erfinden Sie eine Entschuldigung für mich. Ich habe niemanden, der auf Beth aufpassen kann. Meine Mutter ist im Urlaub und …“

„Ich werde das übernehmen“, unterbrach sie ihn spontan.

Steven warf seiner Sekretärin einen verblüfften Blick zu. „Sie?“, fragte er gedehnt.

„Ja, warum nicht“, gab sie fast beleidigt zurück. „Ich fühle mich sehr wohl dazu in der Lage, auf ein fünfjähriges Mädchen aufzupassen. Dieses Treffen heute Abend ist sehr wichtig für die Firma. Es könnte zu dem Vertragsabschluss führen, auf den Sie seit Monaten hingearbeitet haben.“

Steven zog gedankenvoll die Stirn in Falten. Immer wieder überraschte Chloe ihn mit ihren gelassenen, präzisen Statements, die so gar nicht zu ihrer unauffälligen, zurückhaltenden Erscheinung zu passen schienen.

„Stimmen Sie mir zu?“, hakte sie vorsichtshalber nach, da er nicht gleich antwortete.

„Ja … Wahrscheinlich haben Sie recht. Sind Sie denn heute mit dem Wagen da?“

Sie nickte. „Steht unten vor der Tür.“

„Danke, Chloe.“ Steven erhob sich vom Schreibtisch. „Ich weiß Ihre Hilfe wirklich zu schätzen und werde versuchen, mich zu beeilen. Vielleicht ist Ihr Freitagabend bis dahin noch nicht ganz ruiniert.“

„Ich hatte ohnehin nicht vor auszugehen“, erklärte sie und stand auf.

Durch die offene Tür beobachtete Steven, wie Chloe ihren Arbeitsplatz aufräumte, ihre Sachen zusammenpackte und mit einem flüchtigen Winken das Büro verließ. Dann ging er seufzend zu seinem Schreibtisch zurück und ließ sich in den Stuhl fallen. Ginas Anruf hatte ihn völlig durcheinandergebracht. Die ersten Sekunden des Gesprächs, in denen er nicht wusste, ob es seiner Tochter gut ging oder nicht, hatten ihn an einen anderen Anruf erinnert … Damals hatte er erfahren, dass er seine Frau verloren hatte. In wenigen Tagen jährte sich Stefanies Todestag zum dritten Mal. Wo waren nur die Jahre geblieben? Er hatte das Gefühl, als sei er die meiste Zeit nur mit Scheuklappen durch die Gegend gehetzt.

Plötzlich meinte er die gelassene, unsentimentale Stimme seiner Mutter zu hören, die ihn mehr als einmal ins Gebet genommen hatte, um ihm klarzumachen, dass er wieder eine Frau und Beth eine Mutter brauche. Und an Tagen wie diesem war er sogar geneigt, ihr zuzustimmen. Es war fast unmöglich, seinem Beruf und seiner Tochter gleichermaßen gerecht zu werden. Dabei wünschte er sich so sehr, Beth eine behütete und glückliche Kindheit schenken zu können. Sicher, da waren Gina und Chloe, die ihn jede auf ihre Weise in seinen Pflichten unterstützten und entlasteten. Und wenn er sich tatsächlich dazu entschließen sollte, noch einmal zu heiraten, war da schließlich noch Helen …

Am liebsten hätte er den Gedanken an sie gleich wieder in seinen Hinterkopf verbannt, denn erst gestern hatte sie ihm zu verstehen gegeben, dass sie mehr von ihm wolle, doch er hatte sich bedeckt gehalten und um eine Entscheidung herumgedrückt. Warum, wusste er selbst nicht. Helen war eine sehr attraktive Frau. Sicher, mit Beth konnte sie wenig anfangen …

„Das kommt schon mit der Zeit!“ Obwohl er diese Worte unbewusst laut ausgesprochen hatte, konnten sie nicht einmal ihn selbst überzeugen. Das, was ihn mit Helen verband, reichte einfach nicht für eine Heirat.

In diesem Moment klingelte das Telefon erneut; geistesabwesend nahm Steven den Hörer ab. Es war noch einmal die Buchhaltung. Da er sich an Chloes Bemerkung über die Liste erinnerte, bat er den Sprecher am anderen Ende der Leitung zu warten, legte den Hörer aus der Hand und ging in Chloes Büro hinüber. Steven musste unwillkürlich lächeln, während er vor dem mustergültig aufgeräumten Arbeitsplatz seiner Sekretärin haltmachte. Er zog die oberste Schreibtischschublade auf, die aber nur Schreibutensilien enthielt, und hatte sie fast schon wieder zugeschoben, als sein Blick auf das einzig beschriebene Blatt in der Lade fiel. Der Briefkopf kam ihm vage bekannt vor und nötigte ihn zu einem zweiten Blick.

Es war ein Brief von dem Direktor der Firma, für die Chloe gearbeitet hatte, bevor sie zu Cavendish gekommen war. Steven überflog die wenigen Zeilen mit wachsendem Entsetzen. Die Firma hatte sich offensichtlich vergrößert und versuchte, ihm seine beste Arbeitskraft abzuwerben! Zehn Prozent über seinem höchsten Gebot wollten sie ihr zahlen!

Steven ließ sich wie erschlagen auf den Stuhl fallen und starrte auf die schwarzen Buchstaben vor ihm. War es das, was Chloe ihm hatte beibringen wollen? Dass sie die Firma verlassen wollte? Steven war zuerst geschockt und dann entsetzt über die Erkenntnis, wie viel es ihm ausmachen würde, Chloe zu verlieren.

Sie durfte einfach nicht gehen – das war undenkbar!

2. KAPITEL

Die Wolken hingen ungewöhnlich tief am Himmel, und das House of Parlament lag in dichten Nebel gehüllt, der auch in Schwaden über die Themse waberte.

Normalerweise befand sich Chloe zu dieser Zeit inmitten der Menschenmassen, die zur U-Bahn strömten, denn ihre Wohnung lag so zentral, dass sie nicht gezwungen war, sich mit ihrem Wagen in einen der endlosen Freitagnachmittagsstaus einzureihen. Doch heute hatte sie den wöchentlichen Großeinkauf tätigen wollen und sich deshalb dazu entschieden, das Auto zu nehmen. Zum Glück! So konnte Steven wenigstens das wichtige Meeting einhalten.

Es schien Stunden zu dauern, ehe sie London in südlicher Richtung durchquert und hinter sich gelassen hatte. Ob Steven diesen langen Anfahrtsweg, den er jeden Tag zurücklegen musste, nie als lästig empfand? Nachdem Chloe endlich das malerische Hemsworth mit seinen romantischen Cottages und bezaubernden Gärten erreicht hatte, beantwortete sich die Frage von selbst. Dieser Anblick war so ziemlich jede Wegstrecke wert.

Es begann schon zu dämmern, und die ersten Schneeflocken fielen auf ihre Windschutzscheibe, als sie endlich in die Auffahrt zu Stevens Haus einbog. Das von Efeu überwucherte Haus im georgianischen Stil schien sie mit seinen erleuchteten Fenstern willkommen zu heißen. Chloe parkte ihren Wagen direkt vor dem imposanten Gebäude, stieg aus und eilte die steinernen Stufen zur Eingangstür hinauf. Der aufkommende Nordwind blies ihr eisig ins Gesicht. Als sie die Hand nach dem Türklopfer ausstreckte, wurde die Tür von innen aufgerissen.

„Gott sei Dank, dass Sie endlich da sind!“ Gina stand schon im Mantel vor ihr und stülpte sich hastig eine Wollmütze über ihre dunklen Locken.

„Ich bin so schnell gekommen, wie ich konnte“, sagte Chloe und trat ein in die anheimelnd warme Diele.

„Ich weiß“, sagte das Mädchen tränenerstickt. „Steven hat Sie telefonisch angekündigt. Ich mache mir nur so schreckliche Sorgen um meinen Vater.“

„Ich hoffe für Sie, dass alles gut geht“, sagte Chloe mitfühlend.

Gina nickte und eilte aus dem Haus. „Ich werde versuchen, Steven morgen telefonisch zu erreichen, um ihm mitzuteilen, wie die Dinge stehen“, rief sie über die Schulter zurück. Dann war sie mit einem schnellen Winken verschwunden, und Chloe schloss die Haustür. Erst jetzt bemerkte sie, dass Beth im Hintergrund der Diele stand und sie stumm beobachtete. Sie wirkte wie eine kleine verlorene Seele – ihre langen blonden Locken waren so zerzaust, als hätte sie auf dem Kopf gestanden, sie trug eine Latzhose, ein pinkfarbenes Sweatshirt und nur einen Schuh am Fuß. Den anderen hielt sie in der Hand, als habe sie eben versucht, ihn anzuziehen. Chloe hatte das Gefühl, dass die Kleine am liebsten mit Gina gegangen wäre.

„Hallo, Beth“, sagte sie mit weicher Stimme. Fröstelnd rieb sie sich über die Oberarme. „Meine Güte, ist das aber kalt draußen. Ich bin wirklich froh, dass ich hier mit dir in diesem kuscheligen, warmen Haus sein darf.“

„Kommt Daddy bald nach Hause?“, wollte das Kind mit dünnem Stimmchen wissen.

„Bestimmt. Dein Daddy wird so schnell wie möglich hier sein.“ Chloe zog ihren Mantel aus und hängte ihn an die Garderobe. „Er hat nur noch ein Geschäftsessen. Solange passe ich auf dich auf.“ Beth senkte den Kopf und gab keine Antwort. Mit einem aufmunternden Lächeln auf den Lippen ging Chloe in die Hocke, um mit dem Kind auf gleicher Augenhöhe zu sein. „Hast du schon zu Abend gegessen?“

Die Kleine schüttelte den Kopf. „Gina wollte Würstchen und Pommes machen.“

„Mm, das hört sich gut an. Also, dann zeig mir doch mal den Weg zur Küche.“ Obwohl Chloe aus geschäftlichen Gründen schon häufiger hier gewesen war, hatte sie die Küche noch nie betreten. Sie war riesig. An einem Ende stand ein großer antiker Holztisch, entlang der Wände erstreckten sich endlos Regale und Geschirrschränke, sodass es zur echten Herausforderung geraten konnte, so etwas Simples wie eine Tasse zu finden. Chloe erinnerte sich daran, dass Steven ihr einmal erzählt hatte, dieses Haus sei früher eine Pfarrei gewesen. Durch den Garten führte ein schmaler Pfad direkt zur Kirche St. Mary. Es fiel Chloe leicht, sich die Frau eines Vikars in dieser Umgebung vorzustellen – beim Backen von Scones für ein Gemeindefest oder einen Wohltätigkeitsbasar.

„Gina hat geweint, bevor du gekommen bist“, erzählte Beth, während sie beobachtete, wie Chloe den Wasserkessel füllte und auf den Herd stellte. „Das ist, weil sie sich Sorgen um ihren Dad macht“, fuhr sie fort und glitt auf einen der Stühle, die um den Tisch standen. „Wird Ginas Dad sterben?“

Chloe warf ihr einen schnellen Blick zu. „Sicher nicht“, sagte sie so gelassen wie möglich. ...

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