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Insel der zärtlichen Versuchung

Nicola Marsh

Insel der zärtlichen Versuchung

1. KAPITEL

Gestrandet. Überlebenstipp Nr. 1:
Die Vergangenheit ist nur einen Telefonanruf entfernt
.

Kristi Wilde nahm die rosafarbene Rose und atmete ihren zarten Duft ein. Eigentlich sollte sie sich bei Lars dafür bedanken. Doch dann fiel ihr Blick auf die nichtssagende Karte, die er beigelegt hatte. So ähnliche hatte er vermutlich schon vielen Frauen geschickt. Im hohen Bogen flogen Karte und Blume in den Papierkorb neben dem Schreibtisch.

Sie hatte sich ja nur aus beruflichen Gründen mit Sydneys Topdressman verabredet. Vor Kurzem war es einer konkurrierenden Werbeagentur nämlich gelungen, einen echten Coup zu landen und die „Annabel Modelling Agency“ als Klienten zu gewinnen, und Kristi hatte das erste Event der Agentur aus nächster Nähe miterleben wollen.

Die Tatsache, dass Lars ein Bild von einem Mann war, hatte der Sache lediglich einen zusätzlichen Reiz verliehen. Hand in Hand mit ihm ins „Guillaume“ zu schlendern hatte ihr Selbstwertgefühl gehoben.

Aber außer seinem umwerfenden Aussehen hatte Lars nicht viel zu bieten. Während sie an jenem Abend die Konkurrenz beobachtete und sich den Champagner und das französische Essen schmecken ließ, sprach er nur über sich selbst.

Trotzdem spielte sie die Interessierte und himmelte ihn an. Sie würde zurzeit alles für eine Beförderung tun – ausgenommen deshalb mit jemandem ins Bett gehen. Doch genau dieses Ziel hatte Lars verfolgt, seit sie am Ende des Abends in den Lift gestiegen waren …

Vielleicht wollte er sich mit der Rose für sein aufdringliches Verhalten entschuldigen. Eher nicht, dachte Kristi, während sie sich daran erinnerte, wie selbstgefällig und zuversichtlich er zu glauben schien, dass sie das nächste Mal seinem Charme erliegen würde. Vermutlich beabsichtigte er, sie mit der Blume umzustimmen und seine Chancen bei ihr zu erhöhen.

Kristi versetzte dem Papierkorb mit einem ihrer fuchsiafarbenen Designer-Peeptoes einen Stoß. Dann blickte sie in ihren Terminplaner. Es blieb ihr gerade noch Zeit, einen Soy Chai Latte zu trinken, bevor sie zu einer Werbeveranstaltung ins Kricketstadion aufbrechen musste.

Sie nahm ihre Handtasche und eilte zur Tür. Kaum hatte sie sie geöffnet, da stöckelte ihre in einen schwarzen Samtumhang gehüllte Chefin auf Schuhen mit zehn Zentimeter hohen Absätzen an ihr vorbei ins Zimmer.

„Hallo, Ros, ich bin gerade unterwegs …“

„Du gehst nirgendwohin.“ Rosanna hielt ihr einen Stoß Papiere unter die Nase und zeigte zum Schreibtisch. „Setz dich, und hör zu.“

Kristi verdrehte die Augen. „Dieses herrische Getue beeindruckt mich nicht mehr sonderlich, seit ich dich auf der letzten Weihnachtsfeier mit dem halb nackten Kellner Tango tanzen gesehen habe. Und nach der Sache mit dem Stripper auf Shays Junggesellinnenabschied …“

„Sei still.“

Rosanna war eine enorm engagierte, zielstrebige Geschäftsfrau. Doch sie besaß auch eine wilde Seite, auf die sie stolz war und für die ihre Mitarbeiter sie liebten. Kristi konnte sich nicht vorstellen, mit einem anderen Boss je so zu sprechen wie mit Ros.

„Schau dir das mal an.“ Rosannas schwarz umrandete Augen blitzten, während sie ihr den Stapel reichte. Dann klatschte sie in die Hände. So aufgeregt hatte Kristi sie zuletzt erlebt, als ihre Firma „Endorse This“ einer anderen Werbeagentur einen wichtigen Klienten vor der Nase weggeschnappt hatte. „Du wirst mir dankbar sein.“

Was hatte ihre Chefin in solch eine Hochstimmung versetzt? Neugierig überflog Kristi die erste Seite, wurde aber nicht schlau daraus. „Worum geht es bei diesem Realityshow-Dokumentarfilm?“ Das Ganze klang interessant. Zumindest wenn man verrückt genug war, freiwillig eine Woche mit einem fremden Mann auf einer einsamen Insel zu verbringen. „Sollen wir die Werbung dafür machen?“

Rosanna schüttelte den Kopf mit der rot gesträhnten Lockenmähne. „Nein, noch besser.“

Kristi blätterte die Seiten durch und stieß auf ein Anmeldeformular. „Du möchtest daran teilnehmen?“

„Nicht ich.“ Rosanna lächelte und sah aus wie eine Löwin, die sich auf eine wehrlose Gazelle stürzen will.

„Wer dann?“ Das Lächeln ihrer Chefin wurde noch breiter. „Oh, nein, das ist nicht wahr!“

Rosanna setzte sich auf die Schreibtischkante und betrachtete angelegentlich ihre in dunklem Violett lackierten Nägel. „Ich habe deine Personalien eingetragen, und du bist ausgewählt worden. Nur du und irgendein sexy Typ auf einer einsamen Insel für sieben Tage und sieben lange heiße Nächte. Super, oder?“

Kristi fielen eine Menge Worte ein, um zu beschreiben, wie sie das fand, aber „super“ gehörte nicht dazu.

„Ich möchte, dass du für eine Woche die Überlebenskünstlerin spielst.“

Das war bestimmt ein Scherz. Es konnte nur einer von Rosannas bizarren Tests sein, mit denen sie zuweilen die Loyalität ihrer Angestellten auf die Probe stellte.

Kristi atmete zur Beruhigung tief ein und aus, während sie fieberhaft nachdachte. Mit welcher Begründung konnte sie das Ansinnen ihrer Chefin ablehnen? Es gab nur eine Möglichkeit. Sie musste an Rosannas Geschäftssinn appellieren.

„Das klingt interessant.“ Sie legte die Unterlagen auf den Schreibtisch. „Doch ich bin zurzeit mit Arbeit reichlich eingedeckt. Ich kann nicht einfach alles stehen und liegen lassen.“

„Kennst du Elliott J. Barnaby, den besten Produzenten weit und breit?“ Als Kristi nickte, sprang Rosanna auf. „Er macht einen Dokumentarfilm über das Phänomen ‚Realityshow‘, das momentan die ganze Welt fasziniert. Zwei Leute müssen auf einer einsamen Insel eine Woche lang mit begrenzten Mitteln auskommen.“

„Das hört sich nach einem Riesenspaß an.“

Rosanna ignorierte Kristis sarkastischen Ton und reichte ihr einen Flyer. „Der Sieger gewinnt einhunderttausend Dollar.“

„Wie bitte? Davon hast du gar nichts gesagt.“

„Nein? Vielleicht bin ich wegen deiner stürmischen Begeisterung noch nicht dazu gekommen.“

Kristi nahm das Informationsblatt und überflog es. Falls sie sich tatsächlich auf Rosannas absurde Idee einlassen sollte, wusste sie bereits, was sie mit dem Geld anfangen würde.

Kurz dachte sie an gestern Abend. Sie hatte wie so häufig ihre Schwester Meg besucht, die in einer schäbigen kleinen Wohnung am Stadtrand von Sydney lebte. Die Wände waren dort dermaßen dünn, dass man den heftigen Streit des Ehepaars im Nachbarapartment nicht hatte überhören können. Vor dem Fenster hatten sich zwei rivalisierende Straßengangs lautstark beschimpft. Im Kühlschrank fand sich nur das Nötigste, und auf dem Küchenschrank lag ein Stoß unbezahlter Rechnungen.

Meg rackerte sich als Alleinerziehende für ihre Tochter Prue ab und bemühte sich nach besten Kräften, ihr eine gute Mutter zu sein. Die Vierjährige war die Einzige, die ihrer erschöpften Mum dieser Tage ein Lächeln entlocken konnte.

Leider weigerte sich ihre jüngere Schwester kategorisch, auch nur einen Cent von ihr anzunehmen. Möglicherweise würde ihr Stolz es jedoch zulassen, das Preisgeld zu akzeptieren.

„Ein ganz schönes Sümmchen, oder?“ Rosanna funkelte sie schon beinahe besessen an.

Kristi kannte diesen Blick. Er bedeutete, dass ihre ungeheuer dynamische Chefin dabei war, einen großartigen Klienten an Land zu ziehen. „Endorse This“ war Rosannas Leben. Die PR-Firma rangierte in Sydney nicht umsonst an erster Stelle. Ros war eine witzige und faire Chefin, erwartete aber von ihren Leuten, dass sie ebenfalls Glanzleistungen vollbrachten.

„Der Betrag ist beeindruckend.“ Kristi versuchte, nicht an Meg und Prue zu denken, und gab Rosanna den Flyer zurück. „Trotzdem ist er es nicht wert, sich für eine Woche auf einen wildfremden Mann einzulassen und bei der unheilvollen Erfahrung auch noch gefilmt zu werden.“

Rosanna presste die aufgespritzten Lippen zusammen und sah Kristi an. „Du wirst es tun“, erklärte sie energisch, und als Kristi vor Überraschung der Mund offen stehen blieb, legte sie ihr einen Finger unters Kinn und schloss ihn wieder. „Ich bin letzte Woche von ‚Channel Nine‘ angerufen worden. Dort sucht man eine geeignete PR-Agentur für eine neue Realityshow, die auf einer Insel spielt. Deshalb habe ich dich für diesen Dokumentarfilm angemeldet. Wenn du deine Sache gut machst, sind wir bestens für ‚Channel Nine‘ gerüstet und im Geschäft.“ Rosanna lächelte sie honigsüß an. „Natürlich wirst du dann auch das Projekt leiten.“

„Das ist nicht fair“, stieß Kristi hervor und wünschte sich, sie hätte geschwiegen, denn Rosannas Lächeln verschwand sofort.

„Was ist nicht fair? Dass du ‚Endorse This‘ dabei hilfst, den größten Klienten in diesem Jahr an Land zu ziehen? Oder dass du dabei praktisch befördert wirst? Von der Gelegenheit, das Preisgeld zu gewinnen, will ich gar nicht erst reden.“

Sie hatte keine Wahl, sie würde es tun müssen. Sollte ihre Beförderung nicht schon Anreiz genug sein, so war es die Chance, hunderttausend Dollar zu erringen, allemal. Ihre bezaubernde, naive, unermüdliche kleine Schwester hatte genug Schlimmes hinter sich und verdiente ein besseres Leben.

„Okay, ich bin dabei.“

„Super. In ein paar Stunden triffst du dich mit dem Produzenten. Erzähl mir später die Einzelheiten.“ Rosanna blickte auf ihre Armbanduhr. „Ich kontaktiere jetzt ‚Channel Nine‘ und bringe die Leute dort auf den neuesten Stand.“

Ja, ich habe mich richtig entschieden, dachte Kristi, während ihre Chefin zur Tür ging. In den letzten sechs Monaten hatte sie wie eine Verrückte gearbeitet, um befördert zu werden. Wenn sie dazu beitrug, „Channel Nine“ als Klienten zu bekommen, würde das ihrer Karriere einen immensen Schub versetzen. Und sie würde dafür sorgen, dass Meg das ganze Preisgeld für sich und Prue verwendete.

„Ach, übrigens …“ Rosanna drehte sich auf der Schwelle noch einmal um. „Habe ich bereits erwähnt, dass du mit Jared Malone auf der einsamen Insel stranden wirst?“

2. KAPITEL

Gestrandet. Überlebenstipp Nr. 2:
Stell sicher, dass du nicht vor laufender Kamera dahinschmilzt
.

Elliott legte die Nickelbrille auf einen Stoß Papiere, sah auf die Armbanduhr und bemerkte dann, dass Jared sich seinem Tisch im Café näherte. „Schön, dass du es auch endlich geschafft hast.“ Er trank einen Schluck von seinem doppelten Espresso und deutete auf den Lieblingssoftdrink seines Freundes. „Wir warten schon auf dich.“

Jared zuckte die Schultern und zeigte auf sein lädiertes Knie. „Die Physiotherapie hat etwas länger gedauert.“ Er setzte sich und spürte den gewohnten Schmerz. „Der Kreuzbandriss ist gut verheilt, aber die Entzündung im Knie gibt den Ärzten Rätsel auf.“

„Du konsultierst die Besten, oder?“

Jared verdrehte die Augen. „Ja, Dad.“

„Du Idiot.“

„Genau der Idiot, der dir zu einer weiteren deiner heiß begehrten Auszeichnungen verhelfen wird.“ Elliott nickte in Richtung der Papiere.

„Lass mich raten. Die üblichen Erklärungen, dass du für nichts verantwortlich bist, was ich vor laufender Kamera sage oder tue.“

„So ähnlich.“ Elliott schob ihm das oberste Dokument zu. „Darin steht das Wesentliche.“

Jared warf nur einen flüchtigen Blick darauf. Sein Freund hatte ihm die Vorzüge der Doku bereits lang und breit erläutert. Eigentlich war ihm überhaupt nicht danach zumute, eine Woche mit einer fremden Frau auf einer einsamen Insel festzusitzen. Aber wenn er dadurch Sydneys benachteiligte Kids in das neue Freizeitzentrum locken konnte, würde er es tun.

Er hatte viele Jahre im Rampenlicht gestanden. Die Medien hatten sich nicht nur für seine Karriere als Tennisprofi interessiert, sondern auch für sein Privatleben. Er hatte es gehasst. Jetzt war es an der Zeit, seine Bekanntheit zu seinem Vorteil zu nutzen. Diese sieben Tage auf der Insel bedeuteten jede Menge kostenlose Publicity.

Elliotts preisgekrönte TV-Dokumentarfilme wurden von Millionen gesehen und noch lange danach überall heiß diskutiert. Sie wurden zur besten Sendezeit ausgestrahlt, in der man für Werbespots Tausende von Dollar zahlen musste. Geld, das er lieber in die Ausstattung des Freizeitzentrums „Activate“ stecken wollte.

Als sein Freund ihm die Zusammenarbeit vorgeschlagen hatte, war er sogleich darauf eingegangen. Zahllose Zuschauer würden durch das Fernsehen von „Activate“ erfahren und hoffentlich die Kunde von seiner Existenz verbreiten.

Es war für sie beide ein profitabler Deal. Elliott gewann einen Ex-Tennisprofi für seinen Film, und er bekam die Gelegenheit, kostenlos für das gemeinnützige Zentrum zu werben.

„Und mit wem werde ich das Vergnügen haben?“ Nicht, dass er sich darüber Gedanken machte. Nach etlichen Jahren im Tenniszirkus hegte er keinen Zweifel, dass er die Woche mit links absolvieren würde.

Elliott sah zur Tür und zog die Brauen hoch. „Da kommt sie gerade. Wow. Du bist schon immer ein Glückspilz gewesen.“

Neugierig wandte Jared den Kopf, und sein Blick begegnete dem aus einem Paar tiefblauer Augen, die ihn vorwurfsvoll ansahen. Kristi! Nein, die sieben Tage auf der einsamen Insel würde er alles andere als mit links absolvieren.

„Dich knöpfe ich mir später vor“, sagte Jared leise zu Elliot, der ihn verwirrt anschaute, während Kristi auf ihren High Heels auf den Tisch zustöckelte. Sie hatte schon damals eine Schwäche für Schuhe, dachte Jared. Fast so groß wie meine für sie. „Schön, dich wiederzusehen …“

„Hast du es gewusst?“ Sie hatte ihm zwar das Wort abgeschnitten, seinem Begrüßungskuss sollte sie jedoch nicht entgehen.

Jared stand auf, trat zu ihr und küsste sie auf die Wange. Unwillkürlich atmete er ihren Duft ein. Er war ihm nach all den Jahren noch immer sehr vertraut und beschwor eine Flut von Erinnerungen in ihm herauf.

Wie sie auf die Harbour Bridge gestiegen waren und Kristi oben lachend an seine Brust gesunken war und später in sein Bett. An laue Sommerabende, an denen sie nach dem Essen in einem Wassertaxi zu ihm gefahren waren und sich unterwegs nur mühsam hatten beherrschen können. Aber vor allem an ihre unbeschwerte, heitere, leidenschaftliche Beziehung – bis Kristi dann zu klammern angefangen und er Reißaus genommen hatte.

Aus gutem Grund. Damals war er auf der Weltrangliste schnell nach oben geklettert. Er hatte sich den Menschen verpflichtet gefühlt, die ihre Zeit in ihn investiert hatten. Anders als seine Eltern, die aus reichem Haus stammten und ihre Privilegien als selbstverständlich ansahen, hatte er nie jemand sein wollen, der die Leute benutzte.

Sein Werdegang war ohnehin einem merkwürdigen Zufall zu verdanken. Seine hochnäsigen Eltern hatten ihn einst aus Bequemlichkeit ein paar Stunden täglich im Tennisclub abgeladen. Für sie war es eine Art Kinderbetreuung gewesen und für ihn der Grundstein zu einer ruhmreichen Karriere, die ihm viel Geld und zahllose Frauenbekanntschaften beschert hatte.

Doch nur eine einzige Frau war ihm je nahe genug gekommen, um zu erkennen, wie der Mann mit dem scheinbar gelassenen Lächeln wirklich war. Kristi. Er hatte sich nicht bloß seiner Karriere wegen von ihr getrennt.

Sie sprühte noch genauso vor Leben, war noch ebenso hübsch wie vor acht Jahren und führte ihm erneut vor Augen, wie viel er damals aufgegeben hatte. Gern hätte er den Begrüßungskuss noch ein wenig in die Länge gezogen, aber sie warf hochmütig den Kopf zurück und trat einen Schritt beiseite. Doch der flüchtige weiche Zug um ihren Mund entging ihm nicht.

„Hast du es gewusst?“

Jared legte ihr die Hand auf den Rücken, um sie zu einem Stuhl zu geleiten. Es überraschte ihn nicht, dass sie sich sogleich versteifte. „Nein, ich habe erst erfahren, wer meine Mitgestrandete sein wird, als du ins Café gekommen bist.“

Elliott streckte ihr die Hand entgegen. „Elliott J. Barnaby, der Produzent von ‚Gestrandet‘. Ich freue mich, dich kennenzulernen und dass du mit dabei bist.“

„Worüber wir reden müssen.“ Kristi winkte einen Kellner herbei, bestellte eine Zitronenlimonade und setzte sich sehr aufrecht auf einen Stuhl. „Bevor wir anfangen, möchte ich einige Dinge klarstellen. Erstens bin ich nicht aus Begeisterung hier. Zweitens mache ich das Ganze des Geldes wegen.“ Sie zeigte mit dem Finger auf Jared. „Und drittens sollte die Insel besser groß genug für uns beide sein. Ich würde nämlich lieber zum Festland zurückschwimmen, als eine Woche lang mit dir zusammengepfercht zu sein.“

Neugierig blickte Elliott von einem zum anderen. „Ihr kennt euch?“

Kristi schaute ihn an. „Hat Seine Lordschaft nichts erzählt?“

Der Produzent lächelte. „Mir was erzählt?“

„Wir kennen uns“, antwortete Jared gelassen und nahm ebenfalls wieder Platz. Zweifellos würde Elliott später genau wissen wollen, wie gut. „Wir sind ehemalige Freunde. Einander wieder näherzukommen wird viel Spaß machen.“

„Ja, so viel wie eine Wurzelbehandlung.“

Nach der anstrengenden Physiotherapie war Jared nicht gerade bester Laune gewesen. Doch die Vorstellung, sich sieben Tage lang geistreiche Wortgefechte mit Kristi zu liefern, hob seine Stimmung beträchtlich. Er unterdrückte ein Lächeln, verschränkte die Arme vor der Brust und sah Elliott an. „Dass wir uns kennen, ist doch kein Problem, oder?“

„Nein, im Gegenteil. Es dürften sich einige spannende Interaktionen ergeben. In dem Dokumentarfilm soll die Wirklichkeit hinter der Realityshow aufgezeigt werden. Wie ihr während der Woche, in der ihr keine weitere Gesellschaft habt, miteinander redet und umgeht, dürfte für die Zuschauer sehr unterhaltsam werden.“ Elliott schwieg und runzelte die Stirn. „Ehemalige Freunde? Was nicht heißt, dass ihr zusammengelebt habt, oder?“

„Große Güte, nein.“

Jared verwünschte seine spontane Antwort, als er den verletzten Ausdruck in Kristis unvergesslich schönen Augen bemerkte. Doch im nächsten Moment hob sie das Kinn und fixierte ihn so kalt, dass er glaubte, seine Wahrnehmung habe ihn getäuscht.

„Mit einem Kind zusammenzuleben finde ich nicht gerade spaßig.“ Herausfordernd blickte sie ihn an.

Sie wollte, dass er sich auf einen Schlagabtausch einließ. Nein, das würde er nicht tun. Sie hatten auf der Insel noch genug Zeit dafür. Bestimmt würde es sehr interessant werden.

Elliott schien die unterschwellige Spannung zwischen ihnen nicht zu spüren und rieb sich die Hände. „Gut. Sonst wäre die Ausgangsbasis nämlich eine andere. So werden eure Reaktionen echter sein.“ Er schob Kristi eine Akte zu. „Ich weiß, dass deine Chefin dich angemeldet hat. Du musst dir die Bedingungen durchlesen, die Formulare an der markierten Stelle unterschreiben, und dann reden wir.“

Sie nickte, nahm den Stift, den er ihr reichte, und begann, die Papiere zu studieren. Der Kellner servierte ihre Limonade, von der sie ab und an nippte. Während sie beschäftigt war, nutzte Jared die Gelegenheit, um sie in aller Ruhe zu betrachten.

Als sie sich kennengelernt hatten, war sie einundzwanzig Jahre alt gewesen. Hübsch, süß und kess, mit einer zerzausten, langen blonden Mähne, einer etwas rundlichen Figur und lässiger Kleidung.

Jetzt trug sie das Haar perfekt frisiert, war perfekt geschminkt, und ihr inzwischen perfekt schlanker Körper steckte in einem perfekten rosafarbenen Designerkostüm. Ja, sie faszinierte ihn mehr denn je. Und auch wenn sie nun ganz wie eine tüchtige Geschäftsfrau wirkte, war die „alte“ Kristi bestimmt nicht weit.

„Alles sieht okay aus.“ Sie unterzeichnete mehrere Dokumente und reichte sie Elliott. „Was ich wissen muss, steht hier drin?“

„Ja. Hast du eine Ahnung, worum es bei ‚Gestrandet‘ geht?“

Kristi schüttelte den Kopf. „Meine energische, anmaßende Chefin hat mir keine Details verraten.“

„Okay. Das Ganze ist grundsätzlich ein Wettstreit. Es gilt, verschiedene Herausforderungen zu bestehen. Wer sie am besten meistert und die meisten Besucher auf seinen Netzwerkseiten im Internet verzeichnet, gewinnt das Preisgeld. Ich will mit dem Dokumentarfilm eine Aussage über unser TV-Verhalten machen und verdeutlichen, wie wir heute networken.“

Den Sieg kannst du dir vermutlich abschminken, dachte Kristi, während Elliott weiterredete. Sie war nie eine Sportskanone gewesen und würde auch Jareds Popularität nicht überbieten können.

„Momentan gibt es haufenweise Realityshows. ‚Gestrandet‘ soll nicht einfach bloß eine weitere sein. Ich möchte zeigen, wie zwei Personen interagieren und miteinander auskommen, wenn sie nur auf sich gestellt sind, keine Zerstreuungen haben und weder direkt von außen beeinflusst noch von Schiedsrichtern beurteilt werden. Mir geht es um ein ehrliches Feedback.“

„Womit wir beim täglichen Bloggen und Twittern wären?“

„Genau. Dadurch erfahren die Leute sofort eure unmittelbaren Gefühle. Auch wird auf diese Weise die Neugier auf den Dokumentarfilm gesteigert, der eine Woche nach eurer Rückkehr gesendet werden wird.“

„Werden wir permanent gefilmt?“

„Nein“, antwortete Elliott. „Die Kameras werden durch Bewegung aktiviert und sind nur an bestimmten Orten auf der Insel installiert. Wenn du ungestört sein oder eine Auszeit haben möchtest, kannst du dich in geschützte Bereiche zurückziehen.“

Jared merkte ihr die Erleichterung an und fragte sich, warum sie überhaupt an der Sache teilnahm. Sie hatte behauptet, dass es ihr um die hunderttausend Dollar gehe. Doch es musste noch einen anderen Grund geben, denn sie war nie geldgierig gewesen. Zumindest nicht vor acht Jahren.

„Das ist gut zu wissen.“ Er beugte sich zu ihr. „Für den Fall, dass du dich auf mich stürzen willst, kannst du es im Verborgenen tun.“

„Träum weiter, Malone.“

„Das habe ich schon oft, Wilde.“

Erfreut beobachtete er, wie sie errötete. Sie senkte den Blick auf ihre unruhigen Hände und verschränkte sie schließlich. Dann sah sie wieder auf und ihn herausfordernd an.

„Willst du das wirklich tun?“, erkundigte er sich leise und war dankbar, als Elliott sich entschuldigte und in Richtung der Toiletten verschwand.

„Was tun?“ Unschuldig schaute sie ihn an.

Sie war gut, aber er war besser. Er hatte schon immer jeden ihrer verbalen Bälle zurückgeschlagen und ihre Wortspiele ebenso sehr genossen wie ihre Vorspiele. Kristi regte ihn auf eine Weise an, wie keine andere Frau es je vermocht hatte. Die Vorstellung, eine Woche mit ihr auf einer Insel zu verbringen, machte ihn so kribbelig und nervös wie früher die Aussicht auf ein Grand-Slam-Turnier.

„Du weißt, was.“ Er beugte sich noch näher zu ihr und war nicht überrascht, dass sie keinen Millimeter zurückwich. „Du und ich.“ Er zeigte auf sie, dann auf sich. „Ganz so wie früher.“

„Vorsicht, du gerätst gleich ins Schwärmen.“

„Wirst du sentimental?“

„Wohl kaum. Es müsste mir schon etwas bedeuten, damit ich in Erinnerungen schwelgen wollte.“

„Was heißen soll?“

Kristi hob die Schultern und betrachtete angelegentlich ihre lackierten Fingernägel. „Dass es das nicht tut.“

Jared lachte und lehnte sich ein wenig zurück. „Du warst schon immer eine schlechte Lügnerin.“

„Ich habe nicht …“

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