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Inselmord & Krabbencocktail

Inhalt

  1. Cover
  2. Über dieses Buch
  3. Über die Autorin
  4. Titel
  5. Impressum
  6. Widmung
  7. Spatz im Liebesnest
  8. Plötzlich und unerwartet
  9. Plötzlich Friesin?
  10. Ein Angebot, das er nicht ausschlagen kann
  11. Bridge Over Troubled Water
  12. Der Spatz von Rostow
  13. Eine andere Welt
  14. Der erste Arbeitstag
  15. Und der Haifisch, der hat Zähne
  16. Siggi startet durch
  17. Schock am Vormittag
  18. Viele Fragen, keine Antworten
  19. Wie gewonnen, so zerronnen
  20. Senschuäll Zittrus und Aquamän
  21. Ein Leben im Karton
  22. Für dich soll’s rote Rosen regnen
  23. Strandkorblektüre
  24. Das Luxusweibchen in seinem natürlichen Lebensraum
  25. Déjà-vu?
  26. Eine heiße Spur?
  27. Ein ganz besonderer Kniff
  28. Ich bin Candy
  29. Das Blatt wendet sich
  30. Schockierende Wahrheiten
  31. Die Zeichen stehen auf Sturm
  32. Schwerelos mit dir
  33. Dadideldum, der Kommissar geht um
  34. Ende gut, alles gut
  35. Danksagungen
  36. Taxi, Tod & Teufel - Fährfahrt in den Tod

Über dieses Buch

Kosmetikerin Sigrid »Siggi« Pizolka aus Dortmund steht vor der Pleite. Doch dann erbt sie vollkommen unerwartet ein Haus auf Sylt. Kurzentschlossen zieht sie mitsamt Lebensabschnittspartner Torsten und Yorkshire-Hündin Candy auf die Insel. Hier möchte Siggi mit dem Verkauf von Dessous, Kosmetika und erotischem Spielzeug bei der berühmten und gut betuchten Kundschaft landen. Bis das Geschäft floriert, schlägt sie sich als Reinigungskraft durch. Ihr Leben gerät zum Abenteuer, als sie dabei das erfolgreiche Schlagersternchen Lenka tot in der Badewanne auffindet. Polizei und Presse gehen von einem Selbstmord aus. Siggi allerdings hat so ihre Zweifel und nimmt die Sache selbst in die Hand. Mit ihren Ermittlungen mischt die pfiffige Ruhrpott-Blondine die Reichen und Schönen auf der Insel gehörig auf ... bis sie schließlich selbst in Gefahr gerät!

Über die Autorin

In Westfalen zu einer Zeit geboren, als Twix noch Raider hieß, in Fernseh-Talkshows noch geraucht wurde und Frauen noch die Erlaubnis ihres Ehemannes brauchten, um zu arbeiten, entdeckte Dorothea Stiller schon früh ihre Liebe zu guten Büchern und begann auch bald, eigene Geschichten zu schreiben. Auf in Schulhefte gekritzelte Machwerke folgten Kurzgeschichten und Fan-Fiction und schließlich ihr erster Roman. Auf ein Genre festlegen möchte die Autorin sich nicht. Sie schreibt zeitgenössische Liebesromane, Historische Romane, Krimis und – als Katharina Stiller – Jugendbücher für Mädchen.

DOROTHEA STILLER

Siggi ermittelt auf Sylt

Für meine Musentriade: Evelyn, Kari und Angelika

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Spatz im Liebesnest

Magdalena streckte den Arm aus und stellte bedauernd fest, dass sich das Laken kühl anfühlte. Die andere Seite des Bettes war leer. Sie gähnte und blinzelte in das Sonnenlicht, das die weißen Vorhänge kaum abzuhalten vermochten. Durch einen Spalt fiel ein schmaler Lichtstreifen direkt auf ihr Kopfkissen. Ein Blick auf das Handy verriet ihr, dass es bereits neun Uhr war. Sollte sie wütend sein, dass er gegangen war, ohne sie zu wecken, oder wollte sie es als Rücksichtnahme deuten, dass er sie hatte schlafen lassen? Sie rollte sich auf die andere Bettseite und vergrub die Nase im Kissen, dem noch ein Hauch seines Aftershaves anhaftete. Widerwillig kletterte sie aus dem Bett, um sich anzuziehen. Die Vorhänge ließ sie zugezogen. Sicher ist sicher, dachte sie und ging in die Küche, wo sie eine Kaffeekapsel in die Maschine steckte und einen Becher aus dem Schrank nahm. Die Kaffeemaschine, dieser einzige schwarze Fleck in einer Welt aus Weiß und zarten Blautönen, wirkte beinahe wie ein Fremdkörper. Im milchigen Licht, das durch die Vorhänge drang, hatte der Raum etwas Überweltliches, Jenseitiges, wie eine Traumszene.

Magdalena brühte den Kaffee auf und rührte Zucker hinein. Sie verspürte große Lust, ihn in der Sonne auf der Terrasse zu trinken. Nach kurzem Zögern holte sie das bunte Schaltuch aus dem Garderobenschrank, schlang es sich zu einem kunstvollen Turban um den Kopf und setzte die übergroße dunkle Sonnenbrille auf, die sie wie eine Libelle wirken ließ. Nach einem prüfenden Blick in den Flurspiegel, bei dem sie hastig noch einige blonde Haarsträhnen unter das Tuch steckte, zog sie die Vorhänge auf und nahm den Kaffee mit hinaus.

Der kleine Garten mit seinem sattgrünen, ordentlich gestutzten Rasenrechteck war durch einen Friesenwall vor Blicken geschützt, der mit den auf der Insel allgegenwärtigen Apfelrosen bepflanzt war. Wie ein buntes Webband zog sich ihr zarter Duft durch die würzige, von Salz, Tang und Jod getränkte Luft. In einem Reiseführer hatte Magdalena einmal gelesen, dass auch die Apfelrosen hier eigentlich nicht heimisch waren. Sie hatten ihren Weg als Zierpflanze auf die Insel gefunden und sich so ausgebreitet, dass sie zum Wahrzeichen geworden waren. Selbst fremd hier, wollte sie daran glauben, dass auch sie hier ein Zuhause finden würde. Das Unruhegefühl in Magdalenas Magen legte sich ein wenig. Kräftig strahlte die Maisonne vom blauen Himmel.

Im Strandkorb sah sie eine Weile den Wolken zu, kleine Zuckerwattetupfer, die zusammenfanden, um kurze Zeit später vom leichten Seewind verweht zu werden. Tatsächlich fühlte sie sich angekommen. Noch zu keinem anderen Ort hatte sie so eine tiefe und innige Verbindung gefühlt. Sylt war ihr ans Herz gewachsen, auch – aber nicht ausschließlich – seinetwegen. Womöglich, weil sie hier eine unter vielen war, die im Blickfeld der Öffentlichkeit standen. Bald, wenn auch die Heimlichkeiten ein Ende fanden, würde sie ihr Glück erst richtig genießen können.

Als sie den Kaffee getrunken hatte, spülte sie ab, machte das Bett und schloss die Tür zu ihrem geheimen Liebesnest von innen ab. Danach verließ sie die Ferienwohnung durch die Terrassentür, die sie ebenfalls sorgsam von außen zusperrte.

Den bunten Schal hatte Magdalena mittlerweile um den Hals geschlungen, sodass er die untere Hälfte ihres Gesichtes verdeckte. Das blonde Haar verbarg sie unter einer gehäkelten Beanie-Mütze. Obwohl bei den milden Temperaturen eine Strickjacke gereicht hätte, trug sie einen wadenlangen Trenchcoat, der sie etwas fülliger erscheinen ließ, als sie war. Sie überquerte den Rasen, hielt auf die schmale Lücke in der Einfriedung zu und öffnete das weiße Holztörchen.

Sie folgte dem Fußweg hinter dem Haus. Nachdem sie sich vergewissert hatte, dass niemand ihr folgte, bog sie auf die Straße ein, die zwischen roten Backsteinhäusern mit tief gezogenen, teils reetgedeckten Dächern und hübschen Vorgärten Richtung Meer führte. Dort nahm sie den schmalen Sandweg zum Strand hinunter. Das Wasser hatte sich schon weit zurückgezogen, ein glitzerndes Band, das sich zwischen der weitläufigen Wattfläche und dem Horizont erstreckte. Den Yachthafen mit seinen bunten Segelbooten ließ sie hinter sich und folgte der Küstenlinie nach Süden, vorbei an kleinen Sandbuchten und niedrigen, von Strandhafer und Heckenrosen bewachsenen Dünen. Sandiger Kiesweg wechselte sich mit Holztreppen und Stegen ab. Immer wieder wandte sie sich um. Sie stutzte. Der Mann mit der wattierten blauen Weste und der Schiebermütze war ihr vorhin schon aufgefallen. Als sie stehen blieb und zu ihm hinübersah, bückte er sich und schien auf dem Boden etwas zu suchen. An einem Riemen über seiner Schulter baumelte eine schwarze Tasche. Eine Kameraausrüstung? Magdalena beschleunigte ihre Schritte, bis sie die Jückersmarschbrücke erreichte. Wieder drehte sie sich um und entdeckte den Mann mit der Schiebermütze, der ihr noch immer in einigem Abstand zu folgen schien.

Mist!, dachte sie und wollte schneller laufen. Dabei stieß sie an eine Unebenheit in den Holzbohlen, was sie für einen Augenblick ins Straucheln brachte. Rasch überquerte sie die Brücke und wandte sich erneut um. Der Mann war aus ihrem Blickfeld verschwunden. Magdalena atmete auf. Wahrscheinlich nur ein harmloser Tourist, der Wasservögel fotografierte.

Sie setzte ihren Weg fort, sah sich dabei jedoch immer wieder um und hatte bald den schmalen Sandweg erreicht, der zwischen den Dünen hindurch zum hinteren Eingang ihres Grundstücks führte. Wieder warf sie einen Blick über die Schulter. Eine Frau in einem roten Mantel fiel ihr auf, die vom Strand aus in ihre Richtung blickte. Sie trug einen Hut, den sie tief in die Stirn gezogen hatte. Der hochgeschlagene Kragen und ein maritimes Halstuch verdeckten die untere Hälfte des Gesichts. Der Rest verbarg sich hinter einer Sonnenbrille. Irgendetwas an der Fremden kam ihr seltsam bekannt vor. Magdalena beschattete die Augen mit der Hand, um besser sehen zu können, doch in dem Augenblick wandte die Frau sich ab und blickte hinaus auf das Wasser.

Ein ungutes Gefühl der Beklemmung und Vorahnung legte sich auf Magdalenas Schultern und ließ sie für einen Augenblick schwindeln. Sie musste aufhören, sich verrückt zu machen. Als könnte sie die düsteren Gedanken so abstreifen, hob und senkte sie die Schultern ein paar Mal und atmete tief durch. Ohne sich noch einmal nach der Fremden umzudrehen, lief Magdalena weiter und erreichte bald die hintere Gartenpforte. Wie eine vage Drohung schob sich in diesem Augenblick eine Wolke vor die Sonne und ließ kurz einen Schatten über sie huschen, der ebenso schnell wieder verschwand, wie er gekommen war. Eilig tippte Magdalena den Sicherheitscode ein und schlüpfte durch das Tor.

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Plötzlich und unerwartet

Siggi sah von der Buchhaltung auf, als der Schlüssel im Schloss der Wohnungstür klapperte. Auch Candy spitzte die puscheligen Fledermausohren, legte den Kopf schief und wuffte leise. Als sie erkannte, dass es kein Fremder war, der die Wohnung betrat, gähnte sie herzhaft und steckte die Nase wieder zwischen die winzigen Yorkshire-Terrier-Pfötchen, um das Nachmittagsnickerchen fortzusetzen. Offenbar war Torsten vom Einkauf zurück, denn Siggi hörte ihn in der Küche die Taschen abstellen, bevor er zu ihr ins Wohnzimmer kam.

»Hier, hab ich dir vonne Bude mitgebracht.«

Siggi sah auf und beobachtete ihn skeptisch. Sie ahnte, dass er Hintergedanken hatte. Und tatsächlich. Der spitzen weißen Papiertüte, die Torsten auf den Schreibtisch legte, folgte ein Stapel amtlich aussehender Briefe.

»Außerdem hab ich die Post vom Schränkchen vorne reingeholt. Die liegt da schon seit einer Woche.«

»Danke.« Siggi lächelte knapp und wandte sich wieder den Zahlenkolonnen auf ihrem Block zu, ohne die Post weiter zu beachten. Doch Torsten war offenbar entschlossen, nicht so schnell aufzugeben.

»Hömma, willste die denn nicht langsam mal aufmachen?« Die Frage klang betont vorsichtig, doch Siggi wusste, er würde nicht lockerlassen.

»Wozu? Sind eh nur noch mehr Rechnungen.« Beim Blick auf das Tütchen fühlte sich Siggi allerdings versöhnt, auch wenn sie genau wusste, dass es sich um einen Bestechungsversuch handelte. »Sind das Violas?«

Torsten nickte.

Ein warmes Gefühl der Dankbarkeit erfüllte sie mit einem Mal. Sie war froh, Torsten an ihrer Seite zu haben. »Törtchen, komm her und lass dich knutschen. Du bist der Allerbeste.«

»Weiß ich doch.« Er grinste verlegen und ließ sich von Siggi einen dicken Kuss aufdrücken. Während sie mit spitzen Fingern eines der Veilchendragees aus der Tüte klaubte, beäugte sie argwöhnisch den Poststapel. Sie runzelte die Stirn, zog einen Umschlag mit schwarzem Rand hervor und verschwand damit in der Küche, um ihn zu öffnen. Darin fand sie eine Trauerkarte und einen gefalteten Briefbogen.

»Gottchen! Die Hilde ist tot«, rief sie durch die Tür ins Wohnzimmer.

Torstens hünenhafte Gestalt erschien im Türrahmen. »Hilde? Wer ist denn das nun wieder? Kenn ich nicht.«

»Doch, sicher, kennst du die. Tante Hildegard. Von Sylt. Wir haben hin und wieder telefoniert, und ich hab ihr regelmäßig zum Geburtstag und zu Weihnachten Karten geschickt. Du hast unterschrieben.«

»Aha.« Torsten schüttelte den Kopf. Offenbar war der Groschen noch immer nicht gefallen. »Tante Hildegard? Hör ich zum ersten Mal.«

»Hilde ist … ach, ich weiß auch nicht so genau, wie wir eigentlich verwandt sind. Ich glaube, sie ist eine Cousine meiner Mutter oder so. Sie hat reich geheiratet und ist nach Sylt gezogen. Aber richtig heimisch ist sie da nicht geworden. War oft zu Besuch hier in Dortmund. Zu Nisis Taufe war sie auch da gewesen.« Siggi hielt inne und dachte nach. »Nee, kannste ja nicht wissen. War vor deiner Zeit. Aber sie war in den letzten Jahren nicht mehr gut zurecht. Hab mich immer ein bissken verpflichtet gefühlt und mich gekümmert. Sie hatte ja sonst keinen.«

»Aha«, machte Torsten wieder.

»Na ja, jedenfalls ist sie jetzt tot. Und nun sag bloß nicht wieder ‘aha'.«

»Fährst du zur Beerdigung?«, fragte Torsten nach einer Pause, die vermuten ließ, dass ihm das »Aha« tatsächlich auf der Zunge gelegen hatte.

»Nee, ich fürchte, das ist finanziell gerade wirklich nicht drin. Sylt … Mit dem, was ich noch auf dem Konto habe, komm ich mit Glück gerade mal bis Recklinghausen.«

»So schlimm?« Torsten hatte die Stirn in Falten gelegt.

»Das Studio wirft einfach nicht genug ab. Die Leute sparen alle.«

»Dabei seh ich genug schäbige Trullas rumlaufen, die es echt bitter nötig hätten, sich ein bisschen aufhübschen zu lassen.«

»Gibt noch viel mehr schäbige Kerle«, feuerte Siggi zurück. »Nötig hätten es einige, das ist nicht der Punkt. Aber die Patte sitzt eben nicht mehr so locker. Ist halt Mist. Ich sollte den Laden drangeben, bevor mir die Schulden über den Kopf wachsen.«

Torsten zog sie in eine Umarmung. »Weißt du, ich hab ein bisschen was gespart. Ich könnte dir was leihen.«

»Das ist lieb, Törtchen. Aber es hilft doch nichts. Davon, dass ich vorübergehend ein paar Löcher stopfe, kommen auch nicht mehr Kunden. Da könntest du dein Erspartes genauso gut im Klo runterspülen. Nee, ich muss den Tatsachen ins Auge sehen: Der Laden ist Geschichte.«

»Scheiße«, stellte Torsten lapidar fest und hatte damit trotzdem alles gesagt, was es zu dieser Situation Sinnvolles zu sagen gab.

»Das kannst du wohl laut sagen.« Siggi wischte sich mit dem kleinen Finger sorgsam eine Träne aus dem Auge. »Mann, jetzt heul ich auch noch! Ich seh gleich aus wie ein Waschbär.«

»Waschbären sind niedlich.« Torsten drückte ihr einen Kuss auf die Stirn.

Siggi schniefte und lächelte, dann löste sie sich aus der Umarmung und nahm Karte und Brief von der Arbeitsplatte. »Kerl, das tut mir jetzt leid mit Hilde. Aber vielleicht ist es besser so. Sie hat gesundheitlich in der letzten Zeit echt was mitgemacht. Ich such gleich mal ein Foto raus. Wenn ich schon nicht zur Beerdigung kann, stell ich wenigstens mal ein Bildchen auf. Und ich muss Ingeborg anrufen und ihr sagen, dass ich nicht kommen kann. Ich hoffe, sie versteht das.«

»Wer ist denn jetzt wieder Ingeborg?«

»Hildes Schwägerin, Hannos Schwester.« Sie bemerkte Torstens verwirrten Blick. »Hanno war Hildes Mann, ein Immobilienmakler. Seinetwegen ist sie nach Sylt gezogen. Jetzt guck nicht so, so kompliziert ist das alles nicht. Ingeborg hat nach Hannos Tod die Maklerfirma übernommen.«

»Aha«, machte Torsten abermals.

»Kerl, manchmal komm ich mir vor, als ob ich mit einem Pfund Mett rede.« Siggi lachte. »Ein Glück, dass wir nicht bei den Royals sind, wenn dir meine Verwandtschaftsverhältnisse schon zu kompliziert sind.«

Siggi entfaltete den weißen Briefbogen und überflog die handschriftlichen Zeilen darauf. »Ach du liebes bisschen!« Sie las den letzten Abschnitt noch ein zweites und drittes Mal.

»Was denn?« Torsten war hinter sie getreten und hatte ihr die Hand auf die Schulter gelegt. »Ist der von dieser Ingeborg? Was schreibt die denn?«

»Ingeborg schreibt, ich krieg demnächst Post vom Amtsgericht in Niebüll wegen der Testamentseröffnung. Anscheinend hat Hilde mich in ihrem Testament bedacht.«

»Also musst du doch hinfahren?«

»Nee, Ingeborg meint, ich muss nicht extra kommen. Man kriegt da so ein Protokoll zugeschickt.«

»Aha. Und was hat se dir vermacht, die Hilde? Schmuck? Geld? Ist jetzt vielleicht ein bisschen pietätlos, aber wär ja in deiner Situation gerade nicht das Schlechteste.«

»Nee, das ist es ja gerade, was ich nicht kapier! Die Hilde hat mir ihr Haus vermacht. Was soll ich denn mit einem Haus auf Sylt? Und überhaupt. Ich komm mir irgendwie blöd vor. Ich mein, ich weiß ja kaum, wie genau wir eigentlich verwandt sind, und dann vererbt sie mir ein Haus!«

»Das ist ja echt mal ein Ding!«, rief Torsten. »Dann wirste jetzt Friesin. Und das, wo du keinen Tee magst.«

»Ach, so ‘n Quatsch, Törtchen. Natürlich verkauf ich das Haus.«

»Na ja, musst du wohl, allein, um die Erbschaftssteuer zu bezahlen«, räumte Torsten ein.

»Ach du Schreck! Stimmt ja. Der ganze Firlefanz kommt dann auch noch auf mich zu. Von so was hab ich doch überhaupt keine Ahnung. Bin ja froh, dass ich das mit der Buchhaltung für den Laden so halbwegs kapiert hab. Ein Haus verkaufen mit all dem Papierkram und den Verträgen und dem amtlichen Kokolores, damit kenn ich mich doch überhaupt nicht aus.« Siggi nahm die Kanne aus der Kaffeemaschine und füllte Wasser ein. »Ich brauch jetzt erst mal ‘nen Kaffee. Willste auch einen?«

»Gern, aber mach den nicht wieder so stark, dass man schon vom Angucken ‘nen Herzkasper kriegt.«

Siggi verdrehte die Augen. »Besser als deine dünne Plörre. Kannst ja was mehr Milch reintun.« Ungerührt löffelte sie großzügig Kaffeepulver in den Filter. »Irgendwie ist es rührend, dass sie an mich gedacht hat, weißte? Und außer Ingeborg hatte sie auch niemanden. Aber ein Haus ist ja nun kein Pappenstiel.« Siggi schaltete die Maschine ein, die kurz darauf zu fauchen und zu blubbern begann. »Ich mein, das ist jetzt nicht so ‘n protziges Ding. Sie hat ja hin und wieder Fotos geschickt. So ‘n oller Backsteinkasten mit Reetdach. Lass das mal hundertfuffzig Quadratmeter sein. Allerdings ein Riesengrundstück. Keine Ahnung, was so was wert ist. Aber meine Schulden wär ich los. Und vielleicht könnte ich bei dieser Girlfriendz-Sache richtig einsteigen.«

»Girlfriendz?« Torsten lehnte sich an die Arbeitsplatte.

»Jetzt tu nicht wieder so. Davon hab ich dir doch erzählt. Diese Verkaufsveranstaltungen. Ich war da doch auf dem Vortrag neulich.«

»Ach, du meinst deine Dildo-Partys?«

»Das sind keine Dildo-Partys!«, protestierte Siggi. »Freundinnen-Partys, bei denen Frauen in lockerer Runde mit ihren besten Freundinnen bei einem Gläschen Sekt Verwöhnprodukte shoppen können. Kosmetik, Pflegeprodukte, Dessous und hochwertige Erotikspielzeuge.«

»Sag ich doch, Dildo-Party.« Torsten blickte skeptisch drein. »Und da willst du jetzt groß ins Geschäft einsteigen? Siggi, die Dildo-Queen von Dortmund?«

»Mann! Du bist aber auch so was von steinzeitlich. Dass du das alles so in die Schmuddelecke stellen musst.« Siggi nahm zwei Kaffeebecher aus dem Oberschrank und klappte etwas geräuschvoller als nötig die Schranktür zu. »Wenn du ‘Erotik' hörst, denkst du gleich an einen Haufen Spanner und Perverse, die in der Nordstadt im Trenchcoat in irgendwelche Sexkinos schleichen. Erotik ist doch nicht mehr nur was fürs Bahnhofsklo!«

»Aha«, machte Torsten einmal wieder.

»Das ist typisch Kerl. Sex hat doch nicht nur was mit ‘ner schnellen Nummer zu tun. Nackig machen, rein, raus, fertig ist die Laube! Da geht es um Sinnlichkeit, Torsten. Sinnlichkeit! Verführung. Das fängt doch schon vorher an, wenn man sich für den Partner schön macht. Wenn man sich was Nettes anzieht, sich Zeit füreinander nimmt, ganz entspannt. Vielleicht ein tolles Massageöl, ‘ne Duftkerze. Und dann kann man halt auch mal was ausprobieren. Das ganze Drumherum eben. Klar, dass du wieder nur an Dildos denkst.«

»Aber die haben auch welche.«

»Ja, die haben auch welche. Doch das ist nicht der Punkt.« Siggi schüttelte den Kopf und verdrehte die Augen. »Frauen haben auch Spaß an Erotik. Dreht sich eben nicht immer alles nur um euch. Und ich helfe ihnen dabei, ihre Sinnlichkeit zu entdecken.«

»Aha.« Torsten zog die Augenbrauen hoch, was für gewöhnlich bedeutete, dass ihm ein Kommentar auf der Zunge lag, den er sich allerdings zu verkneifen gedachte.

»Jedenfalls würd' ich es gern damit probieren. Man kann sich relativ schnell was aufbauen, und die Gewinne können sich sehen lassen. Hier, du kennst doch die Conny. Die vom Bäcker anne Ecke. Mit den dunklen Haaren, die immer so dick geschminkt ist.«

»Die mit dem breiten Fahrgestell?«

»Das ist doch nicht breit! Da kenne ich aber ganz andere«, protestierte Siggi.

»Eine Gazelle ist se ja wohl auch nicht.«

»Aber sieht doch nicht schlecht aus? Die ist halt ein bisschen … vollschlank. Barock. Üppig. Da haste wenigstens was zu packen.«

»Gut, meinetwegen. Besser als so ‘n Klappergestell«, räumte Torsten ein.

»Aber wir diskutieren hier auch nicht der Conny ihre Figur, sondern meine berufliche Zukunft. Conny ist jedenfalls ganz begeistert. Sie sagt, sie hat locker vierhundert Euro Provision bei drei Partys im Monat, und andere, die sie kennt, die da richtig dick eingestiegen sind, machen auch schon mal drei- bis sechstausend Euro im Monat, wenn sie so zwei-‍, dreimal die Woche eine Party veranstalten.«

»Und warum machste das nicht einfach jetzt schon?«, wollte Torsten wissen.

»Na ja, am Anfang musst du eben ein bissken was investieren. Du kaufst so ein Starterpaket, und dann kannst du im Prinzip loslegen.«

»Aha! Da pfeffert also der Hase im Liegen. Biste sicher, dass das nicht nachher so ‘n Nepp ist, wo du dich dumm und dusselig blechst und hinterher auf dem Krempel sitzen bleibst?« Torsten machte ein noch skeptischeres Gesicht als zuvor.

»Törtchen, du hältst mich aber auch für völlig bekloppt, oder? Ich hab mir das genau angeguckt. Man ist nicht verpflichtet, da regelmäßig was abzunehmen oder so. Das hat schon alles Hand und Fuß. Nur, Geld für so ein Starterpaket ist im Augenblick eben nicht drin.«

»Und dafür willst du dann das Haus verkaufen? Ich mein, was kostet denn so ein Starterpaket? Doch wohl nicht so viel, dass du dafür erst ‘ne Erbschaft machen musst. Das könnte ich dir doch leihen.«

»Torsten, du weißt, wie ich dazu stehe. Geld und Liebe, das verträgt sich nicht. Geld und Freundschaft im Übrigen auch nicht. Ich leih mir nicht gern Geld. Da kriegt man sich hinterher nur an die Köppe. Schulden machste bei der Bank, mit der musste nicht jeden Abend ins Bett steigen.«

»Och, hier mit der … wie heißt se, die Frau Dingens von der Sparkasse? Mit der würde ich ja schon mal …«

Torsten verstummte, als Siggi lachend die geballte Faust in der Luft schwang.

»Halt bloß die Klappe, sonst kriegen wir Spaß miteinander, du Eumel! Aber im Ernst: Ich mache ungern Schulden, und wenn, dann nicht bei Freunden und schon gar nicht bei dir. Das muss alles seine Ordnung haben. Und wenn man sich dann doch mal verkracht … Geld würde alles nur komplizierter machen.«

»Ja, ich weiß. Irgendwie hast du ja recht«, gab er zu. »Doch so ‘n Haus zu verkaufen … da hab ich auch irgendwie ein blödes Gefühl bei. Das macht man nicht. Die Hilde wird sich schließlich was dabei gedacht haben. Dass sie ausgerechnet dir das Haus hinterlassen hat, meine ich. Die wollte bestimmt, dass es in gute Hände kommt.«

»Das ist ein Haus, Torsten, keine Katze!«

»Ja, eben. Da lebt man drin, und daran hängt man dann auch. Und wenn man einmal unter der Erde liegt, will man, dass da wenigstens wer drin wohnt, den man zu Lebzeiten leiden mochte, oder nicht?«

»Du meinst, Hilde hat mir das Haus vermacht, weil sie wollte, dass ich da einziehe?« Siggi fragte sich allmählich, ob Törtchen jetzt vollkommen abdrehte. »Nee. Sie hat bestimmt gedacht: Ich hab keine Kinder. Die Siggi war immer nett zu mir, hat regelmäßig Karten und Briefe geschickt und auch mal ‘nen Fleurop-Gutschein reingelegt. Und die hat das Geld nötiger wie die Ingeborg. Und zack, hat sie mich ins Testament geschrieben.«

»Aber warum das Haus?«

»Ja, was weiß denn ich?! Bin ich Jesus? Hab ich Löcher inne Hände?«

»Ich sag ja nur. Sie hätte dir auch gleich was Geld vererben können. Warum dann das Haus?«

»Hömma, du stellst vielleicht Fragen. Ich weiß es doch auch nicht. Die Hilde war nicht mehr die Jüngste. Vielleicht hat sie sich gar nicht viel dabei gedacht. Egal. Ich ruf jetzt mal die Ingeborg an. Danach weiß ich wahrscheinlich mehr.«

Torsten schnappte sich eine Kaffeetasse und verzog sich ins Wohnzimmer, während Siggi das Telefon vom Schränkchen im Flur holte, um mit Ingeborg zu sprechen.

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Plötzlich Friesin?

»Und? Biste jetzt schlauer?«, wollte Torsten wissen, als sie kurz darauf ins Wohnzimmer kam.

»Ein bisschen. Die Details klären wir später nach der Testamentseröffnung, wenn der Schrieb vom Amtsgericht da ist. Aber Ingeborg hat so geredet, als wollte ich das Haus behalten. Sie meint, ich soll mir keinen Kopp machen wegen Erbschafts- und Grundsteuer und all dem Gedöns, weil Hilde seinerzeit den hinteren Teil des Grundstücks schon als Bauland habe eintragen lassen. Das könne man problemlos verkaufen und davon dann die auflaufenden Steuern bezahlen und so. So richtig hab ich es auch nicht kapiert, aber ist ja auch egal. Kommt gar nicht in die Tüte, dass ich das Haus übernehme. Ich hab es bloß noch nicht übers Herz gebracht, das Ingeborg zu sagen. Die klang so überzeugt. Doch es geht nun mal nicht. Ich kann ja nicht nach Sylt ziehen.«

Siggi kramte in einem Fach der Schrankwand und zog eine gestreifte Pappkiste heraus, die sie zum Couchtisch hinübertrug.

»Wieso denn eigentlich nicht?«, fragte Torsten unvermittelt.

»Bist du jetzt vollkommen bekloppt geworden? Du willst doch nun nicht allen Ernstes sagen, ich soll hier alles stehen und liegen lassen und in Tante Hildes Haus ziehen. Auf Sylt!«

Dem Gesichtsausdruck nach zu urteilen, schien Torsten den Gedanken gar nicht abwegig zu finden. »Warum denn nicht?«

»Warum denn nicht!«, äffte Siggi ihn nach, während sie in der Kiste herumsuchte. »Wenn ich die Gründe aufzählen sollte, wüsste ich gar nicht, wo ich anfangen soll.« Schließlich zog sie ein Foto hervor und machte sich auf die Suche nach einem Rahmen.

»Jetzt mal ehrlich, was spricht denn dagegen? Noch mal neu anfangen, den Lebensabend am Meer verbringen, morgens von den Möwen geweckt werden …«

»Ich glaub eher, die haben dir in den Kopp gekackt, die Möwen!« Siggi lachte. »Wie stellst du dir das denn vor? Ich hab hier schließlich Freunde und Verwandte und so.« Siggi hatte einen kleinen weißen Bilderrahmen gefunden, in den sie das Foto steckte.

»Dann machste das wie Hilde, setzt dich in den Zug und besuchst die. Ist ja nicht, als würdest du nach Australien auswandern.«

Siggi stellte das Bild auf das Sideboard und rückte den Topf mit dem Usambaraveilchen daneben.

»Wa', Hildelein? Jetzt haste Ruhe. War ja nicht mehr schön im letzten Jahr. Hast ganz schön was mitgemacht.« Sie schenkte der älteren Dame auf dem Foto ein Lächeln. »Bloß mit dem Haus hast du mir jetzt ganz schön was eingebrockt. War lieb gemeint, aber … Bist mir nicht böse, wenn ich es verkaufe, oder? Ich meine, ich will nicht undankbar sein, aber behalten kann ich es schließlich nicht.«

»Kann se doch!«, rief Torsten aus dem Hintergrund. »Ich-kann-nicht wohnt in der Ich-will-nicht-Straße.«

Siggi fuhr herum und sah Torsten prüfend an, konnte jedoch keine Anzeichen dafür erkennen, dass er scherzte. »Du meinst das ehrlich ernst, ne?«

»Natürlich mein ich das ernst. Gerade jammerst du mir noch einen vor, dass das Kosmetikstudio nicht läuft und alle sparen müssen und so, und jetzt kriegst du so ‘ne Chance und willst nicht mal drüber nachdenken.«

»Und was ist mit Nisi? Die kann ich doch auch nicht einfach allein lassen.«

»Denise ist erwachsen. Die lässt sich hier ohnehin kaum mehr blicken. Ist ja auch richtig so. Die ist happy mit ihrem Andi und soll se auch sein. Und zur Not hat sie ja noch einen Vater. Du weißt doch selbst noch, wie das ist, das junge Glück. Erste gemeinsame Wohnung, da hast du keine Zeit und auch keinen Bock, ständig bei deiner Mutter vorbeizuturnen.«

»Aber sie könnte, wenn sie wollte«, gab Siggi trotzig zurück. »Wenn sie mich braucht, wäre ich für sie da.«

»Gibt auch Telefon«, meinte Torsten trocken.

»Das ist nicht dasselbe. Was, wenn sie zum Beispiel schwanger wird? Dann kann ich sie gar nicht unterstützen.«

»Und sie kann dir nicht dauernd die Enkel aufs Auge drücken. Hat alles seine Vor- und Nachteile«, gab Torsten zu bedenken.

»Ha, ha! Jedenfalls zieh ich jetzt nicht plötzlich nach Sylt!« Damit war für Siggi die Diskussion beendet.

»Nur mal so interessehalber: Über wie viel Geld reden wir überhaupt?«, meinte Torsten schließlich.

»Keine Ahnung. Was kostet so ‘n Haus? Das ist wie gesagt schon alt, nicht besonders groß. Vielleicht drei-‍, vierhunderttausend? Jedenfalls eine Menge Geld. Damit wäre eine ganze Batterie meiner Probleme gelöst.«

»Hast du die Adresse? Ich kann ja mal bei so ‘ner Immobilienseite gucken, was so ein Kasten wert ist«, schlug Torsten vor.

»Tu dir keinen Zwang an. Das ändert aber nichts daran, dass ich da nicht hinziehe«, sagte sie und reichte ihm Ingeborgs Brief.

Siggi nahm Torstens leeren Kaffeebecher mit in die Küche, wo sie ihn erneut füllte und sich selbst auch nachschenkte. Torsten hatte inzwischen den Laptop gestartet und eine Immobilienseite aufgerufen.

»Kei-tum«, murmelte er, während er tippte.

Siggi stellte den Kaffeebecher neben ihm auf dem Tisch ab. Kurze Zeit später öffnete sich die Seite mit den Ergebnissen der Suche.

»Leck mich fett!«, stieß Torsten hervor. Ungläubig starrte Siggi über seine Schulter auf den Monitor, während er hoch- und runterscrollte. Alle vergleichbaren Objekte waren mit einem Verkaufspreis von zwei bis vier Millionen Euro gelistet.

»Scheiß die Wand an!«, rief Siggi. »Das kann doch nicht sein! So viel kann der olle Kasten einfach nicht wert sein. Da sieht der auch gar nicht nach aus.«

»Na ja, ist halt nicht Hörde, ne? Da treiben sich nicht umsonst die ganzen Promis rum«, merkte Torsten an.

»Jetzt komm ich mir ja erst recht schäbig vor.« Siggis Blick wanderte entschuldigend zu Hildes Porträt. »Was haste dir dabei nur gedacht, Hilde? Ab und zu mal ein Anruf, ein paar Kärtchen … und du vermachst mir eine Hütte, die Millionen wert ist?« Siggi zog einen Stuhl heran und ließ sich darauf fallen. »Kann man so ein Erbe nicht auch ablehnen?«

»Ja, bist du bekloppt?!« Torsten starrte sie ungläubig an.

»Na, ich weiß nicht. Ist doch irgendwie unanständig. So viel Geld.« Wieder schaute Siggi zu Hildes Bild hinüber. Fast erwartete sie, einen vorwurfsvollen Ausdruck im Gesicht der Verstorbenen zu sehen, doch die lächelte unbeirrt ihr herzliches Tante-Hilde-Lächeln.

»Aber das ist es doch gerade«, schaltete sich Torsten wieder ein. »Ich sag ja, der Hilde ging es bestimmt eher um den ideellen Wert. So ‘ne Immobilie, die verkauft man nicht. Das hat schon mein Opa immer gesagt. ‘Immobilien – da haste nur Brassel mit, außer du wohnst selber drin.' Und anscheinend hat die Hilde das ja auch so vorgesehen, sonst hätte sie das mit dem Bauland und der Erbschaftssteuer und all dem Zinnober nicht extra geregelt.«

»Meinste wirklich, Törtchen? Aber ich kann doch nicht nach Sylt. Wie soll denn das gehen? Und wovon soll ich da leben?«

»Na, deine Dildos kannst du auch da verkaufen. Ich mein, die Promi-Tussis können so was schließlich auch gebrauchen. Die haben es bestimmt nötig, dass du ihnen mit ihrer Sinnlichkeit mal auf die Sprünge hilfst.«

Da hatte Torsten etwas Wahres gesagt. Zum ersten Mal erschien Siggi der Gedanke gar nicht mehr so unsinnig. Auf jeden Fall gäbe es eine Menge zahlungskräftiger Kundinnen. Wer bereits alles hatte, suchte womöglich gerade nach dem Besonderen. Wenn sie es geschickt aufzog, könnte sie es auf Sylt auch zur Platinberaterin bringen. Siggi nahm einen großen Schluck Kaffee. Sie musste sich eingestehen, dass sie es mit dem Pulver dieses Mal möglicherweise doch etwas übertrieben hatte, hätte es vor Torsten allerdings keinesfalls zugegeben. Den Kampf »Blümchenkaffee versus flüssiges Herzrasen« führten sie schließlich schon seit Beginn ihrer Beziehung, und Siggi gedachte nicht nachzugeben. Wenn du mit so was einmal anfängst, meint er, er kann dir überall reinquatschen, überlegte sie. Das wusste schon Oma. »Kerle sind wie Giersch im Garten. Wenn man nicht aufpasst, breiten se sich aus wie Hulle, und du wirst se so schnell auch nicht wieder los.«

Nicht, dass sie Törtchen hätte loswerden wollen. Im Gegenteil. Bloß musste man bei Männern immer aufpassen, dass sie sich keine Schwachheiten einbildeten. Ist nie gut, wenn sie sich ihrer Sache zu sicher sind. Also (noch so ein Oma-Spruch): »Vorbeugen ist besser, als auffe Füße kotzen.« Andererseits war Torsten nicht Adam. Auch wenn er manchmal eine große Klappe hatte, war er doch im Kern grundanständig und absolut kein Macho, ganz anders als ihr Ex. Siggi lächelte und sah noch einmal zu Hildes Porträt hinüber. Der Hanno war auch so einer, dachte sie. Für den wär ich auch nach Sylt gezogen. Den mochte ich gut leiden. Schade, dass er so früh gestorben ist. Aber jetzt haste ihn ja wieder, ne, Hilde?

Siggi betrachtete Torsten von der Seite. Gemeinsam alt werden, in einem Häuschen am Meer, Spaziergänge mit Candy am Strand, Fischbrötchen essen, den Seewind um die Nase wehen lassen, und in den Ferien kommen Nisi, Andi und die Enkel – wenn se denn welche ausbrüten – oder die zahlreichen Nichten und Neffen. Eigentlich war die Vorstellung gar nicht mehr so abwegig.

»Wat lächelst du denn so beseelt?« Torsten sah sie amüsiert an.

»Ach, ich hab nur gedacht, dass ich es ja eigentlich gar nicht so schlecht getroffen hab. So insgesamt. Also, jetzt auch ohne das Haus von Hilde.«

Torsten senkte verlegen den Blick und murmelte irgendetwas Unverständliches in seine Kaffeetasse. Er war nicht so für Romantik. Seine Liebe drückte sich eher handfest aus, indem er Regale zusammenschraubte, ihr morgens Kaffee ans Bett brachte oder bei Schietwetter die abendliche Runde mit Candy übernahm. Oder eben, wenn er ihr Violas von der Bude mitbrachte. So sagte Torsten: Mach dir keine Sorgen, ich bin bei dir.

In solchen Momenten war Siggi klar, dass sie mit diesem Mann den Rest ihres Lebens verbringen wollte. Das Altwerden hatte schlagartig all seinen Schrecken für sie verloren, wenn sie daran dachte, dass sie es gemeinsam tun würden. Und warum nicht in einem Häuschen am Meer? Noch war sie jung genug. Der Gedanke, noch einmal etwas ganz Neues anzufangen, hatte was Verlockendes. Siggi erinnerte sich genau an das Gefühl, als sie vierzig geworden war, vor fünf Jahren. Es waren gar nicht so die Falten und die Auswirkungen der unerbittlichen Schwerkraft, die ihr zu schaffen gemacht hatten. Es war vielmehr dieses Gefühl, dass einem nicht mehr alles offenstand. Mit zwanzig, auch noch mit dreißig, da hatte sie das Gefühl gehabt, es wäre noch nichts entschieden, sie könnte jederzeit noch einmal alles anders machen. Doch je älter man wurde, desto fester hatte man sich eingefahren. Der Lebensweg wurde mehr und mehr zum Gleis, auf dem man nur noch in die festgelegte Richtung rollte. Veränderungen wurden zum Kraftakt, weil alle möglichen Verpflichtungen dranhingen.

Torsten hatte eigentlich recht. Es würde kaum mehr ein günstigerer Zeitpunkt kommen als dieser, wenn sie ihrem Leben eine neue Richtung geben wollte: Denise war selbstständig, hatte einen festen Job und war aus den Flegeljahren weitgehend raus. Und was die Eltern anging, warum sollte sie sich allein verantwortlich fühlen? Die beiden waren jetzt noch fit genug, um für sich allein zu sorgen. Und wenn sich das ändern sollte … wozu hatte sie Geschwister? Holger, den alten Hallodri, konnte man getrost außen vor lassen. Wer weiß, was dem als Nächstes Beklopptes in den Kopf kam! Und bei fünf Kindern aus insgesamt drei Ehen musste man nicht erwarten, dass er Geld übrig hätte, um eventuell noch für die Eltern aufzukommen. Aber auf Susanne war Verlass, und Christiane und ihr Zahnarzt hatten schließlich genug Kohle. Sylt. Warum eigentlich nicht?

Siggi fühlte sich mit einem Mal ganz kribbelig. Am Morgen war die Frage noch gewesen, ob sie den Laden lieber heute als morgen aufgeben sollte, und jetzt stand ihr plötzlich so eine Möglichkeit offen. Alles hinter sich lassen und noch einmal etwas ganz anderes anfangen. An einem Ort, an dem andere Urlaub machten. Sie würde eine Nacht darüber schlafen müssen – oder vielleicht auch zwei oder drei. Und sie musste mit Nisi sprechen.

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