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Insel meiner Sehnsucht

1. KAPITEL

Anoushka Trevellick kam zu spät zur Hochzeit.

Ihre Gedanken kreisten nur noch darum, bereits die kirchliche Trauung und die Hälfte des Empfangs verpasst zu haben. So bemerkte sie kaum wie schön es war, im Sommer nach Cornwall zurückzukehren. Auch der vertraute Anblick des blaugrauen Atlantiks, der an diesem leicht diesigen Junitag jenseits der rosa Strandnelken und Tamarisken in der Sonne glitzerte, drang nicht zu ihr durch.

Während sie über die abschüssige Rasenfläche auf das Festzelt zulief, lösten sich lange blonde Strähnen aus ihrer Haarspange und wehten über ihre Schultern. Das kurze rosafarbene Kleid mit dem dazu passenden Blazer bedeckten dabei kaum ihre schlanken, gebräunten Oberschenkel. Vor dem Zelt angelangt versuchte Annie, wieder zu Atem zu kommen.

Das hier war zwar eine Familienhochzeit, doch immerhin war sie auch die Besitzerin von Party Cooks & Co., der für das Catering zuständigen Firma. Und schon deshalb musste sie gelassen und professionell auftreten.

Annie blieb im Eingang des Festzeltes stehen und ließ den Blick über die fröhlichen Gäste gleiten. Ihre Angestellten bahnten sich mit Getränken und großen Tellern voller Essen geschickt den Weg durch die Anwesenden. In einiger Entfernung erblickte sie ihre kleine Schwester Liv, die in der Zeit bis zum Beginn ihres Studiums bei Party Cooks arbeitete. Sie unterhielt sich lachend mit Miles und Alison, dem frisch verheirateten Paar. Sämtliche Gäste wirkten zufrieden und waren mit Champagner sowie mit hausgemachten Kanapees versorgt. Alles in allem schien also keine Katastrophe zu drohen, sodass Annies Panik ein wenig nachließ.

Ob ich wohl so entnervt aussehe, wie ich mich fühle?, fragte sie sich, zog einen kleinen Spiegel aus ihrer Tasche und betrachtete ihr gerötetes Gesicht. Sie hatte auf der Autobahn Probleme mit dem Wagen gehabt und auf den Pannendienst warten müssen, der das Fahrzeug notdürftig repariert hatte. Dann war auch noch der Akku ihres Handys leer – und schließlich war sie viel zu spät zu Alisons und Miles’ Hochzeit gekommen. Angesichts dieser Umstände fand Annie es überraschend, dass sie immerhin halbwegs präsentabel aussah.

Vergeblich versuchte sie die Ponysträhnen zu glätten, die ihr links und rechts ihrer sanften, honigbraunen Augen auf die hohen Wangenknochen fielen. Als sie den Spiegel wieder in die Tasche geschoben hatte, wurde ihr plötzlich schwindelig. Der Boden unter ihren Füßen schien zu schwanken, sodass sie sich schnell an der nächsten Stuhllehne festhielt.

„Alles in Ordnung, Annie?“

Beim Klang der tiefen, gelassenen Männerstimme mit dem unverkennbaren amerikanischen Akzent begann ihr Herz, heftig zu schlagen.

Es war Josh Isaac.

Annie hatte ihn seit zwei Jahren nicht mehr gesehen, und ihre letzte Begegnung war nicht gerade erfreulich verlaufen. Dennoch hatte sie seine Stimme erkannt, ohne ihn überhaupt anzusehen.

Schnell richtete Annie ihren einen Meter dreiundsechzig großen Körper auf – fest entschlossen, genauso gelassen wie er zu wirken. Doch als sie es wagte, ihm in die tiefblauen Augen zu blicken, mit denen er sie unter seinem etwas zu langen schwarzen Haar hervor durchdringend ansah, wurde sie nervös.

„Ja, mir geht es gut, danke. Und dir, Josh?“ Schnell ließ Annie den Blick über den einen Meter achtzig großen, schlanken und durchtrainierten Mann gleiten. Ich hätte damit rechnen müssen, ihm hier zu begegnen, dachte sie. Immerhin waren er und ihr Cousin Miles eng befreundet.

Das letzte Mal hatte sie Josh auf einer griechischen Insel gesehen. Damals hatte er ein T-Shirt und ausgefranste Jeansshorts an. Heute dagegen trug er einen eleganten grauen Cutaway. Bei diesem Anblick zog sich Annie die Kehle zusammen, denn er sah einfach atemberaubend aus.

„Ziemlich gut, danke.“ Joshs besorgter Gesichtsausdruck erstaunte sie. „Du wirkst, als würdest du jeden Moment in Ohnmacht fallen. Ist wirklich alles in Ordnung?“

„Ja.“ Annie lächelte strahlend. „Die Fahrt von London hierher war nur ziemlich stressig, und ich hatte kein Mittagessen …“

„Das ist ja geradezu absurd, wo du doch jetzt Köchin bist“, sagte Josh ein wenig spöttisch. „Setz dich, ich hole dir etwas zu essen …“

„Nicht nötig.“ Sein unerwartet fürsorgliches Verhalten verwirrte Annie. „Aber gut, dass du hier am Eingang stehst und bestens darauf vorbereitet bist, den barmherzigen Samariter zu spielen.“

„Als Trauzeuge gehört es zu meinen Aufgaben, die verspäteten Gäste zu begrüßen.“

Natürlich, dachte Annie. Wen sonst hätte Miles denn zu seinem Trauzeugen erklären sollen? Josh und Miles waren beide Journalisten, und der ältere, erfahrenere Josh war für ihren Cousin so etwas wie ein Vorbild: ein furchtloser, heldenhafter Korrespondent aus Krisenregionen, der sich im Auftrag einer großen Nachrichtenagentur in Kriegsgebiete wagte und erschütternde Informationen lieferte, bei denen den Menschen der Atem stockte.

Annie hatte Josh zwei Jahre zuvor während eines Familienurlaubs auf den griechischen Inseln kennengelernt und sofort insgeheim für ihn geschwärmt. Er hatte damals nebenan, in der Villa seiner Schwester, gewohnt. Ein Blick auf den schlanken, sonnengebräunten Mann mit breiten Schultern und schmalen Hüften, der so geschickt auf dem kristallklaren Wasser der Ägäis surfte – sofort war Annie von dem intensiven, verwirrenden Gefühl erfasst worden, Josh schon lange zu kennen, obwohl sie ihn noch nie zuvor gesehen hatte.

Es folgte eine unvergessliche Zeit, in der sie ihn immer besser kennenlernte: Sie mieteten ein Auto und erkundeten die kleine Insel, tranken Ouzo am Meeresufer, aßen Souvlaki und Moussaka unter dem dunklen Sternenhimmel … Natürlich waren sie dabei nicht immer allein, doch wie zufällig saß sie immer neben Josh und redete sich gern ein, dass er fast ausschließlich mit ihr sprach. Sie hatten gelacht – und geredet und geredet… Und Annie hatte sich unwiderstehlich zu ihm hingezogen gefühlt.

Doch als sie drei Wochen später nach England zurückgekehrt war, hatte Annie auf schmerzliche Art erfahren müssen, dass Miles’ Idol auf tönernen Füßen stand.

Mit der Erinnerung wurden nun auch Schmerz und Empörung wieder in ihr wach. Eine kurze, wundervolle Zeit lang hatte sie sich eingebildet, dass Josh ihre Gefühle erwiderte. Doch dann hatte er sie beschuldigt, den Verlobten seiner Schwester verführen zu wollen – wie ein männermordender Vamp.

Ob er mich immer noch so sieht?, fragte Annie sich. Wenn ja, dann kann ich mich ja ruhig entsprechend verhalten. „Wenn es zu deinen Aufgaben gehört, die Spätankömmlinge zu begrüßen, dann solltest du das auch bei mir angemessen tun, stimmt’s, Darling?“, fragte sie ihn neckend und bot ihm ihre samtige Wange zum Kuss an.

Einige Sekunden lang stand Josh reglos da und blickte ihr in die Augen. Sie sah etwas darin aufblitzen und wusste genau, dass er an die Zeit in Griechenland dachte. Langsam ließ er den Blick zu ihrem Ausschnitt gleiten, wo sich der sanft geschwungene Ansatz ihrer Brüste abzeichnete. Als er sich dann endlich langsam hinunterneigte, um ihr einen flüchtigen Kuss zu geben, bebte sie innerlich.

„Hältst du es wirklich für klug, dich so aufzuspielen?“ Josh hob den Kopf und betrachtete sie mit forschend. „Ich habe doch schon vor zwei Jahren gesehen, was für einen Schaden du damit angerichtet hast.“

Annie hatte das Gefühl, plötzlich keine Luft mehr zu bekommen. Doch es gelang ihr, weiterhin zu lächeln. „Wenn du noch nicht einmal zu den üblichen Höflichkeiten in der Lage bist, solltest du dich darauf beschränken, in Kriegsgebieten Gewehrkugeln auszuweichen. Und jetzt entschuldige mich bitte, ich möchte mit jemandem sprechen …“ Sie hatte ihre Schwester wieder in der Menge entdeckt.

Doch Josh hielt sie fest. Mit seinen langen, sonnengebräunten Fingern umfasste er ihren schlanken Oberarm, ohne ihr jedoch wehzutun.

Annie schluckte nervös, denn trotz allem hatte Josh noch immer eine beängstigend starke Wirkung auf sie. Eine leichte Berührung reichte aus, um sie erzittern zu lassen wie Sommerblumen im Wind.

„Du kannst es einfach nicht lassen, stimmt’s?“, fragte er spöttisch. „Du musst mit allem flirten, was Hosen trägt. Aber wie ich höre, hast du inzwischen deine Berufung gefunden: Abendessen in den gehobenen Londoner Kreisen. Jede Menge Männer, die dir ihre Aufmerksamkeit schenken können. Und wen interessiert es schon, ob sie bereits vergeben sind?“

Annie war wie vor den Kopf gestoßen. Dann wurde sie von Empörung erfüllt. Sie spürte, wie eine heiße Röte vom Brustansatz bis zum Haar in ihr aufstieg.

„Was willst du damit sagen?“, rief sie aufgebracht und scherte sich nicht darum, dass einige Gäste neugierig zu ihr hinüber blickten. „Wenn du damit andeuten willst …“

„Annie, beruhig dich. Du machst ja eine richtige Szene.“

„Nein, ich werde mich nicht beruhigen! Weißt du was? Du tust mir leid!“, erwiderte sie heftig. „Du musst wirklich ein freudloser Zyniker sein. Was hast du für verzerrte Vorstellung von der Moral anderer Menschen! Und wer gibt dir eigentlich das Recht, über mich zu urteilen?“

„He, was ist denn hier los?“

Plötzlich stand Miles vor ihnen, mit einem amüsierten Ausdruck in seinen braunen Augen. Seine fröhliche Frage löste die die angespannte Stimmung ein wenig auf.

„Ich kenne mich zwar mit den Gepflogenheiten bei Hochzeiten nicht gut aus, bin mir aber ziemlich sicher, dass die Chefin des Catering-Service sich nicht mit dem Trauzeugen streiten sollte. Das ist auch nicht gut fürs Geschäft!“

Annies Empörung machte einem schlechten Gewissen Platz. Vom Geschäftlichen einmal ganz abgesehen, wollte sie um keinen Preis der Welt auf Miles’ und Alisons Hochzeit für schlechte Stimmung sorgen. „Entschuldige, Miles …“

„Alles in Ordnung, Josh? Ich weiß noch aus unserer Kindheit, dass Annies Verbalattacken genauso schmerzhaft sein können wie Faustschläge …“, neckte Miles sie beide gutmütig.

„Wir waren beide nicht sehr freundlich zueinander“, erwiderte Josh. „Aber wie du sagst: Annie kann ziemlich heftig werden, wenn sie aufgebracht ist.“

Die junge Frau ballte die Hände zu Fäusten. Doch dann blickte Josh sie mit seinem durchdringenden, fast brennenden Blick an und fügte betont sanft hinzu: „Aber vielleicht habe ich dich auch unterschätzt. Wenn du dich so heftig verteidigst, bist du ja vielleicht doch nicht ganz gewissenlos.“

Er nickte Miles kurz zu, wandte sich um und verschwand in dem Moment zwischen den anderen Gästen, als ihre übrigen Verwandten auftauchten, um Annie abwechselnd zu umarmen und zu küssen. Dann beglückwünschten alle sie zu dem tollen Essen und der großartigen Hochzeitstorte. Über ihrer Wiedersehensfreude vergaß Annie die Wut auf Josh Isaac ein wenig.

„Was war denn da vorhin mit Josh los?“, fragte ihre Schwester Liv später, nachdem Annie sich vergewissert hatte, dass mit dem Catering alles nach Plan lief. Nun saß sie mit Liv zusammen in einer ruhigeren Ecke, um sich bei Räucherlachspasteten und Champagner in Ruhe zu unterhalten.

„Ach, eigentlich nichts …“

„Hör schon auf, Annie!“ Liv lächelte und blickte Annie skeptisch an. „Eine lautstarke Auseinandersetzung mit Miles’ Trauzeugen kann man ja wohl kaum als ‚eigentlich nichts‘ bezeichnen!“

„Wir hatten lediglich eine … kleine Meinungsverschiedenheit“, sagte Annie. Als sie Livs aufmerksamen, geduldigen Blick bemerkte, seufzte sie. „Also gut: Ich habe einfach die Beherrschung verloren und schäme mich dafür. Denn eigentlich hat er etwas so Lächerliches gesagt, dass ich darüber hätte lachen müssen. Bleibt nur zu hoffen, dass die Sache sich nicht zu sehr herumspricht und ich von den Anwesenden keine Aufträge bekomme …“

„Vielleicht hat es ja auch die entgegengesetzte Wirkung“, sagte Liv fröhlich. „Ich persönlich fand das Ganze jedenfalls sehr unterhaltsam. Was hat er denn gesagt?“

„Er hat mir unterstellt, meine Berufung gefunden zu haben, weil ich nun nach Herzenslust mit meinen männlichen Kunden flirten kann und mir keine Gedanken darüber mache, ob sie schon vergeben sind!“

Was? Warum, um alles in der Welt, sagt er denn so etwas?“

„Josh Isaac und ich sind uns nicht sonderlich grün“, begann Annie langsam und zerkrümelte tief in Gedanken eine Blätterteigpastete zwischen den Fingern. „In seinen Augen bin ich ein Vamp, der anderen Frauen vorsätzlich die Männer ausspannt.“

Liv blickte sie erst entrüstet, dann verwirrt an. „Und wie kommt er auf so etwas?“

„Weißt du noch, als wir vor zwei Jahren in der Villa Kalimaki Urlaub gemacht haben?“ Annie schob ihren Teller von sich, denn der Appetit war ihr vergangen.

„Was genau meinst du?“, fragte Liv ein wenig verständnislos.

„Erinnerst du dich noch an den amerikanischen Verlobten von Joshs jüngerer Schwester? Immer, wenn Camilla gerade einmal nicht hinsah, hat er sich auf mich gestürzt. Als ich wieder nach Hause gefahren bin, ließ er Camilla fallen und reiste mir nach.“

„Aber dafür konntest du doch nichts!“, rief Liv. „Wenn du mich fragst – für die arme Camilla war es das Beste, dass die Verlobung geplatzt ist!“

„Josh gibt aber mir die Schuld. Er ist der Ansicht, ich hätte ihr den elenden Kerl vorsätzlich ausgespannt.“

„Dann hattest du wirklich allen Grund, ihn anzuschreien, Annie. Du kannst doch nichts dafür, wie gut du im Bikini aussiehst!“

Annie blickte in Livs vor Übermut blitzende Augen und musste lachen. „Du bist wirklich klug, obwohl du fünf Jahre jünger bist als ich.“

„Dann war das damals also für uns beide kein gutes Jahr“, stellte Liv nachdenklich fest. „Ich hatte mich ja im Herbst unglücklich in diesen fiesen Franzosen verliebt, weißt du noch?“ Sie seufzte resigniert. „Mann, war ich naiv! Ich habe mich wochenlang in den Schlaf geweint. Aber von der Sache mit Josh hast du mir nie etwas gesagt.“

„Du hattest ja selbst schon genug Probleme.“ Annie dachte an die zwei Jahre zurückliegenden Ereignisse und schluckte. Die intelligente, selbstbewusste Liv so verzweifelt zu erleben war fast so schmerzlich gewesen wie ihr eigenes Erlebnis. Annie war zu dem traurigen Schluss gekommen, dass es ein sehr riskantes Unterfangen war, sich zu verlieben.

„Männer!“ Sie zog eine Augenbraue hoch und blickte ihre Schwester an. „Eine sehr zweifelhafte Spezies, wenn du mich fragst.“

„Die frisch gebackene Braut ist da sicher anderer Ansicht.“ Liv klang ein wenig wehmütig, als sie mit dem Kinn auf Alison mit ihren blonden Locken und dem strahlenden Lächeln wies. „Sind Hochzeiten nicht toll?“

„Die von anderen Leuten schon.“ Annie lächelte schelmisch. „Besonders, wenn sie Party Cooks fürs Catering engagieren!“

„Du denkst wohl nur ans Geschäft!“ Liv kicherte und blickte ihre ältere Schwester gespielt vorwurfsvoll an. „Träumst du denn nie davon, einmal zu heiraten?“

Annie verzog das Gesicht. „Ich kann mir einfach nicht vorstellen, einem Mann so weit zu vertrauen, dass ich ihm meine tiefsten Gefühle offenbare …“

Sie unterbrach sich, als ihre jüngste Schwester Megan sich zu ihnen gesellte.

„Hallo Meggie. Du siehst aber hübsch aus!“

„Nein, tu ich nicht. Ich sehe aus wie irgend so ein doofes Milchmädchen!“ Megan ließ sich am Rand des Festzeltes ins Gras plumpsen. „Das hat Peter Voss aus dem Dorf gerade gesagt!“

„Du drückst dich aber nicht gerade damenhaft aus, Meggie“, schalt Annie sie liebevoll und betrachtete mitfühlend das Brautjungfernkleid: Mehrere Unterröcke, blassblauer Taft und eine weiße Latzschürze aus Seide. Miles’ Braut hatte auf das altmodische Outfit im Stil einer kleinen Schäferin bestanden – und bei der folgenden Auseinandersetzung mit der äußerst selbstbewussten, zwölfjährigen Megan offenbar gewonnen.

Trotzig streifte Megan die Schürze ab und ließ sie ins Gras fallen. Dann öffnete sie die oberen Knöpfe ihres Kleides und fächelte sich demonstrativ Luft zu. „Alison ist ja wirklich nett, aber die Arme hat …“

„Psst, Megan“, warnte Liv.

Vorsichtig blickte Annie sich um. An einem Tisch in der Nähe saß die strahlende Alison in ihrem duftig-weißen Kleid mit Reifrock und vielen Rüschen. Sie unterhielt sich mit Verwandten, und ihr hübsches Gesicht glühte vor Glück.

„Nicht so laut, Meggie. Und jetzt geh bitte zu Miles, um ihm zu gratulieren“, sagte Annie und strich Megan eine feuchte honigblonde Strähne aus dem erhitzten Gesicht. „Alison und Miles sind total verliebt und …“

„Ach, hör schon auf. Du glaubst doch selbst nicht an diesen schnulzigen Quatsch!“ Megan sprang auf und marschierte so energisch los, dass sie mit Josh zusammenprallte, der sich gerade mit einem Tablett voller Drinks den Weg durch die Menge bahnte. Die Gläser fielen zu Boden, und eine Portion gut gekühlter Champagner entleerte sich in den Ausschnitt der als äußerst humorlos bekannten Tante Dorothy. Liv stöhnte leise. „Gleich wird sie explodieren …“, flüsterte sie Annie ins Ohr.

Mit einem Schrei sprang die Tante auf und rief wütend: „Megan, was um alles in der Welt tust du eigentlich? Du hast mein Kostüm ruiniert, du dummes Kind!“

„Es tut mir leid …“ Megan brach in Tränen aus. Annie wollte zu ihr eilen, doch Liv hielt sie zurück.

„Warte. Der Trauzeuge eilt ihr schon zur Hilfe.“

Josh legte tröstend den Arm um Megan und reichte ihr ein blendend weißes Taschentuch. Leise sagte er etwas zu Tante Dorothy, die sich daraufhin zu beruhigen schien. Und als er sich zu Megan hinunterbeugte und ihr etwas ins Ohr flüsterte, lächelte sie zaghaft. Bei seinen nächsten Worten, die Annie nicht hören konnte, lachten alle Gäste in der Nähe erleichtert und wandten sich wieder ihren Tischen zu.

„Katastrophe erfolgreich abgewehrt“, stellte Liv leise fest. „Dein Josh kann ziemlich nett sein.“ „Mein Josh?“ Annie warf ihrer Schwester einen aufgebrachten Blick zu. „Sehr witzig.“

„Damals in der Villa Kalimaki habt ihr beiden doch kaum einmal den Blick voneinander gewandt. Ich weiß noch genau, wie Josh dich immer angesehen hat: irgendwie sehnsüchtig, beschützend und … und so, als würdest du zu ihm gehören!“

„Liv, bitte!“ Annie fühlte, wie sie errötete. „Deine Fantasie scheint mit dir durchzugehen …“

Die widersprüchlichen Eindrücke, die sie von Josh hatte, verwirrten sie. Er konnte, wie eben bei Meggie, wirklich nett und herzlich sein. Diesen Charakterzug hatte sie auch während des Urlaubs in Griechenland bemerkt, bevor der Verlobte seiner Schwester alles verdorben und Josh sie, Annie, als männermordenden Vamp verurteilt hatte.

Anfangs hatte Josh sie genauso neckend behandelt wie seine beiden Schwestern. Doch dann hatte er sich zunehmend so verhalten, als wäre sie ihm ebenbürtig, hatte ihr von seiner Arbeit erzählt und sie nach ihren Plänen für die Zeit nach ihrem Abschluss in Englisch gefragt …

Stimmte Livs Beobachtung dazu, wie Josh sie, Annie, in jenem Sommer angesehen hatte? Bei diesem Gedanken wurde ihr ganz heiß. Sie war damals so damit beschäftigt gewesen, ihre eigenen heftigen Gefühle unter Kontrolle zu halten, dass sie es wohl gar nicht bemerkt hätte. Doch die körperliche Anziehung zwischen ihnen war immer stärker geworden.

Vor Eintreffen des treulosen Verlobten gab Josh ihr und Camilla Unterricht im Surfen. Annie stellte sich nicht sehr geschickt an, doch Josh hatte bewundernswerte Geduld mit ihr. Einmal fiel sie vom Surfbrett und verletzte sich an einem scharfkantigen Stein den Fuß. Josh half ihr, zu der steilen Treppe zu humpeln, die zur Villa führte. Dort hatte er sie hochgehoben und die letzten wenigen hundert Meter getragen – ein atemberaubendes Erlebnis, das sie nie vergessen würde.

Annie erinnerte sich noch genau an die Szene: Joshs ausgewaschene blaue Schwimmshorts, sein sonnengebräunter, muskulöser Oberkörper, das dichte schwarze Haar windzerzaust … sie selbst im knappen gelben Bikini und mit blutendem Zeh.

Als Josh sie in der kühlen Eingangshalle der Villa absetzte, war die Luft zwischen ihnen erotisch aufgeladen. Einige Sekunden lang, die ihr wie eine kleine Ewigkeit erschienen, ließ Josh den Blick auf ihr ruhen. Annie war überzeugt, dass er sie jeden Moment küssen würde. Scheu und vor Aufregung zitternd, hielt sie den Atem an. Josh neigte den Kopf und blickte sie aus halb geschlossenen Augen an. Als er ihr über das feuchte Haar strich, erschauerte Annie am ganzen Körper. Doch dann ging plötzlich die Tür auf, und ihre Mutter und Liv kamen herein. Der magische Moment war zu Ende, bevor er überhaupt richtig begonnen hatte.

Am nächsten Tag war Josh wegen eines unerwarteten Auftrags weggefahren. Und bei seiner Rückkehr war Camillas Verlobter bereits auf der Insel und hatte damit begonnen Annie, unablässig nachzustellen. Und damit hatte sich alles geändert …

Zum Glück ist das alles lange vorbei, redete Annie sich ein. Mit ein wenig Glück konnten sie und Josh sich bis zum Ende des Hochzeitsempfangs aus dem Weg gehen. Und sie würde darauf achten, dass das auch in Zukunft so blieb.

„Das Problem an Hochzeitsempfängen ist, dass niemand so genau weiß, wann sie zu Ende sind.“ Josh hatte sich zu Annie an die Bar gesellt.

Als sie ihn auf sich zukommen sah, hatte sich ihr Magen zusammengezogen. Das war es dann also mit der guten Idee, einander aus dem Weg zu gehen. Im Laufe des Abends hatte Josh Schlips und Jackett abgelegt, und von mehreren Ausflügen auf die Tanzfläche im Festzelt – mit einer ganzen Reihe weiblicher Gäste – war sein glänzend schwarzes Haar ein wenig zerzaust.

Offenbar wollte er ihr nun ein Friedensangebot machen. Annie brachte ein leichtes, gelassenes Lächeln zustande.

„Ja, das ist wahr“, stimmte sie ihm zu, schon ein wenig heiser, weil sie die ganze Zeit gegen laute Discomusik anreden musste. „Sollte ich jemals heiraten, werde ich die Reden abwarten, mich danach ganz diskret davonstehlen und mit dem nächsten Flieger in die Sonne fliegen.“

„Nach Griechenland?“ Joshs Miene war undurchdringlich.

„Wahrscheinlich.“ Sie zuckte die Schultern. „Mit Alexia als Mutter würde wohl jeder zum Griechenlandfan werden.“

„Deine Mutter ist Spezialistin für alte Sprachen, stimmt’s?“

Endlich war es Annie gelungen, die Aufmerksamkeit des Barkeepers auf sich zu ziehen. Sie bat um einen Orangensaft mit Eis. Josh nutzte die Gelegenheit, um ein Bier zu bestellen.

„Ja. Sie unterrichtet jetzt Latein und Griechisch in Teilzeit. Vor ihrer Heirat ist sie durch ganz Griechenland gereist.“ Wir betreiben höflichen Smalltalk, um unsere Befangenheit zu überspielen, stellte Annie leicht amüsiert fest.

Die Musik war inzwischen so laut, dass sie das Gefühl hatte, halb taub zu sein. Bunte Lichter zuckten über die tanzenden Gäste.

Als Joshs Blick ihren traf, ließ sein jungenhaftes Lächeln ihr Herz schneller schlagen. Erschrocken versuchte Annie, ihre heftige Reaktion zu unterdrücken. Auf keinen Fall durfte sie sich von der fatalen Mischung aus Spott und Charme aus der Reserve locken lassen.

„Komm …“ Er umfasste leicht ihren Arm und führte sie aus dem Festzelt in den kühlen englischen Sommerabend.

Annie war so überrascht, dass sie sich nicht widersetzte. Als sie sich so weit vom Zelt entfernt hatten, dass die laute Discomusik zu einem reinen Hintergrundgeräusch wurde und man stattdessen das Rauschen des Meers am Fuße des felsigen Abhangs hörte, herrschte eine Weile Schweigen.

„Hast du vielleicht zu viel getrunken?“, fragte Annie dann und löste sich aus seinem Griff.

„Nein, nur paar Gläser Champagner und ebenso viel Wasser. Das hier ist mein erstes Bier.“ Er schenkte ihr ein gefährliches Lächeln. „Warum fragst du – lalle ich etwa?“

„Nein, ich verstehe nur nicht, warum du dich plötzlich so benimmst, als wären wir alte Freunde. Wenn ich mich recht erinnere, hast du noch vor wenigen Stunden meine Moral infrage gestellt.“

„Und wenn ich mich recht erinnere, hast du auch kein Blatt vor den Mund genommen.“ Als er sie ansah, wirkte seine Miene vorsichtig. „Also gut: Ich versuche, es wieder gutzumachen.“

„Du entschuldigst dich dafür, mich beleidigt zu haben?“

„Genau.“ Josh klang leicht ironisch.

„Na gut, dann entschuldige ich mich ebenfalls …“ Auch Annie sprach mit leicht spöttischer Stimme. „… aber vor allem, weil ich mich schäme, die Beherrschung verloren zu haben. Woher kommt dein plötzlicher Sinneswandel?“

„Mir hat eine deiner Verwandten, die dir offenbar sehr zugetan ist, das halbe Ohr abgekaut“, erwiderte Josh trocken.

„Liv?“ Annie musste lachen.

„Offenbar ist sie der Meinung, dass ich dich völlig falsch eingeschätzt habe.“

„Tatsächlich? Und was glaubst du?“

Als Josh mit den Schultern zuckte, betrachtete sie unwillkürlich seine Muskeln, deren Bewegungen sich unter dem feinen Stoff seines weißen Hemdes abzeichneten.

„Schwer zu sagen, solange ich dich nicht besser kenne“,

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