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Inmitten von Sternen und Dunkelheit

1. KAPITEL

»Müssen wir dieses Spiel wirklich spielen?«, fragte Delaney halbherzig. Sie kannte bereits die Antwort.

»Komm schon«, drängte Mariana. »Ich bin nervös.«

»Du bist doch nie nervös.« Sie beide waren jetzt seit vier Jahren befreundet, sie musste es also wissen. »Außerdem bin ich so schlecht darin. Du gewinnst andauernd. Deshalb stehe ich ja auch hier an und warte darauf, in einen Laden zu kommen, der mich überhaupt nicht interessiert.«

»Sei nicht so langweilig, D.« Mariana stieß sie spielerisch gegen die Schulter. »Mit mir Zeit zu verbringen macht doch immer Spaß. Und jetzt«, ihre dunklen, schokoladenbraunen Augen richteten sich auf einen Mann, der fünf Schritte von ihnen entfernt stand. »Wir oder die?«

Delaney starrte betont lange den Hinterkopf des Mannes an, bevor sie mit den Schultern zuckte. »Wir?«

Ignorierend, dass Delaney eindeutig nicht mit dem Herzen bei der Sache war, überlegte Mariana einen Moment, ehe sie widersprach: »Hundertprozentig die.«

»Woran siehst du das eigentlich?« Die Chancen waren gut, dass ihre Freundin recht hatte.

»Daran, wie er die Schultern hält.«

»Tust du nicht.« Oder wenn doch, konnte Delaney es nicht erkennen.

Das Dröhnen der Musik aus dem Inneren des großen Lagerhauses umtoste sie, die Schallwellen vibrierten durch ihre Füße aufwärts. Wie der Name versprach, war der Star Light Club ein glitzerndes Leuchtfeuer am Rande von Portland, Maine. Das Gebäude selbst war aus ausgeblichenen Backsteinen erbaut und hatte früher irgendeine Fabrik beherbergt. Aber das war viele Jahre her, und seitdem hatte man es renoviert und vor ungefähr einem halben Jahrzehnt zu einem der angesagtesten Tanzclubs im Bundesstaat gemacht.

»Erzähl mir noch einmal, mit wem du dich hier zu treffen hoffst«, sagte Delaney, während die Schlange sich ein Stück weiter nach vorn bewegte.

Da es Freitagabend war, überraschte es nicht, dass der Club aus allen Nähten platzte. Die Menschenschlange beschrieb eine lange Kurve von der zweiflügligen Metalltür bis dorthin, wo auf der rechten Seite der Parkbereich anfing. Da Mariana und sie schon früher am Tag die fünfundvierzig Minuten aus ihrer Heimatstadt Cymbeline nach Portland gefahren waren, hatten sie sich einen ausgezeichneten Parkplatz vor einem Gebäude auf der gegenüberliegenden Straßenseite gesichert. Wenigstens vereinfachte das die Rückfahrt. Schade nur, dass sie sich so lange beim Essen aufgehalten hatten, dass sie es nicht rechtzeitig bis zum Öffnen des Clubs geschafft hatten.

»Ich hoffe überhaupt nichts«, antwortete Mariana, ihr breites Grinsen verriet jedoch das Gegenteil.

»Klar.« Delaney verdrehte scherzhaft die Augen. »Deshalb bist du auch ›nervös‹. Wie hieß dieser hier noch mal? Fängt mit O an? Owen? Otto?«

»Ottus«, berichtigte Mariana sie, wobei ihr ein Anflug von Ärger über die tiefrot geschminkten Lippen kam. »Das hast du genau gewusst. Sein Name ist Ottus. Und du sollst mir moralischen Beistand leisten. Wir treffen uns zum ersten Mal im richtigen Leben, und ich will, dass es perfekt ist.«

»Oh-tus«, betonte Delaney übertrieben und verzog das Gesicht. Sie erinnerte sich daran, wie der Name in der Woche zuvor auf Marianas Handy aufgeleuchtet hatte. Er wurde anders geschrieben als auf die ihr bekannte Weise.

Das war auch kein Wunder, denn Ottus war ein Alien.

Es war erst drei Jahre her, seit die Außerirdischen sich zu erkennen gegeben hatten. Wie es schien, besuchten sie die Erde schon seit Jahrtausenden, und niemand wusste genau, warum sie ausgerechnet jetzt den Entschluss gefasst hatten, sich nicht mehr zu verstecken, aber so war es eben. Nach der Offenbarung ihrer Existenz gab es Diskussionen um einen Zusammenschluss, wogegen die Menschen natürlich protestierten. Die Menschheit versuchte sich zu wehren, doch ihre Waffen waren Spielzeug im Vergleich zur Technologie vom Xenith.

»Er ist Vakar«, sagte ihre Mitbewohnerin, deren glänzende braune Augen vor Aufregung leuchteten. »Er hat mir erzählt, früher war er Soldat.«

Mariana war besessen von den Aliens, die sie als »Die« bezeichnete. Als wären sie Rockstars, von denen sie nicht genug bekommen konnte. Das war die eine Sache, auf die Delaney sich freute, nun, wo sie die Highschool abgeschlossen hatten und in eine Wohnung gezogen waren: getrennte Zimmer.

Sie liebte Mariana, allerdings teilte sie deren Interesse am Außerweltlichen nicht. Dennoch fand sie es schön, dass ihre Freundin aufgeregt war, weil sie sich mit jemandem treffen wollte, auch wenn es sich dabei um einen ehemaligen Alien-Soldaten handelte.

»Und jetzt ist er Barkeeper«, erklärte Delaney, sichergehend, dass man die Schwärmerei in ihrer Stimme deutlich hörte. »Wirklich beeindruckend.«

»Sei bloß still.« Sie bewegten sich weniger als eine Fußlänge näher auf die Tür zu. »Wenn du ihm einfach eine Chance geben würdest, würdest du ihn mögen, versprochen. Doch nicht zu sehr. Ich will nicht teilen.«

»Ich habe nichts gegen Aliens«, sagte Delaney zum gefühlt millionsten Mal. »Ich bin nur nicht dermaßen von ihnen fasziniert wie du. Ich mache lieber mit meinem Leben weiter wie vorher und tue so, als hätte die Invasion nie stattgefunden.«

Mariana verteidigte sie sofort: »Sie sind nicht einmarschiert.«

Weil sie das Gespräch satthatte, suchte Delaney krampfhaft nach irgendeinem anderen Thema. Egal, was. Hinter ihnen stand ein sich kabbelndes Pärchen, und einen Augenblick lang war deren Streit, ob es sich lohne, weiter auf Einlass zu warten oder nicht, unterhaltsam genug, um ihre Aufmerksamkeit zu beanspruchen.

Wenn es in dem Tempo weiterginge, kämen sie nie in den Club, und Mariana würde ihren Barkeeper nie kennenlernen.

»Moralische Unterstützung, hm?«

»Genau«, stimmte Mariana zu.

»In Ordnung.« Delaney trat einen Schritt seitwärts aus der Schlange. »Das dauert ja ewig.« Sie ignorierte die sechs Menschen, die noch vor ihnen standen, und schaute dem Türsteher fest in die Augen. Sie hatte ihn in den letzten zehn Minuten genauer beobachtet, und ihr waren sein gelangweilter Gesichtsausdruck und seine hängenden Schultern aufgefallen. Sollte sie raten, lag die langsame Bewegung der Schlange größtenteils an ihm und an seinem Mangel an Enthusiasmus.

Sicher, dass ihr seine volle Aufmerksamkeit gehörte, schritt sie auf ihn zu, grinste ihn strahlend an und zog einen Zwanziger aus der Tasche. Den Körper so gedreht, dass der Rest der Schlange es nicht sehen konnte, streckte sie ihm den Geldschein entgegen und zeigte auf Mariana, die immer noch an ihrem Platz wartete.

»Meine Freundin kommt zu spät zu einem Date«, erklärte sie ihm. »Können Sie einem armen Mädchen helfen?«

Er war ungefähr dreimal so groß wie sie und schien nicht zu den nettesten Menschen zu gehören, also behielt sie ihr Lächeln bei. Er sah noch einmal zwischen ihnen hin und her, ehe er Mariana mit einem Finger heranwinkte.

Ihr den Zwanziger aus der Hand nehmend, fragte er zerstreut nach ihrem Ausweis und schaute ihn kaum richtig an, als Delaney ihn hochhielt. Darüber war sie ein wenig enttäuscht – die Fälschung hatte sie eine schöne Stange Geld gekostet, und sie zu benutzen, war der einzige Teil an diesem Club-Besuch gewesen, auf den sie sich wirklich gefreut hatte.

Und dann waren sie auch schon eingetreten, Mariana legte ihr einen Arm um die Schultern und sie lachten.

Sie kämpften sich bis in die Mitte der Menschenmenge vor, genossen das schnelle Aufblitzen der Neonlichter und die Hitze, die von den anderen Club-Besuchern ausging. Es roch nach Schweiß und Bier, und Delaneys Ohren brannten bereits vom schweren Beat aus den riesigen Lautsprechern, die um den rechteckigen Raum herum verteilt standen.

Der Dancefloor war ein fünfzig mal fünfzig Meter großes quadratisches Podest in der Mitte des Clubs. Eine einzelne Stufe führte davon hinab in den Rest der Halle, die rechte Wand wurde von der Bar beansprucht, und links und an der Vorderseite befanden sich Tische und Sitznischen. Ganz hinten erhob sich ein DJ-Podium über der Tanzfläche. Ein Mann mit einem kreischend pinkfarbenen Irokesenschnitt legte auf, seine Haare und seine Zähne strahlten hell.

Das Schwarzlicht verlieh der Umgebung ein geheimnisvolles Glühen und verwandelte alltägliche Objekte – wie Delaneys Turnschuhe – in etwas Auffälliges. Die hohe Decke war vollständig übersät mit winzigen leuchtenden Sternen in allen Größen.

Trotz ihrer Zweifel gefiel es Delaney, dass sie hier untertauchen konnte, mit der Menge verschmolz und einfach ein weiteres Zahnrad im Universum wurde. Es war auf merkwürdige Weise befreiend, auf eine Art, die sie nicht genau in Worte fassen konnte. In einer Kleinstadt sprachen die Dinge sich schnell herum, und die Stadt an der Küste von Maine, in der ihre Eltern noch immer lebten, war extrem klein. Nicht zum ersten Mal war sie dankbar dafür, dass die beiden einverstanden gewesen waren, sie auf ein Internat zu schicken.

Die letzten vier Jahre hatte sie an der Cymbeline Academy verbracht, gute zwei Stunden entfernt von dort, wo ihre Eltern wohnten. Gerade weit genug weg, damit sie sich unabhängig fühlte.

Mariana beugte sich zu ihr und brüllte ihr ins Ohr: »Ich hole mir einen Drink!«

Sie hatten schon beim Betreten entdeckt, dass Ottus an der Bar arbeitete, aber Mariana hatte darauf bestanden, erst etwas zu tanzen, zweifellos, um Mut zu sammeln.

»Bist du sicher?«, fragte Delaney. »Soll ich mitkommen?«

Mariana schüttelte den Kopf. »Ich will nicht, dass unser erstes Treffen ein fünftes Rad am Wagen hat, sei nicht böse.«

Delaney hob die Hände und tanzte weiter. Sie wirbelte herum, als ihre Freundin im Getümmel verschwunden war, schwang die Hüften und bewegte die Arme im Takt zum trägen Rhythmus. Sowie der Song wechselte, lockerte auch sie sich und passte sich mit Leichtigkeit an.

Die Menge schloss sich dichter um sie, und sie lachte, als ein Junge ungefähr in ihrem Alter einen unglaublich schlechten Robot hinlegte, um ihre Aufmerksamkeit zu erlangen. Er passte sich ihren Schritten an, und gemeinsam bewegten sie sich zur Musik, nah, jedoch weit genug voneinander entfernt, dass es noch angemessen war. Weitere drei Leute drehten sich zu ihnen um und schlossen sich an, zwei von ihnen Mädchen.

Sie wusste nicht, wie viele Songs bereits gespielt waren, aber als ihr klar wurde, dass Mariana schon eine ganze Weile verschwunden war, winkte sie ihren neuen Freunden zu und machte sich auf, um Mariana zu suchen.

Eine Weile war es ihr gelungen, sich von der Musik ablenken zu lassen, doch es war genug Zeit verstrichen, dass sie langsam müde wurde. Mariana war von ihnen beiden die Partyqueen, sie ging nur ab und zu mit.

Nachdem sie die Tanzfläche verlassen hatte, sah Delaney sich an der Bar um, die eine ganze Wand entlangführte, und entdeckte Mariana in ihrem roten Outfit schnell.

Und natürlich lehnte sie an der weißen Theke und lachte über etwas, das Ottus gesagt hatte.

Er war auf den ersten Blick bloß groß und muskulös, seine Haare eine Mischung aus Blond und Brünett, je nachdem, wie er den Kopf drehte. Er trug sie kurz geschoren, sodass es nicht viel davon zu sehen gab, was es noch schwieriger machte, die Farbe genau zu bestimmen.

Die zwei hatten sich über eine der diversen Dating-Apps kennengelernt, die Mariana benutzte. Die Apps halfen dabei, Menschen und Aliens zusammenzubringen. Es war also keine große Überraschung, dass ihre beste Freundin sich dort angemeldet hatte.

Kopfschüttelnd beschloss Delaney, zu den beiden zu gehen, um Mariana mitzuteilen, dass sie nach Hause wollte. Überall standen viele Leute, sodass sie sich vorsichtig durch das Gedränge bewegen musste. Sie hatte erst ein paar Schritte gemacht, da prallte bereits jemand von der Seite gegen sie.

Weil sie aus dem Gleichgewicht kam, streckte sie instinktiv eine Hand aus, um nach dem Arm der anderen Person zu greifen. Als sie sich wieder gefangen hatte, schaute sie hoch und bemerkte, dass sie eins der schönsten Mädchen anstarrte, das sie je gesehen hatte.

Sie waren ungefähr gleich groß, mit gleich schmalen Schultern und langen Beinen. Sogar das Haar des anderen Mädchens war fast auf die gleiche Länge geschnitten wie ihres, bis kurz unters Kinn. Doch da endeten die Ähnlichkeiten auch schon. Wo Delaneys Haar leuchtend rot war, war das des anderen Mädchens tintenschwarz und glatt wie Seide.

»Alles in Ordnung?«, fragte Delaney, wich ein Stück zurück und richtete sich gerade auf.

Das Mädchen starrte sie eine halbe Sekunde lang merkwürdig an, ehe ihr verloren und abgelenkt wirkender Gesichtsausdruck sich änderte und sie plötzlich breit lächelte. Es sah fast ein bisschen gruselig aus, so breit war dieses Grinsen, und Delaney wurde sofort misstrauisch.

»Alles perfekt«, sagte das Mädchen mit hoher Stimme. Es streckte eine Hand aus, legte sie auf ihre linke Schulter und drückte leicht zu. »Ich hoffe, du hast noch einen fantastischen Abend.«

»Ähm«, Delaney drehte sich um, weil das Mädchen weiterlief. »Ja, du auch.«

Die Fremde wurde von der Menge verschluckt. Sie hatte sich nicht mal dafür entschuldigt, dass sie sie angerempelt hatte. Auf einmal fühlte Delaney sich vollkommen leer. Die Musik war zu laut, und die Luft war mit all diesen Menschen zu stickig. Sie beschloss, eindeutig ihre Pflicht als beste Freundin erfüllt zu haben, und drehte sich zur Bar um, wo sie Mariana noch vor wenigen Minuten gesehen hatte.

Nur dass Mariana nicht mehr an der Bar stand. Und Ottus war auch weg.

Stirnrunzelnd zog Delaney ihr Handy aus der Gesäßtasche ihrer Hose. Sie hatte keine neuen Nachrichten, also gab sie Marianas Nummer ein und hielt sich das Telefon ans Ohr. Die Musik, die aus allen Richtungen schallte, machte es schwer, etwas zu hören, aber sie rief eigentlich nur an, damit das Handy ihrer Freundin lange genug klingelte, damit sie es bemerkte.

Während es an ihrem Ohr weiterklingelte, ging Delaney auf den Ausgang zu, damit sie endlich den Massen entkam. Draußen war die Luft frisch, und sie nahm einen tiefen, kühlen Atemzug. Es war fast ein Uhr morgens, und die Schlange, in der sie vorhin gewartet hatten, hatte sich aufgelöst. Es waren nicht viele Leute da, nur ein oder zwei Raucher, die neben der Tür an der Mauer lehnten.

Sie wandte sich von ihnen ab und lief in Richtung ihres Autos.

Marianas Mailbox meldete sich, und Delaney entschied sich, es noch einmal zu versuchen. Danach würde sie sich mit einer Textnachricht begnügen und im Wagen warten. Sie waren zusammen hergefahren, also wollte sie nicht einfach verschwinden, ohne zu wissen, wo ihre Freundin war und ob sie mitgenommen werden wollte oder nicht.

Wie sie Mariana kannte, war die Antwort Letzteres.

Gerade als Marianas Mailbox sich wieder meldete, klingelte Delaneys Telefon. Sie blieb am Eingang zur Gasse zwischen dem Club und dem ebenso riesigen Backstein-Monstrum daneben stehen. Ihr Wagen parkte auf der anderen Straßenseite direkt unter einer Laterne, sodass sie ihn gut sah. Er war leer.

Sie richtete ihre Aufmerksamkeit auf den Handy-Bildschirm und seufzte, als sie sah, dass die Textnachricht von Mariana war. Ihre Freundin ließ sie wissen, dass sie mit Ottus gefahren war und die Nacht bei ihm verbringen würde.

Mariana hatte die Nachricht mit einem Kuss-Emoji und einem zwinkernden Smiley beendet, über die Delaney gleichzeitig die Augen verdrehen und lachen musste.

Erleichtert darüber, ohne sich Sorgen machen zu müssen nach Hause verschwinden zu können, schaute sie sich nach beiden Straßenseiten um, ob ein Auto angefahren kam.

Ehe sie wusste, wie ihr geschah, presste sich eine schwere Hand von hinten auf ihren Mund, und Delaney wurde gegen die harte Brust von jemandem gerissen. Sie ließ ihr Handy fallen und beobachtete schockstarr, wie es auf dem Zementboden aufprallte.

Es landete auf der Rückseite, sodass das Foto von Mariana, die sie lächelnd umarmte, das Letzte war, was sie wahrnahm, ehe man sie in die dunkle Gasse zerrte.

2. KAPITEL

Delaney konnte den Blick nicht von ihrem Handy losreißen, als man sie in die dunkle Schlucht zwischen dem Club und dem Restaurant rechts davon zerrte. Der Himmel war schwarz über ihr, und sobald sie in den Schatten standen, registrierte ihr Verstand endlich, was vor sich ging.

Sie wehrte sich stärker und riss den Kopf vor und zurück, um die Hand auf ihrem Mund abzuschütteln. Der Arm um ihre Taille legte sich daraufhin noch enger um sie, bis es fast schmerzte, und sie wurde fest an ihren Entführer gepresst.

»Hört auf, Lissa«, murmelte er, eine tiefe Männerstimme direkt über ihr. »Wir müssen weg.«

Sie versuchte ihm zu sagen, dass er das falsche Mädchen hatte, doch es gelang ihr nicht mal, ein ersticktes Wort an seiner Hand auf ihrem Mund vorbeizupressen. Frustration stieg in ihr auf, und sie atmete bebend ein, um einen klareren Kopf zu bekommen, ehe sie reagierte. Den Fuß auf seinen hinunterrammend, ließ sie sich auf die Knie fallen, sowie er kurz den Griff lockerte. Sie wartete nicht ab, bis er sich wieder gefasst hatte.

Sobald sie sich umgedreht hatte und auf dem kalten Boden saß, trat sie zu und traf ihn fest in den Magen. Es fühlte sich an, als hätte sie eine steinerne Wand getroffen. Aufspringend hechtete sie in Richtung des Gassenausgangs.

Ein Knurren erklang hinter ihr, und kurz bevor sie es ins Licht geschafft hatte, wurde sie erneut gepackt. Dieses Mal hob er sie hoch, ein schmerzerfülltes Grunzen ausstoßend, weil sie ihm mehrmals gegen die Schienbeine trat. Er lockerte seinen Griff jedoch nicht noch mal, sondern verlagerte ihr Gewicht stattdessen an seine Seite.

Er trug sie, als würde sie nichts wiegen, bis ans Ende der Gasse und weiter vom Club und jedem Anschein von Sicherheit fort. Seine Schultern schienen das Gebäude hinter ihm zu verstellen, und sie musste den Kopf ganz in den Nacken legen, um ihm in die Augen zu schauen. Er war wirklich nicht massig zu nennen, doch er war fit und, gemessen an dem Tritt, den sie ihm eben verpasst hatte, standhaft wie ein verdammter Baum.

Was bedeutete, dass die paar jämmerlichen Selbstverteidigungskurse, zu denen sie sich von Mariana hatte schleppen lassen, ihr hier nicht helfen würden.

»Ich schreie«, drohte sie, nicht sicher, wieso sie es ihm erzählte, statt es einfach zu tun.

»Dann bringe ich Euch zum Schweigen.«

Er ließ sie plötzlich los und knallte sie mit dem Rücken an die eisige Steinmauer. Mit seinem ganzen Körper hielt er sie an Ort und Stelle fest. Ihr Kopf reichte ihm nicht mal bis ans Kinn, sodass sie den oberen Teil seiner Brust anstarrte. Als sie mit einer Hand gegen ihn drückte, rührte er sich nicht, und es war nicht genug Platz, um noch einmal nach ihm zu treten.

Sie wartete ab, und da nichts geschah, riskierte sie es, zu ihm hochzusehen.

»Was ist los mit Euch?«, fragte er sie, plötzlich das Schweigen brechend.

Er hatte die Augenbrauen gehoben und starrte sie an, wie er es mit einem ungezogenen Tier machen würde.

»Mit mir?« Delaney war fassungslos. »Ich bin nicht derjenige, der hier jemanden entführt, Freundchen.«

»Ich habe doch gesagt, es ist Zeit zu gehen. Ihr seid diejenige, die Schwierigkeiten macht.«

»Ich bin diejenige …« Sie hielt inne, schluckte ihre Angst herunter und hob eine Hand zwischen ihnen. »Okay, noch mal von vorne. Erstens, jemanden gegen seinen Willen in eine Gasse zu schleifen, gilt als Entführung. Zweitens, Sie haben außerdem die Falsche entführt

»Wir haben für so etwas keine Zeit.«

Ernsthaft? Was kapierte der Typ nicht?

»Ich bin nicht Lissa«, erwiderte sie schlicht und wartete darauf, dass sie in seiner Miene so etwas wie Erkenntnis lesen konnte.

Was nicht geschah.

Wenn überhaupt, kam er ihr noch aufgebrachter vor als vorher. Statt sich von ihr zu lösen oder sich zu entschuldigen, biss er die Zähne zusammen und schloss den geringen Abstand zu ihr. Ihre Hand steckte jetzt zwischen ihrem und seinem Körper fest, und sie wand sich, um sich zu befreien, bis sein tiefes Knurren sie zum gefühlt millionsten Mal in dieser Nacht erstarren ließ.

»Das ist nicht gerade attraktiv«, höhnte er von oben herab. »Ich habe Euch gesagt, was passiert, wenn Ihr mich noch einmal auf die Probe stellt, Olena.«

Sie blinzelte ihn an. Was? Hieß das Mädchen, das er suchte, nun Lissa … oder Olena? Die Erleuchtung, dass er wahnsinnig sein musste, verschaffte ihr einen Hauch von Erleichterung. Er hatte Wahnvorstellungen, sicher, aber sie musste ihn nur ein wenig hinhalten, dann würde irgendwann jemand kommen und sie sehen, oder?

Hatten Wahnsinnige überhaupt irgendwelche Pläne? Sie nahm an – hoffte eher – dass nicht. Außerdem befanden sie sich in einer Sackgasse. Um von dort aus irgendwo hinzukommen, musste er sie wieder zurück auf die andere Seite führen. Es war sehr früh am Morgen, doch sie brauchte auch nur einen einzigen Menschen, damit sie nach Hilfe rufen konnte. Dann wären es nur noch ein paar Schritte zu ihrem Wagen, und ihr könnte nichts mehr passieren.

Einen Plan zu haben, selbst einen so wackeligen, half dabei, ihre Nerven zu beruhigen, bis sie klarer dachte. Sie war sich nicht sicher, ob man vernünftig mit jemandem reden konnte, der unter Wahnvorstellungen litt, aber was schadete es, es wenigstens zu versuchen? Es ließ sich immerhin als Hinhaltetaktik bezeichnen.

»Was auch immer Sie glauben, wer ich bin«, sagte sie betont ruhig, »ich verspreche Ihnen, die bin ich nicht. Lassen Sie mich einfach gehen, dann muss niemand in Schwierigkeiten geraten. Ich erzähle keinem von dieser Sache oder von Ihnen. Sie können sich auf Ihren Weg machen und ich mich auf meinen.«

Sie versuchte vertrauenswürdig auszusehen, ihre Miene zu glätten und hoffentlich ihre Angst zu verbergen. Wenn sie aus dieser Gasse herauskam, würde sie sich sofort an den ersten greifbaren Polizisten wenden.

»Genug«, stieß er hervor und rammte die Faust dicht neben ihrem Kopf gegen die Mauer. Kleine Steinbrocken brachen ab und rieselten als Krümel auf den Boden.

Wie in aller Welt …? Delaney riss die Augen auf, und etwas von ihrer Panik kam wieder hoch.

»Sie hören mir nicht zu …«, versuchte sie es noch einmal, wurde jedoch sofort unterbrochen, indem er sein Gesicht dicht an ihres heranbewegte.

»Sie kommen, Olena. Wir haben keine Zeit für Eure Spielchen. Ihr wollt nicht weg? Verstehe ich, aber Ihr habt eine Verpflichtung zu erfüllen, und es wird Zeit, für das einzustehen, was Ihr seid. Und jetzt«, er legte den Kopf schief, und seine Miene wurde ein wenig weicher, »hört auf, mir etwas vorzumachen. Ich versuche, Euch zu beschützen.«

Delaney zwang sich, ihm fest in die Augen zu schauen. »Ich schwöre bei Gott, ich bin nicht das Mädchen, das Sie suchen.«

Er seufzte frustiert auf und wich zurück, eine große Hand um ihren dünnen Arm gelegt, um sie hinter sich herzuziehen. Als sie vorwärtsstolperte, schlang er ihr den anderen Arm um die Taille, um sie aufrecht neben seinem massigen Körper festzuhalten.

Ehe ihr Verstand alle Möglichkeiten durchlaufen hatte, mit denen sie versuchen könnte, sich zu befreien, hörte sie zu ihrer Rechten Schritte und runzelte die Stirn.

Sie waren in einer Sackgasse … wie …?

»Ander Ruckus.« Ein weiterer Mann, kaum weniger imponierend als derjenige, der sie festhielt, tauchte in der Dunkelheit auf. Er neigte den Kopf, richtete sich dann auf und nickte ihr knapp zu. »Lissa Olena.«

Bei diesem Mann machte sie sich nicht die Mühe, ihn zu korrigieren, als er sie beim falschen Namen nannte. Sie wäre nicht zu ihm durchgedrungen, egal, was sie sagte. Selbst jetzt, die Haltung, in der er ihnen gegenüberstand, breitbeinig, die Hände sichtbar vor sich gefaltet, wie ein Soldat …

Sie keuchte auf, und beide richteten ihre Blicke auf sie und bestätigten so sofort ihren Verdacht.

Delaney zitterte und war zu schockiert, um zu merken, wie schwach sie das wirken ließ. Vorher war es zu dunkel gewesen, um sie zu erkennen, nun allerdings sah sie die Farbe der Augen ihres Entführers, gelb mit einem dunkelgrünen Ring darum.

Wie die eines Außerirdischen.

»So ein Mist«, sagte sie tonlos und wurde schlaff, sodass er sie fester packen und fast stützen musste.

»Was?«, fuhr ihr Entführer sie an. »Was ist passiert?«

»Ruckus«, sagte der andere Soldat, seine Aufmerksamkeit auf sich lenkend, und schaute nach oben. »Wir sollten uns auf den Weg zum Schiff machen. Fawna hat feindliche Soldaten entdeckt, die sich schnell nähern. Uns bleibt nicht viel Zeit, ehe sie …« Er wurde unterbrochen, da plötzlich Schüsse fielen.

Nur klangen sie irgendwie anders, eher wie ein Surren, das durch die Luft auf sie zusauste. Ein paar Kugeln schlugen in die Steinmauern um sie herum ein und ließen Staubwolken aufsteigen.

Delaney sammelte sich wieder, richtete sich auf und klammerte sich fest an den Mann – Ruckus, wie sie vermutete. Sie konnte nicht genügend Schuldgefühle aufbringen, um ihn nicht als Schild zu benutzen; es war entweder das oder sich selbst erschießen lassen. Sie schmiegte sich fester an ihn und riskierte einen Blick über seine Schulter in die Öffnung der Gasse, wo drei Männer auf sie zugeschlichen kamen.

Ihre plötzliche Folgsamkeit ausnutzend, führte Ruckus sie hastig ans Ende der Sackgasse, während der andere Mann das Feuer auf ihre Verfolger eröffnete. Einen Arm hebend, griff ihr Entführer nach einer schwarzen Metallsprosse, die vom Himmel herabschwebte und die sie vorher nicht bemerkt hatte, und zog daran.

»Gut festhalten«, befahl er ihr und hob sie weit genug hoch, bis sie ihm die Arme um den Nacken schlingen konnte. Sie zögerte, und er schüttelte sie. »Entweder mitkommen oder hier unten sterben, Olena«, sagte er. »Die werden Euch umbringen.«

»Danke, Captain Klugscheißer.« Tatsächlich wurde auf sie geschossen. »Ich weiß nur nicht, wieso Sie die sicherere Option sein sollten.«

Ehe er antworten konnte, wurde die nächste Salve gefeuert, und Delaneys Panik nahm zu. Sie legte ihm ohne weitere Widerworte die Arme um den Nacken und dachte an nichts anderes mehr als daran, heil aus der Sache herauszukommen.

»Legt die Beine um meine Taille«, verlangte er, und dieses Mal zögerte sie nicht. Sobald er überzeugt war, dass sie sich sicher an ihm festhielt, zog er an der Metallsprosse.

»Extraktionsschild aktivieren und hochziehen, Fawna«, befahl er.

Delaney brauchte eine Sekunde, ehe ihr klar wurde, dass er eine Art Kommunikator im Ohr haben musste. Ein durchsichtiger heller Strahl umhüllte sie beide und den anderen Mann, der sich bei ihnen befand. Das Licht war grün, und sie sah, wie dahinter die Männer darauf schossen und wie die Kugeln daran abprallten, als wäre es kugelsicheres Glas.

Als sie aufzusteigen begannen, schrie sie auf und schlang Arme und Beine fester um Ruckus. Sie glaubte, ihn leise lachen zu hören, aber sie schaffte es nicht, die Augen lange genug vom sich langsam entfernenden Boden abzuwenden, um nachzusehen.

Sie schwebten jetzt so hoch, dass sie über die Gebäude hinwegschauen konnte. Dort unten näherten sich weitere Soldaten der Öffnung der Gasse, alle in Schwarz gekleidet. Sie zählte ein Dutzend, bevor sie aufhörte, weil sie ihre Zeit nicht verschwenden wollte. Eine weitere Sprosse an einer langen silbernen Schnur sauste an ihrem Kopf vorbei, und sie sah zu, wie sie hinabfiel und über dem anderen Mann schwebte, der auf ihre Angreifer feuerte.

Ohne hinzusehen, streckte er eine Hand nach oben und griff zu, und nachdem er einmal daran geruckt hatte, zog man ihn zu ihnen herauf. Er feuerte weiter aus seiner Waffe, einer, die sie noch nie gesehen hatte, in der Farbe von geschmolzenem Silber mit einem roten Streifen, der an der Seite aufleuchtete.

»Beeil dich, Fawna«, befahl Ruckus.

Dieses Mal sah sie nach oben und atmete scharf ein. Sie wurden in den Bauch eines riesigen Raumschiffes gezogen, das sie vom Boden aus nicht hatte erkennen können. Es erinnerte sie an einen Düsenjet, allerdings dreimal größer und mit kreisförmigen Flügeln statt spitz zulaufenden. Es war schwarz und offenbar programmiert, sich dem Nachthimmel anzupassen. Sterne funkelten ihr von der metallenen Oberfläche entgegen, als wären sie wirklich dort.

Eine Klappe im unteren Teil öffnete sich, als sie nur noch ein kurzes Stück entfernt waren, Metalltüren glitten zur Seite und gaben den Blick auf einen dunkelbeigefarbenen Raum frei. Die Seile, die sie nach oben beförderten, waren an der Decke dieses Raumes befestigt, und statt von einer Kurbel aufgerollt zu werden, verschwanden sie einfach im Metall.

»So ein Mist«, sagte sie, sich dunkel erinnernd, dass sie das schon einmal gesagt hatte. Sie war so abgelenkt wegen des klaffenden Schlunds im Raumschiff, auf das sie zusteuerten, dass ihr kaum auffiel, wie das grüne Kraftfeld um sie herum flackerte und sich dann auflöste.

Was sie bemerkte, war die Kugel, die ihren rechten Arm traf. Es war ein brennender Schmerz, als würde jemand sie mit einem heißen Messer schneiden, und Hitze schoss wie Flammen durch ihren Blutkreislauf.

Sie schrie auf, sah, wie ein roter Fleck das weiße Leder ihrer Jacke beschmutzte, und empfand einen letzten Moment der Panik, ehe ihr schwarz vor Augen wurde.

3. KAPITEL

Delaney stöhnte und drehte sich um, verwundert, weil sie auf der harten Couch eingeschlafen war, statt ins Bett zu gehen; sie schlief manchmal im Wohnzimmer vor dem Fernseher ein. Sie versuchte sich an Details der letzten Nacht zu erinnern: Sie war mit Mariana unterwegs gewesen, um zu feiern, also musste sie erschöpft gewesen sein, als sie nach Hause gekommen …

Sie setzte sich so ruckartig auf, dass ihr Sterne vor den Augen tanzten.

Mariana.

Letzte Nacht.

Es stürmte alles wieder auf sie ein. Sie hatte es nicht nach Hause geschafft, weil sie von verdammten Außerirdischen entführt worden war. Und man hatte auf sie geschossen. Ihr Blick wanderte zu ihrem linken Arm. Sie erinnerte sich an den Schmerz und an das Blut, das sie gesehen hatte, ehe sie in Ohnmacht gefallen war. Nur dass sie jetzt nicht einmal mehr einen Kratzer hatte.

Jemand hatte ihr die Jacke ausgezogen, sie hatte nur ihr kurzärmeliges dunkelblaues T-Shirt an. Auf ihrer nackten Haut war kein einziger Spritzer Blut zu entdecken, keine Narbe, nichts. Es war, als wäre nie etwas geschehen. Ihr Blick schweifte umher und landete auf ihrer Jacke. Der linke Ärmel war zerfetzt.

Verwirrung machte sich bei ihr breit, und sie rieb sich die Stelle am Arm, während sie aufstand und langsam in der Mitte des Raums im Kreis ging. Er bestand aus weißem Metall, zwei Liegen auf jeder Seite. Sie hatte auf einer davon geschlafen, die dünne Matte so weit entfernt vom Komfort einer Matratze, dass sie laut schnaubte. Sicher, durchs All reisen konnten sie, aber eine bessere Liege zu erfinden, das schafften sie nicht. Logisch.

Es gab keine Fenster, doch an einer Seite des Raumes befand sich ein kleines Waschbecken. An der gegenüberliegenden Wand war eine breite Tür, groß genug, dass zwei ausgewachsene Männer Schulter an Schulter hindurchpassten. Sie hatte gerade einen Schritt darauf zu gemacht, als ein Piepen erklang und die Tür schneller nach rechts rauschte, als sie blinzeln konnte.

Ihr Entführer stand dort und sah sie an. Mit seinen seltsam gefärbten Augen musterte er sie von oben bis unten, als suchte er nach Makeln.

Verdammt, er sah echt gut aus. Wäre der Typ nicht ein totaler Psycho, würde sie ihre Umstände vielleicht ein wenig anders betrachten. Im Gegensatz zur Gasse gab es hier genug Licht, sodass sie seine Gesichtszüge gut sehen konnte.

Er hatte einen starken Kiefer und ein kantiges Kinn. Sein Haar schimmerte in einem warmen Schokoladenton, war an den Seiten kürzer und oben lang. Es war die Art Schnitt, die man normalerweise zurückgekämmt trug, aber im Augenblick hatten einige Strähnen sich gelockert und hingen herunter. Sie fielen ihm über die Stirn bis hinab zu seinem Mund, so lang waren sie. In seinem rechten Ohr glänzte ein Rubin – nein, drei Rubine, einer im Ohrläppchen, einer in der Mitte und einer oben an der Innenseite der Ohrmuschel.

Wenn die Augen ihn nicht verraten hätten, das Outfit hätte es auf jeden Fall getan. Sein Oberteil war ärmellos und mit einem goldenen Reißverschluss in der Mitte geschlossen. Der Stoff wirkte merkwürdig, fest und fast schimmernd. Es hatte einen kurzen, steifen Kragen. Seine Hose saß wie angegossen, in große Stiefel gesteckt, an den Handgelenken und Oberarmen trug er drei sonderbare schwarze Metallringe.

Die Hose war anthrazitfarben. Das Hemd der Uniform waldgrün.

Die Farbe der Vakar.

Delaney schluckte den Kloß in ihrer Kehle hinunter und presste ihre Arme an sich. Ihre Füße waren bereit – als könnte sie irgendwohin rennen. Sie erinnerte sich daran, wie schwer es gewesen war, sich von ihm loszumachen – also, das Gegenteil von einfach.

Es erforderte ihre ganze Willenskraft, sich nicht zu ducken, als er einen Schritt vortrat und damit einen von den fünf überwand, die zwischen ihnen lagen.

Er neigte den Kopf zur Seite, und sie biss die Zähne so fest zusammen, dass ihre Kiefermuskeln hervortraten.

»Ihr redet immer noch nicht mit mir«, schlussfolgerte er nach einem weiteren Augenblick angespannten Schweigens.

Langsam nickend, als wäre das für ihn völlig logisch, trat er an die Liege ihr gegenüber. Er schob ihre Jacke zur Seite und setzte sich hin, die langen Beine von sich gestreckt.

Diese Bewegung zwang sie zurückzuweichen, damit er sie nicht berührte, und er hob eine Augenbraue und gleichzeitig einen Mundwinkel.

»Wir reden doch gerade«, entgegnete sie, entschlossen, sich von ihm nicht einschüchtern zu lassen. Oder es sich wenigstens nicht zu offensichtlich anmerken zu lassen.

Gummi quietschte über den Boden, und ein weiterer Mann tauchte im Türrahmen auf. Er war kleiner als Ruckus, mit schmaleren Schultern, aber immer noch mindestens einen halben Kopf größer als sie. Er trug die gleiche anthrazitgraue Hose, deren Beine in Stiefeln steckten, und darüber einen waldgrünen Laborkittel, der vorne zugeknöpft war.

»Lissa Olena.« Er nickte ihr zu.

»Olena …«

»Wie ich Ihnen bereits eine Million Mal gesagt habe«, stieß sie fauchend hervor und unterbrach Ruckus, »ich bin nicht Olena. Auch nicht Lissa, wo wir schon dabei sind. Wen immer Sie suchen, ich bin es nicht. Wie Sie so blöd sein konnten, uns zu verwechseln, weiß ich nicht, aber ich bin nicht sie, Arschloch. Also, wenn Sie mich einfach von diesem Schiff lassen, können wir wieder getrennte Wege gehen.«

Sie verlor fast ihre Entschlossenheit, als sie Schiff sagte, in letzter Sekunde gelang es ihr jedoch, weiter wie die Überlegene zu wirken. Zum Glück. Die Art, wie er sie anschaute, so als würde er erwarten, dass sie sofort gehorchte, wenn er ihr befahl zu springen, machte sie langsam richtig sauer. Sie hasste es, wenn man ihr sagte, was sie zu tun hatte.

»Ich muss zugeben …« Ruckus machte es sich bequemer, lehnte den Rücken an die Wand und verschränkte die Arme vor der Brust. »Der Blick in Euren Augen? Fast überzeugend. Natürlich wissen wir beide, dass Ihr einfach albern seid. Ich bin es. Nicht irgendein leicht manipulierbarer Teller.«

»Wer auch immer diese Olena ist, ich hoffe, sie ist nicht Ihre Freundin, denn wenn sie das ist, sollte sie einige Entscheidungen, was ihr Leben angeht, dringend überdenken.«

»Meine Freundin?« Er verzog das Gesicht, als hätte er in eine Zitrone gebissen.

Wow, ziemlich beleidigend für diese Olena, fiel ihr auf. Bis ihr klar wurde, dass sie es war, die ihn anekelte. Er dachte, sie sei Olena …

Neue Taktik.

»Was ist mit meinem Arm passiert?« Sie hörte endlich auf, daran zu reiben, und ließ die Hand sinken, damit er ihr unversehrtes Fleisch sah. Er hatte es zwar zweifellos schon gesehen, aber trotzdem.

»Ich habe es geheilt«, sagte er, eindeutig glaubend, sie wäre dumm, so eine Frage zu stellen. »Die Wunde war nicht tief. Ihr hattet Glück. Wir konnten das Gift extrahieren, ehe es permanenten Schaden anrichtete. Ihr seid nur drei Zyklen bewusstlos gewesen.«

»Moment.« Delaney hob eine Hand. »Drei was bitte?«

»Zyklen.«

»Was ist ein Zyklus?« Sie ballte die Hände zu Fäusten, da er die Augen verdrehte. »Das ist mein Ernst! Was zur Hölle ist ein Zyklus? Wie lange bin ich schon hier?«

Als sie erneut Panik in sich aufsteigen spürte, ließ sie sich auf den Rand der Liege sinken, darauf achtend, ihre Füße weit von seinen ausgestreckten Beinen entfernt zu halten. »Mariana muss am Durchdrehen sein«, sagte sie an niemand Bestimmtes gerichtet. »Sie hat in der Zwischenzeit wahrscheinlich die Polizei gerufen.«

Es sei denn natürlich, sie war immer noch bei Ottus.

Ruckus beugte sich vor, die Arme auf den Knien abgestützt. »Sie wollten Euch umbringen, Olena. Die Tars sind wegen des Abkommens aufgebracht. Sobald Eure Eltern und der Zane entdeckten, dass man Euch gefunden hatte, haben sie mein Team und mich informiert.«

Als sie nur die Stirn runzelte, lehnte er sich zurück und sagte: »Ich habe Euch Freiraum versprochen, Lissa – nicht, dass ich Euch von Eurer eigenen Sturheit umbringen lasse.«

»Warum hat sie zwei Namen?«, platzte Delaney heraus, sich an den Teil dieses Durcheinanders klammernd, den sie verarbeiten konnte. Der ganze Rest war für sie nur Geschwafel. »Ist das so etwas wie ein Spitzname?« Er hatte Eure Eltern gesagt, sie waren also keine Geschwister. Und sie waren eindeutig kein Pärchen. »Sind Sie beide verwandt?«

Er sah sie an, wie er es in der Gasse getan hatte, mit einer Mischung aus Verwirrung und Überraschung. Als sähe er sie zum ersten Mal.

»Okay, egal, erzählen Sie es mir eben nicht«, sagte sie seufzend. »Hören Sie, ich weiß nicht viel über Aliens – Vakar«, berichtigte sie sich, um ihn nicht zu beleidigen, während sie um ihr Leben zu feilschen versuchte. »Und ich weiß auch echt nicht, was ein Tar ist, aber ich weiß, dass es verdammt wehgetan hat, als die auf mich geschossen haben. Wenn die hinter dieser Olena her sind, dann ist sie nach wie vor dort unten. Sie ist immer noch in Gefahr.«

Er starrte sie einfach weiter an, und sie kämpfte gegen den Drang, mit dem Fuß aufzustampfen wie ein kleines Kind.

»Verdammt noch mal, Ruckus …« Sie drehte sich weg und blickte dabei in den rechteckigen Spiegel, der über dem Waschbecken hing. Nur war es nicht ihr Gesicht, das sie darin sah. Sie bekam keine Luft, und einen Augenblick vergaß sie das Atmen vollständig.

Das Mädchen, das ihr entgegenstarrte, kam ihr irgendwie bekannt vor. Eine dunkelhaarige Schönheit mit milchig weißer Haut. Das gleiche Mädchen, mit dem sie im Club zusammengestoßen war. Im düsteren Licht hatte sie deren Augenfarbe nicht erkennen können, doch jetzt war es leicht, genau wie bei Ruckus. Gold mit einem Rand aus dunklem Violett.

Delaney blinzelte, und das Mädchen im Spiegel tat es ihr gleich. Nur um sicherzugehen, hob sie eine Hand und presste die Finger an ihre Wange, fast bis es schmerzte. Sie erinnerte sich endlich, dass atmen wichtig war, und rang nach Luft. Der plötzliche Sauerstoffstoß machte sie schwindlig und benommen. Sie stolperte zurück und ließ sich kopfschüttelnd auf die Liege fallen.

»Ich glaube, ich habe eine Panikattacke«, gab sie zu, auch wenn ihre Stimme nur leise und schwach klang und sie sich nicht sicher war, ob einer von beiden sie hören konnte. Sie wusste nicht mal, ob sie gehört werden wollte. Das Herz pochte ihr wild in der Brust, bis es sich anfühlte, als wären ihre Rippen ein Schraubstock, der sich fest um sie klammerte. »Oh ja, eindeutig eine Panikattacke.«

Sie hatte noch nie eine gehabt; dies war offensichtlich ein Tag für erste Male.

Sie bemühte sich, die Fassung wiederzuerlangen, behielt die Männer für alle Fälle aber trotzdem im Auge. Jetzt, wo sie sich gesehen hatte, verstand sie schon besser, wieso die beiden darauf bestanden, dass sie diese Lissa war. Doch das bedeutete nicht, dass sie ihnen vertraute.

Ein Gerät in der Tasche des kleineren Mannes, der noch in der offenen Tür stand, fing an zu piepen. Er zog es heraus und sah Ruckus stirnrunzelnd an.

»Ihre Vitalzeichen schießen nach oben, Ander«, informierte er ihn, als wäre das nicht schon vollkommen offensichtlich aus der Art, wie sie sich quasi zu einer Kugel zusammengerollt hatte.

»Sie überwachen meine Vitalzeichen?«, fragte sie, einen Anflug von Ärger in ihrem Tonfall bemerkend und sich daran klammernd. Wut war leichter zu bewältigen als Angst, und im Augenblick musste sie schlau sein. Die Kontrolle haben. Sie sah Ruckus aus zusammengekniffenen Augen an, versuchte, ihn in einem anderen Licht zu sehen. »Dann sind Sie also Arzt?«

War diese Olena auch noch krank, zusätzlich dazu, dass sie von diesen Tars gejagt wurde?

Er erstarrte vollständig, bis sie sich nicht mehr sicher war, ob er überhaupt atmete. Selbst aus der Entfernung sah sie, wie seine Pupillen sich weiteten, spürte, wie seine Gefühle sich änderten, daran, wie eine Schwere in die Atmosphäre des Raumes eindrang. Wer auch immer sich den Spruch von der Spannung, die man mit dem Messer schneiden konnte, ausgedacht hatte, hatte eindeutig Ruckus noch nicht kennengelernt.

Die Spannung in diesem Raum hätte man nicht mal mit einer verdammten Kettensäge schneiden können.

»Seht noch einmal in den Spiegel.« Seine Stimme war stählern, und der Befehl war leise ausgesprochen.

Sie schüttelte den Kopf. Dazu, das andere Gesicht erneut zu sehen, war sie momentan nicht bereit. Wenn sie es tat, drehte sie vielleicht richtig durch, und dann wäre sie vollkommen am Ende. Ziemlich das Einzige, was im Augenblick für sie sprach, war, dass sie sich mental noch nicht völlig abgemeldet hatte. Was würden die mit ihr anstellen, wenn sie das täte? Wenn sie nicht genug Geistesgegenwart hatte, um sich zu verteidigen, weil sie zu sehr damit beschäftigt war, wie eine Vollidiotin heulend auf dem Boden zu liegen?

Was ihr mit jeder Sekunde, die verstrich, wahrscheinlicher vorkam.

»Tut es«, verlangte er. »Sofort.«

»Ähm.« Sie leckte sich die Lippen und schluckte hörbar. »Ruckus? So heißen Sie doch, richtig? Ich nehme das an, weil Ander ein Titel zu sein scheint … Es sei denn, was das angeht irre ich mich auch.« Zum ersten Mal wünschte sie sich, sie hätte Mariana mit deren Besessenheit von den Aliens besser zugehört.

»Ich wollte Sie nicht beleidigen, falls Sie kein Arzt sind«, fuhr sie fort, es bei diesem letzten Versuch bei der Wahrheit belassend. »Ich bin nur am Durchdrehen und …«

»Oh.« Die Stimme des kleineren Mannes war hoch, und er riss die Augen auf. »Nein.«

»Was hat das zu bedeuten?«, verlangte Ruckus zu wissen. Als er nicht sofort eine Antwort bekam, spannten die Muskeln in seinem Kiefer sich sichtbar an. »Gibus.«

»Das wird dir nicht gefallen …« Gibus rang die Hände, doch trotz seiner Worte war Aufregung in seinen weit aufgerissenen Augen zu erkennen.

»Antworte mir, Sutter.«

Ehe der kleinere Mann das tun konnte, fluchte Ruckus und stand so schnell auf, dass Delaney zurückwich.

Sie stieß sich den Kopf an der Wand, aber er beachtete sie schon nicht mehr.

»Als Olena das letzte Mal hier war«, verkündete Ruckus, »hat sie etwas mitgenommen, nicht?« Der Gesichtsausdruck des anderen Mannes genügte als Antwort. »Was war es?«

»Ander …«

»Was war es?«

Delaney hätte ihn gern darauf hingewiesen, dass er ein echtes Problem damit hatte, andere aussprechen zu lassen, hielt aber klugerweise den Mund.

Der kleinere, Gibus, senkte den Blick.

»Es war der Apparat, an dem du gearbeitet hast, nicht?« Offensichtlich eine rhetorische Frage. »Ich habe dir gesagt, du sollst auf das Ding aufpassen! Nennst du das hier«, er deutete auf sie, »aufpassen?«

Gibus fand den glatten weißen Boden auf einmal sehr interessant. Er ließ den Kopf hängen und hielt die Schultern angespannt und gerade. Sein Schweigen sprach lauter als Worte.

»Sie hat es geschafft, dass das verdammte Teil funktioniert«, sagte Ruckus, gefolgt von einem weiteren, wütend ausgestoßenen Fluch.

Wenigstens nahm Delaney an, dass es sich um einen Fluch handelte; es klang wie einer, obwohl sie das Wort selbst nicht kannte.

»Weiht mich mal jemand ein?«, fragte sie, Ruckus misstrauisch im Auge behaltend. Wenn er sie angriff, würde sie ihm so was von ein Knie in die Weichteile rammen. Sie wusste genau, wo die sich befanden, an der gleichen Stelle wie bei männlichen Menschen auch. Noch ein Detail, das sie Mariana verdankte.

»Wer bist du?«, sagte Gibus atemlos und auf Abstand bleibend.

Sie spürte einen Anflug von Hoffnung und entspannte sich etwas.

»Nicht diese Olena, das ist mal sicher«, sagte sie gespielt gelassen.

»Ich wollte es dir ja erzählen …« Gibus sah Ruckus aus dem Augenwinkel an, und es war, als würde man einem Kind zusehen, das mit seinem Lehrer redete. »Ich hatte gehofft, es nur verlegt zu haben. Das passiert. Oft. Und selbst wenn sie es genommen hat, ich hätte nie gedacht, dass sie es schaffen könnte«, er wedelte mit einer Hand in ihre Richtung, »das hier zu erreichen. Wir reden hier immer noch von Olena. Als technisches Genie kann man sie wirklich nicht bezeichnen, Ander. Ich wollte nicht …«

»Wegtreten«, meinte Ruckus knurrend. »Man wird sich später angemessen um dich kümmern.«

»Was zur Hölle ist hier los?« Delaney stand auf. »Warum sehe ich aus wie jemand anders? Wissen Sie was?« Sie hob eine Hand. »Ist mir auch egal. Jetzt, wo wir geklärt haben, dass Sie wirklich die Falsche entführt haben, können Sie es rückgängig machen und mich endlich zurückbringen.«

Ruckus erwiderte ihren Blick, aber Gibus wandte sich ab, was ihr verriet, dass etwas nicht stimmte.

»Was?«, flüsterte sie, obwohl sie Angst vor der Antwort hatte.

Gibus fuhr sich mit der Hand durchs unordentliche kastanienbraune Haar. »Die Sache ist die …«

»Ich sagte wegtreten«, unterbrach Ruckus ihn, ehe er zu Ende sprechen konnte. Als Gibus sich nicht regte, warf Ruckus ihm einen tödlichen Blick zu. »Geh – sofort. Und berichte niemandem davon außer Pettus. Verstanden, Sutter?«

»Ja, Ander.« Gibus nickte.

»Gut. Bring Pettus auf den neuesten Stand und schick ihn dann her.«

»Ja, Ander.« Gibus drehte sich um, und die Tür glitt hinter ihm ins Schloss.

Delaney starrte ihm nach. Mit jeder Sekunde, die verstrich, spürte sie mehr Angst in sich aufsteigen. Fast wollte sie ihm nachgehen. Es kam ihr vor, als wäre er bereit, ihr zu antworten. Ruckus war ein Rätsel, und sie mochte Rätsel einfach nicht.

Als sie endlich nachgab und sich zu ihm umdrehte, merkte sie, dass sein harter Blick auf sie gerichtet war. Es waren nur drei Fuß Abstand zwischen ihnen, aber wenigstens sah es nicht so aus, als hätte er vor, diesen Abstand zu überwinden.

»Wie heißt du?«, fragte er und überraschte sie mit seiner Sanftheit.

Sie neigte den Kopf zur Seite, auf eine Falle gefasst. »Delaney.«

Er nickte. »Delaney. Ich bin Ruckus.«

»Hatte ich mitbekommen.«

»Natürlich.« Er strich sich durchs Haar. »Meine Lolaura …« Er hielt inne und atmete tief durch. »Verzeih mir meinen Fehler. Wenn du wüsstest, was ich mache, würdest du verstehen, wieso es mir so schwergefallen ist, dir zu glauben.«

»Was ist los?«

»Der Mann, den du gerade kennengelernt hast, Gibus, hat einen schrecklichen Fehler begangen. Olena, die echte Olena, treibt sich gerne an seinem Arbeitsplatz herum, wenn sie an Bord ist. Schon vor einiger Zeit hat er ein Projekt für unser Militär auf Eis gelegt, einen Apparat, der das Aussehen einer Person verändern kann. Er sollte dazu dienen, meinem Volk im Krieg zu helfen.«

»Aber der ist vorbei.« Delaney erinnerte sich an etwas, das sie mit halbem Ohr in den Nachrichten gehört hatte. »Die Vakar und Kints haben Frieden geschlossen. Oder?«

Er knirschte mit den Zähnen, nickte jedoch. »Ja, es herrscht Frieden. Trotzdem habe ich befohlen, das Projekt zu zerstören, denn wenn es in die Hände des Feindes geriete, wäre das eine Katastrophe. Offensichtlich wurde mein Befehl nicht ausgeführt.«

»Noch mal ein Stück zurück.« Sie hatte Probleme, das mit ihrem Verstand zu erfassen. »Wie kann diese Maschine das Aussehen einer Person verändern? Ich meine, wie ist das überhaupt möglich?«

»Indem sie auf die Gehirnwellen einer Bevölkerungsgruppe mit einem speziellen Gen Einfluss nimmt. Gibus ist es allerdings nicht gelungen, den Apparat zu perfektionieren. Sie verändert auch die Perspektive desjenigen, der das Gerät benutzt hat, sodass selbst er oder sie keinen Unterschied mehr sieht. Das hätte es uns ungemein schwer gemacht, demjenigen zu vertrauen, den wir vor uns haben. Wenn der Feind zum Beispiel erfahren hätte, was wir vorhaben, hätte er bloß die echte Person gegen ein Double austauschen müssen, und wir hätten es nicht gemerkt.«

»Tut mir leid.« Delaney rieb sich die Schläfen. »Ich bin gerade echt langsam.«

»Du verstehst es immer noch nicht.«

»Nein.«

Er zog etwas aus seiner Hosentasche. Es war etwas größer als ihr iPhone und quadratisch statt rechteckig. Es sah wie eine Scheibe Glas aus, aber als er auf die Mitte drückte, wurde es schwarz. Er presste noch ein paarmal einen Finger darauf und drehte es dann um, damit sie den Bildschirm erkennen konnte.

Ein dunkelhaariges Mädchen lächelte sie daraus kokett an.

»Das ist Lissa Olena«, sagte er. »Als Ander ist es meine Aufgabe, mich um ihre Sicherheit zu kümmern.«

»Ich bin mit ihr zusammengestoßen«, erklärte Delaney.

Es sah aus, als würde sie ihm tatsächlich leidtun, als er das Gerät wieder in die Tasche steckte.

»Wahrscheinlich hat sie eher dich angerempelt.«

»Sie hat irgendetwas mit mir gemacht.« Es war keine Frage, weil das bereits feststand. Plötzlich war Delaney extrem müde. Die gegensätzlichen Gefühle von Panik, Angst und Wut hatten sie ausgelaugt.

»Ich nehme an, sie hat diesen Moment genutzt, um dein Aussehen zu verändern«, stimmte er ihr mit einer Geste auf ihren Körper zu.

»So ein Mist.« Delaney ließ sich auf die Liege zurückfallen, den Kopf in die Hände gestützt. Das erklärte so viel. Wieso er sie mitgenommen hatte, warum er darauf bestanden hatte, dass sie ihn anlog. Weshalb diese Leute auf sie geschossen hatten. »Warum sind die Tars noch mal hinter ihr her?«

»Sie sind mit dem Friedensabkommen nicht einverstanden.«

Seine Antwort erstaunte sie.

»Das ist eine kleine Gruppe Rebellen, bestehend aus Kints, die mit dem Beschluss ihres Rex, den Krieg zu beenden, nicht zufrieden sind.«

»Ist ein Rex wie ein Präsident?«

»Eher wie ein König«, berichtigte er sie. »Wir funktionieren noch als eine Art Monarchie.«

»Okay, dann heißt Rex also König.«

»Ihr König. Vakar und Kint, du würdest sie als Völker bezeichnen, dort spricht man leicht unterschiedliche Sprachen. Unser König, der König der Vakar, wird als Basileus bezeichnet. Unsere Königin ist die Basilissa. Und unsere Prinzessin …«

»… nennt man Lissa.« Delaney stieß langsam den Atem aus und lehnte sich erschöpft gegen die Wand. »Ich bin von einer blöden Alien-Prinzessin reingelegt worden.« Nichts daran ergab auch nur irgendeinen Sinn. »Warum?«

Eine Sekunde lang wirkte Ruckus nicht, als würde er es ihr erklären wollen, aber dann schien er etwas in ihrem Gesicht zu erkennen, denn er gab nach und setzte sich neben sie auf die schmale Liege. Er platzierte sich so, dass sein Rücken zur Tür zeigte und er ihr in die Augen sehen konnte.

»Das Friedensabkommen zwischen meinem Volk und den Kints beruht auf einer arrangierten Hochzeit«, vertraute er ihr an. »Olena war die letzten fünf Jahre auf der Erde, für ihre Denzeration. Das ist eine Zeit im Leben der Vakar, in der sie volljährig werden und die Erde erkunden dürfen. Sie lernen den Planeten und seine primitiven Lebensformen kennen und können sich dann entscheiden, ob sie als Analyst dortbleiben wollen oder lieber auf den Xenith zurückkehren.

Als unsere Lissa wusste Olena, dass es für sie nie wirklich die Option gab, auf der Erde zu bleiben, aber sie hat ihre Eltern überredet, ihr zu erlauben, sich das Recht der Denzeration nehmen zu dürfen. Letzte Woche lief ihre Zeit ab, und sie sollte sich mit mir treffen und zurück nach Hause kommen.«

»Lass mich raten«, unterbrach Delaney ihn. »Sie ist nicht aufgetaucht.«

»Nein, ist sie nicht. Irgendwie haben die Tars herausgefunden, dass sie auf der Erde ist, schutzlos, und haben Attentäter geschickt. Es ist mir gelungen, Olena bis nach Portland zu verfolgen. Sie wollte eindeutig, dass ich sie finde, damit sie mich zu dir führen kann. Sie hat dich als Ablenkung benutzt, Delaney. Es …«, er zögerte, »tut mir leid.«

Trotz allem, was los war, zuckten ihre Mundwinkel. »Das sagst du wohl nicht oft, was?«

»Nein«, gab er zu und lächelte selbst ein wenig. »Hätte ich gewusst, dass sie den Prototyp von Gibus in die Finger bekommen hat, dass er nicht zerstört worden ist, wie ich es befohlen habe, dann hätte ich dich nicht einfach so mitgenommen. Ich merke, dass das alles sehr beängstigend für dich ist.«

»Ich habe keine Angst«, sagte sie, sofort in Abwehrhaltung wechselnd.

»Ich mache dir deswegen keine Vorwürfe«, entgegnete er leichthin. »Es ist eine Furcht einflößende Situation. Du hast es selbst gemeint, du weißt nicht viel über mein Volk.« Er legte den Kopf schräg. »Du bist keiner von diesen Menschen, die von uns fasziniert sind.«

Sie schnaubte. »Eindeutig nicht.«

Die Tür hinter ihm öffnete sich, und der andere Mann aus der Gasse kam herein. Nachdem er die Tür hinter sich geschlossen hatte, wartete er, bis Ruckus sich zu ihm umgedreht hatte, damit er sie beide ansehen konnte.

»Wir haben ein Problem, Ander.«

Seine Stimme war melodiös, höher als die von Ruckus und sanft. Er sah kurz zu ihr herüber, sprach sie aber im Gegensatz zu Gibus nicht direkt an.

Sein langärmeliges grünes Hemd war in seine Hose gesteckt, der Reißverschluss in der Mitte ganz hochgezogen, sodass der kurze Kragen um seinen Hals anlag. Sein Haar war zurückgestrichen wie beim ersten Mal, als sie ihn gesehen hatte, von irgendeinem Gel gefestigt. Es war hellbraun, genau wie seine Augen, aber als sie aufmerksamer hinsah, entdeckte sie um die haselnussbraune Iris einen dunkelblauen Ring.

»Pettus, hast du mit Gibus gesprochen?«, fragte Ruckus.

»Ja …«

»Wie nah sind wir am Xenith?«

»Noch geschätzte drei Ticks, bis wir in die Atmosphäre eintreten. Aber«, er ließ den Blick für den Bruchteil einer Sekunde zu ihr huschen, »das ist nicht das Problem, das ich meine, Ander.«

Plötzlich blitzte ein rotes Licht an der Decke, und ein lautes Piepen ertönte.

Ruckus fluchte, doch Pettus fuhr bereits fort: »Es ist der Zane, Ander.« Er hielt inne und sah zwischen ihnen hin und her. »Er ist hier.«

4. KAPITEL

»Wer ist der Zane?« Delaney runzelte die Stirn. Ihr gefiel nicht, wie die beiden einander ansahen. Als stünde etwas Schreckliches bevor – etwas noch Schrecklicheres, als die falsche Person von einem anderen Planeten mitzunehmen.

»Sie kommen gleich an Bord«, sagte Ruckus, sie ignorierend, völlig auf Pettus konzentriert. »Wir haben keine Wahl mehr. Sie wird ihn überzeugen müssen.«

Pettus nickte, und Ruckus trat an die Tür und presste eine Hand flach auf ein Paneel an der Wand. Eine Sekunde lang knisterte statische Elektrizität darüber, dann drang die Stimme von Gibus in den Raum.

»Bring mir ein Hebi«, befahl Ruckus.

Pettus trat neben sie. »Die Sache ist folgende: Du siehst wie Olena aus. Genau wie sie. Und, na ja, du müsstest eben …« Er wedelte mit beiden Händen durch die Luft, als würde er unsichtbare Bälle jonglieren.

Sie neigte den Kopf in seine Richtung und verzog das Gesicht. Wovon redete er da? Warum zum Teufel sprach keiner von denen einfach mal Klartext?

»Du musst so tun, als wärest du Olena«, verkündete er.

Sie konnte nicht anders – sie schnaubte. »Ja, sicher.«

»Ganz sicher«, beharrte er. »Wir haben dich in dem Glauben mitgenommen, du wärest die Lissa, und man hat uns gerade informiert, dass die Kints herausgefunden haben, weshalb Olenas Rückkehr nach Hause sich verzögert hat.«

»Du meinst, sie haben herausgefunden, dass sie nicht wie Vieh verschachert werden will?« Das war der einzige Grund, der ihr einfiel, wieso jemand einer anderen Person das hier antun sollte. Nicht, dass es das rechtfertigte. Ganz und gar nicht.

Er kniff die Augen zusammen, aber er fuhr fort: »Sie sind nicht glücklich. Sie glauben nicht, dass Olena wirklich Frieden will. Ihr Zane kommt in diesem Augenblick an Bord. Wenn er herausfindet, dass Olena uns entwischt ist und dass sie, um das zu tun, solchen Aufwand betrieben hat, nimmt er den Krieg wieder auf.« Er hielt inne, die merkwürdig gefärbten Augen auf sie gerichtet und abwartend, bis er wusste, er hatte ihre ganze Aufmerksamkeit. »Sie werden uns umbringen, Delaney.«

»Umbringen … bis wir tot sind?«

»Bin ziemlich sicher, dass es keine andere Version von umbringen gibt, auch nicht auf der Erde«, sagte er trocken.

»Aber das ist nicht meine Schuld und auch nicht deine. Olena ist schuld.«

»Sie sind unsere Feinde. Es ist ihnen egal. Sie lechzen nach einem Grund, wieder in den Krieg zu ziehen. Die Kints wollen nicht nur diesen Planeten; sie wollen auch die Erde, und mein Volk und dieses Abkommen sind das Einzige, was sie davon abhält, dein Volk zu versklaven.«

Das Licht über ihnen wechselte die Farbe und blitzte jetzt nicht mehr rot, sondern orange. Pettus fluchte, das gleiche Wort benutzend, das schon Ruckus verwendet hatte, und öffnete den Mund, um etwas zu sagen, doch auf einmal stand Gibus an der Tür.

Er reichte eine kleine quadratische Schachtel an Ruckus weiter.

»Geht«, befahl Ruckus ihnen. »Haltet sie auf.«

Sie gingen ohne ein weiteres Wort, und er drehte den Deckel der kleinen Schachtel ab, die Gibus ihm gegeben hatte. Darin befand sich etwas, das Delaney an ein rundes Pflaster erinnerte.

»Du musst es tun«, sagte er, immer noch auf den kleinen Kreis konzentriert.

»Muss ich nicht.« Sie schüttelte den Kopf.

Sein Blick richtete sich voller Frustration auf sie. »Die wollen uns umbringen, Delaney. Sie brauchen nur eine Ausrede.«

Er bewegte sich auf sie zu und bedeutete ihr, den Kopf schräg zu legen. Als sie es nicht sofort tat, seufzte er wieder und hielt ihr den Kreis hin. »Wir nennen das hier ein Hebi. Es ist ein Übersetzer, der seitwärts am Hals eingesetzt wird. Wir haben in deiner Sprache mit dir gesprochen; die Kints werden das nicht tun.«

»Klingt, als würde ich den dann nur brauchen, wenn ich vorhätte, mit denen zu reden«, entgegnete sie, »was ich nicht habe.«

»Willst du sterben?«, fragte er. »Wenn du das hier machst, überleben wir vielleicht. Wenn nicht, sterben wir garantiert. Such es dir aus.«

»Vielleicht?«, wiederholte sie.

»Bisher ist es dir gut gelungen, deine Angst zu verbergen. Damit kannst du arbeiten.«

Wenn das Friedensabkommen zwischen den Aliens gebrochen wurde, war das auch das Ende des Abkommens zwischen ihnen und der Erde. Delaney wusste, Pettus hatte recht damit, dass die Kints ihren Planeten wollten. Und Ruckus war riesig; sie hatte noch nie jemanden gesehen, der so stark und kräftig aussah wie er. Wenn er sich Sorgen machte … vielleicht sollte sie es dann ebenfalls tun.

»Nur dieses eine Mal, richtig?« Ihre Stimme klang ein wenig schwach, also räusperte sie sich. »Ich tue so, als wäre ich sie, damit wir aus der Sache rauskommen, und danach erzählt ihr eurem Basileus, oder wie auch immer, die Wahrheit und bringt mich nach Hause.«

»Ja.«

Er streckte ihr das Hebi wieder entgegen, doch sie hob eine Hand.

»Versprich es.« Sie hatte keine Ahnung, ob Aliens Versprechen gaben oder ob sie wussten, was das war, aber schließlich waren dies verzweifelte Zeiten.

»Ich gebe dir mein Wort, Delaney. Ich bin derjenige, der dich fälschlicherweise mitgenommen hat; ich werde dich an deinen rechtmäßigen Ort zurückbringen.«

Sie erlaubte es sich, ein letztes Mal tief durchzuatmen, und richtete sich auf, bis sie ihre volle Größe von einem Meter achtundsechzig erreicht hatte. Sie musste es nicht aussprechen, er verstand ihr stummes Einverständnis.

»Dann kann ich damit die Kints verstehen?«, fragte sie, den Kopf zur Seite geneigt, sodass er besser an ihren Hals kam.

»Und die Vakar«, bestätigte er. »Das Hebi verbindet sich mit dem Gehirn und ermöglicht es dir auch, unsere Sprachen instinktiv zu sprechen. Es übersetzt und entziffert. Worte in unserer Sprache, die deiner ähnlich sind, werden entsprechend übersetzt.«

»Mit meinem Gehirn?« Ihre Nervosität steigerte sich noch.

»Ich bin kein Sutter«, sagte er, damit beschäftigt, das Hebi anzubringen. »Ich weiß nicht genau, wie alles funktioniert.«

»Dann spreche ich eine andere Sprache, ohne es zu merken?« Das kam ihr wie eine Frage vor, die er beantworten konnte.

»Es kalibriert sich nach der ersten Sprache, die man mit dir spricht. Wenn ich zum Beispiel Vakar mit dir spreche, kommt deine Antwort automatisch auch auf Vakar heraus.«

»Das erspart einem das Lernen, was?«

Das Hebi war fast durchsichtig, und als er es an ihren Hals legte, fühlte es sich klebrig an. Ihre Haut zog sich um den Bereich zusammen, und ein Gefühl von Kühle folgte. Ruckus trat zurück, und als Delaney die rechte Seite ihres Halses berührte, fühlte sie dort nichts mehr.

»Es verschwindet unter der Haut«, erklärte er ihr, schon im Umdrehen begriffen. »So kann man es nicht entfernen, ob aus Versehen oder nicht.«

Das sollte wohl heißen, sie konnte es nie wieder abnehmen.

»Warte«, sagte sie, um ihn aufzuhalten, gerade als er die Tür öffnen wollte. »Was ist ein Zane? Wer ist das?«

Erstaunlicherweise sah Ruckus schuldbewusst aus, als er sagte: »Er ist ihr Prinz.«

Die Tür stand offen, sie dem langen Flur aussetzend, ehe sie antworten konnte, was wahrscheinlich gut war, denn es kam ihr vor, als hätte sie anstelle der Enge in ihrer Brust nun Blei in ihrem Magen.

Der Prinz der Kints.

Olenas Verlobter, derjenige, den sie nicht heiraten wollte, und derjenige, der das genau wusste.

Mist. Mist. Mist.

Du schaffst das schon, redete sie sich zu, als Ruckus mit dem Kinn eine Kurve beschrieb, um ihr zu bedeuten, ihm zu folgen. Sie trat auf den Flur hinaus, verließ den Raum zum ersten Mal, und war auf einmal von dem Wunsch erfüllt, es nicht tun zu müssen. In diesem Raum war sie sicher, sicherer als draußen jedenfalls, und sie wollte nichts anderes, als sich umdrehen. Sie tat es nicht, kämpfte gegen ihren Fluchtinstinkt an und konzentrierte sich auf die Instinkte, die sie aus dieser höllengleichen Situation befreien konnten.

Kampf.

»Sind sie sich schon begegnet?«, fragte sie leise, aus Furcht, jemand könnte vor ihnen sein und sie belauschen. Im Augenblick befanden sich nur sie beide auf dem langen, sich windenden weißen Korridor, doch sie hatte keine Ahnung, wohin sie gingen. Sobald sie um ein paar Ecken gebogen waren, wusste sie den Weg zurück nicht mehr.

»Einige Male«, antwortete Ruckus aus dem Mundwinkel. »Sei nicht zu nett, aber auch nicht zu unhöflich. Denk daran, unser aller Leben hängt von dir ab.«

»Sie wissen nichts von dem Apparat, oder? Der das hier mit mir gemacht hat?«

Er schüttelte den Kopf.

Das war doch wenigstens etwas. Selbst wenn sie während des Treffens merkwürdig wirkte, konnte der Zane nicht zwangsläufig zu dem Schluss gelangen, dass sie eine andere war, die sich als die Lissa ausgab. Nur ein Wahnsinniger würde sofort auf diese Idee kommen.

Vor sich hörten sie Stimmen und gingen um eine weitere Ecke in einen großen quadratischen Raum. Er lag im Zentrum einer Kreuzung, in alle vier Richtungen führten Korridore davon ab.

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