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Irische Küsse

Michelle Willingham

Irische Küsse

1. KAPITEL

England 1180

Ein leises Knarren im Holz, das weniger geschulte Ohren gar nicht bemerkt hätten. Aber Honora St. Leger hatte ihre Sinne geschärft, um auch dieses winzige Geräusch wahrzunehmen, das ihr die Anwesenheit eines anderen Menschen verriet.

Er war hier. Der Dieb, auf den sie gewartet hatte, um ihn auf frischer Tat zu ertappen.

Ihre Knie schmerzten auf den kalten Steinplatten der Kapelle. Sie gab vor, ins Gebet versunken zu sein, dabei rutschte sie unmerklich näher zum Altar und dem Schwert, das sie dort verborgen hatte.

Vor einer Woche war ein Kruzifix aus der Kapelle verschwunden. Und seit letzter Nacht fehlte der Abendmahlbecher. Die Soldaten ihres Vaters hatten nichts gefunden, keine Spur von dem Langfinger.

Ihre feinen Nackenhärchen sträubten sich, jede Faser ihres Körpers war angespannt, das Blut rauschte ihr in den Ohren. Noch näher war sie der Stätte des Herrn gekommen. Ihre Atemzüge wurden ruhiger, während sie sich innerlich auf einen Kampf gefasst machte.

Sie griff unter das Altartuch und fand den kühlen Metallgriff des Schwertes. In diesem Moment brachte ein plötzlicher Luftzug die Kerzen zum Erlöschen.

Honora schnellte hoch und ging in Angriffstellung. Leise Schritte verrieten die Gegenwart eines Fremden. Die Dunkelheit schützte aber nicht nur sie, sondern auch den anderen. Sie war auf ihre Instinkte angewiesen, da sie ihren Gegner nicht sehen konnte. Aber auch der vermochte ihre Gegenwart allerdings nur zu vermuten.

Der Rhythmus der Schritte veränderte sich. Die Angst ließ sie fast erstarren. Heiliger Herr Jesus, es waren zwei.

Eine Bewegung hinter ihrem Rücken ließ sie mit gezücktem Schwert herumfahren. Ihre Klinge klirrte gegen Stahl, der Unbekannte parierte ihren Hieb mit einer solchen Wucht, dass ihr der Arm regelrecht hochgerissen wurde.

Der Eindringling besaß ein Schwert, also handelte es sich nicht um einen gewöhnlichen Schuft, sondern um einen geübten Kämpfer. Ihr Herzschlag raste, ihre Furcht wuchs. Sie hatte zwar volles Vertrauen in ihr Kampfgeschick, aber in völliger Finsternis blind um sich zu schlagen, erhöhte die Gefahr, der sie ausgesetzt war, beträchtlich.

Und es befand sich immer noch eine dritte Person in der Kapelle, die sie nicht sehen konnte. Die Schritte des Angreifers wurden nun schneller, leichter, obgleich sie nicht sagen konnte, ob sie sich ihr näherten oder von ihr entfernten.

Sie schwang die Klinge erneut, traf etwas – und wurde mit einem zischenden Schmerzenslaut belohnt. „Wer seid Ihr?“, fragte sie fordernd. „Was wollt Ihr?“ Schweigen.

Sie hob das Schwert ein weiteres Mal zum Schlag aus – und verfehlte den Verbrecher. Angestrengt horchte sie, während sie die Klinge in Schulterhöhe hielt. Nichts, nur der kühle Luftzug von der offenen Tür her. Kein Schritt, kein Atemzug durchdrang die Stille. Beide Gestalten waren auf einmal verschwunden.

Wieso?

Oder hatte etwa einer den anderen in die Flucht geschlagen? Wie ein unsichtbarer Beschützer?

Honora furchte die Stirn und sank wieder auf die Knie. Das Heft des Schwertes lag in ihrer erhitzten Hand, ihr Herz pulsierte vor Energie. Es war erst ein halbes Jahr vergangen, seit sie aus Ceredys, der Burg ihres Gemahls, geflohen und in die Festung ihres Vaters zurückgekehrt war. Hier, in Ardennes, hatte sie geglaubt, sicher zu sein. Nun begann sie daran zu zweifeln.

Es war beängstigend, dass dieser Strauchdieb es gewagt hatte, erneut in Erscheinung zu treten, als würde er etwas Bestimmtes suchen. Nur was konnte das sein?

Honora überlegte, ob sie in ihre Kammer zurückkehren sollte. Aber ihre Schwester Katherine schlief noch, und keinesfalls wollte sie die in Gefahr bringen, falls die Angreifer sie verfolgten.

Sie zündete die Kerzen am Ewigen Licht wieder an, versuchte sich zu beruhigen und atmete den Duft von Kerzenwachs und kaltem Weihrauch ein.

Mit dem Schwert in der Hand kauerte sie sich auf die Steinplatten und lehnte den Rücken gegen die Mauer. Die Kälte kroch ihren Körper hinauf, und sie zog die Knie an und steckte die Füße unter die Röcke.

Erst in diesem Augenblick bemerkte sie die fehlende Schatulle, die sie aus Ceredys mitgebracht hatte, ein Geschenk ihrer Schwiegermutter Marie St. Leger.

Sie war gestohlen worden.

Wütend starrte sie auf die leere Stelle, wo sie noch vor Kurzem gestanden hatte. Sie sprach ein stummes Gebet für Maries Seele und schwor sich, den Gauner zur Strecke zu bringen.

„Sie wird dich nicht heiraten.“

Ewan MacEgan legte die Hand an die Augen, um gegen die grelle Sonne geschützt zu sein, die langsam hinter den Hügeln versank. Die Äußerung seines Bruders überraschte ihn nicht. Er war der jüngste Sohn und besaß nur ein winziges Stück Land. Mit welchem Recht glaubte er, um die Hand einer reichen Erbin anhalten zu können?

Aber Lady Katherine of Ardennes war die Frau, die er verehrte, seit er noch ein halbes Kind war. Während andere sich über seine Unbeholfenheit lustig machten, hatte sie gelächelt und ihm versichert: „Eines Tages besiegt Ihr sie alle.“

Schon damals hatte ihm Lady Katherines sanftes Wesen Zuversicht gegeben. Nun war sie erwachsen, eine Lady, um deren Gunst sich zahllose Ritter bewarben. Und Ewan hatte sich vorgenommen, sie zu umwerben und zur Braut zu nehmen.

„Ich kenne sie, seit wir Kinder waren“, erklärte Ewan seinem Bruder.

Bevan lenkte sein Pferd zum Fluss und ließ es trinken. „Das liegt fünf Jahre zurück. Ihr Vater will sie mit einem reichen normannischen Adeligen verheiraten, nicht mit einem mittellosen Iren.“

„Ich bringe es zu Reichtum, verlass dich drauf“, entgegnete Ewan eigensinnig. „Ich werde ihr die schönste Burg errichten lassen, die sie sich nur wünschen kann.“ Er sprach zwar im Brustton der Überzeugung, doch auch er hatte seine Zweifel, ob Lord Ardennes ihn als Bewerber um Katherines Hand überhaupt in Erwägung ziehen würde. Das Einzige, was er zu seinen Gunsten anführen konnte, war seine königliche Abstammung, da sein ältester Bruder Patrick König jener Provinz in Éireann war, in der auch er lebte.

Bevan tätschelte den Hals seines Pferdes. „Wir können dir helfen. Nimm das Land, das Patrick dir angeboten hat.“

„Ich nehme nichts, was ich mir nicht selbst erworben habe. Ich erobere mir mein eigenes Land.“ Er wollte kein Schmarotzer sein, der sich durch den Wohlstand seiner Angehörigen mehr aneignen konnte, als ihm zustand.

„Das lässt dein Stolz wohl nicht zu, wie?“ Die Narbe an Bevans Wange trat hervor. „Aber er wird dir wenig nützen. Die Familie der jungen Lady besitzt Reichtümer, von denen du nicht einmal träumst. Sie wird einen der mächtigsten Edelleute heiraten, den dieses Land hervorgebracht hat. Du hast nicht die geringste Chance.“

Ewan weigerte sich, seinem Bruder zu glauben. „Ich will mein Glück versuchen.“ Er straffte die Schultern und richtete den Blick in die Ferne. Danach drückte er seinem Wallach die Sporen in die Flanken, brachte ihn in eine schnellere Gangart und gab vor, das Mitleid, das sich in Bevans Gesicht spiegelte, nicht gesehen zu haben.

„Es gibt andere Frauen, die besser für dich geeignet wären“, fuhr Bevan in milderem Tonfall fort, als er seinen Bruder eingeholt hatte. „Eine Frau aus Éireann. Es ist doch nicht nötig, dass du hier unter Fremden in einem feindlichen Land lebst. Heirate eine irische cailín.

Gib diesen Wunschtraum auf, das hatte ihm Bevan damit zu verstehen geben wollen, und greif nicht nach den Sternen.

Genau diesen Rat hatten ihm seine Brüder schon damals gegeben, als er den Wunsch geäußert hatte, Krieger zu werden. Allerdings verfügte er nicht über die naturgegebenen Talente, die Patrick oder Bevan eigen waren. Obwohl er sich bis zur völligen Erschöpfung während seiner Ausbildung an allen Waffengattungen verausgabt hatte, beruhten seine Fähigkeiten allein auf Muskelkraft, nicht auf Raffinesse und listenreicher Taktik. Trotz aller Niederlagen und Fehlschläge hatte er seine Schwächen überwunden und es bis zu dem Mann gebracht, der er heute war.

Den Rest des Weges ritten die Brüder schweigend nebeneinander her. Die Landschaft war Ewan vertraut. Fruchtbares Land mit saftigen Wiesen zog sich bis zu den Hügelketten in der Ferne hin. In den letzten fünf Jahren hatte sich nichts daran verändert.

Unvermittelt wurde ihm bewusst, wie glücklich und zufrieden er hier einst war. Für die meisten seiner Landsleute waren die Normannen immer noch feindliche Eindringlinge, während Ewan das nie so gesehen hatte. Nachdem Bevans Gemahlin Genevieve sich für ihn verwendet und ihren Vater Thomas de Renalt, Earl of Longford, gebeten hatte, den Knaben in Pflegschaft zu nehmen, lebte Ewan drei Jahre auf dessen Burg und lernte bei den Normannen schließlich zu kämpfen.

Ein leichtes Unbehagen befiel ihn, als er sich die Narben an seinen Händen betrachtete. Die Wunden waren zwar längst verheilt, aber seine Finger waren etwas steif geblieben. Ein Schwert zu halten erforderte seine ganze Konzentration, und er war gezwungen, die Unbeweglichkeit durch Kraftaufwand auszugleichen.

Aber die Narben waren gerechtfertigt für das, was er Bevan angetan hatte. Er warf seinem älteren Bruder einen Seitenblick zu und wünschte, er hätte ihn damals nicht verraten. Bevan hatte ihm zwar vergeben, aber Ewan hatte immer noch das Gefühl, seine Großmut nicht zu verdienen.

Vor ihnen lag die Burg von Baron of Ardennes. Die Festung war aus Stein erbaut, und die äußere Burgmauer erreichte etwa die Höhe zweier Männer. Der Donjon, der Wehrturm, war mit steinernen Burgzinnen versehen und von flachen Holzbauten umgeben. Ewan hatte damals nicht in der Festung gewohnt, doch hatte er die Burg häufig mit seinem Pflegevater besucht, dessen Besitz an Ardennes grenzte.

Ihm wurde etwas unbehaglich zumute, als sie sich der Zugbrücke und dem Burgtor näherten, und er fragte sich, ob Katherine sich noch an ihn erinnerte.

Oder Honora.

Er fasste die Zügel straffer. Während seiner Aufenthalte hatte Honora ihn bei drei Gelegenheiten beinahe umgebracht. Versehentlich, wie sie behauptete. Es war Frauen verboten, sich an Waffen zu üben, was sie aber nicht davon abgehalten hatte, es dennoch zu tun. Sie wollte von ihm lernen, mit dem Schwert zu fechten. Sie gab nicht auf, ihn darum zu fragen, und schließlich hatte er sich widerstrebend anerboten, ihr Unterricht zu erteilen.

Mittlerweile war sie verheiratet, dies war ihm jedenfalls zu Ohren gekommen. Hoffentlich mit einem Ehemann, der ihr ungestümes Wesen zu zähmen wusste. Er hatte nie wieder danach eine Frau getroffen, die so darauf versessen war, eine Klinge zu führen. Obgleich er ihr tunlichst aus dem Weg gegangen war, hatte Honora ihn auf Schritt und Tritt verfolgt.

Wäre ihre Schwester nur ebenso anhänglich gewesen.

Trotz aller Widrigkeiten und aller Bewerber, die um ihre Gunst buhlen sollten, hatte er den festen Vorsatz, Katherine für sich zu gewinnen – koste es, was es wolle. Frohe Erwartung stieg in ihm auf, denn bald würde er ihr Herz erobern.

Der Dieb musste sich unter der Schar der Verehrer aufhalten, die sich um die Geneigtheit ihrer Schwester bemühten, davon war Honora überzeugt. Bei so vielen Fremden auf der Burg konnte ein Langfinger sich unauffällig bewegen.

Sie wartete lange Zeit, bis die Dunkelheit die Burg einhüllte. Im Schutz der Nacht schlich sie lautlos an den Wachen vorbei, die sich die Zeit mit einem Würfelspiel vertrieben.

Finde die Schatulle, und du findest den Dieb – so einfach war das. Sie hatte bereits die Große Halle durchsucht, ohne eine Spur bei den einfachen Rittern und Gefolgsleuten zu entdecken. Blieben nur noch die Schlafkammern der Gäste adliger Herkunft.

Geräuschlos betrat sie die erste Kammer und durchsuchte das Gepäck ihrer Bewohner, ohne auf die Schatulle gestoßen zu sein. Im Schatten der Mauer schlich sie zur nächsten Kammer. In einiger Entfernung stand ein Wächter neben den Steinstufen.

Mit angehaltenem Atem betete Honora, er möge sie nicht erkennen. Ihr Vater würde sie töten, wenn er wüsste, was sie vorhatte.

Lautlos öffnete sie die nächste Tür und horchte. In dem Gemach war es finster und still. Sie schlich zu einem Bündel, das aber nicht das gestohlene Gut enthielt. Angestrengt spähte sie nun in die Dunkelheit, um ihre Suche fortzusetzen.

Plötzlich wurde sie von hinten gepackt. Eine schwere Hand legte sich über ihren Mund, ein Arm umfing ihre Taille und wirbelte sie herum. Sie wehrte sich verbissen, schlug mit den Füßen gegen seine Beine, doch der Angreifer hob sie mühelos hoch und drückte ihren Rücken gegen die Wand. Ein Streifen Mondlicht stahl sich durch Wolkenfetzen und beleuchtete sein Gesicht.

Sie erstarrte beim Anblick von Ewan MacEgan. Beim Heiligen Kreuz, sie hatte geglaubt, ihm nie wieder zu begegnen. Was hatte er hier zu suchen?

Sein nackter Oberkörper glänzte silbern im Mondlicht, sein muskelbepackter Brustkorb hob und senkte sich mit jedem Atemzug. Honoras Herz klopfte, trotz der warmen Sommernacht fröstelte sie.

„Suchst du etwas?“, fragte er vorwurfsvoll, ohne sie loszulassen. Er schien ihr Gewicht gar nicht zu bemerken.

Als sie ihn zum letzten Mal gesehen hatte, war Ewan ein schlaksiger, hoch aufgeschossener Jüngling, zudem ein etwas linkischer Kämpfer, allerdings vom Ehrgeiz beseelt, keinesfalls eine Niederlage einstecken zu wollen. Er hatte Tag und Nacht daran gearbeitet, sich zu stählen und abzuhärten.

Aus dem Jüngling war ein Mann geworden. Ein gut aussehender Mann. Sein dunkelblondes, kurz geschorenes Haar unterstrich sein markantes Gesicht und die ausgeprägte Kinnpartie. Ein mächtiger Brustkorb verjüngte sich zu schmalen Hüften. Seine Bauchdecke war flach, und …

Allmächtiger im Himmel. Er war nackt.

Zu keinem klaren Gedanken fähig, konnte sie den Blick nicht von seinen Lenden abwenden. Ihr Ehemann war im Vergleich zu ihm ein schmächtiges Kerlchen gewesen. Ewan sah aus wie ein heidnischer Kelte. Von ihm ging eine Wildheit aus, die sie beklommen machte.

Langsam stellte er sie auf die Füße, dabei war sie immer noch gegen die Wand gelehnt. Ihre Handgelenke ließ er nicht los, und sie selbst hatte völlig vergessen, sich zu wehren. Seine Nähe wirkte lähmend auf sie. Schließlich gab er eine Hand von ihr frei und riss ihr die Kapuze vom Kopf.

„Du bist eine Frau.“

Sie konnte immer noch nicht klar genug überlegen, um zu antworten.

„Wer bist du?“, fragte er barsch.

Ihre Zunge wollte ihr nicht gehorchen. Erinnerte er sich nicht an sie? Nach all den Jahren, in denen sie sich erniedrigt hatte, ihm hinterhergelaufen war und versucht hatte, ihn im Schwertkampf zu besiegen? Allerdings verbarg die Dunkelheit ihre Gesichtszüge, er konnte sie nicht genau sehen.

„Katherine?“, fragte er zaghaft.

Wut stieg in ihr auf. Nein, sie war nicht ihre schöne heilige Schwester. Das hätte er sich allerdings nach ihrem verbotenen Eindringen denken können. Ihre Schwester würde nicht im Traum auf die Idee kommen, sich nachts in eine fremde Kammer zu schleichen, ganz zu schweigen davon, einen Dieb zu verfolgen.

Bevor sie widersprechen konnte, legte er seinen Mund auf ihre Lippen. Eine erschreckende Empfindung durchströmte sie. Sie vergaß, wonach sie suchte, vergaß, was ihr geschah. Die Welt um sie herum stürzte ein, es gab nichts mehr, nur diesen Kuss.

Sie war wie betäubt, ihre Lippen blieben verschlossen. Sanft und zärtlich spürte sie seine Hände in ihrem Haar. Seine kraftvollen Schenkel pressten sich gegen sie, seine Erregung führte ihr vor Augen, wie unklug es war, einen schlafenden Mann zu wecken.

Er streichelte ihre Hüften, schob die Finger unter das Männerwams, das sie trug. Ein süßer Wonneschauer durchrieselte sie, während seine Hände sie liebkosten, als strichen sie über kostbare Seide. Die Berührung seiner schwieligen Handflächen erregte sie, und ein pochendes Sehnen keimte zwischen ihren Schenkeln.

Sie erbebte unter dieser unbekannten Empfindung. Seine rauen Hände streichelten ihren Rücken, und sie wünschte, er würde sie um ihre Brüste wölben, um ihr Sehnen zu stillen.

Nie zuvor hatte ein Mann sie so berührt, schon gar nicht ihr Gemahl.

Die Erinnerung an ihn ließ den beseligenden Moment platzen wie eine Seifenblase. Sie stieß Ewan von sich, ihre Lippen prickelten, ihr Inneres war in wildem Aufruhr. „Ich bin nicht Katherine.“

„Honora?“

Sie nickte, unfähig, ein weiteres Wort hervorzubringen. Benommen tastete sie nach ihrem Dolch, doch fand sie ihn nicht.

Ewan hob die Klinge, der Stahl blitzte im Mondlicht auf. „Suchst du das?“

„Ich bin nicht gekommen, um dir etwas anzutun.“

„Nein. Nur, um mich auszurauben.“

„Ich wusste nicht einmal, dass du hier bist“, verteidigte sie sich. „Ich bin auf der Suche nach …“ Beinahe wäre ihr das Wort Dieb entschlüpft. Denn allem Anschein nach war Ewan der Gauner, jedenfalls war es nicht auszuschließen.

„Suchst du deinen Ehemann?“, fragte er argwöhnisch, aber auch anklagend, als sei sie ein kleines Mädchen, das dabei ertappt wurde, Süßigkeiten zu stehlen.

„Mein Ehemann ist tot.“ Sie entriss ihm ihre Hand und streckte sie nach der Waffe aus. „Gib mir meinen Dolch zurück!“

„Nein.“ Ewan hob die Klinge hoch über seinen Kopf, und Honora sprang ihn an, um sie ihm zu entreißen. Nicht auf ihren Angriff gefasst, taumelte Ewan nach hinten und ging zu Boden. Sie stürzte sich auf ihn, doch bevor sie nach der Waffe greifen konnte, rollte er sich über sie und begrub sie unter sich.

Hilflos gefangen, spürte sie sein Gewicht auf sich. Und das gefährliche Funkeln in seinen Augen machte ihr klar, dass sie eine falsche Entscheidung getroffen hatte.

„Ich bin nicht mehr der Junge von früher, Honora.“ Er hielt sie unter sich gefangen und warf den Dolch außer Reichweite. „Du besiegst mich nicht im Kampf. Nicht mehr.“

Hitze stieg ihr in die Wangen. Offenbar hatte er nicht vergessen, dass sie ihn früher überwältigt hatte. Mehr als einmal hatte sie ihn entwaffnet, ihr Geschick war größer als das seine gewesen. Aber diese Zeiten waren wohl vorbei.

„Lass mich aufstehen.“ Sie versuchte sich aufzurichten, während Ewan von ihr abließ und sich neben sie setzte, ohne sich um seine Nacktheit zu kümmern.

Honora bemühte sich, ihre Kleidung zu ordnen und ihre Fassung wiederzufinden. „Warum bist du hier?“

„Ich werde deine Schwester heiraten.“

Sie verzichtete auf eine spitze Bemerkung, dass er nur einer von vielen Bewerbern war. Ihr Vater hatte die Verlobung noch nicht verkündet, das würde erst geschehen, nachdem er jeden einzelnen Kandidaten genau geprüft hatte.

„Tut mir leid, weil ich dich geküsst habe“, fuhr Ewan fort. „Ich hatte dich mit Katherine verwechselt.“

Seine Entschuldigung entfachte ihren Zorn erneut. Sie wusste, dass sie längst nicht so hübsch war wie ihre Schwester. Allerdings wollte sie nicht auch noch darauf hingewiesen werden. „Katherine würde niemals die Schlafkammer eines Fremden betreten.“

„Im Gegensatz zu dir.“ In seiner Stimme schwang ein scherzhafter Unterton mit, auf den sie nicht einging. Im Gegenteil, sie fühlte sich gekränkt und bereute ihre Waghalsigkeit.

In diesem Moment wurde die Tür geöffnet, und Honora sprang auf die Füße. Gütiger Himmel. Ein weiterer MacEgan starrte sie an.

„Störe ich etwa?“ Ewan geriet unter dem fragenden Blick seines Bruders keineswegs in Verlegenheit, als dieser ihn nackt neben einer Frau sitzen sah.

„Honora wollte gerade gehen.“ Ewan wies zur Tür, und sie nahm die Aufforderung dankbar an. Sie dachte nicht einmal daran, ihren Dolch an sich zu nehmen, so froh war sie, den Brüdern entfliehen zu können.

Bevan MacEgan schloss die Tür hinter Honora und stellte die brennende Pechfackel in den eisernen Wandhalter. Ewan war dabei der forschende Blick seines Bruders nicht entgangen. „Sie hatte sich in der Tür geirrt“, lautete seine knappe Erklärung.

Bevan glaubte ihm nicht und wartete auf nähere Einzelheiten, wozu Ewan allerdings nicht bereit war. Honoras Eindringen hatte ihn aus dem Tiefschlaf gerissen, mit dem nächtlichen Besuch einer Frau hatte er nicht gerechnet.

Sein Unbehagen wuchs, denn er hatte sie in einer spontanen Aufwallung geküsst. Zunächst hatte er geglaubt, Katherine sei zu ihm gekommen. Wie dumm von ihm. Katherine war scheu und zurückhaltend, ganz das Gegenteil ihrer dreisten Schwester.

Honora. Er fuhr sich mit der Zunge über die Lippen und dachte an den Kuss, den er ihr gestohlen hatte, dessen Geschmack noch an ihm haftete. Süß und frisch, so gar nicht zu dem eigensinnigen Mädchen passend, das ihn vor so vielen Jahren belästigt hatte.

„Ihr Vater wird nicht erbaut darüber sein“, fing Bevan wieder an. „Ich habe heute Nacht ein halbes Fass Bier mit ihm getrunken und mich für dich verwendet.“ Er verzog das Gesicht wegen der späten Zeit und fuhr sich mit der Hand durchs Haar. „Sorge dafür, dass er nichts davon erfährt. Ich bezweifle, dass er dir seine jüngste Tochter zur Frau gibt, wenn du gleichzeitig mit ihrer Schwester herumtändelst.“

„Honora hat mich aus dem Tiefschlaf geweckt“, knurrte Ewan, legte sich auf seinen Strohsack und warf die Wolldecke über sich. „Es war nicht meine Schuld.“

„Was wollte sie?“

„Sie suchte jemand“, meinte er achselzuckend, als habe es keine Bedeutung. Wenn er jetzt darüber nachdachte, würde er sich fragen, wen sie gesucht haben mochte. Das aber wollte er nicht. „Was hat ihr Vater sonst noch gesagt?“

„Er will deine Bewerbung in Betracht ziehen. Auch Thomas de Renalt hat sich günstig über dich geäußert und scheint die Verbindung zu befürworten.“

Bei der Erwähnung seines Pflegevaters wich Ewans innere Anspannung ein wenig. „Gut.“

Er richtete den Blick zu den Deckenbalken, während Bevan sich auf seiner Pritsche ausstreckte. Die Flamme der Fackel warf unruhige Schatten an die Mauer. Nur das leise Schnarchen anderer Gäste in den angrenzenden Kammern war zu hören. In der Ferne bellte ein Hund, ansonsten war Stille in der Burg eingekehrt.

Honoras Haar war kurz, es reichte ihr kaum bis zu den Ohren. Eine zerzauste Mähne, die sich unerwartet seidig angefühlt hatte. Früher hatte er sie nur mit einem Schleier gesehen. Er dachte an den Kuss und daran, wie er die Hände in ihre weiche Fülle gewühlt hatte.

Ihr Haar war schwarz wie die Nacht, ihre Haut weiß wie Milch. Volle Lippen hatten seinen Kuss erwidert, hatten nach Apfel geschmeckt, saftig und süß. Ihre Arme waren nicht nachgiebig wie die anderer Frauen, sondern sehnig und kraftvoll. Wie oft hatte sie versucht ihn im Kampf zu bezwingen, als sie eine Zeit lang gemeinsam bei den Pflegeeltern aufwuchsen? Und sie hatte ihn häufiger besiegt, als ihm lieb war.

Diese Zeiten waren vorbei.

Er drehte sich auf dem Strohsack um, zog die Decke über die Ohren und versuchte an Katherine zu denken, als der Schlaf ihn übermannte. Trotzdem konnte er Honoras Kuss nicht vergessen.

2. KAPITEL

„Man hat dich gesehen, wie du gestern Nacht aus der Schlafkammer der MacEgan-Brüder gekommen bist.“ Nicholas de Montford, Baron of Ardennes, stellte seinen Becher ungehalten auf den Tisch seines Gemachs und verschränkte die Hände. Seine goldenen Ringe blitzten in der Morgensonne.

Honoras Wangen glühten, während sie nach einer Ausrede suchte. „Es war ein Versehen. Ich suchte nur etwas …“

„Deine Kammer liegt auf der anderen Seite des Wehrturms. Spar dir deine Ausreden.“

Ertappt. Ihr Vater war kein Narr. Er musterte sie mit strenger Miene, als wäge er eine Entscheidung ab. Sie faltete die Hände im Schoß und wartete, bis er fortfuhr. Als er schwieg, wuchs ihre Unruhe. Hatte er vor sie zu bestrafen? Was wollte er?

„Es ist nichts passiert“, sagte sie schließlich. „Ich bin sofort wieder gegangen.“

„Das tut nichts zur Sache. Du bist Witwe und hast dich gefälligst sittsam zu betragen.“

Er klang, als sei sie in MacEgans Kammer eingedrungen, in der Absicht, ihm die Unschuld zu nehmen. Honoras Wangen glühten beim Gedanken an seinen kraftvollen nackten Körper noch mehr. Als Heranwachsender war Ewan ein schmächtiges Bürschchen gewesen. Der Gedanke an seinen Kuss krampfte ihr den Magen zusammen. Sie grub die Fingernägel schmerzhaft in ihre Handflächen, im Versuch, das Bild zu verdrängen.

„Hast du die Absicht, dich wieder zu verheiraten?“, fragte ihr Vater.

„Nein!“, widersprach sie heftig. Hatte sie nicht genug gelitten in ihrer Ehe? Ranulf hatte nach der Hochzeit gottlob nur noch ein Jahr gelebt. Und sie wollte nie wieder einen Ehemann. Gott behüte!

Ihr Vater legte die gespreizten Finger aneinander. „Ich hatte gehofft, Ranulf wäre dir ein guter Ehemann, der dir ein angenehmes Heim und ein gutes Leben bietet. Niemand konnte vorhersehen, dass er so früh sterben würde.“

Honora verschwieg geflissentlich, wie erleichtert sie über seinen frühen Tod war. Aber wieso kam ihr Vater bloß auf die Idee, sie wünsche sich einen zweiten Ehemann?

Sie bekreuzigte sich in einer halbherzigen Bitte um Gottes Vergebung. „Ich will nicht wieder heiraten.“

Nicholas betrachtete sie mit sorgenvoller Miene. „Du kannst nicht ewig hier bleiben, Honora. Es ist nun ein halbes Jahr vergangen, seit du Ceredys den Rücken gekehrt hast.“

Das war nicht lange genug. Sie ließ beschämt den Kopf hängen. Schuldgefühle nagten an ihr.

„Ein Drittel von Ranulfs Landbesitz steht dir nun nach dem Gesetz zu“, fuhr Nicholas fort und musterte sie scharf. „Zu schade, dass du keine eigenen Söhne hast. Dadurch hätte sich dein Anteil erhöht.“

Und dem Himmel sei Dank dafür! Sie wollte keinen Sohn aus dem Geschlecht der Ceredys, keine ständige Erinnerung an Ranulf St. Leger. Ihr Gemahl hatte den Großteil seines Landbesitzes seinem erwachsenen Sohn John aus erster Ehe vermacht.

Und John glich einer Schlange, glatt, hinterhältig und gemein. Sie erschauerte bei dem bloßen Gedanken an ihn. Sie würde ihm liebend gern ihr Drittel Land und ihre Mitgift überlassen, wenn sie ihn damit für immer loswerden könnte.

Sie gab sich selbst die Schuld daran, was auf Ceredys geschehen war. Nicht einmal mit der Fürsprache und dem Einfluss von Johns Großmutter Marie St. Leger war es ihr gelungen, seinen Vater und ihn daran zu hindern, die Dorfbewohner und Lehnbauern zu misshandeln, bis zum Verhungern auszubeuten und ihnen die letzte Kupfermünze abzujagen.

Was für ein jämmerlicher Krieger war sie, wenn sie nicht einmal fähig war, ihre Schutzbefohlenen von ihrem elenden Los zu befreien? Die Zeit lief ihr davon, und sie hatte es immer noch nicht geschafft, sich einen Plan zurechtzulegen.

„Wie lange willst du dich noch hinter meinen Burgmauern verstecken?“, fragte ihr Vater nun mit leisem Tadel.

„Ich verstecke mich nicht.“

Sein Blick gab ihr zu verstehen, dass er ihr keinen Glauben schenkte.

„Ich kehre nach Ceredys zurück“, sagte sie gefasst. „Das wird in absehbarer Zeit passieren.“

Wenn John entmachtet wäre, könnte sie versuchen, den Schaden, den er angerichtet hatte, wieder gutzumachen. Aber ohne Unterstützung konnte sie ihn nicht stürzen. „Ich wiederhole meine Bitte, Vater. Gib mir Soldaten.“

„Nein. Es steht mir nicht zu, mich in Johns … Angelegenheiten auf Ceredys einzumischen – genauso wenig wie dir.“

„Er schindet die Lehnbauern bis aufs Blut und lässt sie verhungern“, entgegnete sie erzürnt. „Ich kann nicht tatenlos zusehen, wie diese unschuldigen Menschen geknechtet werden.“

Die Miene des Barons verhärtete sich. „Dann rate ich dir, einen Mann mit einer Armee zu heiraten.“

Honora seufzte und schüttelte mutlos den Kopf. Nein, sie wollte einen Weg finden, um diesen armen Leuten zu helfen, ohne sich ein zweites Mal an einen Ehemann zu binden.

Nicholas schien sich von ihrer Weigerung nicht beeindrucken zu lassen. „Das ist die beste Lösung. Du bist noch jung genug, um gesunde Söhne zu gebären.“

Sie griff an ihre Seite, hatte aber vergessen, dass sie ihren Dolch nicht bei sich trug. Der reflexartige Griff um das Heft der Klinge gab ihr stets Trost und Kraft, wobei sie bezweifelte, ob ihr die Geste diesmal geholfen hätte.

„Vater, bitte.“ Sie schloss die Augen und wünschte, es gäbe etwas, was ihn zur Einsicht bringen könnte. „Ich brauche Zeit.“

Nein, sie würde nicht wieder heiraten. Niemals würde sie die zwölf Monate der Hölle vergessen, die sie in ihrer Ehe durchlitten hatte, und auch nicht die folgenden Monate, in denen sie sich bemüht hatte, John aus dem Weg zu gehen.

„Du wirst nicht jünger. Und wenn du Kinder willst, bleibt dir keine andere Wahl“, gab ihr Vater zu bedenken.

Honora schluckte schwer und mied seinen Blick. Der Gedanke, ein Kind zur Welt zu bringen, erfüllte sie mit Entsetzen. Sie hatte als Ehefrau versagt. Wie konnte sie erwarten, eine gute Mutter zu sein?

Ihrem Vater schien ihr Schweigen nicht aufzufallen. „Es ist Gottes Wille, Honora. Beim ersten Mal habe ich eine schlechte Entscheidung für dich getroffen. Deshalb erkläre ich mich bereit, dass du dir diesmal selbst einen zweiten Ehemann wählst. Du kannst ihn dir als Erste unter den Bewerbern aussuchen.“

„Aber diese Männer sind um Katherine willen gekommen“, wandte sie ein. Erwartete er etwa, die Brautwerber würden so mir nichts dir nichts ihre Meinung ändern? Das würde nicht geschehen. Sie wusste, wer sie war. Eine Frau mit einem hitzigen Gemüt, zu ungestüm und ungeduldig, um eine gute Ehefrau zu sein. Sie interessierte sich nicht für den Haushalt, nicht fürs Sticken und Weben, und schon gar nicht mochte sie Kleider flicken. Ihr Augenmerk galt der Verteidigung der Burg und der Ausbildung von Soldaten.

Sie schlang die Arme um sich, als wolle sie sich schützen. Eine zweite Heirat würde sie nur weiteren Demütigungen aussetzen, da sie einfach nicht zur Ehefrau taugte.

„Ich werde nicht wieder heiraten“, sagte sie leise, aber bestimmt.

Nicholas seufzte und schenkte sich Bier aus dem Krug nach. „Du brauchst eben den richtigen Mann in deinem Bett und ein Kind, das in dir heranwächst. Dann wirst du glücklich sein.“

Den richtigen Mann in ihrem Bett? Sie biss die Zähne aufeinander. Gern hätte sie ihrem Vater deutlich gemacht, wie sie darüber dachte. Wie sollte er wissen, welcher der Richtige für sie wäre?

Er besaß keine Ahnung. Er hatte sie mit dem ersten Mann verheiratet, der um ihre Hand angehalten hatte. Ihr Magen rebellierte in Erinnerung an ihre schreckliche Ehe.

„Du kannst mich nicht zur Heirat zwingen.“

„Nein. Aber ich kann dich zwingen, nach Ceredys zurückzukehren.“ Nicholas leerte seinen Becher, überzeugt von der Richtigkeit seiner Entscheidung. „Hier bist du mir nicht von Nutzen. Du hast eigenes Land, um das du dich kümmern musst.“

Sie verzichtete auf den Einwand, dass ihr nie gestattet war, sich um ihren Besitz zu kümmern. Sie war wie eine Gefangene gehalten worden, nicht wie eine Ehefrau.

„Aber ich will nicht herzlos sein, Honora“, fuhr ihr Vater fort. „Wenn du ein Auge auf einen Mann geworfen hast, werde ich dafür sorgen, dass du noch vor Katherine heiratest. Ewan MacEgan vielleicht?“ Ein listiges Lächeln flog über seine Gesichtszüge.

„Niemals.“ Die Ablehnung entfuhr ihr ohne ein Zögern. Ewan bewarb sich um Katherine. Er konnte sie nicht einmal leiden nach allem, was sie ihm in der Burg ihrer Pflegefamilie angetan hatte. „Ich sagte dir bereits, ich wollte seine Kammer nicht betreten. Es war ein Versehen.“

„Hmm.“ Ihr Vater schien nicht überzeugt zu sein. „Es sind noch sieben andere Männer gekommen, alle adeliger Herkunft.“

Er hörte ihr offenbar gar nicht zu. Sie versuchte es mit einer anderen Taktik. „Selbst wenn ich bereit wäre, mich wieder zu binden, so stellt meine Erbschaft eine weitere Schwierigkeit dar. Ein neuer Ehemann wäre gezwungen, mit mir auf Ceredys zu leben, gemeinsam mit John. Andernfalls müsste er den Anspruch auf die Ländereien an ihn abtreten.“

Sie selbst würde lieber sterben, als mit John St. Leger unter einem Dach zu wohnen.

„Das stimmt. Aber so ist es nun einmal in der Ehe. Ich habe deine Mutter wegen ihrer Ländereien in England und der Normandie geheiratet.“

„Ich habe einmal aus Pflichtbewusstsein geheiratet. Ein zweites Mal tue ich es nicht.“ Honora presste entschlossen die Lippen aufeinander.

Das Gesicht ihres Vaters verdunkelte sich, ihre Halsstarrigkeit machte ihn zornig. „Doch, du wirst. Ich lasse Katherine erst heiraten, nachdem du einen Mann gefunden hast.“

Seine Worte trafen sie wie ein Schlag ins Gesicht. Warum verlangte er das von ihr? Was versprach er sich von seiner Hartherzigkeit?

„Das ist ungerecht, Vater.“ Honora sprach ruhig, gab sich den Anschein von Sanftmut, so wie er sich seine Tochter wünschte. Aber in ihrem Inneren tobte ein wilder Aufruhr.

„Ich gebe morgen ein Festmahl“, verkündete ihr Vater. „Und ich erwarte deine Anwesenheit. Die Bewerber werden im Turnier gegeneinander antreten und sich zu unserer Unterhaltung in den Kampfkünsten messen.“

Gütiger Himmel. Nur das nicht. Sie hatte nicht die geringste Lust, zusehen zu müssen, wie die Männer um ihre Schwester herumscharwenzelten. Verlangte Nicholas von ihr, neben Katherine auf dem Podium zu sitzen, in der Hoffnung, einer davon würde um ihre Gunst bitten? Möglicherweise hätte einer der Bewerber sogar Mitleid mit ihr.

Aber Honora hatte ihren Stolz. Nein, der Wunsch ihres Vaters bedeutete ihr nichts. Sie wollte keine weiteren Demütigungen erdulden.

Nicholas schien ihre Gedanken zu lesen. „Wenn du dich weigerst zu erscheinen, lasse ich dich gewaltsam aus deiner Kammer holen.“

Er meinte es ernst. Honora ballte die Fäuste in den Falten ihrer Röcke. Vor Zorn hätte sie am liebsten den Stoff zerrissen. „Ja, Vater.“

Sie war im Begriff zu gehen, als er eine weitere Warnung hinzufügte. „Ich verlange Gehorsam, Honora.“

Sie hatte keinen Hunger, während die Gäste sich mit großem Appetit über die Speisen hermachten. Honora schlenderte durch die Halle und bemühte sich, die Gäste nicht zu beachten, die an langen Tischen ihr Frühmahl verzehrten.

Der strikte Befehl ihres Vaters machte es ihr jedoch unmöglich, die Männer völlig zu ignorieren. Die meisten waren jung, und alle waren wohlhabend.

Alle, bis auf einen. Ihr Blick flog zu Ewan MacEgan, der sich mit der Hand durch sein wirres blondes Haar fuhr. Die Ärmel seines Wamses umspannten muskulöse Arme. Heilige Jungfrau, seine Kraft war unverkennbar.

Ewan griff nach einem Apfel und legte ihn auf seinen Holzteller, auf dem sich bereits Honigkuchen, Brot, geschmortes Lamm und geräucherter Lachs türmten.

Hoffentlich reichten die Speisen, um auch die anderen Gäste zu verköstigen, dachte Honora spöttisch. Ewan hatte immer schon kräftig zugelangt, ohne Fett anzusetzen. Sein Körper schien nur aus Sehnen und Muskeln zu bestehen.

„Hast du den Mann gefunden, nach dem du gesucht hast?“, fragte er, als sie sich ihm näherte.

Sie gab vor, ihn nicht gehört zu haben. Hitze stieg ihr in die Wangen, wenn sie an letzte Nacht dachte. Sie zog es vor, sich Ewan als schmächtigen Jüngling vorzustellen, nicht als den prachtvollen Mann, der aus ihm geworden war. Als sie seinen Tisch passierte, hielt er sie am Handgelenk fest.

„Lass mich vorbei.“

„Noch nicht. Wo ist deine Schwester? Ich habe sie heute bislang nicht gesehen.“

Honora versuchte, sich seinem Griff zu entwinden. „Ich nehme an, sie ist von Verehrern umringt und hört sich an, wie sie von ihrer perlweißen Haut und ihrem seidigen Haar schwärmen. Nun entschuldige mich bitte …“

Ewan stand auf, ohne ihr Handgelenk loszulassen. Sie verzichtete darauf, sich gewaltsam zu befreien, um keine unnötige Aufmerksamkeit auf sich zu lenken. Aber seine Nähe machte sie beklommen; sie atmete seinen Duft, frisch wie Sommerregen. Er trug eine tannengrüne Tunika und braune enge Hosen wie ein Jägersmann. Sein helles, kurz geschnittenes Haar kringelte sich im Nacken. Seine lebhaften grünen Augen ruhten auf ihr.

„Dein Vater sprach von einem Turnier, um meine Kraft und Fähigkeit zu prüfen, ob ich seine Tochter auch beschützen kann, wie er sagte.“

Wenn er sich da nur nicht irrte, dachte Honora in einem Anflug von Bitterkeit. Das Turnier sollte eher dazu dienen, die Bewerber vor seinen Töchtern paradieren zu lassen wie Vieh auf dem Markt.

„Lass mich los, Ewan.“

Er drehte ihre Hand nach außen und betrachtete die rauen Schwielen von den jahrelangen Übungen mit dem Schwert. „Bist du noch immer so gut wie früher?“ In seiner Stimme lag ein herausfordernder Unterton.

Sie wusste, wovon er sprach. Gegen den Wunsch ihres Vaters übte sie sich damals mindestens einmal in der Woche mit den Soldaten im Fechten. „Besser.“

„Freut mich zu hören.“

Offenbar hatte er die vielen Kämpfe nicht vergessen, die sie gegeneinander gefochten hatten, und er hatte es ihr anscheinend auch nicht übel genommen, von einer Frau bezwungen zu werden. Oftmals hätte er ihr Geheimnis verraten können, aber er hatte Schweigen darüber bewahrt, und sie hatte nur noch härter trainiert.

Mittlerweile war sie längst nicht mehr sicher, ob sie ihn besiegen könnte. Sein Körperbau war stämmig, seine Muskulatur kräftig geworden. Gestern Nacht hatte er sie mit einer Leichtigkeit hochgehoben, als sei sie nicht schwerer als eine Fliege.

Während Ewan in einen Kanten Brot biss, beobachtete sie, wie der Stoff seiner Tunika sich um seinen breiten Brustkorb und seine Schultern spannte. Sie entsann sich seiner warmen Haut, als er sie an sich gepresst hatte, seines stürmischen Kusses und der Welle süßer Sehnsucht, die sie dabei durchflutet hatte.

Honora verdrängte die verbotenen Gedanken und zwang sich in die Gegenwart zurück. An Ewans Gürtel entdeckte sie ihre vertraute Waffe.

„Ich will meinen Dolch wieder.“

Er zuckte die Achseln. „Du bekommst ihn, sobald du mir gesagt hast, was ich wissen will.“

„Ich sagte dir bereits, ich weiß nicht, wo Katherine ist.“

„Das ist nicht der Preis für deinen Dolch.“

„Was dann?“

„Erzähl mir mehr über deine Schwester. Was wünscht sie sich? Womit kann ich sie beschenken, um ihre Gunst zu gewinnen?“

Honora antwortete zunächst nicht. Zorn stieg in ihr auf, ihr Stolz war verletzt. Sie wollte ihm nichts über Katherine mitteilen, wollte ihn nicht in seinem Werben unterstützen.

Aber nicht aus Eifersucht, redete sie sich ein. Nein, es war nur so, dass Ewan nicht der richtige Mann für Katherine war. Er war viel zu kämpferisch, zu hitzig für das sanfte Naturell ihrer Schwester.

„Wie wär’s mit einem Tier?“, schlug er vor. „Vielleicht ein junges Kätzchen. Ich sehe keine Katze auf der Burg, vielleicht würde ihr das gefallen.“

„Ja, eine junge Katze“, wiederholte sie gedehnt. Rache keimte in ihr auf. Gleichzeitig verdrängte sie ihr schlechtes Gewissen. Es geschah ihm ganz recht, wenn sie ihm einen Streich spielte, als angemessene Strafe dafür, dass er sie geküsst und ihren Dolch gestohlen hatte. Nicht genug damit, er hatte sich bei ihr auch noch nach Katherines Wünschen erkundigt, um sich einen Vorteil zu verschaffen.

„Ein Kätzchen hat ihr bislang keiner geschenkt“, fuhr sie fort.

Oh Gott. Nun musste sie zur Beichte gehen. Zum Glück war Vater Louis so gut wie taub. Sie könnte ihm beichten, einen Mord begangen zu haben, und der Priester würde ihr die Absolution erteilen.

Endlich ließ Ewan ihr Handgelenk los. „War das so schwer?“ Er zog den Dolch aus seinem Gürtel und reichte ihn ihr mit dem Knauf voran. „Lass ihn vom Waffenschmied prüfen, das Gleichgewicht stimmt nicht, der Griff ist zu schwer.“

„Er wurde einmal erneuert.“ Ihr Gemahl Ranulf hatte ihn ihr in einem seiner Wutausbrüche entrissen und ins Feuer geworfen. Honora hatte geglaubt, ihn nie wiederzusehen, doch dann hatte sie ihn zu ihrem Erstaunen in ihrem Reisebündel gefunden, nachdem sie Ceredys verlassen hatte. Marie St. Leger hatte ihn wohl reparieren lassen, wobei Honora sich den Grund nicht erklären konnte. Sie war zwar dankbar, ihn wieder zu besitzen, konnte sich aber nicht wirklich mit dem großen Knauf anfreunden, den der Waffenschmied angebracht hatte. Der ursprüngliche schlankere Griff hatte besser in ihrer Hand gelegen.

Honora steckte die Waffe wortlos in ihren Gürtel, entfernte sich und bemühte sich, ihren unerklärlichen Groll zu bezwingen. Was war nur an Ewan MacEgan, dass er sie so leicht aus der Fassung brachte? Als junges Mädchen war er ihr ständig auf die Nerven gegangen. Als erwachsene Frau fand sie ihn aufgeblasen und selbstgefällig.

Und aufreizend gut aussehend und kraftstrotzend.

Sie hatte große Lust, sich die Stirn an einer Steinmauer blutig zu schlagen, dann würde sie wieder zur Vernunft kommen. Sie brauchte keinen Mann wie ihn, sie brauchte überhaupt keinen Mann. Auch wenn ihr Vater noch so sehr darauf bestand, sie würde nie wieder heiraten.

Aber wenn sie sich ihm widersetzte, würde Nicholas sie zwingen, Ardennes zu verlassen und nach Ceredys zurückzukehren. Allein der Gedanke ließ ihr das Blut in den Adern gefrieren. Sie war noch nicht dazu bereit. Nicholas weigerte sich, ihr Soldaten zur Verfügung zu stellen, um John zu entmachten, und sie hatte nicht die Mittel, um Söldner anzuwerben.

Vor zwei Monaten hatte sie versucht Soldaten anzuwerben, um gegen John zu kämpfen und ihr die Rückkehr nach Ceredys zu ermöglichen. Aber sie hatte die bittere Erfahrung machen müssen, dass Söldner keine ehrenhaften Männer waren. Sie hatten sich von ihr bezahlen lassen – und waren dann verschwunden. Ihre Naivität war ihr teuer zu stehen gekommen.

Nein, sie brauchte ehrenhafte Krieger. Aber auch ehrenhafte Krieger forderten mehr Münzen als sie besaß.

Den Vorschlag ihres Vaters, einen Adeligen mit einer Armee zu heiraten, hatte sie verworfen. Ein neuer Ehemann hätte kein Interesse daran, gegen John of Ceredys in den Krieg zu ziehen.

Es gab niemanden, der ihr helfen würde.

Wehmut und Verzweiflung ergriffen sie. Johns Großmutter Marie St. Leger hätte Rat gewusst, aber sie lebte nicht mehr. Sie war eine der klügsten Frauen, der Honora je begegnet war. Willensstark und energisch, voller Zorn gegen ihren eigenen Sohn, hatte Marie sie wie eine Tochter behandelt. Und nur mit Maries Hilfe war ihr die Flucht gelungen.

Es hatte ihr beinahe das Herz gebrochen, als sie vor einem Monat von ihrem Tod erfuhr, und sie betete jeden Abend für die Seele dieser gütigen und starken Frau.

Honora blinzelte gegen das Brennen in ihren Augen an. Sie wollte allein sein, brauchte Zeit zum Nachdenken, um eine Lösung für die Rettung der bedauernswerten Dorfbewohner von Ceredys zu finden.

Sie begab sich zu den Ställen, wies einen Knecht an, ihren Zelter zu satteln und galoppierte mit ihm durch das Burgtor. Zwei Soldaten ritten als Eskorte in einiger Entfernung hinter ihr her, denen sie aber keine Beachtung schenkte.

Ein leichter Sommerregen hatte eingesetzt und kühlte ihre erhitzten Wangen. Sie atmete den Geruch nach Pferd und feuchter Erde tief ein, um sich von der Enge in ihrer Brust zu befreien. Warum musste ihr das alles widerfahren? Wollte Gott sie für ihren Ungehorsam als junges Mädchen bestrafen? Sie hatte seit jeher gegen die natürliche Ordnung der Dinge verstoßen, wollte immer lieber ein Krieger sein als eine unterwürfige Frau.

Und damit versündigte sie sich. Wieso konnte sie sich nicht mit Dingen beschäftigen wie jede andere tugendhafte Frau? Warum war dieser unbändige Drang in ihr, stark wie ein Mann zu sein?

Unerwünschte Tränen mischten sich mit den Regentropfen in ihrem Gesicht. Sie hatte sich stets bemüht, ihrem Vater zu gefallen, hatte seidene Bliauts und Juwelen getragen, sich gesittet und damenhaft verhalten, aber er hatte kaum Notiz von ihr genommen. Nur wenn sie sich ihm widersetzte und mit ihm in Streit geriet, konnte sie mit seiner Aufmerksamkeit rechnen.

Katherine hingegen musste sich nie um die väterliche Gunst bemühen. Ihr Vater las ihr jeden Wunsch von den Augen ab und überhäufte sie mit Geschenken und seiner Zuneigung. Obgleich Honora sich dies nie offen eingestand, beneidete sie ihre Schwester um die väterliche Zuneigung.

Sie brachte ihr Pferd in eine langsamere Gangart und lenkte es zum Bach, um es trinken zu lassen. Der durchnässte Schleier klebte an ihren Haaren.

Vermutlich war das ihre Strafe. Mittlerweile hatte sie sich damit abgefunden, dass ihr Vater sie nicht liebte. Obwohl er nie eine Bemerkung darüber machte, wusste Honora, dass er ihr insgeheim die Schuld daran gab, dass ihr Zwillingsbruder es nicht geschafft hatte. Die Tochter hatte überlebt, aber der ersehnte Sohn und Erbe musste sterben.

Vielleicht war das der Grund, warum sie den unbezähmbaren Wunsch hatte, sich im Kampf zu erproben. Sie wollte den Tod ihres Bruders sühnen, wollte der Krieger werden, der er sein sollte. Wenn sie dieses Ziel erreichte, würde ihr Vater sie vielleicht mehr schätzen.

Unerlaubt hatte sie mit Ewans Hilfe kämpfen gelernt. Nun schaute sie den Männern jeden Tag bei ihren Übungen zu. Gelegentlich holte sie sich ein Schwert aus der Waffenkammer und trainierte, bis ihre Armmuskeln brannten.

Noch nie hatte sie Nicholas ihre Kampfeskunst gezeigt, aus Furcht, ihren Vater zu beschämen und ihn in der Öffentlichkeit bloßzustellen. Wie könnte er je auf eine Tochter stolz sein, die sich wie ein Mann benahm?

Nein. Er würde sie nur noch mehr hassen. Also hatte sie ihr Tun vor ihm verheimlicht. Und wie es aussah, konnte sie ihr kriegerisches Geschick lediglich einsetzen, wenn es galt, die Burg vor Dieben zu schützen. Das heißt, wenn es ihr überhaupt gelang, den Schurken auf frischer Tat zu ertappen.

Der Regen verstärkte sich, und Honora wendete nur zögernd ihr Pferd und ritt zur Burg zurück. Der Ausflug hatte ihren Kopf geklärt, nun galt es zu entscheiden, wie sie mit der Drohung ihres Vaters umgehen sollte.

Sie könnte sich den Anschein geben, sich seinem Wunsch zu fügen und einen Kandidaten in Betracht ziehen. Sobald Katherine verheiratet wäre, könnte sie ihre Zusage zurücknehmen. Das Problem bestand jedoch darin, einen Mann zu finden, der sich mit dieser List einverstanden erklärte. Honora scheute sich zu lügen, einen Menschen zu hintergehen und zu demütigen.

Sie musste den Richtigen finden. Ehrlichkeit war der beste Ansatz, um ihren Plan durchzuführen.

Ihre Hand schloss sich um den Dolchknauf. Im Moment aber galt es, einem Bösewicht das Handwerk zu legen.

Es gab weitere Bewerber. Sieben an der Zahl. Ewan musterte die Männer, die Katherine ihre Gaben darboten. Sie hatte bereits Seidenstoffe und bunte Bänder mit einem holden Lächeln in Empfang genommen.

Gerald Elshire, der Erbe der Baronswürde of Beaulais, hatte ihr einen großen Smaragd überreicht. Der matte Glanz des Edelsteins ließ Ewan allerdings vermuten, es handle sich um gefärbtes Glas.

Nicht dass Ewan es sich leisten könnte, ihr Edelsteine oder Seidenstoffe zu schenken. Er hatte einem Leibeigenen eine Münze in die Hand gedrückt mit dem Auftrag, ihm ein junges Kätzchen aus dem Dorf zu besorgen. Isabel, die Gemahlin seines Bruders Patrick, liebte Katzen, und die sanfte Katherine würde sich gewiss gleichfalls über das Geschenk freuen. Das Kätzchen miaute in dem Korb, über den er ein Tuch gebreitet hatte.

Katherine saß im Söllergemach, ein weißer Schleier verhüllte ihr langes weizenblondes Haar. Ihr Bliaut aus saphirblauer Seide war mit einer Perlenstickerei verziert, die spitzen Enden der schmalen Ärmel reichten bis zum Boden. Sie sah aus wie eine Prinzessin, überirdisch schön und voller Liebreiz. Allein ihr Anblick gab ihm das Gefühl minderwertig zu sein. Sie wirkte so sanft und engelsgleich … so unerreichbar.

Die Vorstellung, sich heimlich in die Schlafkammer eines Mannes zu schleichen, würde Lady Katherine entsetzt von sich weisen. Unvermutet tauchte Honoras Bild vor Ewan auf, deren schlanker, sehniger Körper sich an ihn geschmiegt hatte, eine Erinnerung, die ihm wie ein Pfeil in die Lenden schoss. Sie würde im Bett nicht passiv unter ihm liegen, sie würde sich jedem seiner Stöße entgegenbäumen und ihre Lust hinausschreien.

Verdammt! Ewan blinzelte heftig, um das Bild zu vertreiben. Honora bedeutete ihm nichts. Der kurze Kuss, den er ihr gestohlen hatte, war ein Versehen. Hatte keine Bedeutung, weder für sie noch für ihn.

Ewan versuchte sich vorzustellen, Katherine zu küssen. Ihr Kuss würde so sanft sein wie ihr Wesen. Er würde auf ihre keusche Unschuld Rücksicht nehmen, sie behutsam verlocken, bis sie bereit wäre, sich ihm hinzugeben und ihn zu heiraten. Er würde einen Weg in ihr Herz finden und sie davon überzeugen, sein Werben anzunehmen.

Er rückte langsam in der Reihe der Bewerber vor, bis er schließlich vor ihr stand und sie mit einer tiefen Verneigung grüßte. „Lady Katherine, ich freue mich sehr, Euch wiederzusehen.“ Er stellte den Korb zu ihren Füßen ab.

Katherine zog die Nase ein wenig kraus, als kämpfe sie gegen einen Niesreiz. Dennoch streckte sie ihm lächelnd beide Hände entgegen. „Ewan MacEgan. Es ist viel Zeit vergangen, seit ich Euch zum letzten Mal gesehen habe.“

„Ich habe oft an Euch gedacht, seit ich meine Pflegestelle verließ.“ Er lächelte warmherzig, in der Hoffnung, ihre Gunst zu gewinnen. „Und ich habe ein Geschenk für Euch.“ Er nahm das Tuch vom Korb, und das kleine grau gestreifte Kätzchen streckte sich, stellte die Pfoten an den Korbrand und miaute leise.

Katherines Lächeln wirkte starr. „Wie … freundlich von Euch.“ Aber sie machte keine Anstalten, die Katze hochzunehmen.

Ewan nahm das Tier aus dem Korb und hielt sie ihr hin. Das Kätzchen biss ihn spielerisch in die Finger. Katherine lächelte noch angestrengter, streckte die Hand aus und streichelte es zaghaft. Das Kätzchen begann zu schnurren und rieb sein Köpfchen an ihren Fingern.

Wieder zog Katherine die Nase kraus, und diesmal musste sie auch niesen. „Vielen Dank.“ Sie winkte einer Magd und bat sie, die Katze wegzubringen. Sie nieste wieder.

In Ewan keimte ein Verdacht auf. Hatte Honora ein falsches Spiel mit ihm getrieben? Katherines Augen röteten sich und tränten, sie konnte nicht aufhören zu niesen, und dann wurde ihm klar, dass ihre Schwester ihm eine Falle gestellt hatte.

„Ich wusste nicht, dass die Katze Euch stört“, sagte er und nahm der Magd den Korb wieder ab. „Ich bringe Euch etwas anderes.“

Katherine rieb sich die Augen. „Nein, ich freue mich darüber. Ehrlich. Ich habe Katzen gern, aber irgendwie vertrage ich ihre Nähe nicht.“ Sie versuchte zu lächeln und musste ein weiteres Mal niesen.

Das hatte Honora mit Sicherheit gewusst. Groll stieg in ihm hoch, weil er ihr geglaubt hatte. Er hatte sich nichts dabei gedacht, als er sie um Hilfe bat, denn er hatte nicht damit gerechnet, dass sie ihm einen üblichen Streich spielen würde.

Dafür würde sie ihm Rede und Antwort stehen müssen. Ewan verließ bald darauf das Söllergemach, um sich nach einem neuen Geschenk umzusehen. Da seine Mittel begrenzt waren, konnte er ihr keine kostbaren Edelsteine schenken. Es würde gerade für ein Seidenband reichen, passend zu ihren blauen Augen.

Er runzelte nachdenklich die Stirn. Sie hatte doch blaue Augen, oder?

Einerlei. Solange seine Gabe sie zum Lächeln brachte, würde das genügen. Ewan verzog das Gesicht. Er wollte seine Zeit eigentlich nicht damit vergeuden, über ein passendes Geschenk für seine Angebetete nachzudenken. Viel wichtiger war, für das morgige Turnier zu exerzieren, und er hatte keinen Zweifel daran, seine Konkurrenten zu besiegen.

Die einzigen Männer, die eine echte Herausforderung für ihn darstellten, waren seine Brüder. Als jüngster MacEgan war er durch eine harte Schule bei ihnen gegangen, sie hatten ihn mitleidlos gefordert, ihm nichts erspart, auch wenn er um Gnade gefleht hatte. Und deshalb hatte er Kräfte gewonnen und konnte sich mit allen anderen messen.

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