Logo weiterlesen.de
Ins Gras beißen die andern

JAMIE MASON

INS GRAS
BEISSEN DIE ANDERN

ROMAN

Übersetzung aus dem amerikanischen Englisch
von Angela Koonen

BASTEI ENTERTAINMENT

Für Art, Julia und Rianne – immer.

Und für den besten Fachmann für Fern-Gehirnchirurgie
auf der ganzen Welt, Graeme Cameron.

1

Es gibt keinen Frieden für einen, der eine Leiche im Garten vergraben hat. Jason Getty war es inzwischen gewohnt, dass ihm nachts die Angst den Hals zuschnürte, dass plötzlich seine Hände kribbelten und ihm jedes Mal der Schreck in die Glieder fuhr, wenn er Mrs. Truesdells Hund mit einem unidentifizierbaren Ding im Maul über den Rasen trotten sah. Es war siebzehn Monate her, seit er an der hinteren Grundstücksgrenze im Schweiße seines Angesichts das Loch ausgehoben und die Leiche aus der wirklichen Welt in seine Träume gerollt hatte.

Was ihn verfolgte, war seltsamerweise nicht die Erinnerung an das gedämpfte Knacken der Knochen oder das stundenlange Putzen hinterher, bei dem er sich gewundert hatte, dass sein Herz derartig lange derartig heftig pochen konnte. Nein. Was er vor sich sah, sobald er im Bett die Augen schloss, war, wie die erste Schaufel dunkler Erde das weiße Laken am Grund des Grabes besprenkelte. War es tief genug? Er wusste es nicht – er war kein Totengräber. Andererseits war er eigentlich auch kein Mörder, aber Tatsachen sind Tatsachen.

Keine Katastrophe bleibt ewig frisch; es wurde noch keine Sorge erfunden, die der Geist nicht in ein bloßes Hintergrundgeräusch verwandeln kann. Während der ersten Tage und Wochen dachte Jason an nichts anderes. Jede Nacht, in manchen zwei Mal (und sechs Mal in der, als es zum ersten Mal stark regnete), schlich er durch die Dunkelheit zu den Kiefern und Pappeln an der Grundstücksgrenze, um zu prüfen, ob sein Geheimnis unentdeckt geblieben war. Seinem Empfinden nach hätte das Rechteck umgegrabenen Erdreichs ebenso gut von Neonröhren eingerahmt sein können. Es war ein auffälliges Beweisstück für den barbarischen Instinkt, der in jedem gezähmten Menschenhirn schlummert. Die Evolution hat uns von den Bäumen geholt und die Kultur das Tier in uns kastriert, doch selbst ein Eunuch kann wütend werden.

Zur Rechten stand sein kleines Rancherhaus, ein gemütliches Plätzchen, dem es an modernen Annehmlichkeiten nicht fehlte. Zur Linken fiel der Grund ab zu einem breiten Streifen Brachland, auf dem Strommasten paarweise in die ferne Zivilisation marschierten. Doch dieses Stück Boden dazwischen geisterte ihm immer wieder durch den Kopf; es flüsterte und skandierte im Takt mit seinem klopfenden Herzen, um ihn wieder und wieder an den einen Moment zu erinnern, als er Jahrtausende menschlicher Erziehung vergessen hatte und zur Marionette eines brüllenden Urzorns geworden war.

Jason schlief nicht. Er aß nicht. Er archivierte seine Berichte und verwaltete seine Kundenliste mechanisch und korrekt, ohne jedoch länger als für ein paar Sekunden zu vergessen, dass unter einer dicken Schicht Humusboden und Fichtennadeln, dreißig Schritt entfernt von seiner Terrassentür, eine Leiche vor sich hin moderte.

Eines Tages riss Dave aus der Buchhaltung einen Witz, und Jason lachte. Schallend und unbekümmert. Es klang so natürlich wie ein Blitzeinschlag. Seine Haut kribbelte, als ihn ein warnender Schreck durchfuhr. Du hast jemanden umgebracht, du Idiot. Hast ihn im Garten verbuddelt. Vergiss das nicht! Doch da waren schon fünf Minuten vergangen. Und während die Tage kamen und gingen, stellte er fest, dass die beschwörenden Worte zu einer Plage, zum zermürbenden Unbehagen, zu einem Teil seiner selbst wurden.

Die Heizung blies ihm seinen sauren Atem ins Gesicht, als er mit überhöhter Geschwindigkeit nach Hause fuhr. Er hatte sich zum ersten Mal eine Auszeit gestattet. »Ja, klar«, antwortete er spontan auf die unerwartete Einladung, zum Wochenausklang nach der Arbeit ein Bier trinken zu gehen. Die gute Laune verblasste, als man händeschüttelnd auseinanderging, und an ihre Stelle trat ein stechendes Frösteln, bei dem ihm widersinnigerweise der Schweiß durch alle Falten rann. Ganz gleich, wie sehr er aufs Gaspedal trat, die Heimfahrt schien ewig zu dauern. Dann lief er am Haus vorbei und direkt zum Waldrand, weil er sicher war, er fände dort … was? Nichts. Nur Bäume und raschelnde Stille und das ferne zischende Geflüster des Autobahnverkehrs.

Der Boden hielt sein Versprechen zu ruhen, und die Kiefern und Pappeln streuten zuverlässig tarnende Licht- und Schattenflecke über besagtes Rechteck. Tagsüber bewegten sich Jasons Gedanken in nicht kriminellen Bahnen, doch das Begräbnis spielte sich jede Nacht erneut hinter seinen Augenlidern ab, noch farbiger, als es in der mondhellen Oktobernacht gewesen war.

Der Jahrestag des Vorfalls machte Jasons Fortschritt weitgehend zunichte. Er stellte sich vor, das Universum in seiner ganzen Ironie erlaube ihm nicht, dieses letzte Kalenderblatt umzuschlagen, das die gut hundert Sekunden von der Terrasse zur Leiche symbolisch dehnte, so als wäre Tag 366 ein magischer Meridian der Zeit – sein ganz persönlicher Neujahrstag. Er beging ihn, überstand ihn und erlebte einen weiteren Winter in einem Kokon allmählich verblassender Furcht. Die Albträume jedoch blieben.

Im folgenden Frühjahr beanspruchte das Haus, dessen Instandhaltung er vernachlässigt hatte, seine Aufmerksamkeit und ließ eine neue und schon angenehmere Art von Sorge aufkommen. Die Sträucher waren zu groß geworden, und der Vorgarten quoll über von Unkraut, das sich ein Dreivierteljahr lang ungehindert ausgebreitet hatte. Die Vorstellung, Schaufel und Hacke zur Hand zu nehmen, verwandelte sein Rückgrat jedoch in Kitt und verlieh den Dingen in seiner Speisekammer irgendwie etwas Ekelerregendes. An drei aufeinanderfolgenden Samstagen sah er sich heldenhaft die Schuppentür niederstarren und an dem jeweiligen Sonntag mit einem Fieber unbekannten Ursprungs im Bett liegen.

Wenn Heimat wirklich dort ist, wo das Herz ist, dann lebte Jason seit geraumer Zeit in seinem Hals. An sich war bisher nicht viel Behandlung erforderlich gewesen, außer dass er Magentabletten gekaut hatte, um sich zu beruhigen. Seine Paranoia flammte aber wieder auf bei der Erkenntnis, dass die Nachbarn, so weit verteilt sie auch waren, sich allmählich über den verwilderten Zustand seines Vorgartens wundern mussten. Die zermürbende Angewohnheit, ängstlich über die Schulter und durch den Vorhangspalt zu spähen, erreichte einen neuen Höhepunkt.

Als im Mai Löwenzahn und Gänsedistel zügellos blühten, stand er vor der Entscheidung, selbst Hand anzulegen oder jemanden zu beauftragen. Dearborn’s Landscaping war der preiswerteste Anbieter und sagte zu, den vorderen Rasen zu lüften und nachzusäen, die Büsche zu stutzen, Unkraut zu jäten, die Kanten der Mulchbeete zu säubern und rings um den Eingang und an der Auffahrt pflegeleichte Stauden zu pflanzen. Jason wollte so lange wie möglich nichts im Garten tun müssen und investierte gerne ein bisschen mehr dafür. Ein verwegen aussehender Gärtner namens Calvin kam mit zwei jungen Gehilfen und einem offenen Anhänger voller rostiger Geräte, um in zwei Tagen den Wildwuchs von anderthalb Jahren zu beseitigen.

Am ersten Tag lungerte Jason den ganzen Vormittag vor dem Haus herum, wusch den Wagen, plauderte mit Calvin und ging mit bühnenreifem Gebärdenspiel nach der Post sehen – zwei Mal, und das, bevor der Briefträger überhaupt seine Runde gemacht hatte. Gegen Mittag wagte er, ein wenig aufzuatmen, da offenbar keiner der Gärtner Anstalten machte, den Garten näher zu studieren als nötig. Die vertragliche Vereinbarung zog eine klare Grenze, und niemand würde einen Schritt in den hinteren Garten setzen, um dort wohl noch mehr Arbeit vorzufinden. Er machte sich ein Sandwich und sah eine Zeit lang durchs Fenster den Gärtnern zu, dann zog er sich in sein Arbeitszimmer zurück. Er schaute sich eine Hundeausstellung im Fernsehen an und horchte dabei mit einem Ohr nach ungewöhnlichen Plumps- oder Raschelgeräuschen von draußen. Aber er hörte nichts dergleichen, und schließlich ließ er, erschöpft von seiner Rastlosigkeit, den Kopf gegen die Sessellehne sinken. Nur für einen Moment. Die Spätnachmittagssonne schien schräg durchs Fenster und lag schwer wie warme Goldmünzen auf seinen Lidern. Er wollte die Augen aufzwingen, doch der orangefarbene Schein war so schön, so heiter, und der Ohrensessel hielt ihn behaglich umfangen, während der Deckenventilator seine Gedanken zum Schweigen brachte.

In seinem Traum kniete ein junger Mann im Overall von Dearborn’s im Gras. Lächelnd blickte er zu Jason hoch, nachdem er Pflanzkellen und Grabegabeln in den Werkzeugkasten gesteckt hatte, und wischte sich achtlos die Hände sauber. Jason schwafelte drauflos, gestikulierte wild und hüpfte umher, bereit, sonst was aufzuführen, um den unvermeidlichen Moment hinauszuzögern, in dem der Gärtner wieder auf den Rasen blicken und sein Werkzeug weiter einsammeln würde. Der junge Mann, dessen Gesicht Jason seltsam bekannt vorkam, hörte ihm aufmerksam zu und wischte sich dabei mit dem Zipfel eines weißen Lakens, der aus dem Erdreich lugte, blutgetränkten Schmutz von den Händen.

Jason neigte die Kanne bis in die Senkrechte und füllte den Kaffeebecher über das empfehlenswerte Maß. Sobald er die Sahne hineingegossen hatte, wurde ihm klar, dass höchstens ein Zen-versenkter Chirurg die Tasse in die Hand nehmen könnte, ohne die Arbeitsfläche einzusauen und sich die Hand zu verbrühen.

»Scheiße«, murmelte er und lehnte sich vor, um auf die dampfende, randvolle Tasse zu pusten. In dem Moment läutete es an der Tür. Vor Schreck tauchte er die gespitzte Oberlippe in den brühheißen Kaffee, und das folgende Zusammenzucken löste ziemlich genau die Sauerei aus, die er vorausgesehen hatte, nur dass er sich die Lippe statt der Hand verbrühte. »Scheiße.« Wenigstens war die Tasse jetzt nur noch so voll, dass er sie handhaben konnte. Er drückte sie auf das Geschirrtuch und nahm sie mit zur Haustür.

Calvin und Kollegen waren heute, am zweiten Tag, am Morgen kurz nach acht gekommen, weil sie meinten, dann bis Mittag fertig zu werden. Der Vorgarten sah wieder gepflegt aus, und die maschinell bearbeiteten Beetkanten hätte Jason niemals so hinbekommen, selbst wenn er sich dazu überwunden hätte, einen Spaten in die Hand zu nehmen.

Er hatte sich schon allein besser gefühlt, als er ihnen beim Abladen der blühenden Pflanzen zusah. Das Leuchten der Farben steckte an, und das gesunde Grün strahlte Rechtschaffenheit aus. Seriosität zeigte sich in einem gut gepflegten Garten, und Jason war bei dem Anblick warm ums Herz geworden. Die Gärtner hatten nun knapp zwei Stunden lang gearbeitet, und er rechnete beim Öffnen der Tür mit der verlegenen Bitte, mal das Bad benutzen zu dürfen. Stattdessen blickte er einem aschfahlen Calvin ins Gesicht.

»Mr. Getty –« Mehr brachte Calvin nicht heraus.

»Ja?« Jasons Mund antwortete auf Autopilot, und in seinen Ohren begann es zu rauschen, während sein Verstand errechnete, was in seinem Garten einen sonnengegerbten Gärtner zum Erbleichen und Zittern bringen könnte.

»Mr. Getty, wir haben da was gefunden. Wir denken, das sollten Sie sich mal ansehen.«

»In Ordnung, ich muss mir nur Schuhe anziehen.« Jason taumelte, als er sich umdrehte, und verschüttete Kaffee auf seine Hose und den Boden. Aber was machte das noch? Das Spiel war aus. Gott sei Dank! Ich kann das nicht. Doch, du kannst dich dumm stellen. Du kannst abhauen. Warum sind sie nach hinten gegangen? Warum warst du so blöd und hast Gärtner beauftragt, du nichtsnutziger, rückgratloser … muss nachdenken – was zur Hölle soll ich bloß erzählen?

Auf dem Weg vom Garderobenschrank zur Haustür setzten seine Gedanken aus. Er hörte auf, sich zu beschimpfen, und suchte nicht mehr nach vorgefertigten Antworten auf die unausweichlichen Fragen, die ihn im hinteren Garten erwarteten. Er ging einfach hinaus und zog die Tür hinter sich zu. Calvin wartete auf ihn und drehte seine rote Baseballkappe in den schwieligen Händen. Jason nickte ihm zu. Betäubt bis in die Fußsohlen folgte er ihm die Vordertreppe hinunter.

Alle vier versammelten sich vor dem Fund und standen dichter beisammen, als es unter fremden Männern üblich war. So starrten sie in die frisch aufgegrabene, schwere schwarzbraune Erde. Jason konnte bereits auf einige aufgegebene Ambitionen zurückblicken, darunter den Beruf des Arztes. Er hatte damals medizinische Enzyklopädien gewälzt und sich Begriffe eingeprägt, die Mysterium und Macht in ihren verzwickten Silben trugen: Frons, Parietale, Sphenoid, Zygoma. Sie schossen ihm durch den Kopf, während er hinabschaute und benannte, was er sah – was die anderen Männer als Stirn, Scheitel, Schläfe und Wange sahen. Die Augenhöhlen des Schädels waren voller Torf, die Konturen und Furchen ließen jedoch keinen Zweifel zu: Die Gärtner hatten auf Jason Gettys Grundstück einen Menschen oder zumindest einen menschlichen Körperteil ausgegraben.

Auf dem Rasen standen vier Männer – drei voller Entsetzen und Ekel, einer komplett fassungslos. Jason war Calvin gefolgt, als wäre er auf dem Weg zum Galgen. Reuevoll hatte er nebenbei registriert, dass die Wohnzimmerfenster mal wieder geputzt werden müssten. Er war um die Hausecke gebogen und an der geschlossenen Jalousie des Arbeitszimmers vorbeigegangen und hatte ununterbrochen auf das Wäscheschild gestarrt, das aus dem Kragen von Calvins blauem Overall lugte und ihn reizte, es wieder ordentlich hineinzuschieben. Darum hatte er nicht bemerkt, dass Calvin langsamer wurde, und war gegen ihn geprallt. Er hatte nicht erwartet, dass der Gärtner schon stehen bleiben würde; sie waren ja nicht mal bis hinters Haus gelangt.

Calvin und seine Kollegen hatten eine Leiche freigelegt – aber nicht die Leiche, die Jason vor Monaten begraben hatte. Die lag noch unentdeckt im Schatten der Pappeln, so fern wie möglich, aber immer noch so nah, dass Jason Getty Steuern für ihre Ruhestätte zahlte. Der fremde Schädel starrte unheilvoll aus dem Mulchbeet an der Hausseite, direkt unter dem Schlafzimmerfenster, und Jason hatte keine Ahnung, wer das war.

2

Leah Tamblin drückte noch mal auf den Garagentorknopf. Die Lamellen rollten hoch und kamen auf einem Drittel der Höhe zitternd zum Stehen. Ein verlockender Streifen Frühlingsmorgen leuchtete von der Auffahrt herein. Der Motor erlahmte, stockte kurz und schaltete dann um, sodass sich das Tor ratternd wieder schloss. Damit stand endgültig fest, dass Leah zu spät zur Arbeit käme.

»Ach, komm schon!«

Die baumelnde Handbedienung erwies sich bei einem Greifversuch als unerreichbar, doch schließlich schleuderte sie das Tor in seiner Führung aufwärts und setzte den Wagen rückwärts aus der Garage, worauf sich sofort die nächste Schwierigkeit ergab. Leah, die an Tagen mit locker sitzenden Haaren eins vierundfünfzig groß und damit zu klein war, um das Garagentor ohne Trittleiter herunterzuziehen, war nicht gewillt, das Innere der Garage den Elementen zu überlassen, seien es klimatische oder kriminelle.

Sie schloss die Augen und atmete einmal tief durch, was vielleicht Wunder gewirkt hätte, wenn sie dabei das Zähneknirschen unterlassen hätte. Da sie ohnehin zu spät zur Arbeit käme, konnte sie auch gleich die Reparatur anleiern. Aufgebracht ging sie zurück ins Haus, um im Büro anzurufen, und zog das Telefonbuch aus der Schublade im Küchenschrank. Sie klemmte sich das Gerät gerade zwischen Wange und Schulter, als ihr Vorgesetzter den Anruf entgegennahm.

»Hallo Chris, hier ist Leah.« Währenddessen schlug sie das Telefonbuch auf und blätterte im Branchenverzeichnis unter G wie Garagentor-Reparaturdienst. »Ich habe hier ein technisches Problem und werde etwas sp…« Als sie das Buch anders positionierte, damit es ihr nicht herunterfiel, rutschte zwischen den hinteren Seiten ein Flyer heraus. Eine Ecke war zerknittert und brüchig, weil sie mal nass geworden war. Er glitt über die Arbeitsfläche, und Leah hielt ihn mit zaghafter Hand auf, ehe er auf den Boden segeln konnte. Reid lächelte sie an, erstarrt in Partylaune, direkt unter der plakativen Bekanntmachung: VERMISST. Chris räusperte sich laut. Ob aus Notwendigkeit oder Ungeduld, konnte Leah nicht sagen. Eigentlich bekam sie es kaum mit. »Später kommen«, beendete sie flüsternd den Satz.

Reids Gesicht war ringsherum noch vorhanden. Im Wohnzimmer lächelten seine Augen mal mehr, mal weniger entspannt von diversen Schulporträts, die die Varianten seiner damaligen Rockstar-Frisuren dokumentierten. Im ganzen Haus standen gerahmte Bandfotos und einige Schnappschüsse. Am Kühlschrank hing sogar ein Magnet mit einem Foto von ihnen beiden, auf dem sie am Strand fröhlich und windzerzaust Arm in Arm in die Kamera lachten. Doch die Bilder waren festes Inventar, das sie kaum noch wahrnahm. Durch die ständige Präsenz waren sie leichter zu vergessen, als wenn sie sie weggepackt hätte. Denn die Leerstellen würden selbst am Blickfeldrand auf sich aufmerksam machen.

Seine Klamotten hatten im Schrank gehangen, bis der Staub auf den Schultern der dunklen Hemden aufdringlich wie eine Plakatwand von Reids Abwesenheit kündete. Um den Staub loszuwerden, hätte sie die Sachen waschen müssen, und die Vorstellung, einen Haufen Wäsche für einen Mann zu waschen, der sie nie wieder brauchte, war so makaber, dass sie sein Zeug lieber eingestaubt im Schrank hatte hängen lassen. Irgendwann hatte sie die Kleidung in Kartons gepackt und am Ende, als sie es leid gewesen war, darüber zu stolpern, auf den Dachboden gebracht.

Den Kleinkram zusammenzusuchen und einzulagern war das Härteste gewesen. Stöße von Unterlagen und bündelweise Post hatte sie auf dem Küchentresen ausgebreitet und noch lange liegen lassen, als ob sie wichtig werden könnten, als ob die Hinweise und Spuren bloß aus Sturheit keinen Zusammenhang bildeten und darauf warteten, dass ein fähiger Dr. Frankenstein sie zusammensetzte und mit Stromstößen zum Leben erweckte, um Reids Rettung herbeizuführen. Nachdem sie die Polizeiberichte, Zeitungsausschnitte und ihre eigenen Notizbücher mit Listen und Kontaktdaten in einen Karton verbannt und den Deckel geschlossen hatte, war sie ins Bad gerannt, hatte sich vors Klo gekniet und gewürgt, bis sie Sterne sah. Als sie an diesem Morgen nun das verirrte Andenken an jenen Lebensabschnitt in der Hand hielt, konnte sie sich nicht entsinnen, je einen der Flyer in das Telefonbuch gelegt zu haben, und wusste auch nicht, warum sie das überhaupt hätte tun sollen.

Reid war aus dem Haus gegangen, um einiges zu erledigen: kurz zur Arbeit wegen einer Teambesprechung, zum Musikgeschäft, weil er Gitarrensaiten brauchte, dann zum Baumarkt, um ein Verlängerungskabel und Glühbirnen zu kaufen, und auf dem Rückweg zum Diner, um etwas zum Mittagessen mitzubringen. Bei der Teambesprechung und im Musikladen war er gewesen. Vier Tage später identifizierte die Polizei auf einer Schotterstraße sechzig Meilen entfernt das ausgebrannte Wrack seines Autos.

Der Tag, an dem Reid verschwand, zog sich ewig in die Länge. Zuerst ärgerte sie sich nur über seine Unzuverlässigkeit. Dann wurde sie misstrauisch, und ihr Argwohn gipfelte schließlich in einem lauten Streit mit seinem Bruder Dean, weil sie ihm unterstellte, genau zu wissen, wo Reid sei, und ihn nur wieder zu decken, genau wie beim vorigen Mal. Als es Abend wurde und Reids Mailbox voll war, verlangte Dean energisch, die Polizei anzurufen, und das ließ ihr Misstrauen in Angst umschlagen. Denn Dean hatte immer einen oder zwei Joints in der Tasche und war den Behörden wegen seiner geringfügigen Kontakte zum Kreis der üblichen Verdächtigen gut bekannt. Er mied die örtlichen Gesetzeshüter ebenso eifrig, wie diese ihn im Auge behielten, und es musste schon eine Katastrophe passieren, damit er freiwillig die Bullen rief.

Ohne Reid konnte Leah nicht richtig schlafen, jedenfalls nicht in den ersten paar Tagen. Dann entschied irgendjemand, das Licht müsse doch einmal ausgeschaltet werden. Weil alle darauf bestanden, legte Leah sich hin, qualvoll einsam. Ohne ihre Zustimmung koppelte sich ihr Gehirn von der Wahrnehmung ab, und ihr fielen die Augen zu. Aber egal, ob ein Schritt auf der Treppe zu hören war oder ein Telefon klingelte oder das Licht von Autoscheinwerfern über die Schlafzimmerwand huschte – das niederschmetternde, dröhnende Bewusstsein, dass etwas ganz und gar nicht in Ordnung war, riss sie augenblicklich aus dem Nichts zurück.

Tagsüber durchlief sie die immer gleichen, kurzen Perioden, während derer sie sich abwechselnd mit Sorgen quälte und in hektische Betriebsamkeit verfiel. Man müsse doch etwas tun, sagte sie sich und wies die Freunde, Verwandten und freiwilligen Helfer an, ebenfalls etwas zu tun. Dann folgte die Periode, in der sie entweder an Gott glaubte und ihn liebte und an Gott glaubte und ihn hasste und dann wieder glaubte, dass sie sich selbst etwas vormache und es gar keinen Gott gebe. Und zwischendurch gab es immer wieder Momente, in denen sie vergaß, dass etwas Katastrophales passiert war.

Als sie beispielsweise nach einem Foto für den Flyer suchte, fand sie Reids verloren geglaubte Sonnenbrille in der Schreibtischschublade, nahm sie lachend in die Hand und drehte sich um, um ihn wegen seiner Vergesslichkeit zu necken. Durch das Esszimmer hindurch sah sie Sheila, Reids Mutter, in der Küche stehen und einem Polizisten ernst nickend zuhören. Für drei Sekunden und einen tiefen Atemzug lang war Leah von dem ganzen Geschehen befreit gewesen, bevor die Realität in einer traurigen, langsamen Flut in ihr Bewusstsein zurücksickerte. Tagsüber zerstörte kaltes Grauen solche Momente, während es nachts ein siedend heißes Dringlichkeitsgefühl war. Ihr Gehirn täuschte sie immer wieder, sodass sie für ein paar Augenblicke in schützende Illusion flüchten konnte. Und das passierte umso häufiger, je mehr ihre Erschöpfung zunahm.

Die ersten drei Tage bestanden aus Kämpfen mit selbst ernannten Experten darüber, ob es überhaupt ein echtes Problem gab. Am Abend des ersten Tages waren Reids Familie und seine engsten Freunde überzeugt, dass es einen Unfall gegeben hatte. Dean fuhr die Straßen ab, die Reid genommen haben konnte, und Sheila rief mit zitternden Fingern die nächsten Krankenhäuser an. Leah sprach mit dem Geschäftsführer vom Neptune, dem Club, in dem Reid kellnerte und die meisten seiner Konzertauftritte hatte. Sie rief die Bandmitglieder an, die wie erwartet alles stehen und liegen ließen und zu ihr kamen. Der Ernst der Entscheidung, die Polizei anzurufen und damit eine mögliche Katastrophe einzugestehen, legte sich über die gesamte Gruppe, die schweigend auf den Streifenwagen wartete.

Die Polizisten teilten mit, dass Reid nicht verhaftet worden sei, und nahmen eine vorläufige Anzeige auf, während sie versuchten, ihr Desinteresse als beruhigende Zuversicht zu verkaufen. Reid sei ein junger Mann mit einem Wagen und einem Portemonnaie voller Kreditkarten, sagten sie und ließen die unausgesprochene Andeutung in der Luft hängen. Sie quetschten Leah aus, ob sie sich gestritten hätten, was sie verneinte. Der nächste Morgen dämmerte und kam ihr unwirklich vor, denn es war das erste Mal seit der achten Klasse, dass Leah nicht wusste, wo Reid war.

Natürlich gab es in den sechzehn Jahren ihrer Beziehung viele ungeklärte Stunden, die immer ein Streitpunkt gewesen waren. Reid liebte Leah, daran gab es keinen Zweifel. Und sie liebte ihn. Sie waren ein Paar, seit sie zu Mrs. Doyle in die Klasse gekommen waren. Aber hin und wieder ließ er sich von einer anderen den Kopf verdrehen. Wenn Leah das erfuhr oder vermutete, schäumte und schimpfte sie ein paar Stunden lang, um dann wortlos mit ewigem Schweigen zu drohen. Irgendwann kapitulierte sie vor dem Trommelfeuer ehrlicher Reue, denn Reid tat es gemäß der Größe seiner Liebe jedes Mal ungeheuer leid.

Leah war weder schwach noch dumm, sondern ein praktisch denkender Mensch. Ihrer Ansicht nach musste man in einer Beziehung Kompromisse schließen, und ein Kompromiss war nichts weiter als ein Vertrag. Jeder musste etwas opfern, um etwas zu bekommen, das er dringend haben wollte. Bei der Transaktion mit Reid opferte sie den Wunsch nach permanenter Treue, dafür war er liebevoll, talentiert und überall als Stimmungskanone beliebt. Er hatte seine Fehler, aber das Gute an ihm war echt. Bei der Biologie-Expedition in den Wald hatte er ihre Hand genommen und nicht mehr losgelassen. So wütend sie manchmal auf ihn werden konnte, sie spürte immer seine Wärme auf der Handfläche kribbeln, wie damals, als er sie vor der unkartierten Wildnis schützte, die sie ganz bestimmt bei erster Gelegenheit verschlungen und nie wieder freigegeben hätte.

Allerdings war Reid selbst nicht das Einzige, was bei dem Arrangement für Leah heraussprang, und das Gefühl von Zugehörigkeit war es letztlich, das sie all die Jahre an seiner Seite hielt. Vorstellungen und Ideale waren schön und gut, aber Reid mit seinem Lächeln und seiner schwankenden Hingabe brachte eine Familie mit, auf die Verlass war und von der Leah mehr Liebe bekam als von ihrer eigenen Verwandtschaft: von Dean, einem amüsanten Schnösel von Bruder, und Sheila, einer Mutter, die diesen Begriff im besten Sinne ausfüllte. Die kränkelnde Sheila konnte sich Leahs Liebe und Treue sicherer sein als ihr Sohn.

Und Sheila war es auch, die die beiden mit sanfter Manipulation bis an die Schwelle zur Heirat brachte, um sie beisammenzuhalten. Aber dann verschwand Reid dreizehn Tage vor dem geplanten Jawort, und die Polizisten ritten darauf herum. Kalte Füße machten einen Vermisstenfall sehr einfach. Und tatsächlich spielte ein Paar kalter Füße anschließend eine wichtige Rolle. Sie trugen Leah von Zimmer zu Zimmer, die versuchte, die nervöse Energie von Schuldgefühlen loszuwerden.

Als Kinder hatten sie und Reid sich in einem wirklichen Wald verirrt, als Erwachsene nach und nach in einem anderen: in einem Dickicht aus Bedürfnis und Verpflichtung. Es war ein himmelweiter Unterschied, ob man sich freiwillig in eine Situation begab oder ob man gesetzlich dazu verpflichtet wurde, und Leah kannte den tiefen Fall, den man bei dem Schritt riskierte, sehr gut. Und so war sie an diese Brücke getreten, um zwischen den Bohlen hindurchzuspähen, und hatte gezögert, hinüberzugehen.

Nach Reids Verschwinden lief Leah so lange manisch in den Zimmern umher, dass die Teppiche Trampelpfade und Kreise bekamen – von einer Braut, die um einen Ausweg gebetet hatte und ihre Reue darüber abstreifen wollte. Denn das Haus hatte sie als Tretmühle empfunden, und den vielen aufregenden Ideen, was sie aus ihrem Leben noch machen könnte, war sie nicht entkommen. Nun aber brauchte sie nicht abzuspringen. Sie brauchte Sheila nicht maßlos zu enttäuschen. Sie brauchte Reid nicht das Herz zu brechen. Zwischen Weinkrämpfen und der verzweifelten Sehnsucht, seine Hand in ihrer zu spüren, blitzten diese Gedanken ungebeten auf, und sofort rang sie mit dem Wissen, wie schlecht sie dadurch erschien.

Seine bleiche Mutter machte das zögerliche Engagement der Polizei in jenen ersten Tagen maßlos wütend. Das Telefon hörte nicht auf zu klingeln, und das Defilee der wortreichen und hilfsbeflissenen Trostspender sorgte lediglich für einen emsigen Lärm, der nichts voranbrachte.

Als die Polizei mit der Neuigkeit von Reids Wagen kam, änderte sich die Stimmung. Die Nachbarn und Bekannten zogen sich unter hohlen Phrasen – »wenn wir irgendetwas für euch tun können« – voller Unbehagen zurück, und die Präsenz der Polizei verdreifachte sich. Tagelang sprach es niemand aus, aber jeder wusste, dass Reid tot war. Die Ermittlung nahm Fahrt auf und kam nach lauter falschen Fährten unter dem Gewicht massiver Ratlosigkeit zum Erliegen.

Die Meilensteine der Entwicklung reihten sich aneinander: Nach einer Woche war das Weinen noch ungezügelt, ebenso der freundliche Zuspruch, nicht die Hoffnung aufzugeben; nach einem Monat klingelte das Telefon schon seltener, und es riefen nur noch Leute an, die von Reids Tod nichts wussten; nach einem Jahr wurde ein Foto von Reid in Sheilas Sarg gelegt und ruhte fortan in einem Grab auf dem Friedhof. Sein lächelndes Konterfei wurde weggepackt, zuerst in die Armbeuge einer Toten und irgendwann dann in die hinteren Seiten des Telefonbuchs, das in die Schublade des Küchenschranks wanderte, während sein Leichnam in ungeweihter Erde lag, die ein Mann, den keiner von ihnen kannte, in einer mondhellen Nacht hastig darübergeschaufelt und festgeklopft hatte.

3

Es heißt, Gott bürdet uns nicht mehr auf, als wir tragen können. Das ist entweder eine unglaubliche Lüge oder eine sehr großzügige Definition von »tragen können«. Jason schaute an sich hinunter und konnte nicht begreifen, dass an ihm noch alles dran war. In seiner Vorstellung hatte er schon ein Dutzend Mal zitternd die Finger von den Händen und diese von den Handgelenken geschüttelt, seit er den Anruf hinauszögerte. Das Telefon lag ungenutzt in seiner Hand. Natürlich rief er dann doch an. Ein paar weitere Minuten anonymen Daseins herauszuschinden war das Lampenfieber nicht wert, das er unter Calvins düsterer Ermutigung, die Polizei einzuschalten, durchlitt. »Rufen Sie die Polizei, Mr. Getty. Die weiß, was zu tun ist.«

Nun saß er allein am Tisch und hielt durch das Esszimmerfenster nach dem Streifenwagen Ausschau, der unweigerlich die Straße entlangkommen und sein Leben ruinieren würde.

Die Fieberröte, die ihm bis in den Kragen gekrochen war, brannte noch immer auf seinen Wangen. Jason hasste es, ständig zu erröten, vor allem hasste er es, weil er sich jedes Mal für einen Moment lang vorkam, als wäre er wieder fünf Jahre alt.

Das erste Erröten hatte er über sich ergehen lassen müssen, als er in einer Bank auf seine Mutter wartete. Er saß in einer Stuhlreihe und schaute durch die Glasscheibe in der Tür gegenüber. Seine Füße baumelten noch ein gutes Stück über dem Boden. Der steife Rücken seiner Mutter und die Glatze des Geschäftsführers, der nickte, dann den Kopf schüttelte, fesselten ihn. Er starrte so gebannt hin wie bei den Fernsehwestern, die er mit seinem Vater anschaute, aber nicht verstand.

»He, du.« Die hübsche Kassenangestellte mit den größten, strahlendsten blauen Augen, die er je gesehen hatte, ging vor ihm in die Hocke. »Du wartest hier so brav, kleiner Mann, obwohl es so lange dauert. Willst du einen Lutscher?« Sie fächerte einen bunten Strauß Lutscher vor ihm aus. »Welche Farbe möchtest du?«

»Rot.«

»Wie heißt du?« Wenn sie blinzelte, schimmerten ihre Lider perlmuttblau, passend zu ihren Augen.

»Jason Bradford Getty.«

»Na, das ist ja ein richtiger Zungenbrecher. Darf ich JB sagen?« Jason nickte nur sprachlos unter dem Eindruck ihres Pfefferminzatems und des arktischen Schimmers ihrer Augen. »Toll«, sagte sie und pflückte ihm den roten Lolli aus dem Bukett. Die übrigen drückte sie ihm in die andere Hand. »Hey, JB, willst du die vielleicht nach Hause mitnehmen? Du kannst sie mit deinen Brüdern und Schwestern teilen, wenn sie von der Schule kommen.«

»Hab keine.«

»So? Dann geht’s dir wie mir. Wir passen zusammen, JB, du und ich. Ich bin auch ein Einzelkind.«

Während er in ihre lächelnden Augen sah, stieg ein Gefühl in seiner Brust auf, das er sein weiteres Leben lang immer wieder erinnerte, ein Gefühl, als ob ein beschwerter Ballon in ihm aufstiege und zugleich hinabsänke. Eine Hoffnung gepaart mit Zweifel. Ein Hinlangen und Zurückschrecken. Ein Ja vermischt mit einem Nein.

»Hmhm.« Seine Augen brannten, weil er sie ohne zu blinzeln anstarrte, und seine Stimme wurde leise. »Sehr einzeln.«

»Sehr einzeln? Du meinst, sehr einsam?«

»Ich –« Ihm war beinahe klar, was er falsch gemacht hatte, und dieses Beinahe ärgerte ihn wie verrückt. Es entflammte Wangen und Nacken. Er barg das Gesicht am Mantel seiner Mutter, der neben ihm über der Stuhllehne hing.

»Ach, du Süßer.« Die Kassiererin lachte leise und verstrubbelte ihm die Haare.

Er spürte sie vor seinem Stuhl, wie sie darauf wartete, dass er sie wieder anblickte, doch er hielt länger durch als sie. »Okay«, flüsterte sie. »Auf Wiedersehen, kleiner Mr. Sehr Einzeln. Mach’s gut.«

Jason schob die Lutscher der Kassenangestellten alle unter das Sitzkissen.

Seitdem wurde er rot, wenn er das Wechselgeld vorzählte. Er wurde rot, wenn er sich von Telefonverkäufern loszuwinden versuchte. Er wurde rot, wenn er am Urinal stand, was völlig idiotisch war. Und manchmal wurde er auch nicht rot. Es gab Gelegenheiten, wo er fest mit Erröten rechnete und es dann ausblieb. Zum Beispiel als er Patty zum ersten Mal fragte, ob er sie nach Hause bringen dürfe. Oder als er sich bei einer Polizeikontrolle herausquatschte, nachdem er drei Bier getrunken und mehr auf den mitreißenden Song im Radio als auf die Tachonadel geachtet hatte.

Manchmal fühlte sich diese aufsteigende Ahnung von Verheißung gar nicht schlecht an. Manchmal straffte es ihm die Schultern. In diesen Momenten verstand er beinahe den Mechanismus, wusste beinahe, was nötig wäre, um das Ankertau zu kappen und hoffnungsvoll aufzusteigen.

Und wie immer ärgerte ihn dieses Beinahe wie verrückt.

Die Obrigkeit. Bei aller Scham und Erschütterung glühte in ihm ein Funken Wut über die Anmaßung dieses Begriffs. Was wusste so ein selbstgefälliger Milchbubi von Polizist schon darüber, wie es war, wenn man geschubst und wieder geschubst und dann einmal zu viel geschubst wurde? Gar nichts. Die duckten sich doch alle hinter ihre dünne Blechmarke und Kanone, sowie sie in der Polizeischule vom Fließband liefen. Die schikanierte doch keiner. Denen lauerte keiner auf und verhöhnte sie. Bei denen suchte niemand nach ihrer wundesten Stelle und stocherte darin herum und …

Da kam er. Der blau-weiße Streifenwagen rollte ins Blickfeld, aber der Lichterwürfel auf dem Dach war inaktiv. Jason war überrascht, dass sie ohne Sirene kamen. Andererseits würde kein noch so dringliches Geheule und Geblinke dem Kerl im Garten etwas nützen. Wer war er überhaupt? Ohne die Ablenkung durch dieses Skelett wäre Jason vor Zittern schon vom Stuhl gekippt und sein Verstand vor Angst erstarrt.

Bei dem Gedanken, dass ein Toter – o Gott, und wenn es nun eine Frau war? – unter seinem Schlafzimmerfenster verweste, überkam ihn immer neues Entsetzen. Er fühlte sich beschmutzt und vergewaltigt. Er war wütend, weil jemand die Dreistigkeit besessen hatte, an solch einer Stelle eine Leiche abzulegen, so nah bei einem Haus, beim Schlafzimmer des Bewohners, um Himmels willen. Er hatte die ganze Zeit über nur drei Schritte von einer Leiche entfernt geschlafen. Aufs Äußerste beleidigt, ließ er seinen Verstand blind um das eigentliche Problem herumjagen. Sich hier an die eigene Nase zu fassen war im Moment ein bisschen zu viel verlangt.

Ihn ärgerte außerdem, dass Calvin seine Einladung, bei ihm im Haus auf die Polizei zu warten, abgelehnt hatte, was ein impliziter Affront war. Jason fühlte sich allein gelassen und auf den Schlips getreten, als die Gärtner hastig ihre Werkzeuge vom Rasen klaubten und zu ihrem Wagen liefen, wo sie dann rauchend beisammen hockten und verstohlene Blicke in seine Richtung warfen. Sie hatten keinen Grund, ihn zu verdächtigen. Sie hatten einen nackten Totenschädel ausgegraben, Herrgott noch mal. Verwesung brauchte Zeit. Viel Zeit. Er wohnte hier erst seit …

»Seit fast zwei Jahren«, antwortete Jason.

»Ich verstehe.« Der Polizist machte aus der Kofferraumhaube einen Behelfsschreibtisch und notierte dieses Informationshäppchen zusammen mit den anderen nach Schema F erfragten Details. Er richtete sich auf und hakte die Daumen in den Gürtel. Die Finger streiften rechts die Dienstwaffe und links den Taser. Jason nahm an, dass sie diese Pose auf der Polizeischule lernten, um den Blick auf die Symbole ihrer Macht zu lenken. Der Bulle spielte mit der Zunge an seinen Zähnen und nickte. »Ich hab das gerade gemeldet. Wir brauchen jetzt einen Kriminalbeamten und die Spurensicherung, weil das menschliche Überreste sind, die Sie da haben, und ich bin überzeugt, dass das hier«, er ließ den Blick über den Garten und dessen Besitzer schweifen, »kein frischer Tatort ist.«

»Na, das habe ich denen bei meinem Anruf schon gesagt, und daraufhin haben die Sie hergeschickt.« Jason unterdrückte seine Empörung, weil sie ihn erst mal für einen Idioten gehalten hatten.

Der Streifenbeamte lachte gutmütig, aber mit einem leisen Beiklang von Verbitterung. Er deutete zum hinteren Garten, wo Mrs. Truesdells Köter an der Pappelreihe entlangschnupperte. »Was glauben Sie, wie viele solcher Anrufe wir bekommen? Jeder denkt, wir schicken immer gleich eine SWAT-Einheit, sobald ein Hund einen Knochen ausbuddelt.«

Gemeinsam beobachteten sie das Tier, der eine entspannt, der andere ganz und gar nicht. Jasons Beine verdoppelten ihr Gewicht und drohten einzuknicken, während sich seine Eingeweide in einen Bleiklumpen verwandelten. Der Bulle schien von all dem nichts zu bemerken. Er öffnete die Kofferraumhaube und kramte in einer schwarzen Nylontasche. »Ja, letzten Herbst wurde ein kleiner Junge vermisst, und wir bekamen einen Anruf von einem Kerl in North County, der steif und fest behauptete, er hätte seine Leiche gefunden. Dabei sah ich auf den ersten Blick, dass es ein Fuchsschädel war, ganz eindeutig. Ich meine, der Junge war neun Jahre alt, Herrgott noch mal, und erst seit einer Woche verschwunden. Man sollte doch annehmen, dass jeder einen verwesten alten Fuchsschädel von einem … einem … Na egal, es war jedenfalls nichts. Bloß eine Sorgerechtsangelegenheit.« Mit einer Rolle gelbem Absperrband drehte er sich zu Jason um. »Ich werde hier schon mal absperren, solange wir warten, ja?«

»Sicher.« Jasons Kopf wippte auf und nieder. »Klar. Meinetwegen.« Mit ungleichmäßigen Schritten lief er hinter dem Polizisten her und passte jeweils sein Tempo an, um angemessene Distanz zu halten und dennoch nah bei ihm zu bleiben, da er jede abschweifende Neugier sogleich unterbinden wollte.

Am Rand des Mulchbeets blieb der Beamte schlüsselklimpernd und lederknarrend stehen. Jason stoppte ebenfalls, in der quasi intimen Entfernung von zehn Zoll. Er sprang einen Schritt zurück, als er mit hochgezogenen Brauen von oben bis unten gemustert wurde.

»Sie müssen nicht hier draußen warten, wissen Sie«, sagte der Beamte mehr empfehlend als mitfühlend. »Ich würde es verstehen, wenn Ihnen dabei unbehaglich wäre.« Dabei blickte er auf den Totenschädel, von dem nur Nase und Augen unter der Erddecke hervorlugten, so als hätte er Angst im Dunkeln.

Jason folgte dem Blick und schauderte. »Mir ist nicht unbehaglich.« Aus den Augenwinkeln sah er Mrs. Truesdells Hund weitertrotten. Jason wechselte die Position, um dem größeren Mann den Blick zu versperren, und wünschte, er wäre eine Mauer zwischen Cop und hinterem Garten.

Der Polizist machte sich an seine Aufgabe und wand und knotete das grellgelbe Plastikband um das Fallrohr der Regenrinne und den einen oder anderen Zweig. Jason überwachte den Mann, der eine Schlaufe nach der anderen zog, sah aber eigentlich nicht hin. Sein Blick war nach innen gekehrt und verfolgte im Kopfkino die Szenen, die sich noch abspielen würden, bis die verdammten Bullen die Knochen weggeräumt hatten und ihn endlich in Ruhe ließen. Oder ihn in Handschellen abführten, weil er sein stilles Leben mit einer Wahnsinnstat befleckt hatte.

Energisches Bellen riss ihn aus seinen Gedanken und löste einen prickelnden Schweißausbruch aus. Jason zuckte auch beim nächsten Bellen zusammen, obwohl der Hund nur anschlug, weil sich ein Wagen näherte. Das war nicht das begeisterte Kläffen über einen besonderen Fund. Eine Limousine, deren besonderes Merkmal die Reizlosigkeit behördlichen Eigentums war, fuhr an den Rinnstein und stellte sich hinter den Streifenwagen.

Jason maß seinen Gegenspieler, als dieser sich den Gärtnern vorstellte, die mürrisch in ihrem Pick-up hockten. Jovial wie ein Politiker schüttelte er ihnen die Hand, um sie zu beruhigen. Das war der entscheidende Mann. Das war der Kerl, der ihm glauben musste oder ihn besser gar nicht erst verdächtigen durfte. Jason hatte keine Erfahrung damit, sich einem Gegner zu stellen. Aber dafür war er ein Eins-a-Mauerblümchen. Seine Angst machte einen grimmigen Rohling aus dem Mann, der durch den Vorgarten kam, aber die Wirklichkeit präsentierte ihn als kleinen, adretten Burschen in Golfhemd und Khakihosen. Er gab Jason die Hand und ergänzte die Geste mit einem abgezirkelten Lächeln, das professionell, beruhigend und angesichts der Umstände nicht übertrieben freundlich war. Es war das Lächeln eines Mannes, der sich auf gelassene Art seines Zieles, seines Denkens und seiner Befugnisse sicher ist. Jasons Rückgrat erschlaffte und schob sich in den Hohlraum, der sonst für seinen Magen reserviert war. Er fühlte sich geschlagen, noch ehe der Kampf begonnen hatte.

»Mr. Getty, ich bin Tim Bayard.« Bayards Hand war warm und trocken, und Jason tat sein Bestes, den Druck genau so zu dosieren, dass er als unschuldiger Zuschauer überzeugte. Das Schlimmste, das er sich derzeit vorstellen konnte, kleidete der Kriminalbeamte in eine beiläufige höfliche Floskel: »Ist ein aufregender Tag für Sie, hm?«

»Kann man wohl sagen.« Jason unternahm einen ansehnlichen Versuch, artig zu lächeln.

»Nun, ich schlage vor, Sie führen mich einfach herum, und dann sehen wir weiter.«

»Was wissen Sie über die vorigen Eigentümer?«, fragte Bayard, als sie in die Küche zurückkehrten.

»Nichts. Ich habe das Haus von einer Maklerin gekauft. Nach ihrer Auskunft hat es vorher ein Weilchen leer gestanden«, sagte Jason.

»Haben die Leute etwas zurückgelassen? Kartons, Papiere, irgendetwas?« Bayard trank von seinem Glas Eiswasser. Jason schüttelte den Kopf. Der Kriminalbeamte überflog seine Notizen, aber das war vermutlich nur Show, ein Abblenden der Scheinwerfer, bevor Jason vor den Vorhang musste. Bayard atmete einmal tief durch. »Gut. Nun denn. Ich werde ein Kollegenteam herbestellen und die Überreste bergen lassen. Das ist das Erste. Wir müssen wissen, wer sich da draußen hat begraben lassen.« Er trank einen Schluck, und Jason ahnte, dass der Ermittler nur kurz innehielt, um sich danach auf sein Opfer zu stürzen. »Mr. Getty, ich hätte gern Ihre Erlaubnis zur Durchsuchung des Hauses.«

»Hier ist nichts.« Das war zu schnell gekommen und war viel zu pauschal. Jason musste sich seine Reaktion noch einmal vor Augen führen, um den Schaden einzuschätzen.

»Wahrscheinlich haben Sie recht. Und ich bedaure unser Eindringen. Wir werden es so kurz wie irgend möglich machen.«

»Ich meine … Es ist nur … Das ist jetzt mein Haus. Es sind meine Sachen.«

»Wenn Ihnen dabei wohler ist, besorge ich einen Durchsuchungsbeschluss, und selbstverständlich können Sie jederzeit einen Anwalt hinzuziehen.«

Das war die älteste Szene im Kriminalstück. Die unvermeidliche Frage. Dass sie rechtmäßig und notwendig war, bedeutete für den, der sie beantworten musste, keine Erleichterung. Von den Verweisen auf die Vorschriften einmal abgesehen – wenn ein Anwalt hinzugezogen wurde, schwang unweigerlich die Unterstellung mit, dass man selbst etwas zu verbergen hatte.

Jason zögerte die Entscheidung hinaus. »Die Leute vor mir haben wirklich nichts zurückgelassen. Nur Staub.«

Bayard zuckte die Achseln. »Trotzdem. Ich kann nicht sagen, ich habe das überprüft, wenn ich nichts überprüft habe. Sie wissen schon, Dachboden, Kriechboden, lose Bodendielen. Ich bedaure, dass wir in Ihre Privatsphäre eindringen müssen, aber wir haben es hier sehr wahrscheinlich mit einem Gewaltverbrechen zu tun. Das könnte sich sogar in diesem Haus abgespielt haben.« Bayard setzte sein verständnisvolles Lächeln fort, das eigentlich nur ein Breitziehen der zusammengepressten Lippen war. »Sie haben das Pech, auf einem Tatort zu sitzen. Wir wissen Ihre Kooperation wirklich zu schätzen.«

Kooperation war eigentlich das Letzte, was Jason Getty im Sinn hatte. Der monatelange Abstand zu jener Oktobernacht, die er unter Schweiß und Schmerzen durchgestanden hatte, existierte nicht mehr. Er war wieder in dem Wohnzimmer von damals, betrogen, ein Narr. Sehr einzeln, in der Tat. Ausgehöhlt, vor Wut zitternd und tief gedemütigt angesichts einer Flut von Drohungen und Spott. Die höhnischen Bemerkungen klangen ihm in den Ohren, und Brust und Rücken schmerzten, nachdem ihn eine starke Hand gegen den Türrahmen geschleudert hatte. In seiner Erinnerung gab es einen blinden roten Fleck und ein Geräusch wie von einer in Filz gewickelten Glocke, die dumpf schepperte, ein angestrengtes Ächzen und ein jäh verstummendes Stöhnen, brechendes Plastik und brechende …

»Mr. Getty?«

Jason seufzte. »Verzeihung.« Er drängte das letzte Bild zurück: seine Fingerknöchel, die zwischen wirren dunklen Haaren in einen nassen roten Spalt einsanken. Er kniff sich in die Nasenwurzel. »Das ist alles ein bisschen viel für einen Sonntagvormittag.«

»Ich weiß. Und es tut mir leid.« Bayard stand auf und sammelte seine Sachen ein. »Ich gehe jetzt zum Wagen und rufe die Leute her, die ich brauche. Darf ich Ihnen denn schon mal eine Einverständniserklärung vorlegen, die Sie mir unterschreiben, oder soll ich einen Durchsuchungsbeschluss anfordern?« Bayard hatte nur darauf gewartet, dass Jason aufblickte, und sah ihm direkt in die Augen. »Wirklich, das ist kein Problem, so oder so.«

Bayard würde seinen Streifzug durchs Haus bekommen, und das Funkeln in seinen verdammten Augen bekräftigte diese Feststellung. Die Situation war ausweglos, so neutral und professionell sie eigentlich war. Als Jason sich darin gefangen sah, krampfte sich sein Herz zusammen, und die flüchtige Hoffnung, an einem Herzinfarkt zu sterben, drängelte sich in der Schlange anstehender dringlicher Probleme nach vorn. »Nein, das geht in Ordnung. Sie können hereinkommen und sich umschauen.«

Bayard lächelte, aber sein Blick blieb fest auf Jasons Augen gerichtet. »Danke. Und der Anwalt? Ich kann Ihnen die Zeit geben, sich einen zu suchen, und warten, bis er hier ist.«

Jason war sich nicht sicher, ob er das durchstehen konnte. Er spielte mit dem Gedanken, auf die Knie zu fallen, alles zu gestehen und Bayards Slipper in eine Flut reuevoller Tränen zu tauchen. Die Reue wäre allerdings gelogen, und er wusste nicht, ob er sie glaubhaft hinbekäme. Denn es tat ihm kein bisschen leid, dass er den Schweinehund umgebracht hatte.

Meistens vermied er es, daran zu denken – wie er ihn getötet hatte und dass es seinetwegen einen Menschen weniger gab. Dass er den Beweis dafür auf seinem Grundstück versteckt hatte, bedauerte er natürlich enorm, besonders jetzt. Doch wenn er sich, was gelegentlich vorkam, einmal nicht mit solchen Gedanken quälte, sondern betrachtete, was unterm Strich dabei herausgekommen war, dann schwelgte er im Triumph. Zwar empfand er Entsetzen und Ekel und eine lähmende Angst, geschnappt zu werden, aber auch Befriedigung. Er hatte es beendet. Er hatte ihm endgültig das niederträchtige Maul gestopft und dieses selbstgefällige Lächeln aus dem widerlichen Gesicht gewischt. Er hatte das Blut dieses Scheißkerls an den eigenen Händen gesehen.

»Wenn Sie sich keinen Staranwalt halten«, Bayard ließ vor und hinter seinem gemütlichen Lachen eine bedeutsame Sekunde verstreichen, »und Ihnen auch kein anderer einfällt, dann finden Sie im Telefonbuch eine ganze Seite hiesiger mit ausgezeichnetem Ruf, die garantiert an jede Kleinigkeit denken werden.«

»Ich sehe nicht, dass ich im Augenblick einen Anwalt bräuchte.«

Jason sagte das ohne Zittern, ohne Blinzeln oder Schlucken. Er scharrte nicht mit den Füßen und wich Bayards Blick nicht aus. Er bekam sogar ein ungezwungenes Lächeln hin. Er hätte stolz sein können auf diesen Auftritt. Doch es hatte sich etwas geändert. Vielleicht war die Umgebungstemperatur um einen Grad gefallen, oder eine Wolke hatte sich vor die Sonne geschoben. Jedenfalls hatte sich von einer Minute auf die andere eindeutig etwas geändert.

»Wenn Sie einen engagieren wollen, Mr. Getty, dann besser früher als später, würde ich sagen.«

Wer A sagt, muss auch B sagen. »Dazu besteht kein Grund, Detective Bayard. Ich habe nichts Unrechtes getan.«

4

Der Detective tat, als fiele ihm nicht auf, dass sich der fingerbreite Vorhangspalt jedes Mal schloss, wenn er sich dem Haus zuwandte. Doch Tim Bayard entging nichts. Das machte schon seine siebzehnjährige Tochter ganz verrückt. Der ruckende Vorhang und die unsichtbare Hand, die ihn bewegte, hätten ihn eigentlich nicht stören sollen. Gettys Benehmen war nicht allzu auffällig. Jeder, bei dem ein Skelett im Gartenbeet entdeckt wurde und die Kollegen von der Spurensicherung herumkrochen, würde sich von der Szenerie angezogen fühlen. Mehr steckte vermutlich nicht dahinter. Vermutlich.

Bayard zog den Gerichtsmediziner von Carter County aus dem Blickfeld des Fensters und der rastlosen Vorhänge. »Also, Lyle, was hast du?«

»Was meinst du?« Lyle Mosby war ein Mann unbestimmbaren Alters, insofern als dass er weiße Haare mit gelegentlichen dunklen Einsprengseln hatte, sein Gesicht jedoch so faltenlos war wie bei einem Erstsemesterstudenten. Sein gestärkter Kragen leuchtete aus dem farblich abgestimmten Sakko, und alles zusammen passte mehr zu einer Tour durch die Nachtclubs als zur Begutachtung eines Leichenfundorts. Bayard fragte sich manchmal, welche Ausflüchte Lyle für den Mann in der Reinigung erfand, wenn er seine verdreckten Sachen abgab.

»Ich meine: Was weißt du?« Bayard deutete mit einem Schulterblick zu dem Betrieb am Blumenbeet. »Was hältst du davon?«

»Das ist ein Scherz, oder?« Mosby sah mürrisch auf die Uhr. »Ich bin gerade mal seit vierundvierzig Minuten hier.«

»Ja, und einundvierzig davon hast du dir Notizen gemacht und die anderen drei den Arm gekratzt.«

Mosby sah Bayard groß an. »Was ist mit dir los? Hast du nichts Besseres zu tun, als herumzustehen und mich anzustarren? Ich habe einen Mückenstich. Der juckt. Schaff dir ein Hobby an, Tim.«

»Ich will nur wissen, was deine ersten Eindrücke sind. Was steht in deinen Notizen?« Bayard verdrehte den Hals, um das Geschriebene lesen zu können.

Mosby drückte sein Klemmbrett an die Brust. »Das ist ein Brief an meine Freundin.«

»Das sage ich deiner Frau.«

Mosby kicherte. »Ich weiß ja, wir haben nicht oft eine Leiche, aber versuch wenigstens, nicht zu sabbern. Das stört.« Detective Bayard wich um keinen Schritt zurück. »Tim, ich weiß noch gar nichts über ihn.«

»Du weißt also, dass es ein Mann ist.«

»Ja, ich nehme es an. Er hat eine sehr männliche Stirn.«

»Männliche Stirn?« Bayard kratzte sich am Hinterkopf und grinste. »Du klangst dabei gerade ein bisschen angetörnt, Sportsfreund. Das weißt du, oder?«

Mosby schob die Zunge in die Wange und nickte einvernehmlich. »Du hast mich erwischt. Es ist ein Brief an meinen Freund. Kann ich jetzt wieder an meine Arbeit gehen?«

Bayard hielt ihn am Ärmel fest, ehe der Gerichtsmediziner in den Sichtbereich des Fensters treten konnte. Der Gedanke, Getty könnte ihnen etwas von den Lippen ablesen, rumorte im misstrauischen Teil von Bayards Fantasie. »Wie lange liegt der Tote schon dort?«

»Herrgott noch mal!«, sagte Mosby. »Ich weiß es nicht! Wir haben nicht mal alle Knochen freigelegt.«

»Weniger als zwei Jahre?«

Mosby zog mit der Sicherheit des Fachmanns die Mundwinkel herab. »Nein, auf keinen Fall.«

»Bist du sicher?«

»Nein. Wie kann ich mir so früh schon sicher sein, wenn ich mit dir quatsche, anstatt zu tun, was ich tun sollte?«

Bayard schaute aufmerksam über den abgesperrten Bereich. »Ich denke nur laut, Lyle.«

»Hoffe, es bringt dir was. Mir nämlich nicht so viel.« Mosbys Augen folgten jedoch dem Blick des Polizisten, und dieser stille Moment der beiden Männer brummte nur so vor Entschlossenheit.

Mosby tauchte als Erster aus seinen Gedanken auf. »Aber wenn er unversehrt hineingelegt wurde, ist das Skelett zu rein. Wir haben noch tonnenweise Arbeit vor uns, und du weißt, wie lange die Analysen brauchen, aber ich würde sagen – bestimmt drei oder vier Jahre.«

Sie rechneten und zogen Schlüsse aus ihren Vermutungen. »Aber das kannst du noch in keinen Bericht schreiben«, fügte Mosby hinzu.

Bayard presste die Lippen zusammen und driftete ins Grübeln ab. »Hmhm.«

Mosby sah ihm amüsiert dabei zu. Er neigte sich zu ihm und raunte: »Wirst du wirklich dafür bezahlt?«

»Hm?«

»Haben die wirklich all die Jahre Bares springen lassen, damit du ein ernstes Gesicht machst und Denkgeräusche von dir gibst?«

»I

Wollen Sie wissen, wie es weiter geht?

Hier können Sie "Ins Gras beißen die andern" sofort kaufen und weiterlesen:

Amazon

Apple iBookstore

ebook.de

Thalia

Weltbild

Viel Spaß!



Kaufen






Teilen