Logo weiterlesen.de
Insel der zärtlichen Träume

1. KAPITEL

Keelin O’Donnell war eigentlich ein Mensch, der den neuen Tag mit Schwung und Elan begann. Heute jedoch wurde ihre heitere Frühaufstehermentalität hart auf die Probe gestellt.

Sie blieb stehen, sah sich um und seufzte. Das Haus musste hier doch irgendwo sein. Hatte sie sich etwa verirrt?

Plötzlich ertönte in der Nähe Hundegebell.

„Na wunderbar.“ Keelin sah mit gerunzelter Stirn in die Richtung, aus der das Bellen kam. „Jetzt werde ich auch noch von wilden Hunden angefallen. Hier, mitten im Moor. Der Hund der Baskervilles ist also doch real.“

Das Bellen kam näher. Einem angriffslustigen Knurren glich es allerdings nicht, eher einem aufgeregten Kläffen. Das beruhigte Keelin immerhin ein wenig. Mit ihren blauen Augen suchte sie aufmerksam die Gegend ab. Jetzt, da die letzten Schwaden des Morgennebels sich lüfteten, konnte sie auch endlich die Umrisse von alten Steinmauern zu beiden Seiten der Straße, auf der sie ging, erkennen. Da lagen Felder, über denen noch milchige Dunstwölkchen standen, dort, wo der Morgentau sich in kleinen Kuhlen gesammelt hatte.

In der Ferne hörte Keelin das Rauschen der See, Salzgeruch lag in der Luft. Das rhythmische Schlagen der Brecher an die Felsen sollte eigentlich beruhigend wirken, doch Keelin kam sich verlassen vor wie der letzte Mensch auf Erden.

Bis sie aus den Augenwinkeln heraus eine Bewegung wahrnahm. Eine Gestalt kam durch den Nebel geradewegs auf sie zu. Das Hundegebell wurde lauter. Sie hörte eine Stimme – eindeutig männlich – nach den Hunden rufen, dann ein Pfeifen. Also war es ein Mann, der sich ihr näherte, und nicht irgendein gespenstischer Moorgeist.

Nebelfetzen waberten um seine Knie. Die Sonne trat aus den Wolken und warf ihr Licht auf sein dunkles Haar. Keelin blieb regungslos stehen und hielt den Atem an.

Der Mann sah faszinierend aus!

Er hätte direkt einem Modemagazin für rustikale Mode entstiegen sein können. Frauen kauften solche Sachen für ihre Männer, in der Hoffnung, den verweichlichten Städter in einen edlen Landlord zu verwandeln.

Zwei quicklebendige Springerspaniels liefen neben ihm her, und Keelin glaubte plötzlich, in die Vergangenheit zurückversetzt worden zu sein. Das musste an dem Aufzug des Mannes liegen, anders war es nicht zu erklären. Er trug einen langen gewachsten Mantel, das kragenlose Hemd stand am Hals offen, und er benutzte sogar einen langen Stock beim Gehen! Wenn Heathcliff, die Hauptfigur aus Emily Brontës Roman „Sturmhöhe“, an jenem Morgen im Moor auch nur halb so gut ausgesehen hatte, war es völlig unverständlich, wie Catherine ihn jemals hatte verschmähen können!

Ohne den Blick von ihr zu wenden, näherte sich der Mann ihr. Keelins Mund wurde trocken. Wo versteckten sich solche Kerle denn ansonsten? Etwa hier auf dieser kleinen Insel vor der Küste von Kerry? Welch eine Verschwendung für die Frauenwelt!

„Guten Morgen.“

Himmel, selbst seine Stimme war ein Traum! Die tiefste, melodischste, sonorste, samtenste Stimme, die Keelin je gehört hatte. Geradezu die Symphonie einer Stimme! War dieser Mann überhaupt real oder eine Erscheinung?

Sie blinzelte und starrte ihn stumm an. Schließlich hatte sie schon immer eine Schwäche für große, dunkle, gut aussehende Männer gehabt. Welche Frau nicht?

Sag etwas, Keelin!

Schließlich räusperte sie sich und brachte ein heiseres „Hallo“ hervor.

Wie geistreich!

Der Mann schaute sie unverwandt an. „Haben Sie sich verlaufen?“

Wenn der Rest an ihm ebenso fantastisch war wie seine Augen, könnte ihr das durchaus noch passieren! „Nicht dass ich wüsste. Das heißt, wenn der Mann im Hotel mir die richtige Wegbeschreibung gegeben hat.“

„Patrick?“ Ein Lächeln huschte über sein Gesicht, ließ eine Reihe perfekter weißer Zähne aufblitzen und zwei winzige Grübchen auf beiden Wangen, während er weiter auf sie zutrat. „Wahrscheinlich hat er auch behauptet, es sei nur ein kleines Stück zu laufen, gerade genug, um sich die Beine zu vertreten?“

Wenn man so lange Beine hatte wie dieser Mann, vielleicht. Keelin allerdings war knapp über 1,60 m groß, und das auch nur an den Tagen, an denen sie Schuhe mit hohen Absätzen trug. Valentia Island vor der Südwestküste Irlands war mit Sicherheit nicht der Ort für hohe Absätze.

Sie nickte ergeben. „Richtig. Ist das sein üblicher Streich für Leute, die sich hier nicht auskennen?“

„Ich fürchte, ja.“ Ohne den Blick von ihrem Gesicht zu wenden, streichelte er einem Spaniel über den Kopf. Der Hund wedelte begeistert mit dem Schwanz. „Wohin wollten Sie denn?“

„Inishmore House.“ Keelin bemühte sich redlich, nicht eifersüchtig auf einen nassen Hund zu sein. Schließlich hatte ihr das letzte Mal jemand über den Kopf gestrichen, als sie neun gewesen war, und schon damals hatte sie es nicht leiden können. „Es soll hier irgendwo sein. Außerdem habe ich in der Broschüre gelesen, dass die Insel nur sieben Meilen lang ist. Also kann ich wohl nicht mehr lange laufen müssen, bis ich am Inselende von den Klippen stürze.“

„Keine Sorge, bevor das passiert, bleibt Ihnen noch eine gute Meile.“

„Das ist ungemein beruhigend.“

Der Fremde trat den letzten Schritt auf die niedrige Steinmauer zu, die jetzt eine Art Sperre zwischen ihnen bildete. Für einen Moment war Keelin abgelenkt, als einer der Hunde sich mit den Vorderpfoten auf die Mauer stützte und sie mit schief gelegtem Kopf musterte. Dann leckte er Keelin vertrauensselig über die Hand.

Mit einem weichen Lächeln richtete sie den Blick auf das Gesicht des Mannes. Und ertrank schier in dunkelbraunen warmen Augen, umrahmt von verboten langen Wimpern. Um nicht laut aufzuseufzen, konzentrierte sie sich darauf, den nassen Hundekopf zu tätscheln. Schöne Augen hatten sie schon immer einnehmen können, und dieser Mann da hatte sensationelle Augen. Nur … diese Vorliebe hatte ihr schon einmal Herzeleid eingebracht.

Außerdem … ein solcher Mann lebte bestimmt nicht allein auf der Insel.

„Was sucht jemand wie Sie in Inishmore House?“

Das kam einem ‚Was macht ein nettes Mädchen wie Sie an einem Ort wie diesem?‘ recht nahe, oder? Und umwerfend aussehende Männer, die jeden einzelnen ihrer Sinne in Aufruhr versetzten, waren ihr auch schon lange nicht mehr begegnet. Keelin wusste nicht so recht, wie sie damit umgehen sollte.

Schließlich war sie nicht auf der Suche nach einem romantischen Abenteuer hergekommen, ganz gleich, wie dieser Mann aussehen mochte. Das war die Art Komplikation, die sie im Moment überhaupt nicht gebrauchen konnte. Nein, sie durfte sich nicht vom Wesentlichen ablenken lassen.

Also atmete sie einmal durch und besann sich auf verbindliche Umgangsformen. Ließ ihre Stimme geschäftsmäßig klingen, machte deutlich, dass sie etwas zu erledigen hatte.

„Ich suche jemanden. Ist es noch weit?“

„Gerade weit genug, um sich die Beine zu vertreten.“

Keelin fand das gar nicht lustig. „Sehr witzig.“

Er lachte auf, kurz nur, doch der angenehme Klang fuhr Keelin durch Mark und Bein, schlug Wellen in ihrem Innern wie ein Stein, der in einen Teich fällt.

Irgendetwas musste in dieser Luft liegen, ganz offensichtlich. Der Nebel, die frische Morgenluft, die Gestalt, die so dramatisch langsam herangekommen war … Es war die Szenerie, die sie reizte. Eine andere Erklärung konnte es nicht geben.

Möglicherweise auch die Furcht vor dem, was sie hier herausfinden würde.

Sie reckte die Schultern. Schließlich hatte sie die lange Reise nicht auf sich genommen, um dem erstbesten Mann zu erliegen, der ihr zufällig begegnete.

„Wenn Sie mir den richtigen Weg sagen könnten, wäre das sehr nett.“

„Ich tue sogar noch mehr. Ich bringe Sie hin.“

Oh nein, ganz bestimmt nicht! Keelin hatte genügend Krimis gelesen, um zu wissen, wie so etwas ablief. Und dieser Mann war auch so schon gefährlich genug, ohne dass sie sich ihm in dieser einsamen Gegend anvertraute. „Vielen Dank, das ist nicht nötig. Wenn Sie mir nur die Richtung weisen …“

„Ich gehe ebenfalls dorthin.“

Aber nicht mit ihr! „Wirklich, ich bin sicher, ich finde es …“

„Gibt es denn heute in der Stadt keine echten Gentlemen mehr?“

Viele sicher nicht, aber darum ging es hier nicht. „Ich kenne Sie doch gar nicht.“

„Dieser Mangel lässt sich leicht beheben.“ Er streckte die Hand aus. „Ich heiße Garrett …“

„Und ich muss Sie auch nicht kennen. Seien Sie mir nicht böse, aber ich will nur nach Inishmore House, mehr nicht.

Ich habe es nicht nötig, mich von Fremden ansprechen zu lassen.“

Mit einem spöttischen Gesichtsausdruck ließ er die Hand sinken. „Ganz schön von sich selbst eingenommen, was?“ Ein amüsiertes Funkeln trat in seine Augen.

Himmel, der Mann war aber auch zum Anbeißen. Auf einer Skala von 1 bis 10 stand er mindestens bei 9,9! Trotzdem, sie würde sich nicht von ihm einwickeln lassen. Ihrer Mutter war es damals genauso ergangen, und man brauchte sich nur anzusehen, wohin das geführt hatte.

„Sehen Sie, Mr. …“

„Garrett.“

Ihre dezente Abfuhr hatte nicht gewirkt, also musste sie deutlicher werden. „Ich bin sicher, unter den Touristen, die herkommen, gibt es mehr als genügend weibliche Abwechslung, um Sie für ein paar Monate beschäftigt zu halten. Aber ich bin keine Touristin. Und ich bin auch nicht auf der Suche nach einem Abenteuer. Ich werde nicht einmal lange genug hier sein, um Ihrem Charme zu erliegen, also können Sie sich das sparen. Bevor ich abfahre, werde ich im Fremdenverkehrsbüro eine Beurteilung über meinen Aufenthalt abgeben und betonen, wie freundlich und zuvorkommend die hiesigen Einwohner sind.“

„Sagten Sie nicht, Sie seien keine Touristin?“

Sein sachlicher Ton nahm ihr den Wind aus den Segeln. „Bin ich auch nicht.“

„Wieso wollen Sie dann eine Beurteilung im Fremdenverkehrsbüro abgeben?“

Was für ein äußerst cleveres Exemplar von Mann! Keelin seufzte. „Vergessen Sie’s einfach. Ich finde den Weg allein.“

Er ließ sich jedoch nicht abwimmeln und lief ungeachtet ihres Protestes neben ihr her. Als sie ihm einen bösen Blick zuwarf, wäre sie fast über einen der Hunde gestolpert. Blitzschnell stützte Garrett sie, bis sie ihr Gleichgewicht wiedergefunden hatte.

Mit einem Ruck entzog sie ihm den Arm. „Würden Sie bitte gehen?“, fauchte sie unfreundlich.

„Ich sagte doch schon, ich habe den gleichen Weg.“

„Dann warte ich eben hier, bis Sie außer Sicht sind, bevor ich mich in Bewegung setze!“

Es zuckte um seine Mundwinkel, als sie resolut die Arme vor der Brust verschränkte. „Sind Sie eigentlich immer so unhöflich zu einem Gentleman? Oder sehe ich aus wie ein Serienkiller?“

„Sie brauchen gar kein Serienkiller zu sein. Schließlich gibt es hier nur mich.“

Seine Augen blitzten auf. „Ich bin harmlos, ehrlich. Außerdem … wenn ich Sie allein weiterlaufen lasse, stürzen sie am Ende noch ins Meer, und damit wäre mein Ruf ruiniert.“

Er neckte sie, wie Keelin plötzlich erkannte. Die Situation war regelrecht surreal. Sie brauchte dringend einen Kaffee, einen heißen, cremigen Cappuccino vielleicht. Und das stetige Summen von Straßenverkehr. Das würde diese „Niemand-hört-dich-wenn-du-schreist“-Stille füllen. Schön wäre es auch, wenn sie am frühen Morgen nicht schon einen solchen Gewaltmarsch hinter sich hätte. Oder wenn sie in der Nacht wenigstens ein Auge hätte zutun können.

Noch immer zuckte es amüsiert um Garretts Mundwinkel, während sie stur vor sich hin schwieg. Offensichtlich hatte der Mann ein simples Gemüt und war leicht zu erheitern!

Einer der Spaniels schien zu spüren, dass Spannung in der Luft lag, und betätigte sich als Friedenstifter. Mit nassen Vorderpfoten sprang er an Keelin hoch, um Hallo zu sagen, und hinterließ natürlich zwei lehmige Abdrücke auf ihrer beigefarbenen Hose. Keelin zuckte zusammen, eigentlich eher erschreckt als alles andere. Sie mochte Hunde. Normalerweise.

„Aus, Ben!“ Die scharfe Stimme ließ den Hund sofort aufhorchen. Der Spaniel setzte sich zu Garretts Füßen und hob entschuldigend den Blick zu seinem Herrn auf. „Manchmal sind sie ein wenig zu freundlich“, entschuldigte Garrett sich.

„Das scheint in dieser Gegend üblich zu sein!“ Keelin sah an ihrer Hose herunter.

„Sollen das da etwa Gummistiefel sein?“

„Das sind Gummistiefel.“ Sie musste es wissen, schließlich hatte sie sie extra für diese Reise gekauft. In Dublin hatte man nicht oft Gelegenheit, solches Schuhwerk zu tragen.

Garrett studierte nachdenklich ihre Schuhe. „Da sind Blümchen aufgedruckt.“

„Sehr scharf beobachtet.“ Keelin betonte jede Silbe. „Ich bin nämlich ein Mädchen.“

Er hob den Blick. „Ich weiß, ist mir aufgefallen.“

Keelins Wangen begannen zu brennen.

„Es ist nur … Normalerweise sind Gummistiefel grün oder schwarz.“

„Oder dunkelblau?“, flötete sie überfreundlich und klimperte mit den Wimpern.

„Richtig. Manchmal sind sie auch dunkelblau.“

Eine Weile blieb es still, während Keelin in seinen nougatbraunen Augen versank und damit zu denken vergaß. Sie konnte ihren eigenen Herzschlag hören und das Pochen an ihren Rippen fühlen. Also wirklich, jetzt erregte sie schon ein unsinniges Gespräch über Gummistiefel? Meine Güte, sie musste sich zusammenreißen! „Sie sollten öfter mal von dieser Insel runter, wissen Sie das?“

„Damit ich Erfahrungen über die Gummistiefel dieser Welt sammeln kann?“

„Genau. Man muss seinen Horizont erweitern.“

„Sehen Sie“, Garrett senkte die Stimme, „würde ich ja. Aber ich bin ein Junge. Und Jungen ziehen nun mal grün, schwarz oder dunkelblau vor. Das ist praktischer. Also“, er lächelte, „jetzt, da wir geklärt haben, wie wir zum Thema Gummistiefel stehen, sind Sie bereit, noch ein wenig zu gehen?“

„Sie werden mich nicht in Ruhe allein weitergehen lassen, was?“

Er schüttelte grinsend den Kopf. „Keine Chance.“

Verflucht sei die Ritterlichkeit! Welchen Wert hatte so etwas denn noch in modernen Zeiten?! Frauen wie sie waren an ein solches Benehmen von einem Mann einfach nicht gewöhnt! Keelin seufzte schwer. „Na schön, gehen Sie also voraus, wenn Sie sich partout nicht davon abbringen lassen wollen. Aber ich warne Sie – ich habe mehrere Selbstverteidigungskurse besucht.“

„Ich denke, Sie leben schon zu lange in der Stadt.“

„Woher wollen Sie wissen, dass ich in der Stadt lebe?“

„Das sieht man Ihnen an.“ Er drehte den Kopf und studierte ihr Profil. „Sie sehen … anspruchsvoll aus.“

Keelin legte den Kopf leicht schief. „Wollen Sie mir damit unterstellen, dass ich verwöhnt bin?“

Seine Mundwinkel zuckten. „Sind Sie das nicht?“

Wenn er wüsste! „Würden Sie mich besser kennen, dann wäre Ihnen klar, dass ich eine der am wenigsten verwöhnten Frauen auf diesem Erdball bin. Aber bitte, wer bin ich, dass ich Sie aufhalten würde, voreilige Schlüsse zu ziehen.“

„Deshalb sind Sie auch so freundlich und genießen Ihren Aufenthalt auf der Insel, nicht wahr?“

Nein, dass sie sich hier unwohl fühlte, hatte einen ganz anderen Grund. Keelin hielt den Blick stur geradeaus gerichtet. „Das liegt nicht an der Insel“, setzte sie schließlich mit einem Seufzer zu einer Erklärung an. „Ich bin immer gereizt, wenn ich nervös bin.“

„Mache ich Sie nervös?“

Sie warf ihm einen hämischen Seitenblick zu. „Und wer ist jetzt von sich eingenommen?“

Ein Lächeln zog auf sein Gesicht, ein strahlendes, wunderbares Lächeln, das die beiden Grübchen zum Vorschein brachte. Keelin konnte nicht anders, sie musste lachen.

Garrett beugte sich zu ihr herunter. „Na also, jetzt sehen Sie schon wesentlich weniger verwöhnt aus.“

„Flirten Sie eigentlich mit jeder Frau, die sich auf dieser Insel verläuft?“, fragte sie, noch immer lächelnd.

Als er sie jetzt ansah, war sein Blick so intensiv, dass es ihr den Atem raubte. „Vielleicht bringen Sie diese Seite an mir zum Vorschein.“

Keelin verzog theatralisch das Gesicht.

Eine Weile gingen sie in nahezu einvernehmlichem Schweigen nebeneinander her, bis Garrett fragte: „Also, warum sind Sie nervös?“

Keine einfache Frage. „Ich bin mir immer noch nicht so ganz sicher, warum ich hergekommen bin.“

„Kennen Sie jemanden auf Inishmore?“

„Nein, noch nicht.“

„Werden Sie erwartet?“

„Wohl kaum.“

„Dann bringen Sie schlechte Nachrichten?“

Auch wenn sie wusste, dass er nur nach einer logischen Erklärung für ihre Nervosität suchte, zögerte Keelin. Sie legte den Kopf in den Nacken und sah den davonziehenden Wolken nach. Der Himmel wurde immer blauer. „So etwas in der Art“, antwortete sie schließlich leise.

Garrett musterte ihr emporgehobenes Gesicht. Und lächelte aufmunternd, als sie seinem Blick begegnete. „Niemand ist gern der Überbringer schlechter Nachrichten. Kein Wunder, dass Sie nervös sind.“ Mit einer Hand drückte er beruhigend ihren Ellbogen. „Auf Inishmore leben nette Leute. Sie werden dem Boten nicht den Kopf abreißen.“

„Das kommt auf die Nachricht an.“

Er hob eine dunkle Augenbraue. „Ist es die Schuld des Boten?“

„Nein“, flüsterte sie. Plötzlich schlugen Emotionen über ihr zusammen, von denen sie geglaubt hatte, sie unter Kontrolle zu haben. Sie würde sich zusammenreißen müssen, denn sie hatte sich hier weiter als jemals zuvor vorgewagt. Und es ängstigte sie halb zu Tode. Als sie sagte, dass sie nicht recht wüsste, warum sie hergekommen war, entsprach das sehr genau der Wahrheit.

Sollte man sie abweisen, so würde sie damit fertig werden. Das hatte sie sich immer wieder vorgesagt. Und dennoch … ein Teil von ihr würde zutiefst verletzt zurückbleiben, das wusste sie. Noch mehr Schmerz auf Kummer und Leid, die sie jahrelang verschlossen gehalten hatte. Vielleicht hätte sie den Plan aufgeben, hätte Vergangenheit Vergangenheit sein lassen und sich auf die Zukunft konzentrieren sollen.

Der leichte Druck an ihrem Ellbogen riss sie aus ihren grüblerischen Gedanken. Garrett lächelte sie voller Wärme und Verständnis an. Seltsam, es beruhigte und tröstete sie. Einen Mann wie ihn hatte sie noch nie getroffen. Sie konnte es nicht mehr nur auf den Nebel und die Gegend schieben. Nein, an diesem Mann war etwas Besonderes, etwas, das sie mehr faszinierte als bei jedem anderen.

Er hatte … eine zwingende Aura. Charismatisch. Ja, das war eine gute Beschreibung.

Die braunen Augen musterten sie erneut aufmerksam. Garrett nahm die Hand von ihrem Arm. „Dermot Kincaid ist ein guter Mann. Er wird sich anhören, was immer Sie zu sagen haben.“

Keelin riss die Augen auf. „Sie kennen ihn?“

„Ja“, antwortete er schlicht. „Und Ihrem Gesichtausdruck nach zu urteilen, muss es wichtig sein, was Sie ihm mitteilen wollen. Er wird das verstehen, wenn Sie ihm die Chance dazu geben. Hier auf unserer Insel sind wir nicht alle potenzielle Serienmörder.“

Mit einem Mal fiel ihr das Atmen schwer. Deshalb dauerte es einen Augenblick, bevor sie die Frage aussprechen konnte, die ganz oben auf ihrer Liste von Fragen stand. „Wie ist er denn so?“

Garrett blickte nachdenklich in die Ferne. „Wie jeder Mann in seinem Alter. Er hat sein Leben in vollen Zügen genossen, Erfahrungen gesammelt und einen ausgesprochen gesunden Menschverstand geschärft. Das geht einem manchmal ganz schön auf die Nerven, vor allem, wenn man überzeugt ist, recht zu haben, und er es dann letztendlich doch besser weiß. Mit der Zeit haben sich seine Ansichten fest geformt, er kann also ein ziemlich sturer Bock sein, wenn er es darauf anlegt, der keinen Zentimeter von seiner Meinung abweicht.“ Er grinste Keelin an. „Aber den Anblick eines hübschen Mädchens weiß er zu schätzen, also werden Sie keine Schwierigkeiten mit ihm haben.“ Er lachte auf, als Keelin das Blut in die Wangen schoss. „Ich bin sicher, er wird Sie mögen, auch wenn er alt genug ist, Ihr Vater zu sein.“

Keelin dankte dem Himmel, dass der Ire sie nicht ansah, als er diese letzte Bemerkung machte.

„Da drüben liegt das Haus.“

Sie folgte dem ausgestreckten Arm mit den Blicken und konnte nun ein großes Farmhaus aus alten grauen Steinen erspähen. Garrett blieb vor ihr stehen und sah sie fragend an. „Was ist?“

Keelin runzelte die Stirn. Einen Moment lang war sie so versunken in die Betrachtung des Hauses gewesen, dass sie seine Anwesenheit völlig vergessen hatte. Sie würde ihm auch nicht erklären, warum es plötzlich so schwer war, die letzten Schritte auf das Haus zu zu tun. Wie sollte er verstehen können, dass es für sie ihr ganzes Leben gedauert hatte, um hierherzukommen?

Also flüchtete sie sich in eine ausweichende Antwort. „Hätten Sie mir nicht einfach sagen können, dass Inishmore hinter der nächsten Wegbiegung liegt?“

„Und mir damit den ganzen Spaß verderben?“, meinte er schmunzelnd.

Pikiert hob Keelin das Kinn und marschierte an ihm vorbei. „Sie müssen wirklich mal was anderes als diese Insel sehen.“

Zunächst nahm sie gar nicht wahr, dass er ihr noch immer folgte, bis die Hunde vor dem Tor stehen blieben, mit wedelndem Schwanz, und auf Einlass warteten. Verdattert sah Keelin erst auf die Hunde, dann auf Garrett, der nach dem Riegel griff.

„Sie brauchen mich nicht bis zur Tür zu bringen. Ich bin sicher, die finde ich jetzt allein.“

„Ich sagte Ihnen doch, dass ich den gleichen Weg habe.“

„Allerdings dachte ich nicht, dass Sie bis ins Haus mitkommen würden.“

Er stieß das Tor auf, die Hunde jagten über den schmalen Pfad. Garrett lehnte sich ein wenig vor und grinste. „Muss ich aber. Ich wohne nämlich hier.“

Fassungslos riss Keelin die Augen auf. „Sie wohnen hier?“

Garrett nickte langsam. „Ja, noch. Ich baue ein eigenes Haus, ganz in der Nähe. Inishmore House ist lange Zeit mein Zuhause gewesen. Ich wollte mich Ihnen vorstellen, aber davon wollten Sie ja nichts wissen.“ Eine dunkle Augenbraue wurde spöttisch angehoben. „Und Ihren Namen habe ich auch nicht richtig verstanden.“

Keelin schluckte. „Wahrscheinlich, weil ich ihn nicht genannt habe. Sie haben auch nicht gefragt.“

„Na, das lässt sich nachholen, oder?“ Lächelnd streckte ihr seine Hand entgegen. Als sie zögerte, einzuschlagen, zuckte es spöttisch um seine Mundwinkel.

Keelin fuhr sich mit der Zunge über die trockenen Lippen, dann holte sie tief Luft und erwiderte seine Geste. Bei der Berührung schoss ein Stromstoß ihren Arm hinauf. „Ich heiße Keelin O’Donnell.“

„Nett, Sie kennenzulernen, Keelin O’Donnell.“ Ohne ihre Hand freizugeben, legte er den Kopf leicht schief. „Ich bin Garrett Kincaid.“

„Kincaid?“ Keelin zog ihre Hand zurück, als hätte sie sich verbrannt. Sie starrte ihn an und rieb sich die Handfläche an der Jeans.

Garrett hielt das Tor auf und bedeutete ihr voranzugehen. „Mein Vater sitzt wahrscheinlich in der Küche.“

Sein Vater! Wie ein Roboter trat Keelin durch das Tor. Sie war also den ganzen Weg hergekommen, um letztlich seinem Vater gegenüberzustehen. Das war mal wieder typisch!

Da traf sie den ersten Mann seit langer Zeit, den sie faszinierend fand, fühlte das Falsche im falschen Moment, wenn sie solche Komplikationen überhaupt nicht gebrauchen konnte, weil ihr Leben im Moment schon chaotisch genug war, und dann musste sie feststellen, dass dieser umwerfende Fremde nicht etwa ein Serienmörder war, sondern ein potenzielles Familienmitglied.

Er könnte sogar ihr Bruder sein.

2. KAPITEL

Während die Hunde über den Fliesenboden hin zu ihrem Körbchen schlitterten und es sich dort gemütlich machten, betrachtete Garrett die zierliche Blondine, die unsicher auf der Schwelle stehen blieb, mit dem Ausdruck blanker Hilflosigkeit auf dem Gesicht.

Eine äußerst rätselhafte Frau.

Das hatte er schon gedacht, als er noch nicht wusste, wohin sie wollte. Es geschah nicht oft, dass er frühmorgens mitten im Nichts einer schönen Frau begegnete. Vor allem keiner, zu der er sich sofort hingezogen fühlte. Irgendetwas war an ihr, etwas Besonderes. Aber was?

„Hast du die Herde überprüft?“ Sein Vater stand bei dem großen Herd, mit dem Rücken zur Tür. „Sind sie noch alle da?“

„Ja, ich habe nachgezählt, alle Tiere vollzählig.“ Garrett drehte den Kopf. „Kommen Sie doch herein, Keelin.“

Mit einem tiefen Atemzug machte sie einen Schritt vor, dann noch einen, den Blick starr auf die andere Person im Raum gerichtet.

In diesem Moment wandte Dermot Kincaid sich um und sah neugierig zu Keelin hinüber.

Wollen Sie wissen, wie es weiter geht?

Hier können Sie "Insel der zärtlichen Träume" sofort kaufen und weiterlesen:

Amazon

Apple iBookstore

ebook.de

Thalia

Weltbild

Viel Spaß!



Kaufen