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Inneren Frieden bewahren

Gesche Rabten

Inneren Frieden bewahren

Vorwort von Gonsar Tulku Rinpotsche

Aus dem Tibetischen von Helmut Gassner

Übearbeitet und herausgegeben von Schü­lern Gesche Rabtens unter der Leitung von Gonsar Tulku Rinpotsche

Das Umschlagmotiv stellt eines der glücksverheißenden Symbole dar, die von Mönchen des Ganden Schartse Klosters im süd­indischen Exil speziell für diese Taschenbuchreihe in Sand gestreut wurden. 

Die Technik des Streuens von Sandbildern gehört zu den traditionellen geistigen Künsten im tibetischen Buddhismus. Sie wurde von Buddha in den großen Tantras als besonders geeignet für das Herstellen von Mandalas empfohlen und ist bis heute in den großen Klöstern Tibets erhalten geblieben. 

Der Spiegel symbolisiert die klare und erkennende Natur des Geistes wie auch die letztliche Bestehensart aller Phänomene, die wie Reflektionen in einem Spiegel zwar erscheinen, denen aber jede wahre Natur fehlt, da sie in abhängiger Weise bestehen.

Vorwort des Herausgebers

Diese Erklärungen wurden im Jahre 1983 vom Ehrwürdigen Gesche Rabten an drei verschiedenen Orten gegeben. Das erste Seminar wurde im März am Letzehof in Österreich gehalten, das zweite im Juni in München-Otterloh in Deutschland und das dritte im August in Les Avants in der Schweiz. Gesche erklärte die Verse nicht in strikter Reihenfolge, sondern gab ihre essentielle Bedeutung aus seiner großen Erfahrung wider. 

Das vorliegende Buch basiert auf der mündlichen Übersetzung aus dem Tibetischen von Helmut Gass­ner. Es wurde von Schülern des Ehrwürdigen Gesche Rabten unter der Leitung vom Ehrwürdigen Gonsar Tulku Rinpotsche überarbeitet und herausgegeben, dem wir an dieser Stelle aus ganzem Herzen für seinen Weitblick und seine verständnisvolle, geduldige Hilfe danken möchten. Darüber hinaus gilt unser Dank auch all denen, die in vielfältiger Weise am Zustandekommen dieses Buches mitgeholfen haben. 

Der Herausgeber, Dezember 1998

Vorwort

Dieses Buch enthält wertvolle Ratschläge eines wirklichen geistigen Freundes. Der Ehrwürdige Gesche Rabten Rinpotsche war einer der herausragendsten Meister des tibetischen Buddhismus unserer Zeit. Aus den vielen Unterweisungen, die er seinen Schü­lern gab, geht es im vorliegenden Text um das Entwickeln von Geduld, die unentbehrlichste aller Eigenschaften für unseren Geist. Auf Sanskrit heißt sie Kschanti, was nichts anderes als Geduld bedeutet. Geduld ist die Fähigkeit, Unangenehmes und Leidvolles ungestört zu überdauern. Auf allen Ebenen des Dharma wird die Übung der Geduld hervorgehoben, weil Geduld eine der wichtigsten Quellen für Frieden und Harmonie unter den Wesen ist, und weil Ärger und Abneigung, das Gegenteil von Geduld, Frieden und Glück der Wesen zerstören. Geduld ist auch eine der sechs Hauptübungen der Bodhisattvas und wird als Kschanti-Paramita bezeichnet, was Vollkommenheit der Geduld bedeutet. 

Es gibt drei Arten von Ärger, und entsprechend gibt es auch drei Aspekte von Geduld, die in allen Wesen potentiell vorhanden sind. Mit den geeigneten Methoden können diese Potentiale entwickelt und zur Vervollkommnung gebracht werden, wie es im Kapitel über die Geduld des Textes Bodhisattva­tscharyavatara, einem klassischen Mahayana-Text des großen indischen Meisters Bodhisattva Schantideva (ca. 685 - 763 n. Ch.) beschrieben ist.

Der Kommentar zu diesem Kapitel, den mein verehrter Meister Gesche Rabten Rinpotsche hier gibt, entspringt direkt seiner persönlichen Erfahrung und einer langen Vertrautheit mit dem Entwickeln von Geduld. Gesches ganzes Leben ist ein Beispiel für die Vervollkommnung dieser Übung, wie auch seine Biographie zeigt. So werden die klaren und nachvollziehbaren Erklärungen des vorliegenden Buches sicher eine Quelle der Hoffnung, Inspiration und Ermutigung für alle sein, die entschlossen sind, ihrem Ärger und Hass ein Ende zu bereiten und damit den wirklichen Feind in sich zu besiegen. 


Gonsar Tulku Rinpotsche 

Rabten Choeling

Le Mont-Pèlerin, Schweiz

November 1998

Bodhisattva Schantideva

Wurzeltex

Schantideva

Bodhisattvatscharyavatara

Sechstes Kapitel - Geduld

  1. Was immer wir an heilsamen Handlungen, wie Verehrung der Buddhas und Großzügigkeit, in tausend Zeitaltern angehäuft haben - ein einziger Augenblick des Zornes wird es zerstören.


  2. Es gibt kein Übel, das dem Hasse gleicht, und keine Geistesstärke wie die Geduld. 

    So sollte ich auf viele Arten streben, über Geduld zu meditieren.


  3. Mein Geist wird keinen Frieden finden, wenn er leidvolle Gedanken des Hasses nährt. 

    Weder Freude noch Glück werde ich erfahren, die Unruhe wird mich um den Schlaf bringen.


  4. Ein Meister, der Hass in sich trägt, läuft Gefahr, selbst durch diejenigen sein Leben zu verlieren, deren Wohl und Glück von seiner Güte abhängen.


  5. Hass schüchtert Freunde und Verwandte ein. Bin ich auch freigiebig, sie werden mir nicht trauen. Kurz, da ist niemand, der mit Ärger glücklich lebt.


  6. So schafft der Urfeind Zorn solche Leiden und viele mehr. 

    Wer ihn aber unverdrossen be­kämpft, wird jetzt und in der Zukunft glücklich sein.


  7. Genährt durch geistige Unzufriedenheit, die aus den Gedanken entsteht, daß man das, was man nicht will, tut, und das, was man will, nicht tut, nimmt der Hass zu und vernichtet mich. 


  8. Daher muß ich diesem Feind vollständig jede Nahrung entziehen, denn dieser Feind hat keine andere Aufgabe als die, mir zu schaden. 


  9. Was mir auch zustoßen mag, nichts soll den Frohsinn meines Geistes stören, denn bin ich unglücklich, werde ich nichts Gutes vollbringen, und meine Verdienste werden abnehmen.


  10. Warum über etwas unglücklich sein, dem abgeholfen werden kann? 

    Und was nützt es, über etwas unglücklich zu sein, dem nicht abgeholfen werden kann?


  11. Für mich und meine Freunde wünsche ich kein Leid, keine Geringschätzung, keine harten Worte und gar nichts Unangenehmes. 

    Aber wenn es um meinen Feind geht, wünsche ich das Gegenteil.


  12. Die Ursachen für Glück kommen manchmal zustande, die Ursachen für Leid hingegen sind sehr zahlreich. Ohne Leiden gibt es keine Entsagung. Daher, Geist, sei fest.


  13. Wenn die Anhänger der Göttin Durga und das Volk von Karnapa für nichts den Schmerz von Schnitt- und Brandwunden ertragen, warum dann, um der Befreiung willen, habe ich keinen Mut?


  14. Es gibt überhaupt nichts, das nicht durch Gewöhnung leichter würde. 

    Wenn ich mich also an kleine Leiden gewöhne, lerne ich, größeres Leid geduldig hinzunehmen.


  15. Wer hat das nicht schon erlebt bei kleineren Leiden wie Schlangenbissen, Insektenstichen, Gefühlen von Hunger und Durst und solch geringfügigen Problemen wie Ausschlag?


  16. Bin ich ungeduldig im Ertragen von Hitze und Kälte, Wind und Regen, Krankheit, Knechtschaft und Schlägen, werde ich nur noch mehr darunter leiden.


  17. Einige werden besonders tapfer und standhaft, wenn sie ihr eigenes Blut sehen; einige jedoch werden schwach und fallen in Ohnmacht, wenn sie das Blut anderer sehen. 


  18. Das rührt daher, daß ihr Geist entweder fest oder zaghaft ist. Daher beachte ich mir zugefügtes Übel nicht - Leid kann mir nichts anhaben.


  19. Auch im Leiden bleibt der Geist der Weisen leuchtend klar und makellos, denn wenn der Kampf gegen die Verblendungen aufgenommen wird, erfährt man viel Schlimmes in Zeiten der Schlacht.


  20. Die siegreichen Krieger sind jene, welche, die Leiden nicht beachtend, die Feinde Hass und Zorn überwinden. 

    Gewöhnliche Krieger erschlagen nur Leichname.


  21. Darüber hinaus hat das Leid gute Eigenschaften: Es macht uns verzagt, und der Hochmut vergeht. 

    Wir entwickeln Mitgefühl für die Wesen im Daseinskreislauf.

    Wir vermeiden das Böse und freuen uns an heilsamem Tun.


  22. Da große Leiden wie Gelbsucht mich nicht zornig werden lassen, warum sollte ich den Lebewesen zürnen, die auch in Abhängigkeit der Umstände handeln?


  23. Obwohl sie nicht gewünscht sind, entstehen diese Krankheiten, und obwohl sie nicht gewollt sind, entstehen diese störenden Verblendungen mit Macht. 


  24. Wir denken nicht: »Ich werde zornig«, und doch widerstehen wir nicht dem Zorn. 

    Der Zorn denkt nicht: »Ich werde entstehen«, und doch entsteht er wie von selbst.


  25. Alle Fehler, die begangen werden, und all die verschiedenen Arten des Übels entstehen durch die Macht der Umstände. Sie bestimmen sich nicht selbst.


  26. Diese Ansammlung von Umständen will nichts absichtlich hervorbringen, noch wünscht ihr Resultat hervorgebracht zu werden.


  27. Das, was als Ursubstanz geltend gemacht wird, und das, was als Atman bezeichnet wird, ist beides nicht mit der Absicht entstanden: »Ich werde entstehen.«


  28. Wenn sie nicht erschaffen und nicht-existent sind, was wird dann als »entstanden« angenommen? Da es seine Objekte ständig erfassen würde, könnte es auch nicht aufhören, zu existieren.


  29. Gäbe es nämlich ein permanentes Selbst, so würde es zweifellos von jeglicher Handlung frei sein, so wie der Raum. Selbst wenn es mit anderen Umständen zusammenträfe, was könnte auf seine unveränderliche Natur einwirken?


  30. Trotz fremder Einwirkungen würde es unverändert bleiben. Was also könnten Handlungen ihm anhaben? 


    Würde ich sagen, daß Umstände auf ein permanentes Selbst wirken, wie könnten sie in einer ursächlichen Beziehung zueinander stehen?


  31. So wird alles von vielen Faktoren gelenkt, die ihrerseits von anderen Faktoren beeinflußt werden, und nichts bestimmt sich selbst. Habe ich dies verstanden, sollte ich nicht auf Phänomene zornig werden, die bloße Erscheinungen sind.


  32. So gibt es nichts, das zurückhält, und nichts, das zurückgehalten wird.

    Wollte man aber sagen, daß Zurückhaltung unangebracht ist, wäre das falsch, da man akzeptiert, daß durch die Beseitigung (von Hass und Ärger) der Strom des Leidens aufhört. 


  33. Wenn Menschen, die mir etwas bedeuten, unheilsam handeln, weil ihnen von anderen Schaden zugefügt wurde, sollte ich bedenken, daß solche Dinge aufgrund negativer Umstände geschehen, und friedlichen Geistes bleiben. 


  34. Wenn die Dinge nach freier Wahl entstehen würden, würde keinem Lebewesen je ein Leid zustoßen, denn niemand leidet gern.


  35. Aus Unbedachtheit verletzt man sich sogar mit Dornen und anderem, und aus Lüsternheit nach Frauen und so weiter handelt man wie ein Besessener und entzieht sich die Nahrung.


  36. Es gibt Menschen, die sich selbst Schaden zufügen durch solch unheilsame Handlungen, wie sich aufzuhängen, von Klippen zu stürzen, Gift und ungesunde Nahrung zu sich zu nehmen.


  37. Wenn Menschen unter dem Einfluß von störenden Verblendungen sogar ihren (eigenen) kostbaren Körper vernichten, wie kann man von ihnen erwarten, daß sie den Körper anderer Lebewesen schonen?


  38. Wenn ich auch kein Mitgefühl für Menschen empfinden kann, die unter dem Einfluß von Verblendungen vielleicht versuchen wollen, mich zu töten, so wäre es doch das Letzte, über sie in Zorn zu geraten.


  39. Selbst wenn es die Natur kindischer Menschen wäre, anderen Wesen Schaden zuzufügen, so wäre es ebenso falsch, Zorn gegen sie zu hegen, wie dem Feuer vorzuwerfen, daß es brennt.


  40. Fehler sind von vergänglicher Natur, und die Wesen sind von Natur aus gut. 

    Deshalb ist es nicht recht, ihnen zu zürnen. Man nimmt es ja auch dem Raum nicht übel, wenn er Rauch in sich entstehen läßt.


  41. Wenn ich auf einen Menschen zornig werde, der mich schlägt, obgleich es doch der Stock ist, der mich verletzt, und der Mensch nur von dem Hass, der ihn treibt, beeinflußt ist, sollte ich wirklich nur seinem Hass zürnen.


  42. Früher einmal muß ich fühlenden Wesen ähnliches Leid bereitet haben. 

    Daher ist es recht, wenn dieses Leid auf mich zurückkommt, da ich die Ursache für deren Verletzungen bin.


  43. Beides, seine Waffe und mein Körper, sind die Ursachen meines Leidens, da er die Waffe ergriffen hat und ich meinen Körper. 

    Wem sollte ich also zürnen?


  44. Wenn ich mich in blinder Anhaftung an dieses leidende Geschwür einer menschlichen Form klammere, das nicht ertragen kann, berührt zu werden - wem sollte ich zürnen, wenn es verletzt wird?


  45. Die Unmündigen haben sich ihre Verletzungen selbst zuzuschreiben, denn obgleich sie nicht zu leiden wünschen, sind sie den Ursachen des Leidens eng verhaftet. 

    Warum sollten sie also über andere zornig sein?


  46. Wie die Höllenwelten mit ihren Hütern und der Schwertblätterwald, so wurde auch dieses Leiden durch meine Taten hervorgerufen. 

    Wem also sollte ich zürnen?


  47. Durch meine eigenen Taten veranlaßt, begegnen mir jene, die mir Leid verursachen. 

    Wenn sie durch solches Tun in die Hölle kommen, bin dann nicht ich es, der sie vernichtet?


  48. Mit ihrer Hilfe reinige ich mich von vielen Übeln, weil ich das Leid, das sie mir verursachen, geduldig hinnehme; jedoch mit meiner Hilfe fallen sie für sehr lange Zeit in höllische Qualen.


  49. Da ich ihnen also Leid verursache und sie mir Wohltaten erweisen, warum, widerspenstiger Geist, begehst du den großen Fehler, ihnen zu zürnen?


  50. Wenn mein Geist die edle Tugend (der Geduld) ausgebildet hat, werde ich nicht in die Hölle kommen; während ich mich (dadurch) davor bewahre, wie können auch sie bewahrt werden?


  51. Und wenn ich ihnen das Unrecht heimzahle, wird ihnen das auch nichts nützen. 

    Durch solches Tun degeneriert mein Verhalten, und meine Anstrengungen werden zerstört. 


  52. Da mein Geist nichts Physisches ist, kann auch niemand ihn vernichten, aber da er mit meinem Körper eng verhaftet ist, wird ihm durch (physisches) Leid geschadet.


  53. Da Geringschätzung, rohe Sprache und unfreundliche Worte meinem Körper keinerlei Schaden zufügen, warum, Geist, wirst du so zornig?


  54. »Weil andere mich nicht mögen.« Aber da mir das weder in diesem noch in einem anderen Leben schaden wird, warum ist mir dies unangenehm?


  55. »Weil mir dann vielleicht weltliche Güter vorenthalten werden.« 

    Selbst wenn ich dies nicht wünsche, werde ich meine weltlichen Güter zurücklassen müssen, und allein meine Übeltaten werden übrigbleiben.


  56. So ist es besser, daß ich heute sterbe, als ein langes Leben voll unheilsamer Taten zu verbringen, denn selbst wenn Leute wie ich lange leben - das Leid des Todes wird es immer geben.


  57. Nehmen wir an, jemand erwacht aus einem Traum, in dem er hundert Jahre Glückseligkeit erfuhr, und nehmen wir an, ein anderer erwacht aus einem Traum, in dem er nur einen einzigen Moment des Glücks erlebte.


  58. Für beide, die aufgewacht sind, wird dieses Glück niemals zurückkehren. 

    Genau so gilt: Ob ich ein langes oder kurzes Leben hatte, zur Todeszeit ist es ausgelöscht.


  59. Wenn ich auch lange Zeit glücklich gelebt habe und mir großer materieller Wohlstand beschieden war, werde ich mit leeren Händen und mittellos hinübergehen, als hätte ein Dieb mich beraubt.


  60. »Sicher wird materieller Wohlstand mir ermöglichen, zu leben, und dann werde ich Unheilsames zerstören und Heilsames tun.« 

    Wenn ich aber wegen dieser Güter in Zorn gerate, wird dann nicht mein Verdienst zerstört und Unheilsames vermehrt?


  61. Was für einen Nutzen hat das Leben eines Menschen, der unheilsame Handlungen begeht, wenn er es, um materieller Vorteile willen, degenerieren läßt?


  62. »Sicher sollte ich denen zürnen, die unfreundliche Dinge sagen und damit anderer ...

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