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Insel der blauen Lagunen

1. KAPITEL

Über den Hals ihres Pferdes gebeugt jagte Lijanne über die Insel. Der scharfe Wind und die Wut trieben ihr die Tränen in die Augen und nahmen ihr die Sicht. Sie spürte, wie die Muskeln des Tieres unter ihr arbeiteten, hörte seinen Atem und die Hufschläge auf dem steinigen Untergrund. Die Stute kannte den Weg, Lijanne konnte ihr blind vertrauen und sich ganz ihrer Entrüstung hingeben.

Warum nur war ihre Mutter so uneinsichtig? So oft hatten sie bereits über dieses Thema gestritten. Lijanne fasste die Zügel des galoppierenden Pferdes mit der rechten Hand und wischte mit der linken die Tränen fort, doch die flossen unablässig weiter. Sie spürte, wie der Gegenwind ihren Haarknoten auflöste und die langen hellblonden Locken über ihren Nacken und Rücken fielen. Es ziemte sich nicht, als junge Frau so forsch zu reiten, schon gar nicht mit unordentlicher Frisur und dazu noch mit einem Rock im Herrensattel! Auch dafür würde ihre Mutter sie tadeln. Doch es war Lijanne egal, und wie zum Trotz trieb sie ihre Stute noch mehr an. Wer sollte sie auch schon sehen hier draußen? Sie war oft auf den östlichen Anhöhen der Insel unterwegs. Dort traf man allerhöchstens mal einen Viehhirten oder ein paar entlaufene Ziegen. Und ihre Mutter schien ja ohnehin nicht zu wollen, dass aus ihr eine kultivierte junge Dame wurde.

Der Weg wurde schmaler und steiler und führte zwischen mannshohen Kakteen und vereinzelten Büschen hindurch. Die Stute verfiel in Trab und parierte dann selbstständig zum Schritt durch. Lijanne richtete sich im Sattel auf und strich sich einige wirre Haarsträhnen aus dem Gesicht. Ihr Herz pochte immer noch so stark, dass sie es bis zum Hals hinauf spürte. Die Stute hingegen hatte sich nach dem scharfen Ritt schnell gefangen und lief jetzt konzentriert voran, denn ein Fehltritt konnte hier bedeuten, zu stürzen oder gar einer der Kakteen gefährlich nahe zu kommen, deren Stacheln schwere und schmerzhafte Verletzungen hervorriefen. Das Pferd war erfahren, es war in dieser Umgebung aufgewachsen und hatte seine Reiterin schon viele Male auf das Hochplateau getragen. Lijanne tätschelte ihm den Hals. „Brav.“

Oben angekommen machte das Tier halt. Lijanne schloss kurz die Augen und atmete die trockene, salzige Luft ein. Ihr Herzschlag beruhigte sich. Die Stute schnaubte sanft. Lijannes Wut wurde vom Wind davongetragen. Zurück blieb ein Gefühl der Resignation.

Sie sah sich um. Von hier oben, vom Berg Jamanota aus, konnte man fast die ganze Insel überblicken. Aruba war nicht sonderlich groß. Mit einem schnellen Pferd konnte man sie an einem Tag der Länge nach abreiten und von Ost nach West dauerte es nicht mal zwei Stunden. Im Osten der Insel war bergiges Hochland, dessen zerklüftete Steilküste ins Meer ragte. Hohe Wellen, getrieben vom ewigen Wind, schlugen dort unablässig gegen den Felsen. Es gab nur wenige abgelegene Buchten, die schwer zu erreichen waren. In Richtung Westen wurde die Landschaft flacher. Von ihrem Aussichtspunkt konnte Lijanne die Häuser von Oranjestad sehen, der größten Ansiedlung. Die Westküste fiel sanft zum Meer hin ab, unendlich lange Strände mit feinem, weißem Sand säumten dort das Eiland. Riffe vor der Küste bildeten einen natürlichen Schutz und das Meer war flach und azurblau. Im Süden war in den letzten Jahren die Siedlung San Nicolas gewachsen. Dort trieben sich die Goldsucher herum. Spelunken und Hurenhäuser säumten die Straßen. San Nicolas war kein Ort, wo sich ein normaler Arubaner gerne aufhielt. Ansonsten gab es nur verstreute Farmen, kleine Indianersiedlungen und natürlich die Baracken bei den Goldminen am nördlichen Fuß des Jamanota – ein Ort, den es zu meiden galt. Wenige Meilen in der Ferne erhob sich der Hooiberg. Wie ein gigantischer Zuckerhut stand er mittig auf der Insel, weit weg von den anderen Bergen. Seine Hänge waren steil, und man brauchte ein gutes Pferd, um hinaufzugelangen.

Lijanne wusste, dass man vom Hooiberg aus bei gutem Wetter bis zur Küste von Venezuela schauen konnte. Ihre Sehnsucht richtete sich allerdings gen Osten. Dort, hinter dem Dunstschleier des Meeres, lag Curaçao. Die Insel, über die sie vorhin noch mit ihrer Mutter gestritten hatte. Die Insel, die alles bot, was Aruba fehlte: eine richtige Hauptstadt, eine gute Schule und vor allem mehr Menschen.

Gemächlich lenkte Lijanne die Stute über die flache Berghöhe. Fast achtzehn war sie nun, aber in dieser Zeit hatte sie Aruba nur wenige Male verlassen. Natürlich war jede Reise zur Nachbarinsel ein Aufwand und auch nicht ungefährlich. Aber sie war kein kleines Kind mehr. Und natürlich liebte sie ihre Eltern und die Farm, auf der sie lebten. Auch liebte sie die wilde Natur der Insel und die Freiheit, die sie hier genoss.

Doch sie musste auch an die Zukunft denken. Auf Curaçao gab es viel bessere Bildungsmöglichkeiten. Die Mädchenschule von Curaçao hatte einen guten Ruf. Nicht, dass Lijanne eine besonders eifrige Schülerin war. Aber auf Curaçao wurden auch Dinge gelehrt, die in der kleinen Inselschule nicht unterrichtet wurden. Sicherlich war es ratsam, dass junge Damen einen Haushalt zu führen, Umgangsformen zu pflegen und sich in Gesellschaft zu bewegen wussten.

Lijanne hatte erlebt, wie sich die Mädchen, die bereits auf Curaçao unterrichtet wurden, veränderten. Sie wurden kultivierter, vornehmer. Verglichen mit ihnen fühlte sich Lijanne wie ein verwilderter Pferdeknecht. Wobei sie Pferde über alles liebte, aber es gab eben noch andere, wichtigere Dinge im Leben. Warum nur sah ihre Mutter das nicht ein? Die versuchte, Lijanne mit allen Mitteln auf der Insel zu halten.

„Du brauchst diese Schule nicht. Ich habe solche Dinge auch nie gelernt. Außerdem sind die Leute dort kein rechter Umgang für dich“, wiegelte sie stets ab und wurde auch schon mal etwas lauter, wenn Lijanne es mit ihrer Bettelei übertrieb.

Doch je mehr sich ihre Mutter sträubte, desto größer wurde der Wunsch des Mädchens, Aruba zu verlassen, um auf Curaçao ausgebildet zu werden. Drei Jahre, es waren nur noch drei Jahre, bis sie einundzwanzig wurde. Dann würde sie ohnehin traditionsgemäß nach Curaçao gehen, um in die Gesellschaft eingeführt zu werden, um vielleicht einen Ehemann zu finden. Falls ihre Mutter ihr dies nicht auch untersagen würde. Wenn sie vorher nicht die Mädchenschule besuchte, würde Lijanne wie ein grober, unbehauener Stein zwischen all den anderen jungen Frauen stehen. Hier auf der Insel würde sie nie lernen, was unverzichtbar war für Mädchen ihres Alters.

Interessierte sich ihre Mutter denn gar nicht für ihre Zukunft? Es war Lijanne ein Rätsel, warum sie sich gegen eine Ausbildung ihrer Tochter auf Curaçao so sträubte.

Die Stute hatte derweil selbstständig den Weg zu einer abgelegenen Bucht eingeschlagen und stieg vorsichtig den schmalen Pfad zwischen den Klippen hinab. Lijanne lächelte, sie spürte bereits, wie sich das Tier unter ihr wieder spannte. Die Bucht war nicht einmal zwei Meilen lang mit einem Strand aus feinem, vom Meer zermahlenem Kies und Muschelpartikeln. Meterhohe Wellen brandeten tosend ans Ufer und übertönten jedes andere Geräusch. Sobald sie den Strand erreicht hatten, gab Lijanne ihrem Pferd die Zügel frei und schloss die Schenkel. Was jetzt kam, bedurfte ihrer vollen Konzentration. Die Stute tänzelte aufgeregt, bäumte sich kurz etwas auf, um dann in einem kraftvollen Galopp voranzusprengen. Pferd und Reiterin flogen auf die Brandung zu. Der Reiz lag in einem schnellen Ritt genau dort entlang, wo gerade noch die letzte schäumende Gischt auf den Strand traf. Es war gefährlich, es war verboten – aber es machte einen unglaublichen Spaß! Die Wellen schienen nach einem zu greifen; würde man von ihnen fortgerissen, gäbe es kein Entrinnen mehr.

Am Ende der Bucht schwenkte das Pferd nach rechts ab in den Sand. Es atmete schwer, schnaubte aber zufrieden. Lijanne lachte und zupfte ihren Rock zurecht. Jetzt war sie endgültig nicht mehr damenhaft. Weiße Flocken von Gischt und Pferdeschweiß klebten an ihrem Kleid, die Haare waren wild zerzaust und ihre Wangen fühlten sich heiß und gerötet an. Ja – das würde sie vermissen, ihr Herz würde sich nach solchen Ritten sehnen! Aber sie wollte auch um alles in der Welt eine kultivierte junge Dame werden. Und sie würde ihre Mutter schon umstimmen, sie doch nach Curaçao zu lassen. Einen letzten Trumpf hatte sie noch: ihren Vater. Wenn sie ihn überzeugen könnte, dass ein Besuch der Mädchenschule das Beste für ihre Zukunft sei, hätte ihre Mutter dem kaum etwas entgegenzusetzen. Und mit ihrem Vater würde Lijanne nun über ihren Herzenswunsch reden. Es blieb nicht mehr viel Zeit; das neue Ausbildungsjahr würde in wenigen Wochen anbrechen, und Lijanne war fest entschlossen, an diesem Tag genau dort einen neuen Lebensabschnitt zu beginnen.

Gemächlich ritt Lijanne zurück zur elterlichen Farm. Jetzt konnte sie auch wieder einen klaren Gedanken fassen. Auf ihrem Weg achtete sie auf Spuren von Tieren, die zur Farm gehörten. Auf der Insel gab es kaum eingezäuntes Weideland. Die Vegetation war so karg, dass man es dem Vieh selbst überließ, sich seine Nahrung zu suchen. Wenn es regnete, bahnte sich das Wasser vom Hochplateau herunter jedes Mal neue Wege, deshalb ließ sich der Bewuchs an den Hängen und in der Ebene nie recht vorhersagen. Lijannes Eltern züchteten Ziegen und Maultiere und einige wenige Pferde. Die Pferdestuten wurden meist dem großen französischen Eselhengst zugeführt; die Mulis waren beliebte Arbeitstiere auf den Plantagen auf Curaçao und Bonaire. Als Zug- und Lasttiere waren sie unentbehrlich. Marijke de Wind, Lijannes Mutter, führte die Viehfarm für Constantijn DeJong, einen Plantagenbesitzer von Bonaire. Lijanne hatte ihn in ihrem ganzen Leben noch nicht einmal auf Aruba gesehen. Die auf der elterlichen Farm gezüchteten Maulesel wurden per Schiff nach Bonaire gebracht; dort setzte man sie für die Versorgung der Stammplantage ein.

Lijanne mochte Esel nicht besonders, und dem großen Eselhengst der Farm ging man besser aus dem Weg. Schon oft hatte es Ärger mit Nachbarn gegeben, denn das Tier war wild und unberechenbar. Doch heute konnte Lijanne den Esel nicht entdecken. Er hielt sich in der Regel von den Menschen fern. Der Einzige, der mit ihm zurechtkam, war Lijannes Vater Garemba. Das Tier wäre woanders wohl schon längst geschlachtet worden. Doch Garemba war diesem Tier innerlich wie kein anderer verbunden. Seine eigenen Wurzeln waren ähnlich wild; als Nachkomme einer Halbindianerin und eines Weißen gehörte er weder zu den Indianern noch zu den weißen Siedlern. Umhergestoßen und nirgends willkommen hatte er seine Jugend auf Curaçao verbracht – unabhängig, aber rechtlos. Man hatte ihn gefangen genommen, eingesperrt, wieder freigelassen, und oft hatte er wohl auch die Peitsche zu spüren bekommen. Er sprach nicht darüber, aber es war allgemein bekannt, wie mit Halbindianern umgegangen wurde.

Auf Curaçao hatten die Weißen das Sagen. Deren Werteskala lautete: Zuerst kamen sie, dann ihr Besitz, weit dahinter rangierten die Sklaven und erst danach, auf einer Stufe mit den Straßenhunden, kamen die Eingeborenen der Inseln. Auf Aruba verschob sich diese Hierarchie ein wenig, weil es nie viele Sklaven gegeben hatte. Die Weißen schätzten das karge Eiland, denn aus der Viehzucht ließ sich Profit schlagen und auch das Schürfen nach Gold versprach, Gewinn abzuwerfen. Doch leben wollten die meisten hier nicht. Aus diesem Grund hatten sich einst Lijannes Eltern hier niedergelassen. Eine Weiße, die mit einem Halbblut zusammenlebte, war auf Curaçao undenkbar.

Auf Aruba, vor allem in Oranjestad, blieben die Weißen unter sich. Auf den Farmen lebten Indianer oder freie Schwarze in Dienstverhältnissen als Verwalter oder Knechte. Lijannes Eltern bildeten da eine Ausnahme. Sie bewunderte ihre Mutter dafür, doch andere Weiße schüttelten nur den Kopf.

Marijke de Wind war die offizielle Verwalterin der Farm. Nie wäre sie auf die Idee gekommen, in Oranjestad in Gesellschaft der anderen Weißen zu leben, zumal dies mit Garemba an ihrer Seite ohnehin nicht möglich war. So bestritten sie ihr einfaches, aber überwiegend zufriedenes Leben am Fuß der Berge. Lijanne hatte erst lernen müssen, dass dies nicht gang und gäbe war. In der kleinen Schule in Oranjestad hatte sie stets als Außenseiterin gegolten. Sie ritt auf dem Pferd zur Schule wie die anderen Indianerkinder und wurde nicht von einem Sklaven begleitet, wie das bei den weißen Schülern üblich war. Allerdings saß sie vorne im Klassenraum bei den weißen Kindern und nicht hinten auf dem Fußboden wie ihre eingeborenen Freunde. Unter den weißen Kindern hatte sie nie viele Kontakte gehabt. Erst mit zunehmendem Alter war ihr bewusst geworden, dass sie anders war. Und jetzt, wo sie fast erwachsen war, bereitete ihr dieser Umstand Bauchschmerzen. Für ihre Zukunft war es unverzichtbar, dass sie endlich zur Gesellschaft der Weißen gehörte.

Andere Perspektiven gab es nicht auf dieser Insel. Bei den Goldminen lebten noch die Glückssucher: Weiße, die auf den großen Fund hofften, zumeist windige Gesellen, die sich mit den Farmern oft um Land stritten, Ziegen stahlen und die Frauen der Indianer und Schwarzen belästigten. Wie aufdringliches Ungeziefer seien sie, schimpfte Lijannes Vater oft. Das durfte allerdings keiner hören. Egal wie abgerissen und schäbig ein Weißer auf der Insel daherkam, ein Halbindianer hatte ihm stets demütig entgegenzutreten. Lijannes Vater hatte schon mehrmals Ärger bekommen, weil er die Goldsucher von seinem Land gejagt hatte. Oder besser gesagt, dem Land seiner Frau. Nie waren ehrbare Männer darunter gewesen und auch keiner, den Lijanne sich als Ehemann gewünscht hätte. Ihre Mutter wollte es nicht wahrhaben, doch Lijannes größte Angst war, als ewige Jungfer einsam auf der kleinen Farm sitzen zu bleiben, wobei es so oder so unmöglich war, diese als Frau allein zu führen. Außerdem würde sie ihr Leben lang vom Wohlwollen des Grundbesitzers abhängig sein. Bisher hatte es zwar noch nie Probleme mit ihm gegeben, aber wer wusste schon, wie lange die Viehzucht auf Aruba für die Plantage auf Bonaire noch gewinnbringend war. Nein – Lijanne wünschte sich eine ganz andere und vor allem sichere Zukunft.

Das Pferd bahnte sich seinen Weg durch das mannshohe Buschwerk, das das Farmland umschloss. Das einstöckige Haus schmiegte sich an einen Felsen, der Schutz vor dem fast immer wehenden Wind bot. Es war aus Stein gebaut, und die Außenwände waren weiß getüncht. Davor lag ein kleiner Wirtschaftshof mit Pferchen für die zum Verkauf stehenden Tiere und die Stuten mit ihren Fohlen. Hühner scharrten im staubigen Boden, zwei Hunde lagen im Schatten des Vordachs.

„Wo warst du?“ Ihr Vater, ein hochgewachsener, kräftiger Mann, saß auf der Veranda und flocht Halfter aus Seilen. Sein tiefschwarzes Haar trug er zu einem Zopf gebunden, seine Haut war nicht nur sonnengegerbt, sondern einige Nuancen dunkler als die gebräunte Haut eines Weißen. Er wirkte wie ein knorriger Baum, der sich mit seinen Wurzeln dort festhielt, wo Gott ihn nun einmal hingepflanzt hatte. Sein Leben waren seine Farm, seine Frau, seine Tochter und seine Tiere. Hier hatte er seinen Platz gefunden. Anderen Menschen begegnete er sehr zurückhaltend. Lijanne wusste, dass er herzensgut war, und sie liebte ihren Vater über alles. Doch nicht nur der Umstand, dass er kein reinrassiger Weißer war, auch seine abweisende Art hatte dazu beigetragen, dass sie nicht gerade wohlwollend von den Weißen in Oranjestad aufgenommen wurde, obwohl man ihr ihre Herkunft aufgrund ihrer lichtblonden Haare nicht ansah.

„Die Ziegen stehen südlich des Bachhangs. Die Esel habe ich nicht gesehen.“ Das war es, was ihr Vater wissen wollte. Lijanne sprang vom Pferd und klopfte sich den Staub aus den Kleidern.

Garemba nickte und widmete sich wieder seiner Arbeit. Lijanne nahm ihrer Stute Sattel und Zaumzeug ab und gab ihr einen Klaps. „Na, lauf!“ Das Tier trottete zur Tränke, schüttelte sich, nachdem es seinen Durst gestillt hatte, und trabte davon. Wie auch die anderen Pferde lebte es frei auf dem Land der Farm. Lijanne verstaute das Sattelzeug in einem kleinen Schuppen und ging dann zu ihrem Vater auf die Veranda. Mit einem leisen Seufzer ließ sie sich neben ihm auf eine Bank sinken.

„Willst du nicht deiner Mutter helfen?“ Mit einem Kopfnicken wies Garemba ins Haus, wo leises Geklapper zu hören war.

Lijanne schwieg.

„Ihr habt euch wieder gestritten, hm?“ Kopfschüttelnd legte er ein paar neue Seile auf seinen Knien zurecht.

„Ach, Vater … Was soll ich denn machen?“ Lijanne sprach leise. Sie wollte nicht, dass ihre Mutter hörte, dass sie mit ihrem Vater über dieses Thema redete. „In der Schule in Oranjestad bin ich inzwischen mit Abstand die Älteste. Alle anderen Mädchen und Jungen in meinem Alter sind drüben.“ Ihr Blick ging Richtung Osten, ihr Vater wusste sehr wohl, wovon sie sprach. „Bald ist es zu spät für mich, weil ich zu alt sein werde.“

„Hm“, machte ihr Vater nur, ohne den Kopf zu heben. Er hielt immer noch inne und starrte auf die Seile in seinen Händen.

„Lijanne, deine Mutter und ich wissen beide, dass da drüben nicht alles Gold ist, was glänzt. Deine Mutter möchte dich einfach vor Enttäuschungen bewahren.“

„Ich bin fast achtzehn Jahre alt, ich muss auch meine eigenen Erfahrungen machen. Und … hier auf dieser Insel …“

„Ja, ich weiß, dass Aruba nicht viel zu bieten hat für eine junge Dame.“ Ein kurzes Schmunzeln huschte über sein Gesicht. „Weißt du noch, wie ich versucht habe, dir das Tanzen beizubringen?“ Seine Hände begannen, wieder Knoten in das Seil zu knüpfen.

Lijanne verzog kurz das Gesicht. „Ja, Vater, genau deshalb sollte dies vielleicht jemand übernehmen, der es auch kann.“ Sie legte den Kopf etwas schief und sah ihren Vater liebevoll an. Er hatte ihr alles beigebracht, was er für wichtig hielt: mit Pferden umzugehen, Halfter zu flechten, Tischmanieren und auch, trotz allem, immer ein höfliches Auftreten zu haben. Ihre Mutter hatte natürlich auch einiges beigetragen: Kochen, Backen, den Farmhaushalt zu führen. Aber Lijanne sehnte sich so sehr danach, noch viel, viel mehr zu lernen. Nachdenklich senkte sie den Blick. Jetzt kam der Moment, vor dem Lijanne Angst hatte, weil sie ihren letzten Trumpf ausspielen würde. „Oder darf ich nicht nach Curaçao auf die Schule, weil mein Vater ein Halbblut ist?“

Sie bemerkte sehr wohl, wie die Hände ihres Vaters kurz innehielten. Sie hatte ein Tabu gebrochen. In ihrer Familie wurde Garembas Abstammung nicht erwähnt. Nie!

„Geh deiner Mutter helfen und zankt nicht wieder“, sagte er leise, aber bestimmt.

Lijanne widersprach nicht, stand artig auf und ging ins Haus. Innerlich jubilierte sie jedoch. Dass er nicht sofort eine Antwort gegeben hatte, sagte ihr, dass er darüber nachdachte. Und auch wenn er sonst wie ein knorriger alter Baum war, eines wollte er sicher nicht: dass seine Tochter wegen seiner eigenen Herkunft keinen Zugang zur Gesellschaft fand. Sie war sein ganzer Stolz.

Ihre Mutter stand in der Küche am Herd. Sie war schlank und hochgewachsen, ihr Haar, ebenso lichtblond wie das ihrer Tochter, hatte sie mit einem Kopftuch bedeckt und über dem schlichten Hauskleid trug sie eine Schürze.

„Wasch dir die Hände und dann hilf mir.“ In ihrer Stimme war kein Vorwurf mehr zu hören. Auch wenn Lijanne sich in den vergangenen Monaten oft mit ihrer Mutter gestritten hatte, lange nachtragend war Marijke de Wind nie. Hier draußen war die Familie das Wichtigste, und selbst wenn es einmal Unstimmigkeiten gab, musste man zusammenhalten. Lijanne wusste, dass dies für ihre Mutter als oberstes Gebot galt.

Das Farmhaus bestand nur aus drei Räumen. Küche, Esstisch und Wohnkammer waren in einem größeren Raum untergebracht, zwei Schlafkammern befanden sich rechts daneben. Lijanne trat an den Toilettentisch, der zwischen den Türen zu den Schlafkammern stand, und wusch sich in der Schüssel die Hände. Ein Blick in den kleinen Spiegel sagte ihr, dass sie erhitzt und etwas wild aussah. Ihre Mutter ließ dies unkommentiert.

„Gib mir bitte die Bohnen und dann rühre hier weiter, damit nichts anbrennt.“ Ohne vom Topf wegzusehen, zeigte ihre Mutter auf eine Schüssel, die auf dem großen Esstisch stand.

Lijanne griff nach der Schale mit den Bohnen. Ihre Mutter schüttete sie in den Topf und überließ ihrer Tochter ihren Platz und den Kochlöffel. An dem holzbefeuerten Ofen zu stehen war nicht unbedingt Lijannes Lieblingsaufgabe. Ihr war heiß, und nach wenigen Minuten fühlte sie sich, als würde sie zu flüssigem Wachs. Lijanne begriff, dass diese Tätigkeit als kleine Strafe für ihren Disput vor einigen Stunden gedacht war, denn ihre Mutter begann nun seelenruhig den Tisch zu decken. Jeder hatte seinen eigenen Teller. Marijke de Wind legte auch in dem abgelegenen Farmhaus Wert auf etwas Kultiviertheit. Sie selbst kam zwar aus ärmlichen Verhältnissen, aber dass ihre Familie aus einer Schüssel löffeln musste, gab es bei ihr nicht.

Lijanne versuchte währenddessen, so viel Abstand zu dem heißen Ofen zu halten, wie es irgendwie ging, und rührte weiter die Bohnen um. Aus den Augenwinkeln beobachtete sie ihre Mutter. Vor vielen Jahren war sie als junges Mädchen aus den Niederlanden nach Curaçao gekommen. Die harte Farmarbeit hatte Spuren hinterlassen, dennoch strahlte sie noch immer eine natürliche Schönheit aus, die Lijanne das Herz warm werden ließ. Sie wusste, dass auch sie ihrer Mutter nicht lange böse sein konnte. Doch ihr fiel auf, wie wenig sie eigentlich über die Geschichte ihrer Mutter wusste. Über die erste Zeit, die ihre Mutter auf den Inseln verbracht hatte, schwiegen sich ihre Eltern aus. Zwischen Marijkes Ankunft und Lijannes Geburt lag zäher Nebel. Und wenn über etwas nicht geredet werden sollte, dann stand dieser Beschluss in der Familie de Wind unumstößlich fest. Über ihre Kindheit in den Niederlanden hingegen sprach ihre Mutter häufiger, zumindest hatte sie Lijanne viel darüber erzählt, als diese noch ein kleines Mädchen war. Wohl auch, um ihrer Tochter eine Vorstellung davon zu vermitteln, wie das Leben auf dem fremden Kontinent sein kann.

Obwohl die drei Inseln Aruba, Curaçao und Bonaire niederländische Kolonien waren, hatte Lijanne kaum eine Idee, wie es in diesem weit entfernten Land aussah. Dichte Wälder, ein weites grünes Land und Flüsse waren ihr stets vorgekommen wie eine Märchenwelt. Und dass es in diesem Land auch noch einen König gab, verstärkte ihr Empfinden.

Als Lijanne älter wurde, veränderte sich ihr Bild von den Niederlanden. Weiße Arubaner, die dort geschäftlich unterwegs gewesen waren, erzählten anderes. Kalt sei das Land, fast immer würde es regnen und im Winter nie richtig hell werden; die Menschen seien arm, keiner könne sich Sklaven halten, es gebe nur wenige Bedienstete – und überhaupt sei auf den Inseln alles besser. Ein frierender König im Regen, ganz ohne Personal? Lijanne fand das seltsam und fragte sich ein ums andere Mal, warum er dort und nicht auf den Inseln lebte.

Die niederländischen Seeleute, die in der Paarden Baai bei Oranjestad ankerten, beklagten hingegen die Hitze, den ständigen Wind und die Trockenheit im hiesigen Teil der Welt.

Lijanne kannte nur Aruba. Das Klima machte ihr nichts aus, und wie alle anderen freute sie sich, wenn es einmal regnete, denn jeder Tropfen war ein Geschenk Gottes. Ihre Mutter hingegen kämpfte auch nach so vielen Jahren noch gegen die Hitze an und verbrachte manchen Tag lieber im kühlen Haus als draußen in der unbarmherzigen Sonne.

Als Lijanne wenig später mit ihren Eltern am Tisch saß, war es wie jeden Tag. Nur Lijannes Nerven waren zum Zerreißen gespannt. Würde ihr Vater eine Entscheidung fällen oder würde er noch einige Zeit darüber nachdenken? „Nun sag doch was!“, wollte sie ihm am liebsten über den Tisch hinweg zurufen, doch stattdessen umklammerte sie ihren Löffel und versuchte, wenigstens einige der gekochten Bohnen hinunterzuwürgen.

Das Sklavenmädchen Keba stand starr vor Angst auf der staubigen Straße. In dreizehn Lebensjahren hatte es die Plantage im Nordosten der Insel Curaçao nicht ein einziges Mal verlassen. Sie war dort geboren, aufgewachsen, hatte gearbeitet – und durch einen kleinen dummen Fehler hatte sie dies nun alles verloren.

Sie erinnerte sich an die traurigen Augen ihrer Mutter, die enttäuscht war von ihrer Tochter. Keba spürte, wie sich in ihrer Brust alles zusammenzog. Am liebsten wollte sie zurücklaufen, ihrer Mutter um den Hals fallen und sagen, dass ihr alles so schrecklich leidtat. Doch man würde sie nicht mehr auf der Plantage dulden. Da war der junge Meneer sehr streng.

Ihre Mutter hatte ihr alles beigebracht und nur, weil sie eine folgsame Dienerin gewesen war, hatte Keba im Haus des jungen Meneer arbeiten können. Ihr Vater war Feldsklave, und aus den matschigen Bewässerungsrinnen der Zuckerrohrfelder gab es eigentlich keinen Weg auf die glänzend gewachsten Bodendielen des Plantagenhauses. Keba hätte das Erbe ihres Vaters antreten müssen, lernen, eine Machete zu führen und die Zuckerrohrstängel von den Blättern zu befreien. Doch ihre Mutter war Haussklavin und besonders anstellig, und da die anderen drei Sklavinnen, die gestärkte Schürzen tragen durften, keine Töchter hatten, war Keba Leibsklavin für die jüngste Schwester des Meneers geworden – eine große Ehre für die damals siebenjährige Keba. Ihre Mutter war so stolz gewesen! Doch die Señora hatte vor einem Jahr die Plantage verlassen und eingeheiratet in ein Haus mit vielen älteren erfahrenen Haussklavinnen. Keba blieb zurück. Von ihrem Stolz war nichts mehr übrig. Keba hatte zwar nach wie vor brav gearbeitet, aber was unlängst geschehen war … Ihre Eltern hatte sie bitter enttäuscht, und der junge Meneer, der die Plantage inzwischen führte, hatte nicht lange gezögert. Der Vorarbeiter der Sklaven hatte Keba bestraft, und jetzt stand sie auf der staubigen Straße und der Sklavenhändler würde sie aufgreifen. Auf der Plantage gab es keinen Platz mehr für sie. Kurz überlegte sie, fortzulaufen, doch auf der Insel gab es keinen Ort, wo sie sicher wäre. Und die Strafe fürs Fortlaufen würde grausam ausfallen.

Nachdem sie viele Stunden gewartet hatte – Keba war schon ganz benommen von der Hitze –, tauchte endlich der Maultierkarren auf. Auf dem Bock thronte der Sklavenhändler, ein hünenhafter weißer Mann mit einer langen Peitsche. Keba setzte sich zwischen einen alten Feldsklaven und zwei junge Frauen, die Narben im Gesicht hatten. Der Sklavenhändler machte sich mit seiner Fracht auf den Weg nach Willemstad.

2. KAPITEL

Lijannes Geduld wurde auf eine harte Probe gestellt. Fast eine ganze Woche dauerte es, bis ihr Vater sich zu ihrem Wunsch äußerte. In den vergangenen Tagen hatte sie immer wieder versucht, in den Mienen ihrer Mutter oder ihres Vaters einen Hinweis zu finden, dass die beiden über das Thema gesprochen hatten.

Schon fast hatte sie die Hoffnung aufgegeben. Wieder saßen sie beim Essen.

„Morgen bringen wir die Ziegen nach Oranjestad. Dort werden wir eine Überfahrt für dich buchen, Lijanne. Du kannst auf diese Schule gehen, wenn es so sehr dein Wunsch ist.“ Lijanne hätte sich fast verschluckt vor Freude und musste sich zusammenreißen, um nicht aufzuspringen und ihrem Vater um den Hals zu fallen.

Der scharfe Blick ihrer Mutter bremste sie. Mit schmalen Augen fixierte Marijke ihre Tochter. „Du weißt, dass ich das für keine gute Idee halte, aber wenn dein Vater sagt, du darfst gehen, dann soll es so sein. Curaçao ist nicht Aruba, Kind.“ Sie seufzte und wandte sich wieder ihrem Essen zu.

„Danke“, murmelte Lijanne nur und erhaschte ein Augenzwinkern von ihrem Vater.

„Du wirst deiner Mutter dort keine Schande machen, Lijanne“, sagte er mit einem Seitenblick auf seine Frau und fügte mit etwas leiserer Stimme hinzu: „Und wir werden stolz auf dich sein.“

„Ja, Vater.“

Früh am nächsten Morgen, die Sonne war noch nicht aufgegangen, aber am Himmel erschien schon ein heller Streifen, lenkte Lijanne den Maultierwagen, während ihr Vater auf seinem Pferd nebenherritt. Hinter ihr auf der Ladefläche meckerten fünf Ziegen. Der Weg nach Oranjestad war uneben und steinig. Lijanne ritt lieber, als dass sie sich auf dem harten Bock des Karrens durchrütteln ließ, aber es schickte sich nicht, mit wehenden Haaren und unordentlichem Kleid verwegen auf einem Pferderücken in die Stadt einzureiten. Zur Schule, ja, da hatte sie ein Pferd nehmen dürfen. Doch die lag ja auch nicht direkt in Oranjestad. Auf das Reiten würde sie fortan vermutlich ohnehin verzichten müssen. Sie konnte sich nicht vorstellen, dass die jungen Damen auf Curaçao etwas mit Pferden zu tun haben wollten.

Das langohrige Maultier vor dem Wagen trottete gemächlich dahin, und das Pferd ihres Vaters hatte sich dem Tempo des Zugtiers angepasst. Bald würde es heiß werden, und die Tiere wussten, wie sie mit ihren Kräften umzugehen hatten. Auf den Felsen am Wegesrand sonnten sich Eidechsen im ersten Tageslicht und auf den Kakteen kreischten die Papageien.

Lijanne hing ihren Gedanken nach. Innerlich brannte sie vor Ungeduld. Ihr gingen noch so viele Fragen im Kopf herum! Plötzlich war ihr bewusst geworden, dass sie auf Curaçao ganz auf sich allein gestellt sein würde. Vor wenigen Tagen hatte sie sich dies noch herbeigesehnt, jetzt bereitete ihr das plötzlich Angst. Sie ermahnte sich im Stillen, sich nicht so anzustellen. Schließlich war sie alt genug, und auf Curaçao waren die Menschen auch nicht anders als auf Aruba. Oder doch? Wusste sie genug über das gebührliche Verhalten einer jungen Dame? Würde sie in der Schule zurückstecken müssen, weil auf Aruba der Unterricht eher für kleinere Kinder abgehalten wurde? Würden ihre Kleider ausreichen? Ihr wurde ganz unwohl, und dies lag nicht an dem schaukelnden Maultierwagen.

Sie blickte hinüber zu ihrem Vater. Dieser ritt neben dem Wagen her, das Gesicht ohne irgendeine Regung, die Augen geradeaus, den Hut tief ins Gesicht gezogen und den Jackenkragen hochgeklappt; der immerwährende Ostwind meinte es heute wieder besonders gut. Nein – es gab Dinge, die würde sie eher ihre Mutter fragen. Sie richtete ihren Blick wieder auf das Hinterteil des Maultiers. Hoffentlich würde ihre Mutter jetzt nicht mehr so abwehrend sein. Lijanne fasste die Zügel so fest entschlossen, dass das Tier erschrocken den Kopf hob. Sie würde ihrer Angst keinen Raum geben. Sie hatte es genau so gewollt. Und ob ihre Mutter ihr nun beistand oder nicht, sie würde nach Curaçao gehen, und ja – sie würde ihre Eltern stolz machen.

Die Ziegen hinten auf dem Wagen waren für den Transport nach Bonaire bestimmt. Nur durch Viehhaltung war auf Aruba einigermaßen Profit zu erzielen. Der Boden war zu steinig und zu trocken für jede Art von Plantagenwirtschaft. Auf den Nachbarinseln, wo das kleinste Fleckchen fruchtbarer Erde für die Anpflanzung von Zuckerrohr oder Aloe genutzt wurde oder, insbesondere auf Bonaire, große Salzseen das Land einnahmen, war kein Platz für Tierzucht.

Heute würden sie die Tiere zum Hafen bringen. Bei der Paarden Baai bei Oranjestad handelte es sich um eine natürliche Bucht, in der schon von Anbeginn der Besiedlung der Insel die Tiere von Bord gelassen wurden, damit sie sich vermehren konnten. Da bis heute ein großer Anlegesteg fehlte, war das für Großtiere eine unangenehme Sache. Lijanne dachte nur ungern daran, wie ihr Eselhengst vor einigen Jahren seinen Weg von Europa nach Aruba gefunden hatte. Seine Anlandung war unsanft gewesen, denn Matrosen stießen ihn unweit des Ufers von Bord, und er musste sich seine neue Heimat schwimmend erkämpfen. Lijanne erinnerte sich noch ganz genau an den Tag. Sie hatte nicht mit auf das Boot gedurft, mit dem ihr Vater das Tier an Land begleiten wollte. Mit ihrer Mutter zusammen hatte sie vom Ufer aus das Drama beobachtet. Für einen Esel gibt es nichts Schlimmeres, als ins Wasser gestoßen zu werden. Der Hengst hatte um sich getreten, doch er hatte keine Chance. Wild strampelnd versuchte das Tier, sich vor dem Ertrinken zu retten. Der Vater fischte den Führstrick des Esels aus dem Wasser und lotste ihn mit seinem kleinen Ruderboot zum Ufer. Ob der Esel vorher schon so bösartig gegenüber Menschen gewesen war, vermochte niemand zu sagen, sicher war nur, dass es endgültig vorbei war mit seinem Vertrauen, als er tropfnass und zitternd seine Hufe auf den Boden der Insel setzte. Den Pferden erging es nicht viel anders, aber man behandelte sie als wertvolleres Gut mit deutlich mehr Umsicht. Die Ziegen würden heute jedenfalls nicht schwimmen müssen, man würde sie per Ruderboot zu den großen Schiffen bringen und von dort mit einem Seil an Deck hieven. Auf Bonaire allerdings würde es mit ihrem bisher ruhigen Leben jäh vorbei sein. Denn auf der Plantage, so viel wusste Lijanne, gab es viele Sklaven und somit unzählige hungrige Mäuler zu stopfen.

Der Hafen kam bereits in Sicht, und sie sah in der Ferne die Masten der großen Schoner, die in der Bucht vor Anker lagen. Reges Treiben herrschte auf den Straßen, und Lijanne musste sich sehr auf das Lenken des Maultierwagens konzentrieren. Ihr Vater ritt inzwischen vorweg und bahnte sich einen Weg durch die anderen Wagen, Handkarren und Lastenträger. Oranjestad war unter normalen Umständen eine beschauliche Siedlung. Die weiß getünchten Häuser umrahmten die Bucht. Wenn keine Schiffe in der Paarden Baai lagen, wirkten die Straßen verlassen; doch kaum tauchten die Segel eines Schoners hinter den Riffen zum Meer hin auf, verwandelte sich der kleine Ort in eine geschäftige Hafenstadt.

Lijannes Vater steuerte einen der Holzstege an. Dort lagen die kleinen Steigerboote, mit denen die zu verschiffenden Waren, dazu gehörten auch die Tiere, zu den großen Schiffen gebracht wurden.

„Bon día“, begrüßte sie der Kapitän des kleinen Bootes. Er kannte die de Winds; schließlich lieferten sie regelmäßig Tiere für die Plantage auf Bonaire ab.

„Bon día“, entgegnete Lijannes Vater und stieg von seinem Pferd. Die Umgangssprache auf Aruba war wie auch auf den anderen Inseln Papiamento. Eine kreolische Sprache, deren Vokabular hauptsächlich aus dem Spanischen und Portugiesischen stammte und einzelne Begriffe des Niederländischen miteinbezog. Die Weißen bevorzugten es, niederländisch miteinander zu sprechen, und so kam es, dass Gespräche oft in zwei Sprachen geführt, aber von beiden Seiten verstanden wurden. Lijanne beherrschte die Sprache der Eingeborenen, die der Schwarzen und die der Weißen fließend.

„Hat es schon geregnet in diesem Monat?“, erkundigte sich der Bootsführer, während er Garemba half, die Ziegen vom Wagen zu heben, ihnen die Beine zusammenzubinden und sie in den Laderaum des Steigerbootes zu legen.

„In einer Nacht ein wenig, ja.“

Die Sonne brannte inzwischen vom Himmel. Lijanne saß auf dem Kutschbock und wartete. Daheim hätte sie selbstverständlich mit angefasst, hier aber war das Verladen von Vieh reine Männersache. Sie konnte ihren Blick nicht von dem großen zweimastigen Schiff abwenden. In ihrem Magen kribbelte es.

„Juffrouw de Wind schaut heute etwas blass aus“, bemerkte der Bootsmann, während er eine Ziege an Lijanne vorbeitrug. Lijanne räusperte sich verlegen.

Nicht einmal eine Stunde später stand Lijanne mit ihrem Vater in dem kleinen Kontor des Hafenmeisters.

„Nach Curaçao? Wie viele Personen?“ Der dickliche Mann hinter dem alten, abgenutzten Schreibtisch sah nicht einmal von seinen Papieren empor.

„Zwei“, antwortete Garemba.

Lijannes Herz machte einen kleinen Sprung. Sie würde also nicht allein nach Curaçao fahren! Dass sie nicht ganz auf sich gestellt in ihr neues Leben starten musste, beruhigte sie ein wenig.

„In sechs Tagen geht das nächste Schiff.“

„Gut.“ Garemba legte ein paar Gulden auf den Tisch des Hafenmeisters.

Sechs Tage. Lijannes Herz drohte stehen zu bleiben. In nur sechs Tagen würde sich ihr Traum erfüllen! Mit zitternden Händen nahm sie die Passagierscheine für die Überfahrt entgegen.

3. KAPITEL

Das Schiff hatte fast zwei Tage mit dem Ostwind gerungen, um nach Curaçao zu gelangen. Während die Reise nach Westen immer ein leichtes Unterfangen mit günstiger Brise war, so war die Fahrt in die entgegensetzte Richtung stets ein Kampf gegen Wind und Strömung. Lijanne hatte Stunde um Stunde an der Reling gestanden, die Hände um das glatt geschliffene Holz geklammert, und aufs Meer gestarrt. An Schlaf war in der schmalen und stickigen Koje unter Deck nicht zu denken. Lijanne gingen viele Gedanken durch den Kopf und das Knarren und Ächzen des Schoners, der sich gegen Wind und Wellen stemmte, ließen sie kein Auge zumachen. Ihre Mutter war sehr still gewesen. Lijanne hatte versucht, noch einige Antworten auf Fragen zu bekommen, die ihr auf der Seele brannten.

„Kennst du die Schule, Mama?“

„Ja.“

„Denkst du, meine Kleider werden reichen?“

„Ja.“

Je mehr Lijanne fragte, desto verschlossener wurde die Miene ihrer Mutter. Schließlich gab sie auf. Es schien ihrer Mutter ganz und gar nicht zu gefallen, dass Lijanne nun doch die Reise auf die Nachbarinsel antrat.

Als sie am frühen Morgen an Fort Amsterdam vorbei in die Sint Annabaai einfuhren, klopfte ihr das Herz bis zum Hals. Curaçao war zwar nicht weit entfernt von Aruba, doch war das Bild der Insel ein ganz anderes. Die Westküste war von vielen Buchten mit teils steilen Felswänden, teils sanft abfallenden Stränden durchbrochen. Palmenhaine umsäumten blaue Lagunen, Hügel und Berge ließen das Eiland viel wuchtiger wirken als seine kleine Schwesterinsel. Wie oft war Lijanne wohl hier gewesen? Zwei, vielleicht drei Mal in ihrem Leben. Die letzte Fahrt lag einige Jahre zurück, sie war etwa zehn gewesen und hatte noch Zöpfe getragen. Sie war zusammen mit ihrem Vater gereist. Curaçao war ihr wie ein großer blühender Garten in Erinnerung geblieben.

Die Hauptstadt Willemstad durchschnitt ein Meeresarm. Östlich der Sint Annabaai erstreckte sich der ältere Stadtteil Punda um Fort Amsterdam herum, wo die Juden und Niederländer ihre Handelshäuser hatten und Staatsdiener und wohlhabende Kaufleute wohnten. Gegenüber lag Otrabanda – die andere Seite –, dort befanden sich die Hafenanlagen, Umschlagplätze sowie der Vieh- und Sklavenmarkt. Auf dem Wasser wimmelte es von kleinen Booten, doch der Schoner bahnte sich seinen Weg, um dann in der großen Bucht, Schottegat genannt, vor Anker zu gehen. Die Stadt kam Lijanne schon vom Meer aus viel größer vor, als sie sie in Erinnerung hatte. Von ihrem Platz an der Reling konnte sie mehr Menschen sehen, als auf ganz Aruba wohl leben dürften.

Das Ausschiffen war eine wackelige Sache. Von unzähligen in der Bucht ankernden Seglern fuhren Zubringer zu den Anlegestegen an Land und wieder zurück. Aus Angst, es könnte ins Wasser fallen, umklammerte Lijanne fest ihr kleines Gepäckbündel, als sie in das Boot umstieg. Sie hatte ihre drei besten Kleider mitgenommen, mehr besaß sie auch nicht. Ihr zerschlissenes Kleid, das sie während der täglichen Farmarbeit trug, hatte sie zurückgelassen.

Lijanne war froh, als sie wieder festen Boden unter ihren Füßen spürte. Sie blieb dicht an der Seite ihrer Mutter. Entlang dem Hafenkai herrschte Gedränge. Zu Fuß machten sie sich auf den Weg durch Punda zum Mädchenpensionat. Ihre Mutter schwieg noch immer und ging mit schnellen Schritten voran. Lijanne hatte kaum Zeit, sich umzusehen. Die Häuser von Willemstad waren zumeist zweistöckig mit hübschen Veranden vor der Tür, farbenfroh angestrichen, und keines glich dem anderen. Viele Menschen waren unterwegs. Schwarze in bunten Kleidern, die ihre Waren in großen Körben auf dem Kopf trugen, eilten in Richtung Hafen. Weiße fuhren in Pferdedroschken vorbei. Und unzählige Menschen, deren Hautfarbe sich weder als weiß noch als schwarz beschreiben ließ, eilten durch die breite Straße. Lijanne hatte das Gefühl, wie ein Blatt vom Wind herumgewirbelt zu werden. Ihre Mutter hingegen schien den Weg sehr genau zu kennen und bewegte sich zielstrebig durch das Gewühl. Zweimal hätte Lijanne sie fast verloren. Je weiter sie sich vom Hafen entfernten, desto lichter wurde das Gedränge. Sie überquerten eine Brücke und kamen in den Stadtteil Scharloo. Dort standen die Häuser nicht mehr dicht an dicht und waren großzügig von Gärten eingefasst. Wenig später verlangsamte Marijke de Wind ihre Schritte und blieb vor einer Einfahrt stehen, sie hatten ihr Ziel erreicht. Rechts und links erstreckte sich eine halbhohe Mauer, auf die man einen Zaun gesetzt hatte. Sie umschloss einen großen Palmengarten. Etwas abgelegen von der Straße war ein lang gezogenes, rostbraun getünchtes Gebäude zu erkennen.

„Wir sind da.“ Marijke warf ihrer Tochter einen prüfenden Blick zu. „Es ist besser … Kind, lass mich reden – ja?“

Lijanne nickte, sie war außer Atem. Zudem war sie nervös. Sie fühlte sich erhitzt und sah bestimmt ganz abgekämpft aus. Besorgt strich sie sich ein paar Haarsträhnen aus der Stirn und blickte an sich hinunter. Ihr Rock war zerknittert, der Saum und ihre Schuhe waren staubig.

Der Blick ihrer Mutter wurde milde. „Komm her … Ist schon in Ordnung.“ Sie strich über den Kragen der gestärkten Bluse und ließ dann ihre Hand kurz zärtlich auf Lijannes Wange ruhen. „Alles wird gut. Du wolltest gerne auf diese Schule, und so soll es ein. Weißt du … Es fällt mir auch nicht leicht, dich jetzt aus dem Nest zu wissen. Es … es ist … Nun ja, ich werde mich daran gewöhnen müssen.“ Ihre Mutter verzog das Gesicht zu einem schiefen Lächeln. „Aber wir sind jederzeit für dich da, Lijanne. Egal was geschieht.“

Lijanne war der Hals wie zugeschnürt. „Ja, Mutter“, presste sie hervor. Dass ihrer Mutter der Abschied so naheging, rührte sie sehr. Vielleicht hatte sie ihr unrecht getan.

Wenig später fand sich Lijanne im Zimmer der Leiterin des Mädchenpensionats wieder. Dunkle, schwere Vorhänge ließen nur wenig Licht herein. Es war zwar angenehm kühl, aber die Luft war abgestanden. In den wenigen Sonnenstrahlen, die durch die Volants fielen, tanzten Staubkörnchen. Lijannes Lippen waren vor Aufregung ganz trocken. Gegenüber hatte die Direktorin Platz genommen.

Mevrouw van Gravelsberg saß kerzengerade hinter ihrem kleinen Schreibtisch. Ihr Alter war schlecht zu schätzen, zumindest waren ihre Haare von feinen grauen Strähnen durchzogen. Ihre Haut hingegen war glatt und blass und wirkte eher wie die einer jüngeren Frau. Mit gespitzten Lippen und schmalen Augen betrachtete die Direktorin Lijanne und ihre Mutter.

„Mevrouw de Wind, von Aruba kommen Sie also? So, so. Nun, mit achtzehn ist Ihre Tochter ja fast schon etwas zu alt für unsere Schule.“ Mevrouw van Gravelsberg blickte Lijanne durchdringend an.

Lijanne merkte, wie ihr das Blut in die Wangen schoss. Verlegen senkte sie den Kopf.

Ihre Mutter ließ sich nicht beirren. „Lijanne war stets eine gute Schülerin. Sie wissen sicher, Mevrouw van Gravelsberg, dass die schulische Ausbildung auf Aruba gewissen Grenzen unterliegt. Und Lijanne ist jetzt in einem Alter, wo sie … wo sie vielleicht noch etwas darüber hinaus lernen sollte.“

„Gewiss, Mevrouw de Wind. Unsere Mädchen erhalten eine vorzügliche Ausbildung, die sie für ihr späteres Leben auszeichnet. Ich weise allerdings darauf hin, dass wir auf eine pünktliche Zahlung der Schulgebühren viel Wert legen.“

Jetzt wurden die Augen von Lijannes Mutter schmal. Sie erwiderte den strengen Blick der Direktorin, die ohne Zweifel hatte prüfen wollen, ob sich die Familie de Wind das Pensionat überhaupt leisten konnte, und sagte mit fester Stimme: „Das ist selbstverständlich.“

„Gut.“ Mevrouw van Gravelsberg legte einige Papiere auf ihrem Tisch zurecht. „Dann brauche ich noch Angaben zur Familie.“ Sie begann, ein Schriftstück auszufüllen.

„Sie sind wo geboren?“

„In Rotterdam“, antwortete Marijke.

„Der Vater von Lijanne?“

Marijke ergriff Lijannes Hand und drückte sie fest.

„Ist verstorben.“

Lijanne wurde stocksteif. Ihre Mutter log nie. Warum jetzt?

„Mein Beileid.“ Mevrouw van Gravelsberg neigte den Kopf etwas zur Seite. „Gehe ich recht in der Annahme, dass Sie die Farm auf Aruba nicht alleine verwalten?“

„Ich habe einen guten Vorarbeiter.“

„Verstehen Sie mich nicht falsch, Mevrouw de Wind, aber ich muss sichergehen, dass unsere Schülerinnen aus gottgefälligen Verhältnissen kommen.“

Lijanne wünschte sich in diesem Augenblick, die Erde würde sich unter ihr auftun. Es war also wirklich so, dass die Herkunft ihres Vaters ein Problem war! Ihre Mutter hatte ihn noch nie verleugnet. Zumindest nicht in Lijannes Gegenwart. Sie hätte ihre Tochter vorwarnen müssen!

Während es in Lijannes Kopf noch arbeitete und sich in ihre Nervosität eine unterschwellige Wut auf ihre Mutter mischte, erhob sich die Direktorin. „Dann zeige ich Ihnen jetzt das Haus und das Zimmer.“

Wie in Trance erhob sich Lijanne und folgte den beiden Frauen. Plötzlich war sie sich nicht mehr so sicher, dass sie sich hier wohlfühlen würde. Was sollte sie sagen, wenn Fragen nach ihrer Familie aufkamen? Würde sie so schamlos lügen können, wie ihre Mutter es soeben getan hatte?

Ihre Mutter schien ihre innere Zerrissenheit zu bemerken; sie griff nach der Hand ihrer Tochter und drückte sie fest. Nicht als Zeichen der Aufmunterung, sondern als stummen Befehl, sich zusammenzureißen. Marijke blickte Lijanne kurz eindringlich in die Augen. Lijanne musste den Kopf senken, um nicht in Tränen auszubrechen.

Die Direktorin schien die Spannung zwischen Mutter und Tochter nicht zu bemerken. Auf dem Flur begegneten ihnen einige junge Frauen. Schülerinnen? Einige beäugten Lijanne neugierig, andere würdigten sie keines Blickes.

Mevrouw van Gravelsberg zeigte ihren Gästen die Räume im unteren Stockwerk. Es gab einen Raum für Tanz und Gesang, einen für den Schulunterricht und ein Handarbeitszimmer. Lijanne hatte bisher keine richtige Vorstellung davon gehabt, was genau sie hier lernen würde, sie wusste nur, dass sie auch so werden wollte wie die anderen jungen Frauen. Sie spürte einen Kloß im Hals. Wenn sie an die Zukunft dachte, fühlte sie sich wie ein plumpes Arbeitspferd. Tanzen konnte sie kaum, das Singen war auch nicht gerade ihre Stärke, und der Umgang mit Nadel und Faden lag ihr nicht besonders. Dass sie Halfter für Pferde knüpfen konnte, würde ihr hier wohl nicht viel nützen. Lijanne gab sich einen Ruck. Nun denn – wenn es ihrer Zukunft zuträglich war, würde sie eben tanzen und alles andere lernen. Sie versuchte, die aufsteigende Angst hinunterzuschlucken.

„Die Schlafräume befinden sich in der oberen Etage. Die Hütten für die Sklaven sind im Hinterhof.“

„Sklaven?“, rutschte es Lijanne heraus.

„Ja – es ist unverzichtbar, dass jedes Mädchen eine eigene Leibsklavin bei sich hat“, konstatierte Mevrouw van Gravelsberg und warf Lijannes Mutter einen fragenden Blick zu.

„Ich konnte auf der Farm niemanden entbehren. Ich habe aber gute Kontakte in Otrabanda, und Lijanne wird natürlich eine Sklavin an ihre Seite bekommen.“

Die Direktorin hob leicht die Augenbrauen. „Üblicherweise bringen die Mädchen ihre eigenen Leibsklavinnen mit, aber wenn Sie sich darum kümmern … Es ist für einen geregelten Tagesablauf unentbehrlich.“

Lijanne wurde leicht schwindelig. Ihre Familie hatte noch nie einen Sklaven gehalten.

Als Mevrouw van Gravelsberg die Hausführung in der oberen Etage in dem Zimmer, in dem Lijanne fortan leben würde, beendete, war diese heilfroh. In ihrem Kopf wirbelten so viele Dinge und Fragen durcheinander, dass sie kaum noch einen klaren Gedanken fassen konnte.

„Du wirst hier mit Josefine Bakker zusammenwohnen. Ein aufrichtiges Mädchen, es ist schon ein Jahr bei uns.“ Die Direktorin wies auf eines der zwei Betten, die links und rechts an der Wand standen. Am Fußende befand sich eine kleine Kommode. Lijanne legte ihr Gepäckbündel dort ab. Das Zimmer war recht geräumig, und durch das breite Fenster konnte sie auf den Garten vor dem Haus sehen. Ein kleiner Trost.

„Ich hoffe, du wirst dich bei uns wohlfühlen.“ Das erste Mal veränderte sich der versteinerte Gesichtsausdruck der Direktorin, und sie schenkte Lijanne ein kurzes Lächeln. „Der Unterricht beginnt morgen früh. Josefine wird dich in alles einweisen.“ Mit diesen Worten verließ sie den Raum.

4. KAPITEL

Marijke de Wind atmete hörbar aus und entspannte sich etwas, nachdem die Direktorin gegangen war. „Dann müssen wir heute wohl noch nach Otrabanda, dir eine Sklavin besorgen.“

„Aber Mama … Ich kann doch nicht … Ich weiß gar nicht …“ Lijanne war den Tränen nahe. Dass ihre Aufnahme in das Mädchenpensionat mit so großen Umstellungen verbunden war, hatte sie nicht erwartet. Warum hatte ihre Mutter ihr nicht mehr darüber erzählt? Langsam dämmerte Lijanne, dass ihre Mutter nicht ohne Grund gegen diesen Schulbesuch gewesen war. Fast schämte sie sich, ihr nicht getraut zu haben.

„Schhh!“ Ihre Mutter hob die Hand. „Lijanne, ich habe deinem Wunsch nachgegeben, und du wirst jetzt diese Schule besuchen, eine Sklavin bekommen und all das lernen, was die anderen Mädchen auch lernen.“

„Aber … was ist mit Vater?“

„Lijanne, wüsste die Direktorin, dass dein Vater … Sie hätte uns umgehend vor die Tür gesetzt. Also behalte diese Geschichte bei, hörst du!“

„Ja, Mutter.“ Lijanne ließ den Kopf hängen. Ihren geliebten Vater zu verleugnen würde ihr nicht leichtfallen, das wusste sie.

„Ach, Kind.“ Ihre Mutter wurde weicher. „Du hast dir diese Schule doch so sehr gewünscht. Und nun komm, wir haben heute noch einiges vor.“

Es ging nochmals zu Fuß durch Punda bis zu den Anlegern, von wo die kleinen Boote zur anderen Seite der Sint Annabaai übersetzten. In der Mitte besaßen sie ein Dach aus Palmblättern, unter denen die Passagiere vor der Sonne geschützt waren. Im Bug sitzend ruderten vier kräftige Schwarze, im Heck thronte der Bootsmann und kassierte einen Viertelgulden für die Überfahrt. Lijanne bekam ein schlechtes Gewissen. Der kleine Geldbeutel ihrer Mutter mit den sorgsam und lange angesparten Münzen wurde zusehends leichter.

Das kleine Schiff schaukelte hin und her, Lijanne wurde ganz übel. Ihre Mutter schwieg, und ihr Gesichtsausdruck war ernst und in sich gekehrt. Sie schien genau zu wissen, wo sie hinwollte. Marijke de Wind kannte sich überraschend gut aus. Soviel Lijanne wusste, hatte ihre Mutter Aruba nur selten verlassen. Ob sie früher einmal in Willemstad gelebt hatte? Lijanne traute sich nicht zu fragen. Seit der Abreise war ihr ihre Mutter fremd geworden.

In Otrabanda angekommen führte Marijke ihre Tochter geschickt durch das Hafenviertel. Hier war es nicht so ansehnlich wie auf der anderen Seite, statt der hübschen Häuser säumten eher ärmliche Hütten die Straßen. Halb nackte dunkelhäutige Kinder tollten umher, Hunde wühlten am Wegesrand im Unrat. Dazwischen fanden sich Stände von Straßenhändlern, die Fisch und Obst feilboten. Lijannes Übelkeit wurde nicht gerade besser durch die sie umgebenden Gerüche. Dies war mit Abstand der aufregendste Tag in ihrem bisherigen Leben. Sie fühlte sich müde und ausgelaugt, und als sie daran dachte, dass sie heute Abend in diesem Zimmer bei diesem fremden Mädchen schlafen sollte, war sie schon wieder den Tränen nahe. Hätte sie doch nur nicht so darauf gedrängt! Aber nun musste sie die Zähne zusammenbeißen.

„Wir sind da.“ Ihre Mutter stoppte vor einer hohen Bretterwand. Einem Zaun, wie Lijanne sogleich feststellte. Marijke klopfte kräftig an ein Tor. Ein schwarzer Bursche in zerschlissener Kleidung öffnete.

„Ich möchte zu Meneer Struiwer.“

„Por favor – Señora“, nuschelte der Bursche und öffnete das Tor. Wie alle Farbigen sprach er die Kreolsprache Papiamento.

Rund um den Innenhof befanden sich kleine Verschläge. Lijanne erschrak, als sich aus dem einen oder anderen schwarze Gesichter hervorschoben, während sie auf diesen Meneer Struiwer warteten. Es entging ihr auch nicht, dass ihre Mutter zum ersten Mal an diesem Tag nervös zu sein schien.

„Wo sind wir hier?“, wagte sie leise zu fragen. Doch bevor ihre Mutter antworten konnte, schlug am Haus gegenüber eine Tür auf und ein hünenhafter Mann trat ins Freie.

Waren da Stimmen? Keba horchte auf. Sie lebte nun schon einige Zeit beim Sklavenhändler in der kleinen Hütte. Es stank, und Ungeziefer krabbelte einem nachts über die Beine. Aber kaum jemand wollte ein so junges Mädchen wie sie haben. Die alte Sklavin, die mit ihr in der gleichen Hütte lebte, hatte Keba schon zugeflüstert, sie würde wohl oder übel am Hafen landen. Was dort ihre Aufgabe sein sollte, hatte die Alte mit einer unmissverständlichen Geste zu verstehen gegeben und dabei gehässig lachend ihren zahnlosen Mund gebleckt. „Da stört auch das nicht.“

Keba hielt ihre verstümmelte Hand mit der anderen verdeckt. Dies war ihre Strafe gewesen. Und jeder konnte sehen, dass sie kein artiges Mädchen gewesen war. Als die Machete des Sklavenaufsehers sie traf, hatte sie nicht geweint. Erst später, als sie notdürftig verbunden am Rand des Sklavendorfes gekauert hatte, waren ihr Tränen über die Wangen gelaufen; sie hatte gezittert vor Schmerz und Scham, denn die Hütte ihrer Eltern durfte sie jetzt nicht mehr betreten. Sie hatte mehr als nur zwei Finger verloren. Genauso gut hätte man ihr das Leben nehmen können.

Die Stimmen näherten sich ihrer kleinen Hütte. Eilig sprang Keba auf, strich sich, so gut es ging, den Schmutz von der Schürze und wartete, dass die Tür geöffnet wurde. Wenn man überhaupt ihre Hütte wählen würde. Viel Hoffnung hatte Keba nicht. Der Sklavenhändler hatte nur alte, kranke oder aufmüpfige Sklaven auf dem Hof, die kaum jemand wollte. Eine Hausoder Leibsklavin würde hier wohl niemand suchen.

„Bon día!“, dröhnte eine Stimme über den Innenhof, die nicht nur Lijanne zusammenzucken, sondern auch die schwarzen Gesichter in den Fensterhöhlen und Türöffnungen der Verschläge verschwinden ließ. Marijke de Wind wurde stocksteif neben Lijanne.

„Bon día“, erwiderte sie tonlos.

Inzwischen stand der Mann vor ihnen, tippte an seinen Strohhut und starrte dann auf Lijannes Mutter.

„Das glaub ich nicht! Die Marijke – na, willst du mir nach so vielen Jahren noch mal Ärger machen?“ Er lachte, doch seine Stimme klang bedrohlich.

„Nein, keine Sorge, Struiwer. Wir brauchen eine Sklavin.“

„Sklavin, so, so. Bist du jetzt endlich vernünftig geworden?“

„Struiwer, lass die Vergangenheit ruhen! Dies ist meine Tochter, sie wird das Mädchenpensionat besuchen und braucht eine Leibsklavin.“ Marijke deutete auf Lijanne.

Der Mann sah Marijke einen Augenblick nachdenklich an, dann brach er in brüllendes Gelächter aus. „Und das aus deinem Munde! Dass ich diesen Tag noch erlebe! Dann lass uns mal schauen, was ich dahabe. Du wirst hoffentlich diesmal …“ Er machte eine Geste, die sich unmissverständlich auf die Bezahlung bezog.

„Selbstverständlich.“

Während Struiwer auf einen der kleinen Verschläge zusteuerte, schaute Lijanne ihre Mutter ungläubig an. „Du? Woher …?“

Marijke war sichtlich unwohl in ihrer Haut. „Ich erkläre dir das später“, befand sie knapp und folgte dem Sklavenhändler, denn ein solcher war Struiwer ohne Frage.

Lijanne konnte das alles nicht fassen. Nicht nur, dass sie heute ein gänzlich neues Leben beginnen würde, auch ihr bisheriges Leben, besser gesagt das ihrer Mutter, warf ganz unerwartet Fragen auf.

Struiwer öffnete derweil die Tür der kleinen Bretterhütte und stieß einen Pfiff aus, als wolle er einen Hund herbeirufen. Heraus kamen zwei Schwarze. Eine alte krummbeinige Frau ohne Zähne und ein junges Mädchen. Gehorsam stellten sie sich mit gesenktem Blick nebeneinander auf. Sie waren barfuß, wie sich das für Sklaven gehörte, ihre Kleidung war zerlumpt, und sie selbst waren schmutzig.

„Dann schauen wir mal. Was genau sucht die Señora denn?“

Ohne zu antworten, trat Marijke de Wind auf die beiden Sklavinnen zu und nahm sie in Augenschein.

Lijanne erhielt ihre erste Unterrichtseinheit in Willemstad nicht an der Schule, sondern von ihrer eigenen Mutter: Wie begutachtet man einen Sklaven? Lijanne sträubten sich die Nackenhaare. Um die alte Frau zu beurteilen, brauchte es nicht viel Wissen.

„Die hier kann kochen“, pries Struiwer derweil seine Ware an.

Marijke blieb allerdings vor dem jüngeren Mädchen stehen. Es war vielleicht dreizehn Jahre alt, hatte dünne Ärmchen und wirkte fast wie ein Junge, wären da nicht ihr dicker schwarzer Zopf gewesen und die ebenmäßigen, sehr hübschen Gesichtszüge. Sie vergrub ihre Hände in den Taschen ihrer löchrigen Kittelschürze, während Lijannes Mutter sie musterte. Marijke verlangte ihre Hände zu sehen. Zögernd streckte das Mädchen sie ihr entgegen. An der linken Hand fehlten der kleine Finger und ein Stück vom Ringfinger.

„Struiwer?“ Lijannes Mutter sah den Sklavenhändler fragend an.

Dieser zuckte mit den Schultern. „Etwas schwierig, die Kleine. Aber du willst ja sicherlich nicht so viele Gulden ausgeben, oder bist du etwa reich geworden mit den Jahren?“ Er grinste anzüglich.

Marijke wandte sich wieder zu den Sklavinnen um. „Wie heißt du?“

„Keba“, flüsterte das Mädchen.

„Keba – was hast du gestohlen?“

„Señora, Orange … eine Orange.“ Verlegen vergrub Keba wieder ihre Hände in der Kittelschürze.

Lijanne bemerkte, wie ihre Mutter fast unmerklich den Kopf schüttelte.

„Lijanne – denkst du, du würdest mit Keba zurechtkommen?“

„Mutter, ja, das denke ich.“ Lijanne sagte dies mehr aus Mitleid als aus echter Überzeugung. Sie mochte gar nicht daran denken, was man diesem Mädchen vielleicht noch alles antun oder abhacken würde in seinem zukünftigen Leben.

„Gut! Struiwer – wir nehmen dieses Mädchen.“ Der Tonfall ihrer Mutter war nicht anders, als hätte sie gerade eine Ziege oder ein Pferd gekauft.

Der Sklavenhändler nickte abfällig. „Immer noch Mitleid mit den Sklaven. Bitte – bitte, nehmt sie nur mit.“

Einige Gulden wechselten den Besitzer. Struiwer machte auf Lijanne den Eindruck, dass er froh war, Marijke de Wind vom Hof zu bekommen. Ohne viel Aufhebens verabschiedete er die Frauen am Tor und ließ es geräuschvoll hinter ihnen ins Schloss fallen.

Keba stand schüchtern hinter ihrer neuen Señora. Sie fand es sehr seltsam, dass die junge Señora anscheinend noch nie einen Sklaven besessen hatte. Ein Weißer ohne Sklave? Das war undenkbar! Doch jetzt brauchte die junge Señora eine Leibsklavin und hatte Keba gewählt. Innerlich bebte das Mädchen vor Glück. Es würde sein Bestes geben und immer brav und artig sein.

„Wir müssen dem Mädchen eine neue Schürze kaufen.“ Lijannes Mutter winkte schon wieder zum Aufbruch. Inzwischen stand die Nachmittagssonne tief am Himmel, sie hatten noch den Meeresarm zu überqueren. Lijanne und Keba mussten zum Mädchenpensionat, und Marijke de Wind würde noch am selben Abend wieder einen Schoner besteigen, um zurück nach Aruba zu gelangen. Bei günstigem Wind würde die Rückfahrt nur wenige Stunden dauern. Lijanne folgte ihrer Mutter mit weichen Knien. Keba schloss sich wie ihr Schatten an.

Bei einer Straßenhändlerin kauften sie dem Sklavenmädchen eine neue Kittelschürze. Das Münzsäcklein der Mutter war inzwischen fast leer.

„Zieh die am besten gleich an.“ Marijke schob das Mädchen hinter ein paar Fässer am Straßenrand.

„Du musst deiner Sklavin immer genaue Anweisungen geben“, erklärte sie mit gedämpfter Stimme ihrer Tochter.

Lijanne war sich nicht sicher, ob ihr dies gelingen würde, zumal sie nicht wusste, was Kebas zukünftige Aufgaben sein sollten. Wozu brauchte sie eine Leibsklavin?

Als Keba in ihrer neuen Schürze hervortrat, huschte ein schüchternes Lächeln über das Gesicht des Sklavenmädchens. Behutsam strich sie über den groben, aber sauberen Stoff. „Danke, Señora.“

Lijanne ging das Herz auf. Ihre Familie war nie sehr wohlhabend gewesen, doch es ging ihnen auch nie wirklich schlecht. Kleidung, Essen – über all dies hatte sich Lijanne nie Sorgen machen müssen. Wie gut es ihnen ging, machte ihr dieses Mädchen gerade bewusst.

Sie bestiegen wieder ein Boot in Richtung Punda. Die große Bucht wurde inzwischen in das tiefrote Licht der untergehenden Sonne getaucht. Es dämmerte bereits, als sie wieder am Mädchenpensionat ankamen.

„Lijanne, ich muss mich jetzt beeilen. Das Schiff wartet nicht auf mich.“ Ihre Mutter sah erschöpft und müde aus, und der letzte Teil ihrer Reise stand ihr noch bevor.

„Mama … ich weiß doch aber gar nicht …“ Lijanne sah unsicher zu Keba, die artig drei Schritte hinter ihr stand.

Marijke de Wind lächelte und legte ihrer Tochter die Hand auf die Wange. „Kind, die Kleine weiß schon, was sie zu tun hat, und du wirst auch schnell lernen, mit ihr umzugehen. Ich muss jetzt fort. Pass auf dich auf.“

„Mutter …“ Lijanne wollte noch so viel sagen.

„Alles ist gut, und wenn wir uns das nächste Mal sehen, bist du eine gesittete junge Dame, versprichst du mir das?“ Das Lächeln ihrer Mutter trieb Lijanne die Tränen in die Augen.

„Ja … und … und grüß Vater von mir.“

Ihre Mutter zog einen kurzen Moment die Augenbrauen zusammen und legte den Zeigefinger auf ihre Lippen.

Lijanne nickte. Sie hatte verstanden. Diesen Vater gab es ab heute nicht mehr, nicht hier auf Curaçao.

Eine schwarze Haussklavin nahm Lijanne und Keba am Eingang des Hauses in Empfang.

„Señora.“ Mit einem Kopfnicken ließ sie Lijanne hinein, Keba aber stellte sie sich in den Weg.

„Du musst hintenrum, Mädchen.“

„Sie kennt sich doch hier noch gar nicht aus“, versuchte Lijanne zu erklären, denn Keba warf ihr einen hilfesuchenden Blick zu.

„Hintenrum, da wird man dir deinen Platz zeigen. Die Sklaventür ist hinterm Haus, und die Treppe führt von dort nach oben“, sagte die schwarze Frau mit strengem Blick.

Während Keba tat wie ihr geheißen, ging Lijanne zu ihrem Zimmer. Ihr zukünftiges Zuhause. Auf dem Flur traf sie niemanden. War noch Unterricht?

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