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Irgendwie wie früher

Inhalt

  1. Cover
  2. Inhalt
  3. Über die Autorin
  4. Titel
  5. Impressum
  6. Widmung
  7. Vorwort
  8. Kapitel Eins
  9. Kapitel Zwei
  10. Kapitel Drei
  11. Kapitel Vier
  12. Kapitel Fünf
  13. Kapitel Sechs
  14. Kapitel Sieben
  15. Kapitel Acht
  16. Kapitel Neun
  17. Kapitel Zehn
  18. Kapitel Elf
  19. Kapitel Zwölf
  20. Kapitel Dreizehn
  21. Kapitel Vierzehn
  22. Dank

Über die Autorin

Tessa Cunningham wurde in Süd-England geboren. Sie studierte erst Englisch in Oxford, später Journalismus an der Universität Cardiff. Anfangs schrieb sie für ein kleineres Blatt und wechselte 1986 zur Sun. Seit 1991 arbeitet sie selbstständig für den Daily Mirror und andere Magazine. Tessa Cunningham lebt in Winchester in Hampshire.

Tessa Cunningham

Irgendwie
wie
früher

Als mein Vater mit 95 bei mir einzog

Aus dem Englischen von
Marion Hertle

VORWORT

Als ich den drückend heißen Raum betrat, spürte ich, wie mir der Schweiß ausbrach. Ich setzte ein Lächeln auf und stellte mich auf die Menschen ein, die ich gleich treffen würde. Zum Beispiel Minnie, die auf mich zukommen, mir eine Malteser-Schokokugel in die Hand drücken und dann aufgeregt erzählen würde, dass ich sie morgen nicht mehr antreffen würde, denn sie dürfe nach Hause. Ich würde nicken trotz des Wissens, dass sie auch am nächsten Tag in dem grünen Sessel sitzen würde. Und ich würde wieder so tun, als ob ich mich für sie freue.

Dann war da noch Aggie, die mich fragen würde, ob ich heute Nacht Dienst hatte. Egal was ich antwortete, fünf Minuten später würde sie noch einmal fragen. Und Geoff, der mir immer mit düsterer Stimme zuflüsterte, dass Diebe unterwegs seien und ich auf meine Schuhe achten solle. In die Versuchung, meine Schuhe auszuziehen, bin ich noch nie gekommen. Das mag mit den klebrig wirkenden Bodenfliesen zu tun haben. Aber ich hatte bisher nicht die Energie, ihm das zu erklären.

Gladys eitrige Beine waren so geschwollen, dass ich ihren Anblick kaum ertrug. Sie konnte nicht sehr weit gehen oder sich schnell bewegen, aber sie lächelte immer fröhlich und rief: »Guten Morgen!«, egal zu welcher Tageszeit.

Und dann Dad. Ich hatte nicht die leiseste Ahnung, was er über dieses ganze Szenario dachte. Ehrlich gesagt, traute ich mich nicht ihn zu fragen, weil auch ich nicht wusste, wie es weitergehen sollte. Noch vor ein paar Monaten hatte Dad ein völlig normales, unabhängiges Leben in seiner eigenen, blitzblanken Wohnung geführt. Er kochte für sich, wusch selbst seine Wäsche, und seine makellosen Kleider waren Beweis genug, dass er immer noch ein Fachmann am Bügeleisen war. Jede Woche löste er das Kreuzworträtsel in der Sunday Times und weigerte sich verbissen aufzuhören, bevor jedes Kästchen ausgefüllt war. Unter Einschlaflektüre verstand er Dickens und Shakespeare. Weil ich nur zwei Straßen weiter wohnte, schaute ich alle paar Tage bei ihm rein, und sonntags kam Dad immer zu uns zum Essen, aber darauf beschränkte sich der Kontakt zwischen uns auch schon.

Mit seinen 95 Jahren machte ihm lediglich seine Arthritis im Knie zu schaffen. Ihretwegen hatte er das Golfspielen aufgeben müssen und auch den Tanztee – ein Hobby, das er mit 86 begonnen hatte, nachdem Mutter gestorben war und sich ihm ein ganz neues Leben auftat. Trotzdem ging er immer noch jeden Tag zur Bushaltestelle – wenn auch am Stock – und fuhr in die Stadt, wo er sich einen Kaffee und ein Stück Sahnetorte im Café von Marks & Spencer genehmigte. Seine Zähigkeit und seine Lebensfreude hatten mich glauben lassen, dass es einfach immer so weitergehen würde. Deshalb war ich genauso schockiert wie er selbst, als Dad im Juni 2010 auf dem kurzen Weg von der Küche zu seinem Sessel mit der Kaffeetasse in der Hand stürzte.

Er landete auf dem Hintern und konnte nicht mehr aufstehen. Zum Glück trug er den Notfallpiepser, den er sich erst kürzlich angeschafft hatte, um den Hals. Er drückte ihn und die Telefonzentrale rief ihm einen Krankenwagen.

Ich spazierte gerade durch die Straßen von Paris und überlegte, in welchem Restaurant ich heute speisen sollte, als mein Handy klingelte und ich plötzlich Sandra an der Strippe hatte, eine Sanitäterin. Dad lag auf einer Rettungstrage und sollte ins Krankenhaus gebracht werden. Ich versuchte, ein paar Fragen zu stellen, aber die Verbindung war schlecht und ich ohnehin viel zu überrascht, um die Antworten zu verstehen. Aber selbst in meinem benebelten Zustand klangen ihre Worte »Vielleicht hat er sich die Hüfte gebrochen« wie eine Alarmglocke in meinen Ohren.

Ich bat sie, das Telefon an Dad weiterzugeben. Dad ist fürchterlich schwerhörig. Manchmal ist das lustig, manchmal bringt es einen aber auch auf die Palme. Und manchmal, wie in dieser Situation, ist es eine Qual. Motorräder schossen an mir vorbei und elegante Pariser warfen mir bei ihrem Abendspaziergang verächtliche Blicke zu, als ich ins Telefon brüllte, dass ich ihn liebte. Konnte er mich hören? Hatte er mich verstanden? Dad tat alles ganz leichthin ab. »Mach dir keine Sorgen um mich, Liebes. Amüsiere du dich mal«, sagte er.

Aber wie könnte ich das? Wenn er sich die Hüfte gebrochen hatte, zog das eine Operation nach sich – so viel wusste ich. Und das konnte in seinem Alter tödlich sein. Ich rief meine Brüder an – Andy war gerade beim Glastonbury Festival, Simon in seiner Wohnung in Edinburgh –, und beide reagierten genauso erschrocken und hilflos wie ich. Zum Glück versprach Andy, dass er am nächsten Morgen nach Winchester fahren würde.

Als ich mein Handy wieder in meine Handtasche schob, stieg Angst in mir auf. Und Wut, auf mich – und auf Dad. Ich war erst heute Morgen abgereist. Warum zur Hölle musste das ausgerechnet dann passieren, wenn ich zu weit weg war, um helfen oder irgendwas unternehmen zu können? Ich war mit meiner Tochter Ellen, die bald neunzehn wurde, über ein verlängertes Wochenende nach Paris gefahren, während Elise, ihre siebzehnjährige Schwester, auf einer Klassenfahrt in Nizza war. Die Reise bedeutete uns viel, denn Ellen würde bald zur Uni gehen. Im September begann ihr Kunstgeschichtsstudium am Courtauld Institut in London. Vor ihr lag ein neues, aufregendes Leben, und dieses Wochenende sollte ein kleines Fest werden. Ich hatte mir Vormittage im Louvre oder im Musée d’Orsay ausgemalt, Nachmittage beim Schaufensterbummel und Abende in schicken Cafés mit ein paar Gläsern kühlem Wein und Gesprächen, für die wir zu Hause nie genügend Zeit hatten – und bald würden wir sie vielleicht gar nicht mehr haben. Womit ich nicht gerechnet hatte, war, dass wir uns an diesem Abend im Restaurant über den Tod unterhalten würden.

Wie die meisten Kinder – und das gilt auch für erwachsene Frauen um die fünfzig – hatte ich Dads Anwesenheit in meinem Leben immer als selbstverständlich empfunden. Genauso ging es Ellen. Als liebevoller und energiegeladener Großvater hatte er ihr alles Mögliche beigebracht, vom Seilspringen bis zum Stundenplänemachen. Ich versuchte zusammenzufassen, wie ich über Dad dachte und wie er sich jetzt fühlen musste: »Er hatte ein wunderbares, reiches Leben«, sagte ich. »Wenn er weiterkämpfen will, wird er das tun. Aber wenn er beschließt, dass er genug hat, wird er sich auch vor dem Tod nicht fürchten.«

Aber die Wahrheit war, dass ich mich vor seinem Tod fürchtete. Und genauso ging es Ellen. Nicht nur, weil wir uns nicht von ihm verabschiedet hatten. Sondern vor allem, weil wir ihm nicht genug gezeigt hatten, wie sehr wir ihn schätzten. Das ist wie mit meinem Toaster: Ein Leben ohne ihn kann ich mir nicht vorstellen, aber ich begrüße ihn nicht jeden Morgen mit unbändigem Jubel und rufe: »Ich danke dir, dass du für mich da bist!« Wenn ich schonungslos ehrlich sein will, muss ich zugeben, dass die Besuche bei Dad zu einer Pflicht in meinem stressigen Leben geworden waren. Hektisch stürmte ich bei ihm herein, auf dem Weg zu irgendeinem Termin, und hatte manchmal nicht mal die Zeit für eine Tasse Tee mit ihm. Ich schaute in den Kühlschrank, strich über die Arbeitsflächen (mittlerweile kam alle zwei Wochen eine Putzfrau) und hatte das Gefühl, meine Pflicht und Schuldigkeit getan zu haben. Stets schwor ich mir, das wiedergutzumachen, wenn irgendwann einmal mehr Zeit war – als ob das etwas wäre, was ich kontrollieren kann. Wie dumm von mir. Gerade ich hätte wissen müssen, dass die Zeit nicht in planbaren Einheiten verteilt wird, und vor allem, dass sie niemals stillsteht. Sie schießt Seitenstraßen entlang, rast in Sackgassen hinein und bohrt sich in Bergabhänge. Und dann, eines Tages, wahrscheinlich wenn man am wenigsten damit rechnet, geht sie einem komplett aus.

Die arme Ellen machte sich ganz ähnliche Vorwürfe, hatte aber viel weniger Grund dazu. Sie war neun Monate in Rom gewesen, wo sie als Au-Pair-Mädchen gearbeitet hatte. Zuvor hatte sie für ihr Abitur gelernt und davor für die Mittelstufe. Kein Wunder, dass die Besuche bei ihrem Großvater im Tumult des Erwachsenwerdens ein wenig aus dem Fokus geraten waren. Sie hatte ihm aus Rom geschrieben, das wusste ich, weil er mir voller Stolz ihre Briefe gezeigt hatte. Aber die Kombination aus seiner Schwerhörigkeit und ihrer Angewohnheit, wie ein Wasserfall zu reden, hatte dazu geführt, dass keine tiefere Verbindung zwischen ihnen entstanden war.

»Aber er war immer so lieb zu mir«, schluchzte sie. »Weiß er, wie lieb ich ihn habe?«

Ich wusste, dass er das tat. Ich hoffte, dass er auch wusste, wie sehr ich ihn liebte. Aber das machte es für uns beide auch nicht leichter. Was Elise anging – ich hatte mich noch nicht getraut, ihr von dem Unfall zu erzählen. Sie liebte ihren Grandpa heiß und innig, und ich beschloss, dass es keinen Sinn hatte, sie zu beunruhigen, wenn wir ohnehin allesamt nichts tun konnten.

Am nächsten Morgen rief Andy an. Er war in Winchester, und Dad sollte direkt an der zertrümmerten Hüfte operiert werden. Andy wirkte sehr ruhig. Auch ich versuchte ruhig zu bleiben. Aber die Erleichterung war unglaublich, als er ungefähr sechs Stunden später anrief, um zu berichten, dass alles gut verlaufen war. Dad hatte keine Vollnarkose gebraucht. Er hatte es geschafft.

Aber obwohl ich wusste, dass nichts je wieder so sein würde wie früher, hatte ich nicht damit gerechnet, wie zerbrechlich Dad jetzt war. Das wurde mir erst klar, als ich zwei Tage später nach Hause kam. In seinem Krankenbett auf Kissen gestützt, wirkte er klein und verloren wie ein Kind. Nachdem wir uns umarmt hatten, fiel es ihm schwer, mir zu erzählen, was passiert war, und er schien nicht genau zu wissen, warum er Schmerzen hatte. »Sie sagen mir, dass ich operiert worden bin«, wiederholte er immer wieder. »Ich erinnere mich an gar nichts.«

»Das macht nichts, Dad. Bald bist du wieder auf den Beinen«, beschwichtigte ich ihn. Und ein Teil von mir glaubte auch, dass das stimmte. Dad war immer so aktiv und voller Energie gewesen, ich konnte mir kaum vorstellen, dass er nicht mehr so herumspringen würde wie früher. Aber auch wenn Dad sich dank seiner robusten Gesundheit von der Operation erstaunlich schnell wieder halbwegs erholte, baute er immens ab. Die Kombination seiner Arthritis mit der invasiven Chirurgie führte dazu, dass er unglaublich tatterig wurde. Nach zwei Wochen begann er mit der Physiotherapie. Er wurde aus dem Bett geholt und mit einem Rollator ausgestattet.

Es wirkte so lächerlich wie tragisch. Dad hatte immer über Gehhilfen gelacht. »Die sind doch nur für arme Krüppel«, hatte er gebrummt. Und jetzt stand er da und versuchte klaglos sein Schicksal zu akzeptieren – nur gelang ihm das nicht wirklich. Obwohl er sich die Krankenhausmahlzeiten ordentlich schmecken ließ – wahrscheinlich ist er der einzige Mensch auf der Welt, der jeden Tag bereitwillig übel riechende Fischpastete und Marmeladenstrudel mit Vanillesoße verschlingen kann –, sprach er sehnsüchtig davon, wieder nach Hause zu gehen. »Wenn ich das Ding hier erst los bin«, sagte er und machte eine ungeduldige Geste Richtung Rollator, »geh ich wieder raus und spazieren. Vielleicht kann ich mit meiner neuen Hüfte sogar wieder tanzen gehen!«

Ich wollte ihm glauben. Das Vertrauen darauf, dass die Eltern schon wissen, wovon sie reden, ist eine Angewohnheit, die man nur schwer loswird. Die Ärzte scheuten sich vor einer Prognose. »Alles ist möglich«, sagten sie. Also packte ich drei Wochen nach dem Unfall Dads Tasche, half ihm in den Krankenhausrollstuhl und fuhr ihn zu einem nahe gelegenen Pflegeheim, das gern bereit war, ihm einen temporären Platz und Pflegekräfte zur Verfügung zu stellen, bis er wieder genug Kraft hatte, um unabhängig in seiner eigenen Wohnung zu leben.

Während ich mich in seinem kleinen Schlafzimmer inklusive Bad und Küche umsah, versuchte ich den Geruch nach alter Kleidung und Mikrowelleneintöpfen zu ignorieren. Zum Glück war Dad schon immer jemand gewesen, der das Beste aus einer Situation machte und über unangenehme Dinge einfach hinwegsah.

»Schön hier.« Er grinste, als er die Leselampe neben seinem Bett untersuchte. »Der gleiche Komfort wie zu Hause.«

Ein wenig zu schnell stimmte ich ihm zu und fühlte mich sofort schlecht deswegen.

Ich sagte mir immer wieder, dass es nur eine vorübergehende Lösung sei, bis er wieder auf den Beinen war. Aber als aus Tagen Wochen wurden, sah ich irgendwann ein, dass sich Dad nicht mehr erholen würde. Er war zu gebrechlich, um eine Treppe hinaufzugehen. Ohne seinen Rollator konnte er nicht stehen – und selbst mit ihm schaffte er es lediglich, einmal quer durch den Raum zu humpeln, ehe er sich unter Schmerzen in den nächsten Sessel sinken ließ. Dass er nicht stehen konnte, bedeutete, dass er die einfachsten Dinge nicht mehr selbst erledigen konnte. Er konnte sich nicht anziehen und, viel schlimmer, er konnte sich nicht alleine waschen. Pfleger mussten ihm sogar bei den intimsten Vorgängen helfen.

Ich wusste nicht, ob ich traurig oder erleichtert darüber sein sollte, dass Dad über seine Situation nicht viele Worte verlor. Tatsächlich war er ziemlich gefasst und tat so, als würde er die Aufmerksamkeit genießen, die ihm zuteilwurde. »Die Pflegerinnen waschen mir sogar die Füße. Ich fühle mich wie ein Sultan, der von Sklavinnen umgeben ist«, scherzte er.

Das seltsame Verhalten seiner betagten Mitbewohner schien er gar nicht wahrzunehmen. Im Gegensatz zu Dad, der nur zur Rehabilitation im Heim war, lebten die meisten Bewohner dauerhaft dort, weil sie geistig oder körperlich nicht mehr in der Lage waren, sich selbst zu versorgen. In erster Linie waren es Frauen – was sicher daran liegt, dass Frauen länger leben als Männer –, die sich vom Frühstück bis zum Nachmittagstee im Gemeinschaftsraum versammelten. Unnötig zu sagen, dass der Neuankömmling – ein adrett aussehender Mann obendrein – dort einigen Wirbel verursachte. Sie buhlten darum, wer neben ihm sitzen durfte, strichen ihm übers Haar, gaben ihm Gutenachtküsse und sagten mir mehrfach, was für ein gut aussehender Mann er sei.

Am Anfang verzog Dad noch das Gesicht, wenn sie gerade nicht hersahen, und machte eine Geste, als würde er ihnen den Hals umdrehen, weil er ihr Gehabe lächerlich fand. »Wie die Hühner«, zischte er. Aber mit der Zeit akzeptierte er die Situation immer mehr. Er las keine Bücher mehr, und wenn ich ihn besuchte, fragte er mich nicht mehr, wann er nach Hause gehen könne. Fast schien es, als hätte er sich mit seinem Schicksal abgefunden und sein Leben aufgegeben – oder zumindest all die Dinge, die er bisher genossen hatte.

»Es ist gar nicht so schlecht hier, Liebes«, sagte er eines Tages zu mir. »Ich könnte mich dran gewöhnen.«

Ich selbst fand mich immer mehr damit ab, dass er nicht mehr nach Hause kommen würde. Und selbst Dad, der sich immer gern völlig unrealistischen Vorstellungen hingab, akzeptierte es. Selbst mit der Hilfe von Pflegepersonal wäre sein altes Leben freudlos gewesen. Zu Dads Zweizimmerwohnung führte eine steile Treppe, und vor der Haustür waren noch mehr Stufen. Die Wohnung zu verlassen wäre ein beinah unmögliches Unterfangen für ihn.

Ein Pflegeheim – und falls nicht dieses, dann eben ein anderes – schien die einzige Lösung. Widerwillig begannen meine Brüder und ich die Örtlichkeiten zu diskutieren. Aber eines Tages passierte etwas – etwas kaum Wahrnehmbares, und es wäre mir auch fast entgangen.

Ich nahm Dads Hand, verabschiedete mich, und er küsste meine Wange. Seine Hand – wann war sie nur so klein und schmal geworden? – hielt meine noch ein wenig länger fest. Als ich ihm in die Augen sah, erkannte ich darin ein Flehen, das er nie in Worte gefasst hätte, weil er dazu viel zu stolz war: ›Ich habe Angst. Bitte bring mich nach Hause.‹

Abschiede habe ich schon immer gehasst. Es hat zu viele von ihnen in meinem Leben gegeben. Einige zogen sich schmerzlich in die Länge, ein paar waren dramatisch, andere bitter und manche so plötzlich, dass ich gar nicht die Chance hatte, Abschiedsworte auszusprechen. Aber dieser hier war so sanft und würdevoll, dass er mir den Atem raubte. Und ich hatte es noch nicht einmal kommen sehen.

Ich führte mir all die Gründe vor Augen, warum Dad nicht bei mir wohnen konnte. Ich hatte einen anspruchsvollen, zeitraubenden Job als Journalistin; mein Haus stand zum Verkauf; ich hatte gerade erst den Brustkrebs besiegt; ich befand mich mitten in einer Scheidung; Ellen sollte bald zur Uni gehen und Elise würde ihr in ein paar Monaten folgen. Brauchte ich etwa noch mehr Umbrüche? Ich wünschte mir mein altes Leben zurück, bevor dieser ganze Stress alles auf den Kopf gestellt hatte. Aber irgendwie – so schlagkräftig die Argumente auch waren, keins von ihnen hielt wirklich Stand, wenn man es der alles überstrahlenden Tatsache gegenüberstellte: Bei mir wäre Dad glücklich. Und ich wäre doch sicher nicht unglücklich – oder?

Und so sprang ich an diesem Tag im August 2010 ins kalte Wasser und bot ihm an, bei mir zu wohnen. Erst nach vielen Monaten, nachdem Dad und ich uns wirklich nahegekommen waren, erkannte ich, dass ich schlicht und einfach das tat, was ich von ihm gelernt hatte – ich folgte meinem Bauchgefühl und preschte vor, ohne Rücksicht auf die Folgen. Dad würde bei mir wohnen, solange es funktionierte. Meine Brüder waren erleichtert. Die Mädchen waren aufgeregt. Viele meiner Freunde, vor allem die mit alternden Eltern, erklärten mich für verrückt und machten sich Sorgen, dass mich das alles überfordern würde. Und was Dad anging – er strahlte vor Freude, versuchte es mir aber trotzdem auszureden.

»Ich werde dir keine große Hilfe sein, Liebes«, gestand er bedauernd ein.

›Die Untertreibung des Jahrhunderts‹, dachte ich, als ich wieder zu Sinnen kam und erkannte, wie viel mich die ganze Sache allein an Vorbereitung kosten würde und wie viele Hürden sich mir in den Weg stellten. Meine Liste sah ungefähr so aus: a) meinem Ex-Mann beibringen, dass ich das Haus doch nicht verkaufe; b) mir einen neuen Plan ausdenken, wie ich Geld auftreiben kann, um ihn auszuzahlen; c) Derek, den Installateur, anrufen, damit er ein Bad für Dad einrichtet; d) Dads Wohnung leerräumen, sodass sie weitervermietet werden kann; und e) mich für die nächste Zeit von meinem Sozialleben verabschieden.

Aber ich lag völlig falsch. Seit Dad mit seinem Rollator, seiner Sammlung von Hörgerätbatterien, seinen mit Monogramm bestickten Taschentüchern und seinen Pfefferminzbonbons bei mir eingezogen ist, hat er mir mehr geholfen, als ich es mir je hätte vorstellen können. Und das einfach nur, indem er er selbst war. Mein Dad.

Die blanke Wahrheit ist, dass sich mein Leben zum Zeitpunkt von Dads Einzug im freien Fall befand. Von Wut und Angst gezeichnet, taumelte ich noch unter dem Schock all der Dinge, die passiert waren, und fürchtete mich vor allem, was mir bevorstand. Jetzt ging die rasende Fahrt weiter, und zwei weitere Hürden stellten sich mir in den Weg: Ich musste mein Haus verkaufen und mich von Ellen verabschieden. Das Leben hat mir deutlich genug gezeigt, dass nichts von Dauer ist – weder die Gesundheit noch die Ehe (oder zumindest nicht meine) –, weshalb ich vermutlich viel zuversichtlicher war, Dad bei mir aufzunehmen, als ich es noch vor einem Jahr gewesen wäre. Genau jetzt erschien es mir ein guter Plan zu sein, und das genügte.

Aber ich hatte nicht geahnt, dass mir das Leben mit Dad einen Crashkurs in Selbstheilung bescheren würde. Dad ist so wenig ein Guru, wie man nur sein kann. Er kann Miesepeter nicht ausstehen, lässt gerne mal taktlose Bemerkungen ab und ist, weil er taub ist, definitiv nicht der weltbeste Zuhörer. Aber er hat sich selbst beigebracht, mit Traumata und Tragödien umzugehen, die die meisten Leute umgehauen hätten. Im Rückblick auf ein langes Lebens, das 1915 – mitten im Ersten Weltkrieg – begonnen hat, gibt es wenig, was er nicht gesehen hat.

Jeden Tag sagt er etwas, das mich überrascht – durch Weisheit, Humor oder nur gesunden Menschenverstand –, aber alles zeugt von einem erfüllten Leben und einem Herzen, das noch immer kraftvoll schlägt. Es sind nicht nur seine Worte, sondern auch seine Taten, die seinen Lebensgrundsätzen Ausdruck verleihen. Zuletzt habe ich 1977 mit Dad zusammengelebt. Mit neunzehn stand ich in den Startlöchern für die Universität in Oxford und sehnte mich nach Unabhängigkeit. Was Dad dachte, interessierte mich nicht die Bohne. Obwohl ich ihn natürlich liebte und respektierte, hatte ich sicher nicht das Gefühl, ihn zu brauchen oder irgendwas von ihm lernen zu können.

Aber: Auf die sanfteste und angenehmste Art und Weise hat sich das Leben mit Dad als Lehrgang entpuppt. Er hat mir beigebracht, wie man die Vergangenheit loslässt und jede Sekunde der Gegenwart genießt. Ich habe gelernt, mir meine Fehler zu vergeben und auf die Dinge, die ich gut gemacht habe, stolz zu sein. Natürlich habe ich ein paar dieser Lektionen bereits als kleines Mädchen auf dem Schoß meines Vaters gelernt. Ich konnte sie nur nicht immer in die Tat umsetzen.

Hier bekommen Sie von mir also dank meines Vaters eine Anleitung zum Glücklichsein. Ich hoffe, Sie brauchen diese Anleitung nicht so sehr wie ich.

KAPITEL EINS

Du wirst immer mein kleines Mädchen sein

Ich habe mich oft gefragt, was passiert wäre, wenn ich Dad an diesem schicksalhaften Tag im Pflegeheim gelassen hätte, nach Hause gefahren wäre, mir die Ratschläge von Freunden und Familie zu Herzen genommen und lange und gründlich darüber nachgedacht hätte, was zu tun war und was ich alles aufgeben musste, ehe er bei mir einziehen konnte.

Hätte ich es mir dann anders überlegt? Wäre ich zu dem Schluss gekommen, dass es alles zu anstrengend und die Verantwortung zu groß wäre? Gut möglich. Aber ich habe mich nicht so entschieden. Tatsächlich war mein Leben in den Jahren zuvor wohl so unvorhersehbar gewesen, dass ich Veränderungen nicht mehr so sehr fürchtete wie früher. Auf diesen Augenblick war ich nicht vorbereitet. Dad war immer fit und stark gewesen. Ich hätte mir eher vorstellen können, dass er eines Tages auf dem Golfplatz oder auf der Tanzfläche einfach tot umfällt. Der Gedanke, dass mein energiegeladener, unerschütterlicher Vater irgendwann schwach und auf ein Pflegeheim angewiesen sein könnte, war unvorstellbar – und ist es immer noch. Und obwohl ich nie aktiv geplant hatte, Dad bei mir einziehen zu lassen, hatte ich die Möglichkeit doch nicht ausgeschlossen. Nur auf den Augenblick, in dem ich diese Entscheidung tatsächlich treffen musste, war ich nicht vorbereitet. Aber jetzt war es so weit, und mein Herz rief: »Tu es! Tu es!« Und ich wusste, so beängstigend es auch war, dass ich das Richtige tat.

»Die Mädchen werden sich freuen, wenn du bei uns wohnst. Und ich auch«, versprach ich.

»Es wird schön, wieder Teil einer Familie zu sein, mit all dem Kommen und Gehen und dem alltäglichen Chaos«, sagte er. »Aber du weißt, Liebes, ich bin ein alter Mann und kann nicht viel helfen.«

»Natürlich, Daddy. Keine Sorge. Ich übernehme das. Ich mache mich gleich an die Vorbereitungen«, sagte ich. Und als ich ihm einen Abschiedskuss gab, nahm ich mir fest vor, dass ich alles tun würde, damit es funktionierte.

Trotzdem ließ mich das schiere Ausmaß dessen, auf das ich mich da einließ, fast einknicken, als ich zu Hause ankam. Dad konnte keine Treppen mehr steigen, also musste er im Erdgeschoss wohnen. Mein Wohnzimmer würde zu seinem Schlaf- und Wohnzimmer werden. Der hübsche, luftige Raum mit zwei riesigen Erkerfenstern geht zur Straße raus, ist aber so groß und wirkte so formell, dass wir uns dort kaum je aufhielten, sondern uns lieber in Küche und Esszimmer zurückzogen. Aber Dad brauchte ein eigenes Bad auf demselben Stockwerk, und schnell wurde klar, dass es nur eine Lösung gab: Unser Gartenzimmer würde Dads Bad werden.

Als ich mich im Zimmer umsah und darüber nachgrübelte, welche Arbeiten nun zu erledigen waren, erfüllte mich eine eigenartige Mischung aus Angst und Aufregung. Das Gartenzimmer war das letzte gemeinsame Projekt von Richard und mir gewesen. Es war Richards Lieblingszimmer. Jeder Winkel erinnerte mich an ihn und an eine Zeit, als ich dachte, unser gemeinsames Leben würde ewig weitergehen. Wir hatten die gelb- und cremefarbene Farbgebung gemeinsam ausgesucht und uns zusammen den Kopf darüber zerbrochen, ob wir uns den Marmorboden leisten konnten. Richard hatte die deckenhohen Glastüren entworfen, die den Eindruck erzeugten, der Garten erstrecke sich bis in den Raum hinein. Der kleine schmiedeeiserne Kaffeetisch, das mattrosa Sofa aus seiner Junggesellenzeit und die kleine Bar, die er vom Cousin seines Vaters geerbt hatte, waren so angeordnet, dass man sich wunderbar entspannen konnte. Auf dem Boden fingen große Töpfe mit Hortensien und Rhododendren, die mich immer an meine Mutter mit ihrem grünen Daumen erinnerten, die Sonne auf, die durch die viktorianischen Fenster aus Ätzglas schien. An milden Sommerabenden hatten wir mit einem Glas Wein auf dem Sofa gesessen und uns bei schöner Musik ein Schälchen Oliven geteilt. Ich lag auf der Couch und versuchte, die Nachwirkungen der Chemotherapie mit Lesen zu verdrängen. Dicke Schinken, die ich sonst nicht in die Hand genommen hätte: Krieg und Frieden, Anna Karenina, Middlemarch, Die Türme von Barchester, Frauen und Töchter – genau die Bücher, von denen ich mir immer vorgenommen hatte, sie eines Tages zu lesen, ohne zu ahnen, dass ich dazu erst eine Krebsdiagnose gestellt bekommen müsste.

In diesem Raum hatten sich die Gäste an der Party zu meinem 49. Geburtstag eingefunden, den ich groß gefeiert habe, nicht um aus der Reihe zu tanzen, sondern ganz im Gegenteil, einfach weil ich nicht wusste, ob ich den fünfzigsten noch erreichen würde. Ich hatte die Hälfte meiner Chemotherapie hinter mir und war ausgelaugt und weinerlich. Ich weiß noch, wie Richard mit Weinflaschen durch den Raum eilte, immer wieder über die Schulter blickte und mir zulächelte, um sich zu vergewissern, dass bei mir alles in Ordnung war – ob ich nicht zu müde oder zu schwach sei. Und es war in diesem Raum, ein Jahr später, wo meine Ehe endete.

Jetzt stand ich hier, um ihn aufzulösen. Mein Leben mit Richard sollte Geschichte werden, und ich war erfüllt von seltsam gemischten Gefühlen. Ein großer Teil von mir sagte: »Hurra, endlich!« Die Aussicht, dass ich mein Zuhause mit neuem Leben füllen würde, war erhebend, vor allem bei diesem Raum, der seit Richards Auszug so trüb und leer war. Auf einer Adrenalin-Welle schwimmend war ich, nachdem er ausgezogen war, wie ein wirbelnder Derwisch durch das Haus gefegt, hatte alle Bilder, Dekorationsgegenstände und Fotos, die mich an ihn erinnerten, weggeräumt. Alles wurde auf dem Dachboden versteckt, damit ich es nicht mehr sehen musste, und dann war ich zusammengeklappt. Seither befand ich mich in einer Art Schwebezustand und hatte das Haus sich selbst überlassen. Ich fürchtete mich zu sehr vor den Gefühlen, die hochkommen könnten, wenn ich über die Dinge nachdachte, die einst uns gemeinsam gehört hatten und die jetzt nur noch meine waren. Als nun auf einmal Dads Einzug bevorstand, hatte ich einen triftigen Grund, etwas zu verändern. Ich musste daran denken, wie eifrig und aufgeregt er wegen des Umzugs war, und spürte meine Freude darüber, dass nun ein neues Kapitel begann. Aber wie sollte ich all die praktischen Dinge handhaben, die nötig waren, um erst mal an diesen Punkt zu kommen?

Als Erstes rief ich Derek, den Installateur, an. Er kannte Dad seit fast zwanzig Jahren und war ganz nebenbei zu unserem Familienhandwerker geworden. Als ich ihm mein Dilemma erklärt hatte, versprach er mir, sich um den Fall zu kümmern. Er kam am nächsten Tag vorbei und versicherte mir, sehr zu meiner Erleichterung, dass es zwar kein Kinderspiel sei, dort ein Bad einzubauen, aber auf jeden Fall möglich.

»Du kennst doch Dad. Er kann es kaum erwarten hier einzuziehen. Wie schnell kannst du das erledigen?«, fragte ich.

Derek grinste kläglich. »Ich weiß, ihm wäre es am liebsten, wenn ich morgen anfangen könnte und abends fertig wäre, aber es wird wohl bis nächste Woche dauern. Schaffst du es irgendwie, Mr. Cunningham so lange ruhig zu halten?«

Darauf wollte ich lieber nicht wetten. Ich wusste, dass Dad quasi die Minuten bis zum Einzug zählte. Dad ungeduldig zu nennen wäre ungefähr so, als würde man den Nordpol als ein bisschen kühl bezeichnen oder Chilischoten als würzig. Dad hat überhaupt kein Gefühl für den richtigen Augenblick, und warten kann er ganz und gar nicht. Ihn daran zu hindern, etwas, das er sich gerade in den Kopf gesetzt hat, sofort umzusetzen, ist, als wolle man geifernde Jagdhunde, die hinter einem Fuchs her sind, zurückhalten. Und wenn man darauf hofft, dass Dad einmal etwas langsam angehen lässt, kann man ebenso versuchen, in der Sahara Kürbisse zu züchten. Dad dazu zu bringen, sich irgendwo anzustellen, einen Stau durchzustehen oder auch nur darauf zu warten, dass eine Fernsehsendung beginnt, ohne dabei nervös durch die Kanäle zu zappen, ist fast ein Ding der Unmöglichkeit. So war er schon, seit ich denken kann. Andererseits ist seine Ungeduld auch irgendwie entschuldbar – durch sie hat er immerhin meine Mutter kennengelernt.

Pat, die beste Freundin meiner Mutter, war Dads Cousine. Pats Mutter war die Schwester von Dads Vater, also seine Tante. Während des Zweiten Weltkriegs war Dad Hauptmann bei der Luftwaffe und in der Nähe von Birmingham stationiert, nur ein paar Meilen von Pats Zuhause entfernt. Er hatte seinen Eltern versprochen, sie am Wochenende zu besuchen, sobald er Freigang hatte.

Also erschien Dad dort an einem Sommertag 1943 in seiner schicken Offiziersuniform, in der er wirkte wie Laurence Olivier als Heathcliff – dunkle Haare, tiefer Blick und ein starker Akzent aus Nordost-England. Seine Cousinen und Tanten platzierten ihn am Tisch und scharten sich um ihn. Sie reichten ihm Tee, boten ihm Gebäck an und stellten sich auf einen angenehmen Nachmittag voller Familiengeplauder ein. Aber Dad hatte andere Pläne. Er hatte kaum seinen Tee ausgetrunken und sein Brötchen verschlungen, als er schon aufsprang, unruhig im Zimmer herumlief, hier und da einen Dekorationsgegenstand in die Hand nahm und fragte, ob es nichts zu erledigen gäbe.

Der Familie fiel nichts ein, womit man ihn beschäftigen könnte, also beschloss Pat, Verstärkung zu holen. Sie rief meine Mutter an, die eine Straße weiter wohnte und als so unterhaltsam und schlagfertig galt, dass sie in allen Situationen gut zurechtkam.

»Tess, komm schnell«, sagte sie. »Unser Cousin Jimmy ist hier, und wir wissen nicht, was wir mit ihm anfangen sollen. Er kann einfach nicht stillsitzen. Uns ist der Gesprächsstoff ausgegangen und wir sind mit unserer Weisheit am Ende.«

Und schon wenig später spazierte meine Mutter mit Dad durch den Garten, völlig fasziniert von diesem Energiebündel, diesem Mann, der so ganz anders war als die zugeknöpften, langweiligen Freunde aus ihrem Tennisclub.

Sie hätten sich danach nie wieder begegnen können. Aber Mum, die gerade eine Ausbildung zur Kriegskrankenschwester machte, die sie zutiefst hasste, bewarb sich, vielleicht inspiriert von Dads Geschichten – er war ein Veteran der Luftschlacht um Großbritannien –, um eine Versetzung zur Women’s Auxiliary Air Force, also den weiblichen Helfern der Royal Air Force.

Sie wurde für eine Ausbildung zur Meteorologin ausgewählt, musste die Wetterbedingungen verfolgen und wurde zur Einarbeitung für einen Monat nach London geschickt. Auch Dad war zu dieser Zeit zufällig in London. Mum behauptete immer, Pat habe unschuldig vorgeschlagen, dass Dad, da sie nun schließlich beide in London waren, sie ausführen solle. Aber ich glaube, Mum hatte ihr das eingeflüstert. Mum war nun mal so, wie sie war: Sie hätte niemals zugegeben, dass irgendetwas auch nur ansatzweise unter der Hand gelaufen war.

Also trafen sich meine Eltern zu Tee und Kuchen im Lyons Tea House nahe der Buckingham Palace Road, wo meine Mutter untergebracht war, während um sie herum die Bomben fielen. Und nach nur vier Verabredungen fragte Dad sie – typisch für ihn! –, ob sie ihn heiraten wolle.

Meine Mutter hatte den Fehler gemacht, Dad zu erklären, dass sie inoffiziell verlobt war – und das schon seit Ausbruch des Krieges.

»Aber das ist lächerlich. Was denkt der Kerl sich dabei? Ich würde dich auf der Stelle heiraten, wenn ich könnte«, sagte Dad. Und weil Mum bald schon nach Fernost geschickt werden sollte, was vielleicht hieß, dass sie sich mehrere Jahre lang nicht sehen würden, schlug er vor, es einfach sofort zu tun. Auf der Stelle heiraten – oder zumindest noch diese Woche. Wie hätte Mum da widerstehen können?

Ihre Eltern waren entsetzt. Ihr Vater, der Schatzmeister des damaligen Bezirks Sutton Coldfield in Birmingham war, hatte sich für seine Tochter einen vornehmeren Verehrer vorgestellt, einen Mann aus einer höheren Schicht. Nicht jemanden wie Dad, der aus einer verarmten Familie in Newcastle stammte. Ein anderes Hindernis sah er darin, dass Dad in den Nachwehen des D-Day in die Normandie geschickt werden sollte, zum letzten Schlag gegen Berlin.

»Ich will auf keinen Fall, dass meine Tochter Witwe wird«, sagte Großvater Connor knapp.

»Davon halte ich auch nicht besonders viel, Sir. Und glauben Sie mir, ich tue mein Bestes, um am Leben zu bleiben«, gab Dad schlagfertig zurück.

Meine Eltern heirateten am 23. August 1944; Dad in Uniform, Mum in einem selbstgenähten Kostüm. Ihre Flitterwochen verbrachten sie in Stratford-upon-Avon – dank der örtlichen Polizei. Dad hatte seinen Sergeant gebeten, ihm ein Zimmer zu buchen. Der Sergeant wartete bei ihrer Ankunft pflichtschuldigst am Bahnhof in Stratford, nur um die frisch Vermählten zu informieren, dass er kein Glück gehabt habe. Nach dem Bombardement von Birmingham war eine Flut von Evakuierten über die Stadt hereingebrochen, und es gab kein einziges Zimmer mehr. Weil er sich nie geschlagen gab, marschierte mein Dad direkt zum örtlichen Polizeirevier.

»Ich bin zu meinen Flitterwochen hier, Officer. Können Sie mir irgendwie weiterhelfen?«, fragte er mit seinem typischen Charme. Eine halbe Stunde später bezogen Mum und Dad das feinste Hotelzimmer von Stratford-upon-Avon. Und drei Tage später war mein Dad schon in Frankreich. Mum brauchte nicht lange, um zu merken, dass Dads Impulsivität so sehr zu ihm gehörte wie das Atmen. Der Krieg war vorbei. Meine Schwester Hilary wurde geboren. Am zweiten Tag in ihrem neuen Zuhause in Sutton Coldfield sprach Mum versonnen von den Veränderungen, die sie mit der Zeit an der Wohnung vornehmen wollte.

»Jimmy, was hältst du von einer Durchreiche zwischen Küche und Esszimmer – dann könnte ich das Essen durchgeben, und du stellst es auf den Tisch? Das würde alles so viel einfacher machen«, sagte sie.

Dads Augen blitzten enthusiastisch auf. Sofort war er auf den Beinen. Ehe Mum ihn bremsen konnte, hatte er schon Hammer und Meißel gefunden, schlug auf die Wand ein und verteilte körnigen Zement auf dem Frühstückstisch.

»Was sagst du, Liebes? Das muss ich nur noch verputzen, dann ist es schon fertig«, verkündete er mit jungenhaftem, zufriedenem Grinsen auf dem Gesicht, ehe er sich seine Jacke schnappte und zu einem Baufachgeschäft fuhr.

Kaum eine halbe Stunde später beobachtete meine ängstliche Mutter, wie Dad mit bloßen Händen Verputz in das Loch klatschte.

»Brauchst du dafür nicht eine Maurerkelle?«, fragte sie verwirrt und dachte dabei an ihren eigenen Vater, der nicht einmal die kleinste Aufgabe ohne genaue vorherige Planung ausführte.

»Oh, mach dir keine Umstände«, sagte Dad, der es viel zu eilig hatte und dem die Sache viel zu viel Spaß machte, um sich noch mehr Ausrüstung zu besorgen. Und fairerweise muss man sagen, dass die Durchreiche beim Mittagessen schon in Betrieb war, auch wenn sie vielleicht ein wenig provisorisch aussah.

Mum ist es nie gelungen, ihn zu ändern. Und eigentlich bin ich mir auch gar nicht sicher, ob sie das je wollte. Dads Impulsivität machte schon immer einen Teil seines großen Charmes aus. Aber sie konnte auch unglaublich nerven. Es gab keine einzige Wand in unserem Haus ohne einen großen Fingerabdruck, weil Dad nie lange genug warten konnte, bis er prüfte, ob die Farbe trocken war. Bilder hingen oft schief, weil Dad es offenbar als Mogeln empfand, eine Wasserwaage zu verwenden. Das Gleiche galt für Gebrauchsanweisungen. Als wir den Videorekorder bekamen, war der Lieferant kaum zur Haustür hinaus, als Dad das Gerät schon angeschlossen hatte. Er hatte den Rekorder in zwanzig Minuten aufgebaut und sich dann triumphierend davorgesetzt. Dass es ein kleines Problem gab, merkte er erst, als er versuchte, die Antiques Roadshow aufzunehmen und am Ende nur einen schwarzen Bildschirm ohne Ton vor sich hatte. Er wusste nicht, wie er die Kassette aus der Maschine bekommen sollte, und meine Mutter erwischte ihn dabei, wie er mit einem Küchenmesser an dem Gerät herumhantierte.

Kleinlaut musste er Mums Vorschlag zustimmen, einen Techniker anzurufen, der die Sache ordentlich erledigte. Glaubhaft versicherte er daraufhin, dass er in Zukunft immer erst die Gebrauchsanweisung lesen würde. Natürlich.

Auch jetzt kannte Dads Eifer keine Grenzen. Wäre es nach ihm gegangen, hätte er innerhalb einer Woche einziehen können, wenn nötig auch problemlos mit einem Schlafsack auf dem Fußboden, während das Bad gebaut wurde. Aber es war nicht nur das Bad. Ich musste auch seine Wohnung ausräumen, damit ich sie vermieten konnte. Das brachte mir genügend Geld für seine Pflege ein. Weil Dads Pflegestufe schon festgelegt worden war, als er das Krankenhaus verließ, hatten wir bereits den ganzen Ablauf der Pflege organisiert. Eine Helferin sollte morgens kommen, um ihm beim Waschen und Anziehen zu helfen, mittags, um ihm einen Teller Suppe aufzuwärmen – was mir das Arbeiten ermöglichte –, und noch einmal abends, um ihn bettfertig zu machen. Alles, was ich tun musste, war, das Geld dafür aufzutreiben – um die sechshundert Pfund im Monat. Meine Brüder und ich waren uns einig, dass es die beste Lösung war, Dads Wohnung zu vermieten. Aber erst musste ich die Wohnung renovieren lassen – noch ein Job für Derek.

Mein Haus und Dads Wohnung auf Vordermann zu bringen beschäftigte mich so umfassend, dass ich kaum Zeit hatte, über die andere anstehende große Veränderung nachzudenken. Über Dads Einzug hatte ich fast vergessen, dass Ellen ausziehen würde. Und noch ein Jahr später würde vielleicht auch Elise zur Uni gehen. Ellen sollte ihr dreijähriges Kunstgeschichte-Studium beginnen, und ihre Aufregung wuchs, je näher der Termin rückte. Sie hatte ein Zimmer in einem Studentenwohnheim im Zentrum Londons. Ich wünschte, ich hätte ihre Freude teilen können, aber meine Angst war stärker. Angst, nicht um sie, sondern um mich und wie ich ohne sie klarkommen sollte. Sie würde mir schrecklich fehlen. Und mir würde meine Aufgabe als ihre Mutter fehlen. Ich habe sie durch jeden einzelnen Tag ihrer Schulzeit begleitet. Ich habe ihr geholfen Lesen zu lernen, habe geduldig zugehört, wenn sie langsam ihre Übungen wiederholte, und weniger geduldig, wenn sie Stunde um Stunde quietschend Geige übte. Ich war bei ihren ersten Schritten dabei und als sie ihren ersten Zahn verlor. Mein erstes Baby: In dem Augenblick, als sie in meinen Armen lag und ein Strahl der späten Augustsonne auf ihr zerknautschtes kleines Gesichtchen fiel, wusste ich, dass ich die Liebe meines Lebens gefunden hatte. Danach hatte ich oft das Gefühl, dass wir gemeinsam lernten – ein Neugeborenes und eine frischgebackene Mutter.

Bei unseren Ausflügen in ihren ersten Lebensmonaten rangen Stolz und Freude mit Angst. Als ich sie eines Tages in ihrem blauen kleinen Kinderwagen durch die Gegend schob, trafen wir auf ein paar Arbeiter, die gerade eine Straße aufrissen. Ich geriet in solche Panik, der Lärm des Schlagbohrers könnte Ellens Trommelfell zerstört haben, dass ich sofort mit ihr zum Arzt rannte, der gnädigerweise keine Miene verzog. Später marschierte sie eines Tages im Park los, um sich die Enten anzusehen. Ich suchte sie und fand sie schließlich, wie sie sich mit einer anderen Familie unterhielt. Als ich sie viel zu fest an mich drückte, wurde mir klar, dass sie mein Glück in ihren Händen hielt. Wenn ich nur daran denke, bekomme ich nach all den Jahren noch weiche Knie.

Die Zeit schien zu rasen, und ich war wild entschlossen, absolut nichts zu vergessen. Ich kaufte ein kleines Buch und schrieb all die lustigen und komischen Dinge auf, die Ellen sagte, wie zum Beispiel mit vier Jahren, als ich sie von der Vorschule abholte und sie verkündete, dass sie gerade eine »Gym Tonic«-Stunde gehabt habe. Zum Glück war der Lehrer außer Hörweite und bekam nichts von der Anspielung auf meinen täglichen Schlummertrunk mit. Oder wie sie auf meine Füße schaute und dann hinausposaunte: »Mummy, ich hab dich seehr lieb. Aber du hast so hässliche Füße wie ein Troll.«

Jetzt, mit neunzehn Jahren und der Studienplatzzusage in der Tasche, für die sie so hart gearbeitet hatte, war sie auf dem Weg in ein neues, fantastisches Leben. Ich war enorm stolz und froh, weil ich offenbar etwas richtig gemacht hatte. Aber ich spürte auch einen riesigen Verlust. Quasi über Nacht würde ich überflüssig werden.

Den Gedanken an das, was mir ohne Ellen alles fehlen würde, ertrug ich fast nicht: Ihre sanfte Art, mich wieder auf den Boden zu holen, wenn ich ausflippte. Der abendliche Plausch am Küchentisch. Die Shoppingtrips, bei denen sie es immer irgendwie schaffte, das Richtige zu sagen, um mir die Kleidungsstücke auszureden, in denen mein Hintern zu groß aussah. Ich habe versucht, während meiner Krebserkrankung all meine Angst vor ihr zu verbergen, aber ich konnte weder die Liebe, die ich für sie und Elise spürte, verheimlichen noch meine große Furcht davor, sie verlassen zu müssen. Seit mindestens acht Jahren schimpfte ich ununterbrochen über den Zustand ihres Zimmers. Aber jetzt ertrug ich es kaum, mir auszumalen, wie es leer aussehen würde: Die Poster abgehängt, ein leerer Kleiderschrank, kein Chaos aus Strumpfhosen, Schlüpfern, Kleingeld und leeren Wasserflaschen auf dem Fußboden, und die schmutzigen Kaffeetassen für immer verschwunden.

Also konzentrierte ich mich voll und ganz auf Dads Einzug und war dankbar für die Ablenkung. Probleme, die noch vor ein paar Monaten unlösbar zu sein schienen, waren jetzt eine willkommene Abwechslung. Ich musste seine Wohnung räumen und alles organisieren, aber die größere Hürde war das riesige »Zu Verkaufen«-Schild vor meinem Haus. Nach nervenaufreibenden Verhandlungen mit den Anwälten hatte ich achtzehn Monate nachdem Richard mich verlassen hatte eingewilligt, das Haus zum Verkauf anzubieten und den Erlös aufzuteilen – achtzig Prozent für mich und zwanzig für ihn. Im Mai war das Haus schließlich ausgeschrieben worden, und ich hatte mich darauf vorbereitet, mir eine kleinere Bleibe zu suchen. Aber Dads Sturz veränderte alles, und ich dankte dem Himmel, dass bisher niemand auch nur einen Funken Interesse angemeldet hatte. Das bedeutete, dass ich in dem Haus bleiben und Richard auszahlen konnte – wenn es mir gelang, das Geld lockerzumachen.

Ich besprach die ganze Sache mit meinen Brüdern und meinen erwachsenen Nichten Frances und Sibylla, den Kindern meiner Schwester Hilary, und wir legten uns einen Plan zurecht. Simon war kürzlich aus seinem Job als Volkswirt bei den United Nations in Rente gegangen und wohnte jetzt in Edinburgh. Er hatte gerade seine Wohnung in New York verkauft und bot mir an, das Geld in mein Haus zu investieren. Das nahm mir eine gewaltige Last von den Schultern und rührte mich sehr. Ich wusste, dass Simon im Gegensatz zu Andy, der in Brighton relativ nah bei uns lebt, Dad nicht regelmäßig besuchen oder uns sonst irgendwie zur Seite stehen konnte. Das war also sein Beitrag. Und er gab mir damit das Gefühl, dass ich mit der ganzen Verantwortung nicht allein dastand. Außerdem versprachen sowohl Frances als auch Sibylla, dass sie regelmäßig zu Besuch kommen und mir helfen würden, wenn Not am Mann war. Trotzdem – als Dads Einzugstag, der 29. September, näher rückte, begann ich mir immer mehr Gedanken zu machen, ob ich mir mit diesem unglaublichen Vorhaben nicht etwas vormachte.

Was, wenn Dad und ich einfach nicht miteinander auskamen? Was, wenn wir nicht in die Rollen, in denen wir uns bald wiederfinden würden, passten? Er, der bedürftige alte Mann, ich die tonangebende Mutter? Seit über dreißig Jahren wohnten wir nicht mehr im selben Haus. Und als wir damals zusammenlebten, war es in seinem Haus gewesen und ich ein Kind. Jetzt waren die Rollen auf dramatische Art vertauscht, so wie es sich keiner von uns je ausgesucht hätte.

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