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Inselmorde

Über den Autor

Theodor J. Reisdorf, geboren 1935 in Neuss, reiste quer durch Europa und Nordafrika, arbeitete in vielen Berufen, machte in Wilhelmshaven das Abitur und studierte Wirtschafts- und Sozialwissenschaften in Hamburg, Köln und Mannheim. Nach dem Abschluss zum Dipl.-Handelslehrer folgte die zweite Staatsprüfung in Bielefeld mit anschließender Lehrtätigkeit in Aachen, Norden und Emden. 1997 wurde er als Oberstudienrat pensioniert. Er wohnt in Ostfriesland und schreibt als »Meister des Friesenkrimis« spannende Romane über Land, Leute und Leichen. Seine Geschichten sind ein mörderisches Muss für alle Nordsee-Fans.

Theodor J. Reisdorf

INSELMORDE

Drei mörderische Romane
auf Juist, Borkum und Baltrum

Todestörn vor Juist
Das Dünengrab
Tod vor Borkum

Abbildung

Pitt Hänneschen betrat über die Gangway die Frisia II. Im fast leeren Restaurationsdeck suchte er sich einen Fensterplatz aus, stellte seinen Rucksack auf den Boden und nahm aufatmend auf der Sitzbank Platz.

Er bestellte bei der Bedienung Kaffee und schaute auf den Tannenbaum, der in der Mitte des Decks im Licht elektrischer Kerzen erstrahlte.

Seine Mitschüler waren bereits am Mittwoch, direkt nach Schulschluss, in die Ferien aufgebrochen.

Sie sehnten sich alle nach zu Hause. Im Spätherbst und im Winter fiel über Juist die Einsamkeit, dann waren die Straßen wie leer gefegt, und nur wenige Pinten und Cafés blieben geöffnet. Oft regnete es tagelang, und man konnte sich kaum draußen aufhalten. Aber die Schüler waren ohnehin mit Lernen beschäftigt, denn vor dem Ende des Schulhalbjahres im Januar wurden zahlreiche Klassenarbeiten geschrieben.

Pitts Mitschüler kamen aus allen Bundesländern. Sie waren wie er Töchter und Söhne aus reichen Elternhäusern. Schöne, junge Menschen, denen das Glück förmlich in die Wiege gelegt worden war.

Auch Pitt sah gut aus. Er war groß und schlank, nur sein Gesicht wirkte etwas streng und knochig. Sein Haar war blond und kurz geschnitten.

Er schaute durch das Bordfenster auf Juist, als die Frisia II ablegte, und erblickte den Dachwinkel der Schule, der hinter dem Kirchturm hervorlugte. Das große Backsteingebäude war ihm zur Heimat geworden, nachdem seine Mutter bei einem Autounfall ums Leben gekommen war und sein Vater vor nicht allzu langer Zeit auf dem Boot einen Herzinfarkt erlitten hatte.

Er fuhr mit gemischten Gefühlen nach Neuss. In Begleitung seiner Freundin Schagüll hatte er einige Geschenke eingekauft, ohne Liebe, nur so, weil eben Weihnachten war. Es war ihm schwergefallen, in den wenigen Geschäften etwas für seine Verwandten zu finden.

Pitt nahm ein Taschenbuch aus seiner Rucksacktasche und begann zu lesen. Doch schon wenig später wurde er aus der Konzentration gerissen, denn die Frisia II hatte die Fahrrinne erreicht und fuhr der Mole in Norddeich entgegen. Auch hier war der Himmel grau in grau. Der Wind trieb nassen Schnee, vermischt mit Nieselregen, gegen das Schiff. Durch das Fenster sah Pitt den bereitgestellten Interregio nach Koblenz am Bahnsteig stehen.

Er nahm seinen Rucksack auf, schaute noch einmal auf den mit Kerzen geschmückten Tannenbaum und verließ das Schiff.

Pitt mochte das Gästezimmer im Haus seiner Verwandten nicht sonderlich. Es war mehr eine Abstellkammer mit einem alten Schrank und einer Konsole mit Nachttischlampe. Es hatte zwar ein eigenes Klo, entbehrte aber sonst jeder Behaglichkeit. Durch das Fenster blickte er in das kleine anliegende Birkenwäldchen.

Pitt packte seinen Rucksack aus, legte Wäsche, Pullover und bunte Oberhemden in den Schrank und hängte seine Cordhose und sein Jackett auf einen Bügel.

Dann zog er sich aus, duschte. Anschließend frottierte er sich trocken, zog frische Wäsche an, stieg in seine Jeans, ein buntes Oberhemd und schlüpfte in das modische Jackett.

Wenig später betrat er das Wohnzimmer. Tante Cecilia und Onkel Gottfried saßen in den Ledersesseln am Couchtisch. Die Köchin deckte den Tisch mit dem feinen Delfter Porzellan.

»Hallo, Pitt«, sagte sie erfreut und reichte ihm die Hand.

»Tante Poschmann, gut siehst du aus.« Pitt betrachtete die Köchin, die genauso alt war, wie seine Mutter jetzt gewesen wäre.

»Pitt, immer noch der höfliche, nette Junge«, scherzte sie und strich dem Besucher mit der Hand über das kurz geschnittene Haar.

Tante Cecilia hatte zugenommen. Ihr hübsches, ernstes Gesicht war voller geworden. Sie trug eine Trachtenbluse, darüber ein bayrisches Jäckchen und dazu passend einen grünen Lodenrock. Sie hatte ihr Haar wachsen lassen. Es war immer noch dunkel, während Onkel Gottfried mittlerweile fast ergraut war.

Tante Cecilia lächelte Pitt freundlich an. Onkel Gottfried erhob sich und drückte den Neffen an sich. »Großartig siehst du aus«, sagte er und klopfte Pitt auf die Schulter. »Bodybuilding?«, fragte er lächelnd.

»Juist ist ein Dorf. Dort ist wenig los. Da bleibt nur der Sport, um zwischen anstrengenden Klausuren zu überleben«, antwortete Pitt.

»Nimm doch Platz«, forderte ihn Tante Cecilia auf. Pitt setzte sich in den Sessel.

»So schlimm wird eure Schule doch nicht sein«, griff Onkel Gottfried das Thema wieder auf. »Da gibt es doch sicher auch hübsche Mitschülerinnen, die Muskeln mögen?«

Pitt lachte. »Kann schon sein«, erwiderte er.

»Und du hast doch gewiss eine Freundin?«, fragte Tante Cecilia und bemühte sich, ihre Neugier zu unterdrücken. »Besuch uns doch im Frühjahr mit ihr!«

»Bis dahin fließt noch viel Wasser den Rhein hinunter, Tante. Aber wenn du es genau wissen willst, ja, ich habe eine Freundin. Ihr Vater betreibt in Hamburg einen gut gehenden türkischen Supermarkt.«

Tante Cecilia blickte ihn überrascht an. »Eine Türkin?«, fragte sie. Ihr Gesicht verriet Unmut.

»Ja, eine Schönheit, ein südländischer Typ wie du, verzeih, aber jünger«, scherzte Pitt.

Offenbar verspürte Cecilia keine Lust, dieses Thema weiter zu erörtern. »Wir warten auf Arnold«, erklärte sie stattdessen. »Der Bengel hält sich wieder bei seinen Freunden auf. Kein Wunder, er ist so selten in Neuss und als Künstler für die anderen gewiss auch sehr interessant. Die studieren ja alle Jura, Wirtschaftswissenschaften, das Lehramt oder Technik!«

Tante Poschmann betrat das Zimmer. Sie zündete den Kamin an.

»Warten Sie noch mit dem Kaffee. Mein Sohn kann jeden Moment kommen«, sagte Tante Cecilia.

Onkel Gottfried wandte sich wieder an den Neffen. »In wenigen Wochen schlägt die Stunde der Wahrheit. Dann stehst du im Abitur. Wie stehen die Aktien?«, wollte er wissen.

»Ich hoffe, es wird reichen, um Medizin zu studieren«, sagte er.

Tante Cecilia streckte sich und strich mit der Hand über den Lodenrock, der ihren Bauch etwas zu eng umspannte. »Ich dachte, du wolltest Meeresbiologe werden?«, fragte sie.

Pitt blickte in ihre fragenden Augen. »Tante, die Grünen, Greenpeace und die Umweltorganisationen haben sich auf dem Sektor mit großen Erfolgen eingenistet. Da kann ich mein Schwarzbrot nicht verdienen.«

»Na, das ist ja eine gewaltige Kehrtwendung«, murmelte die Tante.

»Nach dem Abitur werde ich weitersehen«, antwortete Pitt.

»Wie du dich auch entscheidest, an finanziellen Mitteln wird es dir nicht fehlen«, sagte sie.

Die Tür wurde unsanft geöffnet. Arnold betrat das Zimmer.

»Na, die Kaufleute unter sich?«, fragte er und grinste. Sein langes, ungepflegtes Haar hing ihm über den Kragen seiner abgetragenen Lederjacke. Er trug ausgefranste Jeans mit Löchern an den Knien.

Er trat neben Pitt und schlug ihm kameradschaftlich auf die Schulter. »Vetter, hüte dich vor Mama und Papa! Sie kennen nur Bilanzen, Gewinne und Geldanlagen. Sie verkaufen Steine, Zement und Sand, über die der Wind der Zukunft hinwegbrausen wird«, sagte er und setzte sich in den noch freien vierten Sessel.

»Arnold, ohne Geld läuft nichts. Nur die, die es besitzen, können deine späteren Werke kaufen«, erwiderte Pitt ironisch.

Er mochte seinen Vetter. Doch dessen versponnene Ideen und Vorstellungen hatten ihn stets irritiert. Er fand auch Arnolds lässige Schlabberkleidung, die dieser wie das Statussymbol einer elitären, bürgerfeindlichen Minderheit provozierend trug, unangebracht.

»Lieber Vetter, Geld verdirbt den Charakter. Ich gehe davon aus, dass euer Elitegymnasium auf Juist dich motiviert, dein Studium nach irgendwelchen Schaltstellen in unserer herz- und wertlosen Gesellschaft auszurichten. Hand aufs Herz, Pitt, Jura oder Wirtschaftswissenschaften?«, fragte er.

»Das habe ich noch nicht entschieden, Arnold. Aber zum Glück brauche ich mich um die Finanzierung des Studiums nicht zu kümmern. Das Geld fließt aus den Gewinnen, die die Firma abwirft«, sagte Pitt ernst. Er besaß auf Juist eine Eigentumswohnung, die er gewinnbringend von einem Makler vermieten ließ. Und er hatte sich von dem Geld, was ihm aus der Firma zufloss, ein kleines Segelboot gekauft.

»Du weißt, dass Pitt sparsam und bescheiden lebt, was wir von dir nicht sagen können«, sagte Tante Cecilia vorwurfsvoll zu ihrem Sohn.

Arnold, der Künstler, verzog sein Gesicht zu einem breiten Grinsen. »Kein Wunder. Er ist ja schließlich euer Chef«, sagte er.

»Das geht denn doch zu weit«, empörte sich Onkel Gottfried – und rief nach Frau Poschmann, die auf das Zeichen gewartet hatte, denn sie betrat prompt das Wohnzimmer, schenkte den Kaffee aus, trug danach eine Schüssel mit frischen Berlinern herein und stellte sie auf den Tisch.

»Ich bin in der Küche, falls Sie mich brauchen«, sagte sie, blickte noch einmal kontrollierend über die Kaffeetafel und verließ das Zimmer.

Sie tranken Kaffee und aßen Berliner.

»Morgen ist Heiligabend. Ich denke, dass ihr Jungs den Tannenbaum schmücken solltet. Mutter hat bereits Kugeln, Kerzen und Lametta bereitgelegt«, sagte Onkel Gottfried.

Tante Cecilia und Onkel Gottfried bewunderten den geschmückten Baum. Die elektrischen Kerzen spendeten ein anheimelndes Licht. Im Kamin loderten die Flammen, und aus dem Lautsprecher klang klassische Musik. Die Bescherung hatten sie schnell hinter sich gebracht. Es hatte einige Überraschungen gegeben, und niemand war zu kurz gekommen.

Um neunzehn Uhr servierte Frau Poschmann auf dem Kamintisch das Abendbrot. Es gab Lachsscheiben, Krabben, Aal und Krebse, außerdem Salate und Weißbrot. Dazu tranken sie Wein. Nach dem Essen ging es witzig zu, als Arnold über seine Erlebnisse in London berichtete.

Er hatte sich am Piccadilly Circus, in der Oxford Street und an anderen markanten Plätzen als Pflastermaler betätigt, die Mona Lisa, den Mann mit dem Goldhelm und andere bekannte Kunstwerke mit bunter Kreide auf die Steinplatten gemalt und dabei nicht nur tüchtig kassiert, sondern auch noch die Aufmerksamkeit der Lady Di auf sich gelenkt, die bei ihrem Einkaufsbummel Gefallen an seinen Bildern gefunden hatte und ihm zehn Pfund in die Mütze geworfen hatte. Dabei hatten die Passanten ihr Beifall gezollt. Auch sonst hatte Arnold lustig gelebt und die Mädchen, wie er gestand, öfter als seine Unterwäsche gewechselt.

Pitt dachte ein wenig wehmütig an seine verstorbenen Eltern. Wie schön war Weihnachten stets gewesen, als sie noch gelebt hatten …

Als störend empfand Pitt allerdings das Verhalten seines Vetters, der sich wie ein zukünftiger Baselitz oder Penk verhielt.

Vielleicht war es auch eine in ihm aufkeimende Eifersucht, die ihn missmutig stimmte. Er sehnte sich nach Schagüll, die den Abend vermutlich einsam im Internat verbrachte.

Onkel und Tante lauschten bewundernd den Worten ihres Sohnes. Pitt fühlte sich ausgeschlossen. Unvermittelt entschied er, am ersten Weihnachtstag abzureisen. Er sehnte sich nach Juist, nach den Dünen und einsamen Stränden und den Möwen, die leise im Wind segelten.

Pitt verließ das Restaurationsdeck der Frisia II und betrat über die Gangway die Mole. Der Mond schien. Juist lag unter einem wolkenfreien Abendhimmel. Pferdedroschken warteten auf Gäste. Hotelangestellte luden Koffer auf ihre Fahrradanhänger. Der aufgebriste Ostwind war beißend kalt. Pitt ging schnellen Schrittes im Licht der Hafenleuchten dem Deichtor entgegen. Die Fenster der Häuser waren hell erleuchtet. Die Insulaner feierten Weihnachten. Auch in der Hausmeisterwohnung brannte Licht.

Pitt näherte sich der Tür des Internats. Er nahm den Schlüssel aus seiner Tasche und drückte den Lichtschalter. Seine Wohnung lag im dritten Stock. Er stieg über die Treppe nach oben, steckte den Schlüssel ins Schloss seiner Apartmenttür und öffnete sie. Die Tür klemmte ein wenig. Überrascht entdeckte er einen Brief, der unter der Tür gelegen hatte und hob ihn auf. Gleich darauf schaltete Pitt das Licht an und setzte seinen Rucksack im Korridor des Apartments ab. Erleichtert blickte er um sich. Er war wieder zu Hause. Er betrat sein Zimmer, schaltete das Licht an, setzte sich in den Sessel und betrachtete das Kuvert. Doch es trug keine Anschrift und keinen Absender. Pitt öffnete den Umschlag und zog die beschrifteten Seiten hervor. Ihm verschlug es den Atem, als er erkannte, von wem der Brief stammte. »Schagüll«, entfuhr es ihm, und er fühlte, wie ihm das Blut in den Kopf stieg.

Dann begann er zu lesen:

Lieber Pitt,
ich bin sehr traurig und fühle mich sehr einsam. Bevor Du mehr erfährst, sage ich Dir, was ich Dir schon so oft während unvergesslicher Stunden gestanden habe, nämlich, dass ich Dich liebe. Was auch immer geschieht, vergiss das bitte nicht. Ich hoffe, dass wir bald wieder zusammen sein können.

Auf das Abitur, so nah und greifbar, kann ich verzichten, aber nicht auf Dich. Ich werde ewig an Dich denken.

Für Dich war ich die kleine Türkin, die in geordneten Familienverhältnissen lebte. Ich habe Dir, um Dich nicht zu verunsichern, verschwiegen, dass mein Vater den Supermarkt in Hamburg nur zum Schein unterhielt, ihn führte und leitete. Mein Vater ist in Wirklichkeit Mitarbeiter des türkischen Geheimdienstes. Seine Aufgabe bestand darin, die Machenschaften der nun auch in Deutschland verbotenen Kurdischen Arbeiterpartei auf deutschem Boden zu beobachten.

Er erhielt am Tag vor dem Heiligabend ernst zu nehmende Morddrohungen. Auch auf mein Leben haben es fanatische Kurden abgesehen, die mich als Geisel nehmen wollten.

Wir mussten den Drohungen der gewalttätigen Kurden zuvorkommen. Doch das ist nicht alles. Aus Sicherheitsgründen bedrängen meine Brüder meinen Vater und mich, einer Heirat mit einem Mann zuzustimmen, den ich nicht kenne, der sich als Gegenleistung für meine Sicherheit verbürgt. Ich verlasse das Internat und werde mich bis zu meinem Tod weigern, einen Mann zu heiraten, den ich nicht liebe. Pitt, ich liebe nur Dich! Warte auf mich! Denn erst einmal muss ich Vater folgen, um mich in Sicherheit zu bringen.

Ich weiß, dass Du mich liebst und auf mich warten wirst. Meine Familie versteht nicht, dass ich mich als eine Deutsche fühle. Ich habe nur deutsche Schulen besucht und hätte gerne mit Dir gemeinsam studiert. Ich kenne die Türkei nicht. Für mich gab es bis vor wenigen Tagen kein Kurdenproblem. Ich hoffe, dass ich mit Dir in Deutschland eine gemeinsame Zukunft haben werde. Lieber Pitt, vernichte den Brief und habe Geduld mit mir. Deine Dich ewig liebende Schagüll.

Pitt weinte. Es war sinnlos, bei Tante Cecilia, bei Onkel Gottfried und Arnold Trost zu suchen. Das ging nur ihn etwas an! Er erhob sich und holte sich aus dem Kühlschrank eine Flasche Bier. Er öffnete die Flasche, trank und las den Brief noch einige Male. Anschließend legte er die Nachricht in die Schublade seines Schreibtisches und ging zu Bett.

Jupp Broichler war der stellvertretende Direktor des Juister Inselinternats, das auch Pitt besuchte. Broichler war neunundfünfzig Jahre alt, wirkte aber jünger. Er besaß Autorität, aber war ehrlich und fair, und die Schüler mochten ihn. Er forderte Leistungen und honorierte sie, und er half großzügig, wenn Schüler sich ernsthaft um die Kenntnisse der Mathematik bemühten.

Am zweiten Weihnachtstag betrat er die kleine Inselkirche, kniete sich in eine Bank und nahm am Gottesdienst teil. Er richtete seinen Blick auf die brennenden Kerzen, fand Gefallen an den schlanken Tannen, in denen elektrische Lichter blinkten, und gedachte seiner verstorbenen Frau. Nur gelegentlich fiel er in ein Gebet ein und sang einige Strophen der Weihnachtslieder mit.

Nach dem Gottesdienst ging er zu dem kleinen Inselfriedhof, der vor den Dünen lag. Er legte Blumen auf das Grab, steckte eine Kerze in die Laterne und zündete sie an. Das Grab trug frisches Grün. Er sprach ein Gebet und schritt, in wehmütige Gedanken vertieft, in die Dünen. Dort sah er den Möwen zu und spazierte am Strand entlang zu seiner Wohnung.

Zu Hause bereitete sich Jupp Broichler, der während der Schulzeit im Restaurant ›Inselnestchen‹ sein Abendessen einzunehmen pflegte, einen Hasenrücken zu, den er mit Kroketten, Apfelmus und Preiselbeeren zu sich nahm.

Nach dem Essen spülte er das Geschirr ab, setzte sich in den Sessel und schaltete den Fernseher ein.

Als die Türglocke läutete, fuhr er überrascht hoch. Er ging in den Korridor und bediente die Sprechanlage.

»Broichler«, sagte er und horchte.

»Pitt Hänneschen«, klang es ihm blechern entgegen.

Broichler drückte die Taste, öffnete die Wohnungstür und blickte in das Treppenhaus. Seine Wohnung lag im zweiten Stock des Apartmenthauses Möweneck. Er vernahm eilige Schritte.

Pitt liebte wie er das Jogging. Sie trafen sich oft am Strand bei der Ausübung ihres Hobbys. Auch sonst mochte Broichler den jungen Hänneschen. Er und seine Leistungen in Mathematik lagen über dem Durchschnitt.

Hinzu kam ihre gemeinsame Herkunft. Broichler war in Stürzelberg, einem Dorf am Niederrhein in der Nachbarschaft von Dormagen aufgewachsen. Er hatte einige Jahre am Quirinus-Gymnasium in Neuss unterrichtet, das auch Pitt besucht hatte, bevor er nach Juist an das Internatsgymnasium gekommen war.

Broichler begrüßte Pitt, bat ihn einzutreten und abzulegen. Der Schüler hängte seinen Anorak über den Bügel und folgte dem Lehrer in das Wohnzimmer. Broichler zeigte auf den Sessel der Sitzecke. »Pitt, setz dich«, sagte er und nahm ihm gegenüber auf der Couch Platz.

Pitt sah blass und verhärmt aus. Er schaute auf den Tannenbaum. »Ich hoffe, Sie haben einen angenehmen Heiligabend verlebt«, sagte er verlegen.

»Wie man’s nimmt. Ich habe an meine verstorbene Frau gedacht, gut gegessen, gelesen und mir einen teuren Wein gegönnt«, sagte Broichler.

Pitt wirkte nervös.

»Warum hast du denn Schagüll nicht mitgebracht?«, fragte Broichler. »Sie ist doch sicher in der Schule geblieben.«

»Als ich gestern Abend aus Neuss zurückgekommen bin, befand sich Schagüll nicht mehr im Internat«, sagte Pitt, den Tränen nahe.

»Und wo ist sie?«, fragte Broichler überrascht.

»Auf der Flucht«, murmelte Pitt.

»Wie bitte?«, fragte Broichler ungläubig.

»Zu Ihnen habe ich Vertrauen. Sie wissen, dass ich Schagüll liebe. Hier, lesen Sie!«, sagte Pitt und reichte Broichler den Brief. Pitt rutschte unruhig auf dem Sessel hin und her, während Broichler las.

Schließlich legte der Lehrer das Schreiben nieder und schüttelte fassungslos den Kopf. »Ich weiß nicht, was wir da tun können«, sagte er. »Eigentlich nur warten. Schagüll ist achtzehn oder wird es in Kürze. Sie wurde nicht entführt.«

»Ich sorge mich um sie«, erklärte Pitt.

»Das kann ich verstehen. Ihr liebt euch, und ich kann mir nicht vorstellen, dass sie den fremden Mann heiraten wird. So weit kenne ich sie. Was die Drohungen der Kurden betrifft, kann ich die Lage nur schlecht beurteilen. Die Polizei einzuschalten wäre wohl nicht sinnvoll.«

Broichler zögerte kurz, dann fuhr er fort: »Falls Schagüll nach den Ferien nicht zurückkommt, verletzt sie ihre Schulpflicht. Dann können wir etwas unternehmen.«

Pitt blieb skeptisch.

Dennoch beruhigte ihn der Lehrer irgendwie. Broichlers Art erinnerte ihn an seinen Vater.

»Denk an das Abitur, bereite dich vor, und warte auf die Dinge, die da kommen werden«, sagte Broichler.

»Ich weiß, dass es verfrüht ist, Schagüll jetzt schon aufzugeben«, murmelte Pitt nachdenklich.

»Ich schlage vor, dass wir uns einen Tee gönnen«, sagte Broichler. »Damit erhob er sich und ging hinüber in die Küche.

Tatsächlich schaffte Pitt es einigermaßen, sich auf die Abiturvorbereitungen zu konzentrieren. Er löste Mathematikaufgaben, las englische Kurzgeschichten, übte neue Vokabeln, paukte Latein und las Homo Faber von Max Frisch, zu dem er erst, seit er sich um Schagüll sorgte, den richtigen Zugang fand.

Der ersehnte Telefonanruf blieb aus. Jeden Morgen blickte er mit klopfendem Herzen in sein Postfach. Vergeblich.

Am frühen Abend zog er die Turnschuhe an, lief selbst bei schlechtem Wetter wie gewohnt am Strand entlang, um sich körperlich fit zu halten.

Auf sein Bodybuilding musste er verzichten. Die Turnhalle und die Fitnessräume blieben während der Ferien geschlossen. Abends trank er Tee, gelegentlich auch ein Bier beim Fernsehen. Morgens schlief er lange.

In Köln hatte es Krawalle gegeben. Kurden hatten das Büro einer türkischen Fluggesellschaft gestürmt und zertrümmert.

Auch in anderen westdeutschen Großstädten war es zu Übergriffen gekommen. Die Polizei hatte hart durchgreifen müssen.

Die hohe Arbeitslosigkeit, die Orientierungslosigkeit der Jugend, besonders in den neuen Bundesländern, führten zu verabscheuungswürdigen Übergriffen auf Asylanten.

Vor diesem Hintergrund war Pitt zu der Einsicht gekommen, dass Schagüll sich aus ihrem Versteck noch nicht melden konnte.

Am Silvesterabend schälte Pitt Kartoffeln, schnitt sie in Scheiben, ließ sie abtropfen. Er hackte eine Zwiebel klein, würfelte einige Schinkenscheiben. Er bräunte die Zwiebeln und den Schinken in der Pfanne leicht an, gab die Kartoffeln dazu, pfefferte und salzte, legte den Deckel auf die Pfanne und ließ das Gericht bei kleiner Hitze brutzeln.

Dann deckte er den Tisch, stellte eine Kerze in den Ständer und zündete sie an. Anschließend öffnete er ein Glas mit Bratfischröllchen und gab sie in eine Schüssel.

Als die Kartoffeln weich, die Zwiebelstückchen fast schwarz und die Schinkenwürfel knusprig waren, nahm er die Pfanne vom Zweiplattenherd und gab den Inhalt in eine Schüssel.

Während er aß, sah er sich Fotos an, die er vor gar nicht langer Zeit von Schagüll gemacht hatte.

Schagüll lachte glücklich. Ihr Körper war von der Sonne gebräunt, das lange schwarze Haar hatte sie zu zwei Zöpfen geflochten. Sie fielen über das Oberteil ihres Bikinis. Sie hatte eine großartige Figur und ein schönes Gesicht. Eine gerade Nase, dunkle Augen und volle rote Lippen. Pitt aß und betrachtete dabei weiter die Fotos, die unzählige Erinnerungen in ihm wachriefen – wehmütige und gleichzeitig wunderschöne.

Er hatte Schagüll in den Dünen nach dem Baden nackt fotografiert. Er betrachtete ihren Po, den sie ihm entgegenstreckte, als sie nach einem Handtuch griff. Pitt spürte Sehnsucht und Verlangen in sich aufkeimen. Wie sehr er Schagüll vermisste!

Nach dem Essen schaltete er den Fernseher an und erledigte den Abwasch.

Der Bundeskanzler hielt seine Neujahrsansprache. Er hatte nach amerikanischem Vorbild die Fahne der Bundesrepublik in die Nähe seines Schreibtisches rücken lassen. Pitt hörte sich die Rede an, dann stellte er den Fernseher leise. Im Internat war alles ruhig. Selbst den Hausmeister hatte Pitt noch nicht zu Gesicht bekommen.

Plötzlich verspürte Pitt den Wunsch, mit irgendjemandem zu sprechen. Seinen Lehrer wollte er nicht schon wieder stören. Vielleicht Onkel Gottfried und Tante Cecilia? Er nahm den Telefonhörer von der Gabel und wählte die vertraute Nummer. Doch keiner nahm ab. Die essen heute Abend Rehkeule, und Arnold wird seine Silvesterschau abziehen, dachte er und legte den Hörer wieder auf die Gabel.

Pitt holte eine Flasche Bier aus dem Kühlschrank, öffnete sie und wartete auf die im Fernsehen angekündigte Komödie.

Er trank das Bier, schaute zu, doch die Gags und Pointen gingen an ihm vorbei. Er fand die Sendung albern, schaltete um, doch fand nirgendwo etwas nach seinem Geschmack.

Es war besser, noch einmal rauszugehen!

Also trat er an den Schrank, zog ein hübsches Oberhemd über sein T-Shirt und band sich sogar eine Krawatte um. Darüber zog er das graue Jackett und den blauen Trenchcoat, dann verließ er sein Zimmer und das Internat, in dem er vermutlich der einzige Gast war.

Aus den Lokalen klang ihm Musik entgegen, in die sich das Stimmengewirr feiernder Menschen mischte.

Silvesterknaller, die Jugendliche vorzeitig zündeten, klangen wie Schüsse aus Jagdgewehren und erinnerten ihn an seinen Vater, den er früher im Herbst in die Eifel zur Hubertusjagd begleitet hatte.

Kinder warfen Knallfrösche auf die Straße. Er roch den Pulverdampf.

Vom Viersternehotel ›Alte Barke‹, in dem verwöhnte Bundesbürger aus Wirtschaft, Politik und Kultur sich wohlfühlten, fiel das grüne Licht der Neonreklame einer Brauerei auf den Bürgersteig. Aus dem von dem Hotel betriebenen Kellerlokal ›Grabbschen‹ drang ihm laute Oldie-Musik und Stimmengewirr entgegen.

Pitt blieb vor der Treppe stehen. Die Tür des Lokals stand offen, und er fühlte den Wunsch, sich unter die Menschen zu mischen. Er ging die Treppe hinunter, und Alkoholdunst und schaler Rauch stiegen ihm entgegen. An der angelehnten Tür prangte ein Schild, ›geschlossene Gesellschaft‹.

Ungehindert betrat er den Bierkeller. Die Tische waren besetzt. Eine Blaskapelle spielte alte Schlager, die er aus seiner Kindheit kannte. Die Gäste gehörten den älteren Jahrgängen an, aber die fröhliche Stimmung im Lokal gefiel ihm. Er schritt an den besetzten Tischen vorbei und näherte sich der Bar, hinter der eine attraktive Kellnerin, möglicherweise eine Spanierin oder Italienerin, Gläser spülte.

Nur eine junge Frau saß vor der Theke auf einem Barhocker im Schummerlicht der Glockenlampen.

Pitt entledigte sich seines Trenchcoats, legte ihn über einen freien Hocker und nahm neben der jungen Frau Platz.

»Sie gestatten?«, fragte er.

Die Frau war hübsch und nur wenige Jahre älter als er. Sie schaute ihn überrascht an.

»Wo kommen Sie denn her? Hier feiern sonst nur Gruftis«, sagte sie erstaunt.

»Sie übertreiben. Sie könnten meine Schwester sein«, antwortete Pitt charmant.

Die junge Frau lächelte. Ihre Hände spielten mit einem leeren Sektglas.

»Sie haben meine Frage nicht beantwortet«, sagte sie.

»Wenn Sie es genau wissen wollen, ich bin Strandgut. Der Sturm und die Flut haben mich angetrieben. Doch vorher haben sie etwas von mir mitgenommen, das ich heute Abend vermisse«, antwortete Pitt zynisch. Er blickte in das Gesicht der jungen Frau. Sie gefiel ihm ausnehmend gut.

»Da stehen Sie nicht alleine da. Hier im Haus befindet sich heute Abend mehr Strandgut als an der gesamten ostfriesischen Küste«, sagte sie und kicherte.

Pitt schaute in das Lokal und betrachtete die Gäste. Einige kamen ihm bekannt vor; er hatte sie schon im Fernsehen gesehen. Es waren Moderatoren, die dem Fernsehpublikum gelegentlich prominente Gäste vorführten. In einer Ecke entdeckte er eine Ministerin mit ihrem Mann.

»Und, habe ich recht?«, fragte die Frau an seiner Seite ironisch.

»Nein, die Leute, die hier feiern, wissen, wo sie hingehören. Ihr Platz in der Gesellschaft steht fest, sie haben etwas geleistet.«

Seine Nachbarin schaute ihn nachdenklich an. »Ja, ich gebe Ihnen recht. Aber es hört sich an, als ob Sie diese Leute bewundern würden.«

»Vielleicht tue ich das. Weil auch ich etwas leisten will. Und Sie? Sind Sie eine Strandnixe? Die anwesenden Herren scheinen mir jedenfalls blind. Gibt es keinen, der Sie während der letzten Stunden des Jahres in die Arme nehmen möchte?«, fragte Pitt.

Die junge Frau lächelte verlegen. »Ich habe mich selbst dafür entschieden, hier an der Bar zu sitzen und nicht an den Tischen der Prominenten. Können Sie das verstehen?«, fragte sie.

Pitt nickte. »Für die meisten Tische sind Sie viel zu jung«, sagte er.

Die hübsche Südländerin hinter der Theke wandte sich ihm zu. »Was möchten Sie?«, fragte sie. »Es gibt alle Getränke außer Milch, sie ist nicht im Ausschank.«

»Italienerin?«, wollte Pitt kess wissen.

»Si«, antwortete sie.

»Zwei Gläser Sekt von der Hausmarke«, bestellte Pitt.

Die Musik der Blaskapelle lockte einige Gäste auf die Tanzfläche. Die Bardame füllte die Sektkelche und stellte sie auf den Tresen.

»Prost«, sagte sie.

Pitt stieß mit der jungen Frau an. Er fand nichts an ihr, was ihn an Schagüll hätte erinnern können. Natürlich, sie war ebenfalls schön, aber ein ganz anderer Typ. Blond, nur leicht gebräunt und sehr elegant in ihrem Samtkleid und mit dem glänzenden Goldschmuck an ihren Händen und Handgelenken.

Sie prosteten sich zu und nippten an den Gläsern.

»Ein Jahr geht so schnell dahin. Die Plackereien und Freuden, und den letzten Tag verbringt man allein. Da geht es Ihnen wie mir, oder?« Sie blickte Pitt fragend an.

»Ich bin seit einer Woche allein und befürchte, auch im neuen Jahr mit meiner Einsamkeit leben zu müssen«, sagte er und dachte an Schagüll.

»Bei mir sind es oft Monate. Mein Mann ist Geiger, ein Vollblutmusiker. Er hat es mit seinem ungarischen Temperament weit gebracht. Er gehört den Münchner Symphonikern an. Sie sind auf Tournee und spielen heute in Tokio. Janosh verdient viel Geld. Er hat mich gebeten, für längere Zeit hier auf Juist in unserer Wohnung zu bleiben und hier im ›Grabbschen‹ zu feiern, weil er weiß, dass es im ›Hotel Barke‹ sittsam zugeht. Hier verkehren seine Freunde. Da ist nichts drin mit ›Bäumchen wechsel dich‹«, sagte sie und lächelte Pitt vergnügt an.

Pitt hob sein Sektglas. »Trinken Sie mit mir auf Ihren Janosh und auf meine Freundin Schagüll, die mich wegen politischer Intrigen verlassen musste«, sagte er.

Sie tranken sich zu und fühlten auf Anhieb, dass sie sich mochten. Dann setzte die schöne Frau des Musikers das Glas ab und lächelte Pitt an. »Und was machen Sie?«, fragte sie.

Die Hauskapelle ließ die ›Blaue Donau‹ aufleben.

»Ich bin das, was man ein Leben lang bleibt, nämlich ein Schüler. Ich denke, dass ich im neuen Jahr das Abitur mache, um anschließend Volkswirtschaft zu studieren. Auf mich wartet ein Betrieb, der mehr als zweihundert Menschen den Arbeitsplatz sichert. Leider lebt mein Vater nicht mehr. Ich denke, dass ich in seine Fußstapfen treten werde, wie man so schön sagt«, antwortete Pitt.

Die junge Frau hob ihr Sektglas. »Ich heiße Barbara«, sagte sie.

»Und ich heiße Pitt«, antwortete er. Sie stießen miteinander an und küssten sich auf das Du.

»Eigentlich bin ich gelernte Bürokauffrau«, begann Barbara aus ihrem Leben zu erzählen. »Ich bekam auf Umwegen eine Stelle in einer Kölner Künstleragentur. Irgendwann suchte Janosh unsere Agentur auf. Er sah gut aus und bezeichnete sich als Teufelsgeiger von Budapest. Er hatte mit einigen Kompositionen Erfolg gehabt, die im Ostblock immer wieder aufgeführt worden waren. Mir gelang es, ihn an das Gürzenich-Orchester in Köln zu vermitteln. Kurz zuvor hatte sich mein Verlobter mit seinem Motorrad in Bergheim auf dem Weg zum Nürburgring zu Tode gerast. Meine Eltern lebten in armen Verhältnissen in Ostberlin. Janosh, der viele Jahre älter ist als ich, lud mich ein, verwöhnte mich und griff auch meinen Eltern unter die Arme. Ich wurde seine Frau«, schloss sie einfach.

»Signora«, wandte Pitt sich erneut an die Bedienung.

Die Sektgläser wurden wieder gefüllt.

An den Tischen entstand Bewegung. Paare kamen von der Tanzfläche zurück. Die Prominenz feierte friedlich, alles mutete fast ein wenig nostalgisch an.

»Und deine Liebe zu deinem älteren Janosh erwies sich als Einbahnstraße«, folgerte Pitt frech.

»Nein, Janosh gibt mir viel. Er verwöhnt mich«, sagte sie und nahm das Sektglas in die Hand. »Er ist ein glänzender Solist und komponiert. Er setzt Themen aus dem Leben in unserer Zeit in Musik um. Ich fördere seine Kreativität. Oft ist er für Monate auf Tournee, aber dann auch wieder lange zu Hause. Durch ihn habe ich viele berühmte Leute kennengelernt«, sagte sie, als ziehe sie ein Fazit ihrer Jahre mit Janosh.

»Und du bereust nicht, dass du ihn geheiratet hast?«, fragte Pitt einfach.

Barbara hob ihr Sektglas, prostete Pitt zu und trank. Ihre Augen strahlten.

»Nein«, antwortete sie. »Janosh ist ein herrlicher Mann. Die Fachwelt und das Publikum bewundern ihn. Ich liebe ihn, und ich habe alles, was ich will. Das Apartment auf Juist haben wir gekauft, um dem Rummel zu entfliehen. So gesehen bin ich glücklich«, sagte Barbara.

Sie trank das Glas leer.

Die Kellnerin hastete mit vollem Tablett an die Tische. Das Geschäft im ›Grabbschen‹ lief.

»Signora, für uns noch einmal die Hausmarke«, bat Pitt, als sie zurückkam.

Die dunkle Schönheit füllte die Gläser.

»Trinken in Ruhe. Bene. Wenig Zeit, wenn ist neues Jahr, helfen Kolleginnen, dann ist an Bar Teufel los«, sagte sie lächelnd.

Pitt schaute auf seine Armbanduhr. Er stellte erstaunt fest, dass die letzte Stunde des alten Jahres sich bereits dem Ende neigte.

»Ist es nicht aufregend, wenn man berühmt ist?«, fragte Pitt.

»Daran liegt uns nichts. Ich kenne hier viele Gäste. Als ich mit Janosh meine erste Party besuchte, trug ich einen Autogrammblock bei mir, so beeindruckte mich diese Nobelgesellschaft. Darüber muss ich heute lachen. Aber heute Abend ist mir deine Unterschrift auf einem Bierdeckel lieber, Pitt«, sagte Barbara. Wieder stießen sie miteinander an. Sie sah ihm in die Augen.

»Es war schön, dich kennenzulernen«, sagte sie. »Ich danke dir. Ich habe mich hier anfangs sehr einsam gefühlt. Doch verzeih, ich habe bisher nur von mir erzählt. Was ist mit deiner Schagüll? Warum ist sie nicht bei dir?«, fragte sie mitfühlend und legte ihre Hand auf seine.

Pitt spürte die Wärme ihrer Haut. Auch er war froh darüber, dass er Barbara getroffen hatte.

»Schagüll ist meine Mitschülerin«, erzählte er. »Wir lieben uns. Sie war nicht mehr im Internat, als ich von einem Besuch bei meinen Verwandten zurückkam. Sie ist mit ihrem Vater untergetaucht, weil kurdische Separatisten sie verfolgen«, berichtete Pitt.

Barbara sah ihn an. »Und die Polizei?«, wollte sie wissen. »Ist die nicht eingeschaltet?«

»Das könnte zu Komplikationen führen und alles noch schwieriger machen.«

Barbara nickte.

Im Lokal wurde es lauter. Die Zeiger der Uhr näherten sich dem neuen Jahr.

»Signora, ich möchte zahlen«, sagte Pitt und zückte seine Brieftasche.

Die Italienerin rechnete ab. Pitt reichte ihr einen Hundertmarkschein und überließ ihr das Wechselgeld.

»Grazie«, sagte sie dankbar.

»Und nun wohin?«, fragte Barbara verwirrt.

»Zurück in unsere Einsamkeit«, scherzte Pitt und langte nach seinem Trenchcoat.

»Aber Pitt, wir wollen doch nicht ohne Neujahrswünsche auseinandergehen«, murmelte Barbara enttäuscht.

»Warum nicht? Du kannst Janosh nicht in die Arme nehmen und ihn küssen, und ich muss das neue Jahr ohne Schagüll beginnen«, sagte Pitt.

Die Hauskapelle spielte einen Walzer, während die Kellner für Getränke und frische Kerzen sorgten.

Die Gäste bereiteten sich auf die letzten Minuten des alten Jahres vor.

»Pitt, ich mag den Rummel nicht. Begleite mich nach draußen«, bat Barbara.

Pitt nickte.

Die Musik spielte weiter. Der Kapellmeister zählte laut den Countdown zum Jahresende.

Barbara hastete zur Garderobe und zog ihren Mantel an.

»Komm«, sagte Pitt.

Gemeinsam verließen sie das ›Grabbschen‹. Sie stiegen die Treppe hinauf und gingen in Richtung Wilhelmstraße davon. Als die Knallerei losging, hielten sie sich an den Händen und betrachteten das Feuerwerk, das sich Farben sprühend über Juist ergoss.

Der Direktor Dr. Bommrank nahm die Lesebrille ab und hob den Kopf. Sein Haar war schütter, sein Gesicht rund und freundlich. Er musste etwa fünfzig Jahre alt sein.

Pitt saß nervös auf dem Stuhl in der Nähe des Besuchertisches.

»Herr Hänneschen, ich habe mich an die türkische Botschaft gewandt, nachdem ich einige Telefonate mit dem Dezernenten der Bezirksregierung geführt habe. Schagüll ist türkische Staatsbürgerin. Ihr Vater, der ebenfalls die türkische Staatsbürgerschaft besitzt, wie Ihnen bekannt ist, führt in Hamburg einen Supermarkt, in dem er türkische Lebensmittel verkauft.«

Pitt nickte.

»Ich habe mit seinem Geschäftsführer telefoniert. Nach dessen Aussagen verbringt sein Chef mit seiner Tochter einen privaten Urlaub in der Türkei, weil Schagüll dort heiratet. Er und auch die Botschaft bedauern es, dass Herr Güyzcük mich nicht, wie erforderlich, um die notwendige Schulbefreiung der Tochter gebeten hat.«

»Das entspricht nicht den Tatsachen«, sagte Pitt.

»Um der Sache eventuell nachgehen zu können, bat die türkische Botschaft mich, ihr Material zur Verfügung zu stellen, das einen Verdacht gegen die verbotene Kurdische Arbeiterpartei erhärten könnte«, sagte Dr. Bommrank.

»Herr Direktor, die lügen Ihnen ins Gesicht«, rief Pitt empört. »Schagülls Vater ist ein wichtiger Mann für sein Land. Und ich denke nicht daran, den Brief, der auch private Mitteilungen enthält, sozusagen an die Öffentlichkeit zu geben!«

»Herr Hänneschen, Sie mögen recht haben. Doch als Schulleiter kann ich Ihre Argumentation nicht akzeptieren – und schon gar nicht vor den türkischen Behörden vertreten. Schagüll fehlt seit Schulbeginn unentschuldigt. Wenn Sie mir diesen Brief zur Verfügung stellen, kann ich bei der Bezirksregierung einen Antrag stellen, Schagüll für die bevorstehende Abiturprüfung als entschuldigt zu betrachten. Ansonsten gilt sie trotz guter Vorleistungen als durchgefallen«, sagte Dr. Bommrank.

Pitt hatte über die rechtlichen Konsequenzen noch nicht nachgedacht. Er liebte Schagüll, alles andere war egal. Ob sie das Abitur ablegte oder nicht, das war ihm gleichgültig.

»Und die Bezirksregierung wird eine Akte Schagüll Güyzcük anlegen?«, fragte Pitt.

»Ja. Herr Attila Güyzcük muss nachweisen, dass er nach Abwägung aller Möglichkeiten die richtige Entscheidung für das Wohlergehen seiner Tochter getroffen hat. Seine Rolle im Kampf gegen die verbotene Kurdische Arbeiterpartei wird auch deutsche Gerichte interessieren«, sagte Dr. Bommrank.

»Nur das nicht. Ich möchte Schagüll gesund wiedersehen«, murmelte Pitt.

»Das möchten wir doch alle. Ende Januar beginnen die Abiturprüfungen. Offiziell habe ich noch keine Entschuldigung. Halten auch Sie sich bitte zurück. Der Fall wäre ein Fressen für die Medien«, sagte Dr. Bommrank.

»Es wäre schon unangenehm genug, wenn meine Mitschüler davon erfahren würden«, erklärte Pitt.

»Herr Hänneschen, Sie können mit meiner Unterstützung rechnen«, beruhigte ihn Dr. Bommrank.

Pitt verließ das Büro des Schulleiters. Dessen Sekretärin blickte ihn aufmunternd an.

Pitt ging hinüber zu seinem Klassenraum und trat ein. Broichler stand vor der Tafel. Er nickte Pitt kurz zu und skizzierte die Fläche einer gelösten Integralaufgabe.

Wenige Tage später, es war ein Freitag, fegte der Orkan ›Lore‹ mit der Windstärke 11 über Norddeutschland. Eine extrem starke Sturmflut bedrohte die ostfriesische Küste, und mehrere Reedereien stellten den Schiffsverkehr ein. Die Mole in Norddeich war überflutet. Auf Juist spritzte das vom Sturm aufgestaute Wasser über die Deiche. Hohe Wellen türmten sich auf und rollten gegen die Dünen.

Um zwölf Uhr endete für Pitt der Unterricht. Er hatte jede Verabredung mit seinen Klassenkameraden für heute abgelehnt und verzichtete auf das Mittagessen in der Mensa, denn dort gab es freitags einen Eintopf, den er nicht sonderlich mochte. Stattdessen brühte er sich einen Tee auf und aß dann einige Schnitten. Gegen dreizehn Uhr klingelte das Telefon. Pitt dachte an Tante Cecilia, doch es war Barbara, die er Silvester kennengelernt hatte.

»Hallo«, sagte er erfreut, als sie sich meldete.

»Pitt, das Unwetter schafft mich. Man kann nicht nach draußen gehen, ist wie eingeschlossen. Sogar die Winterbepflanzung unseres Balkons hat der Orkan aus den Kästen gerissen«, sagte sie ängstlich.

»Barbara, die Deiche halten dicht. Aber wenn du dich alleine ängstigst, komme ich vorbei und hole dich ab. Zu zweit ist es sicher angenehmer.«

Pitt verließ das Internat und stemmte sich gegen die Sturmböen, die ihn wie einen Betrunkenen torkeln ließen.

Barbaras Wohnung befand sich in der Loggerstraße.

Vor dem mehrgeschossigen Klinkerbau hatte der Sturm Fahrräder aus den Halterungen gerissen und sie gegen die Wand gefegt. Glasscherben bedeckten den Bürgersteig.

Um das Haus heulte der Wind. Pitt hörte das Dröhnen anrollender Wellen und sah, wie Möwen im Tiefflug über die Dünen schossen. Am Himmel trieben schwarze Wolkenfetzen dem Festland entgegen.

Pitt trug seinen grünen Wettermantel, der die Kälte abfing. Die Kapuze hatte er sich fest um das Gesicht gezogen.

Er drückte den Klingelknopf. Aus der Sprechanlage kam der Summton, dann vernahm er Barbaras Stimme. »Ich komme.« Ihre Stimme klang blechern.

Wenig später trat sie aus der Tür. Ihr hübsches Gesicht war umrandet von der Kapuze ihres Anoraks. Sie trug Jeans und Stiefel.

Sie schüttelte sich, als der Sturm sie erfasste. Dann neigte sie sich zu Pitt, und er küsste sie auf die Wange.

»Janosh ist in Peking, und bei dem Wetter ängstige ich mich allein«, sagte sie, hakte sich bei Pitt ein und schmiegte sich an ihn, als suche sie Schutz.

Sie schritten über die Sandhove am Kiosk und am Andenkenladen vorbei, dessen Fenster mit Brettern vernagelt waren, und betraten die Promenade. Der Sturm riss sie fast von den Beinen. Sie verharrten auf der Stelle, stemmten sich gegen die Böen und hielten einander umschlungen. Ihre Augen tränten. Schaumfetzen flogen ihnen entgegen. Der Orkan ›Lore‹, der seit dem Mittag eine Geschwindigkeit von mehr als hundert Stundenkilometern erreicht hatte, wühlte die Wassermassen auf.

Vor dem düsteren Horizont wirbelten und sprangen die weißen Gischtkronen alles verschlingender Wellen.

Barbara und Pitt hielten sich an den Händen und kämpften sich vor bis zum Pirstenweg.

Dort verließen sie die Promenade.

Die beiden ließen sich vom Rückenwind treiben. Sie lachten wie Kinder, wenn sie den Schrittrhythmus verloren hatten. Sie vergaßen die Bedrohung der Sturmflut und vertrauten den Feuerwehrmännern, die vor der verschlossenen Schleuse Sandsäcke aufeinanderschichteten und sich das Ende der Flut herbeiwünschten. Es gab Entwarnung, wie sie vom Dorfpolizisten erfuhren, der sein Fahrrad an ihnen vorbeischob.

Barbara atmete erleichtert auf.

»Pitt, trinken wir bei mir einen Tee?«, fragte sie glücklich. Er nickte.

Ihr Rundgang endete auf der Loggerstraße. Barbara öffnete die Haustür, und der Sturm fegte sie in den Korridor. Sie drückten die Tür in das Schloss und stiegen die Treppe nach oben. Barbara öffnete die Wohnungstür. Nachdem sie die Jacken aufgehängt hatten, betraten sie das Wohnzimmer. Pitt schaute sich um. Ein Stereoturm, ein Flügel, Ledersofa mit Ledersesseln vor einem Glastisch. Weiße Raufasertapete, ein Gemälde aus Budapest. Alles wirkte elegant, aber ein wenig kalt.

Pitt blickte durch das Fenster über die Balkonbrüstung in den unruhigen Wolkenhimmel.

»Ich brühe einen Tee auf«, sagte Barbara und verschwand in der Küche.

Pitt setzte sich in einen Sessel.

Wenig später betrat Barbara wieder das Zimmer. Sie legte das Geschirr mit der ostfriesischen Rose auf.

»Der Tee ist gleich fertig«, sagte sie.

»Eine hübsche Wohnung«, erklärte Pitt.

»Sie war sündhaft teuer und ist für mich allein viel zu groß«, antwortete sie und nahm vom Eichenholzsideboard einen Kerzenleuchter und stellte ihn auf den Tisch. Dann zündete sie die Kerzen an und ließ sich ebenfalls in einem Sessel nieder.

»Pitt, bedien dich«, sagte sie und schob ihm den Kluntjebecher zu.

»Danke.« Pitt legte ein Kandisstück in seine Tasse.

Barbara schenkte den Tee ein.

Sie schwiegen, schauten sich hin und wieder an und kämpften mit ihren Gefühlen. Der Sturm rüttelte an der Balkontür und an den Fenstern.

Sie tranken Tee, sprachen von Silvester und ihren Erlebnissen vor den bedrohlichen Wassermassen der Sturmflut.

Schließlich war Pitt es, der den Anfang machte. Er zog Barbara an sich und küsste sie, zuerst sanft, dann immer leidenschaftlicher. Sie stöhnte auf, als er sie zu streicheln begann. Wie hatte sie solche Zärtlichkeiten vermisst!

Als Pitt sie schließlich langsam zu entkleiden begann, wehrte sie sich nicht …

Die schriftliche Abiturprüfung fand in der kleinen Aula statt und begann mit dem Fach Deutsch.

Auf die Tische hatte der Hausmeister die Namensschilder der Prüflinge geklebt.

Um acht Uhr fünfzehn betrat der Schulleiter mit dem Deutschlehrer, Studienrat Tabbo Ansing, den Prüfungsraum. Dr. Bommrank begrüßte die Schüler und öffnete den von der Bezirksregierung ihm zugesandten und versiegelten Umschlag, in dem sich der Prüfungsvorschlag befand, den der leitende Oberschulrat ausgewählt hatte.

Die Abiturienten saßen nervös an ihren Arbeitstischen. Sie hatten ihre Schultaschen vorne in die Nähe des Rednerpultes gelegt.

Dr. Bommrank entnahm dem Umschlag die Abituraufgabe.

»Vorschlag II«, wandte er sich an Ansing. Der Lehrer nickte zufrieden.

Der Hausmeister betrat den Prüfungsraum. »Fertigen Sie die Kopien an«, sagte Dr. Bommrank und reichte dem Hausmeister den Aufgabensatz an.

Ansing verteilte das abgestempelte Schreibpapier.

»Ihr habt den Homo Faber vor euch liegen. Holt euch bitte drüben vom Tisch einen Duden«, sagte er. Die Schüler taten, wozu er sie aufgefordert hatte.

Wenig später brachte der Hausmeister die Kopien. Ansing teilte sie aus.

»Frohes Schaffen«, wünschte Dr. Bommrank und verließ die Aula.

Oberstudienrat Nix, der grauhaarige Englischlehrer, betrat den Prüfungsraum. Er war Ansing als zusätzliche Aufsichtskraft zugeteilt worden.

»Noch Fragen?«, wandte sich Ansing an die Prüflinge.

Niemand meldete sich.

Pitt Hänneschen studierte die zur Wahl angebotenen Themen.

Ein Gedicht von Ingeborg Bachmann erforderte eine psychologische Interpretation. Der Text kam ihm verworren vor. Das war kein Thema für ihn, dazu stand er zu sehr im wirklichen Leben!

Er entschied sich für das zweite Thema.

›Beurteilen Sie die Rolle des Ingenieurs Faber in Max Frischs Roman. Ist sein Verhalten typisch für einen modernen Manager in unserer Gesellschaft? Weist der Roman Parallelen zu unserer Zeit auf?‹

Das Thema interessierte Pitt. Die Verstrickungen des auf Technik und Fortschritt eingeschworenen Ingenieurs, dem der Zufall zum Verhängnis wurde, lag ihm.

Auch die an den folgenden Tagen anstehenden Prüfungen in Latein, Physik, Chemie und Mathematik brachten Pitt nicht in Schwierigkeiten. Und mit Englisch war es nicht anders.

Oberstudienrat Nix, der Englischlehrer, hatte seinen Text an den schwachen Schülern ausgerichtet. Die Nacherzählung war machbar, der Lehrer hatte sogar die unbekannten Vokabeln wenige Tage vorher an die Tafel geschrieben. Die Übersetzung, eine historische Betrachtung um den Häuptling Wounded Knee, war ebenfalls von dem Lehrer vorbereitet worden.

Der Wirt rückte die Tische zu einem Karree zusammen, als sich die Prüflinge am Abend im ›Storchennest‹ einfanden.

»Die Abituraufgaben waren fair«, stellte Pitt wenig später fest, als sie mit ihren Biergläsern anstießen und ein Resümee der Prüfungen zogen.

Es ging laut zu, Sorgen und Hoffnungen, Wenn und Aber bestimmten ihre Gespräche. Das allgemeine Fazit schien jedoch positiv.

Der Wirt war voll eingespannt. Er zapfte unentwegt Bier in die Gläser, die die Schüler zu schnell leerten. Einige Mitschüler bestellten großschnäuzig Schnäpse.

Zu ihnen gehörte auch Henner Großmann.

Zu fortgeschrittener Stunde sah sich Pitt unerwartet den Angriffen ebendieses Mitschülers Großmann ausgesetzt. Henner hatte hinter ihm gesessen und Pitt mehrmals flehentlich, doch vergebens, um Lösungen der Mathematikaufgaben gebeten. Pitt, der sich den Blicken Broichlers ausgesetzt fand, hatte nicht reagiert. Er wollte sein Abitur nicht gefährden und seinen Lieblingslehrer auch nicht enttäuschen.

»Pitt, du bist ein Schwein«, sagte der dicke Henner plötzlich. »Ich wäre klargekommen, wenn du mir die Nullstellen der Funktion zugeflüstert hättest.«

»Ich konnte nicht. Broichler hatte mich im Visier«, erwiderte Pitt und nippte am Bier.

»Pitt, du bist eine Wildsau«, lallte der Dicke. »Zwar ist Schagüll auf und davon, aber woanders gibt’s auch exotische Frauen. In Norden und Emden sitzen Russinnen, Polinnen und selbst schwarze Weiber in den Asylantenheimen und warten auf einen potenten Freier.« Er rülpste und lachte gehässig.

Die Mitschüler blickten ihn erschrocken an.

»Henner, lass das«, schimpfte ein Mädchen.

»Henner Großmann, wenn du einen über den Durst getrunken hast, dann hau ab und kotz dich draußen aus«, sagte Pitt verärgert.

»Du Asylantenficker!«, zischte Großmann und näherte sich Pitt. Sein Blick war starr.

»Großmann, dein Alter produziert unter anderem für diese Asylantinnen Büstenhalter und verdient nicht übel daran. Halt dein Maul, ich warne dich«, forderte Pitt aufgebracht.

Die Mitschüler schrien auf, als der Dicke Pitt unvermittelt ins Gesicht schlug.

Pitt schmeckte Blut auf seinen Lippen. Das ließ er sich von Großmann nicht gefallen. Er warf sich auf ihn, zwängte ihn zu Boden und drückte seine Arme im schmerzhaften Schultergriff nach hinten.

Henner Großmann jaulte auf.

Pitt lockerte den Griff. »Henner, mach eine Fliege«, sagte er wütend.

Der Dicke erhob sich keuchend, spuckte Pitt an und watschelte davon.

Eine Mitschülerin reichte Pitt ein Taschentuch. Pitt entfernte die Spucke von seinem Pullover und setzte sich wieder an den Tisch.

Der Wirt brachte Nachschub.

»Der Dicke hat wohl zu viel getrunken«, sagte er.

»Ich übernehme seinen Deckel«, erklärte Mani.

Sie stießen an und feierten weiter.

Es war bereits nach Mitternacht, als sie das ›Storchennest‹ verließen und über den Strand dem Internat entgegenschritten. Die frische, kühle Seeluft tat allen gut.

An einem nassen, späten Februarnachmittag verließ Pitt das Internat. Dunkle Schauerwolken trieben über Juist. Der kalte Nordwestwind fegte durch die Straßen. Nur wenige Menschen waren unterwegs. In den Cafés saßen die Ruheständler, die sich nach ihrer Pensionierung auf der Insel niedergelassen hatten, und lasen zum Zeitvertreib die Illustrierten.

Ein Fuhrwerk holperte an Pitt vorbei. Der Kutscher saß vermummt auf dem Bock.

Pitt näherte sich mit großen Schritten dem Apartmenthaus auf der Loggerstraße.

Nur wenige Fenster waren beleuchtet.

Pitt drückte die Klingel. Gleich darauf vernahm er das Rauschen der Sprechanlage.

»Hier ist Pitt«, meldete er sich.

»Ich komme«, dröhnte es ihm entgegen.

Pitt hatte sich mit Barbara verabredet, um ihr seine kleine Eigentumswohnung zu zeigen. Sie stand für einige Wochen leer, wie ihm sein Makler versichert hatte. Barbara sah reizend aus. Sie trug wieder ihre pinkfarbene Wetterjacke und hatte die breit geschnittene Kapuze mit dem Fellrand über den Kopf gezogen.

Barbara küsste Pitt und nahm seine Hand.

Es begann zu schneien. Die Flocken tanzten ihnen entgegen.

Sie lachten unbeschwert wie Kinder und schritten gegen den Wind drauflos.

Pitts Ferienwohnung befand sich in der Georgstraße im Hause Berlin. Das massive Klinkergebäude stammte aus den Fünfzigerjahren und hatte damals Berliner Abgeordneten als Erholungsstätte gedient, bevor es vom Bund verkauft und in ein Apartmenthaus umgewandelt worden war.

Ihre Gesichter waren gerötet vom kalten Wind, als sie das Haus erreichten.

Pitt öffnete die schwere Eingangstür. Im Hausflur schüttelten sie den klebrigen Schnee von ihrer Kleidung.

»Die Wohnung liegt in der vierten Etage«, sagte Pitt.

Sie hielten sich an den Händen, stiegen die Treppe hoch und gelangten schließlich atemlos oben an. Trotzdem küssten sie sich.

Pitt nahm den Schlüssel aus seiner Tasche und öffnete die Tür.

»Bitte«, sagte er und ließ Barbara zuerst eintreten.

Nachdem sie im Korridor die Jacken aufgehängt hatten, schaute Barbara sich um. Interessiert blickte sie auf die Poster an den Wänden. Einige davon zeigten ein Segelschiff in Schräglage, das im scharfen Wind der Insel Helgoland entgegensegelte.

»Ist das dein Boot?«, fragte Barbara.

»Ja, meine Novesia. Sie überwintert in Norddeich«, antwortete Pitt stolz.

Er öffnete die Wohnzimmertür, und Barbara betrat das Zimmer. Unterhalb der getäfelten Dachschräge befand sich eine Sitzecke mit Couch, Tisch und zwei Sesseln.

»Richtig kuschlig«, sagte Barbara und schaute durch das große eingesetzte Dachfenster in den Himmel.

»Bei gutem Wetter reicht die Sicht bis nach Norddeich«, erklärte Pitt.

Barbara ließ sich auf der Couch nieder.

»Die Küche befindet sich nebenan.« Pitt zeigte auf die Durchreiche.

»Pitt, setz dich zu mir«, bat Barbara. »Nachher schaue ich mich ein wenig um.«

Pitt ließ sich neben Barbara auf der Couch nieder, und sie zog ihn an sich und küsste ihn.

Er spürte, wie die Erregung in ihm wuchs. Es war wundervoll mit Barbara – sanft und leidenschaftlich zugleich. Sie atmeten schneller und begannen einander hastig zu entkleiden. Wieder stellte Pitt fest, wie schön Barbara war.

Sie liebten sich bis zur Erschöpfung. Minutenlang lagen sie danach in der Dunkelheit auf der Couch und schwiegen.

Als Pitt sich erhob, um das Licht einzuschalten, hielt Barbara ihn zurück. Erst jetzt bemerkte er, dass sie weinte.

»Pitt, bitte kein Licht. Führ mich zum Bad. Ich möchte duschen. Danach zeigst du mir die Küche. Ich brühe dann einen Tee auf«, murmelte sie schluchzend.

»Barbara, was ist?«, wollte er verwirrt wissen.

»Ich weine, weil ich dich liebe«, sagte Barbara und streichelte Pitts erhitzten Kopf.

Pitt nahm ihre Hand und führte sie zum Bad. Sie küsste ihn.

»Janosh kommt zurück. Er hat seine Tournee beendet«, sagte sie. Dann betrat sie das Bad und stellte sich unter die Dusche.

Pitt ging zurück ins Wohnzimmer, zog sich an, sammelte Barbaras Wäsche und Kleidung auf und trug sie ins Bad hinüber. Danach ging er in die Küche und füllte den Wasserkocher.

Die Lehrer, an die Schweigepflicht gebunden, durften nur Andeutungen machen, was die Ergebnisse der schriftlichen Prüfungen anging. Doch nach Beginn der Osterferien wusste Pitt, dass er sowohl in Latein als auch in Physik in die mündliche Prüfung kam. Er konnte, das hatte er den versteckten Hinweisen der Lehrer entnommen, sich nur noch verbessern. Das Abitur hatte er damit sicher in der Tasche, doch immer noch quälten ihn die Sorgen um Schagüll. Weder er noch die Schule oder die Bezirksregierung hatten mittlerweile eine Nachricht von ihr erhalten.

Dr. Bommrank teilte ihm lediglich mit, dass die Bezirksregierung sich entschlossen hatte, das Landeskriminalamt einzuschalten, um eine Vermisstenanzeige zu starten.

Immerhin war Schagüll auf Juist polizeilich gemeldet.

Pitt zweifelte mittlerweile daran, dass er sie je wiedersehen würde. Dennoch klammerte er sich an die Hoffnung, dass Schagüll einer Verheiratung entschlossen entgegengetreten war.

Intensiv bereitete sich Pitt auf die mündliche Abiturprüfung vor. Daneben blieb ihm genügend Freizeit, das schöne Frühlingswetter zu nutzen. Er fühlte sich oft sehr einsam. Barbara musste er vergessen, weil Janosh auf Juist angekommen war.

An den Wochenenden packte Pitt seinen Rucksack, griff sich seinen aufgerollten Schlafsack und fuhr nach Norddeich.

In der Bootshalle war seine Novesia aufgebockt. Er kletterte an Bord, richtete sich in der Kajüte ein und begann, das Schiff für die folgende Saison vorzubereiten.

Pitt war es fast zur Gewohnheit geworden, nach der ersten Pause in seinem Briefkasten nachzusehen, ob Post für ihn angekommen war. Bisher war er stets enttäuscht worden. Doch an diesem sonnigen Märzmorgen fand Pitt in seinem Briefkasten eine Ansichtskarte aus Istanbul vor. Er hielt sie lange in seinen zittrigen Fingern und las die kurze Mitteilung mehrmals, bevor er die Karte in seine Jackentasche schob. Er war unendlich enttäuscht. Schagüll teilte ihm mit, dass sie sich verheiratet hatte. Sie hatte den Text mit einer Schreibmaschine verfasst und nicht unterschrieben. Der Text endete mit S. O.

Pitt spürte, wie ihm Tränen in die Augen stiegen, und er überlegte, nach Neuss zu fahren, um sich bei Tante Cecilia und Onkel Gottfried Trost zu holen. Doch er verwarf den Gedanken.

Sein ihm wohlgesonnener Lehrer Broichler befand sich auf einem Lehrerfortbildungsseminar. Auch an ihn konnte er sich nicht wenden.

Als Pitt am Nachmittag im Jachthafen von Juist seinen Bootssteg aufsuchte, um sich zu vergewissern, dass der Winter keine Schäden hinterlassen hatte und er sein Boot demnächst nach Juist überführen konnte, sah er, wie Barbara mit einem älteren Mann das Klubhaus betrat.

Das ist Janosh, fuhr es ihm durch den Kopf. Der Musiker war ein gut aussehender älterer Herr mit langem, gewellten grauen Haar. Er trug Cordjeans und eine teure Lederjacke.

Barbaras Blick streifte Pitt nur kurz.

Pitt verließ den Jachthafen.

Er entschloss sich, während der nächsten Tage seine Novesia von Norddeich nach Juist zu überführen, falls das schöne Frühlingswetter anhielt.

Pitt schlenderte gedankenverloren dem Inselgymnasium entgegen.

Er bereitete sich einen Tee zu, hockte sich über seine Lehrbücher und paukte für das mündliche Abitur. Er musste sich damit abfinden, dass er nicht nur Schagüll, sondern auch Barbara verloren hatte.

Nur Pitt Hänneschen und Henner Großmann blieben während der Osterferien im Internat.

Sie waren sich seit der Auseinandersetzung im ›Storchennest‹ aus dem Weg gegangen.

Als Pitt eines Abends von seinem Lauftraining zurückkam und das Internat betrat, kam ihm der Dicke entgegen. Pitt blieb stehen, streckte dem Mitschüler die Hand entgegen.

»Vergessen wir den Scheiß, Henner! Komm, wir trinken ein Bier bei mir«, bot er an.

Der Dicke drückte Pitt die Hand.

»Danke, das geht klar«, antwortete er und folgte Pitt in dessen Apartment.

»Henner, hast du Lust, mich morgen nach Norddeich zu begleiten?«, fragte Pitt, als sie angestoßen hatten. »Ich hole mein Boot aus der Halle. Ich habe alles vorbereitet. Die Tide ist günstig. Wir nehmen die Zehnuhrfähre und werden mit der Novesia gegen Abend im Jachthafen anlegen.«

Henner Großmann sprang vor Freude auf und schlug Pitt begeistert auf die Schulter. »Abgemacht«, rief er.

»Pack warme Sachen ein. An Bord ist es kalt«, erklärte Pitt.

Anschließend unterhielten sie sich über das Segeln, die bevorstehende mündliche Abiturprüfung und ihre Zukunftspläne.

»Wenn es dir Spaß macht, Henner, kannst du mit mir nach Helgoland segeln«, schlug Pitt vor.

Gleich darauf schaltete er den Fernseher ein und sah sich den Wetterbericht an. Die Meteorologen sagten ein stabiles Hoch an.

»Es ist noch ein wenig früh im Jahr, doch den Törn nach Helgoland unternehme ich im Schlaf«, knüpfte Pitt wieder ans Gespräch an.

»Gerne, Pitt, doch mein Vater ruft mich noch an. Er befindet sich auf seiner Nordtour und wollte dieser Tage eventuell bei mir vorbeischauen. Meine Mutter kurt in Bad Füssing«, berichtete Henner. »Aber ich sage dir Bescheid, wenn mein Alter sich gemeldet hat.«

Das Telefon läutete. Pitt Hänneschen nahm den Hörer ab und meldete sich.

»Ach, Onkel Gottfried«, sagte er.

»Pitt, wie geht es dir? Wir haben bereits seit einer Ewigkeit nichts mehr von dir gehört«, erklärte sein Onkel.

»Ich bitte um Entschuldigung. Das ist ein sicheres Zeichen dafür, dass es mir gut geht«, antwortete Pitt.

»Tante Cecilia möchte wissen, ob du Ostern nach Hause kommst. Auf Arnold werden wir vergeblich warten müssen«, sagte Onkel Gottfried.

»Ich kann leider auch nicht, denn ich segele mit einem Schulfreund nach Helgoland«, berichtete Pitt.

»Pitt, vergiss nicht deine Vorbereitungen für das Abitur. Ansonsten wünsche ich dir gutes Wetter und viel Spaß. Lass was von dir hören«, bat Onkel Gottfried.

»Nach dem Abitur komme ich nach Hause«, versprach Pitt. »Grüße alle schön von mir. Bis dann.« Damit legte Pitt den Hörer auf.

»Henner, noch ein Bier?«, fragte er dann.

»Danke, gerne. Das letzte. Ich werde nie mehr einen Schnaps zum Bier trinken«, sagte Henner Großmann.

Sie lachten und prosteten sich zu.

In der Nacht vom Freitag auf den Samstag funkte die Neptun ca. sieben Seemeilen nordwestlich der Inselspitze von Norderney in der unmittelbaren Nähe der Schifffahrtsstraße. Um den Fang kümmerte sich Maat de Boer, während Kapitän Ewerts den Kutter auf Kurs hielt.

Der Dieselmotor tuckerte im gleichmäßigen Takt der halben Kraft voraus. Die Scheinwerfer warfen ihre Lichtstrahlen auf die ausgefahrenen Fangbäume.

Der Bugstrahler beleuchtete das leicht aufgekämmte Wasser. Im Blickfeld des Kapitäns lag der Radarschirm.

Auf dem Heck der Neptun kochte Maat de Boer die Krabben in Salzwasser im Kessel des Heckofens. Er stach die Plattfische ab und verteilte Schaben und Schollen auf Aluminiumbehälter.

Es war eine herrliche Nacht. Die Sterne leuchteten am Himmel, und über Norderney stand der Mond. Hin und wieder blickte der Maat über die Bordwand auf die fernen Lichter der Insel. Der Ostwind strich kühl mit der Stärke 3 über das Schiff. Maat de Boer rauchte eine Zigarette, die im Wind schnell verglühte. Er beeilte sich. In etwa zwei Stunden würden sie erneut die Netze heben.

Er entnahm die Krabben dem Kocher und füllte sie in die Aluminiumwannen. Es war Zeit für die Teepause.

Der Maat suchte das Steuerhaus auf, betrat die Kombüse, setzte Teewasser auf und stellte das Teegeschirr auf den Tisch.

Als das Wasser kochte, brühte er den Tee auf. Er holte die Sahne aus dem Kühlschrank und stellte den Kluntjebecher bereit. Während der Tee zog, rauchte er noch eine Zigarette.

»Jonny, was macht der Tee?«, fragte Ewerts schließlich und steckte den Kopf zur Kombüse herein.

»Er ist fertig«, sagte der Maat, zündete das Teelicht an und setzte die Kanne auf das Stövchen.

Der Kapitän stellte das Steuer fest, betrat die Kombüse und nahm auf der Sitzbank Platz. Während er sich bediente, den heißen Tee trank und eine Zigarette rauchte, blickte er durch das Fenster des Steuerhauses auf die Nordsee und beobachtete den Radarschirm. Vor dem dunklen Horizont sah er die Positionslichter der Frachter und Tanker, die vorbeiglitten. Eine Seemeile backbords fischte ein Kollege.

»Kapitän, das Netz ist voll. Eine Menge Plattfische«, sagte Jonny zufrieden.

»Es wurde auch Zeit nach der Durststrecke«, antwortete Ewerts. »Wenn das schöne Wetter kippt und die See kalt wird, bleiben die Netze ohnehin wieder leer.« Er drückte hastig seine Zigarette aus, schritt an das Steuer und beobachtete den Strahl des Radars. Dann griff er nach dem Nachtglas.

»Jonny, da kreuzt etwas unseren Kurs«, erklärte er und reichte Jonny das Fernglas. Der Maat verließ das Steuerhaus und eilte zum Bug.

Ewerts korrigierte den Kurs der Neptun, um so nahe wie möglich steuerbords das unbekannte Objekt zu passieren. Nach seiner Einschätzung betrug die Entfernung etwas mehr als eine Seemeile.

Jonny de Boer bediente den Bugscheinwerfer. Der starke Lichtstrahl huschte über das kabbelige Wasser und durchdrang etwa dreißig Meter der Dunkelheit. Jonny neigte sich über die Eisenbrüstung, stierte durch das Nachtglas und suchte das Umfeld ab.

Kapitän Ewerts schaltete den Suchscheinwerfer ein und richtete ihn aus. Er kalkulierte die Länge der Fangbäume in seine Kurskorrekturen ein und steuerte die Neptun mit dem Blick auf Jonny und den Radarschirm dem Objekt entgegen.

Die Entfernung betrug nur noch einige Hundert Meter. Kapitän Ewerts drosselte den Motor, ließ ihn nach wenigen Minuten wieder aufheulen, um dem unbekannten Objekt auszuweichen. Der kleine Punkt auf dem Radarschirm ließ die Vermutung zu, dass es sich um ein kleineres Schiff handeln musste.

Ewerts sah, wie Jonny seine Arme hochwarf und sie dann kreuzte. Der Kapitän schaltete den Diesel in den Leerlauf und ließ die Neptun gegen den leichten Ostwind treiben. Er stellte das Steuer fest, verließ das Steuerhaus und eilte zu seinem Maat. Jonny reichte ihm das Glas an. Ewerts setzte es an – und entdeckte ein Boot. Die Segel flatterten matt im Wind. Offenbar bediente niemand das Steuer.

»Jonny, ein Havarist«, sagte er und eilte zurück zum Steuerhaus. Er legte die Neptun auf Kurs.

Sie passierten das Segelschiff. Die Scheinwerfer der Neptun fielen auf das treibende Boot.

Eine Jacht der Mittelklasse. Keine Funkkontakte.

Das Schiff war hochseetüchtig, stellte er fest.

Jonny betrat das Steuerhaus.

»Sie ist unbemannt«, sagte er.

Im Licht der Scheinwerfer, deren Licht auf das Heck fiel, lasen sie Novesia, Y. C. Juist. Kapitän Ewerts bediente das Funkgerät.

Kapitän Doyens und sein Offizier saßen in der Messe und spielten Schach. Auf dem Tisch stand das benutzte Teegeschirr. Im Aschenbecher lagen die gerauchten Kippen. Die kleine eingeschaltete Seitenlampe warf schummriges Licht auf das Schachbrett. Nur hin und wieder drangen Schritte und Stimmen von späten Spaziergängern zu ihnen durch.

Maat Smidt verließ seine Kajüte und betrat das Deck.

Über Norderney wölbte sich der Sternenhimmel. Die Frisia VIII lag mit eingeschalteter Nachtbeleuchtung am Kai.

Smidt stand im kühlen Ostwind, der leicht aufgebrist war. Eine ruhige Nacht, dachte er. Doch dann riss ihn die Alarmglocke aus seinen Gedanken. Überrascht eilte er zum Steuerhaus.

»Ein Havarist! Ein Segelboot«, rief Kapitän Doyens ihm entgegen.

Smidt hastete zur Bordwand, kletterte an Land, löste die Leinen. Der Motor heulte auf. Dachser, der Offizier, hatte die Scheinwerfer eingeschaltet. Smidt sprang an Bord. Kapitän Doyens steuerte den Seenotrettungskreuzer Otto-Schüllecken mit gedrosseltem Motor in das Hafenbecken, ging in Position und drosch mit aufgeschäumter Bugwelle dem Havaristen entgegen.

Die Ebbe hatte eingesetzt. Mit dem ablaufenden Wasser trieb die Novesia der Schifffahrtsstraße entgegen.

Kapitän Ewerts korrigierte den Kurs der Neptun. Er schaltete den Motor in den kleinen Gang und ließ die Scheinwerfer erneut über das Segelboot streichen, als er backbords weitertrieb.

»Ein Geisterschiff«, stellte er fest und blickte auf die fachmännisch gesetzten Segel, die jetzt schlaff im Ostwind blähten.

Jonny stellte ihm eine Tasse Tee auf den Kartentisch.

Ewerts rauchte, nippte an der Tasse, notierte die Position des Havaristen in das Logbuch.

»Jonny, geh zum Bug«, forderte er den Maat auf. »Ich ziehe einige Kreise. Bis die Otto-Schüllecken uns erreicht, versehen wir unsere verdammte christliche Pflicht«, sagte er und ließ erneut den Suchscheinwerfer kreisen. Vor ihnen trieb die Jacht, deren weiße Segel sich wie Nebelfetzen vom dunklen Horizont abhoben.

Als Ewerts die Positionslichter des Seenotrettungskreuzers ausmachte, der sich ihnen mit Höchstgeschwindigkeit näherte, bediente er die Funkanlage. Er gab ihre Position durch.

»Bitte, übernehmen Sie den Havaristen!«, sagte er.

»Otto-Schüllecken an Neptun. Machen wir. Guten Fang!«

Ringena hatte eine ruhige Nacht verlebt und ungestört seine Arbeit zu Ende gebracht: die Auswertung einer Befragung über die Parkgewohnheiten der Autoreisenden.

Er trank Kaffee aus der Thermosflasche und schaute auf die Uhr.

Noch zwei Stunden. Um sieben Uhr löste ihn ein Kollege ab.

Er erschrak, als das Telefon ihn aus seinen Gedanken riss.

»Ringena, Revier Norderney«, meldete er sich.

»Doyens, Seenotrettungskreuzer Otto-Schüllecken. Wir haben ein von der Besatzung verlassenes Segelschiff in den Hafen geschleppt. Es handelt sich um die Novesia, Heimathafen Juist. Brandspuren an Bord lassen auf einen Unglücksfall schließen. Unsere Suche nach Überlebenden in der Nähe der vermutlichen Unfallstelle blieb bisher erfolglos. Beteiligt an der Bergung war der Kutter Neptun aus Norddeich.«

»Ich benachrichtige Kommissar Meyers. Er wird sich zur Spurensicherung im Hafen einfinden«, sagte Ringena und legte den Hörer auf die Gabel.

Meyers fuhr aus dem Schlaf. Er rieb sich die Augen und blickte verwirrt um sich. Das Telefon läutete.

»Oh Gott, ist etwas mit Mutter?«, murmelte seine Frau verschlafen.

Er sah, wie sie im Nachthemd und mit wehenden Haaren aus dem Schlafzimmer hastete.

Heute ist Ostersamstag, schoss es Meyers durch den Kopf. Er erhob sich, suchte nach seinen Socken, denn er hasste kalte Füße.

Seine Frau betrat das Schlafzimmer. »Für dich«, sagte sie erleichtert. »Es ist Ringena vom Nachtdienst.«

Meyers eilte zum Telefon, das sich auf einem kleinen Tisch vor der Garderobe im Korridor befand.

Er nahm den Hörer in die Hand und meldete sich.

Ringena berichtete.

»Herr Meyers, holen Sie Ennega aus den Federn. Er soll zum Hafen kommen. Rufen Sie auch Renke Suerbier an. Wenn das ein Fall wird, benötigen wir scharf geschossene Fotos«, sagte er und legte den Hörer auf.

An Bord hatte es gebrannt. Er musste Brandmeister Sievert Focken hinzuziehen. Focken war nicht nur der Chef der Norderneyer Feuerwehr, sondern auch der vereidigte Sachverständige, wenn es um Brandschäden ging. Doch das hatte Zeit.

Meyers zog sich im Bad an. Er betrat den Korridor und griff zur Wetterjacke. Dann verließ er das Haus, holte aus der Garage das Fahrrad und radelte zum Revier. Er wechselte ein paar Worte mit Wachtmeister Ringena.

Anschließend eilte Meyers in sein Dienstzimmer. Dort griff er nach dem Spurensicherungskoffer, mit dem er wieder das Revier verließ und zum Hafen radelte. Er spürte den kalten Ostwind in seinem Rücken. Die Luft war klar und würzig. Im Osten, dort, wo die Küstenbadeorte Bensersiel und Neuharlingersiel lagen, begann sich der Himmel leicht zu färben. Über dem Hafen und der kleinen Wattenbucht kreisten bereits die Seevögel.

Ennega sah verschlafen aus, als Meyers ihm die Hand reichte. Sie kletterten über die rostige Kaileiter an Bord der Otto-Schüllecken.

Die Novesia lag hinter dem Seenotrettungskreuzer an den Pollen vertäut. Seitlich der Kajüte entdeckten sie Brandspuren. Kapitän Doyens näherte sich ihnen und begrüßte sie.

»Moin, zurzeit sucht ein Hubschrauber die mutmaßliche Unfallstelle nach Vermissten ab. Wir wissen noch nicht genau, was passiert ist. Einiges spricht dafür, dass der Skipper oder jemand von der Crew unvorsichtig mit einem Benzinkanister umgegangen ist. Jedenfalls fiel uns ein Benzinkocher auf«, erklärte er.

»Käpt’n, wir müssen auf Renke Suerbier warten. Er muss die Jacht von innen und außen ablichten. Das ist Vorschrift«, sagte Meyers.

Sie folgten Doyens, kletterten an Bord des Segelschiffes und betraten die Plicht.

Abgestandener Brandgeruch mischte sich in die frische Morgenluft.

Der Außenbordmotor der Jacht war hochgekippt.

»Ein schönes Schiff«, sagte Ennega. »Wie viele Schlafplätze hat es?«

»Dieser Bootstyp verfügt im Bug über eine Doppelkoje. Die Sitzbänke um den Kajüttisch können zu Schlafplätzen umfunktioniert werden. Für eine Atlantiküberquerung ist es nicht gebaut, aber für Törns nach England oder in die Ostsee hervorragend geeignet«, antwortete Doyens.

Am Kai erschien Renke Suerbier. Er kletterte an Bord des Seenotrettungskreuzers und betrat über das Deck der Novesia die Plicht.

»Moin, heute ist Karsamstag. Hoffentlich keine verstümmelten Leichen«, sagte Renke. Dann holte er den Fotoapparat aus seiner Schultertasche.

»An Bord hat es gebrannt, aber wir haben keinen Notruf empfangen. Ob der Skipper oder die Crew sich retten konnten, wissen wir nicht. Die Jacht trieb etwa acht Seemeilen nördlich vor der Ostspitze von Norderney in der Nähe des Dowe Tiefs«, sagte Doyens.

»Herr Suerbier, vermutlich herrscht ein ziemliches Durcheinander in der Kajüte. Gehen Sie also behutsam zu Werke«, sagte Meyers.

Der Fotograf stieg von der Plicht über die Holzstufen in die Kajüte und schoss seine Fotos mit Blitzlicht.

»Die Tür stand offen?«, wollte Meyers wissen.

»Ich glaube, ja«, antwortete Doyens.

»Hat die Besatzung oder der Skipper einen Versuch unternommen, den Brand zu bekämpfen?«, fragte Enno Ennega.

»Vermutlich ja. Sehen Sie, hier seitlich an der Reling hängt ein Schöpfeimer. Zum Bau der Jacht wurden unflammbare Kunststoffe verwendet. Das Material verklumpt, brennt nicht, aber setzt Dämpfe frei«, sagte Doyens.

Dann betraten er, Ennega und Meyers über die kleine Treppe das Innere der Jacht. Der beißende Geruch verschlug ihnen fast den Atem.

Meyers schaute sich um. Auf dem Boden lag ein verrußter Benzinkocher. Ein Campingutensil. Daneben lagen die Scherben einer Teetasse und eines Teekännchens. Auch ein Stövchen war zerbrochen.

»Gedeckt war für eine Person«, sagte Meyers.

Der Holzfußboden zeigte Brandspuren.

»Hier vor den Sitzbänken haben sich Schmelzklumpen gebildet. Die Holzvertäfelung hinter der Pantrywand ist zum Teil abgebrannt«, stellte Doyens fest.

»Auch der Pantryschrank mit dem Zweiflammenherd ist angekohlt«, sagte Ennega.

Der kleine Abstelltisch und die Spüle hatten ebenfalls in Flammen gestanden. In einem Abfalleimer und der Spüle lagen ein paar leere Bierflaschen.

»Jemand hat versucht, das Feuer zu löschen«, erkannte Ennega.

Doyens öffnete die angekohlte Tür des Schränkchens. Die Halterungen für die Gasflaschen waren leer, der Kühlschrank war eingeschaltet. Er enthielt Brot, Butter, Käse, eine Flasche Sprudel und drei Flaschen Bier.

»Der Skipper hatte keine Gasflaschen an Bord genommen. Die Menge des Proviants spricht dafür, dass der Skipper sich allein an Bord befand«, erklärte Doyens.

»Der Campingkocher diente als Wasserzubereiter«, stellte Meyers fest.

Doyens erblickte einen kleinen Plastikkanister und stellte fest, dass er nach Benzin roch. »Er hat den Kocher mit Benzin nachgefüllt. Das Benzin hat vermutlich Feuer gefangen«, sagte er.

Suerbier hatte auch die Kojen fotografiert, die sich im Bug befanden.

»Ich schieße noch einige Fotos an Deck, dann verziehe ich mich. Reicht es Ihnen, wenn ich die Bilder am Dienstag vorbeibringe?«, fragte er.

Meyers nickte.

»Schöne Feiertage«, sagte der Fotograf nur.

»Das war schon ein kleines Inferno! Der Skipper geriet vermutlich in Panik und verließ das Schiff«, mutmaßte Kapitän Doyens. Er wies auf den der Pantry gegenüberliegenden Kartentisch, unter dem ein Schemel stand. Weiter oberhalb befand sich das Funksprechgerät. »Er hat es nicht benutzt«, sagte er ernst.

»Vielleicht ist seine Kleidung in Brand geraten, und er war in heller Panik«, stellte Ennega fest.

»Wir haben unter Einbeziehung der Tide mehrere Seemeilen nach eventuellen Opfern abgesucht. Auch die Neptun hat ergebnislos Ausschau nach Opfern gehalten«, berichtete Kapitän Doyens.

Ennega inspizierte die Sitzbänke und hob die Auflagen hoch. »Stauraum«, sagte er und betrachtete den Inhalt. Er fand einen Pullover, einige Taschenbücher, ein Lehrbuch ›Physik III‹ und eine Brieftasche.

Ennega reichte sie Meyers an.

Der Kommissar studierte den Inhalt. Die Brieftasche enthielt einen Pass, ausgestellt auf Pitt Hänneschen, geboren am 29.1.1976 in Neuss. Euroschecks nebst Scheckkarte, drei Hundertmarkscheine, einen Fünfzigmarkschein und drei Zwanziger.

In der mehrfächrigen Lederbrieftasche befanden sich das Foto einer hübschen jungen Frau, die südländisch wirkte, der Schülerausweis des Internatsgymnasiums von Juist, der dokumentierte, dass der junge Mann der Klasse 13 a angehörte. Er war vermutlich der Skipper und Bootseigentümer, wie eine weitere Ledermappe bestätigte, die den Klubausweis und den abgegriffenen Bootsführerschein enthielt.

Für die Anwesenheit weiterer Personen an Bord zum Zeitpunkt des Unfalls gab es keine Anhaltspunkte.

»Das hier führt uns weiter«, sagte Meyers.

Er steckte die Brieftasche und die kleine Veloursledermappe in eine Plastiktüte.

Doyens gesellte sich zu ihm.

»Ich habe mich umgesehen«, sagte Meyers. »Der Skipper hatte die vorgeschriebenen Rettungsringe an Bord. Im Notschrank hängen die Rettungswesten und der Feuerlöscher. Er wurde aus der Halterung gerissen und weggeschmissen. Vielleicht funktionierte er nicht.«

Ennega durchsuchte den Inhalt des Stauraumes der gegenüberliegenden Sitzbank. Auf dem Fußboden hatte das erhitzte Plastik große Platschen hinterlassen. Unter zusammengefalteten Wolldecken, die er beiseiteschob, stieß er auf eine Leuchtspurpistole und unberührte Leuchtspurpatronen in flachen Pappschachteln.

»Er hatte alles für einen weiten Törn und auch für einen Notfall an Bord. Es ist für mich unverständlich, was den Skipper und möglicherweise seinen Begleiter so in Panik versetzt haben kann«, sagte Doyens nachdenklich.

»Vermutlich die giftigen Dämpfe«, warf Enno Ennega ein und ließ die Klappe der Sitzbank einrasten.

»Ich werde die Tür versiegeln und im Laufe des Vormittags mit Brandmeister Focken die Jacht noch einmal aufsuchen. Focken muss ein Gutachten erstellen. Es wird Zeit, dass wir uns um den Verbleib des Skippers kümmern«, sagte Meyers, während sie die Kajüte verließen.

Doyens hob die Tür aus der Halterung und verschloss sie. Meyers klebte ein Siegel auf das Schloss.

»Der Skipper ist ertrunken. Das Meer wird seine Leiche bald anspülen«, sagte Doyens ernst.

Sie kletterten an Bord der Otto-Schüllecken.

»Meine Logbucheintragung bekommen Sie später«, sagte der Kapitän des Rettungsbootes. »Eine tragische Geschichte. Wir müssen die Eltern des jungen Mannes ausfindig machen«, sagte Meyers.

»Und das Ostern«, warf Ennega ein.

»Viel Erfolg!« Doyens schritt zum Steuerhaus.

Meyers und Ennega verließen die Otto-Schüllecken und kletterten über die Leiter auf den Kai.

Sie stiegen auf ihre Fahrräder und radelten zum Revier. Auf den Straßen begann das Leben.

Feriengäste befanden sich auf dem Weg zur Kirche. Das Läuten der Kirchenglocken verhallte im Wind.

Wenig später betraten die beiden Beamten das Revier. Ein Kollege hatte Ringena abgelöst.

»Moin«, sagte er.

»Ringena hat Sie gewiss informiert. Wir sind oben«, sagte Meyers.

Die Beamten stiegen die Treppe hoch und betraten das Dienstzimmer. Durch das Fenster fiel die Sonne, doch im Zimmer war es noch kühl. Die Heizung war abgestellt.

Meyers nahm die Schreibmaschine aus dem Schrank, stellte sie auf seinen Schreibtisch, schloss sie an, entnahm der Schublade Papier und tippte das Protokoll.

»Du bist wie ich der Meinung, dass es sich um einen Unfall handelt und wir Fremdverschulden ausschließen können?«, fragte er.

Ennega nickte.

»Enno, zeichne bitte gegen«, sagte Meyers und zog das Protokoll aus der Maschine. Enno unterschrieb.

»Das war’s. Frohe Feiertage. Ich werde mit Brandmeister Focken noch einmal die Novesia aufsuchen«, bemerkte Meyers.

»Frohe Ostern!« Ennega erhob sich und verließ das Revier.

Meyers nahm das Telefonbuch. Er fand den gesuchten Teilnehmer und wählte die Nummer.

»Sievert Focken«, meldete sich der Brandmeister.

»Meyers, Kripo. Herr Focken, wie Sie vielleicht wissen, hat die Otto-Schüllecken während der Nacht ein Segelboot an den Haken genommen. An Bord hatte sich Benzin entflammt. Der Skipper wird vermisst. Mir liegt daran, dass Sie die Jacht inspizieren und sich nach dem Brandherd umschauen«, sagte Meyers.

»Wann soll ich zu Ihnen kommen?«, fragte Focken.

Meyers schaute auf die Uhr. Es war neun Uhr. »Ich denke, sofort«, sagte Meyers.

»Ich frühstücke gerade. In einer halben Stunde«, schlug Focken vor.

»All up Stee«, antwortete Meyers und legte auf.

Er wählte die Nummer des Reviers Norden. »Kripo Norden, Boerkamp«, klang es ihm entgegen.

»Meyers, Norderney. Eike, der Seenotrettungskreuzer hat während der Nacht einen Havaristen an den Haken genommen. Es handelt sich um eine Segeljacht von Juist. An Bord ist ein Brand ausgebrochen. Der Skipper hat vermutlich in Panik das Boot verlassen. Wir wissen nichts über sein Schicksal. Die Suche nach ihm blieb bisher erfolglos. Aus den an Bord vorgefundenen Unterlagen geht hervor, dass der Eigner und Skipper ein Schüler des Internatsgymnasiums von Juist ist. Sein Name ist Pitt Hänneschen. Das Schiff heißt Novesia. Für Juist seid ihr zuständig. Ich werde noch einmal mit einem Brandsachverständigen das Schiff aufsuchen, um mich über die Ursache des Unglücks zu informieren«, sagte Meyers.

»Viel Erfolg. Ich bin im Bilde und gehe der Sache nach«, sagte Boerkamp und legte auf.

Boerkamp verfasste eine Aktennotiz und legte sie ab. Danach verließ er sein Dienstzimmer und suchte die Kantine auf. Sie war an diesem Ostersamstag verwaist. Aus dem Automaten zog er sich einen Becher Kaffee. Dann trat er an die Korkwand und studierte den Juistfahrplan.

Um Viertel nach eins legte die Fähre in Norddeich ab. Seinen Chef, Oberkommissar Kreisling, konnte er nicht mehr erreichen. Er war verreist. Eike Boerkamp nippte am Kaffee und entschloss sich, mittags nach Juist zu fahren.

Er wählte die Nummer seines Kollegen Rabe.

Rabe war bereit, ihn in Anbetracht der dringlichen Situation in Norden zu vertreten.

Boerkamp meldete sich auf Juist bei der Witwe Otringa an, die ihr kleines Dachapartment für eine Pauschale der Polizei das ganze Jahr über zur Verfügung hielt.

Den Polizeidienst auf Juist versah Oberwachtmeister Bonno Ohmen. Boerkamp rief auch dort an. Ohmens Frau meldete sich.

»Mein Mann befindet sich auf seiner täglichen Rundfahrt. Es gibt keine besonderen Vorkommnisse«, sagte sie.

»Frau Ohmen, ich nehme das Schiff um Viertel nach eins ab Norddeich. Richten Sie Ihrem Mann aus, dass ich ihn um fünfzehn Uhr bei der Pension Otringa erwarte. Danke«, sagte Boerkamp.

»Mein Mann wird dort sein«, erklärte sie freundlich.

Der sechzigjährige Sievert Focken hatte sich beruflich schon vor einiger Zeit zur Ruhe gesetzt und seinen Betrieb, die Inselschlachterei, seinem Sohn übergeben.

Jetzt versah er noch einige Ehrenämter, war Mitglied im Shantychor und hatte sich auch als Chef der Freiwilligen Feuerwehr Ansehen verschafft.

Pünktlich um neun Uhr dreißig erschien Sievert Focken im Revier. Der diensttuende Beamte wies ihm den Weg zum Zimmer des Kommissars.

Meyers saß an seinem Schreibtisch, als Focken anklopfte.

»Herein«, sagte er und erhob sich.

Sievert Focken betrat das Dienstzimmer. Er trug eine alte abgewetzte Aktentasche unter dem Arm.

Meyers kam gleich zur Sache: »Herr Focken, ich sagte es Ihnen bereits am Telefon. Auf der Segeljacht eines Schülers des Inselgymnasiums von Juist ist vor Norderney ein Brand ausgebrochen. Die Neptun machte das Schiff aus und hat den Seenotrettungskreuzer angefordert. Die Suche nach dem Skipper blieb ohne Erfolg. Ich bitte Sie, sich auf dem Schiff umzusehen und die Brandursache zu erforschen.«

»Ich bin bereit, die Aufgabe als Gutachter zu übernehmen. Auch über das Honorar müssen wir nicht streiten«, sagte Focken und lachte.

Sie verließen das Revier und stiegen in den Opel Frontera. Meyers fuhr zum Hafen.

Die Frisia III hatte angelegt. Urlauber und Tagesgäste strömten ihnen entgegen. Radfahrer passierten das Hafengelände.

Meyers parkte das Polizeifahrzeug auf dem Betriebsgelände eines Bierverlages, um Aufsehen zu verhindern.

Dann begleitete er Focken über den Kai zum Liegeplatz der Novesia.

Boerkamp erreichte Norddeich nur wenige Minuten vor der Abfahrt der Juist-Fähre. Auch der Interregio aus Leipzig war in Norddeich an der Mole angekommen. Fahrgäste blockierten den Fußgängerüberweg zur Frisia VIII, die zur Abfahrt nach Norderney bereitlag. Auf dem Hafengelände spazierten die Touristen. Bei diesem schönen Wetter war das Nordseebad mehr als ausgelastet.

Boerkamp griff nach seiner Tasche, während der Gong die Abfahrt ankündigte. Er ging zum Schiff, betrat die Gangway und suchte das Restaurationsdeck auf.

Stunden später empfing Gesine Otringa, von den Polizeibeamten liebevoll ›Tante Gesine‹ genannt, Boerkamp wie einen vertrauten Verwandten. Sie nahm ihm die Reisetasche ab und bat ihn in den gemütlichen Salon.

»Ich bereite einen Tee zu«, sagte sie herzlich, als hätte Boerkamp die Reise unternommen, um sie zu besuchen.

Sie deckte den Tisch mit dem Geschirr der Ostfriesischen Rose und füllte eine Schüssel mit den ›Friesischen Leidenschaften‹ einem an der Küste beliebten Teegebäck.

In den Salon klang das Läuten der Hausglocke.

»Das wird Bonno Ohmen sein«, sagte Boerkamp.

Tante Gesine verließ den Salon und erschien gleich darauf mit dem Wachtmeister.

»Es kann spät werden«, sagte Boerkamp, als er sich wenig später mit Ohmen auf den Weg machte.

»Hier ist der Schlüssel. Schau noch rein, wenn ich noch nicht zu Bett bin«, sagte die Witwe Otringa.

Boerkamp verließ mit Ohmen die Pension. Sie schritten Richtung Internatsgymnasium.

Als sie wenig später dort ankamen, fanden sie das Schultor verschlossen. Der Hausmeister, der die Schlüssel hatte, wohnte in einem zurückgezogenen Flachdachanbau, zu dem ein schmaler Asphaltweg führte. Stiefmütterchen blühten auf einem kleinen Blumenbeet vor der Klinkerwand.

Boerkamp schaute auf die Türklingel. Hausmeister Hero Ukema, las er und drückte den Knopf.

Sie vernahmen Schritte. Die Tür wurde von einer etwa vierzigjährigen Frau geöffnet, die eine blassblaue Bluse und Jeans trug. In der Hand hielt sie eine Fernsehzeitung. Sie blickte die Besucher überrascht an und stutzte, als sie den Inselpolizisten erkannte.

»Helga, Herr Boerkamp kommt von der Nordener Kripo. Ist Hero zu Hause?«, fragte Ohmen.

»Wir haben heute Abend eine kleine Feier. Hero holt Kuchen. Er wird gleich zurückkommen. Bitte, treten Sie ein«, wandte sie sich an Boerkamp.

Sie folgten Frau Ukema in die Wohnstube. Sie wies auf die Sesselgruppe.

»Bitte, nehmen Sie Platz«, sagte sie. »Darf ich Ihnen einen Tee anbieten?«

Wachtmeister Ohmen winkte ab. »Danke.« Er sah Helga Ukema aufmerksam an. »Wir müssen deinen Mann wegen eines Internatsschülers sprechen«, sagte er.

Im nächsten Moment klappte die Haustür, und gleich darauf betrat der Hausmeister das Wohnzimmer.

»Oh«, sagte er nur und reichte seiner Frau die Tortenschachtel an.

»Sie entschuldigen mich.« Helga verließ das Wohnzimmer.

Auch Ukema war um die vierzig. Er trug Jeans und eine Fliegerjacke. Sein Haar war grau, und sein Gesicht wirkte streng.

»Herr Ukema, mein Name ist Boerkamp. Ich bin bei der Nordener Kripo. Wir benötigen einige Auskünfte über einen der Internatsschüler. Sein Name ist Pitt Hänneschen«, sagte Boerkamp.

»Und was ist mit ihm?«, wollte Ukema wissen.

»Er wird nach einem Segelunfall vermisst«, antwortete Boerkamp.

Ukema blickte den Kommissar fragend an. Er setzte sich auf die Couch.

»Das ist ja furchtbar«, murmelte er. »Was ist passiert?«

»Auf seinem Segelboot ist ein Brand ausgebrochen. Er hat das Schiff verlassen und ist vermutlich ertrunken«, erwiderte Ohmen.

»Bonno, der Direktor ist verreist. Du weißt, wo Dr. Broichler wohnt. Er ist sein Stellvertreter«, sagte der Hausmeister.

»Wir haben bisher keinen Durchsuchungsbefehl. Allerdings möchte ich gern einen Blick in seine Wohnung werfen. Natürlich in Ihrem Beisein«, sagte Boerkamp.

»Ich bin der Hausmeister. Wenn Dr. Broichler es zulässt, dann werde ich Ihnen das Apartment des Schülers öffnen«, sagte er.

»Sie erwarten heute Abend Gäste, haben wir gehört. Sagen wir also, gegen siebzehn Uhr«, schlug Boerkamp vor.

Ukema nickte. »Es wäre mir lieb, wenn Dr. Broichler Sie begleiten würde«, antwortete er und erhob sich.

»Wir werden sehen. Entschuldigen Sie die Störung«, sagte Boerkamp.

»Bis dann, Hero«, verabschiedete sich Wachtmeister Ohmen.

Das Apartmenthaus Möweneck befand sich auf der Sanddornstraße, die an den Dünen entlang zum Weststrand führte.

»Eine elegante Wohngegend«, stellte Boerkamp fest.

»Seine Frau hat als Lehrerin an der Grundschule unterrichtet. Sie war Juisterin. Sie ist vor einigen Jahren an Brustkrebs gestorben«, sagte Ohmen.

Eine Kutsche, in der ein älteres Ehepaar im kühlen Fahrtwind saß, fuhr vorbei.

Die Hufe der Pferde klapperten rhythmisch.

Boerkamp blickte auf die Fassade des Hauses. Sie war mit rötlichen Handformsteinen verklinkert. Auf den Balkonen saßen Urlauber in der Sonne und genossen den Dünenblick.

Boerkamp trat an die Eingangstür und studierte den Klingelkasten.

»Broichler«, las er und drückte die Taste.

»Ja, bitte«, meldete sich der Lehrer.

»Bonno Ohmen, der Polizeiposten«, rief der Wachtmeister in die Sprechanlage.

Sie vernahmen den Summton, und die Tür ließ sich öffnen. Hintereinander betraten sie das Treppenhaus und stiegen die Stufen hoch.

Studiendirektor Dr. Broichler stand vor seinem Apartment und schaute ihnen aufmerksam entgegen.

»Entschuldigen Sie die Störung, Herr Dr. Broichler«, bat Ohmen. Dann stellte er seinen Begleiter vor. Der Lehrer reichte den Besuchern die Hand. »Sie müssen sich nicht entschuldigen. Sie befinden sich im Dienst, während ich mir an diesem Ostersamstag die Zeit nur mit der Lektüre eines Kriminalromans vertreibe. Ich habe Ferien. Bitte, treten Sie ein.«

Damit führte er sie in das Wohnzimmer. »Nehmen Sie Platz«, sagte er und zeigte auf die Sitzgruppe, die sich in der Ecke des geräumigen und behaglich eingerichteten Raumes befand.

Die Beamten ließen sich nieder.

Ohmen hielt seine Polizeimütze in der Hand.

»Darf ich Ihnen etwas anbieten?«, fragte der Lehrer.

»Danke, nein. Wir haben es eilig«, antwortete Ohmen.

»Wir möchten Sie bitten, uns zum Internat zu begleiten und den Hausmeister zu bitten, uns die Tür zur Wohnung des Schülers Pitt Hänneschen zu öffnen. Wir wollen uns in seinem Apartment ein wenig umschauen«, sagte der Kommissar.

»Was wollen Sie in Pitts Wohnung?«, wollte Dr. Broichler überrascht wissen.

»Während der Nacht hat der Seenotrettungskreuzer von Norderney eine Jacht geborgen. An Bord des Schiffes war ein Brand ausgebrochen. Der Segler wird vermisst. Er ist wahrscheinlich ertrunken. Das Segelschiff heißt Novesia, und Eigner ist Pitt Hänneschen«, erklärte Boerkamp.

»Mein Gott! Das ist furchtbar! Ich mochte Pitt wie einen Sohn«, sagte Dr. Broichler und rang nach Fassung. »Wie ist das passiert? Der Junge konnte doch segeln!« Mit einem Taschentuch wischte er sich über die Augen.

»Ein Kollege untersucht mit einem Experten das Schiff, um Hinweise auf die Brandursache zu finden«, sagte der Kommissar.

»Besteht noch Hoffnung, dass Pitt …?«, fragte der Lehrer.

»Wir wissen noch nichts über den Hergang des Unglücks, doch wir gehen davon aus, dass der Schüler nicht mehr lebt«, antwortete Boerkamp.

Studiendirektor Broichler schüttelte fassungslos den Kopf. Die Nachricht hatte ihn tief getroffen.

Hausmeister Ukema öffnete die schwere Holztür und betätigte die Lichtschalter, denn durch die Fenster des Treppenhauses fiel nur wenig Licht. Gemeinsam betraten sie den breiten Korridor.

»Pitt wohnt oben«, sagte Ukema und schritt vor den Besuchern her, als machten sie eine Führung.

Ihre Schritte hallten in den unbewohnten Gängen. Die Wände waren fast kahl, nur ein paar Poster europäischer Großstädte waren angeklebt worden. Es roch nach Seife und Lauge. Das Apartment des Abiturienten Pitt Hänneschen befand sich im dritten Stockwerk. Es trug die Nummer 113. Vor der Tür lag eine Fußmatte aus grobem Sisal.

Hausmeister Ukema steckte den Schlüssel in das Schloss und öffnete die Tür. Dann betätigte er den Lichtschalter im Korridor.

Am Garderobenhaken hingen ein Anorak, ein bunt gestreifter Bademantel und ein Jogginganzug.

Auf dem Boden standen Sportschuhe. Die Tür zum Bad war angelehnt. Wachtmeister Ohmen schob die Tür auf und schaltete das Licht an, und sie warfen einen Blick ins Bad. Nichts Auffälliges!

Dann betraten sie das Wohn- und Schlafzimmer. Doch auch hier war nichts ungewöhnlich: ein Tisch mit zwei Stühlen, ein Bett mit einer bunten Tagesdecke. Die gegenüberliegende Wand füllte ein Bücherregal aus. Daneben befanden sich ein Musikturm und ein Fernsehgerät samt Videorekorder auf einem kleinen Tischchen.

Boerkamp trat an den Schreibtisch, der an der Wand vor der kleinen Küchenzeile stand.

Unter einer Plastikfolie lag der Stundenplan. Physik, Chemie, Werte und Normen, las er.

Der Direktorstellvertreter und Lehrer des Abiturienten fühlte sich sichtlich unwohl im Apartment seines Schülers. Während seiner langjährigen Tätigkeit an der Schule hatte er noch nie eines der Apartments betreten. Es kam ihm unwürdig vor, als der Kommissar die Schreibtischschubladen herauszog und damit begann, den Inhalt in Augenschein zu nehmen.

Boerkamp sichtete Belege, studierte Kontoauszüge, Abrechnungen mit Maklern. Der vermisste Schüler bezog offenbar Mieteingänge.

»Der Schüler besaß eine Eigentumswohnung auf Juist«, sagte er überrascht.

»Pitt entstammt einer reichen Unternehmerfamilie aus Neuss«, sagte Dr. Broichler verärgert.

»Daher das Segelschiff«, sagte Boerkamp, schob die Schublade zurück und widmete sich dem Inhalt der nächsten Schublade.

»Eine Menge Fotos«, sagte er und hielt ein Bild hoch. »Ein hübsches Mädchen.«

»Das ist Schagüll, seine türkische Freundin«, antwortete der Lehrer.

Was ging hier eigentlich vor?

Der Kommissar legte das Foto wieder weg und setzte seine Durchsuchung der Schreibtischschubladen fort.

Er stieß auf Bilanzen, Gewinnzuweisungen, Hinterlegungsnachweise von Wertpapieren bei einer hiesigen Bank in großen Summen. Ihm verschlug es den Atem.

»Ziemlich wohlhabend«, murmelte er.

Der Hausmeister stand mitten im Zimmer und wartete geduldig. »Trotzdem hat sich dieser Hänneschen ganz normal verhalten.«

Boerkamp suchte weiter und stieß auf einen Schuhkarton mit Ansichtskarten, die er flüchtig durchblätterte. Sie zeigten Motive aus Tel Aviv, New York, von den Bahamas und aus der Karibik.

»Tante Cecilia«, sagte er und sah Dr. Broichler fragend an.

»Pitt hat früh seine Mutter verloren. Sie verstarb bei einem Verkehrsunfall. Sein Vater schickte den Jungen zu uns. Der Vater verstarb ebenfalls vor etwa zwei Jahren: Seitdem kümmert sich seine Tante um ihn. Pitt ist der Erbe einer großen Baustofffirma in Neuss. Tante Cecilia, die Schwester seines Vaters, leitet als Kommanditistin die Firma«, sagte der Lehrer.

»Das erklärt so einiges«, erwiderte Boerkamp. »Haben Sie die Anschrift der Tante?«

»Ja, die habe ich. Ich bin allerdings der Meinung, dass sie genügend Informationen über den verunglückten Schüler besitzen und wir das Apartment verlassen sollten«, sagte der Direktorstellvertreter ernst.

Doch Boerkamps Neugierde war nicht zu bremsen. Er war noch lange nicht fertig. Gerade entfaltete er einen Briefbogen und begann zu lesen.

Broichler wollte einschreiten, schwieg dann jedoch.

Schließlich wollte auch er wissen, was mit Pitt geschehen war.

»Herr Dr. Broichler, vermutlich der Liebes- und Abschiedsbrief Ihrer türkischen Schülerin an den Abiturienten. Ihre Flucht hat Hänneschen sicherlich stark mitgenommen«, sagte Boerkamp.

»Ich kenne den Inhalt des Briefes. Pitt hat mit mir darüber gesprochen. Ich glaube allerdings, Sie gehen jetzt zu weit. Das Privatleben des Schülers hat Sie nicht zu interessieren«, sagte Broichler mürrisch.

»Verzeihung.« Der Kommissar legte den Brief zurück in die Schublade – und zog eine Ansichtskarte hervor. Er nahm sie heraus und betrachtete sie.

Sie zeigte die Blaue Moschee von Istanbul. Er wendete die Karte und las den Text.

Selbst Bonno Ohmen empfand das Verhalten seines Kollegen mittlerweile als unpassend. Er räusperte sich, doch Boerkamp reagierte nicht.

»Herr Dr. Broichler, das dürfte Sie interessieren. Sie warten doch noch immer auf ein Lebenszeichen Ihrer Abiturientin, über deren Verbleib, wie Sie mir andeuteten, selbst das Auswärtige Amt nichts sagen konnte«, erklärte Boerkamp ironisch.

Er reichte dem Stellvertreter des Inselgymnasiums die Ansichtskarte.

Broichler war verwirrt, doch er nahm die Karte und las.

»Man hat sie also verheiratet«, murmelte er.

Dann verließen sie endlich das Apartment.

»Sie sagten, Pitt und ein weiterer Schüler seien während der Osterferien die einzigen Gäste«, sagte Boerkamp draußen auf dem Gang.

Broichler nickte. »Ach, Herr Ukema, wo wohnt übrigens Henner Großmann? – Er ist der zweite Schüler«, erklärte er Boerkamp.

Der Hausmeister blieb stehen. »Drüben in 110«, sagte er.

Sie näherten sich der Apartmenttür und betätigten die Klingel.

Nichts tat sich; offenbar war der Schüler nicht anwesend.

»Sie mochten sich nicht sonderlich«, erklärte der Lehrer.

Dann verließen sie das Internatsgebäude.

Ukema verschloss die Haustür.

»Gehen Sie ruhig nach Hause, Herr Ukema«, schlug Broichler vor. »Ich werde mich jetzt weiter um die Herren von der Polizei kümmern und gemeinsam mit ihnen vom Sekretariat aus Pitts Tante benachrichtigen.«

Sievert Focken kannte sich mit Segelschiffen aus. Er war selbst gesegelt, hatte seine Jacht allerdings verkauft, weil seine Frau unter rheumatischen Beschwerden litt. Jetzt sah er sich auf der Novesia um.

Er machte ein paar Schritte in die Kajüte und schnupperte, denn meistens verließ er sich fürs Erste auf seine Nase. Er schlich an den Wänden entlang, beschnupperte den Fußboden. Ziellos, so schien es Meyers, schritt, kroch, robbte der Brandmeister durch die Kajüte.

Verschmortes Kabel roch anders als verbrannter Bodenbelag. Holz hinterließ einen säuerlichen Geruch. Verbrannte Textilien rochen nach Schaf. Entflammtes Benzin hinterließ einen trockenen, parfümierten Dunst. Es entnahm der Luft den Sauerstoff und machte sie dünn.

Einen Kabelbrand schloss Sievert Focken auf Anhieb aus. Er suchte nach den Lüftungsschlitzen und -klappen, beschnupperte sie und kam zu dem Ergebnis, dass der Brand in der Nähe der Pantry ausgebrochen sein musste.

Er entnahm seiner Tasche die Lupe und die Halogenlampe, kniete sich auf den Boden und studierte die Brandflecken. Sie waren großflächig und zeigten Ränder. Der Kunstharzbelag hatte sich vom Zentrum des Brandes seitlich verkohlt. Vor dem Gasherd mit der Spüle waren die Platschen größer und in Richtung der Koje kleiner. Benzin war vor der Pantry geflossen, hatte auf die Holzvertäfelung übergegriffen, wie er von der verflammten Holzwand ableitete. Er nahm den verkohlten Campingkocher unter die Lupe. Unter ihm hatte sich der Bodenbelag aufgelöst, der Holzuntergrund war verbrannt, und die Glut hatte sich bis zur Eisenhaut durchgefressen. Ein Feuerlöscher lag einige Meter entfernt auf dem Boden.

Focken hob ihn auf und untersuchte ihn.

»Die Leute vergessen, dass diese hervorragenden Schutzgeräte nicht bis in das biblische Alter funktionsfähig bleiben. Der Segler hat ihn, vermutlich in Panik, aus der Halterung gerissen und falsch bedient. Der Druckhebel zeigt Erosionsspuren und ist abgebrochen«, stellte er fest.

Er näherte sich erneut der Pantry und sah, dass die Halterungen für Töpfe und Pfannen verbogen waren. Er suchte nach dem kleinen Benzinkanister.

»Der Brand ging vom Benzinkocher aus. Der Segler muss den Kocher unbedacht gefüllt haben. Er hat den Kanister weggebracht, und erst danach hat sich das Benzin entzündet«, stellte er fest.

Jetzt suchte er den Boden nach der Verschlussschraube des Kanisters ab. Er fand sie in der Nähe der Sitzbank. Sie roch immer noch nach Benzin.

Focken nahm sich des Campingkochers an. Die kleine Drehschraube für den Docht hatte sich verformt und ließ sich nicht bewegen. Er betrachtete durch die Lupe den Schlitz, in dem der Docht gesessen hatte. Mit einem Schraubenzieher, den er aus seiner Tasche holte, stocherte er im Schlitz herum. An der Spitze des flachen Stahls befand sich Asche. Er suchte den Boden nach verkohlten Streichhölzern oder einem weggeworfenen Feuerzeug ab. In den Scherben des Stövchens entdeckte er das verrußte, ausgebrannte Teelicht. Er hielt es an seine Nase. Dann griff er nach seiner Tasche, packte Lupe, Lampe und Schraubenzieher ein. Er hustete.

»Gehen wir«, sagte er.

Sie verließen die Kajüte.

Kapitän Doyens blickte ihnen erwartungsvoll entgegen.

Focken betrat die Plicht der Novesia und setzte sich auf die Bank, langte in seine Jeans, holte eine Zigarettenschachtel heraus und steckte sich eine Zigarette an.

Die Sonne hatte an Kraft gewonnen. Ihre Strahlen fielen auf das Boot.

Im Hafengelände radelten Urlauber dem Wattenmeer entgegen. Segelschiffe verließen den Hafen.

Meyers stand unter dem schlaffen Segel, das sich nur wenig im Wind blähte.

»Der Skipper hat sich grob fahrlässig verhalten. Er hat seinen Campingkocher mit Benzin aus einem Kanister gefüllt und dabei Benzin vergossen. Im Stövchen brannte das Teelicht. Unglücklicherweise hat er es vom Tisch gestoßen, oder es ist vom Tisch gefallen. Ich gehe davon aus, dass er mit dem Feuerlöscher den Brand bekämpfen wollte und in Panik geriet. Er ist entweder von Bord gesprungen oder von Bord gefallen, als er sich bemühte, mit dem Schöpfeimer den Brand zu bekämpfen. Die feuersicheren Bauelemente haben dafür gesorgt, dass sich der Brand nicht ausgeweitet hat«, sagte Focken.

»Sie meinen also, ich kann den Fall abschließen und Fremdverschulden ausschließen?«, fragte Meyers.

»Es spricht alles dafür, dass der Skipper ein Opfer seiner Leichtsinnigkeit wurde. Der Brandherd steht fest. Es war die Kerze im Stövchen. Die Ursache war verschüttetes Benzin. Sie bekommen von mir ein entsprechendes Gutachten«, erklärte Focken müde.

»Wir bringen die Jacht an einen unbenutzten Steg. Ich habe schon mit dem Hafenmeister gesprochen«, berichtete Kapitän Doyens.

Damit verließen sie das Deck der Novesia und kletterten an Bord der Otto-Schüllecken.

Die Insel Baltrum, im Prospekt des Verkehrsvereins und von den Stammurlaubern liebevoll das ›Dornröschen der Nordsee‹ genannt, war, wie die übrigen Ostfriesischen Inseln während der Osterferien ausgebucht. Das schöne Frühjahrswetter hatte auch am Mittwoch nach Ostern angehalten. Am Abend sank die Sonne am Horizont ins Meer und ließ einen herrlich roten Abendhimmel zurück. Wenig später hatte die Flut ihren Höchststand erreicht. Die Wellen donnerten schäumend auf den Strand. Möwen kreischten im auf gebristen Ostwind und stürzten sich auf die vom Wasser angespülten kleinen Schalentiere.

Auf den Bänken vor der breiten Flutschutzmauer der befestigten Strandpromenade saßen Urlauber und betrachteten fasziniert das Naturschauspiel. Die Luft roch nach Salz und Jod.

Im Blickfeld der Feriengäste lagen die Sanddünen der Insel Norderney und die Seehundbänke, an denen sich die Wellen mit spitzen Gischtkronen brachen.

Am Badestrand spazierten um diese Zeit nur wenige Gäste. In den Hotels und Pensionen wurde das Abendbrot gereicht.

Der Zahnarzt Dr. Jakob Bechlenburg und seine Frau Elisabeth hatten sich in diesem Jahr zum ersten Mal für den Besuch der Insel Baltrum entschieden und waren hellauf begeistert. Wegen eines Hautausschlags, der Frau Bechlenburg zu schaffen machte, hatten sie auf ihren traditionellen Bergurlaub verzichtet. Frau Bechlenburg unterzog sich einer offenen Kur und erhoffte sich von den vom Badearzt verordneten Anwendungen eine Besserung ihres Gesundheitszustandes. Am Vormittag suchte sie das Kurmittelhaus auf, hielt die Ruhepausen auf dem Balkon des Hotelapartments ein und freute sich auf den abendlichen Rundgang an der Seite ihres Mannes über den Strand und anschließend durch die Dünen zu dem kleinen Aussichtshügel hinauf. Dort ruhten sich die Bechlenburgs auf der Bank aus und genossen den Rundblick.

Auch an diesem Dienstagabend hielten sie sich an den Händen und schritten bei einsetzender Ebbe an den auslaufenden Wellen entlang über den nassen, knetigen Sand. Zu Hause, im Alltag, bestimmte die Praxis den Rhythmus. Hier aber vergaßen sie den Kleinkrieg um das Geld, die Haushaltsführung und die Sorgen um ihre Söhne, die in Frankfurt und Münster studierten. Beide Bechlenburgs waren knapp über sechzig und fanden hier auf Baltrum zurück zu Erinnerungen an die vergangenen Jahre.

Vor ihnen verengte sich der Strand. Sie erreichten den in den Sand gerammten Pfahl, der ihnen anzeigte, dass sie den Strand verlassen mussten. Seenebel war aufgekommen. Weiter vorn verschwanden einige schnelle Wanderer in der aufkeimenden Dämmerung.

Frau Bechlenburg betrachtete die Dünen und suchte nach der kleinen Plattform mit den Bänken. Ihre Füße begannen zu schmerzen. Dr. Bechlenburg warf noch einen Blick auf das Meer. Er ließ die Hand seiner Frau los und schritt eilig und neugierig den Wellen entgegen, die sich schaumig auf dem nassen Sand ausliefen.

Das Wasser stieg in seine Schuhe und nässte die Umschlagfalten seiner weißen Leinenhose. Er betrachtete die Umrisse eines Treibgutes, das das Meer angespült hatte.

Er überhörte die Stimme seiner Frau. Sie verfing sich im Rauschen der ausrollenden Wellen.

Doch Bechlenburg wagte einige weitere Schritte. Das Wasser umspülte seine Knöchel. Plötzlich blieb er wie angewurzelt stehen und blickte entsetzt auf den Körper, den die Wellenschübe ihm entgegentrieben.

Er empfand keinen Ekel, als er die Füße des Toten ergriff und die Wasserleiche an den Strand zog. Er hörte den Aufschrei seiner Frau. Sie waren mit dem Seeopfer allein am verlassenen Strand.

Dr. Bechlenburg beugte sich über den Ertrunkenen. Er sah in das leicht aufgedunsene Gesicht eines jungen Mannes. Der Tote trug eine Seglerjacke und Jeans.

»Jakob, das ist entsetzlich«, stöhnte seine Frau auf, die mittlerweile neben ihm stand.

»Elisabeth, komm, wir müssen die Polizei benachrichtigen«, sagte Bechlenburg.

Sie warfen noch einen letzen Blick auf den Toten, dann schritten sie hastig drauflos.

Am Donnerstagmorgen trat Boerkamp bereits um sieben Uhr seinen Dienst an. Auf seinem Schreibtisch lag die Meldung, dass ein Zahnarzt auf Baltrum eine männliche Wasserleiche entdeckt hatte. Der Inselpolizist hatte veranlasst, dass der Sarg mit dem Toten an Bord der Baltrum gebracht wurde, die um elf Uhr fünfzehn in Baltrum ablegte. Boerkamp langte zum Telefon, rief einen Bestatter an und beauftragte ihn, den Sarg vom Baltrumfährschiff zu übernehmen und in das Nordener Krankenhaus zu bringen. Ein kurzes Telefonat mit dem Inselpolizisten brachte weitere Klarheit.

Danach telefonierte er mit der Wasserschutzpolizei und der Staatsanwaltschaft.

Der Staatsanwalt bat ihn, nach der Identifizierung des Toten die Leiche zur gerichtsmedizinischen Untersuchung nach Oldenburg überführen zu lassen.

Boerkamp dachte an Broichler. Er griff zum Hörer und rief den Lehrer an.

»Jupp Broichler«, meldete sich der Studiendirektor.

»Boerkamp, Kripo. Herr Dr. Broichler, gestern Abend wurde auf Baltrum die Leiche eines jungen Mannes gefunden. Sie wird im Nordener Krankenhaus nur kurz untersucht, um danach ins gerichtsmedizinische Institut nach Oldenburg überführt zu werden. Es spricht alles dafür, dass es sich um Pitt Hänneschen handelt.«

»Also doch«, sagte der Lehrer mit heiserer Stimme.

»Um sicherzugehen, wären wir Ihnen dankbar, wenn Sie die Leiche in Augenschein nehmen würden«, sagte Boerkamp.

»Das ist eine unangenehme Pflicht, der ich mich wohl nicht entziehen kann«, antwortete der Studiendirektor.

»Gut. Vor mir liegt der Flug- und Schiffsplan. Um vierzehn Uhr startet eine Maschine der FLN in Juist, und um achtzehn Uhr dreißig legt die Frisia heute Abend in Norddeich ab. Ich werde mich dafür verwenden, dass die Bezirksregierung Ihnen die Kosten ersetzt«, sagte Boerkamp.

»Ich werde die Spesen nicht abrechnen. Ich komme«, sagte er.

»Ein Kollege holt Sie am Flughafen in Norddeich ab. Bis dann«, sagte Boerkamp und legte den Hörer auf die Gabel.

Wachtmeister Frerichs betrat das Dienstzimmer. »Moin«, sagte sie und reichte Boerkamp den Posteingang.

»Danke«, sagte er.

Zu der Sendung gehörte ein prall gefüllter Umschlag, der direkt an ihn adressiert war. Absender war das Revier Norderney. Boerkamp öffnete das Kuvert und studierte den Inhalt.

Sein Kollege Meyers hatte einen Begleitbrief an ihn gerichtet und das Gutachten eines Brandmeisters Focken, ein Protokoll des Kapitäns des Seenotrettungskreuzers und den Bericht der Wasserschutzpolizei beigefügt.

Der Kreis schließt sich, dachte Boerkamp.

Der Skipper hatte grob fahrlässig gehandelt, Fremdverschulden war offenbar auszuschließen, wie er den Unterlagen entnehmen konnte. Fraglich blieb, ob der Segler nach Ausbruch des Brandes von Bord gesprungen oder bei dem Versuch, das Feuer zu löschen, in die Nordsee gestürzt war.

Ein tragischer Unfall jedenfalls. Kein Fall für uns, stellte Boerkamp fest.

Kurz vor vierzehn Uhr schob er die Akten zur Seite und wählte die Nummer des Krankenhauses. Der Pförtner verband ihn mit Dr. Snyders.

»Sie haben Glück. Seit dem Morgen sitze ich das erste Mal in meinem Stationszimmer und trinke eine Tasse Tee. Ich habe die Leiche untersucht. Die Ergebnisse liegen auf meinem Schreibtisch. Auf die schriftliche Abfassung müssen Sie noch ein wenig warten«, sagte der Arzt.

»Herr Doktor, in etwa dreißig Minuten besucht mich ein Lehrer des Inselgymnasiums von Juist, um die Leiche zu identifizieren. Passt Ihnen der Termin?«, fragte der Kommissar.

»Ja, falls nicht gerade ein Verkehrsunfall meine Mitarbeit im Hause erfordert. Ich erwarte Sie in einer halben Stunde«, sagte der Arzt.

»Danke, bis dann«, sagte Boerkamp und legte den Hörer auf.

Um vierzehn Uhr dreißig betrat Dr. Broichler das Dienstzimmer. Er wirkte blass. Er ist in den paar Tagen grauer geworden, dachte Boerkamp, als er auf das kurze Stoppelhaar des Lehrers der Inselschule schaute. Der Lehrer trug Jeans und eine Wildlederjacke.

»Herr Doktor, nehmen Sie Platz«, sagte Boerkamp und wies auf den Besucherstuhl.

Dr. Broichler setzte sich auf den Stuhl.

»Ich sagte es Ihnen schon, Pitt Hänneschen war für mich mehr als nur ein Schüler«, flüsterte er.

»Ich habe mit Dr. Snyders vom Krankenhaus telefoniert. Er erwartet uns. Ich schlage deshalb vor, dass wir uns sofort auf den Weg machen«, erklärte der Kommissar.

Dr. Broichler nickte.

Sie verließen das Dienstzimmer und stiegen die Treppe hinab.

»Ich nehme einen Dienstwagen. Wir fahren zum Krankenhaus«, sagte Boerkamp, als sie am Tresen des Polizeimeisters vorbeigingen.

Damit verließen sie das Gebäude.

»Unser Fahrzeug befindet sich drüben auf dem Hof des Reviers«, informierte der Kommissar seinen Begleiter.

Sie überquerten den Markt. Der Nebel hatte sich gelichtet, aber der Himmel war bewölkt. Auf der Hauptstraße floss der Verkehr.

Boerkamp führte den Lehrer zu einem Golf, und sie stiegen ein.

Der Kommissar reihte sich in den fließenden Verkehr ein, bog in die Osterstraße und fuhr am Café Ten Cate und der Buchhandlung vorbei in Richtung Krankenhaus.

Boerkamp fand einen freien Parkplatz. Sie verließen den Wagen und schritten der Pforte entgegen.

»Wir sind angemeldet, Dr. Snyders erwartet uns«, sagte Boerkamp und hielt dem Pförtner sein Messingkettchen entgegen.

»Ich melde Sie an. Nehmen Sie bitte drüben Platz«, sagte der Pförtner.

Sie setzten sich auf die Klappstühle, die vor der weiß getünchten Wand aufgereiht waren.

Nach wenigen Minuten betrat Dr. Snyders die Wartehalle. Er hatte ein freundliches, rundes Gesicht und eine stämmige Figur.

»Herr Dr. Snyders, darf ich Ihnen Herrn Dr. Broichler vorstellen«, übernahm Boerkamp die Bekanntmachung.

Der Arzt reichte beiden nacheinander die Hand.

»Begleiten Sie mich bitte«, sagte er dann und führte sie zum Aufzug. Wenig später befanden sie sich in der Leichenhalle.

Dr. Snyders ging zu einer Bahre und wies auf das weiße Abdecktuch, das die Umrisse eines menschlichen Körpers erkennen ließ. Dann hob er das Tuch, und Pitt Hänneschen lag entblößt vor ihnen. Selbst im Tod wirkte sein muskulöser gut gewachsener Körper ästhetisch. Sein Gesicht war friedlich. So, als schliefe er.

»Ja, es ist Pitt«, schluchzte Dr. Broichler.

Dr. Snyders zog das Tuch wieder über die Leiche. Er wandte sich an Boerkamp.

»Sie interessiert gewiss mein Untersuchungsbericht«, sagte er. »Folgen Sie mir doch bitte nach oben.«

Sie gingen zum Aufzug und fuhren in den zweiten Stock.

»Um diese Zeit ist es noch ruhig. Das wird sich gleich ändern«, sagte Dr. Snyders und führte sie zu seinem Stationszimmer.

»Bitte, treten Sie ein«, sagte er und öffnete die Tür. »Es ist ein wenig eng. Nehmen Sie Platz.«

Er selbst ließ sich hinter dem Schreibtisch nieder.

»Der Tote ist also Pitt Hänneschen«, wandte er sich an Jupp Broichler. Der Lehrer nickte.

»Ein schlimmer Tag für mich«, murmelte er.

Jetzt sah der Arzt den Kommissar an. »Der junge Mann ist ertrunken«, erklärte er. »Ich habe übrigens auch einige Prellungen festgestellt.«

»Und Brandspuren?«, fragte Boerkamp.

»Nein, die habe ich nicht entdeckt. Auch seine Jacke und Jeans habe ich mir genau angeschaut. Sie waren nicht einmal angesengt«, antwortete Dr. Snyders.

»An Bord hat es aber einen Brand gegeben. Der Feuerlöscher hat versagt, und der Skipper hat daraufhin mit einem Schöpfeimer Wasser an Bord geholt, um das Feuer zu löschen. Ich gehe davon aus, dass er das Gleichgewicht verloren hat und von Bord gestürzt ist«, berichtete der Kommissar.

»Pitt war ein hervorragender Schwimmer«, warf Dr. Broichler ein.

»Die Wassertemperatur betrug grob geschätzt höchstens fünf bis sieben Grad. Nach nur wenigen Minuten beginnen sich die Gelenke zu versteifen. Der Körper verliert an Temperatur. Der Tod ist dann unausweichlich«, sagte Dr. Snyders.

»Sie schließen also Fremdverschulden aus?«, fragte Boerkamp.

»Mit ziemlicher Sicherheit«, bestätigte der Arzt.

»Ich danke Ihnen. Schicken Sie mir bitte den Untersuchungsbericht zu«, bat Boerkamp.

»Gewiss. Vermutlich werden Sie von den Kollegen vom Institut in Oldenburg auch noch weitere Ergebnisse erhalten.«

Eine Krankenschwester betrat das Stationszimmer. Sie war sichtlich nervös.

»Herr Doktor, im Zimmer 24, der Magen …«, erklärte sie.

Der Arzt verabschiedete sich von den beiden Besuchern.

»Schwester, ich komme mit!«, meinte er dann.

Boerkamp und Broichler verzichteten diesmal auf den Aufzug und gingen zur Treppe. Überall roch es nach Desinfektionsmittel.

»Herr Dr. Broichler, Ihnen bleibt noch viel Zeit. Das Schiff legt erst um achtzehn Uhr dreißig in Norddeich ab. Trinken wir einen Tee im Krankenhauscafé«, sagte der Kommissar.

»Einverstanden«, stimmte Broichler zu. Er wirkte müde und erschöpft.

Am Montag befand sich in der Schulpost ein schwarz umrandeter Trauerumschlag. Der stellvertretende Direktor Broichler öffnete ihn, entnahm dem Kuvert eine auf Büttenpapier gedruckte doppelseitige Todesanzeige und las:

»In tiefer Trauer teilen wir Ihnen mit, dass der hoffnungsvolle Erbe der Firma Hänneschen KG, unser Neffe und Vetter Pitt Hänneschen, bei einem Segelunglück ums Leben kam. In Trauer – Cecilia Kronenburg, geb. Hänneschen, Gottfried Kronenburg und Arnold Kronenburg.

Die Beisetzung findet im engsten Familien- und Freundeskreis statt. Wir bitten, von Beileidsbesuchen Abstand zu nehmen. Anstelle der zugedachten Kranz- und Blumenspenden haben wir bei der Rheinisch-Westfälischen Landesbank ein Konto zugunsten der Gesellschaft zur Rettung Schiffbrüchiger eingerichtet.«

Es folgten Kontonummer und Bankleitzahl.

Broichler weinte still vor sich hin. Er trug die Todesanzeige zum Kopierer, fertigte einige Kopien an und betrat damit das Lehrerzimmer. Dort verteilte er die Kopien in die Fächer seiner Kollegen.

Anschließend wählte er die Nummer eines örtlichen Fleurophändlers, bestellte einen Kranz und gab die Adresse des Trauerhauses durch. Er war fest entschlossen, zur Beisetzung nach Neuss zu fahren, auch wenn in der Todesanzeige darum gebeten wurde, von Beileidsbesuchen abzusehen. Das zumindest war er Pitt schuldig.

Es wurde schon dunkel, als der Zug über die Rheinbrücke raste. Schiffe fuhren mit eingeschalteten Positionslichtern. Über einem Wohnblock hing die bunte Neonwerbung einer Autofirma.

Endlich hielt der Zug. Jupp Broichler griff zum Trenchcoat, zog ihn über.

Er nahm seine Reisetasche und folgte den Mitreisenden. Aus den Lautsprechern dröhnte blechern die Ansage der Anschlusszüge. Die Gesichter der Bahnsteigbesucher, vom Licht der Neonröhren beleuchtet, wirkten müde.

Broichler stieg die Treppe hinab. Er hatte im Dammhotel ein Zimmer bestellt. Langsam ging er über die Krefelderstraße und erreichte den Büchel.

Es war ein milder Frühlingsabend. Die Stadt war voller Leben. Restaurants, Cafés und Eisdielen hatten keine freien Plätze mehr.

Broichler kam sich in der Stadt fremd vor, die doch eigentlich seine Heimat war.

Er erreichte die Drususallee. In einer überfüllten Kneipe luden Jugendliche mit hochgeschobenen Baseballmützen überlaut ihren Alltagsfrust ab. Broichler ging weiter und erreichte schließlich das Hotel.

Er trat ein und schaute sich um. Gemütliche Sitzecken, Blumenkübel und dezente Leuchten sorgten für wohnliche Atmosphäre. Den Rezeptionsdienst versah eine junge Frau. Sie blickte ihn freundlich an.

»Broichler. Ich habe vorgebucht«, sagte der Lehrer.

Das blonde Fräulein studierte ihre Computerliste.

»Zimmer 405«, sagte sie, lächelte, nahm einen Schlüssel vom Haken und reichte ihn Broichler. »Drüben befindet sich der Aufzug. Falls Sie noch etwas zu sich nehmen wollen: Unser Restaurant schließt erst um Mitternacht. Wenn Sie möchten, lasse ich Ihr Gepäck hochbringen.«

»Danke, das ist nicht nötig.« Broichler schritt zum Aufzug. Er fuhr auf die vierte Etage und suchte sein Zimmer auf.

Der Raum war ansprechend eingerichtet. Er schaute sich kurz um, dann packte er die wenigen Sachen aus seiner Reisetasche aus. Anschließend nahm er sein Pfeifenetui, fuhr wieder nach unten und ging zur Rezeption.

»Sie haben sich ja schnell eingelebt«, sagte das hübsche Fräulein freundlich.

Broichler nickte. »Ich habe mich beeilt, weil ich es kaum erwarten konnte, mich bei einem bekömmlichen Alt zu erfrischen.«

»Kommen Sie deshalb von Juist zu uns?«, fragte sie. »Dann empfehle ich Ihnen unsere Kellerbar.«

»Nicht nur deshalb.« Broichler schüttelte den Kopf. »Ein Schüler von mir ist tödlich verunglückt, und ich nehme an seiner Beisetzung teil. Er wird morgen früh in Uedesheim beerdigt. Veranlassen Sie bitte, dass ich um Viertel nach acht geweckt werde. Und bestellen Sie ein Taxi für neun Uhr.« Er bedankte sich, dann suchte er die Bar auf.

Am nächsten Morgen war Broichler pünktlich beim Friedhof. Auf dem Weg dorthin hatte er noch einen Blumenstrauß gekauft – Teerosen und Iris.

Er sah, wie einige Trauergäste, die etwa in seinem Alter sein mochten, gerade die Friedhofskapelle betraten. Von drinnen ertönte Orgelmusik.

Broichler schaut sich um. Er war der letzte Besucher.

Er zog die schwere Holztür auf und ging an dem Bestatter vorbei, der ihm schweigend und mit berufsmäßiger Trauermiene einen Kugelschreiber reichte und auf das aufgeschlagene Kondolenzbuch wies.

»Danke«, flüsterte der Lehrer und trug sich ein.

Der Bestatter nahm den Kugelschreiber wieder entgegen, reichte ihm ein Kärtchen, das Broichler zum Leichenschmaus in die Rheinterrasse Neuss-Uedesheim einlud, und fügte einen Gedenkzettel hinzu: eine Fotografie des Schülers. Darunter standen Pitts Geburtstag und sein Sterbetag.

Broichler betrat die Kapelle. Alle Bänke waren besetzt. Er blieb im hinteren Teil des Raumes stehen und blickte auf den kleinen Altar, auf dem Kerzen brannten. Seitlich stand der Sarg, eingebettet in ein Meer von Blumen und Kränzen. Offenbar sind nicht alle der Aufforderung gefolgt, das Konto der Gesellschaft zur Rettung Schiffbrüchiger zu füllen, dachte Broichler und schaute sich vergeblich nach jungen Leuten um, die Pitts Freunde hätten sein können.

In der ersten Bank saßen die engsten Familienangehörigen, weiter hinten Bekannte und Anverwandte.

In die Stille drang vereinzelt das Schluchzen der Trauergäste und das trockene Hüsteln ergriffener Besucher.

Der Pfarrer erschien. Er trug einen weißen Talar über dem schwarzen Rock. Zwei Messdiener folgten ihm. Er kniete sich vor den Altar, sprach ein Gebet.

Die Gäste schwiegen. Sie hatten die Köpfe gesenkt und gedachten des Toten.

Der Pfarrer erhob sich und wandte sich an die Trauergemeinde. Dann begann er zu predigen, und die Anwesenden hörten ergriffen zu. Offenbar hatte der Geistliche den jungen Mann gut gekannt.

»Pitt ist gestorben, weil sein sonst so zuverlässiges Schiff Feuer gefangen hat. Gott war bei ihm an Bord, als seine Seele den erschöpften Körper verließ. Pitt war fest im Glauben. So schrecklich und sinnlos der Tod dieses hoffnungsvollen jungen Menschen uns auch erscheinen mag, so war es doch Gott, unser Vater, der Pitt zu sich geholt hat. Er begleitet uns auf den Wegen unseres kurzen Erdendaseins bei der Bewältigung unserer Pflichten. Das Leben kommt von ihm, und nur er bestimmt den Zeitpunkt unseres Abschiedes. Pitts Tod hinterlässt einen tiefen Schmerz. Trost findet nur der, der an Gott glaubt. Der Sinn des Lebens bleibt uns verborgen. Das Geheimnis wird sich erst lüften, wenn wir selbst unseren von Gott geschenkten irdischen Körper verlassen. Allen, die da nicht glauben und anderer Meinung sind und sich nicht besinnen können auf die Nächstenliebe, sondern in der Maximierung irdischer Freuden und im Besitz von Geld und Macht ihren Erfolg sehen, sei gesagt, dass wir alle uns in der Finsternis befinden. Liebe Frau Kronenburg, lieber Herr Kronenburg. Sie haben sich um den Verstorbenen verdient gemacht. Sie haben für Ihren Neffen die Mutter- und Vaterrolle übernommen und Pitt wie ein eigenes Kind geliebt. Sie haben zu seinem Wohle sein Vermögen und seinen Besitz verwaltet. Pitts Tod fügt Ihnen Schmerz und Leid zu. Pitt hat Sie geliebt, das war sein Dank. Beten wir für ihn. Sprechen Sie mit mir und der Trauergemeinde das Vaterunser.«

Broichler wartete noch ein paar Minuten, dann verließ er die Kapelle und wartete draußen in der Sonne auf das Ende der Trauerandacht.

Wenig später ertönte noch einmal die Orgel, dann wurde der Sarg herausgebracht, von Blumen und Kränzen umgeben. Anschließend erschienen der Pfarrer und seine Messdiener. Die Trauergäste folgten ihnen.

Broichler wartete, bis der Trauerzug vorbeigezogen war. Dann ging auch er hinterher und blieb ein Stück vom Grab entfernt stehen.

Er sah, wie die Friedhofsangestellten lange Leinengurte unter den Sarg legten und ihn langsam hinabließen.

Der Pfarrer sprach ein Gebet.

Er schwenkte das Weihrauchfässchen, segnete das Grab mit geweihtem Wasser. Danach griff er nach einer Schaufel, die ihm ein Friedhofsarbeiter anreichte. Er lud sie voll Erde, die er auf den Sarg warf.

»Erde zu Erde, Staub zu Staub. Lieber Pitt, so ruht dein Körper hier im Grab, das uns an dich erinnern wird. Deine Seele ist dort, wo die Ewigkeit ist, bei Gott, deinem Vater.«

Tante Cecilia schritt gefasst an das Grab. Sie blickte weinend auf den Sarg. Ihrer Hand entglitt der Strauß mit den weißen Orchideen. Sie wischte sich über die Augen und bekreuzigte sich.

Ihr Mann trat an ihre Seite. Er griff nach ihrem Arm, als wolle er ihr beistehen. Auch er weinte. Starrte für Sekunden in das Grab und ließ dunkelrote Rosen auf den Sarg fallen. Tiefer Schmerz zeichnete sein Gesicht.

Die Sonne warf helles Frühlingslicht auf die Trauergemeinde, die ergriffen zuschaute, als das Ehepaar einem jungen Mann Platz machte, der sein Haar zu einem Pferdeschwanz gebunden trug. Er verharrte für Sekunden, blickte mit ernstem Gesicht in die Gruft, ließ einen Strauß frischer Tulpen auf den Sarg fallen, bewegte seine Lippen, als spräche er einen Abschiedsgruß.

Der Pfarrer drückte den Kronenburgs nacheinander die Hand und verließ, gefolgt von den Messdienern, das Grab, während die Umstehenden sich ebenfalls von Pitt verabschiedeten.

Bleich, leidend und dennoch gefasst standen die Kronenburgs hinter dem aufgeworfenen Erdhaufen. Mit verweinten Gesichtern nahmen sie die Beileidsbekundungen einiger prominenter Gäste entgegen.

Broichler wartete. Er trat als Letzter an das Grab und warf den Strauß auf den schon mit Blumen und Erde bedeckten Sarg.

Schließlich wandte sich die Trauergemeinde vom Grab ab und schritt dem Friedhofstor entgegen.

Auch Broichler ging in Gedanken vertieft an unzähligen Gräbern vorbei dem Ausgang entgegen. Er hatte sich von Pitt verabschiedet, doch er würde seinen Lieblingsschüler nicht so schnell vergessen.

Der Lehrer überlegte kurz, dann nahm er das Kärtchen in die Hand, das der Bestatter ihm ausgehändigt hatte. Er entschloss sich, am Leichenschmaus teilzunehmen.

Auf dem Parkplatz angekommen, blieb Broichler stehen und sah sich um.

Zu Fuß waren es etwa zwanzig Minuten. Er bemerkte einen Mercedes, der sich ihm auffällig langsam näherte. Der Wagen trug ein Neusser Kennzeichen.

Der Fahrer hielt neben ihm und öffnete das Fenster.

»Ich fahre zur Rheinterrasse. Sie können mit mir fahren«, bot er an, als habe er Broichlers Gedanken erraten.

Der Lehrer nickte verwirrt.

»Das ist sehr freundlich von Ihnen. Ich bin mit dem Zug angereist«, erklärte er, ging um den Wagen, öffnete die Beifahrertür und stieg ein.

»Gestatten Sie, mein Name ist Orbner, ich bin der Steuerberater der Firma Hänneschen«, stellte sich der Fahrer vor und startete den Wagen.

Broichler bemerkte seinen flüchtigen, neugierigen Seitenblick.

»Ich bin, genauer gesagt, ich war Pitts Mathelehrer. Mein Name ist Broichler«, erklärte er.

»Sie sind von Juist angereist, um die Internatsschule zu vertreten?«, fragte Orbner. Eben bog er in die Rheinfährstraße ein, an die sich Broichler erinnern konnte. Sie führte an der Kirche vorbei zur Rheinfähre, die Uedesheim früher mit dem Düsseldorfer Stadtteil Himmelgeist verbunden hatte.

Broichler nickte. »Vielleicht wollte ich auch einfach mal wieder die Heimat besuchen. Ich bin im benachbarten Stürzelberg aufgewachsen. Nach dem Studium habe ich einige Jahre in Neuss am Quirinus-Gymnasium unterrichtet. Doch das liegt alles schon lange zurück.«

Die Rheinfährstraße endete vor dem Deich. Orbner lenkte den Wagen auf den Parkplatz der Rheinterrasse, auf dem bereits mehrere Autos standen.

»Ich mochte Pitt sehr«, bemerkte der Steuerberater, als sie ausstiegen. Dann betraten sie gemeinsam das Restaurant.

Vor der breiten Holztreppe stand ein Kellner und wies nach oben.

»Im Saal ist gedeckt«, sagte er nur.

Sie stiegen die Treppe empor und betraten den Saal.

Die Gäste standen vor den gedeckten Tischen und unterhielten sich. Die Stimmung war gelöst.

Broichler blickte über die Blumenbänke hinweg durch die großen Panoramascheiben auf den Rhein. In ihm regten sich Erinnerungen.

»Irgendwie müssen wir uns einen Weg durch die Menge bahnen«, sagte der Steuerberater.

Am Ende des Saales stand Tante Cecilia, umringt von einigen Herren in schwarzen Anzügen.

Orbner bugsierte Broichler am Arm an einigen Besuchern vorbei, die ihnen höflich Platz machten, in die Nähe von Cecilia Kronenburg.

»Das ist der Sohn«, flüsterte der Steuerberater ihm zu.

Pitts Vetter trug eine schwarze eng sitzende Lederhose, eine schwarze Steppweste und darunter ein weißes Hemd. Er hatte ein spitzes, aber gut geschnittenes Gesicht. Sein langes Haar war zu einem Lagerfeldzopf gebunden. Angeregt unterhielt er sich mit einem älteren, bärtigen Mann.

»Professor Hühnfeld, Kunstakademie«, flüsterte Orbner dem Lehrer zu. »Die Mutter spricht eben mit unserem Finanzminister.«

Der Junior entdeckte den Steuerberater, blickte ihn verärgert an und verabschiedete sich von seinem bärtigen Gesprächspartner, um einen anderen Herrn zu begrüßen.

Sie sprachen über Boote, wie Broichler vernahm.

Frau Kronenburg, die ihr Gespräch ebenfalls beendet hatte, wandte sich an den Steuerberater.

»Ich danke dir, dass du uns in der schweren Stunde beistehst«, sagte sie gequält und schaute dabei Broichler an.

Der Lehrer stellte fest, dass die Trauer um Pitt sie nicht davon abgehalten hatte, sich zu schminken.

»Cecilia, darf ich dir Herrn Broichler vorstellen? Herr Broichler kommt von Juist und war Pitts Lehrer«, sagte er.

Cecilia Kronenburg hob die Augenbrauen.

»Es sind so viele gekommen. Entschuldigen Sie, dass ich Sie nicht persönlich begrüßt habe«, sagte sie und reichte Broichler die Hand.

»Wir sind uns schon einmal begegnet. Sie waren vor Jahren zum Elternsprechtag auf Juist«, erklärte der Lehrer.

»Ja, das ist lange her«, murmelte sie abwesend.

»Herr Broichler ist sozusagen ein Landsmann. Er kommt aus Stürzelberg«, sagte Orbner.

Frau Kronenburg reagierte nicht auf diese Mitteilung. »Pitt hat uns nie schulische Probleme aufgelastet«, sagte sie stattdessen.

Ihr Gesicht verriet, dass ihr nicht viel daran lag, sich mit dem Lehrer auf ein langes Gespräch einzulassen. Sie hatte andere Sorgen.

»Er hatte keine Schulprobleme«, bestätigte Broichler.

»Ich habe Pitt wie meinen Sohn großgezogen und geliebt. Dann diese Katastrophe«, sagte sie und schluchzte.

»Auch ich habe ihn sehr gemocht«, sagte Broichler. »Er war einer der wenigen Schüler, zu denen ich auch privat Kontakt hatte. Wir haben uns oft lange unterhalten.«

Tante Cecilia blickte den Lehrer misstrauisch an.

»Dann ist Ihnen nicht entgangen, dass Pitt verrückt genug war, hinter dem türkischen Mädchen herzurennen, das ebenfalls zu Ihren Schülern gehört. Er hatte hier in Neuss genügend Chancen, ein Mädchen aus unseren Kreisen kennenzulernen«, sagte sie.

Sie schaute zu ihrem Sohn, der sich immer noch mit dem Gast über Boote unterhielt, ohne von ihnen Notiz zu nehmen.

Broichler war verwirrt und schwieg.

»Diese Türkin hat Pitt betrogen. Er war ehrlich zu ihr, aber sie nicht zu ihm. Pitt war naiv genug, ihr zu glauben, aber sie wusste vermutlich, dass sie sich nicht von ihren orientalischen Traditionen lösen kann. Ich glaube, er hat sich aus Liebeskummer umgebracht.«

»Sie tun dem Mädchen unrecht. Und Pitt hat keinen Selbstmord begangen. Auch die Kripo ist nicht dieser Meinung.«

Frau Kronenburg lächelte hochnäsig.

»Die Argumente der Kripo haben mich nicht überzeugt«, sagte sie. »Wir wissen, dass diese Türkin ihn verlassen hat, um einen Landsmann zu heiraten.«

»Pitt hat Schagüll geliebt. Das Mädchen hat unser Gymnasium Weihnachten verlassen und gilt seither als vermisst. Von einer Hochzeit wissen wir genauso wenig wie die eingeschalteten Behörden«, sagte Broichler.

»Ach«, sie lächelte. »Und die Ansichtskarte aus Istanbul, die der Kommissar erwähnte?«

»Hat mit der ganzen Sache nichts zu tun, Frau Kronenburg. Ich bin der festen Überzeugung, dass Pitt kein Selbstmörder ist. Er hatte es nicht nötig, seine Jacht in Brand zu setzen, um einen Unglücksfall vorzutäuschen. Einen Selbstmord hätte er mit einer Pistole einfacher bewerkstelligen können, und einen Versicherungsbetrug wollte er gewiss auch nicht unternehmen. Falls ich irgendetwas Genaueres erfahren sollte, werde ich Sie natürlich informieren. – Übrigens können Sie sich mit der Räumung des Apartments Ihres Neffen noch ein wenig Zeit lassen«, wechselte er das Thema.

Cecilia Kronenburg nickte.

»Verzeihung«, sagte sie und wandte sich an ihren Sohn: »Arnold, Vater soll die Gäste an die Tische bitten und ein paar Worte sprechen.«

Der Sohn entschuldigte sich bei seinem Gesprächspartner.

Orbner hatte sich in den letzten Minuten mit einem Mann unterhalten, den Broichler vor der Kapelle gesehen hatte. Jetzt trat er wieder neben den Lehrer.

»Kommen Sie, setzen wir uns an den Tisch.«

Gottfried Kronenburg hatten die Beerdigung und die vielen Gespräche mit den angesehenen Trauergästen Kraft gekostet.

Er wirkte blass und müde, seine Augen waren gerötet.

Mühsam richtete er ein paar Dankesworte an die Trauergäste. Er hob hervor, dass die Anteilnahme der Anwesenden ihnen Kraft gegeben habe, die schwersten Stunden ihres Lebens zu überstehen.

»Wir werden noch lange trauern und unseren geliebten Neffen Pitt nicht vergessen können. Ich bitte Sie, Platz zu nehmen«, sagte er.

Kellnerinnen und Kellner trugen Tabletts mit belegten Brötchen in den Saal und stellten sie auf die Tische. Danach schenkten sie den Kaffee aus Thermoskannen aus.

Der Leichenschmaus hatte begonnen.

Die Gäste unterhielten sich. Das Bedienungspersonal hielt sich dezent zurück, füllte leere Platten auf und hielt volle Kaffeekannen bereit.

Selbst Frau Kronenburg, ihr Gemahl und auch ihr Sohn verzehrten die knusprigen Brötchenhälften mit Appetit, wie Broichler feststellte.

Orbner ließ es sich ebenfalls schmecken und beobachtete dabei die anwesenden prominenten Gäste.

»Herr Broichler, wann fahren Sie nach Juist zurück?«, fragte er schließlich.

»Erst morgen – wegen der Tide. Heute übernachte ich noch einmal im Dammhotel«, sagte Broichler und trank einen Schluck Kaffee.

»Wie wäre es heute Abend im Münster bei einem Glas Altbier?«, schlug Orbner vor.

»Ach, die Kneipe existiert noch?«, fragte Broichler erstaunt. »Ja, ich komme gern.«

»Sie haben nichts dagegen, wenn meine Frau auch mitkommt?«, vergewisserte sich der Steuerberater.

»Im Gegenteil. Ich freue mich, sie kennenzulernen«, erklärte Broichler.

Wenig später verwickelte der Nachbar des Steuerberaters, ein schwerleibiger Mann mit rotem Trinkergesicht, Orbner in ein Gespräch. Es ging um Grundstückspreise in Neuss-Reuschenberg.

Broichler studierte die Gäste. Er war, wie er annahm, der einzige Geisteswissenschaftler im Kreise von Menschen, denen es allen nur um den Kommerz ging. Abgesehen vielleicht von Professor Hühnfeld, dem Dekan der Kunsthochschule Düsseldorf.

Broichler betrat das historische Altstadt-Restaurant Zum Münster. Im vorderen Teil des Fachwerkhauses befand sich der breite Tresen, den zahlreiche Altbiertrinker umstanden, die sich laut unterhielten. Die Wände des Raumes waren holzverkleidet, und die Deckenbalken entstammten der Zeit, als die Ratsherren der ehemaligen Hansestadt noch in dem Haus getagt hatten.

An den massiven Holztischen saßen elegant gekleidete Gäste. Kerzen brannten in den Haltern.

Der Steuerberater saß mit seiner Frau an einem Wandtisch in der Ecke des Restaurants.

Dr. Broichler näherte sich dem Tisch. Frau Orbner mochte wie ihr Mann so um die fünfzig sein. Sie hatte ein hübsches volles Gesicht und trug ihr Haar halblang.

Orbner erhob sich. »Meine Frau«, sagte er. Dann stellte er Broichler vor und bat ihn, am Tisch Platz zu nehmen.

»Ein Alt?«, fragte er.

Broichler nickte, und Orbner gab dem Kellner ein Zeichen.

»Mein Mann hat mir von Ihnen erzählt. Sie sind sozusagen Ostfriese geworden?«, fragte Orbners Frau den neuen Gast lächelnd.

»Meine Frau war Juisterin, so kam ich auf die Insel«, antwortete Broichler. »Doch das ist schon eine Weile her. Sie ist vor zwei Jahren an Krebs gestorben, und so blieb ich auf der Insel. Wir haben einen Sohn, der lebt in Stuttgart.«

Der Ober brachte das Alt, und Orbner hielt ihm den Deckel hin.

»Wir haben zwei Söhne«, erzählte seine Frau. »Sie besuchen das Gymnasium. Was man da mitmacht! Sogar ich leide, wenn sie Klassenarbeiten schreiben. Und die vielen sinnlosen Ablenkungen: Videos, die Scheinwelten vorgaukeln, Brutalität als Normalität hinstellen, und CDs mit schreiender Musik«, sagte sie.

Dr. Orbner hob sein Bierglas.

»Meine Frau gehört zu den Menschen, die sich ständig ängstigen. Stoßen wir trotzdem an auf die Zukunft unserer Kinder«, sagte er.

Broichler nahm einen kräftigen Schluck.

»Herr Dr. Broichler, ich habe Sie nicht eingeladen, um von einem erfahrenen Pädagogen, der sich seit Jahren um die Bildung einer elitären Schülerschaft bemüht, zu erfahren, woran das deutsche Bildungssystem kränkelt. Wir haben vor einigen Stunden Pitt Hänneschen die letzte Ehre erwiesen. Der Tod des Jungen hat uns alle geschockt«, sagte Orbner.

Broichler griff nach dem Bierglas und leerte es in einem Zug.

»Der Pfarrer hat die richtigen Worte gefunden. Pitts irdische Uhr war wohl abgelaufen«, sagte er bitter.

»Ich habe einige Fragen an Sie«, sagte Orbner.

Er hob die Hand, winkte den Ober an den Tisch und bestellte noch drei Alt.

»Bitte, stellen Sie Ihre Fragen«, sagte Broichler und blickte auf die brennende Kerze.

Frau Orbner schaute ihren Mann an.

»Pitt ist tot! Was soll das noch?«, fragte sie erstaunt.

Ihr Mann antwortete nicht.

»Herr Dr. Broichler, sind Sie, wie Frau Kronenburg, der Meinung, dass Pitt sich das Leben genommen hat?«, fragte er stattdessen.

»Nein, das habe ich ihr auch gesagt«, antwortete Broichler.

»Dann gehen Sie davon aus, dass Pitt nach dem Brand von Bord gestürzt ist?«, fragte der Steuerberater. »Wie ich von der Staatsanwaltschaft erfahren habe, soll er Probleme mit einem simplen Campingkocher gehabt haben. Das erwähnte Gutachten des Brandmeisters in Ehren, aber Pitt war nicht darauf angewiesen, billiges Campinggerät an Bord zu haben.«

Frau Orbner griff nach der Zigarettenschachtel. »Bitte«, bot sie Broichler eine Zigarette an.

»Danke, ich rauche nur Pfeife«, sagte dieser und öffnete sein Etui, entnahm ihm eine Pfeife und den Tabak, stopfte die Pfeife und zündete sie an.

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