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Inkubus

Inhalt

  1. Cover
  2. Inhalt
  3. Über den Autor
  4. Titel
  5. Impressum
  6. Widmung
  7. Vorspann
  8. Zitat
  9. Kapitel I
  10. Kapitel II
  11. Kapitel III
  12. Kapitel IV
  13. Kapitel V
  14. Kapitel VI
  15. Kapitel VII
  16. Kapitel VIII
  17. Kapitel IX
  18. Kapitel X
  19. Kapitel XI
  20. Kapitel XII
  21. Kapitel XIII
  22. Kapitel XIV
  23. Kapitel XV
  24. Kapitel XVI
  25. Kapitel XVII
  26. Kapitel XVIII
  27. Kapitel XIX
  28. Kapitel XX
  29. Kapitel XXI
  30. Kapitel XXII
  31. Kapitel XXIII
  32. Danksagung

Über den Autor

Luca Di Fulvio, geb. 1957, lebt und arbeitet in Rom, wo er als freier Schriftsteller arbeitet.

Luca Di Fulvio

Inkubus

Thriller

Aus dem Italienischen von
Katharina Schmidt und Barbara Neeb

Mein Herz, lass uns doch

treu zusammenhalten! Die Welt scheint dort

vor uns zu liegen wie ein Feld aus Träumen,

voll Vielfalt, strahlend hell und neu.

In Wahrheit schenkt sie Freude nicht,

noch Schönheit oder Liebe.

Nicht Frieden oder Sicherheit und Hilfe

nicht dem Schmerzgebeugten.

Und wir verharren hier in einer Welt aus Dunkelheit,

gestreift von wirren Warnungen vor Kampf und Flucht,

wo unbekannte Heere nachts aufeinandertreffen.

(Matthew Arnold: Dover Beach)

I

»Ist dir kalt?«, fragte der Junge lächelnd aus dem Wageninneren heraus und neigte leicht den Kopf.

Der dicke Mann, der auf der Motorhaube kniete, wandte ihm den Rücken zu und murmelte irgendetwas Unverständliches.

Der Junge achtete nicht darauf. Die Erwachsenen spielten immer so seltsame Spiele. Manchmal konnte man richtig Angst davor bekommen. Die Erwachsenen hatten auch so erwachsene, große Gesichter, große Augen und große Hände. Und sie rochen wie Erwachsene. Ihre Stimmen klangen erwachsen. Und ihre Worte waren die von Erwachsenen. Deshalb spielte er sonst lieber allein. In einer Welt, deren Größenverhältnisse zu ihm passten.

»Ist dir kalt?«, fragte der Junge noch einmal höflich, beugte sich durch die zerbrochene Windschutzscheibe des Wagens hinaus und streckte seine Kinderhand vor, um die Motorhaube zu berühren. Er legte sie mit der geöffneten Handfläche nach oben neben das fette Bein des Mannes, der ihm immer noch den Rücken zuwandte und unentwegt vor sich hin jammerte. Die Karosserie oberhalb des Motors war noch lauwarm. »Sie ist noch warm«, erklärte der Junge lächelnd und konzentrierte sich wieder ganz auf die Knoten.

Er zog an einem Ende der Schnur, wickelte sie noch einmal um die Schiene, auf der der Fahrersitz vor- und zurückgeschoben werden konnte, und als er spürte, dass sie genau richtig gespannt war, verknotete er sie. Dann wandte er sich dem anderen Ende des Seils zu. Er zog auch diese Seite straff, wickelte es diesmal um die Führungsschiene des Beifahrersitzes und machte wieder einen Knoten. Schließlich strich er mit einer Hand über die weißen Knöchel des fetten Mannes.

»Ist es zu fest?«, fragte er.

Der Mann grunzte ängstlich, aber er wandte sich nicht um.

Der Junge verkroch sich ganz hinten im Wagen und kämpfte mit den Tränen. Er konnte sich einfach nicht daran gewöhnen, wie ein Erwachsener zu reden.

»Du machst mir keine Angst!«, brüllte er den fetten Mann auf einmal wütend an.

Dann kletterte der Junge hastig aus dem Wagen und überprüfte die Seile, die an der vorderen Stoßstange des Wagens befestigt waren. Ja, sie waren straff gespannt und hielten. Genau wie die anderen Seile und die übrigen Knoten. Dann schaute er dem fetten Mann direkt in die Augen, aber er schrie ihm nicht noch einmal entgegen, dass er keine Angst vor ihm hatte. Wenn er sich wirklich nicht fürchtete, hatte er kein Bedürfnis, sich mitzuteilen. Der Junge begnügte sich damit, ihm ganz direkt in die Augen zu schauen und den Blick nie zu senken. Dies war ein Kräftemessen zwischen den beiden – wer zuerst wegsah, hatte verloren. Es war ein Spiel. Der, der zuerst blinzelte, hatte verloren. Der fette Mann hielt das nicht lange durch. Danach zog sich der Junge wieder in den Wagen zurück und streckte sich auf dem Rücksitz aus.

Er musste sich den Ort nicht ansehen, an dem sich der fette Mann und er aufhielten, er kannte ihn in- und auswendig und sah ihn sich bisweilen gern an. Wenn er sehr mutig war, wagte er sich bis auf den Platz hinunter, aber das kam selten vor, da ihm dieser Ort fast immer Angst einjagte. Doch jedes Mal, jedes dieser seltenen Male, wenn er es dennoch tat, kam er erregt und außer Atem zurück und hörte den Schlag seines kleinen Herzens dröhnend in seinen Ohren hämmern. Er war stark gewesen, sagte er sich. Und mutig. Doch diese Angst, die er jetzt empfand, fühlte sich anders an. Als ob Angst vielerlei Formen annehmen konnte. Schreckliche. Aber bisweilen auch schöne. Oder zumindest beinahe.

»Eins … zwei … drei … vier … fünf … sechs … sieben … acht … und neun«, sagte er ganz leise, während er auf dem Rücksitz des Wagens lag, und zählte an seinen Fingern ab, wie alt er war. »Eins … zwei … drei … vier … fünf … sechs … sieben … acht … und neun«, zählte er immer und immer wieder, und es klang wie ein Lied, wie ein Wiegenlied. »Eins … zwei … drei … vier … fünf … sechs … sieben … acht … und neun«, als betete er einen Rosenkranz herunter. Als gäbe es nichts darüber hinaus. Als enthielten diese neun kleinen Zahlen die gesamte Welt. Wie ein Käfig mit neun Gitterstäben, neun Seiten und neun Schlössern. Wie ein Stern mit neun Zacken. Wie ein Ungeheuer mit neun Augen, neun Fangarmen und neun weit aufgerissenen Mäulern. Wie ein Zauberer mit neun Tricks. Wie neun Küsse. Er liebte dieses Spiel mit der Neun. Vielleicht würde er eines Tages neun Häuser haben, neun Freunde, neun Hunde, neun Autos und neun Flugzeuge. Würde neun Prinzessinnen heiraten. Und neun Drachen besiegen.

»Ich bin neun Jahre alt«, sagte der Junge laut und streckte hinter dem Rücken des fetten Mannes nacheinander neun Finger hoch. Dann legte er sich wieder der Länge nach auf den Rücksitz des Wagens.

Wenn er Angst hatte, wiederholte er dieses Spiel ohne Unterlass, zählte immer wieder bis neun, so lange, bis die lange Folge niedriger Zahlen als Summe eine einzige große Zahl bildeten und er sich dadurch selbst überzeugte, dass er jetzt genauso erwachsen war wie die, vor denen er sich immer gefürchtet hatte. Dann erschien ihm die Angst nicht mehr so beängstigend, und all diese schlimmen Erwachsenendinge verloren an Größe und Schrecken.

Doch jetzt hatte er Angst.

Er spürte genau, wie all dieses an ihm klebende Blut auf ihm erkaltete und langsam zu einer harten Schicht erstarrte, wie eine Schlammkruste, die jedes Mal Risse bekam, wenn er weinte und dabei die Augen zusammenkniff. Wie ein eiskaltes, zu enges Kleid.

Jetzt hatte er Angst. Aber er empfand auch Wut.

Der Junge setzte sich auf, betrachtete erst forschend seine Hände, seinen Körper und schließlich sein Gesicht im Rückspiegel.

Auf seinem Körper war kein Blut zu sehen. Nicht der kleinste Fleck. Er wusste, dass kein Blut auf seinem Körper war. Doch trotzdem spürte er all dieses Blut, das auf seinem Körper erkaltete. Dieses weiße Blut. Dieses rote Blut. Beide so klebrig und warm. Das Blut der Erwachsenen ergoss sich auf seinen Körper, den Körper eines neunjährigen Jungen. Das rote Blut, das zu jenem weißen Blut verblasste. Das weiße, das sich rot färbte.

Obwohl der Junge jetzt Angst und Wut empfand, freute er sich dennoch richtig auf dieses neue Spiel.

Er stieg wieder aus dem Wagen und blickte zu den Sternen hoch, die sich hinter dem milchigen Schleier des Himmels verbargen. Er wusste einfach, dass sie dort waren. Einige, nein viele von ihnen waren trügerisch. Alle. Alle bis auf einen. Nur der Stern des Lichts war wahrhaftig. Der Stern mit den neun Zacken. Der rote Stern, der das Blut aufspritzen ließ. Der Stern mit den neun Händen, die ihm das Blut vom Körper wischten. Der Stern der neun Zärtlichkeiten, der neun und neun und abermals neun Zärtlichkeiten. Der die neun Fesseln zerrissen hatte. Diese neun sanften Stimmen, die mit dem Stern neunmal liebevoll seinen Namen gerufen hatten. Diese neun Träume, die die neun Albträume besiegt hatten. Diese neun Blüten, die aus seinen neun Jahren erblüht waren. Die neun Adern, die seine kindlichen Sünden ausbluteten, die ihm neunmal seine Besudelung abwuschen. Die neun strahlenden Blitze, die die Angst vertrieben, die Dämonen besiegten und die schändlichen Laster der Erwachsenen auslöschten. Diese blitzenden Lichter, die ihre großen, zuckenden Körper erschlaffen, sie wie Lanzen strecken ließen.

Wie gebannt ging der Blick des Jungen hinunter zu jenem Ort, als könne er nicht anders, als müsste er das anstarren, wovor er am meisten Angst hatte, ja als empfände diese Angst ein merkwürdiges, geradezu perverses, erwachsenes Vergnügen darin, sich selbst heraufzubeschwören, ein Erschauern, ein Schwindel, ein tränenersticktes Lachen, eine Erregung, die ihn atemlos zurückließ – da fiel sein Blick auf die Uhr. Lächelnd machte er sich auf den Weg die unbefestigte Straße hinunter, die nur aus spitzen Steinen zu bestehen schien, ohne den fetten Mann eines Wortes zu würdigen, der immer noch auf der Kühlerhaube kniete und ihm jetzt hinterherstarrte. Er konnte diesen Blick deutlich auf seinen kindlichen Schultern spüren. Der Junge ging genau fünfzig Schritte abwärts in die Dunkelheit hinein, bevor er über die ordentlich aufgestapelte Mauer aus Bordsteinen stieg und in den schwachen Lichtkreis der einzigen Straßenlaterne trat. Ein gelblicher, runder See, gespeist aus Strahlen, die wie welkes Laub auf den rauen, holprigen Asphalt dieser Vorstadtgegend mit ihren Rohbauten fielen.

Langsam ging er auf den hohen Pfahl aus grauem Gusseisen zu, der am unteren Teil schon Rost angesetzt hatte, und kletterte flink hinauf. Ganz oben an seiner Spitze leuchtete die Uhr. Als er die richtige Höhe erreicht hatte, klammerte er sich mit den Beinen am Pfosten fest und holte sein Taschenmesser heraus. Damit brach er das Metallgehäuse an der Vorderscheibe auf, die das Zifferblatt schützte, klappte sie auf und stellte die Zeiger auf neun Uhr. Dann drehte er sich zu dem fetten Mann auf dem kleinen Hügel um und starrte unbeweglich in die Dunkelheit. Er konnte ihn nicht erkennen, doch er wusste genau, dass der Dicke ihn sehen konnte. Ganz sicher beobachtete er ihn. Dann klappte er die Scheibe vor der Uhr wieder zu und ließ sich zu Boden gleiten.

Einen Moment lang war er versucht, sich zu jenem Ort umzudrehen, doch er wusste, dass er ihm nun schon zu nahe gekommen war. Allzu deutlich spürte er seinen heißen, klebrigen Atem, der sich wie eine zu enge Schlinge um seinen mageren Hals legte, wie ein Spinnennetz, das ihn gefangen halten, seine Handgelenke und Knöchel an einen Tisch fesseln würde, der zu hoch für ihn war, zu hoch für einen neunjährigen Jungen. Diese Kante, die sich hart und schneidend in sein Brustbein bohrte. Die über den Kopf gestreckten Arme und die festgebundenen Hände, das Blut auf seinem Gesicht und dem nackten fröstelnden Körper. Das warme Blut, das allmählich erkaltete, erstarrte, als würde es gemeinsam mit diesem Schmerz der Erniedrigung vergehen, der ihn zum Weinen gebracht hatte wie eine Frau.

Der Junge war wie gelähmt. Es kam ihm vor, als versänken seine Füße in einem weißen, klebrigen Schlamm, und die Gesichter der Erwachsenen, der Großen, schienen noch größer und furchterregender, als erwachten sie gerade aus einem langen Schlaf und wollten ihn wieder packen, ihn wieder an diesen Ort verschleppen. Als wollte er selbst sie zu neuem Leben erwecken, obwohl er doch Angst vor ihnen hatte. Als fehlten sie ihm irgendwie. Als wäre dieses Spiel der Erwachsenen an jenem dunklen Ort, unter diesen Häusern, die nie jemand fertig gebaut, die nie jemand bewohnt hatte, alles, was er hatte.

Der Junge wandte sich um, obwohl ihm das Herz bis zum Hals schlug, aber er musste es tun. Weil er an diesen Ort gehörte. Weil dieser Ort in ihm war. Wie das rote Blut, das sich mit dem weißen vereinigte und auf seinem kleinen, zerbrechlichen nackten Körper erstarrte. Wie diese Angst, die manchmal gar nicht so schrecklich war, sondern sogar schön sein konnte. Er drehte sich um, weil das alles war, was er hatte. Weil in der Dunkelheit dieses Licht leuchtete. Weil man diese Sterne nur nachts sah. Er drehte sich um und spürte, wie sich der Abgrund dieses Ortes drohend öffnete, zähnefletschend, als wollte er ihn wie damals verschlingen. Und dann spürte er wieder die faulige Ausdünstung dieses Ortes, die ihn wie in einem Strudel erfasste und dorthin trieb.

»Ich bin neun Jahre alt!«, schrie er plötzlich und rannte weg. Sprang über die Mauer aus Bordsteinen, die er so sorgsam und ordentlich aufgestapelt hatte, über den Lichtsee unter der Straßenlaterne, die sich mit ihrem bernsteinfarbenen Schein gegen den Nebel und die aufsteigende Feuchtigkeit der Nacht zu behaupten suchte. Ohne sich umzudrehen, rannte er die kleine Schotterstraße hinauf, die ganz nach oben auf den kleinen, mit Dornengestrüpp bewachsenen Hügel führte, und ließ sich dort keuchend auf die Motorhaube des Wagens sinken, wo der fette Mann immer noch auf ihn wartete, kniend, nackt und jammernd. Seine Kinderhand berührte das Knie des fetten Mannes, glitt über seine glatte, kalte, schwabbelige Haut. Er streichelte ihn mit geschlossenen Augen, wie er es beim Spiel der Erwachsenen gelernt hatte, denn manchmal schien es ihm, als könne er gar nicht anders. Manchmal bereitete es ihm sogar Vergnügen. Fühlte sich an wie ein sicherer Hafen, ein Zuhause, eine Zuflucht. Genauso, als würde man das eigene Alter an den Fingern abzählen.

»Eins … zwei … drei … vier … fünf … sechs … sieben … acht … und neun«, murmelte er jetzt wieder vor sich hin und streckte für jedes Lebensjahr einen Finger hoch. »Eins … zwei … drei … vier … fünf … sechs … sieben … acht … und neun«, zählte er immer und immer wieder, es klang wie ein Lied, wie ein Wiegenlied, dabei lag er ausgestreckt auf der Motorhaube, die sich jetzt genauso warm anfühlte wie der Körper eines Erwachsenen.

Als der Junge zu Atem gekommen war und merkte, dass dieser Ort wieder dorthin zurückgekehrt war, wohin er ihn vertrieben hatte, nicht sehr weit weg, jedoch tief genug in seinem Innern verborgen, dass er nicht befürchten musste, er würde ihn ausspucken, wenn er plötzlich würgen musste, so tief in seinem Kopf versteckt, dass er nicht mehr diesen bitteren, klebrigen Geschmack im Mund spürte, stand er auf, ging zur Rückseite des Wagens, wo er an der hinteren Stoßstange ein dünnes Stahlseil befestigte.

Er nahm die Nadel, eine dicke Stopfnadel, und fädelte das Garn ein, eine Paketschnur aus Hanf.

»Eins … zwei … drei … vier … fünf … sechs … sieben … acht … und neun«, betete er herunter wie einen Rosenkranz. Als setze sich die Welt nur aus diesen neun Zahlen zusammen. Als könne er nicht erwachsen werden.

Vielleicht hatte er jetzt ein neues Spiel gefunden.

Er stemmte sich auf die Motorhaube hoch und kniete sich mit Nadel und Faden in einer Hand vor dem fetten Mann hin.

Nähen war eigentlich Frauensache. Aber ihm hatte man ja mehrere Dinge beigebracht, die sonst nur Frauen taten.

Der Junge nahm die Unterlippe des fetten Mannes zwischen Daumen und Zeigefinger der linken Hand und stülpte sie mit festem Griff nach außen. Dann stach er von unten mit der Nadel in die Lippe, durchbohrte sie etwa in der Mitte und drückte sie nach oben, bis auch das dicke Nadelöhr hindurch war. Die Paketschnur färbte sich rot.

Die Erwachsenen hatten ihm beigebracht, Frauendinge zu tun, deshalb schämte er sich auch nicht dafür, zu nähen wie eine Frau, wie es vermutlich ein anderer Junge in seinem Alter getan hätte.

Der Junge nahm die Oberlippe des fetten Mannes zwischen Daumen und Zeigefinger, durchbohrte das Fleisch wieder mit der Nadel und beobachtete, wie die Schnur sich noch stärker rötete.

Er verknotete beide Enden doppelt und schnitt den überstehenden Rest ab.

Am liebsten wäre er in lautes Gelächter ausgebrochen. Das Gesicht des fetten Mannes sah wirklich zu komisch aus.

Dann durchbohrte er die Lippen ein wenig weiter rechts, knotete sie ebenfalls zusammen und wiederholte das Gleiche weiter links.

In der Ferne füllte sich die Geisterstadt mit Seufzern und Heulen.

Nun kamen sie, um sein Spiel zu spielen.

Der Junge lachte zufrieden. Wie ein Kind, das erst neun Jahre alt ist.

Ein leises, sorgloses Lachen, das sich nicht um die riesigen Schatten der Nacht scherte.

II

Er hatte ihn nach vielen Jahren wiedergefunden. Es war Zufall gewesen. Oder ein Wunder. Oder vielleicht ein grausamer Scherz des Schicksals. Oder auch alles zusammen. Und für jede dieser Möglichkeiten gab es ein anderes Motiv. Drei Gründe, drei unterschiedliche Ziele.

Er hatte beschlossen, sich umzubringen. Ganz ohne es vorher zu planen, er wusste nicht einmal, auf welche Weise. Nur, dass es diese Nacht passieren würde, bevor die bleiche Sonne wieder über dieser Stadt aufging. Denn sie würde seine Wut und seinen Schmerz weiter anheizen und ihm damit ein trügerisches Gefühl der Erfülltheit geben. Trügerisch, weil er vor zwölf Jahren in einem Vakuum versunken war, vielleicht auch schon viel früher, in einem seiner zahlreichen Leben, die er hinter sich lassen musste. In einer von den vielen Ausgestaltungen seiner selbst, einer der allzu vielen Identitäten, in die er einmal geschlüpft war und die er verraten hatte, um sich dann jedes Mal in jemanden zu verwandeln, der ihm noch weniger gefiel.

Er hatte also beschlossen, sich umzubringen. Und erst nachdem er ziellos durch die Stadt gelaufen war, war ihm eine Idee gekommen, wie er es tun würde. Als er sich über das Geländer gebeugt und das stehende Wasser des Hafens unter sich gesehen hatte, das nur einen tödlichen Sprung von ihm entfernt war, hatte er sich entschlossen hineinzuspringen. Er hatte seinen Sprung schon vor sich gesehen: Wind in den Haaren, und ein Körper, der sich im Fall auflöst. So leicht wie der Flug eines Schmetterlings. Und genauso kurz wie dessen Leben war sein eigenes, in dem nicht einmal genug Zeit geblieben war, sich eine Vergangenheit zu schaffen. Ein Leben, das keine Zukunft hatte. Das nur in der Gegenwart, im kurzen, intensiven Erleben des Augenblicks existierte. Ein Sprung ins Nichts wäre eine Zusammenfassung seines ganzen Lebens. Sein letztes Leben, die endgültige Verwandlung. Trunkenheit. Tod. Er spürte schon, wie sich in jener Nacht die Schwingen des Todes über ihm ausbreiteten. Kurz vor einem Morgen, der für ihn nie anbrechen sollte.

»Willst du es tun?«, hatte plötzlich eine Stimme hinter ihm gefragt und sich in sein Schweigen gedrängt, hatte all die Klagelaute und den Lärm der Stadt gleichsam ausgelöscht. »Willst du es tun?«, hatte die Stimme beharrlich weitergefragt. Eine Stimme, die so rau und sinnlich die Stille durchdrang, dass er nicht anders konnte, als sich umzudrehen.

Die Nutte war groß, mager, hatte schmale Hüften und lange Beine. Blond gefärbte Haare, die beinahe schon weiß wirkten. Fast so weiß wie ihre Haut. Und dann wie ein lebendiger, zitternder Blutfleck, wie eine Wunde, diese mit tiefrotem Lippenstift betonten vollen Lippen, die so weich sein mussten wie die Blütenblätter einer Kamelie. Die raue Stimme einer Frau, eines jungen Mädchens. Breitschultrig und flachbrüstig.

»Hau ab«, hatte er zu ihr gesagt. Ohne es wirklich so zu meinen.

»Für dich mach ich’s umsonst«, hatte die Nutte mit der heiseren Stimme zu ihm gesagt.

»Ich bin schwul, hau ab!«

»Du kannst mich von hinten nehmen und dabei nennen, wie du willst.«

»Ich steh nicht auf Frauen, kapierst du das nicht?«

Blitzschnell, ehe er die Nutte daran hindern konnte, war sie ganz dicht an ihn herangetreten, hatte ihn mit unerwarteter Kraft am Handgelenk gepackt. Mit der anderen Hand hatte sie ihren kurzen, nachtblauen Rock gehoben, der dabei zwischen ihren eng aneinandergepressten Körpern raschelte. Dann hatte sie seine Hand unter den Gummibund ihres Slips und zwischen ihre Beine geschoben. »Für dich mach ich’s umsonst«, hatte sie ihm schwer atmend ins Ohr gekeucht, während das Stück Fleisch, das sie ihn zu berühren und zu umklammern zwang, hart wurde und anschwoll. Eine raue Stimme hatte sie. Wie eine Frau, wie ein kleiner Junge, aus dem jetzt ein Mann geworden war.

Er hatte ihn nach vielen Jahren wiedergefunden. Es war Zufall gewesen. Oder ein Wunder. Oder vielleicht ein grausamer Scherz des Schicksals. Oder auch alles zusammen. Und für jede Möglichkeit gab es ein anderes Motiv. Drei Gründe, drei unterschiedliche Ziele.

Er hatte ihn an den Haaren gepackt, um ihn von sich wegzuzerren. Doch dann hielt er plötzlich die Perücke in der Hand, wie einen Skalp. Und als er die Narbe bemerkte, begriff er auf einmal, dass er nicht sterben, nicht von dieser Brücke ins Wasser springen würde. Nicht in dieser Nacht. Nicht solange er Luz an seiner Seite haben konnte.

Er hatte ihn wiedergefunden. Zufällig. Wie durch ein Wunder. Weil es sein Schicksal war, Luz wiederzutreffen.

Jetzt, knapp ein Jahr später, saß er am Tresen des Dover Beach und lächelte ihn immer noch an.

Was ihn stets an Luz beeindruckt hatte, war dieses innere Leuchten und diese besondere Art von Leichtigkeit.

Das Lokal war düster und verqualmt. Die Gäste tauschten anzügliche Blicke, verständigten sich mit sparsamen Gesten, um dann in der Dunkelheit der Toiletten oder in den entlegeneren Winkeln des Lokals schnellen Sex miteinander zu haben. In der Luft lag bedrückende Schwüle und Fäulnis. Diese Atmosphäre der Verderbtheit konnte auch die Klimaanlage nicht herausfiltern. Über allem lastete der dumpfe Geruch nach Männerschweiß, Sex und Alkohol. Die gedämpfte Beleuchtung ließ noch mehr Schatten entstehen. Schatten, die in der Dunkelheit des Lokals ihr Spiel trieben. Schemenhafte, flüchtige, gierige Schatten.

Luz lächelte den Kunden zu, während er zwischen den Tischen hin und her lief, in die Separees schaute und plötzlich die Türen zu den Toiletten aufriss. Er schenkte jedem ein Lächeln, und jeder dachte, dass dieses Lächeln etwas ganz Besonderes sei, das nur ihm allein galt. An diesem Abend trug er ein schwarzes Seidenkleid, dessen langer geschlitzter Rock Beine in dünnen blauen Strümpfen sehen ließ. Von den Schultern baumelten – ebenso goldglänzend wie seine hochhackigen Schuhe – zwei Epauletten, die von der Uniform eines hohen Offiziers stammen mussten. Er trug eine platinblonde, beinahe weiße Perücke, deren Locken sich um seinen langen, schmalen Hals ringelten. Sein Gesicht war wie immer sehr blass. Während er lachte und die Gäste unterhielt, klimperte er mit den Wimpern, und sein Mund öffnete und schloss sich so schnell, als müsse er nach Luft schnappen, um nicht zu ersticken oder in einem Strudel aus Schmerz und Lust zu ertrinken. Im Schwung seiner weichen, vollen, samtig roten Lippen lag die ganze Sinnlichkeit einer Jugend, die sich noch nicht eindeutig für ein Geschlecht entschieden hatte.

In den Augen des Mannes war Luz auch kaum mehr als ein Junge. Erst in letzter Zeit kam es ihm vor, als entdeckte er bei ihm Anzeichen des Erwachsenwerdens. Luz war kaum mehr als ein Junge, der sich wie eine Frau anzog. Und der Mann wusste, dass er unter diesen Kleidern weiße Baumwollslips trug, wie man sie in größeren Kaufhäusern fand. Jungenunterwäsche.

Luz sah auf die Uhr, dann gab er dem Mann ein Zeichen und ging hinaus.

Einige Gäste versuchten, ihn aufzuhalten. Für diese Leute war der Junge nur eine der Attraktionen des Dover Beach. Eine sexuelle Attraktion. Doch dem Mann bedeutete er viel mehr. Er kannte Luz, seit der ein kleiner Junge gewesen war. Seit dem Moment, als er in dessen Augen sich selbst wiedererkannt hatte.

Der Mann blickte zu der Tür, hinter der Luz verschwunden war, und lief zum Ausgang auf der anderen Seite des Raumes. Ein Schwuler mit einem außergewöhnlich breiten Mund kam hüftschwenkend auf ihn zu. Der Mann stieß ihn wortlos zur Seite und ging weiter. Er grüßte einen der beiden Türsteher, die am Eingang des Lokals herumstanden, mit einem Augenzwinkern und trat ins Freie hinaus.

Wie immer hing über der Altstadt dieser Gestank nach Feuchtigkeit und Katzenpisse. Der Himmel war bedeckt und drückend. Der Mann bog nach rechts ab und schlüpfte in eine schmale Gasse, die am Dover Beach entlangführte. Er lief, bis er zu einem übelriechenden kleinen Platz, ganz am Ende, kam, wo es nicht mehr weiterging und dicht an dicht Mülltonnen standen, die zu diesem Schwulenlokal gehörten.

Kurz darauf öffnete sich eine mit obszönen Sprüchen und Telefonnummern vollgekritzelte Tür, von der die rosa Farbe abblätterte.

Luz trat heraus, über seiner Transvestitenkluft trug er jetzt eine kurze, ehemals rote Lederjacke, die rissig und an den Ellbogen abgeschabt war.

Der Mann lächelte ihn an.

Der Junge kam auf ihn zu. Eines seiner Unterlider war verschmiert von zerlaufener Wimperntusche.

Der Mann zog ein Taschentuch heraus, wickelte es stramm über die Spitze seines Zeigefingers und hielt es dem Jungen an den Mund, der kurz daraufspuckte. Dann packte der Mann Luz mit einer ebenso entschiedenen wie zärtlichen Bewegung im Nacken und wischte ihm mit dem Taschentuch den Trauerrand unter dem Auge weg.

Beide lachten darüber.

»Danke, Papa«, meinte Luz.

»Nenn mich nicht so. Du weißt doch, dass ich das nicht mag.«

Beide schlenderten wortlos, die Hände in den Taschen vergraben, von diesem dunklen kleinen Platz weg die Gasse entlang bis zur nächsten Straßenlaterne. Links von ihnen blinkte die geschmacklose Leuchtreklame des Dover Beach auf. Sie blieben vor dem Lokal stehen und musterten stumm ihre Schuhspitzen. Doch ihr Schweigen hatte nichts von Verlegenheit an sich. Von drinnen klang gedämpft die Melodie eines Songs.

»Warum gehst du nicht nach Hause?«, fragte der Mann. »Es ist kalt heute Nacht.«

»Hab keine Lust«, antwortete Luz. »Macht es dir was aus?«

»Nein«, log der Mann.

Luz lächelte. Er hatte strahlend weiße, gleichmäßige Zähne. Wenn er lächelte, kniff er die Augen leicht zusammen, sodass sich ringsum kleine, hellere Fältchen bildeten. Seine Augen wirkten unglaublich durchdringend. Augen, die mit keinem inneren Organ verbunden zu sein schienen, nicht einmal mit dem Herz oder dem Gehirn, Augen, die ihrem Gegenüber nichts preisgaben, nicht einmal Hass, und nicht verrieten, was sich hinter diesen wie Glasscheiben wirkenden Augen verbarg. Augen, von denen ein einzigartiges Leuchten ausging, Augen, die Bände sprachen. »Was ist mit dir?«, fragte der Junge zurück, während sein Lächeln in ein helles, klares Lachen überging, aus dem keinerlei Bosheit herauszuhören war. »Gehst du wieder da rein?« Der Junge wies mit seinem sanft gerundeten Kinn auf das Dover Beach.

»Nein. Ich hab Nachtschicht«, antwortete der Mann. »Ist dir auch bestimmt nicht zu kalt?«, fragte er mit gespielter Unbekümmertheit.

»Hör endlich auf, dir Sorgen zu machen«, sagte Luz in zärtlichem Ton und legte ihm eine Hand auf den Arm.

Sein Gesicht wirkte genauso heiter wie das seines Gegenübers. Beide waren gleich groß, aber der andere Mann war kräftig gebaut, hatte eine breite Nase und kurze Haare, die seine markanten, angespannt wirkenden Gesichtszüge betonten.

Der Mann lächelte noch einmal, wobei sich seine dunklen, ein wenig abwesend wirkenden Augen zu schmalen Schlitzen zusammenzogen. Dann zündete er sich eine Zigarette an und wandte sich, den Rauch über ihrer roten Glut ausstoßend, dem Eingang des Lokals zu. Er spürte noch, wie ihm eine Hand zart über den Rücken strich, dann hörte er, wie der Junge auf seinen hohen Pfennigabsätzen davonstöckelte. Er wartete noch einen Augenblick, dann drehte er sich um und sah ihm nach, wie seine schlaksige Gestalt mit eleganten Schritten im Dunkel der Altstadt verschwand. Luz bewegte sich unglaublich geradlinig und grazil. Wie ein Windhund. Oder ein Vogel. Jede seiner Bewegungen, mochte sie auch noch so schnell sein, wirkte dennoch so konzentriert, als würde sie in Zeitlupe ausgeführt. Beispielsweise hingen seine Arme nicht kraftlos am Körper herab, sondern hatten eher etwas von der scheinbar trägen Schlaffheit eines Fangarms, oder besser gesagt von der unverkrampften Spannung und Leichtigkeit von Flügeln. Wie ein Dirigent gaben sie in Harmonie mit dem übrigen Körper stets unbewusst den Rhythmus seiner Schritte vor. Und dann dieser wohlgeformte Körper mit den schmalen Hüften und dem breiten, aber knochigen Oberkörper, auf dem sich die Brustmuskulatur noch stärker abzeichnete, deutlich seine Männlichkeit signalisierend, und darüber die zarten Härchen wie eine weiche Federstola.

»Wirst du nach ihm suchen?«, fragte der Mann ganz leise.

Der Junge bog um die Ecke und verschwand. Nun verhärtete sich das Gesicht des Mannes wieder und das Lächeln verschwand daraus. Er rieb sich seine breite Boxernase, warf die Kippe an die gegenüberliegende Hauswand und entfernte sich in entgegengesetzter Richtung.

Als er an der getönten Glastür des Dover Beach vorbeikam, betrachtete er sich kurz darin.

Er war nun fast fünfzig und fühlte sich kraftlos. Sein Anblick ekelte ihn so sehr an, dass er in seiner Wohnung alle Spiegel außer den im Bad abgehängt hatte, den er zum Rasieren brauchte. Doch inzwischen war ihm auch dieser morgendliche Blick in den Spiegel unerträglich geworden. Vielleicht sollte er sich einen Bart wachsen lassen, dann könnte er auch diesen letzten Spiegel wegwerfen. Der Mann lief noch zwanzig oder dreißig Meter weiter, während er wütend die Hände in den Taschen vergrub und zornig den ganzen Abfall wegkickte, der ihm vor die Füße kam. Plötzlich blieb er stehen.

»Wirst du auch heute Nacht nach ihm suchen?«, schrie er in die menschenleeren Gassen hinaus.

Dann machte er kehrt, lief eilig zum Dover Beach zurück, trat ein und gab dem Schwulen mit dem auffallend breiten Mund einen kurzen Wink. Er ging zu den Toiletten, aus denen bereits Stöhnen und Keuchen zu hören war. Dort wartete er kurz auf den Breitmäuligen, trat dann, als er nicht kam, wieder heraus, packte ihn am Handgelenk, drehte ihm den Arm auf den Rücken und schob ihn brutal durch die Tür. Zwischen ihnen wurde kein einziges Wort gewechselt, aber das war auch nicht nötig. Der Mann drückte ihn mit seiner kräftigen Hand auf dem Nacken nach unten und zwang ihn, sich auf diesen weißen, glitschigen Fliesen niederzuknien. Er ließ zu, dass der andere den Reißverschluss seiner Hose öffnete und sein mächtiges Glied herausholte. Während die Vorhaut von der Eichel glitt, bemerkte er, dass der andere wie ein erfahrener Stricher nur darüberhauchte.

»Schluss mit dieser Luftnummer«, befahl Palermo. »Jetzt lass mich mal sehen, was du wirklich draufhast«, und drückte den Kopf des anderen gewaltsam auf seinen angeschwollenen, prallen Schwanz herunter.

Die Fliesen der Toiletten waren weiß, damit man das Sperma nicht so sah. Doch dadurch ließ sich nicht verhindern, dass sie glitschig wurden.

Der Mann brauchte nicht lange, um all die Bitterkeit herauszuschleudern, aus der sich seine Wut speiste.

Er würdigte den Schwulen, der würgend und hustend vor ihm kniete, kaum eines Blickes, ehe er ihn ohne ein Wort des Dankes beiseitestieß. Er zog den Reißverschluss seiner Hose hoch und rückte sich die Hoden zurecht. Dann verließ er das Dover Beach.

Die Möwen erfüllten den Himmel mit ihren herzzerreißenden Kinderstimmen und kämpften leidenschaftlich miteinander um die Herrschaft über ein Gebiet, das niemand auch nur geschenkt haben wollte. Der Mann blieb einen Moment stehen, schaute suchend hoch zu ihnen, zwischen zwei baufälligen Wohnblocks hindurch, die so eng nebeneinanderstanden, dass sie nur einen schmalen Spalt Nachthimmel sehen ließen, wie eine klaffende Wunde. Ab und zu tauchten dort die Vögel auf, weiße, flüchtige Silhouetten, kreischende Sternschnuppen, die jedoch keine Wünsche erfüllten, nicht einen Traum der Leute dort in der Altstadt wahr werden ließen. Dieser Altstadt, die bei den Jüngeren nur der »Käfig« hieß. Dann drang der klebrige Gestank von Schmutz und Körpersäften in seine Nase und holte ihn in die Wirklichkeit zurück.

In zehn Minuten begann sein Dienst. Er setzte sich in Bewegung, und nachdem er mehrere steil abfallende Straßen überquert hatte, sah er vor sich den Hafen mit seiner düsteren Silhouette, den mächtigen schmutzig grauen Wellenbrechern und den hoch in den Himmel aufragenden Kränen, den bedrohlichen Schatten der Frachter, dem Schornstein des Stahlwerks, das seit Jahren geschlossen war und doch niemals abgerissen wurde, als wollte sich die ganze Stadt auf diese Weise gegen eine Art Kastrationsakt wehren. Das unbewegliche Wasser des Hafens wirkte wie ein salziger See, ölig und schwer schwappte es gegen die von grünen Algenteppichen überzogenen Mauern und überschwemmte sie mit Dreck und Kohlenwasserstoff.

Der Mann beschleunigte seine Schritte. Als er sein Ziel erreicht hatte, griff seine Hand instinktiv nach der Pistole, die er im Gürtel seiner Hose trug und die gegen seinen Rücken drückte, dann klingelte er. Das grüne Licht der Überwachungskamera schaltete sich ein, dann surrte der Türdrücker.

»Guten Abend, Ispettore Palermo«, sagte der diensthabende Polizist.

Der Mann hob kurz die Hand zum Gruß, bevor er schwerfällig die erste Treppe zum Zwischengeschoss hinaufstieg. Er stieß die Glastür auf und verschwand in einem Raum, auf dessen Tür in alten, verkratzten Buchstaben stand: Sittendezernat – IV. Bezirk.

Eines war ihm an dem Jungen gleich aufgefallen: dieses innere Leuchten. Ein ganz besonderes, einzigartiges Licht. Strahlend und gedämpft zugleich. Das Licht der Dunkelheit. Der Junge hielt sich immer abseits, als wollte er nichts mit seinen Altersgenossen zu tun haben, als wäre er erwachsener als sie. Oder einfach zu verschieden von ihnen. Als täuschte der äußere Eindruck und er verstecke sich hinter diesem zerbrechlichen, anmutigen Körper, der männlich und weiblich zugleich wirkte. Als wären seine rosigen, üppigen Lippen zarte Blütenblätter, die man nur ansehen und nicht berühren durfte, und seine langen schmalen Finger Stängel, aus denen duftende Blumen erblühen sollten. Doch der Junge richtete seine Samtaugen niemals auf jemanden oder etwas in seiner Umgebung und wirkte wie eine dem Künstler misslungene Statue, die überall und nirgends hinschaut. Er hatte den Jungen lange beobachtet und sich, ohne zu wissen warum, von seinen ruhigen Bewegungen angezogen gefühlt, die von frühreifem Sex sprachen. Als ob sie etwas vorwegnehmen würden, das bereits geschehen war. Er hatte den Jungen beobachtet, als er nackt war, und dabei hatte sein Blick lange auf dessen gut entwickeltem, für sein Alter zu erwachsenen Penis verweilt, und er hatte gespürt, wie er errötete und ihn diese Röte bis ins Innerste durchdrang, wo er die Wahrheit, seine Wahrheit, verbarg und unterdrückte. Die er tief in sich begraben hatte, damit niemand sie je entdecken konnte. Damit niemand sie verraten konnte. Damit niemand ihn verspotten konnte.

Er hatte diesen verletzten Engel lange beobachtet, der mit der Natur, den Pflanzen und den Tieren redete, jedoch keine Notiz von den gleichaltrigen Jungen nahm, mit denen er sich nicht identifizierte. Der ihn nie auch nur einmal angesehen hatte. Ihn, der ihn ständig ansah, diesen stummen Engel, der mit niemandem auch nur ein Wort sprach, nicht einmal mit ihm, obwohl er doch keiner seiner Altersgenossen war, sondern einer von den »Großen«, die man bald verlegen würde.

Eines Tages hatte er sich im Hof neben ihn gesetzt, die Hände zwischen den Knien verborgen, in denen er ein Papiermesser hielt.

»Eines Nachts, wenn alle schlafen, komme ich zu dir«, hatte er ihm gedroht, um ihm Angst einzujagen. »Und dann schlitze ich dir diese Narbe am Kopf auf.«

Daraufhin hatte der Junge zu ihm hinübergeschaut und ihn zum ersten Mal überhaupt angesehen. Er hatte gelächelt, und seine Augen hatten sich mit Tränen gefüllt. Mit Freudentränen.

»Kommst du auch bestimmt?«, hatte er ihn gefragt. Seine Stimme klang rau. Und er sah aus wie ein Engel. Ein Engel mit einer rauen Stimme.

Er hatte sich in seinen Augen gespiegelt und dort verzerrt von der tränenfeuchten Hornhaut seine eigene Lebensgeschichte gesehen. Hatte gesehen, was er tun, wer er sein würde, wen er kennen lernen würde, wen er nie lieben und wen er bis in alle Ewigkeit lieben würde, über diesen Hass hinaus. Und er hatte gespürt, was er versuchen würde. Und wie es enden würde. Er hatte begriffen, dass ein Mann seine Wahrheit eines Tages mit Gewalt aus ihrem Heiligtum vertreiben würde. Ein verkleideter Mann, der eine Uniform trug. Ein Mann, der eigentlich schon tot war.

In der gleichen Nacht war er an das Bett des Jungen getreten.

»Komm«, hatte er zu ihm gesagt und dabei das Messer umklammert.

Und der Junge war ihm wortlos mit einem Lächeln auf den Lippen zu den Toiletten gefolgt. Sie hatten sich auf die kalten, weißen, glänzenden Bodenfliesen gesetzt, die nach Waschmittel und Bleiche rochen. Ein durchdringender Geruch nach Sauberkeit erfüllte die Luft.

»Leg deinen Kopf auf meine Beine«, hatte er dem Jungen befohlen. Und der hatte ihm gehorcht und sich ausgestreckt. Er hatte ihm die Haare beiseitegestrichen und die helle, wulstige Narbe entblößt, die sich wie eine gerade Linie ungefähr zehn Zentimeter lang von der Schläfe zur Wange zog. Er hatte sie mit seinen Händen berührt, sie zärtlich gestreichelt, als wolle er sie sich genau einprägen. Dann hatte er die Klinge des Messers hervorschnellen lassen, das er im Malunterricht gestohlen hatte. Und die Haut des Kindes eingeritzt. Das Mondlicht schien durch das kleine vergitterte Fenster ganz oben in der Wand und legte sich wie flüssiges Silber auf die Wunde, die sich öffnete.

»Du hast ja kein Blut …«, hatte er gesagt.

Da hatte der Junge sich umgewandt und ihn angesehen. Und er hatte in dessen Augen seine Geschichte gelesen und diese abgrundtiefe Traurigkeit, die so düster und unglaublich alt wirkte, dass er diesen Blick nicht ertragen konnte. Wütend hatte er seinen Kopf weggedreht und hatte verärgert die Messerklinge wieder in der Narbe versenkt und war noch tiefer ins Fleisch eingedrungen.

Daraufhin hatte sich das weiße Licht des Mondes rot verfärbt. Das klebrige, süßlich riechende Blut war über die weißen Fließen geflossen und hatte den scharfen, tröstlichen Geruch nach Reinigungsmitteln überdeckt. Der Junge hatte gehört, wie es tropfte, und sich lächelnd zu ihm umgedreht. Dann hatte er eine Hand an die klaffende Wunde gelegt und das Blut auf seinem Gesicht verteilt. Und wieder hatte er die Geschichte des Jungen vor sich gesehen. Der ein Engel war. Ein Engel des Schreckens. Ein verwundeter Engel, der in seinem Inneren die Geschichte aller Geschichten barg.

»Willst du mich küssen?«, hatte ihn der Junge gefragt und ihm seine Lippen hingehalten, die so rosig und zart wie Blütenblätter waren. Dann war er aufgestanden und hatte sich hingekniet, die Jacke seines himmelblauen Schlafanzugs aufgeknöpft und mit den langen schmalen Fingern, die wirkten wie Stängel, an deren Enden tiefrote Blüten sprossen, seinen Körper mit Blut beschmiert. »Willst du es tun?«, hatte er ihn gefragt.

Er hatte das Messer auf den nun nicht mehr unschuldig weißen Bodenfliesen abgelegt und ihn brutal geschlagen. Auf diese dick und blutrot geschminkten Lippen, auf diese Samtaugen, aus denen ihm alle Geschichten dieser Welt entgegenschrien, und er hatte diese zarten Blütenstängel geknickt, die blühende Liebkosungen verhießen, an denen er sich nicht erfreuen können würde. Hatte auf diesen Penis eingedroschen, der zu groß für ein Kind war, und plötzlich vor Erregung über das erneute Öffnen der Narbe, das er mit eigenen Händen vollzogen hatte, gewachsen war. Er hatte den Jungen auf diesen blutigen Fliesen liegen lassen, die für immer ihre Unschuld verloren hatten. Er hatte diesen unreinen Engel dort sterbend liegen lassen.

Noch in der gleichen Nacht war er aus dem Waisenhaus geflohen. Er war durch die Dunkelheit geirrt, auf der Suche nach etwas, was vielleicht noch rein war. Das nach Frische, Waschmittel und Bleiche duftete. Auf der Suche nach etwas Weißem.

Doch ab und zu, selbst nach all diesen Jahren, wurden die weißen Fliesen wieder beschmutzt.

Und in dieser Nacht des Blutes umklammerte seine Hand wieder das Papiermesser.

Er hatte nicht vorgehabt, ihr etwas anzutun, wollte ihr eigentlich nur danken.

Doch sobald die Nutte ihn erkannte, riss sie vor Entsetzen die Augen weit auf, rang verzweifelt die Hände und flehte ihn an, sie zu verschonen. Primo Ramondi verabscheute diese Reaktionen, weil sie sein wahres Ich in ihm weckten. Als er sie weinen sah – sie wirkte so schwach, so schicksalsergeben –, musste er seinem Trieb einfach nachgeben und erteilte ihr die verdiente Lektion. Das war schließlich auch irgendwie ein Dank dafür, dass sie nicht gegen ihn ausgesagt hatte. Vielleicht gefiel ihr diese Art der Dankbarkeit nicht besonders, doch dafür würde sie für immer tiefe Spuren in ihrem Gedächtnis hinterlassen. Und auf ihrem Körper.

Er ließ sie auf dem Bürgersteig liegen. Auf dem Boden. Lebend.

Um diese Zeit war das Viertel menschenleer. Es gab keine Zeugen. Die Nutte würde ohne Hilfe aufstehen, nach Hause gehen und die Schnitte an ihren Brüsten verbinden. Das hatte sie schließlich vor einem Jahr schon einmal getan. Sie war es ja bereits gewöhnt, dachte Primo Ramondi lächelnd. Auf keinen Fall würde sie jemandem von ihm erzählen. Nicht einmal ihrem Zuhälter. Nicht einmal dem Polizisten, der hinter ihm her war. Nicht einmal dem Schatten, der ihm überallhin zu folgen schien, als wollte er ihn an seine Geschichte erinnern. Eine Geschichte, die Primo Ramondi nur zu gut kannte und vor der er seit jeher davonlief. Oder beinahe so lange. Er hatte auch dem Gericht bewiesen, dass dies nicht der Moment der Wahrheit war, ebenso wie diesem Polizisten, der ihn verhaftet und mit seinen dreckigen Händen angefasst hatte. Der ihn mit diesen pechschwarzen Augen angestarrt und Untiefen in ihm ausgelotet hatte, die niemand jemals entdecken sollte, und in dessen Blicken sich Worte verbargen, die auf ewig unausgesprochen bleiben mussten. Von dieser Vorstadthure hatte Primo Ramondi nichts zu befürchten. Er hatte ihr schon in der Vergangenheit zu verstehen gegeben, dass er der Schlauere war. Und der Stärkere.

Langsam machte er sich auf den Weg zu seiner Wohnung. In dieser Gegend brauchte er nicht mit dem Transporter herumzufahren. Das war sein neues Viertel. Sein neues Reich. Die Nutte hinter ihm kam allmählich wieder zu sich. Er drehte sich zu ihr um, sah, dass sie jetzt kniete und sich mit einer Hand die nackte, blutende rechte Brust hielt.

»Ach, fast hätte ich es vergessen …«, rief er ihr mit seiner beinahe mädchenhaft schrillen Stimme zu. »Danke!«, und er lachte laut und gekünstelt.

Die Schultern der Nutte zuckten rhythmisch. Nun weinte sie wieder.

Primo Ramondi fühlte, wie die Wut erneut in ihm hochkochte, während er an der Ecke einer breiten, menschenleeren Straße stand und die Messerklinge mit einem Papiertaschentuch abwischte. Dann bog er rasch nach links ab, um die Frau nicht mehr sehen zu müssen. Er wollte nicht noch einmal zurückgehen und dafür sorgen, dass sie aufhörte zu weinen.

So lief er eine Weile gemächlich über den Bürgersteig, betrachtete prüfend die Autos der Anwohner, die dort ganz legal auf dem Mittelstreifen zwischen den beiden Fahrbahnen parkten, alle genau innerhalb der auf Kosten der Stadt gezogenen weißen Linien, Schnauze an Schnauze, dicht an dicht, in den schrägen Parkbuchten, bis ihm ein schwarzer, glänzender Wagen der gehobenen Mittelklasse mit hellen Ledersitzen auffiel, der neben dem ihm zustehenden Raum auch noch einen großen Teil des benachbarten Parkplatzes einnahm. Primo Ramondi seufzte und überquerte die Straße. Holte ein Maßband aus der Tasche, legte es an der rechten weißen Linie an und zog es bis zu dem Punkt, an dem der Wagen in den nächsten Parkplatz hineinragte. Siebenunddreißig Zentimeter. Dann ging er auf die andere Seite und maß dort nach, wie viele Zentimeter der Wagen von der linken Linie entfernt stand. Dreiundsechzig Zentimeter. Nun überschlug er, dass der normale Platz auch für einen so großen Wagen ausgereicht hätte. Nein, da blieben sogar sechsundzwanzig Zentimeter übrig. Das Auto passte ganz bequem in den ihm zustehenden Parkplatz. Man hätte nur genau einparken müssen. Mit Rücksicht auf die anderen Anwohner. Kopfschüttelnd steckte er das Maßband wieder ein. Unordnung war ihm beinahe so zuwider wie Tränen. Nun griff er in die Gesäßtasche seiner Hose, holte ein Klappmesser heraus und ließ es aufschnappen. Die Klinge blitzte in der Dunkelheit auf. Primo Ramondi betrachtete sie lächelnd wie eine alte Freundin. Dann setzte er die Spitze der Waffe auf der Motorhaube an und zeichnete ein Rechteck. Die Klinge quietschte, während der Lack wegspritzte. Dieses Rechteck sollte den Wagen darstellen. Dann zeichnete er ein größeres Rechteck, das für den Parkplatz stand. Schließlich ritzte er noch die Zahlen in den Lack, die er gerade gemessen hatte. Der Besitzer des Wagens sollte nicht etwa denken, es handle sich um einen simplen Akt von Vandalismus, den Streich irgendeines dummen Jungen, der nicht wusste, was er mit seinem Leben anfangen sollte. Danach reinigte er das Messer von den Lackresten und versenkte die Klinge nacheinander in sämtlichen vier Reifen. Alle sollten wissen, dass jemandem in diesem Viertel Ordnung und gutes Benehmen am Herzen lagen.

Während der Wagen schwer schnaufend und pfeifend auf die Felgen zusammensackte, setzte Primo Ramondi seinen Heimweg wieder fort. Die großen Wohnblocks hier waren keineswegs so anonym, wie die meisten Leute annahmen. Er hatte jedem dieser zehn Stockwerke hohen Monster zunächst mal einen Namen gegeben. Und dann hatte er viele Stunden damit verbracht, ihre Bewohner zu beobachten. Die Leute in einem Haus waren wie die Lebenssäfte eines Baumes. Unbewusst hielten sie es am Leben. Nein, sie schenkten ihm sogar eine Persönlichkeit, einen eigenen Charakter. Einzeln genommen waren die Bewohner bedeutungslos. Es war völlig unwichtig, was sie von Beruf waren oder was sie dachten. Doch sie alle hatten ihren Anteil daran, diesen Wohnblock lebendig, besonders, ja einzigartig werden zu lassen. Deshalb regte Primo Ramondi sich so auf, wenn er entdeckte, dass einer der Bewohner sich nicht dem Gemeinwohl unterordnete.

Als er vor der Eingangstür stand, einer Doppeltür aus Glas, hörte er hinter sich ein Geräusch. Er drehte sich um und sah, wie ein großer schwarzer Kater maunzend auf ihn zulief. Primo Ramondi hockte sich hin und streichelte das Tier sanft.

»Golia, Golia …«, sagte er ganz zärtlich. »Dein Frauchen sollte besser auf dich aufpassen. Sie dürfte dich nicht frei herumlaufen und überall hinpinkeln lassen, sonst werde ich mich noch irgendwann einmal mit dir befassen müssen. Das ist dir doch klar, nicht?« Dann stand er auf, öffnete die Eingangstür und ließ den Kater rasch hineinschlüpfen.

Ramondi nahm den Aufzug und stieg im siebten Stock aus. Er überprüfte genau das winzige Stück Tesafilm, das er zwischen Rahmen und Tür angebracht hatte. Es klebte noch fest. Niemand hatte versucht, in seine Wohnung einzudringen, vielleicht bildete er sich ja auch nur ein, er würde verfolgt. Er steckte den Schlüssel ins Schloss und öffnete die drei Sicherheitsriegel. Drinnen schaltete er das Licht ein und schnupperte. Es roch nach Orangenblüten. Der Mann in der Drogerie hatte ihm gesagt, sie würden stimmungsaufhellend wirken, doch er zog Neroliöl vor, das hatte einen ganz eigenen Geruch und passte besser zu dem Weihrauch, den er ständig entzündete, um die Luft zu reinigen. Er öffnete eine Klappe in der Wand. Das Geräusch des Schlüssels im Schloss hatte die Aufnahme gestartet. Der Zähler zeigte an, dass der Apparat bis jetzt ausgeschaltet geblieben war. Er blieb stehen und wartete fünfundvierzig Sekunden. Dann schaltete sich der Rekorder ab. Primo Ramondi lächelte zufrieden. Er schnippte mit den Fingern. Das Aufnahmegerät schaltete sich wieder ein. Nun schloss er die Klappe, ging zum Bücherregal und schaltete den Scanner ein, der auf die Frequenzen des Polizeifunks eingestellt war. Das war besser als jede Musik.

Die Wohnung war erst vor kurzem frisch gestrichen worden. Das tat er jedes Jahr. Primo Ramondi hasste vergilbtes Weiß, weil es seine ganze blendende Reinheit einbüßte, wenn es gelbstichig wurde. Er hatte auch den Boden weiß gestrichen. Mit der gleichen Farbe, die man für Zebrastreifen verwendete. Eine Farbe, die allem widerstand, Kälte, Hitze und Regen. Die genauso widerstandsfähig war wie er. Weiß waren auch die beiden Sofas, die einander gegenüberstanden, aber nie benutzt wurden, da er niemandem erlaubte, seine Wohnung zu betreten. Genauso weiß wie der kleine Couchtisch dazwischen, das Bücherregal und sogar die Bücher, die er alle mit einer weißen Selbstklebefolie einband. Sonst waren die Wände leer. Sein Schlafzimmer war ebenfalls weiß, bis hin zu dem Kruzifix, das ihm seine Großmutter hinterlassen hatte, einer der wenigen Gegenstände, die er aus seiner Vergangenheit mitgenommen hatte. Er hatte Christus und das Kreuz auf Vorder- und Rückseite mit einer ungiftigen, wasserlöslichen Lackfarbe übermalt und sogar den Nagel weiß angestrichen, mit dem das Kruzifix oberhalb seines Bettes an der Wand befestigt war, um ihn vor den bösen Menschen zu beschützen, wie zum Beispiel vor diesem Polizisten, der ihn quälte, der ihn schon verhaftet und ihn in eine ekelerregend schmutzige Zelle gesperrt hatte. Genauso schmutzig wie das Kind, von dem er ständig träumte, das die ganze Wohnung mit seinem Blut vollschmierte. Und mit dem Blut seine Geschichte schrieb.

Auf einer weißen Wandtafel in der Küche standen fünf Frauennamen. Primo Ramondi löschte den obersten von der Liste, den der Prostituierten, bei der er sich vor wenigen Minuten bedankt hatte. Jetzt fehlten ihm noch vier. Vier Huren, die es sich im letzten Moment überlegt, ihre Aussagen zurückgezogen und sich geweigert hatten, im Prozess gegen ihn auszusagen. Er würde sich auch bei ihnen bedanken und zwar genau in der Reihenfolge, wie sie dort auf der Tafel standen. Er konnte es kaum erwarten, seine Aufgabe zu erledigen. Alle fünf Namen zu löschen und der Oberfläche ihr unbeflecktes Weiß wiederzugeben. Er starrte auf den letzten Namen der Liste. Ein Name, der ihm so vertraut war, der einer ganz besonderen Hure.

Bis jetzt hatte er noch keine von ihnen getötet. Nicht etwa, weil er sich davor fürchtete zu töten. Das hatte er in der Vergangenheit schon getan, ohne dass es jemand herausgefunden hatte. Aber nur Männer, nie Frauen. Keine Nutten. Solange er sich beherrschen konnte, würde er keine von ihnen töten. Er fürchtete sich davor, sie in Stücke zu reißen und dann der Versuchung nicht widerstehen zu können, sie zu essen. Eine innere Stimme sagte ihm, wenn er eine tötete, würde er sie anschließend auch essen. Und das war das Einzige, wovor sich Primo Ramondi wirklich fürchtete. Allein der Gedanke daran versetzte ihn in Angst und Schrecken, was man seinen Augen sogar ansah, wenn er darüber Witze riss und meinte: »Nein danke, bei der Vorstellung, rohes Nuttenfleisch im Mund zu haben, könnte ich kotzen.«

Er setzte sich auf eines der beiden Sofas, beugte den Kopf dicht über den Platz neben ihm, und als er dort ein winziges Haar entdeckte, griff er es mit der Pinzette, die er immer bei sich trug, und brachte es ins Bad. Er warf es ins Toilettenbecken und zog die Spülung. Hielt die Pinzette unter den Wasserhahn und desinfizierte sie mit einem alkoholgetränkten Wattebausch, führte sie an ein einzelnes Haar, das dort wuchs, wo eigentlich seine rechte Augenbraue gewesen wäre, und zupfte es aus. Bewundernd betrachtete er sich im Spiegel. Er gefiel sich so glatt, ohne Augenbrauen oder irgendwelche anderen Haare. Er knöpfte sein Hemd auf. Seine Brust war ebenfalls unbehaart. Er lächelte seinem Spiegelbild zu. Der Zahnarzt hatte hervorragende Arbeit geleistet. Die Schneidezähne seines Ober- und Unterkiefers – nicht die in der Mitte, sondern die neben den Eckzähnen – waren messerscharf zugespitzt. So hatte er jetzt jeweils vier obere und untere Eckzähne. Er würde die Nutten in dieser Stadt nicht töten – zumindest hoffte er, dieser Versuchung widerstehen zu können –, aber sie würden seine Raubtierzähne zu spüren bekommen. Er würde ein wenig an ihnen knabbern. Nur ein wenig. Nicht an den fünf Nutten, bei denen er sich bedanken musste, denn es war Teil seines Danks, dass er sie nicht so zeichnen würde. Oder zumindest hoffte er, auch dieser Versuchung widerstehen zu können.

Ein Blick auf die Uhr mit dem weißen Zifferblatt, die an der Wand über der Badewanne hing, zeigte ihm, dass er es vielleicht noch schaffen konnte, die zweite Nutte auf der Liste aufzusuchen. Sie ging in der Altstadt auf den Strich. Dort blieben die Nutten lange, weil dort mehr los war und immer Betrieb herrschte. Also würde es auch schwieriger sein, sich bei ihr zu bedanken. Primo Ramondi grinste seinem Spiegelbild zu, während er mit einem Mikrofasertuch einen winzigen Fleck von der Oberfläche entfernte.

Dann spürte er einen Druck in der Blase. Er drehte sich um, zog den Reißverschluss seiner Hose herunter und hob den Toilettendeckel hoch. Strich mit den Fingern liebevoll über seinen Unterleib. Auch dort fand sich kein einziges Haar. Mit Daumen und Zeigefinger seiner linken Hand nahm er sein winziges, schrumpeliges Glied, das so klein war wie eine vergrößerte Klitoris, und lenkte den Strahl direkt in das weiße Keramikbecken, wobei er peinlich genau darauf achtete, dass er ringsherum keine Spritzer hinterließ. Nachdem er sich erleichtert hatte, reinigte er sich die Eichel mit einem alkoholgetränkten Stück Toilettenpapier. Der Schmerz verzerrte seine Züge. Etwas anderes spürte er nicht mehr. Er legte eine Hand an den Ansatz seines Penis und suchte dort tastend nach den zwei Höckern, seinen kaum wahrnehmbaren Hoden, die wie bei einem Neugeborenen in seinem Körper verborgen waren.

Während der Schmerz langsam abebbte, zog er den Reißverschluss zu, ging in den Flur und nahm dort die Schlüssel zu dem alten Lieferwagen, mit dem er in die Altstadt fahren würde.

III

Die Bilder bewegten sich langsam. Wirkten langweilig und nichtssagend. Auf der Videokamera mit dem hochauflösenden Infrarotfilm war ein kleiner Scheinwerfer befestigt, der das ganze Geschehen in grünliches, beinahe phosphoreszierendes Licht wie von Neonleuchten tauchte, in das sich regelmäßig die zuckenden Blitze des Blaulichts auf dem Polizeiwagen mischten. Das Ganze wirkte beinahe wie Amateuraufnahmen von einem seltsamen Fest, das aus irgendeinem mysteriösen Grund hier auf diesem menschenleeren Platz in einem sehr abgelegenen Vorort der Stadt stattfand. Ein Fest mit sehr wenigen Gästen. Das Objektiv der Kamera fing die beiden Polizisten ein, während sie aus dem Streifenwagen stiegen. Im Hintergrund hörte man ständig krächzende Meldungen aus ihrem Funkgerät.

Der kleine Platz lag verlassen da. Außer dem Streifenwagen parkten hier nur noch zwei alte Kleinwagen im Schein einer Straßenlaterne, die ihr gelbliches Licht über den Asphalt dieser Vorortbaustelle verströmte. Einer davon gehörte einem dritten Beamten in Zivil, der sich an einen verdreckten, ehemals roten Bagger lehnte und nervös an einer Zigarette zog.

»Na, wurde aber auch Zeit, dass ihr kamt«, begrüßte er seine Kollegen und trat die Kippe aus. Durch das Mikrofon der Kamera hörte man laut und deutlich, wie seine Sohle auf dem Kies der obersten Schicht des Straßenbelags knirschte.

Das zweite Auto gehörte dem Wachmann der Baustelle.

»Scheiße, was dreht ihr da? Schmutzige kleine Filmchen?«, fragte er und hielt seine Hand vor die Augen, um sie gegen das Licht des Scheinwerfers zu schützen.

»Es ist alles in Ordnung«, antwortete ihm einer der beiden Streifenbeamten.

»Wenn ich das gewusst hätte, hätte ich mich in Schale geworfen«, erklärte der Polizist in Zivil.

Die beiden Streifenbeamten lachten.

Die Kamera schwenkte über den ganzen Platz, der eine düstere Atmosphäre ausstrahlte. Er wurde an drei Seiten von noch im Bau befindlichen, hohen Wohnblocks begrenzt, von denen einige fast fertig gestellt, andere aber auch erst riesige, skelettartige Rohbauten waren. Von dem Platz gingen drei Straßen ab, die sich irgendwo in der Umgebung verloren.

»Noch zehn Minuten, dann gehe ich nach Hause«, sagte der Beamte in Zivil, der gerade nicht im Blickfeld der Kamera war. »Ich hab keine Lust, mir hier eine weitere Nacht die Beine in den Bauch zu stehen, nur wegen so eines schwachsinnigen Anrufs!«

Auf der vierten Seite des Platzes befand sich nur ein Stoß länglicher Bordsteine aus Travertin. Die beinahe künstlich weißen, rechteckigen Quader waren in der Mitte dieser Seite übertrieben ordentlich zu einer Art Mäuerchen aufgestapelt. Dahinter zog sich eine Schotterstraße den kleinen, mit Dornengestrüpp bewachsenen Hügel hinauf, den man später vielleicht einmal in einen armseligen Spielplatz verwandeln würde. Die Kamera war nun auf die ersten Meter der Steigung gerichtet, bis der Mann dahinter wieder zurück auf den Platz schwenkte.

Überall, wo der schwache Schein der Lampe die Dunkelheit durchdrang, sah man Haufen umgegrabener Erde, Baumaterial, monströse Maschinen – wie riesenhafte versteinerte Kreaturen, die am nächsten Tag wieder ihre giftigen Dämpfe ausstoßen würden – und orangefarbene Plastikbänder, die die Bereiche absperrten, in denen die Aushubarbeiten noch nicht abgeschlossen waren. Alles außer diesen regelmäßigen Bordsteinen aus Travertin wirkte unordentlich und chaotisch.

Irgendwo im Hintergrund lief ein Fernseher. Der Mann hinter der Kamera entdeckte den Ursprung des Geräuschs und richtete das Objektiv auf den bläulich flackernden Schein, der aus einem Fenster im Erdgeschoss eines beinahe fertig gestellten Gebäudes kam, dem Aufenthaltsraum des Wachmanns. Die übrigen Fenster der Wohnblocks, an denen noch gebaut wurde, waren schwarz und wirkten wie die erloschenen Augen gemarterter Kreaturen, in denen die durch die Lichtstrahlen der Kamera entstehenden Schatten wie ruhelose Gespenster tanzten. Die Luft war gesättigt und schwer von dem Staub, der aus den Zement- und Mörtelhaufen aufstieg und stechend Augen und Nase reizte. Er brannte auf der Haut und trocknete sie aus. Alles Übrige war in Stille versunken, einer düsteren Stille voller riesenhafter, drohender Schatten, die der milchige Schein des Mondes der Dunkelheit abrang.

Im gleichen Moment schwenkte die Kamera, das Bild wackelte, zeigte zunächst den dunklen Nachthimmel und dann den schwarzen Asphalt.

»Entschuldigung«, hörte man eine Stimme außerhalb des Blickfeldes murmeln.

Während der Mann, den einer der beiden Beamten angestoßen haben musste, sich die Kamera auf der Schulter zurechtrückte, zeigte der Bildausschnitt einen Moment lang die gegenüberliegende Seite des Platzes, den Stapel Bordsteine aus Travertin und die bedrohlich wirkende, undurchdringliche Landschaft dahinter. Der Lichtstrahl des Scheinwerfers beleuchtete jetzt die ersten Meter der Schotterstraße. Dann machte die Kamera einen langen Schwenk. Und noch einen. Im Bild erschien jetzt eine Uhr, die an der Spitze eines langen grauen Pfahls aus Gusseisen angebracht war. Ihre Zeiger standen auf neun Uhr.

»Es ist schweinekalt«, sagte einer der beiden Streifenbeamten außerhalb des Sichtfelds. Als die Kamera mit dem Scheinwerfer auf ihn schwenkte, hielt sich der Beamte geblendet die Hand vor die Augen und brüllte: »Hey, schieb dir das Teil doch in den Arsch!«

Der Beamte in Zivil meinte lachend: »Deine Kinder werden noch stolz auf dich sein, wenn du so im Fernsehen zu sehen bist … Das ist ja voll peinlich!«

»Das schneidest du doch raus, oder?«, fragte der Beamte leicht besorgt.

»Jaja …«, antwortete der Kameramann zerstreut und schwenkte mit dem Objektiv wieder auf die Wohnblocks.

»Du schneidest das raus, verdammt, oder ich reiße dir den Arsch auf«, wiederholte der Beamte laut.

»Schon gut, schon gut, ich schneid es raus …«

Die anderen beiden Polizisten lachten.

Der Kameramann richtete das Objektiv wieder auf die Fenster der Wohnblocks, suchte eines nach dem anderen mit mathematischer Genauigkeit ab. Unvermittelt fiel Licht auf die Fassaden der Wohnblocks. Daraufhin wandte er sich abrupt um. Einen Augenblick lang war das Bild weiß, überbelichtet durch den Scheinwerfer eines Wagens oben auf dem Hügel. Das Mikrofon zeichnete auf, wie die Schuhe der Polizisten auf der Kiesschicht knirschten. Alle drehten sich um. Dann zoomte die Kamera das Bild heran, und man sah einen Wagen, auf dessen Motorhaube eine helle undeutliche Silhouette zu erkennen war, die hin und her schwankte.

Es war absolut still. Eine Stille, die beunruhigend wirkte und entstand, weil alle verstummten und auch nicht wie sonst das Brummen des Automotors sämtliche anderen Geräusche überdeckte. Obwohl alle schwiegen, hörte man den Wagen nicht. Absolute Stille? Nein. Wenn man diese Stille ertrug und genau hinhörte, konnte man das Geräusch der Räder auf der Schotterstraße ausmachen, das Geräusch von knirschendem Kies, aber so unnatürlich leise, dass die Stille weiterhin alles zu überlagern schien.

»Was macht denn der Wagen da?«, fragte einer der Beamten.

Während das Auto immer schneller den Abhang hinunterrollte, gelang es dem Kameramann, es mit dem Objektiv näher heranzuholen und den Mann auf der Motorhaube klarer ins Bild zu bekommen. Er war nackt. Und fett.

Der Wagen hielt genau auf den Stapel aus Travertinsteinen zu.

»Los, nichts wie weg hier!«, schrie ein Beamter, der außerhalb des Blickfeldes der Kamera stand.

Der Mann war mit kräftigen Seilen auf der Motorhaube festgezurrt, die Hände hinter dem Rücken gefesselt. Er riss die Augen weit auf, und die Angst darin schien alles Licht der Kamera in sich aufzusaugen.

Einen Augenblick lang sah man etwas aus Metall an der Kehle des Mannes aufblitzen. Obwohl sein Mund weit geöffnet war, hörte man ihn nicht. In seinem Mund steckte irgendetwas Seltsames, übertrieben Großes und Grünes.

Dann überdeckte ein schrecklicher Knall die Stille, und man sah ein grelles gelb-bläuliches Licht, als der Wagen gegen die Mauer aus Travertinsteinen prallte.

Der Körper des Mannes wurde nach vorn geschleudert.

Dabei trennte sich der Kopf vom Rumpf, als würde er von einer Feder durch die Luft katapultiert, während das laute Geräusch des Aufpralls durch diese Großbaustelle in der Vorstadt hallte.

Der Mann hinter der Kamera hatte einigermaßen die Ruhe bewahrt und die Flugbahn des Kopfes verfolgt, beinahe, als hätte er so etwas erwartet. Der Kopf hüpfte auf dem Asphalt hoch wie ein schlecht aufgepumpter Ball und rollte ein paar Meter weiter, wobei er immer langsamer wurde und schließlich gegen das Rad des Wagens prallte, ...

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