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Insel der Angst

Steve Hogan

Insel der Angst

PROLOG

Iona Stacey rutschte aus und fiel vornüber.

Der peitschende Regen hatte die grauen Klippen in spiegelglatte Flächen verwandelt. Sie stöhnte auf, als sie mit den Knien unsanft auf dem steinernen Untergrund aufschlug. Doch sie gönnte sich keine Pause. Sofort rappelte sie sich wieder hoch und lief weiter. Wenigstens war sie passend angezogen für ihre halsbrecherische Flucht durch die menschenleere sturmgepeitschte Felswüste. Ihre Boots mit Profilsohle ermöglichten ihr ein halbwegs zügiges Vorankommen.

Und trotzdem – noch immer wurde sie verfolgt. Iona wagte nicht, einen erneuten Blick über die Schulter nach hinten zu werfen. Zu groß war die Furcht vor dem, was sie zu sehen bekommen würde.

Die Sturmhexe.

Iona hatte gelacht, als sie zum ersten Mal von diesem Schreckgespenst gehört hatte. Inzwischen wäre ihr nicht mehr eingefallen, sich über das sagenumwobene Wesen zu amüsieren. Auf einer champagnerfeuchten Party in Glasgow ließ es sich leicht über die abergläubischen Insulaner und ihre Spukgestalten lästern.

Aber jetzt war Iona auf Finnsay, einer unheimlichen Insel am Ende der Welt. Und das Lachen wäre ihr kaum im Hals stecken geblieben, wenn sie nicht ihre Kraft zum Laufen gebraucht hätte.

Gewiss, genau gesehen hatte Iona die Kreatur nicht. Aber sie war sicher, dass es nur die finstere Sagengestalt sein konnte, die sie verfolgte. Und es sah nicht so aus, als ob Iona ihr entkommen könnte. Trotzdem gab sie nicht auf und versuchte, vor ihr zu fliehen. Zu schrecklich war die Vorstellung, in die Fänge der Sturmhexe zu geraten.

Tief und bleiern hingen die Regenwolken über der aufgewühlten See. An der Steilküste, die Iona entlanglief, gab es keine Pfade, nur Klippen und Felswände. Doch selbst wenn es einen Fußweg gegeben hätte – er wäre er bei dem trüben Licht und den Regenschauern so gut wie unsichtbar gewesen.

Schon bald würde es Nacht werden.

Iona wollte auf keinen Fall in der Finsternis zurückbleiben. Sie begriff, dass sich außer ihr kein menschliches Wesen in diese Einöde traute, schon gar nicht um diese Uhrzeit.

Und das konnte nur eines bedeuten: Sie war allein mit der Sturmhexe.

Dieser Gedanke verstärkte ihre Panik. Iona konnte nur darauf hoffen, dass sie es bis zu ihrem Leihwagen schaffte. Sie würde einfach die Tür hinter sich zuschlagen, den Motor starten und zurück ins Dorf fahren – unter Menschen.

Aber wie sollte sie zu ihrem Auto zurückfinden?

Hier oben an der Nordspitze der Insel sahen alle Felsen und Klippen gleich aus. Hinzu kam, dass es von Minute zu Minute dunkler wurde. So etwas wie Straßenlaternen existierte hier natürlich nicht. Allein schon deshalb, weil es hier keine Straße gab. Selbst die elende Schotterpiste, auf der sie hierher gefahren war, war im Nirgendwo geendet. Lediglich auf der weit entfernten Shetland-Hauptinsel Mainland konnte man das fahle Signalfeuer eines Leuchtturms erkennen. Und das schottische Festland lag weit hinter dem Horizont.

Die Sturmhexe kam näher.

Iona sah es nicht, konnte es aber spüren. Ihre Panik war mittlerweile ins Unermessliche angewachsen. Ein Blick auf die Schreckensgestalt, und sie würde ihr Leben verlieren, davon war sie jetzt überzeugt.

„Lass mich in Ruhe!“, schrie sie gellend, aber der tobende Wind riss die Worte sofort von ihren Lippen, sodass niemand sie hören würde. Es war sinnlos, niemand würde sie retten.

Plötzlich glaubte sie zu spüren, wie eine Klaue nach ihr griff. Verzweifelt machte Iona einen besonders großen Schritt nach vorn und … trat ins Leere. In ihrer Kopflosigkeit war sie zu nahe an den Klippenrand geraten!

Voller Entsetzen schrie sie auf, ruderte mit den Armen und versuchte irgendwo Halt zu finden. Doch es gab keine Rettung. Unter ihr klaffte der Abgrund, und sie stürzte auf den steinigen Strand von Finnsay.

1. KAPITEL

Shona McGill machte einen langen Hals, denn sie hörte das satte Knattern eines schweren Polizeimotorrads, das sich der Polizeischule von Inverness näherte. Soeben hatte die junge Polizistin ihren letzten Unterrichtstag beendet, nun musste sie noch die offizielle Abschlussfeier hinter sich bringen.

Doch den Gedanken an das höchstwahrscheinlich verkrampfte Ereignis schob sie einstweilen von sich, denn nun bog die Maschine um die Ecke. Shona bekam große Augen, als sie das blitzblank geputzte Zweirad erblickte. Der Kollege, der darauf saß, hob grüßend seine behandschuhte Rechte, während er vorbeifuhr. Es dauerte einen Moment, bevor Shona zurückwinkte. Sie musste sich erst daran gewöhnen, dass sie von nun an ein vollwertiges Mitglied der Northern Constabulary – der nordschottischen Polizei – war. Neidisch blickte sie hinter dem Motorrad her, bis die Rücklichter nicht mehr zu erkennen waren.

„Träumst du schon wieder?“, hörte sie plötzlich die Stimme von Julia Braddock hinter sich.

Mit einem Ruck drehte Shona sich zu ihrer Zimmerkameradin aus der Polizeikaserne um und seufzte, wie sie es in den vergangenen drei Jahren schon oft getan hatte. Julia trug genau wie sie die dunkelblaue Uniform der schottischen Polizei. Doch im Gegensatz zu ihr wirkte ihre dunkelhaarige Kollegin wie aus dem Ei gepellt. Auf ihren Schuhen war nicht ein einziges Staubkorn zu erkennen, und die Bügelfalten waren messerscharf.

Im Vergleich zu Julia kam sich Shona klein und unbedeutend vor – und das sogar im Wortsinn. Julia war etwa eine Handbreit größer als sie, die bei der Einstellungsuntersuchung nur ganz knapp die vorgeschriebene Mindestgröße für Polizistinnen erreicht hatte. Außerdem war Julia Jahrgangsbeste unter den Polizeischülern, während Shona mit ihren Leistungen nur im hinteren Drittel lag. Das konnte aber auch daran liegen, dass sie oft auf Krawall gebürstet war und ihren Ausbildern Widerworte gab, während Julia sich überall beliebt gemacht hatte.

Die beiden hatten sich in ihrer Zwangsgemeinschaft irgendwie zusammenraufen müssen, aber richtige Freundinnen würden sie wohl nie werden – jedenfalls wenn es nach Shona ging. Julia war ihr gegenüber unverbindlich nett, wie zu allen Kollegen und Vorgesetzten. Doch Shona war sicher, dass Julia sie im Grunde ihres Herzens nicht ausstehen konnte.

Trotzdem lächelte Shona nun, denn sie würde Julia wohl so bald nicht wiedersehen. „Klar, meinen großen Traum lasse ich mir nicht nehmen, Julia. Die Motorradstaffel – da will ich hin.“

Julia hüstelte gekünstelt. „Bist du sicher, dass das so eine gute Idee ist? Das Auswahlverfahren für diesen Dienst soll knallhart sein, habe ich gehört.“

„Und du meinst, ich würde sowieso versagen? Weil ich nicht Jahrgangsbeste bin, so wie du?“

„Das meinte ich nicht.“ Julia blieb freundlich. Sie legte sogar ihre Hand auf Shonas Unterarm. „Ich würde es nur schade finden, wenn du enttäuscht wirst. Wir haben uns doch in den letzten Jahren so gut kennengelernt …“

Shonas Lächeln verblasste. „Nein, Julia. Das haben wir nicht. Du weißt nichts von mir. Ich habe dir schon in der ersten Ausbildungswoche erzählt, dass ich zur Motorradstaffel will. Aber du hast das nie ernst genommen. Klar, wahrscheinlich dachtest du, ich würde die Polizeischule sowieso nicht packen.“

„Beim Pistolenschießen hast du die Mindestanforderungen erst beim dritten Versuch geschafft“, antwortete Julia, und ihr Lächeln wirkte auf einmal etwas angestrengt. „Und bei der Klausur in Rechtskunde hat Ian dich bei sich abschreiben lassen, sonst wärst du durchgerasselt.“

„Danke, dass du mich daran erinnerst“, sagte Shona ironisch. „Hast du darüber Buch geführt?“ Als Julia sie empört anschaute, fuhr sie fort: „Hey, ich bin nicht sauer auf dich. Obwohl ich immer noch glaube, dass du mich beim Commander verpfiffen hast, als ich mich das eine Mal nachts weggeschlichen habe, um Party zu machen.“

„Das war ich nicht, Ehrenwort!“, rief Julia entrüstet.

„Wie auch immer – natürlich ist das Auswahlverfahren die Hölle auf Erden“, meinte Shona schließlich einlenkend. „Die Motorradstaffel, das ist nun mal nicht irgendein öder Dienst auf einer Langweiler-Wache. Aber was du vielleicht nicht weißt: Man kann Pluspunkte sammeln, bevor man sich dort anmeldet.“

Auf einmal war Julia wieder ganz Ohr. Mit Pluspunkten kannte sie sich aus, schließlich hatte sie sich in den vergangenen Jahren mit zahlreichen Gefälligkeiten ganz nach oben geschleimt. Aber von dieser Sache schien sie nichts zu wissen. Shona war stolz, dass sie Julia wenigstens einmal etwas voraushatte.

Sie war sicher, dass Julia sich keinesfalls für die Motorradstaffel bewerben würde. Die dunkelhaarige Polizistin wollte hoch hinaus, so viel stand für Shona fest. Wahrscheinlich sah sie sich in ihren Wunschvorstellungen schon als ersten weiblichen Superintendent – und damit als oberste Beamtin der Northern Constabulary.

„Pluspunkte? Und wie?“ Julia bemühte sich offensichtlich, nicht allzu neugierig zu klingen.

Dennoch brachte ihr eifriger Gesichtsausdruck Shona erneut zum Grinsen. „Ganz einfach. Ein altgedienter Kollege von der Motorradstaffel hat mir den Trick verraten. Man muss ein Jahr lang auf dem ödesten und unbeliebtesten Posten von ganz Nordschottland Dienst schieben. Dort, wo sonst garantiert niemand hinwill. Wenn man die Zeit überstanden hat, wird die Bewerbung mit großem Wohlwollen geprüft. Und genau so werde ich es machen.“

„Wohin willst du dich denn versetzen lassen?“

Julias Frage war ernst gemeint, sie schien es wirklich nicht zu wissen. Das wunderte Shona nicht, schließlich war Julia in der letzten Zeit voll davon in Anspruch genommen gewesen, ihren Einsatz in dem angenehmsten und friedlichsten Polizeidistrikt weit und breit einzufädeln. Die Jahrgangsbeste würde die Polizeiwache in einem vornehmen Villenviertel von Glasgow mit ihrer Anwesenheit beehren. Dort, wo man bei der Fußstreife noch nicht einmal Hinterlassenschaften von Schoßhündchen auf dem Gehweg fand. „Ich lasse mich nach Finnsay versetzen, Julia“, erklärte sie stolz.

„Nie gehört“, murmelte Julia.

„Was, du als Jahrgangsbeste kennst Finnsay nicht?“ Shona lachte und zuckte die Schulter. „Okay, ich selbst musste auch erst einmal im Atlas nachschauen. Finnsay gehört zu den Shetland-Inseln. Mehr weiß ich über die Insel auch nicht.“

„Ist deine Bewerbung schon genehmigt?“

„Selbstverständlich. Die Personalabteilung konnte es kaum glauben, dass jemand Finnsay als Wunsch-Einsatzort angegeben hat. Sonst scheint die Insel sich wohl eher für Strafversetzungen zu eignen. Das ist meine Meinung.“

„Ich wünsche dir jedenfalls viel Erfolg dort oben, Shona“, meinte Julia mit ihrem üblichen falschen Lächeln. „Sehen wir uns bei der Abschlussfeier?“

Das wird sich wohl nicht vermeiden lassen, dachte Shona. Aber sie nickte einfach nur. Warum sollte sie jetzt noch einen Streit mit Julia vom Zaun brechen?

Nachdenklich sah sie Julia nach, als sie davoneilte. Vermutlich traf sie sich mit ihrem Freund, der gewiss genauso perfekt und pflegeleicht war wie sie selbst. Shona hatte ihn nie zu Gesicht bekommen, aber nach dem Foto über Julias Bett zu urteilen war er ein absoluter Traumtyp.

Sie hatte keinen Freund.

Vielleicht sollte ich mir ein Beispiel an Julia nehmen, dachte sie in einem Anfall plötzlicher Verzagtheit. Sie war oft kratzbürstig und ungeduldig. Dean hatte sich davon irgendwann vergraulen lassen. Ein halbes Jahr war sie mit ihm zusammen gewesen, als sie mit der Polizeischule angefangen hatte. Obwohl – was war dieser Typ überhaupt wert? Er hatte ihre Zukunftspläne nie für voll genommen und immer nur blöde Sprüche über die Polizei im Allgemeinen und Shona im Besonderen geklopft. Hätte er sie nicht unterstützen können? Gerade die ersten Monate der Ausbildung waren alles andere als leicht für sie gewesen. Shona hatte sich verboten, darüber zu jammern. Doch insgeheim hatte sie damals auf Deans Beistand gehofft – allerdings vergeblich.

Bei dem Gedanken daran, dass sie bereits am nächsten Morgen die Fähre nach Finnsay nehmen würde, verbesserte sich Shonas Stimmung. Außerdem bot es ihr einen willkommenen Vorwand, nicht allzu lange auf der Abschlussfeier bleiben zu müssen. Mit einigen Leuten aus der Polizeischule verstand sich Shona besser als mit Julia, aber wirklich schwer fiel ihr der Abschied nicht. Sie eckte leicht an und war alles andere als diplomatisch. Das hing allerdings auch mit ihrem ausgeprägten Sinn für Gerechtigkeit zusammen, der letztlich für ihre Berufswahl den Ausschlag gegeben hatte.

Wenn allerdings so ein stromlinienförmiger Charakter wie Julia Braddock viel mehr Erfolg hatte als sie, dann war die Polizeiausbildung vielleicht ein Fehler gewesen. Shona schüttelte den Kopf, wie um sich aus einem bösen Traum zu befreien. Sie hatte in letzter Zeit zu viel auswendig gelernt, das lag ihr nicht. In Finnsay würde ein neuer Lebensabschnitt beginnen. Und der Polizeischule weinte sie jetzt schon keine Träne nach.

Am nächsten Morgen herrschte strahlender Sonnenschein. Shona fuhr mit ihrer Mutter zum Hafen, die extra aus Edinburgh angereist war, um sich von ihrer Tochter zu verabschieden.

Wenigstens hatte Shona verhindern können, dass ihre Mom auf der Abschiedsfeier am Vorabend erschienen war. Victoria McGill war eine resolute Frau, die neben ihrem Beruf noch zahlreiche Ehrenämter bekleidete – von einer Suppenküche für Obdachlose bis zur Hausaufgabenhilfe für arme Kinder. Shonas Mutter hätte es gern gesehen, wenn ihre Tochter Lehrerin geworden wäre wie sie selbst. Daher war sie nicht gerade begeistert von Shonas Berufswahl gewesen. Doch sie kannte den Eigensinn ihrer Tochter und hatte nie versucht, ihr die Polizeischule auszureden. Dafür war Shona ihr dankbar.

Sie hatte von ihrer Mutter die grüne Augenfarbe und das widerspenstige Haar geerbt. Charakterlich war sie jedoch das ziemliche Gegenteil der stets beherrschten und vorausplanenden Victoria McGill.

„Dad wäre stolz auf dich“, sagte ihre Mutter voller Stolz, als sie langsam zum Anleger schlenderten.

Shona war ziemlich überrascht, diese Worte aus dem Mund ihrer Mutter zu hören. Sie sprachen selten über den Vater, der vor vielen Jahren bei einem Autounfall ums Leben gekommen war. Sie konnte sich kaum noch an ihn erinnern, denn sie war erst sieben Jahre alt gewesen, als die Nachricht von seinem Tod gekommen war. „Wirklich, Mom?“

„Ja, du wirst deinem Vater immer ähnlicher. Nicht äußerlich, das meine ich nicht. Ich spreche von deinem Lebensweg. Wie ich mitbekommen habe, waren deine Leistungen auf der Polizeischule eher unterdurchschnittlich …“

„Na vielen Dank auch!“, stieß Shona gekränkt hervor.

„… aber du hast dich davon nicht beirren lassen“, fuhr ihre Mutter lachend fort. „Du hast die Abschlussprüfung bestanden, obwohl das keineswegs sicher war. Dein Dad war genauso. Er wollte unbedingt mit Antiquitäten handeln, obwohl er ein miserabler Geschäftsmann war. Aber er hat sich seinen Lebenstraum nicht kaputt machen lassen. Ich hoffe, das wird bei dir genauso sein.“

Plötzlich begriff Shona, was für ein großes Kompliment ihre Mutter ihr gerade gemacht hatte. Über ihren Lebenstraum musste Shona nicht lange nachdenken: Das war die Motorradstaffel, ganz eindeutig. Sie wünschte sich nichts sehnlicher, als auf einer schweren Maschine umherzufahren und dort zu helfen, wo sie gebraucht wurde.

Gewiss, sie war nicht so eine Streberin wie Julia Braddock. Aber musste sie deshalb eine schlechte Polizistin sein? Erst im richtigen Dienstalltag konnte sie zeigen, was in ihr steckte. Die anerkennenden Worte ihrer Mom gaben ihr plötzlich noch einmal einen ungeheuren Auftrieb.

„Danke“, sagte sie schlicht, meinte es jedoch aus tiefstem Herzen.

Ihre Mutter wusste, dass ihre Tochter keine Freundin großer Worte war. Also umarmte sie Shona einfach lächelnd und drückte sie fest.

Shona hatte einen Kloß im Hals, ihre Augen wurden feucht. Sie wandte sich schnell ab und nahm ihre Reisetasche. „Ich muss los, die Fähre legt gleich ab.“

„Viel Glück, Shona. Du kannst mich jederzeit anrufen, wenn du etwas auf dem Herzen hast.“

Victoria McGill winkte, während Shona die Gangway hochging. Die Leinen wurden losgemacht, und das Schiff nahm schnell Fahrt auf. Shona war überrascht. Sie hatte ihre Mutter nicht oft so gefühlsbetont erlebt. Ob es daran lag, dass Shona eine Reise ins Unbekannte antrat? Oder merkte ihre Mutter, dass ihre zwanzigjährige Tochter nun endgültig erwachsen geworden war? Auch die Polizeischule war letztlich doch nur eine Schule, in der man für Fehler höchstens eine schlechte Note bekommen konnte. Aber nun begann das richtige Leben, in dem falsche Entscheidungen schlimme Folgen haben konnten. Besonders für eine Polizistin.

Die mehrstündige Überfahrt verlief ereignislos. Seufzend stand Shona auf und griff nach ihrem Gepäck. Sie hatte es noch nie ausstehen können, untätig herumsitzen zu müssen.

Daher war sie erleichtert, als endlich Finnsay in Sicht kam. Auf den ersten Blick wirkte die Insel wie der graue Rücken eines Riesenwals. Im Näherkommen war immerhin so etwas wie karge Vegetation zu erkennen. Außerdem gab es ein Dorf, das aus kleinen, größtenteils einstöckigen Häusern bestand. Der Wind hatte aufgefrischt, und die See wurde unruhiger. Shona hatte gehört, dass auf den Shetland-Inseln das Wetter oft miserabel war. Die Eilande lagen weit draußen in der Nordsee, auf halbem Weg zwischen Schottland und der norwegischen Küste. Das war nicht gerade ein Traumziel für einen Badeurlaub. Aber Shona kam schließlich auch nicht zu ihrem Vergnügen nach Finnsay.

Die Fähre legte in dem kleinen Hafen an. Als Shona von Bord ging, wurde sie bereits von einem Kollegen erwartet. Er steuerte zielsicher auf sie zu. Das war auch keine Kunst, denn sie trug als einzige Passagierin eine Polizeiuniform.

„Officer McGill?“ Der Polizist legte grüßend seine Rechte an den Mützenschirm. Er war etwas älter und erheblich größer als Shona. Er sah sie so erwartungsvoll an, als hätten sie sich zu einem Blind Date verabredet.

„Die bin ich.“ Shona erwiderte den Gruß und legte den Kopf in den Nacken, um ihr Gegenüber besser betrachten zu können. Der Polizist hatte feuerrotes Haar, was in Schottland nicht ungewöhnlich war. Ansonsten erinnerte er sie mit seinem breiten Mund an einen Frosch. Trotzdem kam er sich offenbar unwiderstehlich vor.

„Und ich bin Officer Lachlan McBride. Du kannst mich gerne Lachlan nennen. Und deinen Vornamen habe ich nicht richtig verstanden.“

„Das liegt daran, dass ich ihn noch nicht gesagt habe.“

McBride lachte, als hätte Shona einen erstklassigen Witz gemacht. „Du bist nicht nur bildhübsch, sondern hast auch noch Humor. Ich muss sagen, das Personalbüro scheint es ausnahmsweise wirklich gut mit uns zu meinen.“

Was sollte Shona darauf erwidern? Selten hatte sie eine so plumpe Anmache erlebt. Außerdem – bildhübsch war sie ganz gewiss nicht. Sie fühlte sich zwar nicht unattraktiv, zumindest wenn sie gute Laune hatte. Aber so ein Model-Typ wie Julia Braddock war sie nun mal nicht. Sie musste grinsen. Wenn dieser McBride sie schon als bildhübsch bezeichnete – welcher Superlativ würde ihm dann zu der Jahrgangsbesten der Polizeischule einfallen?

„Hör mal, Lachlan – lass uns eine Sache klarstellen: Ich bin nicht nach Finnsay gekommen, weil ich die große Liebe suche. Vielmehr will ich hier einfach nur meinen Dienst tun. Wenn du das akzeptierst, wirst du keine Probleme mit mir bekommen. Mein Vorname ist übrigens Shona, wenn du es unbedingt wissen musst.“

McBrides Grinsen wurde noch breiter, obwohl das kaum möglich zu sein schien. „Du bist schüchtern, das ist schon okay. Du wirst noch merken, was für ein netter Kerl ich bin. Nun lass uns erst mal zur Station fahren, damit du den Rest der Truppe kennenlernst.“

Mit diesen Worten führte er Shona zu einem Landrover, der als Polizeifahrzeug umgerüstet war. Sie stieg auf der Beifahrerseite ein und warf ihre Reisetasche auf den Rücksitz. McBride schwang sich hinter das Lenkrad und griff zum Funkgerät.

„Seagull one an Zentrale. Die neue Kollegin ist planmäßig eingetroffen, wir kommen jetzt rein.“

„Verstanden, Seagull one.“

Die Antwort war von einer Frauenstimme gekommen. Shona hoffte inständig, dass nicht alle Kollegen solche Nervensägen waren wie McBride. Der redete offenbar über alles, was ihm gerade in den Sinn kam.

„Ich hoffe, dir gefällt unser Einsatzfahrzeug. Es hat immerhin schon zwanzig Jahre auf dem Buckel. Der Sergeant beantragt ständig einen neuen Streifenwagen, aber auf dem Festland ist man wohl der Meinung, für uns hier draußen würde der alte Landrover reichen.“

„Habt ihr kein Motorrad?“, fragte Shona hoffnungsvoll.

McBride lachte schallend, er schlug sich sogar auf die Schenkel. „Hey, das ist ein guter Witz! Den muss ich mir merken … Nein, ein Motorrad haben wir nicht. Damit kann man doch gar keine Schafe transportieren.“

„Schafe?“

„Du weißt schon, diese wolligen blökenden Viecher.“

„Ich weiß auch, was ein Schaf ist, Lachlan! Aber ich frage mich, warum die Polizei Schafe transportiert.“

„Manchmal reißen Schafe aus und stürzen von den Klippen. Dann müssen wir sie bergen und zum Tierarzt bringen. Oder zum Schlachter, je nachdem. Die Polizeiarbeit auf Finnsay ist sehr abwechslungsreich.“

„Zweifellos“, murmelte Shona erschüttert. Sie fragte sich, ob die Dienstverpflichtung auf Finnsay nicht ein großer, wenn nicht sogar der größte Fehler ihres bisherigen Lebens gewesen war.

McBride redete ununterbrochen weiter. Zum Glück war der Weg bis zur Polizeistation nicht allzu weit. Ein weiteres Streifenfahrzeug konnte Shona vor der schmucklosen Wache nicht entdecken. Aber wahrscheinlich gab es keines außer dem Landrover. Die Insel war doch verflixt klein. Das wurde ihr erst jetzt so richtig bewusst.

„Da sind wir, Sir.“ Mit diesen Worten betrat McBride wenig später vor ihr die Wache. Dabei zwinkerte er Shona vertraulich zu, als ob sie schon Geheimnisse miteinander hätten.

Shona konnte sich gerade noch verkneifen, die Augen zu verdrehen. Glaubte dieser Schwätzer wirklich, dass sie sich mit ihm einlassen würde? Offenbar gehörte er zu den Männern, die sich von einer direkten Zurückweisung nicht beeindrucken ließen.

Die Polizeiwache unterschied sich in nichts von den Dienststellen, die Shona während der Ausbildung schon besucht hatte. Sie war nur viel kleiner. Die Computer und das Funkgerät wirkten etwas altmodisch, soweit Shona das auf die Entfernung beurteilen konnte. Aber das wunderte sie nicht wirklich.

Der Mann, den McBride angesprochen hatte, erhob sich von seinem Bürostuhl. Seine Rangabzeichen wiesen ihn als Sergeant aus. Er war ein stämmiger Mittfünfziger mit einem mächtigen Schnurrbart.

„Ich bin Sergeant Ewan Kennedy, der Dienststellenleiter auf Finnsay“, stellte er sich vor. „Officer McBride kennen Sie ja schon, Officer McGill. Und das ist Officer Catriona Bannister.“

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