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Irgendwo ist immer Frühling

Inhalt

  1. Cover
  2. Weitere Titel der Autorin
  3. Über dieses Buch
  4. Über die Autorin
  5. Titel
  6. Impressum
  7. Prolog
  8. – 1 –
  9. – 2 –
  10. – 3 –
  11. – 4 –
  12. – 5 –
  13. – 6 –
  14. – 7 –
  15. – 8 –
  16. – 9 –
  17. – 10 –
  18. – 11 –
  19. – 12 –
  20. – 13 –
  21. – 14 –
  22. – 15 –
  23. – 16 –
  24. – 17 –
  25. – 18 –
  26. – 19 –
  27. – 20 –
  28. – 21 –
  29. – 22 –
  30. – 23 –
  31. – 24 –
  32. – 25 –
  33. – 26 –
  34. – 27 –
  35. – 28 –
  36. – 29 –
  37. – 30 –
  38. Epilog
  39. Danksagung

Weitere Titel der Autorin

Sommerglück auf Reisen

Im Himmel ist der Herbst wie Sommer

Weihnachten am Siljansee

Elche im Apfelbaum

Über dieses Buch

Vogelgezwitscher, blühende Wiesen und die ersten warmen Tage – Frühlingsgefühle in Schweden!

Im kalten Stockholmer Winter träumt Annika vom Frühling. Denn die junge Frau führt ein einsames Leben – bis sie die lebenslustige Milla kennenlernt, die voller Tatendrang steckt. Doch Milla hat Krebs. Daher ist sie für all die verrückten Unternehmungen, die sie sich noch vorgenommen hat, auf Hilfe angewiesen – Annikas Hilfe. So landen die beiden Frauen schließlich auf der kleinen Insel Torsö, wo Milla ein letztes Mal ihre Jugendliebe Jonas küssen will. Und endlich lernt auch Annika, das Leben zu genießen. Denn irgendwo ist immer Frühling …

Ein herzerwärmender Roman über Freundschaft und Lebensträume.

eBooks von beHEARTBEAT – Herzklopfen garantiert.

Über die Autorin

Linnea Holmström ist begeistert von der Weite und der Vielfalt Schwedens – einem Land im hohen Norden, das zu jeder Jahreszeit seinen ganz besonderen Reiz hat. Deshalb liebt sie es, durchs Land zu reisen und ihre Erlebnisse in Romanen festzuhalten, die vom Leben, Leiden und Lieben der Schweden erzählen. »Irgendwo ist immer Frühling« ist nach »Weihnachten am Siljansee«, »Sommerglück auf Reisen«, »Elche im Apfelbaum« und »Im Himmel ist der Herbst wie Sommer« der fünfte Roman der Autorin.

Prolog

Die Maschine startete pünktlich in Arlanda, Stockholm. Langsam rollte sie über den Flugplatz, dann stand sie wieder.

Dichter, mit Graupel und Schneeflocken vermischter Regen erschwerte die Sicht auf die Startbahn. Nur schemenhaft waren die Flugzeuge zu erkennen, die nacheinander langsam anrollten, an Geschwindigkeit zunahmen und sich schwerfällig in die Luft erhoben.

Die Maschine nach Barcelona stand immer noch. Sie rollte im Minutentakt ein Stück weiter, blieb erneut stehen, um nach einer endlos erscheinenden Zeit eine weite Kurve zu fahren, bis zum Beginn der Startbahn. Wieder blieb das Flugzeug stehen, kurz nur, dann rollte es los, mit zunehmender Geschwindigkeit, hob ab, wurde immer kleiner und verschwand in der grauen Regenwand.

— 1 —

Annika klickte die Webcam des Flughafens weg und startete den Flugradar, um den Weg der Maschine zu verfolgen. In dreieinhalb Stunden sollte sie auf dem Flughafen El Prat in Barcelona landen.

Entspannt lehnte sie sich zurück und schaute auf den Monitor. Ein winziges, stilisiertes Flugzeug schob sich millimeterweise über die Landkarte Richtung Süden. Sie schloss die Augen, reiste der Maschine in Gedanken voraus und sah sich über La Rambla spazieren. Sonne auf der Haut, Seeluft auf den Lippen …

»Alter Kacker!«

Annika riss die Augen auf und zog instinktiv die Hände vom Schreibtisch.

Keine Sekunde zu früh! Magnus’ kräftiger Schnabel traf statt ihrer Finger die Schreibtischplatte.

»Hu!«, machte Magnus, als hätte ihn seine Beißattacke selbst überrascht.

Annika lachte, obwohl sie genau wusste, dass sie das schlechte Benehmen des Papageis damit weiter anstachelte.

»Böser Vogel!«, sagte sie tadelnd.

Das verstand Magnus. Er sträubte die Federn, ließ die Lider hängen und schien ganz genau zu wissen, dass er jetzt so verschlagen aussah, wie er es manchmal auch war.

Vorsichtshalber rutschte Annika auf ihrem Bürostuhl ein Stück zurück.

»Ist ja gut«, versuchte sie ihn zu besänftigen.

Er hob den Schwanz, schwenkte ihn kurz hin und her und ließ einen grün-weißen Klecks auf ihren Schreibtisch fallen.

»Du Ferkel!«

»Alter Kacker!«, bestätigte Magnus.

»Genau!« Annika stand auf, um die Küchenrolle zu holen.

Als sie zurück ins Wohnzimmer kam, war Magnus auf seine Voliere geflogen. Er kletterte gerne darauf herum, weigerte sich aber, sich darin einsperren zu lassen. Seit die Nachbarn sich über das durchdringende Geschrei beschwert hatten, das er jedes Mal anstimmte, wenn Annika die Käfigtür hinter ihm schloss, ließ sie es bleiben. Mit den Nachbarn hatte sie seither keine Probleme mehr, bis auf Herrn Hansson von nebenan. Vor ihm hatte Annika regelrecht Angst. Er war laut, ungepflegt und roch meistens nach Alkohol. Bevor sie ihre Wohnung verließ, lauschte sie immer erst kurz an der Tür, um möglichst jede Begegnung mit ihm zu vermeiden.

Magnus hockte jetzt auf dem Ast, den sie auf dem Volierendach befestigt hatte. Ein Bein hatte er unter das Gefieder gezogen. Er schien müde zu sein.

Annika betrachtete den Papagei mit einem Lächeln und dachte daran, wie Magnus ihr vor etwas mehr als einem Jahr zugeflogen war. Die ersten Schneeflocken waren vom Himmel geschwebt, als er plötzlich auf dem Balkongeländer gesessen hatte. Völlig erschöpft, durchgefroren und laut schreiend, weil ihn das weiße, umherwirbelnde Zeug in Panik versetzte.

Alarmiert durch das Gekreische hatte Annika die Balkontür geöffnet und selbst erschrocken aufgeschrien, als ein dunkler Schatten an ihr vorbeisegelte, schwerfällig auf dem Tisch landete und einen grün-weißen Klecks hinterließ.

»Magnus! Alter Kacker!«, hatte er sich vorgestellt und gleich seinen weiteren Wortschatz vorgeführt: »Komm mal her! Guter, guter Junge! Komm, komm, komm!«

Mit diesen Worten war er über den Tisch gewatschelt und von da aus auf eine Stuhllehne gesprungen, während er die Umgebung – und vor allem Annika – aufmerksam musterte.

Plötzlich hatte er die Flügel wieder ausgebreitet. »Tschüss, mein Schatz, sei lieb!«

Annika war erleichtert gewesen, hatte die Balkontür weit aufgerissen und gehofft, dass der Vogel tatsächlich verschwand und zurück nach Hause flog.

Vielleicht war es der Schnee gewesen, der immer noch vom Himmel fiel. Vielleicht hatte der Vogel auch einfach keine Lust auf die Kälte da draußen gehabt. Jedenfalls hörte er auf zu flattern, machte es sich auf einem Bein gemütlich und zog das andere unter sein Gefieder.

»Lecker!«, hatte er gesagt. Es klang wie ein Befehl, und er hörte nicht mehr damit auf. »Lecker, lecker, lecker, lecker …«

Annika konnte kaum fassen, dass seit ihrer ersten Begegnung mit Magnus schon so viel Zeit vergangen war. Anfangs hatte sie noch versucht, die rechtmäßigen Besitzer zu finden, aber sie schienen ihren Papagei nicht zu vermissen. Es gab keine Suchmeldungen, und es meldete sich auch niemand auf ihre eigenen Aushänge.

»Lecker, lecker!«, rief Magnus. Seine fordernde Stimme riss Annika aus ihren Erinnerungen.

Sie gehorchte sofort, alles andere war zwecklos. Sie stand auf und holte ihm eine Walnuss. Damit war er erst einmal beschäftigt.

Sie selbst setzte sich wieder vor ihren Computer und beobachtete eine ganze Weile das stilisierte Flugzeug auf seinem Weg Richtung Süden. Dabei versuchte sie sich vorzustellen, wie so ein Flug ablief.

Annika war noch nie geflogen. Jedenfalls nicht real. Virtuell war sie Vielfliegerin, ihr Monitor war ihr Fenster in die weite Welt.

Irgendwann wurde es ihr zu langweilig, auf das stilisierte Flugzeug zu starren, das sich millimeterweise über die Landkarte schob, und sie konzentrierte sich wieder auf das Ziel der Reise.

Das ist das Gute an meinen virtuellen Reisen, redete sie sich ein. Ich muss nicht stundenlang im Flugzeug sitzen. Ich kann aussteigen, wann und wo ich will.

Meistens entschied sie sich für Barcelona, ihre Traumstadt, seit sie in einer Illustrierten darüber gelesen hatte. Annika erinnerte sich noch gut an den Tag, an dem sie in der Vårdcentral, dem Ärztezentrum in Älvdalen, auf ihre Mutter gewartet hatte. Das Wiedersehen mit ihren ehemaligen Kollegen war schmerzhaft gewesen, weil sie gerne in der Vårdcentral gearbeitet und nicht ganz freiwillig damit aufgehört hatte.

Annika hatte im Wartebereich gesessen, die Schuldgefühle lagen ihr schwer im Magen, und die Sehnsucht nach einem eigenständigen Leben schnürte ihr die Kehle zu.

Ihre Mutter hatte ihr die Schuld an ihren Herzbeschwerden gegeben, weil Annika kurz davor davon gesprochen hatte, ihr Heimatdorf zu verlassen. Tagelang hatte sie dieses Gespräch vor dem Spiegel geprobt und sich die richtigen Worte zurechtgelegt. Sie hatte ihren ganzen Mut dafür aufbringen müssen – und es sofort bereut, als sie das gequälte Gesicht ihrer Mutter gesehen hatte.

Auf der Fahrt zur Vårdcentral hatte ihre Mutter kein Wort mit ihr gesprochen. Erst als sie zur Untersuchung aufgerufen wurde, hatte sie kurz und knapp befohlen: »Du wartest hier!«

Um sich abzulenken, hatte Annika eine der Illustrierten aufgeschlagen, die auf dem Tisch herumlagen. Einfach irgendwo mittendrin. Dabei war sie auf einer Doppelseite über Barcelona gelandet. Die Fotos fesselten sie, die Beschreibungen dazu weckten ihre Sehnsucht. Barcelona versprach alles, wonach sie sich sehnte: Reisen, Abenteuer, Freiheit …

… Und dann war ihre Mutter zurückgekommen. Mit leidendem Gesichtsausdruck und vorwurfsvollen Worten.

Wie so oft, wenn sie an ihre Mutter dachte, seufzte Annika unwillkürlich auf. Sie schämte sich, weil sie unfähig war, echte Trauer zu empfinden. Die Schuldgefühle, die ihre Mutter ihr zeitlebens eingeimpft hatte, waren auch nach deren Tod nicht verschwunden. Und immer noch hatte sie die vorwurfsvolle Stimme im Ohr: Ich habe immer alles für dich getan. Und du …

Annika schlug beide Hände vors Gesicht, als ihr bewusst wurde, dass sie nach dem Tod ihrer Mutter durchaus etwas empfunden hatte: Erleichterung! Ein Gefühl grenzenloser Freiheit! Endlich konnte sie das Dorf ihrer Kindheit verlassen.

Eigentlich war es nicht einmal ein richtiges Dorf mit einer Dorfgemeinschaft, in der sich die Menschen verbunden fühlen. Der Ort bestand nur aus einigen verstreuten Häusern und Höfen irgendwo im Wald hinter Älvdalen.

Barcelona blieb Annikas Traumstadt. Doch wie die meisten ihrer Träume war auch dieser unerreichbar.

Aber Stockholm war ja auch nicht schlecht. Vielleicht säße sie jetzt noch in diesem kleinen roten Haus bei Älvdalen, wenn sie nicht zufällig auf das Stellenangebot gestoßen wäre. Sie hatte es geschafft, nach Stockholm zu ziehen, und fühlte sich dabei unglaublich verwegen und abenteuerlustig.

Die Stelle in der Krankenhausverwaltung verdankte sie ihren ausgezeichneten Computerkenntnissen und ihrer Erfahrung aus der Vårdcentral in Älvdalen, in der sie bis zum Tod ihres Vaters als Sachbearbeiterin angestellt gewesen war. Auch dort war sie für die Patientenabrechnungen verantwortlich gewesen.

In der Vårdcentral hatte Annika sich wohlgefühlt, und sie hatte sich zum ersten Mal richtig verliebt. Alles war gut gewesen. Sie hatte an das Glück geglaubt, an die Liebe. Aber dann war alles anders gekommen. Das Schicksal hatte nicht zugelassen, dass sie glücklich wurde.

Vielmehr hat Mama es nicht zugelassen, dachte Annika. Sie schüttelte leicht den Kopf, um diesen Gedanken zu verdrängen. Es war vorbei, nie wieder konnte ihre Mutter sich in ihr Leben einmischen und ihr Schuldgefühle verursachen.

Ich habe alles für dich getan!, glaubte sie wieder ihre Stimme zu hören.

»Du hast mir die Luft zum Atmen genommen«, antwortete Annika.

Ich war immer für dich da!

Annika wollte nichts mehr hören, presste beide Hände gegen ihre Ohren, aber die Stimme in ihrem Kopf brachte sie damit nicht zum Verstummen.

Sie sah wieder auf den Bildschirm. Ihr Flugzeug verließ gerade den schwedischen Luftraum.

Warum willst du weg?

Die Stimme war heute besonders hartnäckig.

Ich habe alles für dich getan! Ich war immer für dich da!

Annikas Finger hackten wie wild auf die Tastatur ein. Sie musste etwas finden, was sie endlich auf andere Gedanken brachte. Was diese Stimme und vor allem die Schuldgefühle vertrieb.

Sie spielte kurz mit dem Gedanken, nach draußen zu gehen. Einfach ein bisschen herumlaufen, um einen klaren Kopf zu bekommen. Sie schaute aus dem Fenster und verwarf die Idee. Da draußen erwarteten sie nur Kälte und vor allem Dunkelheit. Dabei brauchte sie Licht, Wärme … Frühling!

Sie seufzte tief, tippte gedankenverloren das Wort Frühling in die Suchmaschine und stieß dabei unversehens auf einen Blog.

Irgendwo ist immer Frühling

30.11.

Hej Leute,
seit gestern bin ich wieder in Barcelona! Ich habe es tatsächlich rechtzeitig geschafft, und Pacos Gig war fantastisch. Weiter unten könnt ihr euch ein kurzes Video ansehen. Die Qualität ist nicht berauschend, ich habe es mit dem Smartphone aufgenommen, aber ihr könnt trotzdem erkennen, dass Pacos neuer Song genial ist.

Aber eigentlich wollte ich euch von Barcelona erzählen. Ihr wisst, wie sehr ich diese Stadt liebe. Leider habe ich es fast zwei Jahre nicht mehr hierher geschafft, und ohne Paco wäre ich wahrscheinlich immer noch nicht hier. Ich schwöre, nie wieder werde ich so viel Zeit vergehen lassen, und wenn ich einmal alt und grau bin, ziehe ich ganz hierher.

Sven M.: Alt und grau? Haha, daran glaube ich nicht. Du wechselst doch ständig die Haarfarbe, Milla.

Milla: Stimmt! Bin gerade keine schwedische Blondine mehr. Der Kellner gestern hat mich sogar für eine Einheimische gehalten und auf Spanisch angesprochen.

Ewa B.: Du sprichst Spanisch?

Milla: Sí! No! Buenas tardes! Damit erschöpft sich mein spanischer Wortschatz auch schon. Ach nein, Cerveza kann ich auch bestellen. Das heißt Bier. Davon hatte ich heute schon genug, deshalb muss ich ins Bett. Gute Nacht, Leute!

PS: Morgen besuche ich den Park Güell von Gaudí. Googelt mal, der ist wirklich traumhaft.

— 2 —

Tschüss, mein Schatz, sei lieb!«, rief Magnus ihr nach, als Annika am nächsten Morgen das Haus verließ.

Er rief ihr diese Worte jedes Mal hinterher. Annika war davon überzeugt, dass er eigentlich sagen wollte: Bleib hier, lass mich nicht allein!

Magnus duckte sich mit leicht abgestellten, zitternden Flügeln und stieß leise, fiepende Geräusche aus.

»Ich muss zur Arbeit, mein Kleiner.«

»Kumm ma her!«, lockte Magnus. »Kumm ma zu Papa!« Auch das musste er von seinem Vorbesitzer übernommen haben.

Annika lachte und ging zu ihm. Prompt senkte er den Kopf. Ein Zeichen, dass er gekrault werden wollte. Sie streckte den Zeigefinger aus, strich ihm zart übers Köpfchen. Dabei ließ sie ihn nicht aus den Augen, weil Magnus zwar ein sehr hübscher und kluger, aber auch ein ziemlich hinterhältiger Vogel war. Er ließ sich die Streicheleinheiten gerne gefallen, konnte aber blitzschnell zubeißen, wenn er genug hatte. So auch jetzt.

Annika zog den Finger hastig zurück. »Böser Vogel! Dabei habe ich alles für dich …«

Sie brach ab, erschrocken über diese Wortwahl. Dann atmete sie tief durch.

»Schon gut«, sagte sie beruhigend und wusste selbst nicht, ob sie damit den Papagei oder eher sich selbst meinte. »Ich will nicht so sein wie sie!«

Bei diesen Worten sah sie ihre Mutter vor sich. Groß, mit leicht gebeugten Schultern, die Lippen zusammengepresst und vorgeschoben. Das war der Ausdruck gewesen, der Annika immer wieder gezeigt hatte, dass sie etwas getan oder gesagt hatte, was ihrer Mutter nicht gefiel.

Hin und wieder hatte sie allen Mut zusammengenommen und gefragt: »Mama, was habe ich gemacht? Worüber ärgerst du dich so?«

»Schon gut«, hatte ihre Mutter daraufhin stets geantwortet, sich abgewandt und gemurmelt: »Dabei habe ich alles für dich getan.«

Wie oft hatte Annika sich schuldig gefühlt, ohne zu wissen, warum? Auch wenn sie im Laufe der Jahre ein instinktives Gespür dafür entwickelt hatte, womit sie ihre Mutter verärgerte. Das waren vor allem alle Kontakte, die sie nach außen knüpfte. Treffen mit Kollegen oder früheren Schulfreundinnen, sogar Meetings, die über die normale Arbeitszeit hinausgingen. Und besonders übel nahm ihre Mutter ihr die Dates mit Mikael.

Annikas Versuche, sich abzunabeln, waren an ihrer Mutter gescheitert. Und an deren Herzattacken, die sich häuften. Sie verlor Mikael, ihren Freundeskreis, und zu guter Letzt blieb ihr nur noch ihre Mutter, die alles daransetzte, jeden Kontakt nach außen zu verhindern.

Sie lebten von der Pacht für das Land, das ihr Vater ihnen hinterlassen hatte. Es waren keine Reichtümer, aber es war immerhin so viel, dass ihre Mutter die Ansicht vertrat, Annika müsse nicht arbeiten gehen. Zu diesem Zeitpunkt steckte sie bereits so tief in einem Teufelskreis aus Pflicht- und Schuldgefühlen, dass sie es nicht schaffte, sich dagegen zu wehren. Es war ein einsames, trauriges Leben gewesen, zusammen mit ihrer Mutter in dem kleinen roten Holzhaus.

Annika fuhr sich mit beiden Händen durchs Haar. Warum gelang es ihr nicht, die Vergangenheit loszulassen und von vorne zu beginnen?

»Kumm ma her!«, lockte Magnus erneut und riss sie so aus ihrer Trübsal.

Annika ließ die Hände sinken. »Tschüss, mein Schatz, sei lieb!«, wiederholte sie seinen Abschiedsgruß und steckte ihm noch einen Leckerbissen zu, bevor sie das Haus verließ.

Schneidend kalte Luft schlug ihr entgegen. Der Schnee von gestern hatte sich in grauen Matsch verwandelt. Überhaupt schien die ganze Stadt ein eintöniges Grau zu tragen, und das spiegelte sich in den Gesichtern der Menschen wider.

Berufsverkehr, Berufsalltag. Menschen, die an ihr vorbeihasteten, sich an der Station Östermalmstorg mit ihr in die U-Bahn zwängten. Trübe, müde Gesichter, die entweder auf ihre Smartphones oder ins Leere starrten.

Annika war nach Stockholm gezogen, um der Einsamkeit von Älvdalen zu entfliehen, und fühlte sich inmitten der vielen Menschen einsamer denn je. Endlich hätte sie sich wieder verlieben können, ohne dass es ihr jemand übel nahm. Sie hätte sich mit Kollegen treffen und neue Freundschaften schließen können. Aber sie hatte einfach verlernt, wie das ging.

Annika fand einen freien Platz in der Nähe der Tür. Knapp zwanzig Minuten dauerte die Fahrt aus der Stadt hinaus nach Danderyd, wo die U-Bahn direkt am Krankenhaus hielt.

Sie sah Kollegen, die sich angeregt miteinander unterhielten und in Gruppen auf den Eingang zustrebten. Niemand achtete auf sie, und sie machte sich nicht bemerkbar. Sie war es gewohnt, nur eine stille Beobachterin zu sein, aber es tat trotzdem weh.

Manchmal fragte sie sich, warum sie überhaupt nach Stockholm gezogen war. Geändert hatte sich nichts. Sie war und blieb einsam. Das einzige Lebewesen, das ihr Gesellschaft leistete, war ein gestrandeter Papagei. Und das Einzige, was ein bisschen Freude in ihren tristen Alltag brachte, waren ihre virtuellen Reisen.

Inzwischen hatte Annika resigniert. Sie glaubte nicht daran, dass ihr Leben jemals eine Wendung nehmen würde.

Irgendwo ist immer Frühling

04.12.

Erster Schnee in Stockholm, Sonnenschein in Barcelona. Wirklich, Leute, ich möchte nicht mit euch tauschen!

Ich sitze gerade in einem zauberhaften Café auf La Rambla, trinke eine Cola und freue mich darüber, hier zu sein.

Liebe Grüße, Milla

Sven M.: Du bist gemein!

Milla: Ich weiß ☺

Sven M.: Stockholm macht gerade überhaupt keinen Spaß. Schneeregen, schlecht gelaunte Menschen und beginnender Weihnachtstrubel.

Milla: Alles Dinge, die ich nicht vermisse.

Ewa B.: Ich finde Stockholm toll! Immer und zu jeder Jahreszeit. Und ich mag die Weihnachtszeit.

Milla: Wenn du auf diesen Konsumterror stehst, sei es dir gegönnt.

Sven M.: Bleibst du über Weihnachten in Barcelona? Was sagt denn deine Familie dazu?

Milla: Ich komme bestimmt nicht nach Hause, und meine Familie ist es gewohnt, Weihnachten ohne mich feiern zu müssen.

Karin S.: Hallo Milla, ich bin auch mal wieder da.

Milla: Wir haben uns schon lange nicht mehr gelesen. Was war los?

Karin S.: Ich war ziemlich krank. Krebs …

Milla: Scheiße, Krebs?! Aber jetzt geht es dir hoffentlich wieder gut???

Karin S.: Ich bin gerade mitten in der Chemo, habe keine Haare mehr und mindestens zwanzig Kilo abgenommen, aber sonst geht es mir gut. Und ich bin froh, dass ich Weihnachten zu Hause sein kann.

Milla: Wie bekommt dir die Chemo? Und wo wirst du behandelt?

Karin S.: Bei der Chemo kann ich mich mal so richtig auskotzen.

Sorry, Galgenhumor.

Alles wird gut, ich habe keinen Grund zur Klage. Einigen meiner Mitpatienten geht es deutlich schlechter. Metastasen und dieser ganze Mist. Ich bekomme die Chemo nur vorbeugend, damit auch versteckte Krebszellen vollständig ausgerottet werden.

Ich bin im Danderyds Sjukhus, ein Stück außerhalb von Stockholm.

Milla: Tut mir so leid für dich. Sind sie da nett zu dir?

Karin S.: Sehr nett, und die Therapie wirkt. Das ist die Hauptsache.

Milla: Ich wünsche dir alles Gute! Melde dich mal wieder und schreibe mir, wie es dir geht. Jetzt tut es mir doch leid, dass ich nicht in Stockholm bin. Ich würde dich gerne besuchen.

Karin S.: Darüber hätte ich mich sehr gefreut, aber vielleicht können wir uns ja mal treffen, wenn du wieder hier bist. Ich bin die mit der Glatze. ☺

Milla: Lass dich nicht unterkriegen! Alles Gute!

Sven M.: Wünsch dir auch alles Gute!

Ewa B.: Ich dir auch!

Karin S.: Danke euch allen, das berührt mich sehr.

— 3 —

Als Annika Schritte auf der Treppe vor ihrem Büro hörte, klickte sie den Blog schnell weg. Auf dem Monitor erschien der Abrechnungsbogen, an dem sie eben noch gearbeitet hatte.

Sie war wie elektrisiert. Diese Patientin, mit der Milla gechattet hatte, lag hier im Krankenhaus.

Als Inger aus der Patientenaufnahme ihr Büro betrat, tat Annika sehr beschäftigt.

»Hej!« Inger legte zwei Ordner auf den Schreibtisch und ließ sich seufzend auf den Stuhl daneben fallen.

»Hej!« Annika wies auf die Akten. »Arbeit für mich?«

»Arbeit für mich«, erwiderte Inger grinsend. »Kann ich die bis morgen bei dir bunkern? Ewonne ist nicht da, und Hellen spielt mal wieder die Chefin. Die verlangt glatt Überstunden von mir, aber dazu habe ich keine Lust. Ich will nachher mit Anne was essen gehen.«

Anne war neben Inger und Hellen die dritte Mitarbeiterin in der Patientenaufnahme.

Annika spürte einen leichten Stich, ließ sich aber nichts anmerken. »Toll«, sagte sie hoffnungsvoll.

Inger schien nicht zu bemerken, dass Annika insgeheim darauf hoffte, zum Mitgehen aufgefordert zu werden. Warum fragte sie nicht einfach selbst, ob sie mitdurfte? Annika öffnete den Mund, schloss ihn aber wieder. Sie brachte diese Frage einfach nicht über die Lippen.

»Ich hole die Akten morgen wieder ab.« Inger stand auf. »Ich wünsche dir einen schönen Feierabend!«

Das war doch eigentlich die Antwort auf die Frage, die sie nicht zu stellen wagte. Inger und Anne wollten sie bestimmt nicht dabeihaben.

Annika bemitleidete sich einen Moment selbst, dann stellte sie Ingers Ordner in das Regal neben ihrem Schreibtisch und versuchte, sich wieder auf ihre Arbeit zu konzentrieren.

Der Versuch missglückte. Immer wieder wanderten ihre Gedanken zu dem, was sie eben in Millas Blog gelesen hatte.

Karin S. war Patientin hier im Krankenhaus. Annika kannte nicht mehr als den Vornamen und den Anfangsbuchstaben des Nachnamens. Beides gab sie in die Suchmaske der Patientenliste ein und wurde schnell fündig.

Es gab in der onkologischen Abteilung drei Patientinnen mit dem Vornamen Karin. Eine von ihnen hieß Karin Sund, war an Brustkrebs erkrankt und nach einer Operation inzwischen in der Chemotherapie. Es war ein seltsames Gefühl, dass eine Frau ganz in Annikas Nähe mit Milla in Barcelona chattete.

Annika öffnete den Blog wieder, aber es gab keine neuen Einträge. Immer wieder las sie den letzten Eintrag durch. Und dann tippten ihre Finger wie von selbst:

Ich wünsche dir auch alles Gute, Karin! Im Danderyds Sjukhus bist du sehr gut aufgehoben. Ach ja, ich bin übrigens neu hier.

Sie schickte die Nachricht ab, doch als sie ihre Zeilen als letzten Eintrag auf Millas Blog sah, hätte sie sie am liebsten wieder zurückgenommen.

Es war zu spät. Jetzt standen ihre Worte da und konnten nicht mehr gelöscht werden.

Was kann mir schon passieren?, fragte sie sich. Schlimmstenfalls wird mein Eintrag ignoriert. Aber war es nicht genau das, wovor sie Angst hatte? Nicht wahrgenommen zu werden? Keine Antwort zu erhalten?

Annika wartete gespannt, aber niemand meldete sich. Eigentlich hatte sie nichts anderes erwartet, aber es tat trotzdem weh. Außerdem ärgerte sie sich über sich selbst. Sie hätte diesen Eintrag einfach nicht schreiben sollen, dann wäre ihr jetzt eine weitere Enttäuschung erspart geblieben.

Sie klickte den Blog weg, fest entschlossen, ihn nie wieder zu öffnen, und auf ihrem Monitor erschien erneut das Fenster mit dem Abrechnungsbogen. Sie starrte sekundenlang darauf, dann schüttelte sie den Kopf.

Normalerweise machte es ihr nichts aus, länger im Büro zu bleiben, und wenn sie einmal mit einer Abrechnung begonnen hatte, beendete sie die auch nach Feierabend. Aber nicht heute.

Annika nutzte die letzten Minuten bis zum Feierabend, um ein wenig Ordnung auf ihrem Schreibtisch zu schaffen. Und obwohl sie eben erst beschlossen hatte, nie wieder auf Millas Blog zu gehen, öffnete sie ihn schon wieder, um nachzusehen, ob nicht doch jemand auf ihren Eintrag geantwortet hatte.

Nichts!

Pünktlich um fünf fuhr sie den PC herunter, zog ihren Wintermantel an und verließ das Büro. Als sie auf den Gang trat, sah sie Inger und Anne, die eingehakt und lachend das Krankenhaus verließen. Die beiden freuten sich offensichtlich auf den Feierabend und hatten jetzt schon Spaß.

Dick eingemummelt in ihren unförmigen Wintermantel, die Mütze tief ins Gesicht gezogen, trat Annika ihren Heimweg an. In der überfüllten U-Bahn stand sie eingekeilt zwischen den anderen Fahrgästen. So viele Menschen um sie herum, und sie spürte nichts als tiefe Einsamkeit.

Magnus begrüßte sie mit schrillen Schreien. Sie hatte keine Ahnung, ob er damit seine Wiedersehensfreude zum Ausdruck brachte oder seinen Protest, weil sie ihn den ganzen Tag allein gelassen hatte.

»Ist ja schon gut!«, sagte Annika hastig, denn Herr Hansson von nebenan klopfte bereits gegen die Wand. »Sei still, Magnus!«

Der Papagei musterte sie aus halb geschlossenen Augen, duckte sich leicht und stieß erneut einen lauten Schrei aus.

»Ruhe!«, brüllte der Nachbar.

Annika nahm hastig die Kekstüte aus dem Schrank. Wohl wissend, dass das keine geeignete Papageiennahrung war. Aber Magnus liebte diese Kekse. Er riss sofort die Augen weit auf und gab leise fiepende Geräusche von sich.

Annika brach einen Keks durch, steckte sich die eine Hälfte selbst in den Mund und hielt Magnus die andere hin. Er nahm sie zuerst vorsichtig mit dem Schnabel, ergriff sie dann mit den Krallen und knabberte daran.

Endlich kam Annika dazu, ihren Mantel auszuziehen. Sie schnippelte eine Möhre und einen Apfel für Magnus, servierte ihm beides und machte sich selbst ein Käsebrot. Zwischendurch schaltete sie den PC ein, damit er schon mal hochfahren konnte.

Mit dem Brot und einer Tasse Tee setzte sie sich kurz darauf an den Schreibtisch. Im Hintergrund hörte sie Magnus an seinem Keks knabbern, während sie überlegte, ob sie ihre Fantasiereise durch Barcelona fortsetzen sollte.

Sie hatte noch immer nicht den Park Güell besucht, in den Milla heute gehen wollte. Oder sollte sie lieber die Webcam am Strand von Sant Sebastià einschalten?

Das Meer konnte sie in der Dunkelheit zwar nicht sehen, dafür aber die Promenade mit den vielen Lichtern. Die Menschen, die dort spazieren gingen. Glückliche Menschen in einer glücklichen Welt.

Eine Weile schwebten ihre Finger bewegungslos über der Tastatur, doch dann, fast wie von selbst, tippten sie den Namen der Seite ein, den sie inzwischen auswendig kannte.

Annika scrollte auf dem Blog nach unten, und dann breitete sich ein strahlendes Lächeln auf ihrem Gesicht aus …

Irgendwo ist immer Frühling

04.12.

Milla: Hallo Annika, herzlich willkommen auf meiner Seite!

Annika D.: Danke!

Milla: Wofür bedankst du dich?

Annika D.: Dafür, dass du antwortest. Ich habe nicht wirklich damit gerechnet.

Milla: Aha … Und warum schreibst du, wenn du nicht mit einer Antwort rechnest? ☺

Annika D.: Keine Ahnung! Ich habe auf eine Antwort gehofft, weil du gerade in meiner Traumstadt bist.

Milla: Du kennst Barcelona?

Annika D.: Nein, ich war noch nie da.

Sven M.: Ist doch logisch, Milla. Man träumt immer von dem, was man nicht kennt oder nicht hat. Ich träume übrigens von dir.

Hallo, Annika, herzlich willkommen!

Milla: Und ich träume von dir, Sven. ☺

@Annika: Nur träumen ist doof. Setz dich ins nächste Flugzeug, wir machen gemeinsam Barcelona unsicher.

Annika D.: Ich würde so gerne, aber ich kann nicht.

Milla: Du kannst alles, wenn du es nur willst!

Sven M.: Ich weiß, es ist für dich nur schwer vorstellbar, Milla, aber es gibt Leute, die gehen einer regelmäßigen Arbeit nach. Stimmt’s, Annika?

Annika D.: Stimmt, ich habe einen Job hier in Stockholm.

Milla: Ihr seid sooo langweilig. Dann ziehe ich eben weiter mit Paco los.

Sven M.: Muss ich auf diesen Paco eifersüchtig sein? Auf dem Video von gestern sieht er ja ziemlich gut aus.

Milla: Ich sage ihm, dass er dir gefällt. Das wird ihn freuen, er ist nämlich schwul. Und damit ist deine Frage auch gleich beantwortet: Nein, es gibt keinen Grund zur Eifersucht. Jedenfalls nicht auf Paco!

Und jetzt muss ich los, Leute. Ich wünsche euch noch einen schönen Abend. Hej då!

Sven M.: Hej då! Viel Spaß, Milla!

Annika D.: Ich kann nicht nur wegen meines Jobs nicht weg. Ich habe einen Papagei und wüsste nicht, wohin mit Magnus. Aber ich will dich nicht länger aufhalten. Hej då, Milla!

Milla: Cool, mein Bruder hat auch Papageien. Aber wenn du es wirklich wolltest, würde sich schon eine Lösung für deinen Magnus finden. Träum nicht so viel, Annika, mach deine Träume wahr! Und jetzt bin ich wirklich weg.

— 4 —

Mach deine Träume wahr«, flüsterte Annika vor sich hin. »Als ob das so einfach wäre.«

»Tschüss, mein Schatz, sei lieb!«, antwortete Magnus prompt.

Annika drehte sich zu ihm um. »Willst du mir damit sagen, dass ich nach Barcelona fliegen soll?«

Magnus spreizte leicht die Flügel und wippte mit seinem ganzen Körper auf und ab. Wenn sie wollte, könnte sie das durchaus als zustimmendes Nicken deuten.

»Was weißt du denn schon?«, sagte Annika leise. »Du verstehst ja nicht einmal, worüber ich rede. Und überhaupt, was soll aus dir werden, wenn ich einfach so nach Barcelona abhaue?«

»Lecker!«, verlangte Magnus. Für ihn war das wahrscheinlich die Lösung aller Probleme. Oder doch nicht?

Annika betrachtete den Vogel nachdenklich. »Wenn du reden könntest, so richtig mit Sinn und nicht nur nachplappern, würdest du mir wahrscheinlich sagen, dass ich von deinen Wünschen und Sehnsüchten auch nichts weiß. Der Sinn deines Lebens kann nicht darin bestehen, auf einer Stuhllehne zu sitzen und ständig alleine zu sein.«

Annika hatte viel über Papageien gelesen, seit Magnus ihr zugeflogen war. Sie wusste, dass Einzelhaltung das Schlimmste war, was man einem Schwarmvogel antun konnte. Trotzdem konnte sie sich nicht dazu durchringen, einen Partnervogel für Magnus anzuschaffen. Schon dieser eine Vogel schränkte ihr Leben ziemlich ein.

Eigentlich ist es nicht der Vogel, der mich einschränkt, schoss es ihr unmittelbar darauf in den Sinn. Was mich einschränkt, bin ich selbst.

Annika wollte solche Gedanken nicht zulassen und wandte sich wieder dem Monitor zu. Sie fragte sich, wo Milla und Paco gerade waren. Was würde sie selbst machen, wenn sie jetzt in Barcelona wäre?

Sie sah nach draußen in die Dunkelheit und gab Barcelona und Nacht in die Suchmaschine ein. Die Stadt war für ihr pulsierendes Nachtleben bekannt, und Annika fand jede Menge Tipps zum Ausgehen. Sie klickte einige davon an, aber was sie normalerweise mit Aufregung erfüllte, langweilte sie heute Abend. Es war nicht so wie sonst. Überhaupt schien alles anders zu sein, seit …

Sie hielt inne, nahm die Finger von der Tastatur.

»So ein Quatsch!« Annika schüttelte den Kopf. »Ein kurzer Austausch von Chatnachrichten verändert nicht gleich mein ganzes Leben. Wahrscheinlich bin ich einfach nur müde.« Sie schwieg einen Moment, bevor sie sich selbst laut ermahnte: »Und hör endlich auf, ständig Selbstgespräche zu führen!«

Magnus schien zu glauben, dass sie mit ihm schimpfte. Er sträubte alle Federn und stieß einen lauten Schrei aus.

»Ruhe!«, brüllte Herr Hansson von nebenan.

»Halt doch selbst die Klappe!«, schrie Annika zurück und schlug sich gleich darauf erschrocken die Hand vor den Mund. So etwas hatte sie noch nie gemacht.

Was, wenn der Nachbar jetzt rüberkam? Wenn er an ihre Tür klopfte und sie zur Rede stellte? Dieser Mann war zwei Köpfe größer als sie, roch nach Bier und trug meistens eine schmuddelige Jogginghose und ein fleckiges Unterhemd, aus dem sich die grauschwarzen Brusthaare kräuselten. Er war unappetitlich, laut, und Annika hatte Angst vor ihm.

Doch nebenan blieb es ruhig. Annika wagte ein erstes zaghaftes Lächeln. Sie hatte es geschafft, ihrem Nachbarn die Stirn zu bieten. Das war fast so, wie nach Barcelona zu fliegen. Wenn sie nicht ihren Job hätte und Magnus versorgen müsste, dann würde sie heute noch ins Flugzeug steigen.

»Nein, würdest du nicht«, sagte sie laut. Sie wusste genau, dass sie sich gerade selbst etwas vormachte.

Es würde sich nie etwas ändern! Sie hätte genauso gut in Älvdalen bleiben können, und dort wäre sie wohl auch immer noch, wenn ihre Mutter nicht gestorben wäre.

Und schon wieder sah Annika ihre Mutter vor sich. Hochgewachsen, das dunkle, von grauen Strähnen durchzogene Haar zu einem festen Dutt zusammengebunden. Der strenge Mund und die zusammengekniffenen Augen verursachten ihr selbst in der Erinnerung noch Unbehagen.

»Warum warst du eigentlich so verbittert, Mama?«, stellte sie die Frage, die sie nie ausgesprochen hatte. Eine Antwort hätte sie ohnehin nicht erhalten.

Ihr Vater war das genaue Gegenteil gewesen, herzlich und liebenswert. Er hatte Annika immer wieder gezeigt, wie sehr er sie, sein einziges Kind, liebte. Annika war davon überzeugt, dass er nur wegen ihr bei ihrer Mutter geblieben war. Jahrelang hatte sie ihn eingeengt mit ihren Forderungen, hatte ihm keinen Freiraum gelassen. Wie schlimm er darunter gelitten hatte, war Annika erst nach seinem Tod klar geworden. Kälte und Einsamkeit waren damals in das kleine rote Haus eingezogen. Ihre Mutter erwartete, dass Annika nur für sie da war und sich um sie kümmerte.

Magnus wiegte bedächtig den Kopf hin und her und senkte ihn, als Annika sich ihm näherte. Oft hatte sie das Gefühl, dass er spürte, wenn sie traurig war. In solchen Momenten konnte sie ihn streicheln, ohne eine Beißattacke befürchten zu müssen.

»Du bist so lieb!«, sagte Annika leise.

»Guter Magnus«, bestätigte der Vogel, um gleich darauf seine Forderung zu wiederholen: »Lecker, lecker!«

Annika lachte. »Du bist vor allem ein berechnender Magnus. Du weißt genau, dass ich dir keinen Wunsch abschlagen kann, du Biest.«

Magnus bekam noch einen halben Keks und beschloss danach, dass er müde war.

»Gute Nacht!«

Das war ein Befehl, und dem kam Annika schnell nach, weil Magnus sonst garantiert wieder sein Geschrei angestimmt hätte. Sie löschte das Licht und ging ins Schlafzimmer. Auf eine weitere Konfrontation mit dem Nachbarn wollte sie es nicht ankommen lassen.

Annika stand morgens auf wie immer, arbeitete, kümmerte sich um Magnus und erlebte die Höhepunkte ihres Lebens ausschließlich virtuell. Trotzdem kam ihr das Leben erfüllter und bunter vor, seit sie täglich mit Milla und deren Internetfreunden chattete.

Die neuen Freundschaften bereicherten sie und vertrieben ihre Einsamkeit. Aber waren die Leute, mit denen sie sich austauschte, wirklich Freunde?

Eine Woche, nachdem sie Millas Blog entdeckt hatte, saß Annika wie üblich an ihrem Schreibtisch. Das Hochgefühl wich einer depressiven Stimmung, je länger sie darüber nachdachte. Diese Menschen waren nicht einmal Bekannte, sondern Fremde, mit denen sie online ein paar Worte gewechselt hatte. Keinen von ihnen kannte sie persönlich, nicht einmal Milla.

Mutlos schaltete sie den PC aus und ging ins Bett. An diesem Abend hatte sie die Freude an ihrem virtuellen Leben verloren – und ein anderes Leben hatte sie nicht.

Irgendwo ist immer Frühling

07.12.

Pläne, Träume, Hoffnungen …

Das Schicksal kann so ein Arschloch sein!

Sven M.: Milla, was ist passiert?

Karin S.: ???

Annika D.: Kann ich etwas für dich tun?

— 5 —

Jeden Morgen schaute Annika zuerst auf Millas Blog, und es war auch ihre letzte Handlung vor dem Schlafengehen. Selbst während der Arbeit überprüfte sie immer wieder, ob Milla sich gemeldet hatte.

Doch Milla schwieg, während ihre Internetfreunde immer besorgter und zunehmend ungeduldig nachfragten. Nur Annika hielt sich zurück. Sie wollte Milla nicht unter Druck setzen. Sie hatte keine Ahnung, was mit ihr los war, ahnte aber, dass etwas Schlimmes passiert sein musste. Dieses lange Schweigen war so gar nicht typisch für Milla. Allerdings zeigte ihr Verstummen Annika einmal mehr, dass sie nur flüchtige Bekannte waren, keine ...

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