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Irgendwann holt es dich ein

Inhalt

  1. Cover
  2. Über die Autorin
  3. Titel
  4. Impressum
  5. Prolog
  6. Eins
  7. Zwei
  8. Drei
  9. Vier
  10. Fünf
  11. Sechs
  12. Sieben
  13. Acht
  14. Neun
  15. Zehn
  16. Elf
  17. Zwölf
  18. Dreizehn
  19. Vierzehn
  20. Fünfzehn
  21. Sechzehn
  22. Siebzehn
  23. Achtzehn
  24. Neunzehn
  25. Zwanzig
  26. Einundzwanzig
  27. Zweiundzwanzig
  28. Deiundzwanzig
  29. Vierundzwanzig
  30. Fünfundzwanzig
  31. Sechsundzwanzig
  32. Siebenundzwanzig
  33. Achtundzwanzig
  34. Neunundzwanzig
  35. Dreißig
  36. Einunddreißig

Über die Autorin

Jane Hill arbeitete als Moderatorin, Journalistin und Programmdirektorin eines vielfach ausgezeichneten britischen Radiosenders, bevor sie sich als Autorin von Thrillern einen Namen machte.

 

»Wir haben etwas Furchtbares getan.«

Ein geflüstertes, heimliches Geständnis, Worte, die kaum mehr sind als ein Hauch in Kates Ohren, weshalb sie sich später fragt, ob sie richtig gehört hat. Die Hand, die Kate an der Schulter packt, ist knochig und stark, und Kate kann die Ginfahne ihrer alten Freundin riechen. Dann der warme, schmutzig riechende Luftzug und das Rattern und Gesause der einfahrenden U-Bahn. Das Wort »Edgware«. Der Ausdruck auf dem Gesicht des Fahrers. Der Schrei und das Blut. Was danach war, weiß Kate nicht mehr so genau.

EINS

In der U-Bahn-Station Tottenham Court Road kam die Frau ins Abteil gestürzt. Sie musste an der Bahnsteigkante gestolpert sein, denn sie wäre fast der Länge nach hingefallen. Sie landete in den Armen eines Fahrgasts, der in der Nähe der Türen stand, ein bärtiger junger Mann, der einen Mantel im Military-Style trug. Er half der Frau, sich wieder aufzurichten, und bewegte sich höflich zur Seite, damit sie sich an die Trennwand am Ende der Sitzreihen lehnen konnte.

Kate Callan beobachtete alles von ihrem Platz weiter hinten im Wagen aus. Ihr fiel das blonde, teuer zerzauste Haar der Frau auf, ebenso wie ihre weiche Wildlederjacke und die lächerlich hochhackigen Stiefel. Für einen Moment kam Kate die Frau irgendwie bekannt vor. Sie bemerkte außerdem die fahrige, verwirrte Art, mit der die Frau sich bei dem jungen Mann und allen Umstehenden entschuldigte, und schloss daraus, dass sie sehr, sehr betrunken war. Daraufhin wandte Kate sich ab und blickte konzentriert auf die Werbetafeln über den Köpfen der anderen Fahrgäste, um zu verdeutlichen, dass sie das alles nichts anging.

Der Zug der Northern Line war voll und wurde mit jeder Station voller. Es war kurz nach sieben Uhr abends, und das Ende der Rushhour näherte sich. Beim Einsteigen in Charing Cross hatte Kate einen der letzten freien Plätze des Wagens erwischt und sich dankbar fallen lassen. Aus Erfahrung wusste sie, dass man seinen Sitzplatz nur behalten konnte, ohne sich dabei mies zu fühlen, wenn man systematisch den zufälligen Blickkontakt mit allen vermied, die einen Sitzplatz womöglich nötiger hatten. Nicht dass sie einem gebrechlichen Rentner oder einer Hochschwangeren ihren Platz hätte verweigern wollen, aber sie hoffte inständig, dass ihr so ein Opfer erspart bliebe. Und nun hoffte sie nicht minder inständig, dass die Betrunkene keine Szene machen würde. Die Kunst des U-Bahn-Fahrens bestand darin, keine Interaktion mit den Mitreisenden zu riskieren. Kate wollte einfach nur heil nach Hause kommen, ohne sich mit irgendjemandem oder irgendetwas Außergewöhnlichem auseinanderzusetzen.

Es war ein Donnerstag Anfang Dezember, der erste frostige, beißend kalte Tag des Winters. Zehn Minuten hatte Kate am Morgen damit verbracht, nach ihren Handschuhen zu suchen; aber sie konnte sich partout nicht erinnern, wo sie die Dinger hingepackt hatte, nachdem sie sie im Frühjahr zuletzt getragen hatte. Also hatte sie sich in der Mittagspause ein neues Paar gekauft. Sie hatte sich sogar besonders schöne, teure, weiche Lederhandschuhe gegönnt; in Taubenblau mit einem pflaumenblauen Futter und kleinen Knöpfen am Handgelenk, auf der Unterseite. Sie rochen so herrlich nach Leder und Luxus, dass Kate sie gar nicht mehr ausziehen wollte. Gelegentlich strich sie sich damit wie zufällig übers Gesicht, um sie zu fühlen. Und sie fand den Geruch nach einem Tag voller kleinlicher Ärgernisse beruhigend.

Am Morgen war Kate wie üblich um kurz vor acht zur Arbeit im Radiosender erschienen, einige Stunden, bevor sie auf Sendung ging. Sie nutzte die Zeit, um ihre E-Mails durchzusehen, die neuesten Nachrichten zu sichten und die Tagesschwerpunkte festzulegen. Dann suchte sie die Musikeinlagen für ihre Sendung aus und plante die Interviews für den Rest der Woche. Diese sogenannte »Showprep« war weder besonders anstrengend noch außergewöhnlich. Die Sendung selbst verlief gut. Doch anstatt wie üblich um vier aus dem Sender zu kommen, war Kate durch eine Reihe lästiger Kleinigkeiten im Büro aufgehalten worden und hatte auf Rückrufe und E-Mails warten müssen, die nicht zur vereinbarten Zeit eingetroffen waren.

Danach hatte sie sich überreden lassen, mit einigen der Mädels aus dem Büro noch etwas trinken zu gehen. »Die Mädels« – wie Kate diese Bezeichnung hasste! In ein paar Jahren würde sie vierzig. Inzwischen glaubte sie sich das Anrecht verdient zu haben, als »Frau« und nicht mehr als »Mädel« bezeichnet zu werden. Jedenfalls waren sie in eine überfüllte Bar in der Nähe der Charing Cross Station gegangen, gleich um die Ecke vom Sender. Die meisten von ihnen hatten sich Cocktails mit dämlichen Namen bestellt; Drinks in grellen Farben mit albernen Papierschirmchen und Oliven, von denen sie zunehmend beschwipst und ganz giggelig wurden. Auch auf die Gefahr hin, als Spielverderberin zu gelten, war Kate bei Mineralwasser geblieben. Sie trank selten Alkohol, weil sie es hasste, die Kontrolle zu verlieren.

In der Bar fanden bereits erste Weihnachtsfeiern statt, sodass ein dichtes Gedränge herrschte. Kate hatte sich nicht sonderlich amüsiert, denn schon bald verlegte sich die Unterhaltung auf Babys und Beziehungen, beides Themen, über die sie nicht gern redete. Sie hatte keine Kinder und konnte nichts zu dem Thema beitragen, was die »Mädels« sehr wohl wussten. Was sie indes nicht ahnten, war, dass Kates Ehe gerade auseinanderging. Sie hatte bisher niemandem beim Sender erzählt, dass Neil und sie getrennt lebten, und hatte das auch nicht vor, jedenfalls im Moment noch nicht. Seit drei Wochen ging das schon so, aber noch handelte es sich um eine Trennung auf Probe, von der außer ihnen beiden niemand wissen sollte.

Also hatte Kate sich bald verabschiedet und die Bar verlassen. Jetzt allerdings war sie genervt, fühlte sich einsam und ein bisschen traurig und hätte sich am liebsten dafür geohrfeigt, dass sie sich von dem Gerede herunterziehen ließ.

Entsprechend verdrossen saß sie in dem vollen, überheizten Waggon, der rumpelnd durch den Londoner Untergrund fuhr. Sie war auf dem Weg zu dem vierstöckigen viktorianischen Haus in Tufnell Park, das Neil und sie vor fünf Jahren zu einem geradezu unanständigen Preis gekauft hatten. Das Haus war lachhaft riesig, viel größer als die Häuser, in denen sie beide aufgewachsen waren. Es hatte ein Heim für ihre Familie werden sollen, die sich jedoch nie ergeben hatte, weshalb sie beide sich bemühten, den Platz irgendwie auszufüllen, und sich einredeten, dass sie all die zusätzlichen Zimmer bräuchten – als Arbeitszimmer, Fitnessraum mit eigener Nasszelle und als Speisezimmer, das sie kaum benutzten. Und nun wohnte nur noch Kate dort. Nach sechzehn Jahren Ehe war es seltsam, aber durchaus irgendwie verlockend, das ganze Haus für sich zu haben. Während Kate auf ihrem Platz zur Seite rutschte, um dem ausladenden Hinterteil einer jungen Frau auszuweichen, die im Mittelgang stand, wünschte sie, sie könne sich einfach direkt nach Hause in die Badewanne beamen.

Der Zug hielt an der Euston Station. Hier leerte sich der Waggon merklich, und Kate atmete erleichtert auf, als die Frau mit dem üppigen Hintern ausstieg, die neben ihr gestanden hatte. Sie bemerkte, dass die Betrunkene blieb, wo sie war, an die Trennwand gelehnt, als sei sie nicht mehr in der Lage, es noch zu einem der frei gewordenen Sitze zu schaffen. Kate lehnte sich zurück, nahm die Zeitung, die jemand auf einem der Nachbarsitze liegen gelassen hatte, und versuchte, sich darin zu vertiefen. Nicht mehr lange bis nach Hause. Sie konnte das warme Badewasser schon beinahe fühlen.

Aber dann, kurz hinter Euston, gab es einen Ruck, der sie jäh aus ihren Gedanken riss. Es war einer dieser schrecklichen Momente, die jeder Fahrgast der U-Bahn fürchtet: Der Zug hielt plötzlich aus keinem erkennbaren Grund. Er blieb einfach vibrierend im Tunnel stehen. Aus den Lautsprechern drang ein knisterndes Geräusch, als wolle jemand eine Durchsage machen, doch gleich darauf wurde es wieder still. Die Beleuchtung im Wagen flackerte, ging aus und sofort wieder an. Der Zug rührte sich nicht. Eine Minute, zwei Minuten – zu lange. Kate wurde unruhig; sie versuchte sich wieder auf die Zeitung zu konzentrieren, doch es fiel ihr schwer. Sie tauschte einen vielsagenden, genervten Blick mit dem Fahrgast, der ihr gegenübersaß, einem Mann im Geschäftsanzug in mittleren Jahren. Derweil sagte sie sich, dass sie viel zu vernünftig sei, um wegen einer U-Bahn-Verspätung in Panik zu geraten. Bestimmt wartete der Zug bloß auf ein Signal. Aber wenn es nichts weiter ist als das, wieso sagen sie es uns dann nicht? Heutzutage gab es immer eine Durchsage, wenn der Zug länger irgendwo stehen blieb (und inzwischen stand er schon viel zu lange, weit länger als bei gewöhnlichen Aussetzern). Ruhig bleiben!, sagte sie sich. Keiner der anderen Fahrgäste wirkt beunruhigt. Es besteht kein Anlass zur Sorge, gar keiner.

Und da begann das Jaulen. Es war beinahe komisch, dass genau in dem Moment, in dem Kate sich ermahnte, nicht in Panik zu verfallen, ein hohes Wimmern die angespannte Stille im Wagen durchschnitt. Kate bekam eine Gänsehaut. Wie alle anderen Fahrgäste auch sah sie sich nach der Lärmquelle um. Es war die Blonde, die betrunkene Blonde. Sie war wieder gestürzt, diesmal auf den Boden, wo sie auf den Knien herumkrabbelte, ihr Handy in einer Hand. Kate erkannte, dass sie aufs Display stierte und wild Tasten drückte. Offenbar wollte sie jemanden anrufen.

»Mein Telefon ist kaputt!«, schrie sie. »Ich muss telefonieren. Ich muss die Polizei rufen.« Sie wedelte mit dem Handy, ehe sie erneut auf die Tasten drückte. »Es ist kaputt«, jaulte sie abermals und fing zu schluchzen an, als bräche es ihr das Herz.

Kate atmete tief durch. Die Stimme der Frau, wohltönend tief, ein wenig rauchig, kam ihr bekannt vor, obgleich sie sie nicht zuordnen konnte. Sie überlegte, ob sie zu ihr gehen und ihr helfen, sie am Arm hochziehen und sie beruhigen solle. Aber es gab etliche andere Leute, die viel näher saßen und teilweise auch netter, freundlicher und vor allem geduldiger wirkten, als Kate sich augenblicklich fühlte. Nicht dass sie nicht helfen wollte, sie konnte nicht, wirklich nicht. Womöglich würde sie die ganze Szene noch unschöner machen.

Also schlug sie wieder die Zeitung auf und hielt sie sich vors Gesicht, um sich dahinter zu verbergen. Angestrengt konzentrierte sie sich auf die Klatschspalten mit Fotos von Halbprominenten, die aus Limousinen stiegen, während sie sich inständig wünschte, dass die Bahn weiterfuhr und die Frau zu heulen aufhörte. Das Gejammer hatte etwas Durchdringendes, bohrte sich ihr direkt in den Kopf. Kate wollte nach Hause. Sie wollte in einer Badewanne voll duftendem Schaum liegen. Stattdessen hing sie mitten in einem Tunnel in einer U-Bahn fest, zusammen mit einer Betrunkenen, die nur wenige Meter von ihr schluchzend umherkroch. Die Situation wurde immer unangenehmer.

Kate hörte nun, wie der junge Bärtige versuchte, die Frau zu beschwichtigen, und ihr haarklein erklärte, weshalb ihr Handy im Tunnel nicht funktioniere. Geduldig wie ein Grundschullehrer redete er auf sie ein – sehr viel geduldiger, als es Kate vermocht hätte. Kate krümmte die Schultern und sackte auf ihrem Platz buchstäblich in sich zusammen. Sie war Meister darin, sich klein zu machen. Die Zeitungslektüre gab sie endgültig auf. Sie schloss die Augen und versuchte sich vorzustellen, sie wäre irgendwo anders. Aber das klappte nicht, denn ein neues Geräusch, ein dumpfes Klopfen, zwang sie zurück ins Hier und Jetzt. Vorsichtig linste sie nach vorn, wo die Betrunkene gegen die Waggontüren hämmerte und die Finger in die Gummidichtungen krallte, um die Türen gewaltsam zu öffnen. Wie auf Kommando wandten sich alle anderen Fahrgäste ab, versteckten sich hinter Zeitungen oder wühlten in ihren Aktenkoffern und Handtaschen, als sei ihnen plötzlich eingefallen, dass sie dringend etwas brauchten. Kate spürte, wie die Atmosphäre immer gespannter wurde.

Und in dem Moment fuhr der Zug genauso unvermittelt wieder an, wie er zuvor gehalten hatte. Das heftige Rucken schleuderte die blonde Frau ein weiteres Mal in die Arme des Mannes im Mantel; sie rappelte sich aber sofort wieder auf und stolperte ein Stück nach vorn. Kate verkrampfte sich. Lieber Gott, mach, dass sie sich nicht auf mich einschießt! Noch während des stummen Stoßgebets kam ihr ein Gedanke, bei dem es sie fröstelte: Vielleicht kenne ich die Frau tatsächlich. Vielleicht kennt die Frau mich und steuert deshalb geradewegs auf mich zu. Oder aber die Frau kennt mich wegen dieser blöden Plakate, auf denen ich letztes Jahr für meine Radiosendung geworben habe. In diversen U-Bahn-Stationen waren die Wände neben den Rolltreppen damit gepflastert gewesen. Das hatte Kate noch gefehlt: ein betrunkener Fan, der sie in der U-Bahn belästigte. Ihre Atmung beschleunigte sich. O Gott, flehte sie im Geiste, ich möchte einfach nur nach Hause!

Der Zug fuhr in den U-Bahnhof Camden ein. Sobald die Türen aufglitten, fiel die Frau ebenso unelegant aus dem Waggon, wie sie hineingestolpert war. Sie landete auf Knien auf dem Bahnsteig, die Hände vorgestreckt, um den Sturz abzufangen. Kate atmete erleichtert auf, weil sie endlich weg war.

Dann jedoch – und hinterher hätte sie nicht mehr sagen können, warum sie es getan hatte – drehte Kate sich zu der Frau um, die über den Bahnsteig torkelte. Hatte Kate ein schlechtes Gewissen bekommen? Aus welchen Gründen auch immer, jedenfalls sah sie ihr zum ersten Mal richtig ins Gesicht. Sie sah die angsterfüllten Augen, den starren, glasigen Gesichtsausdruck, und Kate zog sich der Magen zusammen. Gleichzeitig wurde ihr eiskalt.

Sie kannte die Frau tatsächlich, kannte ihr Gesicht. Es war ein Gesicht aus der Vergangenheit, das ihr einst sehr vertraut gewesen war. Manche Leute kannten es aus dem Fernsehen: als frostige Anwältin Julia Harkness aus der Nachmittagsserie Lawyers. Die Schauspielerin hieß Harriet Fox. Kate hatte sie noch als Hattie Fox gekannt, eine Freundin, Feindin, Mitschülerin an der berühmten Schule Lady Jane Grey, an der sie beide so etwas wie Außenseiterinnen gewesen waren. Seit zwanzig Jahren hatte Kate sie nicht mehr gesehen.

»Hattie!«

Kates Stimme hallte laut von den gefliesten Wänden und Decken des Tunnels wider, der zwischen den beiden Bahnsteigen der U-Bahn-Station Camden verlief. Hattie wollte anscheinend zur Edgware-Linie, denn sie drängte sich durch die Menschenmenge, die nach links Richtung Rolltreppe eilte. Kate folgte ihr. Kurz bevor die Türen zugingen, war sie aus dem Zug gesprungen, angetrieben von dem seltsamen Drang, Hattie zu helfen. Falls sie denn Hilfe brauchte. Vielleicht war Hattie auch einfach bloß betrunken: besoffen und von Wahnvorstellungen getrieben. Wäre ja nicht das erste Mal. Doch etwas an Hatties ängstlichem Blick hatte Kate zu dem spontanen Entschluss gebracht, aus dem Zug zu steigen, um ihrer alten Freundin zu helfen. Im Grunde schämte sie sich, weil sie zuvor versucht hatte, sie zu ignorieren.

In der Menge konnte Kate nur Hatties blonden Schopf ausmachen, der schwankend den Bahnsteig entlangwippte. Falls Hattie Kates Ruf gehört hatte, veranlasste sie das lediglich, noch schneller zu laufen. Sie bewegte sich sogar erstaunlich schnell. Möglicherweise rannte sie trotz der lächerlich hohen Absätze. Kate bahnte sich ihren Weg durch das Gedränge, so rasch sie konnte. Dabei klang ihr noch Hatties ängstliches Heulen in den Ohren. Wieder rief sie ihren Namen, diesmal lauter. »Hattie, warte! Ich bin’s, Kate! Bleib stehen!«

Hattie wandte den Kopf ein wenig, genug, dass Kate ihr vertrautes Profil sehen konnte: mager und begierig wie das eines hungrigen Vogelkükens. In ihren Augen war Angst, ja Panik. Hattie bewegte sich noch hastiger, und Kate sah, wie sie gegen die Metallschranke krachte, die sich vor dem Bahnsteig Richtung Edgware befand und die Leute davon abhalten sollte, gefährlich schnell auf den Bahnsteig zu stürmen und über die Kante auf die Gleise zu stürzen.

Kate beobachtete, wie Hattie nach rechts bog und den Bahnsteig entlanglief, und verlor sie für einen Moment aus den Augen. Dann war sie selbst auf dem Bahnsteig angekommen, konnte die Freundin aber nicht gleich entdecken. Kate keuchte und war bei aller Sorge wütend auf sich, weil sie sich auf dieses aussichtslose Unterfangen eingelassen hatte, doch sie würde trotzdem nicht aufgeben. Sie würde es sich nie verzeihen, wenn Hattie etwas zustieß.

Hektisch suchte Kate die Menge ab. Am anderen Ende des Bahnsteigs stand eine ganze Traube von Menschen dicht an der Kante, routinierte Pendler, die genau wussten, wo die Türen aufgehen würden, wo sie am ehesten eine Chance auf einen Sitzplatz hatten oder wo wenigstens nicht so ein Gedränge herrschte wie in den vorderen Wagen. Und mitten zwischen Männern in Anzügen und Frauen in Wintermänteln und Schals entdeckte Kate Hatties blonden Haarschopf. Sie rief ihren Namen und winkte. »Hattie! Ich bin’s, Kate. Kathryn. Kathryn Small von der Lady Jane.«

Diesmal blieb Hattie stehen und erstarrte. »Wir haben etwas Furchtbares getan.« Hatties dürre Finger bohrten sich in Kates Schultern. Ihr Atem stank nach Gin, und sie beugte das hagere Gesicht zu Kate, als sie die Worte flüsternd wiederholte, wobei ihr Atem Kates Ohr kitzelte. »Wir haben etwas Furchtbares getan.«

»Was meinst du?«, fragte Kate. »Wer? Was? Was hast du gemacht?«

Die Inbrunst, mit der Hattie sprach, gefiel Kate nicht. Doch ihre Frage ging im Rauschen des einfahrenden Zuges unter. Kate drehte sich um. »Edgware« leuchtete oberhalb des Fahrerfensters. Rings um sie herum setzte Geschubse ein wie immer auf belebten Bahnsteigen. Die Leute drängelten zu den Stellen, an denen die Türen aufgehen würden. Kate überlegte, was sie tun solle. Wie konnte sie Hattie aus dem Gedränge zur Rolltreppe lotsen, und wo würde sie um diese Zeit in Camden ein halbwegs ruhiges Café finden? Sie wollte erfahren, was los war, was Hattie solche Angst einjagte. Oder vielleicht sollte sie Hattie einfach nur in ein Taxi setzen und nach Hause schicken.

All diese Gedanken wirbelten Kate durch den Kopf, und sie bereute bereits, dass sie sich eingemischt hatte. Zugleich fragte sie sich, was Hattie mit ihren Worten gemeint hatte. Müde und schlecht gelaunt erinnerte Kate sich daran, wie oft sie sich früher in die Eskapaden der betrunkenen Hattie hatte hineinziehen lassen. Noch während Kate all das dachte, merkte sie, dass Hatties Finger ihre Schultern freigaben, und für einen winzigen Moment war sie erleichtert.

Bis sie merkte, dass Hattie sich auf einmal von ihr wegbog. Was passierte, ließ sich schwer beschreiben. Hattie war plötzlich nicht mehr bei ihr, nicht mehr auf dem Bahnsteig. Sie kippte rückwärts ins Bodenlose. Ihr Gesicht war vollkommen ausdruckslos. Und in dem Bruchteil einer Sekunde, der eine Ewigkeit anzudauern schien, musste Kate flüchtig an die Fallübungen aus dem Theaterkurs in der Schule denken. Dort hatten sie gelernt, sich so nach hinten fallen zu lassen, um zu beweisen, dass sie den anderen Schülerinnen vertrauten. Aber Hattie kippte immer weiter nach hinten, und da stand niemand, um sie aufzufangen. Unterdessen kam der Zug näher. Als Kate hinsah, bemerkte sie die weit aufgerissenen Augen des Zugführers. Gleich darauf kreischten die Bremsen schrill und ohrenbetäubend. Aus allen Richtungen kam Geschrei, bevor ein lauter, dumpfer Knall ertönte, als die Zugfront auf etwas Weiches prallte. Überall war Blut, und Hattie war nicht mehr da. Ein besonders lauter Schrei ertönte in Kates unmittelbarer Nähe, und sie fragte sich, wer dieses abscheuliche Geräusch machte. Erst da begriff sie, dass sie es selbst war, die da schrie. Sie schlug beide Hände vor den Mund, damit das Schreien aufhörte, und da bemerkte sie, dass ihre wunderschönen neuen Lederhandschuhe voller Blut waren.

ZWEI

Noch vor vier Stunden hatte Kate sich darauf gefreut, in ein leeres Haus zu kommen. Nun aber, als das Taxi in ihre Straße einbog, hätte sie fast alles dafür gegeben, dass Neil da wäre. Sie wünschte sich, dass sämtliche Fenster hell erleuchtet wären, wie es Neils verschwenderischer Gewohnheit entsprach. Sie wollte hineingehen und ihn ausgestreckt auf dem Sofa vorfinden, wo er sich eine Sendung auf CNN ansah, vor ihm auf dem Fußboden ein Stapel von Aluschalen mit Curry vom Inder und ein paar leere Bierdosen. Sie wollte, dass er aufstand, sie in die Arme nahm und eine Hand auf ihren Hintern legte. Könnte er sie doch nur festhalten und ihr sagen, dass alles wieder gut würde!

Sie hatte vorgehabt, ihn anzurufen. Eine Trennung auf Probe schloss gewiss nicht aus, dass eine Frau in einem solchen Moment ihren Mann anrief. Also sagte sie sich, sie werde ihn anrufen, sobald ihr Zittern nicht mehr so stark war und sie das Telefon halten und die richtigen Tasten drücken konnte. Doch zuerst hatte sie mit der Bahnpolizei reden müssen. Sie hatte sich bemüht zu beschreiben, was geschehen war, wie verängstigt Hattie in der U-Bahn gewirkt, wie sie sich benommen hatte. Aber die Polizisten hatten sie dauernd unterbrochen und Fragen gestellt, auf die Kate keine Antwort hatte. Vielleicht war das, was sie erzählt hatte, auch zu wirr gewesen. Das war durchaus möglich.

Und dann war sie trotz ihres Protests in einem Krankenwagen zur Unfallklinik gefahren worden. In einem Krankenwagen! Als hätte sie durch die Ereignisse irgendwelche Verletzungen erlitten. »Schock« hatten sie es genannt, ein Wort, das jedoch nicht annähernd beschrieb, wie sie sich gefühlt hatte und noch immer fühlte. So hatte sie im Leben noch nicht gefroren. Ihr war durch und durch kalt, als könne ihr nie wieder warm werden. Sie hatte derart vor Kälte gebibbert, dass sie tatsächlich ihre Zähne klappern hörte. Unterdessen hatte sie um jeden Atemzug gerungen, als wäre sie kurz vorm Ersticken. Ja, sie hatte sich schrecklich gefühlt, bloß verstand sie nicht, was ein Trupp Sanitäter, das Personal einer Unfallstation oder ein Haufen Ärzte daran ändern könnten. Sie wollte einfach nur nach Hause und für immer schlafen.

Jemand hatte ihr eine Decke umgelegt und sie auf einen Plastikstuhl in einen Krankenhausflur gesetzt, wo sie warten sollte. Irgendwann hatte sie dort noch mal mit der Polizei geredet, obwohl sie sich nur noch erinnerte, dass sie auf ein Paar dicke schwarze Schnürschuhe gestarrt hatte, während sie den Kopf zwischen die Knie geklemmt hatte und gegen die Übelkeit ankämpfte, die sie in Wellen überkam.

Schließlich war ihr die Warterei zu blöd gewesen. Alle schienen vergessen zu haben, dass sie da war. Immer noch frierend, zitternd und in die Decke gehüllt, war sie den Gang hinunter bis zu einer Toilette gegangen, wo sie sich Wasser ins Gesicht spritzte. Im Spiegel hatte sie gesehen, dass ihre Lippen blau waren. Und dann war sie, weil sie eigentlich nicht wusste, was sie tun sollte, nach draußen getrottet und hatte sich ein Taxi herbeigewinkt.

Nun war sie hier, schlotterte nach wie vor unter der blauen Krankenhausdecke, stieg aus dem Taxi und wollte den Fahrer bezahlen. Aber ihre Finger, inzwischen ohne Handschuhe, waren fast zu eisig, um Geld aus ihrem Portemonnaie zu holen. Das Haus war dunkel, alle Vorhänge waren noch offen, und die Fenster wirkten wie tote Augen. Während Kate sich mit dem Hausschlüssel abmühte, kam ihr in den Sinn, dass Nachbarn, die sie zufällig sahen, denken mussten, sie kehre sturzbetrunken von einem Kneipenabend in der Stadt zurück. Sie stieß die Vordertür auf und trat sie mit dem Fuß zu, sobald sie drinnen war, während sie nach dem Lichtschalter tastete. Das Licht in der Diele erschien ihr unerträglich grell. Sie musste sich eine Hand über die Augen halten, um es abzuschirmen, und sackte auf die Holzdielen, viel zu erschöpft, zittrig und benommen, um noch irgendetwas zu tun.

»Was ist los?«

Neil war Anrufe mitten in der Nacht gewöhnt. Immer meldete er sich mit klarer Stimme und wirkte hellwach, selbst wenn er es nicht war. In seinem Job bedeutete ein nächtlicher Anruf, dass etwas »los« war. Und das war gleichbedeutend mit einer Story: ein Toter, ein »Zwischenfall«, Schlagzeilen.

»Was ist los?«, fragte er wieder, stützte sich mit dem Ellbogen auf dem Kissen auf und versuchte, die Anrufernummer auf dem Display seines Handys zu lesen. Mist! Es war Kate. Er sprach betont sanft: »Liebling, was ist denn? Was ist passiert?«

Kate neigte nicht zum Weinen. Sie war eine ganz Zähe. Selten hatte er einen Gefühlsausbruch bei ihr erlebt. Das war eines der Dinge, die er an ihr liebte und bewunderte. Und so absurd es schien, hatte gerade diese Eigenschaft zur Zerrüttung ihrer Ehe beigetragen – zu ihrer Entfremdung, der Trennung auf Probe oder wie immer sie es bezeichnen wollten. Kate hatte ihn nie mitten in der Nacht angerufen, um ihm weinend ihr Herz auszuschütten, nicht einmal in ihren schlimmsten Momenten. Folglich musste Neil schlucken, als er sie nun so furchtbar schluchzen hörte. Er fühlte, wie sein Herz hämmerte. Das war unheimlich.

Die Handyverbindung war schlecht, und Neil verstand nur, dass Kate etwas von einer Schulfreundin redete, einer alten Schulfreundin. Er strengte sich an, ihr zu folgen, aber weil er erwartet hatte, dass es um ihn und sie ginge, um ihre Beziehung, brauchte er eine Weile, bis er Kate richtig zuhören konnte. Soweit er sich entsinnen konnte, hatte Kate nie irgendwelche alten Schulfreundinnen erwähnt, kein einziges Mal. Auch das mochte und hasste er an ihr: keine alten Freundinnen, die man besuchen oder zum Dinner einladen musste, um so zu tun, als möge man sie. Zugleich hatte er stets das ungute Gefühl gehabt, dass Kate zu viel verbarg. Eine alte Schulfreundin war gestorben, das erzählte sie ihm. Traurig, ja, aber wieso rief sie ihn um diese Zeit an, um ihm davon zu erzählen? Warum war sie deshalb so außer sich?

Mit einer Hand hielt er sich das Telefon ans Ohr und schwang sich aus dem Bett. Er war unterwegs, um für einen Fernsehdokumentarfilm zu recherchieren, und übernachtete in einem billigen Hotel. Im Zimmer roch es nach dem Curry, das er sich am späten Abend bei einem indischen Schnellimbiss geholt und während einer Late-Night-Fernsehshow verspeist hatte, wobei er Naan-Brot anstelle von Besteck benutzt hatte. Neil ging hinüber zum Fenster und zog den Vorhang ein kleines Stück beiseite. Die Aussicht war dieselbe, die man in England von allen Hotels dieser Billigketten am Stadtrand hatte: ein Parkplatz, dann eine Hauptstraße, jenseits der Straße ein Baugrundstück, ein McDonald’s und eine Tankstelle. Anonym, deprimierend, austauschbar. Neil hatte schon Mühe, sich an den Namen des Ortes zu erinnern, in dem er war. Irgendwo in der Gegend um Birmingham, wo die West Midlands in Richtung Malverns, Cotswolds – oder was auch immer – ländlicher wurden. Mehr fiel ihm gerade nicht ein. Und währenddessen schluchzte sich seine Frau – seine entfremdete Frau – in London die Seele aus dem Leib, ohne dass er begriff, wieso.

»Warst du gut mit ihr befreundet? Bist du deshalb so fertig? Erzähl mir alles!« Der letzte Satz kam quasi automatisch heraus, und unwillkürlich verzog er das Gesicht. Das war der Fluch des Journalisten: Solche Fragen gingen ihm wie von selbst über die Lippen und klangen folglich nicht ernst gemeint.

»Neil, du verstehst mich nicht. Hör mir zu! Ich habe sie gesehen!«, schluchzte Kate seltsam kehlig und abgehackt, als drohe sie an ihren Worten zu ersticken. »Ich war da. Ich hab’s gesehen! Ich hab gesehen, wie sie starb!«

Und schließlich begriff er. Es traf ihn wie ein Hieb, und er sackte fröstelnd auf die Bettkante. Beinahe konnte er es vor sich sehen: den Zug, die Leiche, das Blut. Kate, die dastand und alles mit anschaute. Er wollte bei ihr sein, sie in die Arme nehmen, sofort. »Ich komme nach Hause«, sagte er. »Auf der Stelle. Ich bin so schnell bei dir, wie ich kann, okay?«

»Okay«, hauchte sie matt. Er hörte, wie sie wieder schluchzte, und musste schlucken. »Ich weiß nicht, was ich machen soll«, flüsterte sie mit gebrochener Stimme. »Ich weiß überhaupt nicht, was ich machen soll.«

Ihre Verzweiflung erschien ihm viel zu groß, um am Telefon etwas ausrichten zu können. Am liebsten hätte er durch das Kabel gegriffen und Kate festgehalten, sie nie mehr losgelassen. Doch selbst wenn er in diesem Moment bei ihr gewesen wäre, hätte er gar nicht gewusst, ob er dazu noch das Recht besaß. Mit den Regeln, die zwischen einander entfremdeten Ehepartnern galten, kannte er sich nicht aus. Fürs Erste rettete er sich in pragmatische Ratschläge. »Mach dir eine Tasse von dem Kräutertee, den du gern trinkst, und dann ruf deinen Chef an und sag ihm, dass du morgen nicht zur Arbeit kommst. Anschließend gehst du ins Bett. Versuch zu schlafen. Ich fahre sofort los und bin so schnell wie möglich zu Hause.«

Zu Hause, dachte er, als er das Gespräch beendete. Ja, es ist immer noch mein Zuhause.

»Versuch zu schlafen«, hatte er gesagt. Und Kate versuchte es. Ja, sie versuchte es wirklich. Bevor sie ins Bett gegangen war, hatte sie ihrem Chef eine Nachricht aufs Band gesprochen, ihm kurz erklärt, was geschehen war. Dabei staunte sie selbst, wie ruhig ihre Stimme geklungen hatte. Sie hatte sich einen Becher Kamillentee aufgebrüht und ihn getrunken, während sie ein Lavendelschaumbad nahm und Radio Two hörte. Vergeblich hatte sie sich bemüht, dem sinnentleerten Geplauder einer Late-Night-Sendung zu lauschen, und gehofft, dass es die Stimmen und die Schreie in ihrem Kopf übertönen würde. Dann, in den frühen Morgenstunden, war sie unter ihre warme Bettdecke geschlüpft, hatte die Nachttischlampe ausgeschaltet und versucht, den Schlaf herbeizuzwingen.

Und das tat sie immer noch. Sie lag im Bett, schweißnass, auf einem unbequem verrutschten, faltigen Laken. Inzwischen war sie so weit zu glauben, dass sie wohl nie wieder würde schlafen können. Nie. Jedes Mal, wenn sie die Augen schloss, sah sie Blut, als sei es ihr auf die Innenseiten der Lider gespritzt. Und die Blutflecken verliefen ineinander, bildeten Lachen, die ihr gesamtes Denken überfluteten. Sie sah Arme, die nach ihr griffen, sie stießen und schubsten; die verängstigten Augen des Zugführers; das Wort »Edgware« oben an dem Zug. Schreie, Stoßen, Schubsen. Sie hörte das entsetzliche Geräusch, als Hatties Körper gegen den Zug geprallt war, ein lauter, aber dennoch weicher Ton. Als Kate einmal kurz vorm Einschlummern war, hatte sie das Gefühl, abrupt in die Tiefe zu sinken. Ihr war, als falle sie und müsse jeden Moment hart aufschlagen, so hart, dass sie fast meinte, die Blutergüsse spüren zu können, die sie davontragen würde. Ein myoklonisches Zucken. Kate wusste, dass es ein einfach zu erklärendes, rein physisches Phänomen war. Die Muskeln spannten sich an und lockerten sich wieder. Dennoch ließ der Schreck sie unkontrolliert zittern.

Durch jahrelange Erfahrung mit ungewöhnlichen Arbeitszeiten und ständig sich ändernden Schichtplänen hatte Kate gelernt, dass es bei Einschlafschwierigkeiten zwecklos war, es weiter krampfhaft zu versuchen. Deshalb bemühte sie sich stattdessen, richtig wach zu werden, zog sich ihren Morgenmantel an, schaltete die Nachttischleuchte ein und nahm sich den Krimi, der aufgeschlagen auf dem Nachttisch lag. Sie versuchte sich auf die Geschichte zu konzentrieren und sich zu erinnern, was bisher geschehen war. Aber die Worte blieben vollkommen belanglos und nichtssagend.

Kate merkte, dass sie schon wieder zitterte und sich wie eine Besessene vor- und zurückwiegte. Ihre Fingernägel bohrten sich in die Handflächen, weil sie die Fäuste zu fest ballte. Dann bemerkte sie, wie sie ihre Haut rieb, auf den Armen und im Gesicht, bis sie sich wund anfühlte. Blut, das war es, was sie wegwischen wollte. Dann fiel ihr ein, was sie tun musste. Obwohl sie erst vor wenigen Stunden ein langes Bad genommen hatte, ging sie nach unten in das neu eingebaute, moderne Duschbad. Dort drehte sie die Dusche so heiß auf, wie sie es eben noch aushielt, stellte sich unter den Strahl und wusch sich, wieder und wieder, schrubbte sich überall ab. Ihr war klar, dass sie längst sauber war. Und trotzdem musste sie sich immer weiter waschen. Dieser Drang machte ihr Angst. Das letzte Mal hatte sie ihn an dem schrecklichen Tag vor zwei Jahren verspürt: an dem Tag, an dem sie das dritte Baby verloren hatte.

Hinterher zog Kate sich ihre Hausschuhe und den Morgenmantel an und ging in die Küche. Statt Kräutertee machte sie sich Kaffee, aufpeitschenden, dunklen, starken, anständigen Kaffee. Mit zitternder Hand zählte sie die Löffel dunkelbrauner, duftender Kaffeebohnen ab. Wenn Schlaf ihr bloß Albträume brachte, hielt sie sich lieber wach.

Hattie Fox war tot. Die freizügige, glamouröse Hattie Fox. Die schwierige, problemgeplagte Hattie Fox. Kate erinnerte sich, wie sie Hattie zum ersten Mal gesehen hatte, wie strahlend, wunderschön und interessant sie gewesen war, wie sehr Kate sich gewünscht hatte, mit ihr befreundet zu sein. Und sie erinnerte sich an das letzte Mal, dass sie Hattie gesehen hatte, vor langer Zeit – das letzte Mal vor dem gestrigen Abend. Es war an jenem Abend gewesen, als Kate beschlossen hatte, ihre Freundschaft zu beenden. Sie erinnerte sich noch an das Gefühl, als sie Hattie schließlich den Rücken gekehrt hatte. Eine Mischung aus Erleichterung und Wehmut über den Verlust. Und nun war sich Kate unschlüssig, ob sie überhaupt trauern sollte. Im Augenblick war der Schock noch so gegenwärtig, dass sie gar nicht wusste, was sie empfinden sollte. Eigentlich war sie nur benommen. Vielleicht richtete das der Schock mit einem an. Aber tief in ihr regten sich noch andere Gefühle und drängten an die Oberfläche: Schuld, Verärgerung, Wut, Unglaube. Und Neugier. Abermals wurde sie in Hatties Drama hineingezogen. Wir haben etwas Furchtbares getan. Was hatte Hattie damit gemeint?

Neil öffnete die Haustür mit dem Schlüssel, den er behalten hatte. Zum ersten Mal seit drei Wochen betrat er das Haus wieder. Die Luft roch etwas anders: frisch, klar, dünn. Er fand Kate schlafend in der Küche, den Kopf auf die verschränkten Arme gesenkt, eine fast volle Tasse kalten Kaffees vor sich auf dem Tisch. Ihr glattes braunes Haar war zu einem der merkwürdigen Halbpferdeschwänze hochgebunden, die sie sich gern machte: das Haar einmal verschlungen und mit einem stoffumhüllten Gummi fixiert. Neil hatte ihr gern dabei zugesehen, wie sie sich das Haar hochband. Dabei konnte er die blasse Innenseite ihrer durchtrainierten Oberarme sehen, die so zart und verletzlich schien. Kates Gesicht drückte sich halb in ihre Armbeuge. Als Neil sich einen Stuhl neben sie zog, konnte er nicht umhin, mit dem Finger über ihre zarten sommersprossigen Wangenknochen zu fahren. Das war ein Fehler, denn Kate schrak auf. Nein, »aufschrecken« traf es nicht richtig, denn ihr gesamter Körper zuckte so heftig, dass der Tisch sich ein Stück hob und klappernd wieder auf die Fliesen aufsetzte, wobei etwas kalter Kaffee auf den Untersetzer überschwappte. Neil griff nach ihrem Arm, um sie zu beruhigen, doch Kate starrte ihn mit einem solch vehementen Entsetzen an, dass ihm eiskalt wurde.

»Schatz«, sagte er wieder und wieder, hielt sie in den Armen und strich ihr beruhigend das Haar aus dem Gesicht. Kate zitterte, weinte jedoch nicht. Und das machte Neil Sorgen, denn er glaubte, irgendwo gelesen zu haben, dass Menschen einen Schock nur überwanden, wenn sie sich zu weinen erlaubten. Zudem sprach Kate kaum und beantwortete seine Fragen lediglich mit einem erstickten Gemurmel. Neil wusste nicht recht weiter. Sollte er sie zum Reden drängen? Lieber alles rauslassen, als es in sich reinfressen, pflegte seine Mutter zu sagen, wenn ihn etwas bedrückte, und er hatte diesen Satz oft in seinem Beruf genutzt, wenn er Leute bewegen wollte, mit ihm zu reden und ihm ihre tragischen Geschichten zu erzählen. Er hatte keine Ahnung, was er tun sollte, außer Kate festzuhalten und sie nie wieder loszulassen. Genau das machte er, stand mit ihr in der Küche, eng umschlungen, als könne sie nichts mehr trennen. Da klingelte das Telefon.

Neil spürte, wie Kate sich in seinen Armen verkrampfte. Dann griff sie, unfassbar für ihn, nach dem Telefon und ging nach dem dritten Klingeln dran. Wahrscheinlich handelte sie instinktiv, denn schließlich waren sie beide darauf gedrillt, bei Anrufen zu seltsamen Zeiten – wie jetzt, um halb sieben morgens – Wichtiges zu vermuten. Neil streckte die Hand aus, um ihr das Telefon abzunehmen, doch Kate sprach bereits. »Ja. Klar. Kein Problem.«

Gleichzeitig löste sie sich aus Neils Umarmung, wobei sie peinlich berührt wirkte, verlegen, weil sie sich von ihm hatte halten lassen. Neil hörte aufmerksam zu und versuchte zu erraten, wer der Anrufer sein mochte. Immer noch zitterte Kate, und ihr Blick wirkte leer, obgleich ihre Stimme so klar, wach und konzentriert klang wie immer, wenn sie telefonierte. Sie stand da, das Telefon am Ohr, während Neil ihr bedeutete, sie möge ihm stumm mitteilen, mit wem sie redete. Doch das tat sie nicht. Stattdessen drehte sie sich zur Küchenwand um. Wie Neil es hasste, wenn sie das machte! Sie fingerte an dem Kalender herum, der dort hing. Und dann hörte Neil, wie Kate wieder sprach; gefasst und unaufgeregt begann sie, über das zu sprechen, was sie am vorigen Abend erlebt hatte: der wohlformulierte, klare Bericht einer Tragödie. Wie sie Hattie in der U-Bahn gesehen hatte – nein, sie nannte sie Harriet, sehr formell; wie der Zug im Tunnel stecken blieb und Harriet darob in Panik geriet. Gefasst erzählte sie, wie sie Harriet in Camden auf den Bahnsteig gefolgt war und sie stürzen sah, mit ansah, wie sie unter den einfahrenden Zug fiel. Neil beobachtete Kate, nach einem Anflug von Emotionen suchend, den er nicht entdecken konnte. Kate verstummte, hörte anscheinend dem Anrufer zu, dann sprach sie wieder: von ihrem Schock und ihrer Trauer, allerdings in einem Tonfall, der meilenweit entfernt von Schock und Trauer war.

In dem Moment begriff er, was sie tat. Verdammt, sie gab ein Radiointerview! Sie redete mit ihrem Sender, war live auf Sendung, in den Nachrichten, und berichtete den Zuhörern vollkommen ruhig, was sie ihm nicht erzählen konnte – oder wollte.

DREI

Kate wachte von den Klängen von »Five Live« auf, die aus Neils Arbeitszimmer kamen. Er war also noch hier, und sie fragte sich, wie es ihr damit ging. Wenn sie ehrlich war – und wahrscheinlich würde sie es ihm nicht sagen -, gab ihr seine Nähe eine gewisse Vertrautheit, das Gefühl, ein bisschen menschlicher zu sein. Sie stand auf und zog sich eine Jogginghose und ein T-Shirt an. Es war gerade vier Uhr nachmittags, wie sie feststellte, bevor sie sich das Haar zu einem losen Knoten hochband und die Vorhänge ein Stück aufzog. Draußen war es schon dunkel. Sie hatte den ganzen Freitag verloren.

Im Bad neben dem Schlafzimmer betrachtete Kate sich im Spiegel. Ihr fiel auf, dass sie noch blasser war als sonst. Sie hatte Ringe unter den Augen, dunkel wie Hämatome. Nachdem sie sich Wasser ins Gesicht gespritzt hatte, tapste sie hinunter ins Souterrainzimmer, das sie sich als Fitnessraum eingerichtet hatte. Sie brauchte Zeit für sich, musste sich den Kopf freistrampeln und ihre Gedanken ordnen.

Warum bin ich ihr nachgegangen? Wieso bin ich ihr gefolgt? Warum habe ich mich da hineinziehen lassen? Kates Gehirn pumpte die Fragen im Takt des Rudergeräts an die Oberfläche. Sie begann langsam, wurde mit jedem Schlag schneller und schneller, bis sie schließlich ihr Idealtempo gefunden hatte. Eine Weile wurde sie wieder langsamer, dann erneut schneller. Ihr Haar wehte im Luftzug der Maschine, und ihr ganzer Körper arbeitete im perfekten Rhythmus. Das heißt, alles außer ihrem Kopf, der nicht aufhören wollte, bohrende Fragen zu produzieren: Warum war sie Hattie nachgelaufen? Warum hatte sie versucht, ihr zu helfen? Was brachte sie dazu, sich wieder einmal einzumischen? Hatte sie sich nicht geschworen, es nie mehr zu tun?

Kate hatte Hattie geliebt und sie auch gehasst, manchmal hatten beide Gefühle sich sogar in kurzer Folge abgewechselt oder gleichzeitig eingefunden. In der Schule hatte Hattie tatenlos zugesehen, sich bisweilen gar beteiligt, wenn die anderen Mädchen Kate das Leben zur Hölle machten. Hinterher jedoch genügten ein freundliches Lächeln, ein paar nette Worte, und schon glaubte Kate wieder, in Hattie eine Verbündete, ja, eine Freundin zu haben. Wenige Gesten hatten schon gereicht, dass Kate ihr dankbar war. »Erbärmlich dankbar«, sagte sie sich jetzt.

Hattie war eine Drama-Queen gewesen, bevor dieser Ausdruck überhaupt erfunden wurde. Oder eine zutiefst verstörte, gequälte Seele. Da war Kate sich nie so ganz sicher gewesen. Sie wusste lediglich, dass Hattie sie manchmal gemocht hatte. Ab und zu war Hattie nett zu ihr gewesen. Weit häufiger aber nahm Hattie sie als selbstverständlich hin. Und Kate kam herbeigelaufen, wenn Hattie sie brauchte. Immer. Die Macht der Gewohnheit. Als wäre sie Hattie irgendetwas schuldig gewesen.

Als Kate sie zum ersten Mal gesehen hatte, war Hattie allein gewesen. Und einen winzigen Moment lang hatte Kate wider alle Vernunft gehofft, sie könnten Freundinnen werden. Hattie hatte auf der Lehne eines alten Sessels im Gemeinschaftsraum der Oberstufe gehockt. Es war der erste Schultag nach den Sommerferien auf der Lady Jane Grey gewesen. Hattie hatte bestickte chinesische Pantoffeln getragen und die Füße auf das zerschlissene Sitzpolster gestützt. Mit beiden Händen hatte sie sich an einen Kaffeebecher geklammert, als hinge ihr Leben davon ab, dass ihr der Becher Wärme spendete. Als Kate in den Gemeinschaftsraum kam, in dem außer ihnen beiden niemand war, hatte Hattie aufgesehen und ihr freundlich zugelächelt.

»Hallo«, begrüßte sie Kate. »Ich bin Harriet Fox, aber alle nennen mich Hattie. Ich bin neu hier. Ich habe mir einen Kaffee gemacht. Das war hoffentlich okay, oder?«

Kate nickte und merkte, wie sie rot wurde. Hatties Selbstvertrauen verschlug ihr die Sprache. Ihre Stimme war klar und warm mit einer interessant klingenden rauchigen Note. Sie schaffte es, gleichzeitig arrogant – nein, nicht arrogant, sondern »vornehm«, wie Kates Mutter sagen würde – und eindeutig nach London zu klingen. Für Kate hörte Hattie sich wie eine Erwachsene an, wie jemand, der es gewöhnt war, Fremde selbstbewusst anzusprechen. Kate hatte den Mund geöffnet, um etwas zu sagen, irgendetwas. Aber dann war ihr Hatties rosa-silbernes Fünfzigerjahrekleid aufgefallen, und sie hatte den brüchigen Silbernagellack und den hennagefärbten Bob wahrgenommen, der Hatties schmales, blasses Gesicht rahmte. Es wäre zwecklos, hatte Kate gedacht, und in dem vertrauten Gefühl von Resignation ließ sie die Schultern hängen. Hattie war viel zu glamourös, zu schick, zu besonders, um sich mit Kate anzufreunden. Und während Kate ehrfürchtig schweigend dastand, ging die Tür hinter ihr auf und eine ganze Horde großer, selbstbewusster, arroganter Mädchen stürmte herein, die sich mit lauten, selbstbewussten, arroganten Stimmen über ihre aufregenden, exotischen Sommerferien unterhielten. Kate hatte gespürt, wie sie in sich zusammenschrumpfte. Noch ehe jemand sie bemerkte, hatte sie sich leise aus dem Gemeinschaftsraum geschlichen, die kurze Treppe hinunter in die ruhige, nach Möbelpolitur duftende Bibliothek. An ihren Zufluchtsort.

Kate hatte kein weiteres Jahr auf der Lady Jane Grey bleiben wollen. Mit Engelszungen hatte sie auf ihre Mutter eingeredet, dass es besser wäre, wenn sie die Schule verließ und ihren Abschluss am örtlichen College machte, zusammen mit einigen ihrer alten Freundinnen aus der Grundschule.

»Das ist wirklich viel erwachsener«, hatte sie gefleht, wenngleich sie keinerlei Hoffnung hegte, ihre Mutter umstimmen zu können. »Viel eher wie an der Uni, mit Vorlesungen und Seminaren statt Klassen. Da lerne ich, wie ich richtig studiere.«

Aber ihre Mutter war nicht zu überzeugen. »Bist du verrückt geworden? Du hast ein Stipendium an einer der besten Schulen im ganzen Land und willst auf ein bescheuertes College? Ich dachte, du willst nach Oxford oder Cambridge. Ich dachte, du wolltest mal was Richtiges werden. Das wirst du bestimmt nicht, wenn du deinen Abschluss an einem Wald-und-Wiesen-College machst. Dazu musst du schon auf der bescheuerten Lady Jane Grey bleiben.«

Die Art, wie ihre Mutter das Wort »bescheuert« benutzte, störte Kate auf eine Weise, die sie nicht einmal beschreiben konnte. Es kam ihr kleingeistig und provinziell vor. Wieso konnte sie nicht einmal richtig fluchen? Die Mädchen in der Schule fluchten andauernd, schmückten ihre selbstbewussten, arroganten Sätze zu gern mit »beschissen« oder »Scheiße« aus. Aber wahrscheinlich war es snobistisch von Kate, so über ihre Mutter zu denken. Sie fühlte sich hin- und hergerissen, gefangen zwischen zwei Welten, in die sie nicht hineinpasste. Und das war nur eines der kleinlichen Ärgernisse jenes Sommers. Kate hätte eine ganze Liste von Ärgernissen aufstellen können. Da war die viel zu verhaltene Begeisterung ihrer Mutter über Kates hervorragendes Zeugnis. Dann die anderen Mädchen in dem Laden, in dem Kate samstags arbeitete, die sie als Streberin bezeichneten, weil sie in der Mittagspause lieber Bücher las statt My Guy, das angesagte Teenagerblatt. Und am schlimmsten war, dass Kates Mutter schlanker Hand behauptete, Kate würde keine neuen Sachen brauchen, sondern könne in der Oberstufe ihre Schuluniform auftragen, obwohl ab diesem Jahrgang gar keine Uniformpflicht mehr bestand. Kate vermutete, dass die anderen Mädchen einen Großteil des Sommers mit dem Aussuchen von topmodischen, teuren Klamotten verbracht hatten, mit denen sie ihre Mitschülerinnen beeindrucken konnten. Derweil hatte Kate verzweifelt ihre drei weißen Schulblusen in verschiedenen Dylon-Tönen gebatikt und sich das Hirn zermartert, ob es eine witzige, modische oder wenigstens ironische Möglichkeit gab, wie sie den flaschengrünen Pullover mit dem V-Ausschnitt tragen konnte. An jenem ersten Schultag war Kate morgens zeitig aufgebrochen und hatte einen Zug genommen, der eine halbe Stunde eher fuhr, um den großen Pulk der Lady-Jane-Grey-Schülerinnen zu meiden. Sie hatte zwischen Hoffnung und Angst geschwankt: der Angst, dass die Oberstufe genauso übel würde wie die vorherigen Klassen, und der Hoffnung, dass sich etwas ändern könnte. Es sind sicher neue Mädchen dabei, hatte sie gedacht. Die kennen mich nicht, wissen nichts von meiner Herkunft oder der ganzen Geschichte. Vielleicht ist eine von denen wie ich, und ich finde eine richtige Freundin. Vielleicht wird jetzt alles anders. Deshalb hatte sie sich einen klitzekleinen Moment der Freude gestattet, als sie in den Gemeinschaftsraum kam und Hattie allein dort sitzen sah, auf der Sessellehne hockend wie ein exotischer Vogel – bevor Kates unvermeidliche Furcht sie einholte und ihre Schultern nach unten drückte.

Kate saß an ihrem Lieblingstisch in der Bibliothek, einem langen Holztisch, in dessen Platte die Initialen früherer Lady-Jane-Mädchen eingeritzt waren, die Kate mit dem Finger nachmalte. Außer ihr war niemand in der Bibliothek, schließlich war heute der erste Schultag, und bis zum Aufruf dauerte es noch fünfzehn Minuten. Von ihrem Platz aus konnte Kate den Schulhof und das Haupttor sehen. In Dreier- und Vierergruppen kamen die Mädchen in ihren flaschengrünen Blazern mit passenden Baskenmützen, blauen Röcken und grauen Kniestrümpfen durchs Tor geströmt. Alle schritten sie hocherhobenen Hauptes daher: selbstsicher, glücklich und furchtlos.

Die Bibliothek war Kate der liebste Raum im ganzen Gebäude. Dort musste man nicht mit jemandem zusammen sein, denn in der Bibliothek allein zu sitzen wirkte nicht merkwürdig, nicht sehr jedenfalls. Auf den altmodischen Holzregalen zu ihrer Linken standen Kunstgeschichtsbände, große ausgeblichene Leineneinbände voller Sepia-Reproduktionen von Gemälden Botticellis oder Michelangelos. An der Wand direkt vor Kate hing ein gerahmter Druck der »Mappa Mundi«.

Kate versuchte, eine Zeitung zu lesen, aber in ihrem Kopf wiederholte sich fortwährend die Begegnung mit Harriet Fox, Hattie, und sie überlegte, wie sie hätte anders verlaufen können. Was hätte sie sagen sollen? »Hallo, ich bin Kathryn, aber alle nennen mich Kate.«

Wäre das doch bloß wahr gewesen! Sie hätte gern gehabt, dass alle sie Kate nannten, doch die Mädchen taten es nicht. Auf der Lady Jane suchte man sich seinen Spitznamen nicht selbst aus, zumindest nicht, wenn man Kathryn Small war. Kein Mensch auf der Schule nannte sie Kate. Die meisten Mädchen sprachen sie überhaupt nicht an, oder wenn, dann riefen sie Ka-ffryn, rollten das f ins r und machten allein durch die Betonung deutlich, dass nicht einmal die Schreibweise ihres Namens stimmte und sie möglicherweise einen besseren Stand gehabt hätte, wenn ihr Name »Catherine«, »Katherine« oder »Katharine« geschrieben würde.

Was sonst hätte sie zu der Neuen sagen können? »Hör nicht auf das, was die anderen über mich sagen. Ich bin eigentlich ganz nett«? Ja, klar, das hätte sicher ganz toll funktioniert! Wie auch immer, Kate hatte gar nichts gesagt. Stattdessen saß sie nun in der Bibliothek, blätterte in einer Zeitung und wusste, dass es schon zu spät war. Sie hatte ihre Chance verpasst und musste weitere zwei Jahre allein an einem Tisch im Klassenzimmer und in der Cafeteria verbringen, ohne Freundinnen, und dabei vorgeben, dass es ihr nichts ausmachte.

Harriet Fox. Vom allerersten Tag an hieß sie bei jedermann »Hattie«. Alle hatten ihren Spitznamen einfach so übernommen; sie musste nicht einmal darauf bestehen. Hattie war aufregend, ungewöhnlich und glamourös, nicht bloß für Kate. Jeder schien das zu denken. In der Unterprima wurden begierig alle Informationen ausgetauscht, die die Mädchen über Hattie hatten, und Kate konnte nicht anders, als zu lauschen. Ihr Vater war irgendein Filmproduzent, ihre Mutter Schauspielerin. In den Sechzigerjahren war sie berühmt gewesen, hatte ihre Karriere dann aber für ihre Tochter, ein Einzelkind, an den Nagel gehängt. Hatties Vater hielt nichts von Privatschulen, weshalb Hattie auf eine berüchtigte Gesamtschule im Norden Londons gegangen war, wo sie es trotzdem schaffte, ihre mittlere Reife so gut abzuschließen, dass sie zur Oberstufe zugelassen wurde. Auf Drängen ihrer Mutter wechselte sie für die Oberstufe zur Lady Jane Grey. Die Mutter wollte, dass Hattie in Cambridge PPÖ studierte (Kate wusste nicht genau, was das war) und dort bei den »Footlights« einstieg, der Comedy-Truppe der Universität.

Hatties Kleidung sorgte ständig für Gesprächsstoff: Secondhand-Kleider aus den Fünfzigern und Sechzigern, Strumpfhosen in Bonbonfarben, die nicht unbedingt Ton in Ton mit den restlichen Sachen waren; Schuhe und Stiefel, die häufig nicht zur Rocklänge passten; Ethno-Teile wie Saris oder chinesische Pantoffeln; klobiger, unechter Schmuck, der ...

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