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Intruder – Sechster Tag

WOLFGANG
HOHLBEIN

Der Alptraum geht weiter ...

INTRUDER

Sechster Tag

Ein Horror-Trip in 6 Teilen

BASTEI ENTERTAINMENT

Sechster Tag

Pünktlich mit dem ersten Sonnenstrahl, der seinen Weg durch das mit Brettern vernagelte Fenster fand, erwachte er. Stille umfing ihn, der Geruch von Staub und das Gefühl, vollkommen allein zu sein.

Mike öffnete die Augen und hob im nächsten Moment erschrocken den Arm, um auf die Uhr zu sehen. Er war noch nicht wirklich wach. Sein Bewusstsein balancierte noch auf dem Rasierklingen dünnen Grat zwischen Traum und Realität. Für die Dauer von zwei oder drei schmerzhaften Herzschlägen weigerten sich seine Augen, das Ziffernblatt deutlicher denn als verschwommenen Fleck wahrzunehmen, und für die gleiche Zeitspanne war er felsenfest davon überzeugt, verschlafen zu haben. Er fuhr hoch, bekam einen plötzlichen und sehr heftigen Schwindelanfall und ließ sich gerade noch rechtzeitig genug wieder nach hinten sinken, um nicht vom Bett zu fallen. Sein Kreislauf kam offensichtlich nicht annähernd so schnell in Schwung wie seine Gedanken.

Immerhin hatte er nicht geträumt; wenigstens nicht so schlimm, dass er sich daran erinnerte. Er würde nie wieder träumen. Nicht so.

Mike blieb lang ausgestreckt und mit geschlossenen Augen auf dem Rücken liegen, zählte in Gedanken langsam bis acht und sah dann noch einmal auf die Uhr. Er hatte nicht verschlafen, ganz im Gegenteil. Es war noch fast eine Stunde Zeit. Er setzte sich vorsichtig auf, stützte die Ellbogen auf die Knie und verbarg für einen Moment das Gesicht in den Händen. Gut zwei oder drei Minuten lang blieb er einfach so sitzen, dann nahm er langsam die Hände herunter, versuchte die Schultern zu straffen und ließ es gleich wieder sein, als seine misshandelten Muskeln mit einem schmerzhaften Ziehen und Pochen dagegen protestierten. Erst jetzt bemerkte er, dass das Stechen in seiner Brust aufgehört hatte. Vielleicht hatte er einfach nur falsch gelegen – kein Kunststück auf dieser Folterbank von einem Bett. Gleichzeitig wusste er natürlich, dass dem nicht so war. Er war gut darin, immer neue Ausreden zu finden. Eine falsche Haltung, eine falsche Bewegung, Hunger ... es gab tausende von harmlosen Gründen, auf die man das immer heftiger und häufiger auftretende Schmerzgefühl in seiner Brust schieben konnte. Unglückseligerweise war er auch intelligent genug, um zu wissen, was es wirklich bedeutete. Ganz offensichtlich gingen Intelligenz und Dummheit gern Hand in Hand. Es nutzte nichts, zu wissen, dass all die vorgeschobenen Gründe nur Lügen waren, um sich selbst zu beruhigen. Die Lügen beruhigten ihn – zumindest kurzfristig.

Mike schob den Gedanken fast ärgerlich zur Seite. Er gab sich selbst ein heiliges Ehrenwort, sich darum zu kümmern, sobald sie wieder zurück in Deutschland waren (auch das war eine Lüge, und auch das wusste er), und erhob sich mit einer so heftigen Bewegung, dass ihm beinahe wieder schwindelig geworden wäre. Als ob er sich im Moment nicht um wirklich Wichtigeres kümmern müsste!

Aufmerksam sah er sich in dem winzigen, fast leeren Zimmer um. Gestern Abend, als er hierher gekommen war, war es dunkel gewesen. Im Schein der gelben Sturmlaterne hatte das Zimmer winzig und trostlos ausgesehen, und im kaum helleren, aber milderen Licht des hereinbrechenden Tages sah es genauso winzig und fast noch trostloser aus: ein praktisch leerer Raum, in dem es nur ein Bett, eine Kommode, die nur noch auf drei Beinen stand, und einen kleinen Tisch gab, der zwar noch alle Beine hatte, aber nicht wirklich vertrauenerweckender aussah als die Kommode. Auf dem Tisch befand sich eine Plastikflasche mit Wasser, mehrere in durchsichtiges Zellophan eingewickelte Sandwichs und ein bedrohlich aussehender Revolver mit kurzem Lauf. Neben der Waffe lagen die Schlüssel seiner Intruder und ein lieblos aus einer Straßenkarte herausgerissenes Blatt, das mit Fettflecken und Schmutz übersät war und Sanora und seine nähere Umgebung am Vergin River zwischen Littlefield in Arizona und Bunkerville in Nevada zeigte. Zwei Finger breit neben dem leicht verschobenen Quadrat, das Sanora bezeichnete, und eine Handbreit neben der gestrichelten gelben Linie der Staatsgrenze nach Nevada, war eine Markierung aus rotem Filzstift zu sehen.

Mike trat an den Tisch heran, schraubte die Wasserflasche auf und nahm einen großen Schluck. Er verzog leicht angewidert das Gesicht. Das Wasser war warm und schal. Wenn es jemals Kohlensäure enthalten hatte, war sie längst entwichen. Er ließ einige Tropfen in seine hohle linke Hand laufen und verrieb sie im Gesicht; alles andere als eine Erfrischung. Nachdem er sich gezwungen hatte, einen weiteren Schluck zu trinken, schraubte er die Flasche sorgsam wieder zu, nahm die eingewickelten Sandwichs zur Hand und warf sie achselzuckend auf die Tischplatte zurück, nachdem er festgestellt hatte, dass es sich ausnahmslos um Käsebrote handelte. Er hasste Käse. Außerdem: Wenn er daran dachte, was ihm bevorstand, dann brachte er sowieso keinen Bissen herunter.

Er nahm die Waffe zur Hand, drehte sie einen Moment unschlüssig in den Fingern und klappte schließlich die Trommel heraus. Sie war gefüllt. Er hatte kein Ersatzmagazin und würde auch keines brauchen – wenn diese sechs Patronen nicht ausreichten, dann war sowieso alles zu spät. Obwohl ihm der bloße Gedanke, auf einen Menschen zu schießen, noch immer nahezu körperliche Übelkeit bereitete, erfüllte ihn das Gewicht der Waffe zugleich mit einem fast obszönen Gefühl von Sicherheit. Nein, das stimmte nicht: Macht. Das war es, was er spürte. Die uralte Verlockung, die Waffen schon immer auf Menschen ausgeübt hatten, selbst auf die, die behaupteten, es wäre nicht so.

Hastig steckte er die Waffe ein, beugte sich über den letzten Gegenstand, der auf dem Tisch lag – die Karte – und versuchte, sich das Durcheinander aus Flecken, unleserlichen Buchstaben und scheinbar willkürlichen Linien genau einzuprägen. Schließlich faltete er die Karte umständlich wieder zusammen, schob sie in die Innentasche seiner Jacke und sah auf die Uhr. Noch gut fünfzig Minuten bis zum Start der Operation. Bannermann und sein Deputy würden ihre beiden Gefangenen um Punkt acht Uhr aus den Zellen des Sheriff ’s Office auf der anderen Straßenseite holen und in den Streifenwagen verfrachten, und er konnte es nicht riskieren, sein Versteck vorher zu verlassen.

Fünfzig Minuten können sich zu einer Ewigkeit dehnen, wenn man zum Nichtstun und Warten verdammt ist. Mike war jetzt wirklich ärgerlich auf sich, dass er so früh aufgewacht war.

Mit steifen Schritten ging er zum Tisch zurück, trank einen weiteren, großen Schluck von dem schalen Wasser in der Plastikflasche und nahm sie mit sich, als er das Zimmer verließ. Draußen im Flur war es heller. Sämtliche Fenster des Hauses waren vernagelt, aber ein Teil des Daches war eingestürzt. Es war unangenehm warm, schon jetzt, und unter seinen Schritten wirbelte der Staub auf, obwohl er sehr vorsichtig auftrat. Nicht ganz zu Unrecht befürchtete er, die morschen Fußbodendielen könnten unter seinem Gewicht nachgeben. Das Haus stand seit mindestens zehn Jahren leer, vermutlich sehr viel länger, und außer dem brutalen Wechsel glühender Sonnenhitze bei Tag und manchmal zweistelliger Minustemperaturen bei Nacht hatten auch der Wind und die ein oder andere Termite an seiner Substanz genagt; es war wenig mehr als eine Kulisse. Die Kulisse für einen Horrorfilm.

Vorsichtig stieg Mike die Treppe ins Erdgeschoss hinab. Er konnte nicht sagen, wozu dieses Gebäude einmal gedient hatte. Die gesamte untere Etage bestand aus einem einzigen großen Raum, der ebenfalls nahezu leer war. An einer Wand gab es deckenhohe Regale, die nichts anderes als Staub enthielten, und davor eine niedrige Theke, deren ursprüngliche Farbe sich unter einer gut fingerdicken Schmutzschicht verbarg. Vielleicht war das hier tatsächlich so etwas wie ein Saloon aus einem uralten Wildwestfilm, vermutlich aber etwas sehr viel Banaleres: ein Gemischtwarenladen, eine Poststation. Gleich neben der Tür hing ein emailliertes Waschbecken an der Wand. Obwohl er das Ergebnis vorausahnte, drehte Mike den Wasserhahn auf. Er wurde mit einem erbärmlichen Quietschen belohnt, sonst passierte nichts.

Mike schnitt dem versiegten Wasserhahn eine Grimasse und hob die Hand, um die rot-weiß karierte Gardine beiseite zu schieben, die vor der Fensterscheibe an der Tür hing. Sie zerbröselte unter seiner Berührung zu Staub, und Mike begriff zu spät, dass ein Teil des grauen Gewebes, in das er gegriffen hatte, ein eng gewobenes Spinnennetz gewesen war, das noch eine Bewohnerin hatte. Durch die Berührung alarmiert, sprang diese vor und prallte im letzten Moment zurück, als ihre zahlreichen, aber hoffnungslos kurzsichtigen Augen ihr signalisierten, dass die vermeintliche Beute ein wenig zu groß für ihren kaum daumennagelgroßen Körper war. Mike bezweifelte, dass das Tier giftig war. Da er Spinnen wie die Pest hasste, hatte er sich schon vor Antritt der Reise über die hiesige Arachnidenpopulation informiert. Es gab Taranteln und Schwarze Witwen, und speziell in Nevada eine besonders heimtückische Art von Springspinnen, von denen man sich besser nicht beißen ließ. Dieses Tier gehörte zu keiner der drei Gattungen. Allerdings: Es war eine Spinne, und Mikes Herz machte einen fast ebenso heftigen Satz in seiner Brust, wie er selbst zurück.

Die Erschütterung reichte nicht nur, eine fast hüfthohe Staubwolke vom Boden aufsteigen zu lassen, sie zerriss auch endgültig das Netz. Die Spinne verlor den Halt und drohte, zu Boden zu stürzen. Im letzten Moment schoss sie einen glitzernden Faden aus ihrem Hinterleib ab, der tatsächlich irgendwo Halt fand – scheinbar in der leeren Luft –, vollführte eine komplizierte und ungemein schnelle Bewegung und begann, auf wirbelnden, spindeldürren Beinchen an ihrem Faden nach oben zu klettern.

Mike sah ihr eine halbe Sekunde lang dabei zu, mit klopfendem Herzen und von genau jenem klebrig kalten, mit Ekel gemischtem Entsetzen erfüllt, das ihn stets beim Anblick einer Spinne überkam. Und dann tat er etwas, das ihn selbst überraschte: Er machte wieder einen Schritt nach vorne, streckte den Arm aus und zerquetschte die Spinne in der bloßen Hand.

Es war ein unvorstellbar ekelhaftes Gefühl. Eine halbe Sekunde lang zappelte das Tier verzweifelt in seiner hohlen Hand, bevor er diese endgültig zur Faust schloss und die Spinne zu einem klebrigen, warmen Brei zermalmte. Sein Magen revoltierte, und er konnte spüren, wie sich jedes einzelne Haar auf seinem Kopf aufstellte. Es war wie ein elektrischer Schlag, pure Angst, die durch seine Hand pulsierte und überall zugleich in seinem Körper zu explodieren schien. Aber er ließ das zerquetschte Tier noch immer nicht los, sondern drückte noch fester zu, bis ein einzelner, hellrot schimmernder Tropfen aus seiner Faust quoll und einen winzigen Bombentrichter in die Staubschicht auf dem Boden grub.

Langsam bückte sich Mike nach der zerrissenen Gardine, hob sie mit der linken Hand auf und öffnete dann die andere Faust. Der Anblick erfüllte ihn mit unbeschreiblichem Ekel, zugleich aber auch mit einer grimmigen, fast an Triumph grenzenden Zufriedenheit. Was sollte ihm jetzt noch passieren? Er hatte einen seiner schlimmsten Feinde besiegt – sich selbst – und etwas getan, was er noch vor zehn Sekunden für unmöglich gehalten hätte. Diese Spinne zu töten – erst recht auf diese Weise! – war mehr als ein Reflex gewesen. Obwohl ihm entsetzlich übel war, obwohl sein Herz raste und seine Stirn von kaltem Schweiß bedeckt war, fühlte er sich ... gut. Er bezweifelte, dass er in der Lage war, diese Attacke zu wiederholen, aber er hatte sich wenigstens ein Mal selbst bewiesen, wozu er in der Lage war, wenn es wirklich darauf ankam.

Mike wischte seine Hand sorgfältig ab und tat dann das, wozu er eigentlich hergekommen war: Er trat an die Tür und sah auf die Straße hinaus.

Sanora bot sich ihm genau wie am vorangegangenen Tag dar: trostlos, eine winzige Stadt, deren Hand voll Häuser sich ausnahmslos rechts und links der Straße entlangzogen und die, wie er nun wusste, ausnahmslos leer standen. Die wenigen Automobile, die vor dem ein oder anderen Gebäude standen, waren uralt, Wracks, die zu entsorgen sich niemand die Mühe gemacht hatte. Nicht alle Fenster waren vernagelt, aber doch viele, und in etlichen der anderen fehlte das Glas. Als sie gestern in die Stadt gefahren waren, waren sie viel zu aufgeregt und angespannt gewesen, um es zu erkennen: Sanora war eine Geisterstadt. Die letzten Bewohner hatten den Ort vor mehr als einem Jahrzehnt verlassen und ihn dem Verfall preisgegeben. Die Natur hatte längst angefangen, sich das Terrain zurückzuerobern, von dem die Menschen irrtümlicherweise angenommen hatten, es gehöre ihnen.

Aus irgendeinem unerfindlichen Grund hatte die kleine Holzkirche im Zentrum der Stadt der Zeit bisher getrotzt. Zumindest aus der Entfernung wirkte sie wie frisch gestrichen: ein absurder, fast aberwitziger Anblick inmitten all des Verfalls. Wer pflegte die Kirche und den kleinen dazugehörigen Garten mit seinem Rasen und den bunten Blumenrabatten? Amerika war eben nicht nur das Land der unbegrenzten Möglichkeiten, der Spaceshuttles und Microsoft-Computer, sondern auch ein Land voll Verrückter und religiöser Fanatiker. Nun, Mike sollte es recht sein. Solange sie nicht ausgerechnet innerhalb der nächsten vierzig oder fünfzig Minuten auftauchten, konnten diese Wahnsinnigen hier auch eine maßstabgetreue Kopie des Petersdoms aufbauen, wenn es ihnen Spaß machte.

Gerade, als er sich umdrehen und von seinem Aussichtsposten zurücktreten wollte, ging die Tür der Kirche auf, und eine Gestalt trat ins Freie. Mike fuhr erschrocken zusammen, sah genauer hin und wich automatisch ein, zwei Schritte zurück. Es war nicht irgendeine Gestalt. Es war ein alter, gebeugter Mann mit strähnig grau gewordenem Haar, das ihm bis weit über die Schultern herabfiel, rotbrauner Haut und einem zerfurchten Gesicht, in dem das einzig Lebendige die Augen zu sein schienen, erfüllt von etwas, das Gestalt gewordener Hass auf alles Lebende und Atmende war.

Mikes erste Hoffnung zerstob damit wie eine laue Sommernacht, die von einem heftigen Gewitter zerrissen wurde. Das war nicht der Schamane, wie er gehofft hatte, nicht der alte Mann, der ihn im Traum vor dem Wendigo gewarnt hatte mit den Worten: »Er wird dich töten

Es war der Wendigo selbst. Vielleicht war es jetzt so weit. Vielleicht war er gekommen, um endgültig mit Mike abzurechnen – auch wenn nichts an seinem Äußeren darauf hindeutete. Er trug nicht den schwarzen Büffelfellmantel, sondern nur einen ledernen Lendenschurz und einfache Mokassins, und in seinen Händen hielt er keine Waffe, nicht einmal einen Anasazi-Speer.

Kaum war der Wendigo einen Schritt weit aus der Kirche getreten, blieb er stehen und starrte wortlos und voll stummen Hasses in Mikes Richtung.

Mike schloss mit einem leisen Stöhnen die Augen. Hatte er wirklich geglaubt, es wäre so leicht? War er wirklich närrisch genug gewesen, sich allen Ernstes einzureden, dass es ausreichte, eine harmlose Spinne zu zerquetschen, um sich selbst zu besiegen? Wie naiv!

Als er die Augen wieder öffnete, war der Wendigo immer noch da. Er war nicht näher gekommen, aber Mike spürte seinen Blick nun deutlicher, beinahe wie eine Berührung, tief in seinem Innern. Er hörte ein Wispern und versuchte sofort, abzublocken.

»Nein!«, sagte er.

Der Wendigo machte einen einzigen Schritt, der ihn die Hälfte der Distanz zwischen der Kirche und Mikes Versteck überwinden ließ. In seiner rechten Hand lag plötzlich wieder der Speer mit der Feuersteinspitze. Diese grässliche Ausgeburt von Mikes überhitzter Fantasie scherte sich einen Dreck um Logik oder Naturgesetze.

Etwas in Mike wollte sich krümmen und vor Angst schreien, dasselbe Etwas, das ihm mehr als vier Jahrzehnte lang Herzrasen, Schweißausbrüche und panische Angst beschert hatte, wenn er ein harmloses krabbelndes Etwas mit mehr als sechs Beinen sah. Doch Mike blieb hart. »Nein!«, sagte er noch einmal. »Verschwinde. Du störst im Moment ein bisschen, mein Freund.«

Seine Stimme zitterte vor Angst und verdarb ihm den Effekt, aber wichtig war nicht wie, sondern dass er es sagte. Der Wendigo blieb stehen. Das Wispern in Mikes Gedanken wurde schärfer, drohender. Doch Mike tat etwas, das viel leichter war, als er es sich jemals vorgestellt hätte: Er gestattete seiner Angst nicht, Gewalt über ihn zu erlangen. Er gestattete ihr nicht einmal wirklich, Gestalt anzunehmen. Dieses Ding dort draußen war so wenig echt, wie Bannermann ein echter Polizist oder Strong jemals wirklich tot gewesen waren. Eine weitere Lüge, nur dass sie diesmal vom raffiniertesten seiner Feinde ersonnen worden war, von ihm selbst. Er wusste, dass er den Wendigo nicht einfach wegleugnen konnte. Das hatte er versucht und ihn damit immer nur noch stärker gemacht.

»Nein!«, sagte er noch einmal. »Nicht jetzt!«

Die Gestalt draußen auf der Straße begann zu flackern, und schließlich trieb sie einfach auseinander wie ein Trugbild aus Rauch, das der Wind verwehte. Der Wendigo verschwand nicht völlig, jedenfalls nicht gleich. Etwas von ihm blieb, etwas Unsichtbares und Drohendes, das Mike ein düsteres Versprechen zuflüsterte.

Mike lachte. Zuerst leise und nervös, ein Lachen, das keinen anderen Zweck hatte, als ihm Mut einzuflößen – oder zumindest vorzutäuschen. Aber nach ein paar Augenblicken wurde dieses Lachen echt, lauter und immer lauter, bis Mike sich schließlich mit Gewalt zusammenriss, weil er fürchtete, man könnte es drüben in Bannermanns Gefängnis hören. Der zweite und vielleicht wichtigste Sieg an diesem Morgen. Er bestimmte vielleicht nicht die Regeln in diesem verfluchten Spiel, aber er hatte sie – endlich – verstanden. Was sollte ihn jetzt noch aufhalten?

Am Ende war die Zeit doch schneller vergangen, als er erwartet hatte. Er hatte das Haus durch die Hintertür verlassen und gut zehn Minuten bis zu der Stelle gebraucht, an der er am vergangenen Abend das Motorrad versteckt hatte, weit genug von Bannermanns kleinem Privatgefängnis entfernt, dass man das Motorengeräusch dort selbst in der morgendlichen Stille nicht hören würde. Früher einmal hatte dieser Ort direkten Zugang zum Highway 91 gehabt, aber diese Interstate war auf gerade mal ein Zehntel ihrer ursprünglichen Länge zusammengeschrumpft. Mike hatte gestern Abend der Straßenbeschreibung entnommen, dass die 91 in diesem Dreistaatendreieck zwischen Utah, Arizona und Nevada durch die neuere Interstate 15 ersetzt worden war; nur noch zwischen St. George und Littlefield war ein längeres Stück der alten Strecke durchgehend befahrbar. Sanora war also nicht nur eine Geisterstadt, es lag auch an einer Geisterstraße. Strong und Bannermann hatten diesen Ort nicht von ungefähr für ihren kleinen Hinterhalt ausgesucht.

Obwohl Mike sich die Karte aufmerksam eingeprägt und eine Beschreibung hatte, nach der er sein Ziel gar nicht verfehlen konnte, nahm er das herausgerissene Blatt noch einmal hervor und studierte es aufmerksam. Der Weg war nicht sehr weit – zwei Meilen, etwas über drei Kilometer –, aber er würde ein Stück durch die Wüste fahren müssen, abseits der befestigten Strecke, und das bereitete ihm Sorgen. Er fühlte sich nicht wohl bei dem Gedanken, einen schweren Chopper statt einer Motocrossmaschine im Slalom zwischen Büschen, Kaninchenlöchern und Felsbrocken hindurchzulenken. Seine rechte Hand tat jetzt zwar nicht mehr so weh wie gestern, war jedoch weiter angeschwollen und kaum noch zu benutzen.

Aber wenn er die Straße benutzte, lief er Gefahr, zu früh gesehen zu werden, und dann war sein Plan gescheitert, bevor er ihn überhaupt in Angriff genommen hatte. Mit einem unguten Gefühl schwang er sich in den Sattel, startete den Motor und blieb gut anderthalb oder zwei Minuten stehen, bis die Maschine richtig warm gelaufen war und rund lief. Erst dann setzte er den Helm auf, streifte die Handschuhe über und fuhr los.

Es war schwer, aber nicht so schwer, wie er erwartet hatte. Mike fuhr langsam, weil er keinen Sturz riskieren wollte, und erreichte sicher die Felsgruppe neben der Straße, hinter der er die beiden anderen Maschinen versteckt hatte. Noch etwa zehn Minuten, bis Bannermann vorbeikommen würde! Er lenkte die Intruder hinter die fast haushohen, geborstenen Felsen, stieg ab und ging zur Straße und dann noch einmal gut hundert Schritte in Richtung Sanora zurück, bevor er stehen blieb und sich davon überzeugte, dass die Motorräder von hier aus auch tatsächlich nicht zu sehen waren.

Eine ganze Weile stand er einfach so da und blickte in die Richtung, aus der Bannermann und sein Deputy mit Stefan und Frank kommen mussten, dann wandte er sich mit einem entschlossenen Ruck um und ging zu seinem Versteck zurück. Es waren jetzt nur noch wenige Minuten.

Zeit genug für eine Zigarette. Der Gedanke entstand mit der Selbstverständlichkeit einer dreißig Jahre alten Gewohnheit in seinem Kopf, und er griff ganz automatisch in die Jackentasche. Erst als er den rauen Kunststoff des Revolvergriffs statt der erwarteten Zigarettenpackung ertastete, wurde ihm klar, was er gerade getan hatte. Er schüttelte ärgerlich den Kopf. Dann lächelte er. Statt der gewohnten Packung West oder Marlboro hatte er einen Revolver Kaliber .38 in der Tasche seiner Lederjacke; er fragte sich, was tödlicher war.

Er zog die Hand leer heraus, drehte sich abermals um und ging bis zum Ende des monströsen Felsgebildes zurück, weit genug, um die Straße überblicken zu können. Irgendwo dicht vor dem formlosen Fleck am Horizont, der Sanora war, blitzte es kurz und silberhell auf; ein Lichtstrahl, der sich auf dem Metall des Streifenwagens oder auf Glas gebrochen hatte. Bannermann war pünktlich. Mikes Hand kroch ohne sein Zutun in die Jackentasche und schmiegte sich um den Revolvergriff, aber das beruhigende Gefühl stellte sich nicht mehr ein. Er spürte nur noch harten Kunststoff, der nicht mehr als Katalysator für seine Angst diente, sondern sie im Gegenteil zu schüren schien.

Wieder schimmerte ein Lichtblitz auf halbem Wege zwischen ihm und dem Horizont, und obwohl erst ein paar Sekunden seit dem ersten Mal verstrichen waren, schien er ihm diesmal bereits deutlich näher zu sein. Die Straße schlug zwar einen großen Bogen, aber es waren nur wenige Kilometer, und Bannermann fuhr sicherlich schnell. Er hatte jeden Grund dazu.

Rasch ging Mike zu den Motorrädern zurück und schwang sich in den Sattel seiner Maschine. Die Schlüssel der beiden anderen Intruder steckten. Er griff noch einmal in die Tasche, als müsse er sich erneut davon überzeugen, dass die Waffe auch tatsächlich da war, dann legte er entschlossen den Gang ein und fuhr los; so langsam, dass er die Füße über den Boden schleifen lassen musste, um nicht das Gleichgewicht zu verlieren, und mit halb durchgezogener Kupplung, die rechte Hand griffbereit auf dem Gasgriff. Sie schmerzte jetzt wieder stärker, aber irgendwie würde es schon gehen.

Es verging nicht einmal mehr eine Minute, bis er das Motorengeräusch des näher kommenden Wagens hörte. Bannermann fuhr ziemlich schnell. Mike betete, dass er nicht noch weiter beschleunigte. Die Intruder war keine Rennmaschine und er kein guter Fahrer.

Doch die Sorge war unbegründet. Da die Straße unmittelbar vor den Felsblöcken eine scharfe Kurve beschrieb, war Rasen hier unmöglich. Aus genau diesem Grund hatte er diesen Platz hier ausgewählt. Mike lauschte mit geschlossenen Augen. Als er hörte, wie Bannermann herunterschaltete, um seine Geschwindigkeit zu reduzieren, gab er Gas und ließ die Kupplung mit einem Ruck kommen. Die Intruder schoss mit einem noch stärkeren Ruck los, der Mike um ein Haar aus dem Sattel geschleudert hätte. Nur mit Mühe fand er sein Gleichgewicht und die Gewalt über die Maschine wieder, ermahnte sich in Gedanken zu etwas mehr Vorsicht und gab im nächsten Moment noch heftiger Gas. Das schwerfällige Motorrad drohte auf dem lockeren Sand auszubrechen und kippte gefährlich zur Seite. Doch dann war plötzlich griffiger Asphalt unter den Reifen, und Mike gewann die Kontrolle über die Maschine endgültig zurück. Nicht einmal eine Sekunde, nachdem er die Intruder in spitzem Winkel auf die Straße hinausgelenkt hatte, erscholl hinter ihm ein wütendes Hupen, und im nächsten Augenblick jagte der Streifenwagen mit quietschenden Reifen so dicht an ihm vorbei, dass er den Luftzug spüren konnte.

Es gab jetzt kein Zurück mehr. Mike hatte sich hundert Mal vorgestellt, wie es sein würde, und er war fast selbst überrascht, zu beobachten, wie präzise und schnell er reagierte und seinem eigenen Plan folgte. Wie er erwartet hatte, raste der Streifenwagen nicht einfach weiter. Bannermann trat überrascht auf die Bremse, als er erkannte, wen er da um ein Haar über den Haufen gefahren hätte, und im gleichen Moment, in dem die Bremslichter des Patrol-Car hellrot und warnend vor ihm aufleuchteten, riss Mike die Intruder nach links, beschleunigte noch weiter, bis der Motor unter ihm protestierend aufheulte, und trat dann mit aller Kraft auf die Bremse.

Mit blockierendem Hinterrad schlingerte die Maschine an dem bremsenden Streifenwagen vorbei. Mike riss die Intruder abermals herum und nahm nun auch noch die Vorderradbremse zu Hilfe, um die Maschine möglichst schnell zum Stehen zu bringen. Das Ergebnis war ein wütender Schmerz, der ihm aus seiner rechten Hand bis in die Schulter hinaufschoss und die Tränen in die Augen trieb. Das Motorrad bockte, versuchte sich quer zu stellen und kam dann mit einem harten Ruck zum Stehen.

Hinter ihm schoss der Streifenwagen heran.

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