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Mittsommerglück – Insel aus Stein

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Alle Rechte, einschließlich das der vollständigen oder auszugsweisen Vervielfältigung, des Ab- oder Nachdrucks in jeglicher Form, sind vorbehalten und bedürfen in jedem Fall der Zustimmung des Verlages.

Der Preis dieses Bandes versteht sich einschließlich der gesetzlichen Mehrwertsteuer.

1. KAPITEL

Pfeilschnell schoss das kleine Motorboot über das Wasser und hinterließ eine Schneise aus weißer Gischt auf der ansonsten spiegelglatt daliegenden See. Der Bootsführer, dessen flachsblondes Haar vom Fahrtwind zerzaust wurde, drehte sich grinsend zu Cassie um und rief ihr etwas auf Schwedisch zu. Obwohl sie kein Wort verstanden hatte, schenkte sie ihm ein kleines Lächeln. Er konnte schließlich nichts für ihre missliche Lage!

Dann wandte Cassie ihre Aufmerksamkeit wieder der Insel zu, die ihr beim Ablegen am Ufer noch winzig klein erschienen war. Nun jedoch musste sie ihre erste Einschätzung korrigieren. Die mit ausgedehnten Grasflächen und niedrigen Bäumen bewachsene Schäre war zwar alles andere als groß, doch mehr als ausreichend, um dem prächtigen, in Faluröd, dem sogenannten Schwedenrot, getünchten Landhaus, einigen kleineren Nebengebäuden und einem Bootshaus samt Steg Raum zu bieten.

Ein Ort, abgeschieden und in traumhafter Umgebung, der die Kreativität eines jeden Künstlers einfach beflügeln musste. Wie geschaffen also für seinen derzeitigen Bewohner, den erfolgreichen Schriftsteller Dale Prescott alias Cara Stern, wie sein Verlagspseudonym lautete.

Für Cassie hingegen bedeutete der Aufenthalt auf Prescotts Insel vor allen Dingen eines: eine ungeliebte Verpflichtung.

Seufzend lehnte sie sich in ihrem Sitz zurück, schloss die Augen und gab sich für einen Moment der Illusion hin, hinter ihrem Schreibtisch im Verlagsbüro von Dolphin Books zu sitzen und mit Autoren und ähnlich unangenehmen Zeitgenossen nicht mehr Umgang pflegen zu müssen als gelegentliche Anrufe und schriftliche Korrespondenz.

Es ist ja nur für ein paar Tage, sagte sie zu sich selbst. Länger konnte es wohl kaum dauern, ihre Aufgabe zu erfüllen. Ein Auftrag, um den sie sich nicht gerade gerissen hatte. Dummerweise jedoch konnte sie nach dem schrecklichen Fiasko, das vor Kurzem ihre heile Welt ins Chaos gestürzt hatte, nicht wählerisch sein.

Aber so war das Leben nun einmal. Sie war naiv und dumm gewesen und hatte dafür teuer bezahlen müssen. Mehr als teuer, dachte sie bitter. Noch vor weniger als einem Jahr hatten ihr bei ihrem ehemaligen Verlag Mackenzie alle Türen offen gestanden. Mit viel Engagement und persönlichem Einsatz hatte sie die Liebesromanreihe Heartbeats zum Erfolg geführt, und es war ein unausgesprochenes Geheimnis gewesen, dass ihr der bald frei werdende Posten der Cheflektorin so gut wie sicher war.

Doch dann war Liam Masterson in ihr Leben getreten, ein erfolgreicher junger Autor. Cassies Job war es gewesen, ihn zu betreuen – dummerweise hatte sie diese Aufgabe nicht nur auf das Berufliche beschränkt …

“Das gehört der Vergangenheit an, Cass. Ein Zurück gibt es für dich nicht mehr, versuche endlich, das zu akzeptieren und nach vorne zu blicken.” Doch ihre gemurmelten Worte wurden vom Wind davongetragen und erreichten weder ihr Herz noch ihren Verstand.

Das Boot verlangsamte seine Fahrt, und im gleichen Maße beschleunigte sich Cassies Herzschlag. Nervös fuhr sie sich durch das schulterlange seidige Haar, das schwarz wie das Gefieder eines Raben war. Unterdessen legte der Steuermann geschickt am Steg an, sprang leichtfüßig hinauf und vertäute das Boot. Dann streckte er Cassie die Hand entgegen und nickte ihr aufmunternd zu.

Für einen Moment fühlte sie sich wie erstarrt. Ihr war, als würde sie dazu aufgefordert, blindlings in ihr Verderben zu laufen. Nur mit Mühe schüttelte sie diesen absurden Gedanken ab. Es war ein Teil ihres Jobs. Vielleicht nicht gerade der, der ihr am meisten Freude bereitete, aber dennoch. Sei nicht albern, ermahnte sie sich selbst. Es ist nur eine Insel, kein Gefängnis.

Kurz darauf stand sie mit ihrer Reisetasche und einigen Kisten – eine Lebensmittellieferung vom Festland, hauptsächlich frisches Obst und Gemüse – auf dem Pier und beobachtete, wie das kleine Motorboot in der Ferne verschwand. Als es nur noch als winziger Punkt im endlosen Blau des Meeres auszumachen war, seufzte sie schwer.

Unschlüssig blickte sie sich um. Was nun? Niemand war gekommen, um sie zu begrüßen. Eigentlich kein Wunder, denn der Verlag hatte sie erst für den übernächsten Tag angekündigt. Doch hätte sie das freundliche Angebot der Saunders, die sie während ihres Fluges nach Schweden kennengelernt hatte, ablehnen und lieber die Strapazen einer Überlandreise mit dem Bus auf sich nehmen sollen? Mit dem Wasserflugzeug, das die beiden gechartert hatten, war sie nicht nur in viel kürzerer Zeit, sondern auch wesentlich komfortabler bis nach Västervik gelangt, von wo aus es nur noch ein Katzensprung bis zu ihrem endgültigen Ziel gewesen war.

Einmal atmete Cassie noch tief durch, dann nahm sie ihren Koffer auf und betrat den unebenen, mit glatt polierten weißen Kieseln ausgestreuten Weg, der zum Haus hinaufführte.

Es war ein recht anstrengender Marsch, und der Inhalt ihres Koffers schien sich bereits nach einer kurzen Weile in Mühlsteine verwandelt zu haben, doch die berückende Schönheit, von der sie umgeben war, entschädigte sie beinahe für ihre Mühen.

Cassie war für gewöhnlich kein Mensch, der viel Zeit in der freien Natur verbrachte. Sie war ein Stadtmensch, in London geboren und aufgewachsen, und kleine Abstecher in den Hyde oder Regent’s Park genügten vollkommen, um ihr Pensum an Wiesen und Wäldern zu erfüllen. Hier jedoch, an diesem abgeschiedenen Ort, verspürte sie fast so etwas wie Ehrfurcht. Das erschien ihr umso ungewöhnlicher, da sie zuvor eine solche Abneigung empfunden hatte, überhaupt einen Fuß auf die Insel zu setzen.

Ein kurzer Blick hinauf zum Haus bestätigte ihr, was sie ohnehin bereits gewusst hatte: Niemand erwartete sie. Keine der hübschen, blütenweißen Gardinen bewegte sich, die Tür blieb geschlossen, und abgesehen vom Rascheln des Windes in den Kronen der Bäume war das leise Klimpern eines Windspiels, das seitlich am Dach der Veranda angebracht war, das einzig vernehmbare Geräusch.

Was soll’s? Du kannst dich ebenso gut ein wenig umschauen, denn vermissen wird dich ganz gewiss niemand.

Kurz entschlossen stellte sie ihren Koffer ab und verließ den Weg. Tief sog sie die klare, leicht salzig schmeckende Luft ein, die sich so gänzlich von der mit Autoabgasen verpesteten Atmosphäre der Metropole London unterschied.

Hej! Vad heter du?”

Überrascht blickte Cassie sich um. Als sie zwei etwa sechs- und achtjährige Mädchen erblickte, die Hand in Hand dastanden und sie neugierig musterten, lächelte sie. “Tut mir leid, aber ich verstehe euch nicht.” Die beiden wechselten einen verständnislosen Blick, und Cassie kramte in ihrem Gedächtnis nach dem einzigen Satz, der ihr aus dem Schwedenreiseführer in Erinnerung geblieben war.

JagJag förstår inte vad du säger.” Ich verstehe nicht.

Kichernd schüttelten die Mädchen die Köpfe, sodass ihre langen blonden Locken flogen. Sie schienen die Vorstellung, dass jemand ihre Sprache nicht beherrschte, furchtbar komisch zu finden. Schließlich, nachdem sie sich wieder einigermaßen beruhigt hatten, deutete die Ältere mit bedeutungsvollem Gesicht auf sich selbst, dann auf ihre jüngere Freundin und sagte: “Jag heter Hanna. Det är Marit.”

Das hatte nun auch Cassie verstanden. Lachend nickte sie den beiden zu. “Hej Hanna, hej Marit! JagJagJag heterCassie?”

Hej Cassie!”, riefen die Mädchen und strahlten über das ganze Gesicht. Dann plapperten sie munter auf Schwedisch drauflos, während Cassie lachend den Kopf schüttelte, da sie nach wie vor kein Wort verstehen konnte.

“Hanna! Marit!”

Sofort verstummte der Wortschwall der Mädchen. Sie winkten Cassie noch einmal zu, dann liefen sie mit wehenden Kleidchen zu der silberhaarigen Frau, die vom Haus her den Hügel hinunterschritt. Als Marit und Hanna sie erreichten, sprachen sie aufgeregt auf sie ein und rannten dann laut jubelnd Richtung Haus davon.

“Herzlich willkommen auf Svergå! Sie müssen Cassie Dorkins sein”, begrüßte die ältere Frau sie auf Englisch. Mit ihrem freundlichen, sonnengegerbten Gesicht und den strahlend blauen Augen erinnerte sie Cassie an ihre Großmutter. Sie war ihr auf Anhieb sympathisch.

“Richtig”, erwiderte sie. “Ich hoffe, es ist kein Problem, dass ich ein bisschen früher als angekündigt eingetroffen bin. Übrigens, zusammen mit mir sind einige Kisten mit Vorräten gebracht worden, die noch unten am Strand stehen.”

“Ach, das muss das Gemüse vom alten Johanson sein. Na ja, darum kümmern wir uns später.” Sie streckte Cassie die Hand entgegen. “Malin Gustavson. Ich bin Mr. Prescotts Haushälterin.”

“Freut mich sehr, Sie kennenzulernen, Mrs. Gustavson.” Cassie lächelte sanft. “Sie haben es wirklich wunderschön hier draußen.”

“Nicht wahr? Ich liebe diese Insel, bin hier praktisch aufgewachsen. Ich kann mir keinen besseren Ort für Kinder vorstellen, um hier aufzuwachsen.”

“Hanna und Marit sind demnach Mr. Prescotts Töchter?”

“Nein, nein.” Malin Gustavson lachte. “Diese beiden Wildfänge sind meine Enkelinnen. Sie verbringen die Sommerferien hier. Nächste Woche fahren sie zurück zu meinem Sohn und seiner Frau nach Halmstad. Danach wird es wieder ruhig hier werden. Zu ruhig vielleicht …” Für einen Moment glaubte Cassie ein wehmütiges Glitzern in den Augen der Frau zu entdecken, dann war es auch schon wieder verschwunden. “Jedenfalls ist es immer schön, ein bisschen frischen Wind hier auf der Insel zu haben. Deshalb freue ich mich ja auch so, dass Sie jetzt für einige Wochen bei uns zu Gast sein werden.”

Einige Wochen? Allein der Gedanke, dass ihr Aufenthalt in Schweden sich so lange hinziehen könnte, ließ Cassie erschaudern. Sicher, diese Insel war ein Traum, und bei schönem Wetter ließ es sich hier bestimmt eine Weile gut aushalten, aber sie war schließlich nicht hier, um Urlaub zu machen.

Bevor sie etwas erwidern konnte, hatte Prescotts Haushälterin ihren Koffer aufgenommen und trug ihn – beschwingt und ohne große ersichtliche Kraftanstrengung – den Hügel zum Haus hinauf. Staunend schaute sie der älteren Frau hinterher, ehe sie sich selbst in Bewegung setzte.

Schon aus der Entfernung hatte das rote Haus beeindruckend ausgesehen, aus der Nähe betrachtet war es ein echter Traum. Die tief stehende Sonne tauchte die Fassade in goldenes Licht und funkelte in den blitzsauberen Fenstern. In einem kleinen Vorgarten wuchsen Oleander- und Rosmarinsträucher Seite an Seite mit Rittersporn und Flieder. Rechts und links der Treppe, die zu der niedrigen Holzveranda hinaufführte, blühten Hibiskusbüsche in hübschen Terrakottatöpfen.

Lächelnd strich Cassie mit den Fingern über eine der zarten Blüten. “Hier scheint jemand wirklich einen grünen Daumen zu besitzen”, sagte sie anerkennend.

Die Haushälterin wirkte verlegen. “Oh, vielen Dank. Ich bin sehr stolz auf mein kleines Gärtchen, aber im Grunde ist es gar nicht mein Verdienst. Die Pflanzen gedeihen beinahe von selbst.”

“Jetzt untertreiben Sie aber!” Cassie lachte. “Ich schaffe es nicht einmal, die Blumen am Leben zu erhalten, die auf dem Fensterbrett meines Londoner Apartments stehen.”

“Na, das sind ja wohl auch vollkommen unterschiedliche Voraussetzungen”, erwiderte Malin Gustavson tröstend, wobei ihr jedoch deutlich anzusehen war, wie sehr sie sich über Cassies Kompliment freute. “Mr. Prescott ist im Augenblick übrigens nicht da, aber ich erwarte ihn vor dem Abendbrot wieder zurück. Vielleicht möchten Sie in der Zwischenzeit ein Stück von dem Apfelkuchen kosten, den ich vorhin aus dem Ofen geholt habe?”

Der köstliche Duft, der ihr entgegenwehte, als Malin Gustavson die Haustür öffnete, veranlasste Cassies Magen, sie mit einem vernehmlichen Knurren daran zu erinnern, dass sie schon eine geraume Weile nichts mehr zu sich genommen hatte. Fast ein wenig erleichtert darüber, ihre erste Begegnung mit Dale Prescott noch ein bisschen aufschieben zu können, atmete sie tief durch und sagte: “Sehr gerne.”

Mit einem resignierten Seufzen riss Dale Prescott das eng beschriebene Blatt vom Schreibblock ab, zerknüllte es und warf es im hohen Bogen davon. Wie ein von ungeschickten Händen gefaltetes Papierboot trieb es für einige Sekunden ruhig auf der Wasseroberfläche, bis es vom Wind erfasst und hinaus aufs Meer getrieben wurde, wie schon Dutzende seiner Vorgänger.

Was für eine Verschwendung wertvoller Ressourcen. Eines Tages würde er sich wahrscheinlich fragen müssen, ob er nicht einen maßgeblichen Anteil am Abholzen der Regenwälder zu tragen hatte. Und das alles, ohne auch nur eine brauchbare Zeile zu Papier gebracht zu haben.

Es war zum Verrücktwerden. Sosehr er sich auch bemühte, es wollte ihm einfach nicht gelingen, sich auf die Arbeit zu konzentrieren. Wie sollte er auch, wo er doch all seine Energie darauf fokussieren musste, das nagende Unbehagen zu ignorieren, das sich seit dem Anruf seines Verlegers in seinem Magen breitgemacht hatte.

Ein leises Winseln und ein Gewicht, das sich auf seinen Oberschenkel legte, riss Dale aus seinen Gedanken. Lächelnd tätschelte er dem etwa vierjährigen Hirtenhund an seiner Seite mit dem zottigen beige-braun gescheckten Fell den Kopf. Manchmal hatte er das Gefühl, dass Ole das einzige Wesen auf der Welt war, das ihn wirklich verstand.

Der Tag, an dem Annika ihn von einem ihrer Ausflüge aufs Festland mitgebracht hatte, war ihm noch so gut in Erinnerung, als wäre es erst gestern geschehen, dabei waren seitdem bereits über drei Jahre vergangen. Sie hatte den kleinen Streuner, damals kaum mehr als ein Welpe, am Strand aufgelesen – oder umgekehrt, denn Annika hatte ihm berichtet, dass er ihr einfach nicht mehr von der Seite gewichen war. Sie hatte es einfach nicht über sich gebracht, ihn zurückzulassen.

Typisch Annika …

Wie stets, wenn er an sie dachte, war das Gefühl von Verlust und Schmerz so präsent, dass er es kaum ertragen konnte. Wer auch immer behauptet hatte, dass die Zeit alle Wunden heilte, war in Dales Augen ein Ignorant, denn er hatte offenbar noch niemals etwas verloren, das er von ganzem Herzen liebte.

Seufzend fuhr er sich über die Augen und verdrängte die Gedanken an die Vergangenheit. Er hatte in der Gegenwart wahrlich genug Probleme, mit denen er sich befassen musste.

“Ach, alter Junge, kannst du mir nicht sagen, wie’s jetzt weitergehen soll? Ich bin mit meinem Latein wirklich am Ende.”

Der Hund beantwortete seine Frage mit einem zaghaften Jaulen. Dann rappelte er sich auf und blieb schwanzwedelnd vor seinem Herrchen stehen.

“Hast ja recht, es macht keinen Sinn, hier herumzusitzen und Trübsal zu blasen.” Dale schüttelte langsam den Kopf. “Trotzdem gefällt mir der Gedanke nicht, jemand Fremdes auf unsere Insel zu lassen – ebenso wenig wie dir, was?”

Wuff!

Dale lachte auf. “Ich sehe, wir verstehen uns. Aber mach dir keine Gedanken, ich werde schon dafür sorgen, dass wir den ungebetenen Störenfried so schnell wie möglich wieder loswerden.”

Gedankenverloren klappte er sein Taschenmesser auf. Und während er weiter auf das Meer hinausschaute, schnitt er sich ein Stück Schafskäse ab, das Malin ihm mit auf den Weg gegeben hatte. Seine Haushälterin war stets bemüht, dass es ihm an nichts fehlte, und er war ihr dankbar, wenngleich sie es mit ihrer mütterlichen Fürsorge gelegentlich ein wenig übertrieb.

Nachdenklich ließ er das würzige Aroma auf der Zunge zergehen und fragte sich zum wiederholten Male, wie er sich gegenüber seinem Gast, der in wenigen Tagen hier auftauchen würde, verhalten sollte.

Irgendwann schüttelte er den Kopf. Was brachte es schon, jetzt darüber nachzudenken? Er stand auf, packte seine Sachen ein und ging los. Als Hund und Herrchen das Haus erreichten, das auf der anderen Seite der Schäreninsel stand, war der Himmel bereits mit einem Hauch von Bronze überzogen. Tief stand die Sonne am Horizont, und das Meer schien wie von einem inneren Feuer zu glühen.

Der köstliche Geruch von Lammstek, Malins besonderer Spezialität, stieg ihm in die Nase. Achtlos ließ er seine Jacke und die alte Ledertasche, die Schreibblock und Stifte enthielt, in der Diele neben der alten Bauernkommode auf den Boden fallen und rief: “Ich hoffe, du hast genug Lammkeule für eine ganze Kompanie gezaubert, Malin! Ole und ich sterben vor Hunger!”

Erst da fiel ihm das unbekannte Kleidungsstück auf, das ordentlich an einem Bügel an der Garderobe hing. Dale runzelte die Stirn. Ein modern geschnittener Mantel aus schwarzem Wildleder? Er konnte sich nicht entsinnen, Malin jemals darin gesehen zu haben – und irgendwie schien er auch überhaupt nicht zu seiner zweiundsechzigjährigen Haushälterin zu passen, die für gewöhnlich nur selbst gestrickte Jacken und Pullover trug.

Seine Stimmung sank dem Nullpunkt entgegen. Der fremde Mantel konnte nur eines bedeuten: Sie hatten Besuch. Und ihm fiel nur eine Person ein, die hierfür infrage kam: Es musste die Lektorin sein – oder die Spionin, wie Dale sie insgeheim getauft hatte –, die sein Verlag geschickt hatte, um ihm auf die Finger zu schauen. Aber verdammt, sie war viel zu früh dran!

Er spielte kurz mit dem Gedanken, sich einfach wieder aus dem Staub zu machen. Doch dummerweise hatte er seine Ankunft bereits lautstark angekündigt, und zudem würde er sich früher oder später ohnehin dieser unsäglichen Störung seiner Privatsphäre stellen müssen.

Mürrisch blickte er an sich hinunter. In der abgetragenen Jeans und dem Baumfällerhemd, das er vor drei Jahren von Annika zu Weihnachten bekommen hatte, bot er wahrlich keinen besonders eindrucksvollen Anblick. Doch eigentlich konnte es ihm ziemlich gleichgültig sein, was sein ungebetener Gast von ihm hielt. Immerhin war er Autor, nicht Dressman.

“Dale? Bist du das, Junge?” Malin trat aus der Küche. “Stell dir vor, dein Besuch aus London ist bereits heute eingetroffen. Ist das nicht eine nette Überraschung?”

“Ja, einfach wunderbar”, entgegnete er sarkastisch. “Ich bin vor Begeisterung völlig aus dem Häuschen.”

Er wollte gerade zu einer weiteren bissigen Bemerkung ansetzen, als sie hinter Malin die kleine Diele betrat. Dale schätzte die Engländerin auf Mitte bis Ende zwanzig – viel jünger also, als er angenommen hatte. Sie war klein, beinahe zierlich, und ihr herzförmiges Gesicht wurde von einer Flut nachtschwarzer Locken umspielt, die im Licht der untergehenden Sonne, das durch das Butzenfenster in ihren Rücken fiel, rötlich schimmerten.

Wie die schöne Fee aus einem Märchen von Hans Christian Andersen, dachte Dale versonnen. Es gelang ihm kaum, den Blick von ihren verträumt und zugleich scharfsinnig wirkenden, moosgrünen Augen abzuwenden, die von langen, dichten Wimpern beschattet wurden.

Jetzt trat sie an Malin vorbei und streckte ihm die Hand entgegen. “Mr. Prescott? Mein Name ist Cassie Dorkins, es freut mich sehr, Sie kennenzulernen. Ich hoffe doch, dass meine verfrühte Ankunft Ihnen keine großen Umstände bereitet.”

Ihre Worte holten Dale mit einem Mal wieder auf den Boden der Tatsachen zurück. Was machst du hier eigentlich, fragte er sich selbst. Diese Frau ist die Lektorin, die dir der Verlag geschickt hat, um dir hinterherzuschnüffeln – sie ist die Spionin! –, und du stehst da und starrst sie an, als sei sie das achte Weltwunder. Reiß dich zusammen, Dale Prescott!

“Wenn es nach mir ginge, wären Sie überhaupt nicht hier”, erwiderte er und ignorierte einfach die Hand, die sie ihm angeboten hatte. “Da kommt es wohl auf ein paar Tage mehr oder weniger auch nicht an. Hauptsache, Sie erledigen so rasch wie möglich, was immer Sie hier auch zu erledigen hoffen, und verschwinden dann schnellstens wieder in Ihre stinkende Millionenmetropole.”

2. KAPITEL

Hauptsache, Sie erledigen so rasch wie möglich, was immer Sie hier auch zu erledigen hoffen, und verschwinden dann schnellstens wieder in Ihre stinkende Millionenmetropole

Was bildete sich dieser Kerl eigentlich ein? Ärgerlich schüttelte Cassie den Kopf und ließ sich auf das Bett in dem gemütlich eingerichteten Gästezimmer sinken. Er wollte sie also so schnell wie möglich loswerden? Nun, diesen Wunsch würde sie ihm mit dem größten Vergnügen erfüllen!

Sie beabsichtigte, nicht eine Sekunde länger auf Svergå zu bleiben, als unbedingt nötig. Und sofern Prescott sich kooperativ zeigte, würde sie im Handumdrehen wieder verschwunden sein. Nichts lieber als das! Sie konnte es kaum abwarten, endlich wieder nach London zurückzukehren. Nicht, dass dort viel auf sie wartete. Abgesehen von ihrer Freundin Laura gab es eigentlich niemanden, den sie vermisste. Doch sie liebte ihr kleines Apartment in Bloomsbury heiß und innig, und zudem konnte sie einfach keinen Vorteil darin sehen, erst mit einem Motorboot bis ans Festland fahren zu müssen, wenn man einmal spontan etwas unternehmen wollte. Selbst wenn die Umgebung noch so schön war.

Prescotts unverschämtes Verhalten würde sie sich jedenfalls nicht gefallen lassen. Wenn er glaubte, sie behandeln zu können wie eine unerfahrene Praktikantin, hatte er sich getäuscht.

Überhaupt war der viel gerühmte Dale Prescott, alias Cara Stern, eine ziemliche Überraschung für Cassie. Das war er also? Der Mann, der die Herzen von unzähligen Frauen höher schlagen ließ, indem er ihre geheimsten Wünsche und Fantasien zu Papier brachte, und dessen Romane sich besser verkauften als alle anderen seines Genres? Natürlich hatte sie sich vor ihrer Abreise sein Verlagsdossier angesehen, in dem sich auch eine Fotografie des Autos befunden hatte. Doch zwischen Bild und Realität klafften Welten.

Im Grunde genommen konnte man Dale Prescott nicht unbedingt als unattraktiv bezeichnen. Zumindest nicht, wenn einem der eher machohafte, ungehobelte Typ von Mann gefiel. Mit seinen verschlissenen Jeans und dem Flanellhemd hätte er fast besser auf eine texanische Rinderfarm gepasst als in die Idylle einer schwedischen Schäreninsel. Sein dunkelblondes Haar verlangte eindeutig nach einem anständigen Schnitt, was ihn überraschenderweise jedoch keineswegs ungepflegt, sondern in Kombination mit einem stoppeligen Dreitagebart irgendwie verwegen aussehen ließ. Sein Gesicht war so kantig wie ausdrucksstark, doch am beeindruckendsten waren seine Augen, golden wie die einer Raubkatze, von dichten Wimpern beschattet.

Keine Frage, dieser Mann hatte etwas. Und er war, gelinde gesagt, ziemlich ungehobelt.

Im Grunde ärgerte sie sich bereits darüber, dass sie ihn nicht gleich mit einigen klaren Worten in seine Schranken gewiesen hatte. Eigentlich war sie niemand, der sich ein solches Benehmen so einfach gefallen ließ.

Doch als sie hinter Malin Gustavson aus der Küche getreten war und plötzlich Dale Prescott Auge in Auge gegenüberstand, hatte ihr Herz wild zu hämmern begonnen, und ihre Knie waren mit einem Mal butterweich geworden. Blieb nur zu hoffen, dass sie sich auf ihrer Anreise nicht irgendeinen heimtückischen Virus eingefangen hatte. Eine Erkältung – oder Schlimmeres – war so ziemlich das Letzte, was sie jetzt gebrauchen konnte.

Seufzend erhob sie sich vom Bett und machte sich daran, den Inhalt ihres Koffers in die rustikale Kommode zu räumen, die ihr laut Malin Gustavson zur Verfügung stand. Wenn sie Glück hatte, würde sie ihre Sachen schon in ein paar Tagen wieder einpacken. Es konnte ja unmöglich allzu lange dauern, einen Blick auf Prescotts Manuskript zu werfen und ihm vielleicht hier und da ein paar Tipps zu geben – was für sich genommen im Grunde schon ...

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