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Insight – Martin Gore und Depeche Mode

Inhaltsverzeichnis

Begegnungen

Die Jahre vor Depeche Mode

Warum Gores Heimatstadt keine Geschichte hat, welche Rolle ein Ziegelstein bei seiner Erziehung spielte und wie er die Texte der größten Siebziger-Hits lernte.

Speak & Spell

Warum Gore der beliebteste Kerl in Basildon war, wer ihn dazu brachte, seinen Job bei der Bank zu kündigen, und was ihn in einer Juni-Nacht 1981 vom Schlaf abhielt.

Endlich wieder Abenteuer

Punk bringt Farbe ins graue England der Siebziger – und Martin Gore profitiert davon.

A Broken Frame

Was ein Huhn auf Gores Arm zu suchen hatte, wie wichtig ihm seine ersten Texte waren und warum eingeschneite Farmer ihre Hoffnungen auf seine Gesichtszüge setzen sollten.

Sie schwitzen nicht

Martin Gore und sein gespaltenes Verhältnis zum Synthie-Pop der frühen Achtziger.

Construction Time Again

Welche Bücher Gore in seinem Lesekoffer hat, was seine Ex von Nackten im Fernsehen hielt und wie er eine italienische TV-Legende für einen Moment sprachlos machte.

Insel in stürmischer See

Daniel Millers Mute Records – seit 30 Jahren die künstlerische Heimat Martin Gores.

Some Great Reward

Warum Gore plötzlich wieder Liebeslieder schrieb, was er über Fletchers Brustwarzen denkt und wie er an den Mädchenslip kam, den er beim Konzert in Leicester trug.

Arm und sexy

Methode Gore: Berlin als Teilzeitdomizil für Musiker auf der Suche nach Besonderem.

Black Celebration

Worin Gore sich von Morrissey unterscheidet, warum Schleswig-Holstein der letzte Ausweg für ihn war und warum er nicht groß trennte zwischen Liebe, Sex und Trinken.

Music For The Arbeiterklasse

7. März 1988: Depeche Mode geben ein bis heute legendäres Gastspiel in Ost-Berlin.

Music For The Masses

Warum Gore nicht lange in London bleiben wollte, was ihn mit Mark Knopfler verband und wie durch sein Mitwirken ein Weizenfeld in ein amerikanisches Stadion kam.

Kleine Gemeinheiten

Song-Analyse, erster Teil:

Drei Depeche-Mode-Hits auf dem Prüfstand.

Counterfeit & Violator

Warum Gore für sein Solodebüt auf fremde Songs setzte, wie er Depeche Mode beinahe um ihren größten Hit gebracht hätte und was er anstellt, wenn er einen sitzen hat.

Leder lebt

Martin Gores Mode-Metamorphose und ihre Folgen für ein ostdeutsches Kinderleben.

Songs Of Faith And Devotion

Wie Gore von der Lebenslüge seiner Mutter erfuhr, warum er in Dur nicht schreiben kann und was die »zügelloseste Tour der Rock-Geschichte« mit ihm anstellte.

Der emotionale Schwamm

Liebeskummer, Tanzstunden und was Musiker sonst noch mit Martin Gore verbinden.

Ultra

Wie Gore einmal lieber als Mitglied der Rolling Stones durchgegangen wäre, warum er dreimal das Ende seiner Band gekommen sah und wer ihn eines Besseren belehrte.

Der unsichtbare Popstar

Martin Gore ist kein geborener Live-Entertainer – macht aber mit der Zeit Fortschritte.

Exciter

Wie Gore sich seine erste Schreibblockade einfing, was er seiner texanischen Frau nach elf Jahren England schuldig war und warum er seinen Vorgruppen Schutzkleidung empfiehlt.

Connecting People

Piano-Sessions, DJing, Remixe, Gastbeiträge: Martin Gore als musikalischer Missionar.

Counterfeit2 & Playing The Angel

Warum Gore nach seiner Solotour vor einem Berg Scherben stand, wie er mit einer statt zwei Trennungen davonkam und was er als Gockel verkleidet in einem Jules-Verne-Film trieb.

Mit Misstrauen in den Mainstream

Song-Analyse, zweiter Teil:

Drei weitere Depeche-Mode-Hits auf dem Prüfstand.

Sounds Of The Universe

Wie Gore sich als Single Dad schlägt, warum er sich ohne nennenswerte Gegenwehr zum »Allmächtigen« ernennen konnte und was er machen wird, wenn er mal richtig alt ist.

Insight – Das Gespräch

Diskografie

Videografie

Tourografie

Danksagung

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Erste Begegnung, 7. September 2005. Der Weg zu Martin Gore führt durch die sonnengefluteten Straßen von Berlin, vorbei an Strömen vom Schweiß gezeichneter Menschen, die den unerhört heißen Spätsommer mindestens innerlich verfluchen, quer über den Potsdamer Platz, hinein in das fahl ausgeleuchtete Foyer eines sehr teuren, sehr diskreten Hotels. Kühler Marmor, schwere Kronleuchter, schwer beschäftigte Geschäftsmänner, versunken in Sesseln, versunken in Zeitungen: Endspurt im Bundestagswahlkampf, Merkel gegen Schröder. In New Orleans kämpft man derweil ums Überleben, mehr als eine Woche nach Hurrikan Katrina herrscht in der Stadt noch immer der Ausnahmezustand. Und hier in Berlin schimpfen sie auf das Wetter. Irgendwas ist immer. Der Empfangsmann lotst uns zum Pagen, der Page lotst uns zum Fahrstuhl, und der spuckt uns einige Stockwerke höher auf einen langen Flur aus. Am Ende des Flurs wartet die Dame von der Plattenfirma. »Augenblick noch«, sagt sie, »Martin ist gleich fertig.«

Fünf Minuten später öffnet sie die Tür zu seiner Suite und schickt uns hinein. Mitten im Raum sitzt Martin Gore an einem Flügel und improvisiert, den Kopf von uns weggewandt, hin zur breiten Fensterfront, durch die das weiße Licht der Mittagssonne eindringt. Auf den ersten Blick sieht es so aus, als genieße er die Aussicht auf das Hochhaus-Ensemble am Potsdamer Platz. Doch Gore hat die Augen geschlossen, während er spielt. Vielleicht denkt er in diesem Moment daran zurück, wie dieser Ort auf ihn wirkte, als er ihn kennenlernte, vor mehr als 20 Jahren: noch keine Spielwiese für Architekten, sondern ein Niemandsland im Schatten der Mauer. Unvollendet wie die bildhübsche, bittersüße Melodie, die ihm gerade aus den Fingern fließt. Andernorts in Berlin, in den Musikerkneipen von Kreuzberg oder der Wohnung seiner damaligen deutschen Freundin, kam er der besonderen Stimmung zwischen Ausbruch und Dekadenz in der geteilten Stadt näher. Das Berlin der Achtzigerjahre war das Berlin Martin Gores. Heute ist er nur noch als Tourist hier, ein Superstar auf der Durchreise.

Damals fand Gore in Berlin das Kontrastprogramm zu seiner Heimatstadt Basildon im Osten Englands, die ihm eng und enger wurde, je mehr er mit Depeche Mode von der Welt sah. Bald tauschte er die Prüderie seiner britischen Jugendliebe ein gegen die Körperlichkeit einer deutschen Nachtschwärmerin; die lähmende Klaustrophobie Basildons gegen das belebende Chaos Berlins. Dieser Ort und diese Zeit haben seine extravagante Erscheinung geprägt, die scheinbar im Widerspruch steht zu seinem introvertierten Wesen, für manch einen sogar im Widerspruch zu seiner sexuellen Orientierung. Und als wolle Gore, dreifacher Vater, den Geist jener Tage ein letztes Mal heraufbeschwören, hat er seinen untersetzten Oberkörper heute Morgen in ein enges, halbdurchsichtiges T-Shirt gezwängt und sich die Fingernägel schwarz lackiert. Minutenlang gleiten seine Hände nun über die Klaviatur, immer auf der Suche nach dem nächsten melancholischen Griff in die Tasten. Denn im schweren Moll, sagt er, schreibt es sich für ihn leichter als in Dur. Lebensnäher. Leidenschaftlicher. Dann öffnet er die Augen, schaut unter den langen blonden Locken auf und lässt die Töne verhallen. »Ich habe euch gar nicht bemerkt«, sagt er, und vielleicht ist das nicht mal gelogen.

Gore bittet zum Interview an einen Tisch im Nebenraum. Beklagt sich über den Kater, den er sich letzte Nacht bei einer ausgiebigen Weinverkostung zu italienischem Essen zugezogen habe, und bestellt trotzdem das dritte Weißbier des Tages. »My favourite beer in the world is Hefeweizen«, schwärmt er, als der Kellner wieder gegangen ist. Gore führt das Glas zum Mund, vergräbt die Nase in der Schaumkrone und quittiert die bayerischen Braukünste mit dem seligen Blick eines Säuglings, dem man die schreiend verlangte Flasche gibt. In diesen Sekunden lässt sich erahnen, mit welchem Eifer er sich auf die Trinktouren begibt, die sich traditionell an Depeche-Mode-Shows anschließen und aus Fan-Sicht im Idealfall mit einem heillos betrunkenen Gore enden, der in der Bar seines Hotels am Klavier ein Privatkonzert gibt. Gore mag die vermeintliche Einfältigkeit seiner Landsleute in anderen Lebensbereichen oft kritisiert haben (und ihr bis nach Amerika entflohen sein) – in seinem Ausgehverhalten folgt er streng britischen Idealen: Viel trinken und dann laut werden. Dass er kurz davor steht, ihnen abzuschwören, ahnt man am 7. September 2005, dem Tag unserer ersten Begegnung, jedenfalls noch nicht.

Zweite Begegnung, 22. Februar 2009. Der Weg zu Martin Gore führt durch die regenverhangenen Straßen von Berlin, vorbei an Strömen vom Schauer gezeichneter Menschen, die den hartnäckigen Winter mindestens innerlich verfluchen, quer über den Bebelplatz, hinein in das fahl ausgeleuchtete Foyer eines sehr teuren, sehr diskreten Hotels. Marmor, Kronleuchter, Geschäftsmänner in Sesseln über Zeitungen: Merkels Regierung ringt mit dem »Finanzmarktstabilisierungsgesetz« – was wohl Schröder gerade macht? In L.A. vergeben sie am Abend die Oscars, Heath Ledger wird seinen nicht mehr entgegennehmen. Und hier in Berlin rollen sie den roten Teppich ein statt aus: Die Echo-Verleihung fand schon gestern statt. Depeche Mode stellten ihre neue Single Wrong vor und ließen dafür sogar die plumpen Annäherungsversuche der Moderatorin Barbara Schöneberger über sich ergehen. Gore spielte ein bisschen mit: »Wir sind nur für dich hier, Barbara«, sprach er auf Deutsch zu ihr. Irgendwas ist immer. Der Empfangsmann lotst uns zum Fahrstuhl, und der spuckt uns einige Stockwerke höher auf einen langen Flur aus. Auf halbem Weg wartet die Dame von der Plattenfirma. »Martin ist schon fertig«, sagt sie, »hier entlang.«

Die schwarz lackierten Fingernägel, mit denen er später auf den Tisch vor ihm trommelt, sind die augenfälligste Gemeinsamkeit zwischen dem Martin Gore unserer letzten Begegnung und dem von heute, 47 Jahre alt. Als wir sein kleines, schmuckloses Zimmer betreten, steht er am Fenster, in dämmeriges Licht gehüllt, und blickt hinaus auf den Innenhof des Hotels. Gore sieht einen Biergarten ohne Gäste; Regenwasser, das von den Schirmen auf die Tischdecken rinnt und von den Tischdecken auf den Boden. Irgendwo bellt ein Hund, irgendwo hupt ein Auto. Dann dreht er sich um und lächelt zögerlich. »Hallo«, sagt er mit sonorer Stimme und weichem englischem Akzent. Zehn Jahre Kalifornien, und Gore klingt doch immer noch wie der hüftsteife Bankangestellte aus Basildon, der sich 1979 von seinem Bankangestelltengehalt den ersten Synthesizer kaufte – die eigentliche Grundsteinlegung von Depeche Mode. »Setzen wir uns.« Seine Augen sind unter seiner tief ins Gesicht gezogenen schwarzen Wollmütze kaum auszumachen. Doch was man sofort sieht: Schlank ist er geworden.

Bald sind es drei Jahre, seit er trocken ist. Im Nachhinein spielt es keine Rolle, ob Gore unter medizinischen Gesichtspunkten alkoholabhängig war oder nicht. Wenn er seinem Vorsatz treu bleibt (und danach sieht es aus), wird er es auch nie erfahren. Dann gibt es keinen Moment der Schwäche, der ihn auf Anhieb in alte Verhaltensmuster zurückwerfen könnte – Chaos, Kontrollverlust, körperliche Grenzerfahrungen, wie sie auf dem Gipfel der Songs Of Faith And Devotion-Tour Mitte der Neunzigerjahre fast an der Tagesordnung waren. Am Ende trug Gore mit seinem außer Kontrolle geratenen Alkoholkonsum vielleicht den langwierigsten Schaden davon. Dave Gahan überwand seine Heroinsucht, Andy Fletcher die Depressionen, und Alan Wilder überwand alles, was mit Depeche Mode zu tun hatte. Am 1. Juni 1995, knapp ein Jahr nach Abschluss der Tour, verkündete Wilder der Welt seinen Ausstieg, weil er sein Engagement vor allem von Gore nicht gewürdigt sah. Depeche Mode waren nun wieder ein Trio – ähnlich wie damals, als Vince Clarke ging und Gore von heute auf morgen zum künstlerischen Leiter aufstieg. Ob er wollte oder nicht. Die anderen wollten.

So kam Gore gerade auch deshalb zu seiner Rolle als einer der größten Songwriter seiner Zeit, weil er so schlecht Nein sagen kann. Zum Glück gezwungen, in doppelter Hinsicht. Gore war nie ein Karrieretyp mit einem Masterplan in der Tasche, und sicher liegt darin ein Schlüssel zu seinem Erfolg: Er ist authentisch. Ein Traditionalist, den man unzählige Male einen visionären Elektro-Musiker genannt hat und der trotzdem die 40 Jahre alten Rockplatten von The Velvet Underground für das Maß aller Dinge hält. Ein geschmackssicherer Idealist, der als Kind durch die Platten seiner Mutter Feuer fing und heute mit seinen eigenen Platten Menschen in Brand zu setzen vermag. Dabei meinte er es im Scherz (wie so vieles, was man als Ernst missverstand), als er 1987 seine neueste Standortbestimmung des Synthie-Pop mit Music For The Masses überschrieb. Das Album ging durch die Decke und Depeche Mode mit ihm. Plötzlich standen sie vor über 60.000 Menschen im Rose Bowl Stadium von Pasadena bei Los Angeles – dabei hatte Gore all die Jahre nicht mehr getan, als Lieder darüber zu schreiben, was in ihm vorgeht.

Mitte des letzten Jahrzehnts gestand er das Recht des Songwritings im Kontext Depeche Mode auch offiziell seinem Sänger Dave Gahan zu. Es war ein hartes Ringen, die Welt sah zu, und womöglich wären Depeche Mode kurz vor ihrem 25. Geburtstag daran gescheitert, hätte Gore sich verweigert. Doch sie bekamen die Kurve, nicht zuletzt weil Gore entgegen seinem sonstigen Umgang mit Konflikten einlenkte, statt schweigend auf Besserung zu vertrauen. Weil er die Dinge zur Sprache brachte, statt sie auszusitzen. So fand er sich am Ende nicht vor einem Scherbenhaufen wieder (wie es ihm zeitgleich mit seiner Ehe erging), sondern als unangefochtener Richtungsgeber einer demokratischer gewordenen Band. »Was ich damals fürchtete, war nicht so sehr Kontrollverlust, sondern Veränderung«, sagt er später im Interview, »mit Methoden zu brechen, die sich ein Vierteljahrhundert lang bewährt hatten. Die meisten Künstler behaupten, die größte Bedrohung für ihre Kunst wäre Routine. Doch das größte Problem ist es, sich plötzlich nicht mehr auf seine Routine verlassen zu können.«

Am Ende hat Martin Gore dieses Problem gemeistert. So blickt er mit Depeche Mode auch weiterhin auf eine beispiellose Karriere zurück, deren Ende nicht absehbar ist und deren Anfang nicht zu wiederholen. Nie wieder wird eine Band so viele Platten verkaufen, nie wieder so viel Zeit haben, sich zu entwickeln, nie wieder mit einem solchen Imagewechsel durchkommen: Gore begann als Synthie-Spieler einer Teenie-Truppe und ist heute Songwriter einer der größten Kultgruppen ihrer Zeit. Die Band hat er dafür nie wechseln müssen. Es ist nicht mehr die gleiche, aber immer noch dieselbe. Und immer noch und immer wieder wollen Menschen wissen, wie das alles kam. Wie es ist und wie es einmal sein könnte. »Setzen wir uns.« Gore rückt ans äußere Ende des Sofas und scheint bereit. Unser Gespräch beginnt mit einer einfachen Frage – und einer klaren Antwort: »Bist du eigentlich immer noch zufrieden mit deiner Rolle bei Depeche Mode?« – »Natürlich, warum sollte ich nicht?«

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Warum Gores Heimatstadt keine Geschichte hat, welche Rolle ein Ziegelstein bei seiner Erziehung spielte und wie er die Texte der größten Siebziger-Hits lernte.

Der Zweite Weltkrieg traf London hart. Deutsche Bomber richteten in einigen Vierteln der englischen Metropole große Zerstörungen an; ganze Wohnsiedlungen verschwanden – und für die vielen Menschen, die zu dieser Zeit in London lebten, fehlte plötzlich Wohnraum. Schon in den Dreißigerjahren gab es Bestrebungen der britischen Regierung, die enge Hauptstadt zu entvölkern und Bewohner in neu gegründete Städte außerhalb Londons anzusiedeln. Durch die Luftangriffe der Deutschen verschärfte sich diese Problematik; es entwickelte sich der sogenannte »London Overspill«: Städte, die man eigens für Menschen aus dem Boden stampfte, die in London keinen Platz mehr fanden. Eine dieser »New Towns« liegt 41 Kilometer östlich von London und heißt Basildon. Sie ist ein Zusammenschluss aus vier kleinen Dörfern – eine Stadt, entstanden in einem städtischen Planungsbüro. Ende der Vierzigerjahre lebten 34.000 Menschen in Basildon. Heute sind es fast viermal so viel.

Die ersten Familien aus dem übervölkerten London kamen 1951 nach Basildon. Später zogen auch Briten aus anderen Ecken der Insel nach Basildon, denn der Staat förderte die New Town: Fabriken entstanden, für damalige Verhältnisse schicke Wohnsiedlungen und eine beachtliche Infrastruktur. So entwickelten sich in Basildon besondere soziale Verhältnisse: Die neuen Einwohner der Stadt waren in familiärer Hinsicht entwurzelt und suchten daher Anschluss in anderen Gemeinschaften. Vereine und Pubs spielten dabei eine große Rolle; die Jugendlichen gründeten Gangs. Menschen, die am Tag ihres Umzugs lediglich einte, dass sie fortan zusammen in einer Stadt ohne Historie leben würden, schlossen sich zusammen – und manchmal hielten diese jungen Communities länger als tief verwurzelte Gemeinschaften, die zu jeder Zeit einen historischen Rucksack mit sich trugen. Dass mit Martin Lee Gore und Andrew John Fletcher zwei Charaktere aus Basildon das Rückgrat einer seit fast 30 Jahren aktiven Band bilden, ist daher mehr als ein Zufall.

Die Familie Gore – die Eltern David und Pamela sowie Martins zwei jüngere Schwestern Karen und Jacqueline – siedelten von Dagenham, Essex, im Speckgürtel von London 20 Meilen weiter östlich nach Basildon um. Anders als andere große Brüder in dieser Gegend war der junge Martin, geboren am 23. Juli 1961, kein Draufgänger. In einem Interview 1985 erzählt er von einem Ereignis aus seiner frühen Kindheit, das aus seiner Sicht seine scheue Art begründet: »Ich erinnere mich, dass ich bis zu meinem fünften Lebensjahr ein sehr braver Kerl war. Dann ging ich durch eine Phase, in der ich andere Kinder verdrosch. Eines Tages erwischte mich meine Mutter, als ich einen Ziegelstein auf den Kopf eines anderen Kindes schlug. Mein Vater wurde sehr wütend. Er drohte mir, ich solle nie wieder jemand anders schlagen. Heute bin ich froh, dass er mir das so klar gesagt hat. Seine Worte haben mich sehr passiv und harmlos werden lassen.« Gore ging gerne zur Schule. Später sagte er, er habe sich dort »sicher gefühlt«. Seine Stärke waren die Sprachen, Französisch und Deutsch fielen ihm leicht. Und doch: Das Reden an sich missfiel ihm. Egal wen man bis heute fragt, welchen Eindruck Martin als Teenager gemacht habe, alle sagen zunächst: »Er war schüchtern.« Erst später kommen sie dann fast alle mit der Anekdote, die von einem anderen Gesicht Gores erzählt. Ein Gesicht, das sich zeigt, wenn der dünne Junge mit den blonden Locken gehörige Mengen Alkohol konsumiert hat. Dann kommt es vor, dass dieser sonst so wortkarge Mann in geselliger Runde spätnachts plötzlich den Alleinunterhalter gibt – am liebsten mit der Akustikgitarre und fehlerfreien Versionen amerikanischer Middle-of-the-road-Songs.

Die Textsicherheit erwarb Gore als fleißiger Leser des britischen Magazins Disco 45. Das Heftchen – am Kiosk für zehn Pence zu haben – verstand sich als Songbook und bot weniger Neuigkeiten und Interviews aus der Musikszene der Siebzigerjahre als die Song-Lyrics der größten Hits eines jeden Monats. Manchmal verriet das Magazin sogar die Akkorde einiger Stücke. Gore hatte nach eigener Aussage Hunderte Ausgaben von Disco 45 zu Hause und ging vom ersten bis zum letzten Song alle Texte durch. Er bekam ein Gespür für Themen und Versmaße – und später, nachdem ihm ein Freund die ersten Akkorde auf der Akustikgitarre beigebracht hatte, auch für die musikalische Struktur eines erfolgreichen Hits. Eine seiner Lieblingsbands in den Siebzigern machte es ihm in dieser Hinsicht jedoch äußerst schwer: Gore stand – neben einer Leidenschaft für Gary Glitter – auf die Sparks, die Band um die Brüder Russell und Ron Mael, die sich 1970 in L.A. formierten und 1973 nach England zogen, weil sie dort mehr Fans hatten.

Interessant an den Sparks: Neben dem Sänger Russell spielte Bruder Ron scheinbar eine Nebenrolle. Doch echte Fans wie Gore wussten nicht nur dessen exaltiertes Auftreten zu schätzen (vor allem natürlich sein legendäres Schnurrbärtchen), das John Lennon beim Anblick der Band in der TV-Show Top Of The Pops zu dem Ausruf animierte: »Jesus, die haben Hitler in der Sendung!«), sondern auch seine musikalischen Visionen, die er uneitel im Schatten seines singenden, im Scheinwerferlicht stehenden Bruders als heimliches Mastermind verwirklichte. Gore war früh klar: Um seine Rolle gut zu spielen, muss ein Chef nicht unbedingt singen. Auch in seiner ersten Band nutzte Gore das Mikrofon nur für gelegentliche Backing Vocals; ansonsten spielte er bei Norman & The Worms die begleitende Akustikgitarre. Die Stimme der Gruppe gab sein Schulfreund Philip Burdett. In einem frühen Feature über Depeche Mode beschrieb ein Journalist des Magazins Smash Hits, der das Duo und dessen spätere Backingband um 1978/79 live sah, Norman & The Worms als »eine am Westcoast-Sound orientierte Band, die ›nette Lieder‹ spielte«.

Die meisten davon stammten aus der Feder Burdetts, der bis heute Teil des Songwriter-Circuits rund um London ist (der Besuch seiner Seite auf MySpace gibt einen Eindruck davon, welchem musikalischen Stil sich Norman & The Worms gewidmet haben). Eine der wenigen Gore-Kompositionen hieß See You – und kam einige Jahre später auf ganz andere Weise nochmals zu Ehren. Auch die spätere Depeche-Mode-Nummer A Photograph Of You entstand zu dieser Zeit – ein recht naives Liebeslied, das Gore vielleicht seiner ersten Freundin Anne Swindell widmete, die wie er auf die St. Nicholas School ging. Dort drückte auch ein schlaksiger Kerl namens Andy Fletcher die Schulbank, dessen Familie von Birmingham nach Basildon gezogen war. Er und sein Klassenkamerad Gore bauten eine Beziehung auf, die das Wort »Freundschaft« nur zu einem Teil charakterisiert (was aber nichts damit zu tun hat, dass Fletcher zuvor mit Anne Swindell zusammen war).

Auf eine Art ergänzten sich die beiden: Fletcher war lange nicht so schüchtern wie Gore und Ende der Siebziger sogar ein fast missionarisch gesinnter Christ mit festem Willen, andere von seinem Glauben zu überzeugen. Außerdem war er in Basildon gut vernetzt und spielte früh in Bands. In den Anfangstagen seiner Beziehung zu Gore gab Fletcher den Ton an. Er war es, der nach der Schule einen Job in London annahm. Gore zog nach, denn für den Gang an die Universität fehlte es ihm an Motivation. Fletcher machte ihn zudem mit der Clubszene in und um Basildon vertraut. Bis dahin war Gore abends kaum aus gewesen; später sagte er, er habe als Teenager unter der »Anschauung eines Vorstadtlebens« gelitten. Und Fletcher hatte auch die entscheidenden Kontakte, die Gore schließlich in die Band führten, die bis heute sein Leben bestimmt. Martin Gore und Andy Fletcher: zwei Basildon Boys, die eigentlich kaum mehr eint, als dass sie beide aus einer Stadt kommen, die es zur Geburt ihrer Eltern noch gar nicht gab. Und die bis heute dennoch so stark miteinander verbunden sind, dass keine der vielen Turbulenzen, die sie zusammen erlebt haben, sie auseinanderbringen konnte.

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Warum Gore der beliebteste Kerl in Basildon war, wer ihn dazu brachte, seinen Job bei der Bank zu kündigen, und was ihn in einer Juni-Nacht 1981 vom Schlaf abhielt.

Martin Gores Eintrittskarte für das Line-up der Band Composition Of Sound aus Basildon war ein CS-5-Synthesizer der Firma Yamaha. Kein High-End-Gerät, eher ein Mittelklassemodell für halbwegs ambitionierte Einsteiger. Der Synthesizer kostete ihn 1979 200 britische Pfund, die Gore von seinem Gehalt als Angestellter der NatWest-Bank in der Londoner City bezahlte. Der Kauf war eher spontaner Natur; zumindest hatte Gore sich im Vorfeld nicht näher über die Marktlage informiert. »Es war das erste Mal, dass ich überhaupt einen Synthesizer gesehen hatte. Ich wusste nichts über sie und fand einen Monat lang nicht einmal heraus, wie man den Sound verändert«, gestand er 1982 einem Magazin für Musik und Technik. Doch Anfang der Achtzigerjahre ging es in England nicht so sehr darum, wie man einen Synthesizer bedient und welche Möglichkeiten so ein Gerät hat. Entscheidend war, einen Synthesizer zu besitzen – und da war Gore in der zu dieser Zeit durchaus vitalen Musikszene des Städtchens Basildon einer der Ersten.

Die Sache mit dem Synthesizer sprach sich herum. Über Gores Schulfreund Andy Fletcher, der ebenfalls in der Londoner City jobbte, bekam der ein Jahr ältere Vince Martin Wind von der Sache, ein Gelegenheitsjobber für schlecht bezahlte Aufgaben, der sich vorgenommen hatte, an einer Popkarriere zu basteln – und sich später in Vince Clarke umbenannte, damit er trotz Konzertgagen weiterhin als Mr. Martin Arbeitslosengeld kassieren konnte. Er spielte zusammen mit Fletcher bei Composition Of Sound, war für das Songwriting zuständig und hatte große Lust, nach allerhand Versuchen mit Bands in herkömmlicher Besetzung Gitarre, Bass und Schlagzeug (darunter von 1977 bis 1979 No Romance In China, ebenfalls mit Fletcher) etwas anderes zu probieren. Also bat er Gore in seine Band und ging richtigerweise davon aus, dass der nicht Nein sagen würde. Das Motiv, warum der zurückhaltende Gore der richtige Mann für Compositon Of Sound war, verschwieg Clarke auch damals nicht. »Wir nahmen ihn in die Band, weil er einen Synthesizer besaß. Das war der Grund – und sicher nicht seine aufgeschlossene Persönlichkeit«, so Clarke rückblickend. Es gab damals in Basildon ein wahres Geschacher um den jungen Mann mit dem Synthesizer. Clarke: »Es ging darum, ihn gegenseitig den anderen Bands auszuspannen.«

Fühlte sich Gore vom Interesse an seiner Person geschmeichelt? Oder war er beleidigt, weil er ja auch merkte, dass es nicht um ihn ging, sondern um seinen Yamaha CS-5? Weder – noch. Clarke: »Martin, in seiner unverbindlichen und zurückhaltenden Art, tat das, was die Leute von ihm verlangten.« Gore war kein Typ, der Vorgaben machte, Bedingungen stellte oder Grundsatzdiskussionen anstieß. Es stellte ihn lediglich zufrieden, seinen neuen Synthesizer sofort einsetzen zu können – jedoch ohne auch nur ansatzweise das beachtliche Klangspektrum des Geräts auszureizen. Gore war damals kein Tüftler und Bastler. Sein musikalisches Interesse fokussierte sich auf Melodien; er liebte die Düsseldorfer Pioniere Kraftwerk für die Art, wie sie simple und eingängige Melodien auf rein elektronischer Basis erzeugten. Generell galt Gores Vorliebe in dieser Zeit den Minimalisten. So hatte er auch ein Faible für Jonathan Richman, der mit seinen Modern Lovers auf der Basis einfacher Gitarrenriffs aufregende Musik spielte.

Kraftwerk und Jonathan Richman waren in Gores Augen überzeugende Antworten auf die Frage, ob es eine intelligente Art von Rock- und Popmusik geben kann, die nichts mit den epischen und komplexen Entwürfen der Progrock-Bands zu tun hat. Er selbst hatte nun einen Synthesizer und probierte, es seinen Idolen gleichzutun. Er begann als Teil von Composition Of Sound damit, zusammen mit Clarke und Fletcher eine neue Art von Band zu entwickeln: eine Gruppe ohne alles, was bis in die Siebzigerjahre hinein fester Bestandteil einer Rockband war. Keine Gitarren, kein Schlagzeug. Nur einen Bass gab es zu Beginn, den Fletcher spielte. Gore fand spätestens 1980, es sei nun Zeit für eine neue Musikrichtung. Schließlich galt es die zwei Versprechen einzulösen, die Punk der britischen Jugend gegeben hatte. Erstens: Jeder kann Musik machen. Zweitens: Jeder kann Musik machen, wie er möchte. »Nach Punk fanden wir, dass Musik nicht zu dem alten Rockband-Format zurückkehren dürfe«, gab Gore später zu Protokoll, »und elektronische Musik war, für unsere Begriffe, der Schritt nach vorne. Es erschien uns nur logisch, eine Synthesizer-Band zu sein. Etwas Neues zu tun – und sich nicht wieder dem Bandformat mit Schlagzeug, Bass und Gitarre zu widmen.«

1980 war Gore noch immer ein Amateurmusiker; ein junger Bankangestellter, der in seiner Freizeit in Bands spielte. Neben seinem Engagement bei Composition Of Sound war er Mitglied des kurzlebigen Projekts French Look. Auch hier war vor allem sein Synthesizer gefragt; obligatorisch waren die rein zufälligen Töne, die Gore zu Beginn der Konzerte mit dem ansonsten sinnlosen »Sample and Hold«-Effekt seines Yahama CS-5 in den Raum warf. Teenager, die in Bands spielen, gab es auch in dieser Zeit in Großbritannien zu Tausenden: Jungs, die tagsüber die Stunden in öden Berufen zählten und schon auf der Rückfahrt mit der Bahn in die Suburbs zu träumen begannen. Doch Compositon Of Sound hatten den anderen Hobbybands etwas voraus: Sie hatten ein Konzept. Man wagte einen Schritt nach vorne, verzichtete auf Gitarren, setzte auf Synthesizer. Damit unterschied man sich von den vielen anderen Teenagern, die sich an Fender-Gitarren die Finger blutig spielten und in ihre Setlists möglichst viele Gassenhauer einbauten, damit das Publikum in den Pubs nicht übellaunig wurde. Gore war nicht mehr der Gitarrist von Norman & The Worms, die den albernen Siebzigerjahre-Hit Mouldy Old Dough von der Scherzkeks-Band Lieutenant Pigeon nachspielten. Er war nun Vordenker einer ganz neuen Musikrichtung.

Die Rolle, die Gore in den ersten Wochen bei Compositon Of Sound spielte, war jedoch eher klein. Das Sagen hatte Clarke, der mittlerweile auch einen Synthesizer besaß. Er schrieb die meisten Lieder und zeigte das meiste Engagement, wenn es darum ging, erste Gigs an Land zu ziehen. Gore hatte tagsüber anderes zu tun: Jeden Morgen mit dem Zug hinein in die City Of London, eine Fahrt von knapp einer Dreiviertelstunde in mit Pendlern vollgepackten Vorstadtzügen. Ausstieg im Bahnhof Fenchurch Street, dann noch ein kurzer Fußweg im Strom der unzähligen Krawattenträger und Kostümträgerinnen bis in die Filiale der NatWest-Bank, einer britischen Finanzinstitution, in deren Business-Alltag Popstar-Träume sehr schnell von grauer Routine verdrängt wurde. Fletcher arbeitete nur ein paar Häuser von Gores Arbeitsplatz entfernt bei einer großen Versicherung, sodass Clarke in der frühen Phase an den Werktagen alleine in Basildon blieb und versuchte, die Karriere der Band in Schwung zu bringen.

Zu Beginn war Clarke auch Sänger, doch wohl war ihm dabei nicht. Sein Traum damals: Erfolg haben, ohne berühmt zu sein. Drei Konzerte spielten Composition Of Sound mit Clarke als Leadvokalist und Gore als Stimme im Hintergrund – Gigs, bei denen sich viele Teenager neugierig vor der Bühne positionierten, um die kaum älteren jungen Männer beim Bedienen ihrer Synthies zu beobachten. Nicht die Songs oder die Musiker waren die Stars, sondern die Maschinen mit ihren Knöpfen und Tasten. Gore hatte damit kein Problem; er fühlte sich vielmehr wohl hinter einem Instrument, das für die Jugend aus Essex so faszinierend war, weil es nach Zukunft klang und aussah. Beim dritten Gig der Band stand ein Modestudent aus dem ein paar Kilometer östlich von Basildon liegenden Seestädtchen Southend im Publikum. Kurze Zeit später tauchte der Typ auch bei einer Probe von Composition Of Sound auf, nahm sich das Mikro und sang Heroes von David Bowie. Das war der Sänger, den Clarke gesucht hatte. Das war Dave Gahan.

Der neue Mann am Mikro zeigte von Beginn an viel Enthusiasmus und brachte zwei wertvolle Dinge in die Band ein: eine Gruppe von rund 30 Kumpels, die fortan bei jedem Gig dabei waren, und schließlich auch einen neuen Bandnamen: Depeche Mode, der Name eines französischen Modemagazins, den Gahan aufgeschnappt hatte. Keine Frage, der Sänger war 1980 ein Kind des Zeitgeistes. Ein Postpunk, der auf Gary Numan stand und glaubte, passende Antworten auf alle Stilfragen zu kennen. Gore war diese Welt fremd. An den Abenden ging er nicht in die angesagten Clubs, wo die sogenannten New Romantics ihre neuen Garderoben vorzeigten und zu futuristischen Klängen tanzten. Sein Platz waren weiterhin die üblichen Bars, in denen abends Männer mit langen Haaren Songs zur Akustikgitarre spielten. Gore war kein Typ, der Lust hatte, sich einer Szene anzuschließen. Dafür war er viel zu schüchtern. Aber als Depeche Mode im Herbst 1980 regelmäßige Gigs in Basildon und Umgebung spielten und immer mehr aufgestylte New Romantics im Publikum standen, merkte auch Gore, dass er sich in optischer Hinsicht etwas einfallen lassen musste.

Das Ergebnis: weiße Schminke – auf einer Gesichtshälfte. Im Vergleich zu seinen ebenfalls von Dave Gahans Modeaffinität infizierten Depeche-Mode-Kollegen war dieser frühe Make-up-Versuch aber noch harmlos: Während Clarke mit Tarnfarben, schwarz gefärbten Haaren und Stirnband wie ein Vietnam-Veteran aussah, versuchte es Fletcher an den Beinen mit einer Kombination aus Fußballstutzen und Pantoffeln. Als Entschuldigung für diese modischen Verwirrungen darf gelten, dass zumindest Gore und Fletcher direkt aus dem Zug zurück aus der Londoner City in die Konzert-Venues hasteten. Da blieb kaum Zeit, den Business-Anzug auszuziehen – und die paar Biere, die sich vor allem Gore vor jedem Konzert gönnte, um entspannter auf der Bühne zu stehen, mussten ja auch noch getrunken werden. Doch selbst die lokale Presse kannte bei einem frühen Porträt der großen Hoffnung der Stadt keine Gnade: »Die könnten groß rauskommen, wenn ihnen jemand bloß den Weg zu einem anständigen Schneider weist«, urteilte das Evening Echo aus Basildon.

Von zeitloser Klasse war hingegen, was die gerade ein paar Monate alte Band musikalisch zu bieten hatte. Die drei Synthie-Spieler hatten schnell eine Aufgabenverteilung gefunden, die sicherstellte, dass die Musik von Depeche Mode weder leblos klang noch im Chaos unterging. Gore war in den meisten Fällen verantwortlich für die Melodien; Clarke spürte schnell, dass Gores Ideen seine Songs deutlich besser machten. Teil der Setlist war schon damals Clarkes frühes Meisterstück Photographic, bei dem Gore die zweite Stimme sang und in der Strophe eine Melodie spielte, die das düstere Stück zu einem Popsong machten. Und auch eine Gore-Komposition wurde eingebaut: Big Muff, ein Instrumentalstück mit kurvenreicher Melodie zwischen Science-Fiction-Soundtrack und futuristischer Fanfare. Interessant ist der Titel des Stücks, denn Big Muff war der Name eines Gerätes, von dem sich Gore und Depeche Mode in ihren frühen Tagen abwendeten: ein Verzerrer, den in den Siebzigerjahren Pink Floyd oder Carlos Santana zum Standardeffekt für ambitionierte Rockgitarristen gemacht hatten.

Ansonsten verfolgte Gore Ende 1980 die nächsten und ungemein wichtigen Schritte der Band eher passiv. Clarke und Gahan stiefelten in die Büros diverser Plattenfirmen, um dort das erste Depeche-Mode-Demotape anzupreisen, zunächst ohne Erfolg. Auch ein junger Labelbesitzer namens Daniel Miller zeigte sich beim ersten Treffen unbeeindruckt. Das änderte sich erst, als der Chef der jungen Plattenfirma Mute Records Depeche Mode im Vorprogramm seines Künstlers Fad Gadget sah. Das Konzert fand im November im Bridgehouse in Canning Town im Osten von London statt – und Depeche Mode müssen sehr gut gewesen sein, denn nach dem Gig gab es gleich zwei Interessenten, die der Band vom Fleck weg einen Plattenvertrag anboten: einmal Stevo Pearce, ein gerade 18 Jahre alter Enthusiast, der sich vorgenommen hatte, auf seinem Label Some Bizzare die Speerspitze der von ihm »Futurists« genannten Elektro-Pop-Welle unter Vertrag zu nehmen – und eben jener Daniel Miller, der Depeche Mode beim ersten Treffen noch keine Chance gab, dies später mit seiner üblen Laune an jenem Tag entschuldigte und nun doch großes Interesse zeigte.

Der Marktwert von Depeche Mode war innerhalb weniger Wochen enorm gestiegen. In einem Interview mit dem britischen Musikmagazin Uncut aus dem Jahr 2001 erinnerte sich Gore an »unglaubliche Summen, die man uns anbieten wollte«. Auch der Pop-Headhunter Mark Dean war hinter Depeche Mode her. Gore: »Er zog dann weiter und nahm Wham! unter Vertrag – damit begann das Fiasko. Ich bin sicher, hätten wir auf einem dieser Major Labels unterschrieben, würde es uns heute nicht mehr geben. Wir wären nach dem zweiten oder dritten Album rausgeflogen.« Statt auf das schnelle Geld zu hoffen oder – so das Angebot von Stevo Pearce und seinem Some-Bizzare-Label – der großen Verlockung zu erliegen, einen Deal über gleich mehrere Alben abzuschließen, entschieden sich Depeche Mode für Daniel Miller und Mute. Und das, obwohl zunächst einmal nur eine einzige Single geplant war. »Wir waren große Mute-Fans zu dieser Zeit«, erinnerte sich Gore Jahre später, »daher war es für uns schon eine große Sache, für Fad Gadget im Vorprogramm spielen zu dürfen. Dass wir dann noch Daniel trafen und vor Ort einen Single-Deal angeboten bekamen, war einfach fantastisch.«

Aber auch der Enthusiast Stevo Pearce ging nicht leer aus. Weil neben Gore auch die anderen Mitglieder der Band nicht besonders gut darin waren, ein klares Nein zu äußern, sagten sie zu, zu Pearces geplante Compilation Some Bizzare Album ein Stück beizusteuern. Man entschied sich für das von Clarke geschriebene, im Arrangement aber schon deutlich von Gores Melodik geprägte Photographic – in der Some-Bizzare-Version das erste Studiostück von Depeche Mode überhaupt. Kurz danach nahm die Band Dreaming Of Me auf, die geplante Single für Mute. Auch hier passte die Formel: Der Song von Clarke und Gahans Leadvocals waren solide, die melodischen Verzierungen sowie die zweite Stimme von Gore (das britische Magazin Sounds nannte seine Background-Vocals bei diesen frühen Stücken in Anlehnung an traditionelle amerikanische Gesangsgruppen »quasi Barbershop«) machten ihn im Februar 1981 zum ersten kleinen Hit der Band. Die Single verkaufte sich erst schleppend, dann immer besser und erreichte nach einigen Wochen schließlich Platz 57 in den britischen Charts. Das war nicht nur ein beachtlicher Erfolg für eine Independent-Produktion – es bedeutete für Depeche Mode den Eintritt ins Pop-Universum.

Gore, noch immer an den Werktagen Bankangestellter, kam dort plötzlich mit Dingen in Kontakt, die ihn irritierten. Zum Beispiel mit Drogen. Clarke berichtete später von regelmäßigem Konsum von Speed, einer Droge, die »alles, was wir erlebten, noch aufregender machte«. Doch Gore hielt Abstand von diesem und anderen illegalen Rauschmitteln: »Ich wusste von den Drogen, aber war ihnen gegenüber ziemlich anti eingestellt. Wenn ich jemanden um mich hatte, der Drogen nahm, ging ich weg. Ich wollte damit nichts zu tun haben. Es war für mich damals eine moralische Frage. Vielleicht war es auch Angst.« Gores Vorsicht machte sich auch bei den ersten größeren Interviews bemerkbar, die Depeche Mode nun zu geben hatten. Das häufigste Adjektiv bei den Beschreibungen seiner Person war »still«; in einer großen Geschichte für das Magazin Sounds im Juni 1981 fiel Fletcher mitten im Interview auf, dass Gore noch nichts gesagt hatte. Dessen Reaktion: »Ich spare mir das für später auf, ich warte noch auf die richtige Frage.«

Richtig wohl fühlte sich Gore als Teil dieser Popwelt noch nicht. Es fehlte ihm in diesem Kosmos an Sicherheit. Eine Platzierung in den britischen Charts war eine schöne Sache, sicher. Doch wirkliche Sicherheit bedeutete für ihn der regelmäßige Gehaltsscheck von NatWest – zumal er für die Chartplatzierung der Single Dreaming Of Me nicht plötzlichen Reichtum erlangte. Clarke als Songwriter bekam immerhin die Tantiemen, durch Gore und die beiden anderen blieben 100 Pfund – und die gingen schnell für ein paar Biere über den Tresen. Auch als Depeche Mode im Mai 1981 erneut ins Studio gingen, um neue Songs für eine zweite Single aufzunehmen, fehlte es Gore ein wenig an Antrieb. Viel mehr als die neuen Lieder interessierten ihn Videospiele; er bezeichnete sich später als »Abhängiger« und »siebtbester Spieler der Welt«. Labelchef Miller erinnerte sich, dass Gore und Fletcher abends direkt von ihren Jobs und mit einer Tüte Take-away-Essen ins Studio kamen: »Martin fragte uns: ›Muss ich heute wieder was spielen? Okay, dann los.‹ Er kam für fünf Minuten rein und hauchte den Stücken mit seinem Spiel Leben ein. Es war offensichtlich, dass er sehr musikalisch war. Ich erinnere mich, wie er da mit chinesischem Fastfood in der einen Hand an seinem Synthesizer stand und mit der anderen eine Melodie spielte. Alles, was er im Grunde wollte, war, in Ruhe zu essen.«

Für eine junge Band, die gerade im Begriff ist, erste Songs aufzunehmen, kümmerten sich Depeche Mode erstaunlich wenig um das Wesentliche: die Songs. Gore gestand rückblickend, nicht ansatzweise gewusst zu haben, was die Texte von Vince Clarke zu bedeuten haben: »Oft war schon die Grammatik ein Mysterium, ganz zu schweigen von der Bedeutung.« Und Gore wäre der Letzte gewesen, der in dieser Hinsicht nachgefragt hätte. Aber immerhin schrieb er in dieser Zeit selbst einen Song, Tora! Tora! Tora!, benannt nach dem Ausruf japanischer Kampfflieger kurz vor dem Angriff auf den amerikanischen Navy-Stützpunkt Pearl Harbor. Die Stimmung des Songs ist ein wenig gespenstisch, der Text durchaus eindringlich: »I had a nightmare only yesterday/ You played a skeleton/ You took my love then died that day/ I played an American.« Man könnte denken, Gore habe versucht, dem federleichten Synthie-Pop Clarkes eine andere Klangfarbe entgegenzusetzen. Doch der Autor selbst sah die Sache anders: »Ich betrachtete meine Songs in dieser Phase gar nicht als meine eigenen«, sagte Gore 2001 in einem Interview mit dem britischen Musikmagazin Uncut. »Was ich versuchte, war, mich als Songwriter dem anzupassen, was Vince zu dieser Zeit machte.«

Gores beachtliche Teilnahmslosigkeit angesichts des Aufstiegs von Depeche Mode neigte sich erst dem Ende zu, als die Band Mitte Juni 1981 die zweite Single New Life veröffentlichte. Das Stück kletterte in den britischen Charts bis auf Platz 11 – und so langsam dämmerte es auch Gore, dass dies mehr war als ein Hobby. Daryl Bamonte, Freund der Band und Tourmanager, erinnerte sich an ein Gespräch zwischen Gore und Miller, kurz nachdem New Life nur knapp die heilige Top Ten verpasst hatte: »Martin fragte Daniel: ›Müssen wir jetzt tatsächlich unseren Beruf aufgeben?‹ Und Daniel sagte: ›Ja, ich denke, für euch wird ab jetzt gesorgt sein.‹« Gore kündigte, Fletcher tat es ihm gleich – und im Juli 1981 durfte das Teenie-Musikmagazin Smash Hits in einer Titelgeschichte verkünden: »In den letzten Monaten haben sie alles aufgegeben, was sie davon abhält, zu jeder Zeit Depeche Mode zu sein.« Interessanterweise begann Gore zeitgleich damit, auf der Bühne Anzug und Krawatte zu tragen. Die Vorteile lagen auf der Hand: Der ehemalige Banker musste seine Business-Suits nicht einmotten – und sah dazu allemal besser aus als bei seinen ersten Versuchen, sich einen individuellen Stil anzueignen.

Im selben Monat war die Band zudem erstmals bei Top Of The Pops zu Gast, der bekanntesten Musik-TV-Sendung Großbritanniens. Die Show war damals kein Kinderzirkus, sondern eine große Sache. Hier hatten sie alle gespielt: die Beatles, David Bowie, Roxy Music. Und nun stand Gore an seinem Synthesizer und war furchtbar nervös. »Ich weiß noch, dass ich in der Nacht vor der Aufzeichnung nicht schlafen konnte«, sagte er später. »Heute wirkt das vielleicht ein wenig lächerlich, aber wir waren damals sehr jung – und das war die Hit-Show, mit der wir aufgewachsen waren.« Generell hatten Depeche Mode damals so ihre Probleme mit der Bühnenperformance. Während Gahan als Sänger aus heutiger Sicht seltsame, damals aber durchaus angesagte Tänze aufführte, wusste Gore nicht so recht, was er hinter seinem Synthesizer tun sollte. Dem New Musical Express erzählte er im Sommer 1981 von einer interessanten Idee aus den Anfangstagen: »Wir wollten Schienen auf der Bühne verlegen und uns auf Plattformen stellen, sodass wir uns nach vorne und hinten bewegen könnten, ohne uns tatsächlich zu bewegen.«

Nach zwei Singles wurde es Zeit für das erste Album. Depeche Mode begannen im Juni 1981 mit der Arbeit, wobei es nie in Frage stand, dass auch Gores Songs Big Muff und To ...

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