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Insel, aus Träumen geboren

PROLOG

Olivia und Jack waren das perfekte Paar. Sie hatten denselben Beruf, dieselben Ziele im Leben, und sie teilten ihre Vorliebe für antike Bauwerke. Im Gegensatz zu ihr, die schon morgens putzmunter war, war er allerdings ein Nachtmensch, was nicht weiter schlimm war. Sie waren füreinander bestimmt, und jeder, der sich in ihrer Nähe aufhielt, konnte das Knistern zwischen ihnen förmlich spüren.

Im Juni hatten sie sich kennengelernt und im September in Positano geheiratet. Auch wenn das Brautbouquet aus weißen Lilien erst nach der Trauungszeremonie eingetroffen war, der Fotograf kein Wort Englisch gesprochen, der Bruder des Bräutigams verschlafen und die Hochzeitsgesellschaft sich auf dem Weg durch den Ort aus den Augen verloren hatte, war es für Olivia der glücklichste Tag in ihrem Leben gewesen.

Inzwischen hatte sie die kleinen Pannen längst vergessen. Immer in Erinnerung bleiben würde ihr dagegen, wie attraktiv Jack in seinem Smoking ausgesehen hatte und in dem weißen Hemd, das seine Sonnenbräune betonte. Und auch den Augenblick, als sie wie auf Wolken in dem weißen Seidenkleid ihrer Großmutter zu den Klängen eines Streichquartetts durch das Kirchenschiff zum Altar gegangen war, würde sie nie vergessen.

„Für immer“, hatte Jack geflüstert, als er ihr den Ring über den Finger streifte, in den das Hochzeitsdatum und ihre Initialen eingraviert waren. Dann forderte der Pfarrer ihn auf Italienisch auf, die Braut zu küssen, was Jack so leidenschaftlich tat, dass ein beifälliges Raunen durch die Kirche ging. In Olivias Augen standen Tränen des Glücks, als sie unter einem Regen von Rosenblättern die Kirche verließen.

Der anschließende Empfang fand in einem schlichten italienischen Hotel, das direkt am Meer lag, statt.

„Du bist wunderschön, Mrs. Oakley“, raunte Jack ihr zu, als sie sich am Tisch niederließen und die Kellner begannen, die Gläser mit Champagner zu füllen. Zärtlich schob er ihr eine Haarlocke hinters Ohr. „Ich kann noch gar nicht glauben, dass du jetzt mir gehörst. Mir ganz allein.“

„Das ist aber so, Mr. Oakley“, erwiderte Olivia mit einem glücklichen Lächeln. „Und zwar, bis wir alt und grau sind.“

„Bis wir zu alt sind, um noch an Ausgrabungen teilzunehmen.“

„Bis unsere Enkelkinder das übernehmen und für uns unsere Memoiren schreiben“, fuhr sie fort. „Zum Beispiel darüber, wie du das Haus der Vestalinnen in Pompeji entdeckt hast“, sagte er mit hörbarem Stolz. „Und wie du die Königsgräber bei Nimrud gefunden hast“, fügte sie hinzu. „Apropos Enkel – wie viele Kinder sollten wir denn deiner Meinung nach haben?“

„Oh, keine Ahnung. Zumindest so viele, dass sie uns die Schaufeln und Spitzhacken abnehmen könnten“, meinte Olivia.

„Und uns beim Graben und Aufzeichnungenmachen helfen“, ergänzte er.

„Aber was ist, wenn sie sich für den alten Kram nicht interessieren? Wenn sie keine Lust haben, mit uns zu all den antiken Stätten zu reisen? Wenn sie nur zu Hause sitzen und Videospiele mit ihren Freunden veranstalten wollen?“

Jack schüttelte den Kopf. „Sie werden bestimmt nach dir geraten und abenteuerlustig, bildhübsch, klug und hart im Nehmen sein. Worauf warten wir noch? Lass uns gleich damit anfangen, diese kleinen Wunderwesen zu produzieren.“

„Jetzt?“ Olivia blickte sich in dem Saal um, in dem Freunde und Verwandte aus allen Teilen der Welt sich eingefunden hatten, um mit ihnen zu feiern.

„Nein, heute Nacht in unserem Zimmer oberhalb der Stadt, mit dem Zitronenbaum vor dem Fenster und dem Rauschen des Meeres unten am Strand.“ Er streifte mit den Lippen ihre. „Abgemacht?“

Olivia nickte. Sie wäre ihm auch gefolgt, wenn er auf der Stelle hätte gehen wollen. Überallhin und jederzeit. Olivia hatte die gleichen Wünsche wie er und sehnte sich nach Liebe, Kindern und Erfolg und Anerkennung im Beruf. Doch am meisten wollte sie Jack. Es war nicht weiter schlimm, wenn sie im Moment keine Zeit für Flitterwochen hatten. Ein ganzes gemeinsames Leben lag vor ihnen. Am nächsten Tag mussten sie schon wieder nach Hause fliegen, da das Herbstsemester begann und sie beide einen Lehrstuhl am Archäologischen Institut innehatten.

Olivia war fast dreißig, Jack einige Jahre älter als sie. Warum sollten sie sich ihren Kinderwunsch nicht erfüllen? Der Nachwuchs würde ihrer Karriere nicht im Wege stehen und das Ebenbild des Vaters sein, seine Gutmütigkeit, seine Geduld, seine Zielstrebigkeit und seinen Humor haben und ihr Glück nur vollkommen machen und ihr Leben bereichern. Außerdem würde Jack auch einen wundervollen Vater abgeben.

Doch es sollte nicht sein. Olivia wurde einfach nicht schwanger, sooft sie es auch versuchten. Statt schwanger wurde sie immer deprimierter und fühlte sich als Versagerin. Jack machte ihr keine Vorwürfe, nur sie selbst tat es. Er unternahm alles, um ihr das Leben zu erleichtern, indem er ihr Vorlesungen abnahm, Essen ins Haus liefern ließ, damit Olivia nicht kochen musste, und einen Reinigungsdienst engagierte.

Es schmerzte ihn, wie sie litt. Dabei hatten die Ärzte ihnen versichert, dass bei ihr wie auch bei ihm alles in Ordnung sei. Bald erreichte Jack einen Punkt, wo er es aufgab. Er konnte ihr nicht mehr helfen. Er konzentrierte sich auf seine Vorlesungen und die Forschungsprojekte an der Universität und verschloss sich vor Olivia und ihrem Kummer, und nach einer Weile erwähnte keiner von ihnen mehr die Kinder, die sie einmal hatten haben wollen.

Olivia war froh, dass sie wieder ihrer Arbeit nachgehen und neue Vorlesungen geben konnte. Sie hatte es satt, sich zu schonen. Und das Gefühl, ständig zu versagen, ging ihr auf die Nerven, denn sie war es gewöhnt, Erfolg zu haben.

Sie arbeitete oft bis spät in die Nacht hinein. Für sie zählte nur noch die Karriere. Zu Jack hielt sie einen gewissen Abstand, denn er erinnerte sie nur immer wieder an ihre Unfähigkeit. Zwar tat er so, als machte es ihm nichts aus, keine Kinder zu haben, doch sie wusste, wie sehr er sich welche wünschte.

Jack war darauf stolz, was Olivia erreicht hatte. Er fand aber auch, dass sie zu viel arbeitete und eine Pause einlegen sollte.

Genau das wollte OIivia nicht. Nicht jetzt, da sie Ausgrabungen selbst leiten konnte und mit Jacks Projekten nichts mehr zu tun hatte. In manchen Sommern sahen sie sich kaum. Selbst wenn sie beide zu Hause waren, kreuzten ihre Wege sich selten. Es war einfacher so.

Als Jack dann von der Universität in Kalifornien das Angebot bekam, das Archäologische Institut zu leiten, ging Olivia nicht mit ihm. Wenn jemand nach dem Grund fragte, erklärte sie, dass man ihr dort keine adäquate Stelle angeboten habe. Die Wahrheit jedoch war, dass Jack sie nie darum gebeten hatte, ihn zu begleiten. Gefühlsmäßig hatten sie sich schon lange voneinander entfernt. Was spielte es da noch für eine Rolle, wenn die Trennung sich nun auch räumlich vollzog?

Jack hingegen war der Meinung, dass ihr die Karriere wichtiger war als er. Er glaubte auch, sie hätte es aufgegeben, ein Baby zu bekommen, was stimmte. Doch wenn er annahm, dass sie ihn nicht mehr liebte, lag er falsch.

1. KAPITEL

Olivia war entsetzlich übel. Die kleine Fähre von Piräus schwankte und schaukelte im Ägäischen Meer wie eine Nussschale. Vermutlich besaß das altersschwache Schiff keine Stabilisatoren. Außer den Mitgliedern von Olivias Expedition befanden sich nur wenige Passagiere an Bord, und alle hatten sich während der zweistündigen Überfahrt nach drinnen verzogen. Olivia dagegen stand an der Reling und versuchte, tief durchzuatmen.

Sich nicht zu übergeben war jedoch nicht ihr einziges Problem. Da gab es noch die Erinnerungen an ihre letzte Reise nach Hermapolis, mit denen sie fertig werden musste. Sieben Jahre lag jener Sommer zurück, in dem sie Jack begegnet war. Damals hatten sie auf dieser griechischen Insel nach einer antiken Grabstätte gesucht, die vermutlich über mehrere Etagen angelegt war und aus der Zeit Alexander des Großen stammte. Für sie war es ein großartiges Projekt gewesen.

Die Grabkammer hatte sie nicht gefunden, dafür aber Jack Oakley. Intelligent, wagemutig, ambitioniert und so attraktiv, dass es ihr den Atem genommen hatte. Gleich beim ersten Blick hatten sie sich zueinander hingezogen gefühlt. Wie ein Vulkan war die Leidenschaft zwischen ihnen ausgebrochen. Für jeden in ihrer Nähe war es offensichtlich gewesen, dass hier zwei Menschen die große Liebe erlebten.

Noch im selben Herbst hatten sie in Italien geheiratet.

Nun war sie zurückgekommen, älter und reicher an Erfahrung. Abermals hatte sie die Chance, nach jener Grabstätte zu suchen und endlich festzustellen, wer dort begraben war. Gleichzeitig würde sie den Ort wiedersehen, an dem sie Jack zum ersten Mal begegnet war, und dabei hoffentlich zu der Erkenntnis gelangen, dass sie über ihn hinweg war. Im Frühjahr hatte sie die Scheidung eingereicht, da ihre Ehe nur noch auf dem Papier bestand.

Seitdem hatte sie nichts mehr von Jack gehört. Doch bestimmt war ihm genauso bewusst wie ihr, dass ihre Beziehung keine Basis mehr hatte.

Als Lohn für ihre Bemühungen in ihrem Beruf war sie auf der Leiter des Erfolgs immer wieder eine Stufe weiter nach oben geklettert. Wenn dieses neue Ausgrabungsprojekt erfolgreich verlief, würde ihr das weitere Lorbeeren einbringen.

„Geht es dir besser?“, ertönte plötzlich neben ihr eine Stimme, die sie nur zu gut kannte.

Olivia wirbelte herum. Sie musste an Halluzinationen leiden. Das konnte doch nicht Jack sein! Wenn er zum Team gehörte, hätte sie davon erfahren. Sie hätte seinen Namen auf der Liste gesehen und wäre niemals mitgekommen, egal, wie verlockend die Chance gewesen wäre, diese Grabstätte endlich zu finden.

„Was machst du denn hier?“, fragte sie, während sie sich an der Reling festhielt, um nicht die Balance zu verlieren.

„Ich bin wie du auf dem Weg nach Hermapolis, um mehr über die mazedonische Kultur herauszufinden“, antwortete er und blickte sie mit jenem Lächeln an, das sie einst so bezaubert hatte. Doch es hatte keine Wirkung mehr auf sie. Sie war immun dagegen und ein anderer Mensch geworden.

Jack bemerkte, wie sie mit der Übelkeit kämpfte. „Du hattest schon immer einen empfindlichen Magen“, stellte er fest. „Ich werde dir Tee und Cracker bringen.“

Sie straffte die Schultern und atmete tief ein. „Das stimmt nicht“, widersprach sie. „Mir bekommt nur der raue Seegang nicht.“

„Als ich dich zum ersten Mal gesehen habe, hast du ebenfalls über der Reling gehangen. Es könnte sogar dieselbe gewesen sein.“

Musste er sie unbedingt daran erinnern? Auch damals hatte er ihr etwas für ihren revoltierenden Magen gebracht. Olivia hatte sich auf der Stelle besser gefühlt, was weniger an dem Tee als daran gelegen hatte, dass dieser gut aussehende Mann sie von ihrem Unwohlsein abgelenkt hatte. Jack mit seinem windzerzausten dunklen Haar, dem blauen Poloshirt, das die Farbe seiner Augen hatte, der Khakihose und den nackten Füßen, die in bequemen Segelschuhen steckten. Schon damals hatte sie den Blick nicht von ihm abwenden können, und auch jetzt gelang es ihr nicht, sosehr sie es auch versuchte.

Wenig später erschien er wieder an Deck und reichte ihr einen Becher mit Tee und Cracker. „Setz dich“, sagte er und deutete auf eine Bank.

Olivia ließ sich darauf nieder und trank einen Schluck, froh, dass sie sich mit etwas beschäftigen konnte.

„Du hast keinen Ton davon gesagt …“, begann sie.

„Warum auch“, unterbrach er sie. „Ich bin hier, um zu beenden, was ich vor sieben Jahren angefangen habe.“

Olivia hielt unwillkürlich den Atem an. Wie war das zu verstehen? Sollte sie das auf sich beziehen? Doch Jack schien entschlossener als je zuvor, Zugang zu der Grabstätte zu finden. Jeder Archäologe hätte alles darum gegeben, sie selbst eingeschlossen. Er hatte nicht sie gemeint, sondern nur das Projekt.

„Mit anderen Worten, wir nehmen gemeinsam an diesem Ausgrabungsprojekt in Hermapolis teil“, fuhr er fort. „Es wird uns bestimmt großen Spaß machen.“

Spaß machen? Mit dem Exmann am selben Ort zusammenzuarbeiten, an dem ihre Romanze begonnen hatte? Für Olivia war das eher eine Qual.

„Warum hast du mir nicht gesagt, dass du zum Team gehörst?“, wollte sie wissen.

„Weil ich befürchtete, dass du dann nicht kommen würdest.“

Damit hatte er nur zu recht. Doch jetzt war nicht der richtige Zeitpunkt, um es zuzugeben. Jetzt blieb ihr nichts anderes übrig, als die Dinge gelassen anzugehen.

„Natürlich hätte ich das getan“, behauptete sie kühl. „Auf Hermapolis könnte sich die imposanteste antike Grabstätte befinden, die jemals in Griechenland entdeckt worden ist. Dass du mit zum Team gehörst, ist für mich nebensächlich.“ Lügnerin. Sie brachte es nicht einmal fertig, die Packung Cracker zu öffnen, weil ihre Hände so zitterten.

Er nahm ihr die Packung weg und riss sie auf. Natürlich hatte er bemerkt, dass sie ein Problem damit hatte. Dass ihm aber auch nie etwas entging!

„Ich bedeute dir also nicht mehr das Geringste“, stellte er fest. „Du interessierst dich nur noch für deine Forschungen.“ In seiner Stimme schwang eine gewisse Bitterkeit, die Olivia überraschte. Was missfiel ihm denn so? Die Scheidung? Immerhin war er es gewesen, der gegangen war, nicht sie.

„Deshalb bist du auch nicht mit mir nach Kalifornien gekommen“, sprach er weiter.

„Du weißt genau, weshalb ich das nicht getan habe“, fuhr sie ärgerlich auf. „Erstens hast du mich nicht darum gebeten, zweitens gab es für mich dort keinen adäquaten Posten, und drittens …“

„Ich habe dich deshalb nicht gefragt, weil ich mir von deiner Sekretärin erst einen Termin hätte geben lassen müssen, um mit dir sprechen zu dürfen“, fiel er ihr ins Wort. „Du warst ja immer so beschäftigt.“

„Ach, und du warst immer verfügbar? Du hattest dich für jedes Komitee eingeschrieben. Sogar an den Wochenenden bist du hingegangen.“

„Weil ich nichts Besseres zu tun hatte, nachdem du nicht da warst. Ich weiß, dein Beruf hat dir immer sehr viel bedeutet, und du warst darin auch erfolgreich. Dafür hatte ich Verständnis. Deine Gleichgültigkeit mir gegenüber habe ich jedoch nicht nachvollziehen können. Es war dir völlig egal, dass ich dieses Angebot bekam.“

„Das ist nicht wahr! Ich war stolz auf dich. Du hättest keinen besseren Posten bekommen können.“

„Dass ich nicht lache! Du warst so stolz auf mich, dass du nicht einmal zu meinem Abschiedsessen gekommen bist, das die Fakultät für mich gegeben hat.“

„Ich sagte dir doch …“

„Dass du keine Zeit hast, ich weiß. Du hattest sie ja nie, weil du ständig beschäftigt warst. Hättest du dir nicht ein paar Stunden freinehmen können?“

„Wozu? Du hast mein Lob bezüglich deiner großartigen Leistung für die Universität doch nicht gebraucht und auch nicht meine Feststellung, wie sehr man dich vermissen wird. Ich bin sicher, dass dir das dutzendmal versichert worden ist. Dein Ego konnte nur nicht genug davon kriegen.“

Er kniff die Augen zusammen. „Vielleicht. Es wäre aber schön gewesen, es auch von dir zu hören, beziehungsweise überhaupt etwas von dir zu hören. Stattdessen bekam ich nur eine Karte von dir, auf der ‚Viel Glück‘ stand. Es hat dir nicht leidgetan, dass ich gegangen bin. Im Gegenteil, du warst erleichtert.“

„Unterstelle mir nicht solche Dinge!“, gab sie heftig zurück. „Du hast keine Ahnung, wie ich mich gefühlt habe.“ Niemals würde er ermessen können, wie weh es getan hatte, ihn packen und wegfahren zu sehen. Schließlich war sie nicht aus Stein. Wenn sie jetzt alte Probleme wieder aufwärmten, begaben sie sich auf ein gefährliches Terrain. Olivia war keineswegs stolz darauf, wie sie sich am Tag seiner Abreise verhalten und was sie getan hatte, um das Kapitel ihres gemeinsamen Lebens zu beenden.

„Jack, jetzt ist wirklich nicht der richtige Zeitpunkt, darüber zu reden, was damals geschehen ist“, sagte sie. „Das gehört der Vergangenheit an. Ich möchte nur, dass du mir beim nächsten Mal, wenn du dich wieder einer Expedition anschließt, an der ich teilnehme, Bescheid gibst.“

„Damit du abspringen kannst?“

Genau das würde sie tun. Das hätte sie am liebsten auch jetzt gemacht, wenn es nicht zu spät gewesen wäre. Sie konnte nur versuchen, das Beste daraus zu machen. „Warum sollte ich?“, erwiderte sie betont locker. „Was vorbei ist, ist vorbei. Wir hatten eine nette Zeit miteinander, und wir haben gut zusammengearbeitet. Es gibt keinen Grund, warum wir nicht wieder Kollegen sein können.“

Olivia hatte so kühl und sachlich geklungen, als wäre Jack privat für sie kein Thema mehr, dabei war sie ausgesprochen emotionsgeladen. Wenn sie doch nur all die Erinnerungen verdrängen könnte, die jetzt auf sie einstürmten!

„Das ist gut zu wissen“, erwiderte er gelassen. „Das wird uns beiden die Zusammenarbeit erleichtern. Man darf sich dabei nur nicht von Gefühlen leiten lassen.“

Wie oft hatte sie das schon von ihm zu hören bekommen? Jedes Mal hatte sie ihm entgegengehalten, dass so etwas unmöglich sei, doch er hatte das Gegenteil behauptet. Warum von Neuem darüber streiten? Auseinandersetzungen mit Jack waren zwecklos und frustrierend, weil keiner von ihnen daraus als Sieger hervorging.

„Ich habe damit kein Problem“, versicherte sie.

„Gut, dann wäre das geklärt.“ Er setzte sich neben sie und streckte die Beine aus.

Bei Außenstehenden erwecken wir bestimmt den Eindruck, als wären wir flüchtige Bekannte und kein Ehepaar, das sich vor ein paar Minuten noch alle möglichen Anschuldigungen an den Kopf geworfen hat, dachte Olivia unwillkürlich. Wie konnte Jack so ungerührt bleiben? Weil sie ihm gleichgültig war. Er war seinen Weg weitergegangen, ohne zurückzuschauen. Also musste sie ihm zeigen, dass sie dasselbe getan hatte. Sie spürte seinen Blick auf sich ruhen. „Du siehst besser aus“, stellte er dann fest.

„Danke“, murmelte sie und hätte gern gewusst, ob er damit sagen wollte: besser als vor ein paar Minuten oder besser als vor zwei Jahren? Sie würde ihm nicht die Genugtuung verschaffen, ihn danach zu fragen. Es spielte keine Rolle mehr, was er dachte.

„Ich freue mich, dass wir noch ein letztes Mal zusammenarbeiten“, fuhr er fort.

Ein letztes Mal – und dann? Würde er die Scheidungspapiere endlich unterschreiben? Würde er zugeben, dass er sie doch bekommen hatte? Bisher behandelte er sie lediglich wie eine Arbeitskollegin, die man bei Laune halten musste, und nicht wie die Frau, die, wie er es einmal ausgedrückt hatte, für ihn die Welt bedeutet hatte.

Am liebsten hätte sie ihn geschüttelt und gerufen: Auf dieser Insel haben wir uns kennengelernt! Bedeutet dir das denn gar nichts? Wir sind zwar noch miteinander verheiratet, aber nur noch auf dem Papier. Du musst doch selbst zugeben, dass es vorbei ist. Wir können so nicht weitermachen. Unterschreibe die Papiere, und lass uns aufhören, den Leuten etwas vorzumachen.

Natürlich sagte sie nichts dergleichen. „Ich habe deinen Artikel im Archaeology Digest gelesen“, bemerkte sie stattdessen, verzweifelt bemüht, das Thema zu wechseln. „Du ziehst darin eine interessante Schlussfolgerung.“ Sie sagte nicht falsche Schlussfolgerung, auch wenn sie es dachte und er es wusste.

Seine Augen glitzerten wie die blaue Ägäis. Jack hatte schon immer Herausforderungen geliebt. In dieser Hinsicht hatte er sich nicht verändert. „Das heißt also, dass du mir nicht zustimmst“, meinte er.

„Es ist doch absurd, dass die Kultur der Pharaone durch einen Klimawechsel entstanden sein soll. Dafür hast du keinerlei Beweise.“

„Ich dachte nur, ich hätte einen bemerkenswerten Aspekt gefunden.“

Olivia schüttelte den Kopf.

„Und was für eine Theorie vertrittst du? Oder hast du keine?“

„Spielt das eine Rolle?“

„Aber ja. Wir haben immer gute Diskussionen miteinander geführt. Warum sollten wir jetzt damit aufhören? Du weißt, wie sehr ich deine Meinung schätze.“ Er legte seinen Arm auf die Rückenlehne der Bank, wobei er Olivias Schultern berührte. Es war eine so vertraute Geste, dass sie insgeheim erbebte. Wenn er ihre Ansicht so schätzte, warum hatte er sie in den zwei Jahren, in denen er fort gewesen war, nie danach gefragt?

Warum hatte er nie ihre persönlichen Probleme angesprochen? Dieses Thema war offensichtlich tabu. Sie hatten einander Dinge gesagt, die niemals über ihre Lippen hätten kommen dürfen. Dinge, die zu tiefe Wunden hinterlassen hatten, als dass sie diese hätten vergessen können. Zumindest sie vermochte das nicht.

Plötzlich kam ihr der Sommer, der vor ihr lag, wie eine lange Straße mit vielen Schlaglöchern vor. Sie würde Jack aus dem Weg gehen müssen, wann immer es möglich war.

Die Zusammenarbeit mit ihm würde wie ein Balanceakt auf einem Seil sein. Schaffte sie es, nicht abzustürzen, würde sie aus dieser Expedition allerhand herausholen können. Sie würde Artikel schreiben, vielleicht sogar ein Buch. Nur deshalb war sie bereit, mit Jack auszukommen und die Vergangenheit für eine Weile zu vergessen. Fatalerweise war er ihr aber jetzt so nahe, dass sie sein Aftershave riechen konnte, das er immer noch benutzte.

Olivia rückte ein Stück von ihm ab. Sie durfte Jack nicht anders als die Kollegen behandeln, die an dieser Ausgrabung teilnahmen. Zu dem Team gehörte auch Marilyn Osborne, eine Archäologin mittleren Alters von der Universität Pittsburgh, die jetzt auf sie zukam.

„Wie fühlen Sie sich jetzt?“, fragte sie, an Olivia gewandt.

„Danke, gut“, erwiderte sie etwas steif. Sie wollte nicht, dass jemand in der Gruppe dachte, sie hätte ein Problem mit ihrer Gesundheit.

„Homer sagte schon: ‚Meide die stürmische See des Mai‘“, zitierte Marilyn. „Sind Sie schon einmal auf dieser Insel gewesen?“

Olivia tauschte rasch einen Blick mit Jack. Was sollte sie antworten? Was hatte er bereits erzählt?

„Ja, vor ein paar Jahren“, erwiderte sie schließlich. „Es ist eine faszinierende Stätte. Ich freue mich darauf, dort wieder zu arbeiten.“

Jack stand auf. „Ich werde mal zum Imbissstand gehen. Kann ich Ihnen etwas mitbringen, Marilyn?“

Als sie den Kopf schüttelte, wandte er sich an Olivia. „Noch einen Tee, Sweetheart?“

Olivia biss sich auf die Lippe. Was fiel ihm ein, sie so zu nennen? Wenn sie ihm gegen das Schienbein hätte treten können, ohne dass Marilyn es bemerkte, hätte sie es getan.

„Nein, danke“, lehnte sie ab.

Es war typisch für Jack, sich einfach davonzumachen, wenn die Situation brenzlig wurde. Ebenso bezeichnend war es für ihn, so zu tun, als wäre zwischen ihnen alles in bester Ordnung!

Marilyn setzte sich auf Jacks Platz. „Ich habe gehört, dass Sie beide miteinander verheiratet sind. Wussten Sie, dass Ihr Mann mit von der Partie sein wird?“

„Wir leben in Scheidung“, erwiderte Olivia zurückhaltend. „Jack arbeitet an der Universität von Kalifornien, ich dagegen forsche für die in Santa Clarita.“

„Ah, ich verstehe. Hoffentlich ist Ihnen diese Konstellation nicht unangenehm.“

„Nein, weshalb? Wir haben schon zuvor zusammengearbeitet und kommen gut miteinander aus“,

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