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Inselheilige

Autorenanmerkung:

Alle in diesem Buch geschilderten Handlungen

und Personen sind frei erfunden. Ähnlichkeiten

mit lebenden oder verstorbenen Personen wären

zufällig und nicht beabsichtigt.

Buchtitel:

Inselheilige

Ein Spiekeroog Krimi

September 1978:

Regen peitschte ihm ins Gesicht.

Der Wind hatte im Laufe des Abends stetig zugenommen und erreichte jetzt fast Sturmstärke. Er hatte Schwierigkeiten, sein Gleichgewicht zu halten und wurde mit jeder Böe fast umgeworfen.

Er versuchte, sich gegen den Wind zu stemmen. Wollte rennen. Sie sagten, das Gift würde langsam wirken.

Man würde ihn für betrunken halten und niemand sich an seinem Verhalten stören. Das Herz und viele Körperfunktionen würden sich verlangsamen und schließlich sein Kreislauf versagen.

Sie hatten ihn in ihre Mitte genommen und nach draußen begleitet.

„Da braucht jemand mal frische Luft, hat wohl zu tief ins Glas gesehen!“

Fürsorglich erschien das für die anderen Gäste, entlockte einigen ein wissendes Schmunzeln. Niemand konnte dieser Situation, in der sich vier Freunde vor die Tür bewegten, etwas Böses abgewinnen.

Er war entsetzt. Zu entsetzt und dadurch zunächst so gelähmt, dass er nicht auf sich aufmerksam machen, nicht handeln konnte. Zu viele Gedanken gingen ihm gleichzeitig durch den Kopf.

Ihre festen Griffe hatten ihn zielstrebig zum Ausgang gelenkt. Angst regierte ihn. Panik. Er wollte nicht sterben. Seine Gedanken lehnten sich auf und sein Unterbewusstsein forderte von ihm, nun endlich zu handeln, bevor es zu spät sein könnte.

Sie passten einen Moment lang nicht auf und er riss sich los.

Er rannte über einen schmalen Pfad durch die schützenden Dünen auf die Spundwand zu, die zum Schutz der Dünenlandschaft vor Sturmfluten mehrere hundert Meter in den Weststrand der Insel eingelassen worden war.

An der Spundwand angekommen, trafen ihn der Nordseewind und Regen mit voller Wucht.

Waren sie ihm gefolgt? Konnte er sie abschütteln?

Was konnte er jetzt machen und welche Möglichkeiten hatte er, das Gift wieder aus seinem Körper zu bekommen.

Wenn er weiter vor ihnen fliehen, also ins Dorf zurückkommen wollte, musste er in ihre Richtung zurück. Irgendwie an ihnen vorbei laufen.

Sein jetziger Weg trieb ihn über das angebaute Mauerwerk der Spundwand in eine weite Dünenlandschaft, ins Nichts.

Wellen einer vom Wind aufgewühlten Nordsee klatschten in unregelmäßigen Abständen an die Spundwand und schossen in einer Fontäne steil nach oben.

Sie und der Dauerregen durchnässten ihn schnell.

Dann hörte er sie kommen, wollte weiterlaufen.

Doch das Gift tat seine Wirkung. Verlangsamte seine Schritte, nahm ihm die Luft.

Er wusste, dass er um sein Leben rennen musste und kam trotzdem nicht mehr weiter. Torkelnd sank er in die Knie und ihm blieb nichts anderes, als auf sie zu warten.

….

Wäre er doch nur nicht in diese Kneipe gegangen.

Eine eher verruchte Kneipe im Westen der Insel. Kein sehr gepflegtes Etablissement. Schummriges Licht und einige Ecken darin ließen jedoch ungestörte Unterhaltungen zu. Sie hatten ihn eingeladen zu kommen. Sie wollten reden, ihn umstimmen. Das hatten sie schon mehrfach versucht. Aber es gab Dinge, die er nicht mehr mit seinem Gewissen vereinbaren konnte. Zu lange hatte er still gehalten, war in Kenntnis ihrer Machenschaften zunächst ruhig geblieben.

Ja, es war ein Fehler. Er hätte alles von vornherein ablehnen müssen.

Hätte protestieren oder alles veröffentlichen sollen. Als ihm jedoch durch ihren Einfluss im Gemeinderat das Grundstück neben seinem Haus zugesprochen worden war und das zu einem günstigen Preis, blieb er ruhig.

Wie lange hatte er versucht, dieses Grundstück zu bekommen?

Dann endlich bekam er es, sogar mit einer Baugenehmigung. Und das hatte er ihnen zu verdanken.

Sein Vater war in den Nachkriegsjahren an dem Versuch gescheitert, das Grundstück zu kaufen und ein kleines Hotel darauf zu bauen. Nachdem dieser verstorben war, blieben die Pläne bei ihm, dem Erstgeborenen, bestehen.

Der Gemeinderat lehnte bis dahin jedoch mehrere Versuche ab und begründete das mit einer dadurch einhergehenden Veränderung des Dorfcharakters.

Die Dorfstrukturen inklusive ihrer verantwortlichen Akteure veränderten sich im Laufe der Zeit. Mitte bis Ende der siebziger Jahre entwickelte sich ein Tourismus-Boom, dem sich auch die ansonsten ruhige und beschauliche Insel Spiekeroog nicht verschließen konnte.

Sie waren vier Freunde, die sich schon von der Schulzeit her kannten.

Freunde, die sich regelmäßig trafen, gemeinsam segelten oder Urlaub miteinander verbrachten. Alle waren schon aus familiären Gründen fest mit der Insel verbunden. Und sie alle hatten einen ausgeprägten Geschäftssinn.

Oft verglichen sie sich scherzhaft mit modernen Piraten.

Die Insel lebte und existierte fast ausschließlich vom Tourismus.

Sie, als moderne Piraten, überrumpelten die Touristen und zogen ihnen, ohne dass diese es merkten, das Geld aus der Tasche.

Ihre Schlüsselpositionen im Einzelhandel und in der Hotel- und Gaststättenbranche machten es möglich, dass sie die Preise diktieren und das Leben auf der Insel indirekt bestimmen konnten.

Durch Geschick, Taktik und Absprachen wurden sie in dieser eher kleinen Welt immer mächtiger. Wähler zu beeinflussen oder gar zu kaufen war in einem Dorf, in dem jeder jeden kannte, kaum ein Problem. Nach und nach besetzen die vier Freunde einflussreiche Positionen und lenkten sowohl das politische, als auch das finanzielle Schicksal der Insel.

So gab es anfangs für ihn kaum Skrupel, zumal sich seine finanziellen Verhältnisse verbesserten und sich viele Wünsche verwirklichen ließen.

Aus seiner Sicht war ihr Verhalten fast legitim, denn man tat der Insel und ihren Bewohnern doch nur Gutes. Als kriminell empfand er ihr Handeln zu Beginn keinesfalls. Man sorgte sich um die Insel und natürlich um das eigene Portemonnaie.

Und doch war er der Schwächste in diesem Freundeskreis.

Jemand, der erkannte, dass ihr Treiben immer mehr ins Kriminelle abrutschte und der Bedenken entwickelte. Der sah, wie nach und nach andere Inselbewohner durch Absprachen oder Blockaden in den Ruin getrieben wurden.

Vergaben größerer Bauprojekte, gerade mit Blick auf die Tourismus-Branche, liefen fast nur über sie. Und das mit Unmengen von Schmiergeldern und unter Ausschluss jeglicher Konkurrenz für ihre eigenen Objekte.

Es gab für ihn einen Zeitpunkt, an dem er aufhören, sich zurückziehen und mit dem Erreichten leben wollte. Nie hätte er von seinen Freunden erwartet, dass sich deren Gier ins Unermessliche steigern würde.

Anfängliche Bedenken seinerseits wurden bei ihren Zusammenkünften barsch beiseite geschoben. Weiteres Drängen nach Beendigung ihrer Handlungen wurde mit Lachen quittiert. Er hatte schließlich das Gefühl, dass sie ihn ins Abseits drängen wollten, nicht mehr ernst nahmen, sich lustig über ihn machten.

Eines Abends nahm er allen Mut zusammen und drohte ihnen, alles auffliegen zu lassen, sofern nicht endgültig Schluss sein würde. Als Folge ließen sie ihn ohne weitere Diskussionen zurück und vermieden mehrere Tage den Kontakt zu ihm.

Tage der Unsicherheit. Tage, in denen er immer wieder alles durchdachte. In denen er zweifelte, auch weil er selbst nicht ganz unschuldig beteiligt war. Nein, es gab keine Drohungen ihrerseits. Sie waren Freunde, Schulkameraden. Was sollten sie ihm auch anhaben wollen. Er würde seine Drohungen nicht wahr machen. Er wollte nur, dass endgültig alles beendet wird und wieder einen normalen Weg verläuft. Er wollte sie als Freunde behalten und das mussten sie so verstehen.

Erleichterung trat ein, als sie ihn zu einem lockeren Bierchen in die Kneipe am Westend einluden. Alles sollte nochmals in Ruhe durchgesprochen, eine Lösung gefunden werden. Sie würden sicher einen weiteren Versuch unternehmen, ihn umzustimmen. Das wollte er aber ablehnen. Sie mussten ihn verstehen, damit endlich würde Ruhe einkehrte.

….

Oktober 2014:

Ein kurzer Blick in den kleinen Spiegel an seinem Schrank. Saßen seine ohnehin recht kurzen und leicht angegrauten Haare richtig? Es war eine Angewohnheit, die er einfach nicht lassen konnte. Zwei, drei Haarsträhnen wurden mit einem leichten Fingerwisch geordnet und gaben ihm Zufriedenheit.

Der letzte Fall war nun abgeschlossen. Hauptkommissar Raiko Aden klappte die mittlerweile auf mehrere hundert Seiten angewachsene Ermittlungsakte zu und bugsierte sie in die Ablage zur Staatsanwaltschaft. In den vielen Jahren, die er seinen Dienst im Bremer Kommissariat für Wirtschaftskriminalität versah, hatte er einige harte Nüsse zu knacken gehabt. Auch dieses Mal wurde ihm alles abverlangt.

Betrügerische Machenschaften zum Nachteil einer großen Versicherungsgesellschaft, teils geschickt getarnt und von vielen Verdächtigen ausgeführt, bereiteten ihm in den letzten Wochen oft schlaflose Nächte. Zwei wichtige Zeugen führten ihn letztlich auf die richtige Spur und somit zur Aufklärung vieler zusammenhängender Straftaten.

Raiko Aden ordnete seinen Schreibtisch, drückte am Telefon die Taste der Rufumleitung zum Anrufbeantworter und hinterließ in seinem Mailpostfach die Nachricht, dass er sich für die nächsten vierzehn Tage im Urlaub befinden würde und nicht zu erreichen war.

Urlaub. Ja, er war tatsächlich urlaubsreif. Und gerade diesen Urlaub wollte Raiko Aden besonders genießen.

In jüngerer Vergangenheit verlief das Leben des stattlichen Hauptkommissars recht turbulent. Und in vielem darin unterschied sich der Anfang Fünfzigjährige nicht von den mittlerweile fast üblichen Gepflogenheiten seiner Mitmenschen.

Familienleben. Daraus resultierend drei mittlerweile erwachsene Kinder, die glücklicherweise selbst ihr eigenes Leben führen konnten und wollten.

Schließlich die Scheidung von seiner Frau nach zunächst zufriedenen Ehejahren und dann doch der Feststellung, dass man sich auseinandergelebt und nur noch wie Bruder und Schwester verhalten hatte.

Das Angebot, die Leitung des Kommissariats für Wirtschaftskriminalität zu übernehmen, war ihm in dieser Phase sehr willkommen und lenkte ihn von Grübeleien ab. Allerdings führte die Neustrukturierung dieser Dienststelle auch zu hohen Arbeitsbelastungen, die es ihm schwer machten, anstehenden Urlaub richtig zu genießen. Da er alleine und ohne feste Partnerin lebte, war das aus seiner Sicht nicht unbedingt dramatisch, denn er brauchte auf niemanden Rücksicht zu nehmen. Außer auf sich selbst und das vergaß er allzu häufig!

Wurde Raiko Aden nach seiner Herkunft gefragt, bezeichnete er sich immer noch gerne als „Insulaner“ und nahm das Erstaunen seiner Gesprächspartner/innen wahr, die sich kaum vorstellen konnten, warum man auf einer wunderschönen Nordseeinsel aufwuchs und diese dann verlassen wollte. Grundsätzlich war das damals nicht sein Wille.

Er wurde auf der Insel geboren und lebte dort bis zu seiner Jugendzeit. Raikos Eltern stellten jedoch für sich und ihre Kinder mangelnde berufliche Perspektiven fest und entschlossen sich zu einem Umzug auf das Festland. Ihm ermöglichte es eine Polizeikarriere, die er sich schon als Kind auf der Insel vorgestellt hatte. „Wenn ich mal groß bin, werde ich Polizist“ war seine Überzeugung. Dass er nun Kriminalhauptkommissar und Leiter einer Dienststelle war, hatte seine frühen Vorstellungen sicher bei weitem übertroffen.

In mancher Gesprächsrunde fiel das Wort: „Ostfriese“. Ja, Spiekeroog, die Insel seines Ursprungs, lag in Ostfriesland. Jedoch sollte man wissen, dass die Insulaner ein besonderer Menschenschlag sind und sich eben als „Insulaner“ bezeichnen, die den Begriff „Ostfriesen“ eher ungern hören.

Raiko Aden fühlte sich trotz langer Abwesenheit noch als Insulaner und war in gewisser Weise stolz darauf. Die Kindheit und Jugend auf dieser autofreien Nordseeinsel hatte ihn geprägt. Nur zu gerne erinnerte er sich an viele schöne Ereignisse und Geschichten, die das Inselleben mit sich gebracht hatten.

Gute fünfundzwanzig Jahre war es dann aber doch her, dass er zuletzt „seine“ Insel besucht hatte. Die Zeit hatte nichts anderes zugelassen. Die Eigendynamik des Lebens, Familie und Beruf führten Raiko immer wieder daran vorbei. Das Unterbewusstsein gab ihm zwar ständig Signale, doch durch Wegzug oder Tod einiger Verwandter verblasste das Bedürfnis, die Insel aufzusuchen.

Gelegentliche Berichte in den Medien, die unterschiedliche Themen zur Nordseeinsel Spiekeroog behandelten, verfolgte er aufmerksam und mit der Feststellung, dass sich zumindest optisch sehr viel verändert und die Insel lange nicht mehr den Charakter hatte, den er aus Kinder- und Jugendtagen kannte.

Eben das knabberte in der langen Zeit seiner Abwesenheit so intensiv an Raikos Gewissen, dass er sich entschloss, endlich wieder „seine“ Insel aufzusuchen und viele dieser neuen medialen Eindrücke selbst zu erleben.

Warum also nicht? Schauen, was sich baulich verändert hatte. Feststellen, ob es vielleicht noch alte Freunde, ihm bekannte Dorfbewohner oder Klassenkameraden gab. Würde man ihn wiedererkennen? Wohl kaum, wenn er gelegentlich mal seine Jugendfotos betrachtete. Er hatte sich doch stark verändert und aus dem schmalen Jüngling, der seinerzeit die Insel verließ, war nun ein gestandener, stattlicher Mann mit markanten Gesichtszügen, Lachfalten und sogar schon angegrauten Haaren geworden.

Nachdem der Entschluss zum Urlaub auf der Insel gefasst und das Hotel gebucht war, kam in Raiko Aden eine Freude auf. Freude auf ein Wiedersehen mit Spiekeroog. Dazu natürlich die Neugier auf Veränderungen und die Hoffnung auf sehr entspannte Tage.

….

September 1978:

Sein Atem ging schwer. Ihm war, als würden seine Lungen durch eine unsichtbare Kraft zusammengepresst. Fester, immer fester drückte diese Kraft zu, verweigerte ihm den Sauerstoff. Unfähig, sich zu wehren oder zu fliehen sah er die drei Männer vor sich stehen. Wind, Regen und über die Spundwand spritzende Gischt griff auch sie an, doch sie standen seelenruhig da und beobachteten ihn.

Sein Blickt trübte sich, ließ sie nur noch als verschwommene Gestalten erscheinen. Einer bückte sich zu ihm herunter, kam ganz nah und sagte: „Niemand droht uns! Du hattest die Wahl und hast den falschen Weg gewählt!“

Die Realität vermischte sich mit Träumen von vergangenen, schönen Tagen. Es tat sich ein Nebel auf, der ihn in sich hineinzog. Ihm war nicht mehr kalt, nein. Und Luft würde er in diesem Nebel auch nicht mehr brauchen. Er spürte, wie jemand an seinem Körper zog. Es waren viele Hände, doch sie taten ihm nicht weh. Dann ein kurzer Fall und sein Körper klatschte ins Wasser. Der Nebel zog ihn nun endgültig zu sich herein und ließ auch seine allerletzten Gedanken versiegen.

….

Oktober 2014:

Nachdem er die A 29 in Jever verlassen hatte, bekam die Umgebung einen sehr ländlichen und wirklich typisch friesischen Charakter. Vereinzelte Bauernhöfe.

Weites Land ließ einen weiten Blick zu und schwarzbunte Kühe, die augenscheinlich unzählbar waren. Raiko fragte sich, ob man hier tatsächlich leben konnte.

Ruhe und Einsamkeit, weit auseinanderliegende Höfe. Wo kauften die Menschen hier ein, wo trafen sie sich? Ihm fielen die wortkargen, eher menschenscheuen und sturen Ostfriesen ein, die man gerne in irgendwelchen Sketchen und Werbefilmen einspielte oder über die der Volksmund witzelte.

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