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Inferno

INHALT

  1. Cover
  2. Inhalt
  3. Über dieses Buch
  4. Über den Autor
  5. Titel
  6. Impressum
  7. Widmung
  8. Motto
  9. Fakten
  10. Prolog
  11. Kapitel 1
  12. Kapitel 2
  13. Kapitel 3
  14. Kapitel 4
  15. Kapitel 5
  16. Kapitel 6
  17. Kapitel 7
  18. Kapitel 8
  19. Kapitel 9
  20. Kapitel 10
  21. Kapitel 11
  22. Kapitel 12
  23. Kapitel 13
  24. Kapitel 14
  25. Kapitel 15
  26. Kapitel 16
  27. Kapitel 17
  28. Kapitel 18
  29. Kapitel 19
  30. Kapitel 20
  31. Kapitel 21
  32. Kapitel 22
  33. Kapitel 23
  34. Kapitel 24
  35. Kapitel 25
  36. Kapitel 26
  37. Kapitel 27
  38. Kapitel 28
  39. Kapitel 29
  40. Kapitel 30
  41. Kapitel 31
  42. Kapitel 32
  43. Kapitel 33
  44. Kapitel 34
  45. Kapitel 35
  46. Kapitel 36
  47. Kapitel 37
  48. Kapitel 38
  49. Kapitel 39
  50. Kapitel 40
  51. Kapitel 41
  52. Kapitel 42
  53. Kapitel 43
  54. Kapitel 44
  55. Kapitel 45
  56. Kapitel 46
  57. Kapitel 47
  58. Kapitel 48
  59. Kapitel 49
  60. Kapitel 50
  61. Kapitel 51
  62. Kapitel 52
  63. Kapitel 53
  64. Kapitel 54
  65. Kapitel 55
  66. Kapitel 56
  67. Kapitel 57
  68. Kapitel 58
  69. Kapitel 59
  70. Kapitel 60
  71. Kapitel 61
  72. Kapitel 62
  73. Kapitel 63
  74. Kapitel 64
  75. Kapitel 65
  76. Kapitel 66
  77. Kapitel 67
  78. Kapitel 68
  79. Kapitel 69
  80. Kapitel 70
  81. Kapitel 71
  82. Kapitel 72
  83. Kapitel 73
  84. Kapitel 74
  85. Kapitel 75
  86. Kapitel 76
  87. Kapitel 77
  88. Kapitel 78
  89. Kapitel 79
  90. Kapitel 80
  91. Kapitel 81
  92. Kapitel 82
  93. Kapitel 83
  94. Kapitel 84
  95. Kapitel 85
  96. Kapitel 86
  97. Kapitel 87
  98. Kapitel 88
  99. Kapitel 89
  100. Kapitel 90
  101. Kapitel 91
  102. Kapitel 92
  103. Kapitel 93
  104. Kapitel 94
  105. Kapitel 95
  106. Kapitel 96
  107. Kapitel 97
  108. Kapitel 98
  109. Kapitel 99
  110. Kapitel 100
  111. Kapitel 101
  112. Kapitel 102
  113. Kapitel 103
  114. Kapitel 104
  115. Epilog
  116. Danksagung
  117. Leseprobe - Origin

Über dieses Buch

Mein Geschenk ist die Zukunft. Mein Geschenk ist die Erlösung. Mein Geschenk ist … Inferno

Robert Langdon, Harvard-Professor für Symbologie, erwacht mit einer Schusswunde in einem Krankenhaus in Florenz und kann sich nicht an die letzten zwei Tage erinnern. Doch viel Zeit zur Erholung bleibt ihm nicht, denn nach einem Anschlag muss er mit der jungen Ärztin Sienna Brooks in deren Wohnung flüchten. Dort stellt sich heraus, dass Langdon dabei war, die versteckte Botschaft in einem jahrhundertealten Gemälde zu Dantes »Inferno« zu entschlüsseln. Die Spur führt sie in den Palazzio Vecchio, wo sie sich von Dantes Totenmaske konkretere Hinweise erhoffen, doch diese ist gestohlen worden. Nun beginnt eine Jagd durch halb Europa, bei der Langdon die Maske wiederfinden und einen perfiden Plan vereiteln muss.

Über den Autor

Dan Brown unterrichtete Englisch, bevor er sich ganz seiner Tätigkeit als Schriftsteller widmete. Als Sohn eines mehrfach ausgezeichneten Mathematikprofessors und einer bekannten Kirchenmusikerin wuchs er in einem Umfeld auf, in dem Wissenschaft und Religion keine Gegensätze darstellen. Mit Robert Langdon schuf er einen Helden, der die Leser der Romane Illuminati, Sakrileg – The Da Vinci Code, Das Verlorene Symbol und Inferno im Sturm eroberte. Seitdem gehört Dan Brown zu den erfolgreichsten Autoren aller Zeiten. Dan Brown ist verheiratet und lebt mit seiner Frau, einer Kunsthistorikerin, in Neuengland.

Dan Brown, Inferno, Thriller

BASTEI ENTERTAINMENT

 

Für meine Eltern …

 

Die heißesten Orte der Hölle sind reserviert für jene,
die in Zeiten moralischer Krisen nicht Partei ergreifen.

FAKTEN

Alle Werke der Kunst und Literatur in diesem
Roman existieren wirklich.
Die wissenschaftlichen und historischen
Hintergründe sind wahr.

»Das Konsortium« ist eine private Organisation
mit Büros in sieben Nationen. Ihr Name
wurde aus Gründen der Sicherheit und des
Datenschutzes geändert.

Inferno ist die Unterwelt, wie in Dante Alighieris
Göttlicher Komödie beschrieben, ein kunstvoll
ausgearbeitetes Reich, bevölkert von als Schatten
bekannten Wesen – körperlosen Schemen,
gefangen zwischen Leben und Tod.

PROLOG

Ich bin der Schatten.

Ich fliehe durch die trauernde Stadt.

Durch das ewige Leid hindurch ergreife ich die Flucht.

Ich haste entlang am Ufer des Flusses Arno, atemlos … wende mich nach links in die Via di Castellani, suche meinen Weg nach Norden, drücke mich in die Schatten der Uffizien.

Und sie jagen mich immer weiter.

Ihre Schritte werden lauter, während sie mich mit unerbittlicher Entschlossenheit verfolgen.

Vier Jahre stellen sie mir schon nach. Ihre Beharrlichkeit hat mich in den Untergrund getrieben … mich gezwungen, im Fegefeuer zu leben … unter der Erde zu arbeiten wie ein chthonisches Monster.

Ich bin der Schatten.

Hier über der Erde hebe ich den Blick nach Norden, doch ich finde keinen direkten Weg zur Erlösung … Die Berge des Apennin halten das erste Licht der Morgendämmerung zurück.

Ich renne hinter dem Palazzo vorbei mit seinem krenelierten Turm und der Stundenuhr … schleiche hindurch zwischen den Verkäufern auf der Piazza di San Firenze mit ihren heiseren Stimmen und ihrem Geruch nach lampredotto und gegrillten Oliven. Vor dem Bargello biege ich ab nach Westen, nähere mich der Badia und lande vor dem eisernen Tor am Fuß der Treppen.

Jetzt ist kein Zögern mehr erlaubt.

Ich drehe den Knauf und betrete die Passage, von der es kein Zurück mehr für mich gibt. Ich zwinge meine bleiernen Beine die schmale, gewundene Treppe hinauf mit ihren ausgetretenen, abgewetzten Stufen aus narbigem Marmor.

Die Stimmen hallen von unten herauf. Beschwörend.

Sie sind hinter mir, unerbittlich, schließen auf.

Sie begreifen nicht, was kommen wird … ebenso wenig wie das, was ich für sie getan habe!

Undankbare Welt!

Während ich emporsteige, überkommen mich die Visionen in schneller Folge … sündige Leiber, die sich in feurigem Regen winden, verfressene Seelen, die in Exkrementen treiben, verräterische Schurken, erstarrt in Satans eisigem Griff.

Ich ersteige die letzten Stufen und erreiche das Ende, stolpere hinaus in die feuchte Morgenluft, dem Tode nah. Ich renne zu der mannshohen Mauer, spähe durch die Scharten. Tief unter mir liegt die gesegnete Stadt, in der ich Zuflucht suche vor jenen, die mich ins Exil getrieben haben.

Die Stimmen rufen laut; sie sind jetzt dicht hinter mir. »Was du getan hast, ist Wahnsinn!«

Wahnsinn bringt Wahnsinn hervor.

»Um Gottes willen!«, rufen sie. »Sag uns, wo du es versteckt hast!«

Um unseres Gottes willen werde ich genau das nicht tun.

Ich stehe jetzt, in die Enge getrieben, mit dem Rücken zum kalten Stein. Sie starren mir tief in die klaren grünen Augen, und ihre Mienen verdunkeln sich, als sie mir nicht länger schmeicheln, sondern unverhüllt drohen. »Du weißt, dass wir unsere Methoden haben. Wir können dich zwingen, uns zu verraten, wo es ist!«

Aus genau diesem Grund bin ich den halben Weg zum Himmel hinaufgestiegen.

Unvermittelt drehe ich mich um und ziehe mich am Sims der hohen Mauer hinauf. Zuerst auf die Knie, dann stehe ich … unsicher wankend vor dem Abgrund. Führe mich, o Vergil, durch die Leere.

Ungläubig springen sie vor, wollen mich an den Füßen packen und fürchten zugleich, sie könnten mir das Gleichgewicht rauben und mich hinunterstoßen. Jetzt flehen sie in stiller Verzweiflung, doch ich habe ihnen den Rücken zugewandt. Ich weiß, was ich tun muss.

Unter mir, in schwindelerregender Tiefe, erstrahlt die Landschaft aus rot geziegelten Dächern wie ein feuriges Meer … erhellt das Land, das einst Giganten durchstreiften … Giotto, Donatello, Brunelleschi, Michelangelo, Botticelli.

Ich trete ganz langsam vor bis zur Kante.

»Komm runter!«, rufen sie mir zu. »Es ist noch nicht zu spät!«

Oh, ihr starrsinnigen Ignoranten. Seht ihr denn nicht die Zukunft? Begreift ihr denn nicht die Brillanz meiner Schöpfung? Die schiere Notwendigkeit?

Ich bin mehr als bereit, dieses größte aller Opfer zu bringen … Und mit ihm werde ich eure letzte Hoffnung zerstören, das zu finden, was ihr sucht.

Ihr werdet es niemals rechtzeitig entdecken.

Dutzende von Metern unter mir lockt der gepflasterte Platz wie eine stille Oase. Wie sehr es mich nach mehr Zeit dürstet … Doch Zeit ist die einzige Ware, die zu erkaufen selbst meine üppigen Reichtümer nicht genügen.

In diesen letzten Sekunden sehe ich hinunter auf die Piazza und halte verblüfft inne.

Ich sehe dein Gesicht.

Du starrst aus den Schatten zu mir herauf. Deine Augen sind voller Trauer, und doch verspüre ich Ehrfurcht in ihnen für das, was ich erreicht habe. Du verstehst, dass mir keine Wahl bleibt. Um der Menschheit willen – ich muss mein Meisterwerk schützen.

Es wächst selbst jetzt noch … wartend … schwelend in den blutroten Wassern der Lagune, in der sich nie spiegeln die Sterne.

Und so löse ich mich von deinem Anblick und betrachte den Horizont. Hoch über dieser schwer beladenen Welt spreche ich mein letztes Gebet.

Allmächtiger Gott, ich bete darum, dass die Welt mich nicht als einen ungeheuerlichen Sünder in Erinnerung behält, sondern als den glorreichen Erlöser, der ich, wie du weißt, in Wahrheit bin. Ich bete darum, dass die Menschheit begreift, welches Geschenk ich ihr hinterlassen habe.

Mein Geschenk ist die Zukunft.

Mein Geschenk ist die Erlösung.

Mein Geschenk ist … Inferno.

Ich flüstere ein leises Amen … und trete einen letzten Schritt vor, hinein in den Abgrund.

KAPITEL 1

Die Erinnerungen kehrten nur langsam zurück … wie Blasen, die aus den Tiefen eines bodenlosen Brunnens an die Oberfläche steigen.

Eine verschleierte Frau.

Robert Langdon starrte sie über einen Fluss hinweg an, dessen schäumende Fluten rot waren von Blut. Die Frau stand am anderen Ufer, ihm zugewandt, reglos und ernst, das Gesicht mit einem Schleier verhüllt. In der Hand hielt sie eine blaue Taenia, eine Kopfbinde, die sie nun hob, zu Ehren des Ozeans aus Leibern am Boden ringsum. Der Gestank nach Tod hing über allem.

Suche, flüsterte die Frau. Suche, und du wirst finden.

Langdon hörte die Worte, als hätte die Frau in seinem Kopf gesprochen. »Wer sind Sie?«, wollte er rufen, doch seine Kehle blieb stumm.

Die Zeit drängt, flüsterte die Frau. Suche und finde.

Langdon trat einen Schritt auf den Fluss zu. Er wollte ihn durchqueren, doch das Wasser, das blutrote Wasser, war zu tief. Als er den Blick wieder zu der verschleierten Frau hob, hatte sich die Zahl der Körper zu ihren Füßen vervielfacht. Jetzt waren es Hunderte, vielleicht Tausende, manche noch am Leben, sich windend in entsetzlichen Qualen, unvorstellbare Tode sterbend … verzehrt vom Feuer, unter Fäkalien begraben, einander verschlingend. Die klagenden Schreie der Gepeinigten hallten über das Wasser.

Die Frau trat einen Schritt auf ihn zu. Sie hielt die zierlichen Hände ausgestreckt, als flehe sie um Hilfe.

»Wer sind Sie?«, wiederholte Langdon seine Frage, und diesmal gehorchte ihm seine Stimme.

Zur Antwort zog die Frau sich langsam den Schleier vom Gesicht. Sie war von atemberaubender Schönheit, doch viel älter, als Langdon vermutet hatte – bestimmt über sechzig, würdevoll, erhaben und zeitlos wie eine Statue. Ihre Miene zeigte Entschlossenheit, ihre Augen waren tief und voller Gefühl, und ihr langes, silbergraues Haar fiel ihr in gelockten Kaskaden über die Schultern. Um den Hals trug sie ein Amulett aus Lapislazuli – eine Schlange, die sich um einen Stab wand.

Langdon war sicher, dass er die Frau kannte … dass er ihr vertraute. Aber … woher? Warum?

Sie deutete auf ein sich windendes Paar Beine, das aus dem Erdreich ragte und anscheinend einer armen Seele gehörte, die mit dem Kopf voran bis zur Hüfte eingegraben worden war. Auf dem blassen Oberschenkel des Mannes war ein einzelner Buchstabe zu erkennen, geschrieben mit Schlamm, ein R.

R?, dachte Langdon unsicher. Wie in Robert? »Bin … Bin ich das?«

Das Gesicht der Frau war ausdruckslos. Suche und finde, wiederholte sie.

Unvermittelt erstrahlte sie in weißem Licht … schwach zuerst, dann heller und heller. Ihr gesamter Leib fing an zu vibrieren, bis sie unter ohrenbetäubendem Donnerhall in tausend splitternde Scherben aus Licht zerbarst.

Langdon fuhr schreiend hoch. Er war mit einem Schlag wach.

Das Zimmer war hell erleuchtet. Er war allein. Der scharfe Geruch nach medizinischem Alkohol hing in der Luft, und irgendwo pingte eine Maschine in leisem, rhythmischem Einklang mit seinem Herzschlag. Langdon hob den rechten Arm ein wenig, doch sogleich durchfuhr ihn ein stechender Schmerz. Er blickte an sich hinunter und sah einen intravenösen Tropf in seinem Unterarm.

Sein Puls ging schneller, und die Maschine hielt mit ihm mit. Das leise Pingen wurde drängender.

Wo bin ich? Was ist passiert?

Langdons Hinterkopf pochte – ein nagender, anhaltender Schmerz. Behutsam tastete er mit der linken Hand nach der Ursache für seine Kopfschmerzen. Unter dem verfilzten Haar fand er eine verkrustete Narbe: etwa ein Dutzend Stiche.

Er schloss die Augen und versuchte sich an einen Unfall zu erinnern.

Nichts. Völlige Leere.

Denk nach.

Nichts außer Dunkelheit.

Ein Mann in einem OP-Kittel stürmte herein, offensichtlich alarmiert durch Langdons rasenden Herzmonitor. Er hatte einen zottigen Bart mit buschigem Schnäuzer und freundliche Augen, die unter den dichten Brauen eine besonnene Ruhe ausstrahlten.

»Was … was ist passiert?«, stieß Langdon hervor. »Hatte ich einen Unfall?«

Der bärtige Mann legte den Zeigefinger an die Lippen, eilte auf den Korridor hinaus und rief nach einer zweiten Person.

Langdon drehte den Kopf, doch die Bewegung sandte einen brennenden Schmerz durch seinen Schädel. Er atmete tief durch und wartete, bis der Schmerz nachließ. Dann nahm er seine sterile Umgebung sehr, sehr vorsichtig und methodisch in Augenschein.

Das Krankenzimmer hatte nur ein einziges Bett. Keine Blumen, keine Karten. Langdon entdeckte seine Kleidung auf einem Tresen, ordentlich gefaltet und in einer transparenten Plastiktüte verstaut. Alles war voller Blut.

Mein Gott. Es muss schlimm gewesen sein.

Behutsam wandte Langdon den Kopf zum Fenster. Draußen war es dunkel. Nacht. Hinter der Scheibe war nichts zu erkennen, er sah nur sein Spiegelbild – das Bild eines aschfahlen Fremden, bleich und erschöpft, angeschlossen an Schläuche und Drähte und umgeben von medizinischen Apparaten.

Auf dem Gang näherten sich Stimmen, und Langdon richtete den Blick zur Tür. Der Arzt kehrte zurück, in Begleitung einer Frau.

Sie sah aus wie Anfang dreißig, trug den gleichen blauen Kittel wie ihr Kollege und hatte die blonden Haare zu einem dicken Pferdeschwanz zurückgebunden, der beim Gehen rhythmisch pendelte.

»Mein Name ist Dr. Sienna Brooks«, stellte sie sich vor und lächelte Langdon an. »Dr. Marconi und ich arbeiten heute Nacht zusammen.«

Langdon nickte schwach.

Sie war groß und schlank und bewegte sich energisch wie eine Athletin. Selbst in ihrem unförmigen Kittel strahlte sie eine geschmeidige Eleganz aus, und sie schien völlig ungeschminkt zu sein, was ihre ungewöhnlich glatte Haut zusätzlich betonte. Ihr einziger Makel war ein winziger Schönheitsfleck dicht über der Oberlippe. Die Augen der Ärztin waren von einem sanften Braun und wirkten ungewöhnlich ernst, als habe die junge Frau in mehr dunkle Abgründe geblickt als die meisten Menschen ihres Alters.

»Dr. Marconi spricht nicht so gut Englisch«, sagte sie und setzte sich neben ihn. »Er hat mich gebeten, Ihr Aufnahmeformular auszufüllen.« Sie schenkte ihm ein weiteres Lächeln.

»Danke«, krächzte Langdon.

»Okay, fangen wir an«, fuhr sie in geschäftsmäßigem Ton fort. »Wie heißen Sie?«

Er brauchte einen Augenblick. »Robert … Robert Langdon.«

Sie leuchtete ihm mit einer Stiftlampe in die Augen. »Beruf?«

Diese Information kam noch langsamer an die Oberfläche. »Wissenschaftler. Professor für Kunstgeschichte … und Symbolologie. Harvard University.«

Dr. Brooks senkte die Lampe und sah ihn verblüfft an. Der Arzt mit den buschigen Augenbrauen wirkte gleichermaßen überrascht.

»Sie … Sie sind Amerikaner?«

Langdon blickte verlegen drein.

»Es ist so …« Sie zögerte. »Sie hatten keine Papiere bei sich, als Sie heute Nacht hergekommen sind. Sie trugen Harris-Tweed und Somerset-Slipper, deswegen dachten wir, Sie seien Brite.«

»Ich bin Amerikaner«, versicherte Langdon ihr. Er war zu erschöpft, um seine Vorliebe für gut sitzende Maßkleidung zu erklären.

»Schmerzen?«

»Mein Kopf«, antwortete Langdon. Das Pochen war von dem grellen Licht der Stiftlampe noch schlimmer geworden. Er war heilfroh, als sie die Lampe einsteckte und ihm den Puls fühlte.

»Sie sind schreiend aufgewacht«, sagte die Ärztin. »Erinnern Sie sich an den Grund?«

Langdon dachte an die merkwürdige Vision von der verschleierten Frau in dem Meer aus sich windenden Leibern. Suche, und du wirst finden. »Ich hatte einen Alptraum.«

»Worum ging es?«

Langdon erzählte ihr alles.

Dr. Brooks’ Gesichtsausdruck blieb neutral, während sie sich auf einem Klemmbrett Notizen machte. »Irgendeine Idee, was die Ursache sein könnte für einen derartigen Angsttraum?«

Langdon dachte nach, dann schüttelte er den Kopf, der protestierend hämmerte.

»Okay, Mr. Langdon«, sagte die Ärztin, ohne mit dem Schreiben innezuhalten. »Noch ein paar Routinefragen. Welcher Wochentag ist heute?«

Langdon überlegte einen Moment. »Samstag. Ich erinnere mich, dass ich am Nachmittag über den Campus gelaufen bin … auf dem Weg zu einer Vorlesungsreihe, und dann … Das ist mehr oder weniger das Letzte, woran ich mich erinnere. Bin ich gestürzt?«

»Dazu kommen wir gleich. Wissen Sie, wo Sie sind?«

Langdon konnte nur spekulieren. »Im Massachusetts General Hospital?«

Dr. Brooks schrieb eine weitere Notiz nieder. »Gibt es jemanden, den wir anrufen und informieren sollten? Ihre Frau? Kinder?«

»Niemanden«, antwortete Langdon prompt. Er hatte die Einsamkeit und Unabhängigkeit stets geschätzt, die ihm sein Leben als Junggeselle verschaffte, doch leider ging damit auch einher, dass er in seiner gegenwärtigen Situation auf ein vertrautes Gesicht an seiner Seite verzichten musste. »Es gibt ein paar Kollegen, die ich anrufen könnte, aber das muss nicht unbedingt sein.«

Dr. Brooks steckte den Stift weg, und der andere Arzt trat hinzu. Er strich sich über die buschigen Augenbrauen, dann zog er einen kleinen Rekorder aus der Tasche und zeigte ihn Dr. Brooks. Sie nickte und wandte sich ihrem Patienten zu.

»Mr. Langdon, als Sie heute Nacht hier ankamen, murmelten Sie immer wieder die gleichen Worte.« Sie sah Dr. Marconi an, der den digitalen Rekorder einschaltete und eine Aufzeichnung abspielte.

Dann hörte Langdon seine eigene Stimme, die wieder und wieder die gleiche Phrase murmelte. »Ve… sorry. Ve… sorry.«

»Das klingt für mich«, sagte die Frau, »als hätten Sie immer wieder ›Very sorry‹ gesagt, ›Es tut mir sehr leid‹. Könnte das sein?«

Langdon pflichtete ihr bei, auch wenn er sich nicht erinnern konnte.

Dr. Brooks musterte ihn mit beunruhigender Intensität. »Haben Sie eine Idee, warum Sie das gesagt haben? Bereuen Sie irgendetwas?«

Während Langdon die dunklen Nischen seiner Erinnerung durchforstete, tauchte wieder die verschleierte Frau vor seinem geistigen Auge auf. Sie stand am Ufer des blutroten Flusses, umgeben von Körpern. Der Gestank nach Tod kehrte zurück.

Langdon wurde übermannt von einem unmittelbaren, instinktiven Gefühl von Gefahr … nicht nur für sich selbst … sondern für jeden Menschen auf der Welt. Das Pingen seines Herzfrequenzmonitors beschleunigte sich rapide. Seine Muskeln verkrampften, und er versuchte, sich aufzusetzen.

Schnell legte Dr. Brooks ihm die Hand auf die Brust und drückte ihn zurück. Sie warf einen Blick auf den bärtigen Arzt, der zu einer Theke ging und sich dort zu schaffen machte.

Dr. Brooks beugte sich über Langdon und redete leise auf ihn ein. »Mr. Langdon, Nervosität und Angstzustände sind ganz normal bei Hirnverletzungen, aber Sie müssen Ihren Puls niedrig halten. Keine Bewegung, keine Aufregung. Liegen Sie ruhig und ruhen Sie sich aus. Sie werden wieder gesund. Ihre Erinnerung wird langsam zurückkehren.«

Der andere Arzt kam mit einer Spritze zurück, die er Dr. Brooks reichte. Sie injizierte den Inhalt in Langdons intravenösen Tropf.

»Nur ein schwaches Sedativum, um Sie zu beruhigen«, erklärte sie ihm. »Und um Ihre Schmerzen zu lindern.« Sie erhob sich zum Gehen. »Sie werden wieder gesund, Mr. Langdon. Schlafen Sie. Wenn Sie irgendetwas brauchen, drücken Sie einfach den Knopf neben Ihrem Bett.«

Sie schaltete das Licht aus und verließ zusammen mit dem bärtigen Arzt den Raum.

In der Dunkelheit spürte Langdon beinahe sofort, wie die Medikamente ihre Wirkung entfalteten und seinen Körper in jenen tiefen Brunnen hinunterzogen, aus dem er kurz zuvor aufgetaucht war. Er kämpfte gegen das Gefühl an und zwang sich, die Augen in der Dunkelheit zu öffnen. Er versuchte, sich aufzusetzen, doch sein Körper fühlte sich an wie Zement.

Langdon drehte sich zur Seite und blickte zum Fenster. Weil das Licht ausgeschaltet war, sah er nun auch kein Spiegelbild mehr im dunklen Glas. Es war der erleuchteten Silhouette einer Stadt gewichen.

Inmitten von Kuppeln und Türmen dominierte eine prachtvolle Fassade den Ausblick. Das Gebäude war eine imposante Festung aus Stein mit einer Zinnenmauer und einem hundert Meter hohen Turm, dessen oberes Ende zu einer massiven auskragenden Brustwehr anschwoll.

Langdon richtete sich kerzengerade im Bett auf. Schmerz explodierte in seinem Kopf. Er kämpfte gegen das sengende Pochen an und starrte auf den Turm.

Langdon kannte das mittelalterliche Gebäude gut.

Es war einzigartig auf der Welt.

Unglücklicherweise stand es sechseinhalbtausend Kilometer von Massachusetts entfernt.

Draußen vor seinem Fenster, verborgen in den Schatten der Via Torregalli, stieg eine athletisch gebaute Frau mit spielerischer Leichtigkeit von ihrer BMW. Sie näherte sich dem Gebäude mit der Konzentration eines Panthers, der seine Beute beschleicht. Ihr Blick war scharf. Ihr kurzgeschnittenes Haar, mit Gel zu spitzen Borsten geformt, drückte im Nacken gegen den hochgeschlagenen Kragen ihrer schwarzen Motorradkluft. Sie überprüfte ihre schallgedämpfte Pistole und starrte hinauf zu Robert Langdons Fenster, hinter dem soeben die Lichter ausgegangen waren.

Früher an diesem Abend war ihre ursprüngliche Mission total schiefgegangen.

Das Gurren einer einzigen Taube hat alles geändert.

Sie war hier, um ihren Fehler zu korrigieren.

KAPITEL 2

Ich bin in Florenz?

Robert Langdons Kopf pochte. Er saß aufrecht in seinem Krankenbett und drückte erneut den Rufknopf. Trotz der Beruhigungsmittel in seinem Kreislauf raste sein Herzschlag.

Dr. Brooks eilte mit pendelndem Pferdeschwanz in das Zimmer. »Ist alles in Ordnung?«

Langdon schüttelte fassungslos den Kopf. »Ich bin in … in Italien

»Gut«, sagte sie. »Ihre Erinnerung kehrt zurück.«

»Nein!« Langdon blickte zum Fenster und zeigte auf das eindrucksvolle Bauwerk in der Ferne. »Ich kenne dieses Gebäude. Das ist der Palazzo Vecchio.«

Dr. Brooks schaltete die Zimmerbeleuchtung ein, und die Skyline von Florenz verschwand. »Mr. Langdon, machen Sie sich keine Sorgen.« Die junge Ärztin trat zu ihm ans Bett. »Sie leiden an einer leichten Amnesie, aber Dr. Marconi hat mir bestätigt, dass Ihre Hirnfunktionen völlig in Ordnung sind.«

Der bärtige Arzt stürzte in diesem Moment ebenfalls ins Zimmer. Er überprüfte Langdons Herzfrequenzmonitor, während Dr. Brooks in schnellem, flüssigen Italienisch auf ihn einredete – Langdon sei agitato, weil er festgestellt habe, dass er sich in Italien befinde.

Aufgebracht?, dachte Langdon verärgert. Eher schockiert! Das Adrenalin in seinem Kreislauf kämpfte gegen die Beruhigungsmittel an. »Was ist mit mir passiert? Welchen Tag haben wir heute?«

»Alles ist bestens«, sagte sie. »Bleiben Sie ruhig. Es ist früher Morgen, und heute ist Montag, der achtzehnte März.«

Montag. Trotz der Schmerzen versuchte Langdon, sich ins Gedächtnis zu rufen, wie er hierhergelangt war. Die Bilder, die vor seinem geistigen Auge erschienen, waren kalt und dunkel. Er lief über den Campus von Harvard zu einer samstagabendlichen Vorlesungsreihe. Aber das ist zwei Tage her! Panik drohte in ihm aufzusteigen, als er versuchte, sich an die Vorlesung oder irgendetwas danach zu erinnern. Nichts. Das Pingen des Herzfrequenzmonitors beschleunigte sich.

Der ältere Arzt kratzte sich den Bart und machte sich an den Apparaten zu schaffen, während Dr. Brooks sich zu Langdon auf das Bett setzte.

»Sie werden wieder gesund«, versicherte sie ihm in ruhigem, sanftem Tonfall. »Wir haben bei Ihnen eine rückläufige Amnesie diagnostiziert, was bei Schädeltraumata sehr häufig vorkommt. Ihre Erinnerungen an die letzten Tage sind verschwommen oder fehlen ganz, aber Sie werden keine bleibenden Schäden davontragen.« Sie zögerte. »Erinnern Sie sich an meinen Vornamen? Ich habe mich vorgestellt, als ich hereingekommen bin.«

Langdon überlegte kurz. »Sienna«, sagte er dann. Dr. Sienna Brooks.

»Sehen Sie?« Die Ärztin lächelte. »Sie bilden bereits neue Erinnerungen.«

Langdons Kopfschmerzen waren beinahe unerträglich, und er nahm seine Umgebung nur verschwommen wahr. »Was … was ist passiert? Wie bin ich hergekommen?«

»Ich denke, Sie sollten sich ausruhen, und vielleicht …«

»Wie bin ich hergekommen?«, beharrte er, und der Herzfrequenzmonitor pingte noch schneller.

»Okay, okay, atmen Sie ganz ruhig«, sagte Dr. Brooks und wechselte einen nervösen Blick mit ihrem Kollegen. »Ich erzähle es Ihnen.« Ihre Stimme wurde merklich ernster. »Mr. Langdon, vor drei Stunden sind Sie in unsere Notaufnahme gestolpert. Sie haben aus einer Kopfwunde geblutet und das Bewusstsein verloren. Wir wussten nicht, wer Sie sind oder wie Sie zu uns gefunden haben. Sie murmelten etwas auf Englisch vor sich hin, also hat mich Dr. Marconi gebeten, ihm zu helfen. Ich bin Ärztin, komme aus England und habe ein Sabbatjahr eingelegt.«

Langdon fühlte sich, als wäre er in einem Gemälde von Max Ernst aufgewacht. Was in drei Teufels Namen mache ich in Italien? Normalerweise war er jedes zweite Jahr im Juni zu einer internationalen Kunstkonferenz in Italien, aber jetzt war es erst März.

Die Wirkung der Schmerz- und Beruhigungsmittel wurde stärker, und er hatte das Gefühl, als nähme die Schwerkraft von Sekunde zu Sekunde zu und wolle ihn durch die Matratze zerren. Langdon kämpfte dagegen an, schüttelte den Kopf und versuchte wach zu bleiben.

Dr. Brooks beugte sich vor. Sie schien über ihm zu schweben wie ein Engel. »Bitte, Mr. Langdon«, flüsterte sie. »So ein Schädeltrauma ist sehr heikel in den ersten vierundzwanzig Stunden. Sie müssen sich ausruhen, oder Sie könnten ernsthafte Schäden davontragen.«

Plötzlich knackte die Gegensprechanlage. »Dottore Marconi?«, fragte eine Stimme.

Der bärtige Arzt drückte auf einen Knopf an der Wand. »Si?«

Die Stimme sprach in schnellem Italienisch. Langdon verstand nicht, was sie sagte, doch ihm entging nicht, dass sich die Ärzte überrascht ansahen. Oder sind sie erschrocken?

»Un minuto«, antwortete Dr. Marconi und beendete das Gespräch.

»Was geht da vor?«, verlangte Langdon zu erfahren.

Dr. Brooks’ Augen schienen sich ein wenig zu verengen. »Das war der Empfang der Intensivstation. Jemand hat nach Ihnen gefragt. Er will Sie sehen.«

Ein Hoffnungsschimmer vertrieb Langdons Benommenheit. »Das sind gute Neuigkeiten! Vielleicht weiß dieser Jemand ja, was mir zugestoßen ist!«

Die Ärztin blickte unsicher drein. »Es ist sehr merkwürdig, dass jemand hergekommen ist. Wir kannten bis eben nicht einmal Ihren Namen, und Sie sind noch nicht in unserem System registriert.«

Langdon kämpfte gegen die Sedativa an und richtete sich mühsam in seinem Bett auf.

»Wenn diese Person weiß, dass ich hier bin, dann muss sie auch wissen, was passiert ist!«

Dr. Brooks blickte zu Dr. Marconi, der sofort den Kopf schüttelte und auf seine Uhr tippte. Sie wandte sich wieder an Langdon. »Das hier ist die Intensivstation«, erklärte sie. »Kein Besucher hat vor neun Uhr morgens Zutritt. Dr. Marconi wird nach vorn gehen und sich erkundigen, wer der Besucher ist und was er will.«

»Interessiert es vielleicht jemanden, was ich will?«, fragte Langdon.

Dr. Brooks lächelte geduldig, beugte sich dichter über Langdon und senkte die Stimme. »Mr. Langdon, es gibt ein paar Dinge, die Sie noch nicht wissen über gestern Abend … in Bezug auf das, was Ihnen widerfahren ist. Und ich denke, es ist nur fair, dass Sie alle Fakten erfahren, bevor Sie mit irgendjemandem reden. Allerdings glaube ich, dass Sie im Moment noch zu schwach sind, um …«

»Was für Fakten?«, rief Langdon aufgebracht und richtete sich noch mehr auf. Der intravenöse Eingang in seinem Unterarm zwickte, und sein Körper fühlte sich an, als wöge er mehrere hundert Kilo. »Ich weiß nur, dass ich in einem Krankenhaus in Florenz liege und dass ich bei meiner Ankunft immer wieder die Worte ›very sorry‹ wiederholt habe …!«

Ein erschreckender Gedanke schoss ihm durch den Kopf.

»Hatte ich einen Autounfall?«, fragte Langdon. »Habe ich jemanden verletzt?«

»Nein, nein!«, antwortete sie hastig. »Nein, das glaube ich nicht.«

»Aber was dann?«, hakte Langdon nach und sah beide Ärzte wütend an. »Ich habe ein Recht zu erfahren, was los ist!«

Ein längeres Schweigen folgte, und schließlich sah Dr. Marconi seine jüngere Kollegin an und nickte zögernd. Dr. Brooks seufzte. »Okay, ich sage Ihnen, was wir wissen … und Sie werden sich nicht aufregen, versprochen?«

Langdon nickte. Die Kopfbewegung sandte einen stechenden Schmerz durch seinen Schädel. Er ignorierte ihn, begierig auf Antworten.

»Als Erstes müssen Sie wissen … Ihre Kopfwunde rührt nicht von einem Unfall her.«

»Na, das erleichtert mich ungemein.«

»Bestimmt nicht, glauben Sie mir. Ihre Wunde wurde nämlich durch eine Kugel verursacht.«

Langdons Herzfrequenzmonitor pingte wieder schneller. »Wie bitte?«

Dr. Brooks sprach mit fester Stimme. »Ein Schuss hat Ihre Schädeldecke gestreift, und Sie haben aller Wahrscheinlichkeit nach eine Gehirnerschütterung erlitten. Sie haben Glück, dass Sie noch am Leben sind. Ein paar Zentimeter tiefer, und …« Sie schüttelte den Kopf.

Langdon starrte sie ungläubig an. Jemand hat auf mich geschossen?

Draußen vor der Intensivstation wurden ärgerliche Stimmen laut. Es klang, als wollte der ominöse Besucher nicht länger warten. Fast im gleichen Moment sah Langdon, wie die schwere Tür am anderen Ende des Ganges aufgestoßen wurde. Eine Frau näherte sich durch den Korridor.

Sie war von oben bis unten in schwarzes Leder gekleidet, wirkte stark und geschmeidig und hatte dunkle, kurz geschorene Haare, die mit Gel zu einer Stachelfrisur geformt waren. Sie bewegte sich so leichtfüßig, als berührte sie den Boden nicht, und hielt direkt auf Langdons Krankenzimmer zu.

Ohne zu zögern trat Dr. Marconi durch die offene Tür nach draußen, um die Besucherin aufzuhalten. »Ferma qui!«, sagte er in bestimmtem Ton und hob die Hand wie ein Polizist, der einen Autofahrer anhält.

Ohne innezuhalten zog die Fremde eine Pistole mit langem Schalldämpfer, zielte auf Dr. Marconis Brust und feuerte.

Ein Stakkato aus leisen Plopps folgte, und Langdon sah voller Entsetzen, wie Dr. Marconi rückwärts in den Raum stolperte und zu Boden ging. Ungläubig fasste sich der Arzt mit beiden Händen an die Brust. Sein weißer Laborkittel war blutdurchtränkt.

KAPITEL 3

Fünf Seemeilen vor der italienischen Küste steuerte die Siebzig-Meter-Luxusyacht Mendacium durch den frühmorgendlichen Dunst, der von der sanft rollenden Dünung der Adria aufstieg. Der Stealth-Rumpf der Yacht war in mattem Grau gestrichen und verlieh ihr die entschieden feindselige Aura eines Kriegsschiffs.

Bei einem Listenpreis von mehr als dreihundert Millionen Dollar war das Schiff ursprünglich mit allen erdenklichen Annehmlichkeiten ausgestattet gewesen – Spa, Pool, Bordkino, Mini-U-Boot und Helikopterlandeplatz. Der Besitzer hatte allerdings wenig Interesse an diesem Komfort, als er die Yacht fünf Jahre zuvor in Empfang genommen hatte, und die meisten Räume gleich wieder ausgeschlachtet, um eine hochmoderne, mit Blei abgeschirmte elektronische Kommandozentrale zu installieren.

Gespeist durch drei dedizierte Satellitenlinks und ein redundantes Array von terrestrischen Relaisstationen, verfügte der Kontrollraum der Mendacium über einen Stab von nahezu zwei Dutzend Personen: Techniker, Analytiker und Missionskoordinatoren. Sie lebten an Bord und standen in ständigem Kontakt mit den verschiedenen landbasierten Operationszentralen der Organisation.

Die bordeigenen Sicherheitseinrichtungen des Schiffes schlossen eine kleine Einheit von militärisch ausgebildeten Söldnern ein sowie zwei Raketenabwehrsysteme und ein Arsenal der modernsten Waffen, die es auf dem Markt zu kaufen gab. Weiteres Personal – Küche, Reinigung, Service – erhöhte die Zahl der Menschen an Bord auf mehr als vierzig. Die Mendacium war im Endeffekt ein mobiles Bürogebäude, von dem aus der Eigner sein Imperium lenkte.

Bei seinen Angestellten nur als »der Provost« bekannt, war er ein kleiner, stämmiger Mann mit dunkler Haut und tiefliegenden Augen. Seine wenig imposante Erscheinung und seine direkte Art wirkten mehr als angemessen für jemanden, der sein riesiges Vermögen mit einem ganzen Spektrum verdeckter Dienstleistungen gemacht hatte, hart am Rande oder jenseits der Legalität.

Man hatte ihm schon viele Namen gegeben – Söldner ohne Seele, Vermittler der Sünde, Diener des Teufels –, doch er war nichts von alledem. Der Provost verschaffte seinen Klienten die Möglichkeit, ihren Angelegenheiten nachzugehen, ohne Konsequenzen befürchten zu müssen, nicht mehr und nicht weniger – es war nicht sein Problem, dass die Menschheit zur Sünde neigte.

Trotz aller Verleumder und ihrer ethischen Einwände war der moralische Kompass des Provosts unverrückbar wie ein Fixstern. Er hatte sich seinen Ruf – und das Konsortium selbst – auf der Grundlage zweier goldener Regeln erarbeitet.

Versprich nie etwas, das du nicht halten kannst.

Belüge nie einen Klienten.

Niemals.

Im Lauf seiner Karriere hatte der Provost jedes Versprechen gehalten und nie gegen eine Vereinbarung verstoßen. Sein Wort war wie eine Bank – eine absolute Garantie. Sicher gab es Kontrakte, die abgeschlossen zu haben er im Nachhinein bedauerte, doch von ihnen zurückzutreten war für ihn nie eine Option gewesen.

An diesem Morgen betrat er den Balkon der Eignersuite seiner Yacht, blickte hinaus auf die schaumige See und versuchte die Unruhe zu vertreiben, die sich in seinen Eingeweiden breitgemacht hatte.

Die Entscheidungen, die wir in unserer Vergangenheit gefällt haben, sind die Architekten unserer Gegenwart.

Die Entscheidungen des Provosts hatten ihn in die Lage versetzt, durch beinahe jedes Minenfeld zu navigieren und am Ende als Sieger hervorzugehen. An diesem Tag jedoch verspürte er eine ganz und gar ungewöhnliche Nervosität, während er auf die fernen Lichter des italienischen Festlands starrte.

Ein Jahr zuvor hatte er an Bord ebendieser Yacht eine Entscheidung getroffen, deren Folgen nun alles bedrohten, was er je geschaffen hatte. Ich habe dem falschen Mann meine Dienste versprochen. Damals hatte der Provost nicht wissen können, worauf er sich einließ. Doch die Fehleinschätzung hatte einen Sturm unvorhersehbarer Herausforderungen ausgelöst und ihn gezwungen, einige seiner besten Agenten auszusenden mit dem Befehl, »alles nur Erdenkliche« zu tun, um sein schlingerndes Schiff am Kentern zu hindern.

Gegenwärtig wartete der Provost auf die Meldung eines ganz bestimmten Agenten.

Vayentha, dachte er, als er sich die athletische, stachelhaarige Spezialistin vorstellte. Vayentha, die ihm bis zu dieser Mission ohne Fehl und Tadel gedient hatte. Ihr war in der letzten Nacht ein verhängnisvoller Fehler unterlaufen, der unabsehbare Konsequenzen nach sich zog. Die vergangenen sechs Stunden waren ein einziges hektisches Agieren gewesen, der verzweifelte Versuch, die Situation wieder unter Kontrolle zu bringen.

Vayentha hatte behauptet, ihr Fehler sei einfach Pech gewesen – das Gurren einer Taube zur falschen Zeit.

Der Provost glaubte nicht an Pech. Alles, was er unternahm, war so orchestriert, dass Zufall und Willkür keine Chance hatten. Kontrolle war das absolute Fachgebiet des Provosts – für ihn galt nur, jede Möglichkeit und jede Reaktion vorherzusehen und die Realität zum gewünschten Ergebnis zu lenken. Er hatte eine makellose Erfolgsbilanz und führte seine Unternehmungen mit äußerster Diskretion durch. Mit der Zeit hatte ihm dies eine atemberaubende Klientel beschert – Milliardäre, Politiker, Scheichs, sogar ganze Regierungen.

Im Osten zeigte sich das erste schwache Licht des Tages und löschte die Sterne über dem Horizont. Reglos und geduldig stand der Provost an Deck und wartete auf die Nachricht, dass Vayentha ihre Mission wie geplant abgeschlossen hatte.

KAPITEL 4

Für einen Moment hatte Langdon das Gefühl, die Zeit wäre stehen geblieben.

Dr. Marconi lag reglos auf dem Boden, und aus seiner Brust strömte Blut. Langdon kämpfte gegen die Beruhigungsmittel in seinem Kreislauf an und blickte zu der stachelhaarigen Attentäterin, die sich nach wie vor durch den Gang näherte, als wäre nichts geschehen. Sie war nur noch wenige Meter von der offenen Zimmertür entfernt. Als sie Langdon sah, hob sie erneut die Waffe … und zielte auf seinen Kopf.

Ich werde sterben!, dachte Langdon. Hier und jetzt, auf der Stelle.

Der Knall war ohrenbetäubend in dem kleinen Krankenzimmer der Intensivstation.

Langdon zuckte zusammen in dem Glauben, getroffen worden zu sein, doch der Knall war nicht aus der Pistole der Angreiferin gekommen. Dr. Brooks hatte geistesgegenwärtig die schwere Metalltür des Zimmers ins Schloss geworfen und den Schlüssel umgedreht.

Mit angstvoll geweiteten Augen fuhr die junge Ärztin herum, kauerte sich neben ihren blutüberströmten Kollegen und fühlte ihm den Puls. Dr. Marconi hustete Blut, das ihm schaumig über die Lippen troff und in den dichten Bart lief. Dann erschlaffte er.

»Enrico! No! Ti prego!«, rief sie.

Draußen prasselte ein Kugelhagel gegen das Metall der Tür. Das Schrillen des Alarms hallte durch den Gang.

Irgendwie überwanden Panik und Instinkt die Beruhigungsmittel, und dann war Langdon in Bewegung. Er kletterte unbeholfen aus dem Bett, und ein sengend heißer Schmerz durchfuhr seinen rechten Unterarm. Im ersten Moment meinte er, eine Kugel hätte die Tür durchschlagen und ihn getroffen, doch als er an sich hinuntersah, stellte er fest, dass er sich den Infusionsschlauch herausgerissen hatte. In seinem Unterarm steckte noch der Katheter, aus dem warmes dunkelrotes Blut strömte.

Mit einem Schlag war Langdon hellwach.

Dr. Brooks kniete neben Marconis reglosem Körper. Sie fühlte ihm noch immer den Puls. Tränen stiegen ihr in die Augen. Plötzlich, als hätte jemand einen Schalter in ihr umgelegt, sprang sie auf und wandte sich Langdon zu. Ihre Miene zeigte die kühle Gefasstheit eines erfahrenen Notarztes mitten in einer Krise.

»Folgen Sie mir!«, befahl sie.

Sie packte Langdon am Arm und zerrte ihn durch das Zimmer. Das Prasseln von schallgedämpften Schüssen und der Lärm vom Chaos draußen auf dem Gang hielten an, während Langdon auf unsicheren Beinen voranstolperte. Sein Verstand war wach, doch sein Körper stand noch unter dem Einfluss starker Medikamente und reagierte nur widerwillig. Bewegung! Der geflieste Boden fühlte sich kalt an unter seinen Füßen. Sein dünnes Krankenhausnachthemd war kaum lang genug für ihn. Warmes Blut rann ihm den Unterarm hinab und sammelte sich in seiner Handfläche.

Kugeln prasselten gegen den massiven Türknauf, und Dr. Brooks stieß Langdon unsanft in ein kleines Bad. Sie stockte, wandte sich um, rannte zurück zum Tresen und packte sein blutiges Jackett.

Vergessen Sie die verdammte Jacke!

Sie kehrte mit der Tweedjacke zu ihm zurück und sperrte hastig die Tür von innen zu. Genau in diesem Augenblick flog die Tür zum Krankenzimmer auf.

Die junge Ärztin ergriff die Initiative. Sie trat durch das winzige Bad zu der zweiten Tür, die ins benachbarte Krankenzimmer führte. Dr. Brooks riss sie auf und zog Langdon quer durch den Raum bis zur nächsten Tür, hinter der sich wieder der Korridor befand. Erneut hörten sie gedämpfte Schüsse. Die Ärztin überzeugte sich rasch davon, dass der Gang leer war, dann zerrte sie Langdon den Flur entlang bis zum Treppenhaus. Die plötzliche Bewegung machte ihn schwindlig, und er spürte, dass er jeden Augenblick das Bewusstsein zu verlieren drohte.

Die nächsten fünfzehn Sekunden waren verschwommen … Er stieg Treppen hinunter … stolperte … stürzte. Das Hämmern in seinem Kopf war nahezu unerträglich. Seine Sicht verschwamm immer mehr, und seine Muskeln waren träge. Jede Bewegung fühlte sich an wie eine verspätete Zeitlupe.

Und dann wurde es kalt.

Ich bin draußen.

Als Dr. Brooks ihn durch eine dunkle Gasse vom Gebäude wegführte, trat Langdon auf etwas Spitzes. Er stürzte hart auf das Pflaster. Sie bemühte sich, ihn auf die Beine zu ziehen, und schimpfte laut über das Betäubungsmittel, das sie ihm verabreicht hatte.

Als sie sich dem Ende der Gasse näherten, stolperte Langdon erneut. Diesmal ließ sie ihn liegen, rannte auf die Straße und rief laut nach jemandem, den Langdon nicht sehen konnte.

Dann sah er das Taxi. Es parkte vor dem Krankenhaus, und der Fahrer schien hinter dem Steuer zu schlafen. Dr. Brooks brüllte und wedelte wild mit den Armen. Endlich flammten die Scheinwerfer des Taxis auf, und es rollte gemächlich in ihre Richtung.

In der Gasse hinter Langdon flog eine Tür auf. Er blickte zurück und sah die dunkle Gestalt der Attentäterin, die sich in schnellem Lauf näherte. Langdon versuchte auf die Beine zu kommen, doch die Ärztin war bereits bei ihm, zerrte ihn hoch und schob ihn auf die Rücksitzbank des wartenden Fiat-Taxis. Er landete halb auf dem Sitz und halb auf dem Boden, während Dr. Brooks sich auf ihn warf und die Tür hinter sich ins Schloss zog.

Der Fahrer drehte sich um und starrte mit verschlafenen Augen das bizarre Paar an, das soeben in seinen Wagen gestolpert war – eine junge Frau mit Pferdeschwanz und OP-Kittel und ein Mann mit blutendem Unterarm und halb zerrissenem Nachthemd. Er wollte ihnen gerade sagen, dass sie sich zum Teufel scheren sollten, als der Außenspiegel auf der Fahrerseite explodierte. Die Frau in der schwarzen Ledermontur kam mit gezogener Waffe aus der Gasse gerannt. Sie feuerte erneut. Blitzschnell riss Dr. Brooks Langdon mit sich zu Boden. Keine Sekunde zu früh – das Heckfenster zerbarst und überschüttete sie mit einem Regen aus Glassplittern.

Der Fahrer benötigte keine weitere Aufforderung. Er rammte den Fuß auf das Gaspedal, und das Taxi raste mit quietschenden Reifen davon.

Langdon war am Rande der Bewusstlosigkeit. Jemand versucht mich umzubringen! Aber … warum?

Sie bogen um eine Ecke, und Dr. Brooks setzte sich wieder auf. Sie packte Langdons blutigen Arm. Der Katheter ragte in einem unnatürlichen Winkel aus der Wunde in seinem Arm.

»Sehen Sie aus dem Fenster!«, befahl sie ihm.

Langdon gehorchte. Draußen huschten in der Dunkelheit geisterhafte Grabsteine vorbei. Es schien irgendwie passend, dass sie an einem Friedhof vorbeifuhren. Langdon spürte, wie die Ärztin behutsam nach der Sonde tastete und sie dann ohne Vorwarnung mit einem Ruck herausriss.

Ein Blitz aus sengendem Schmerz durchfuhr Langdon. Er spürte noch, wie er die Augen verdrehte, dann wurde alles schwarz.

KAPITEL 5

Das schrille Läuten des Telefons riss den Provost aus seiner Betrachtung des Nebels, der über dem Wasser der Adria schwebte. Er wandte sich um und ging mit schnellen Schritten zurück in das Büro seiner Eignersuite.

Das wurde auch Zeit, dachte er ungeduldig.

Der Computermonitor auf seinem Schreibtisch hatte sich eingeschaltet und informierte ihn, dass der eingehende Anruf von einem schwedischen Sectra Tiger XS Telefon mit Stimmverschlüsselung kam und über vier nicht nachzuverfolgende Router geleitet wurde, bevor er auf der Yacht einging.

Er setzte sein Headset auf. »Hier ist der Provost«, meldete er sich und betonte dabei jedes Wort akribisch. »Berichten Sie.«

»Vayentha hier«, antwortete eine Frau.

Der Provost hörte die ungewöhnliche Nervosität in ihrem Tonfall. Agenten sprachen während eines Einsatzes nur in Ausnahmefällen direkt mit dem Provost, und noch seltener blieben sie nach einem Debakel wie dem der vergangenen Nacht bei ihm beschäftigt. In diesem speziellen Fall jedoch brauchte der Provost einen Agenten vor Ort, der beim Bewältigen der Krise half, und Vayentha war die am besten geeignete Person für den Auftrag.

»Ich habe neue Informationen«, sagte sie.

Der Provost schwieg – sein Signal an sie, den Bericht fortzusetzen.

Als sie sprach, war ihr Ton emotionslos. Offenbar bemühte sie sich um Professionalität. »Langdon ist entkommen«, sagte sie. »Er hat das Objekt.«

Der Provost nahm schweigend auf dem Sessel am Schreibtisch Platz. Nach einer Weile ergriff er schließlich das Wort. »Ich verstehe. Ich nehme an, er wird sich an die Behörden wenden, sobald sich ihm eine Möglichkeit dazu bietet.«

Zwei Decks tiefer im abhörsicheren elektronischen Kommandozentrum der Yacht saß der Senior-Koordinator Laurence Knowlton in seiner Kabine und stellte fest, dass das Telefonat beendet war. Hoffentlich bedeutete das gute Nachrichten. Die Anspannung des Provosts in den letzten zwei Tagen war augenfällig gewesen, und jeder Mitarbeiter an Bord hatte gespürt, dass eine Operation im Gange war, bei der eine Menge auf dem Spiel stand.

Es steht sogar unfassbar viel auf dem Spiel. Vayentha darf sich diesmal nicht den kleinsten Fehler erlauben.

Knowlton war an sorgfältig ausgearbeitete Schlachtpläne gewöhnt, die er im Hintergrund betreute, doch dieses spezielle Szenario hatte sich in Chaos aufgelöst, und der Provost hatte persönlich die Leitung übernommen.

Wir bewegen uns auf unbekanntem Terrain.

Obwohl zeitgleich ein halbes Dutzend andere Missionen des Konsortiums liefen, wurden sie inzwischen von den verschiedenen Niederlassungen aus geleitet, sodass der Provost und sein Stab an Bord der Mendacium sich ganz auf diese eine Mission konzentrieren konnten.

Vor einigen Tagen hatte sich der Klient in Florenz von einem Turm gestürzt, doch standen noch zahlreiche Aufgaben aus – spezielle Aufträge, deren Erledigung er dem Konsortium ungeachtet der Umstände anvertraut hatte. Und das Konsortium beabsichtigte wie immer, diese Aufträge ohne Fragen zu erledigen.

Ich habe meine Befehle, dachte Knowlton. Er hatte nicht vor, sie zu missachten. Er verließ seine schalldichte Glaskabine und passierte ein halbes Dutzend weiterer Kabinen – manche transparent, andere milchig –, in denen die Kollegen diverse Aspekte dieser einen Mission kontrollierten.

Knowlton durchquerte die kühle, gefilterte Luft des Hauptkontrollraums und betrat einen kleinen begehbaren Tresor mit einem Dutzend Stahlschränken darin. Er öffnete einen der Schränke und entnahm einen kleinen hellroten Memorystick. Gemäß der angehefteten Aufgabenkarte enthielt der Stick eine große Videodatei. Laut Anweisung des Klienten sollte sie zu einem spezifizierten Zeitpunkt sämtlichen wichtigen Medienagenturen zugestellt werden.

Der anonyme Upload war kein Problem, doch musste die Datei gemäß Protokoll und Prozessdiagramm am heutigen Tag kontrolliert werden – vierundzwanzig Stunden vor der Lieferung. Dies sollte sicherstellen, dass dem Konsortium ausreichend Zeit blieb für die eventuelle Entschlüsselung, Kompilierung oder andere vorbereitende Maßnahmen zum pünktlichen Upload.

Nichts bleibt dem Zufall überlassen.

Knowlton kehrte in sein transparentes Abteil zurück, schloss die schwere Glastür hinter sich, und augenblicklich kehrte Stille ein.

Er legte einen Schalter an der Wand um, und das Glas wurde von einer Sekunde zur anderen milchig. Sämtliche Glaswände an Bord der Mendacium bestanden aus sogenanntem SPD-Glas, einem Material, das polarisierbare Partikel enthielt. Diese Partikel ließen sich durch Anlegen einer elektrischen Spannung ausrichten oder randomisieren und machten das Glas entweder transparent oder undurchsichtig.

Der Grundpfeiler für den Erfolg des Konsortiums war Kompartmentalisierung.

Kenne nur deine eigene Mission. Rede mit niemandem.

Nachdem er hinter seinem Schreibtisch Platz genommen hatte, steckte Knowlton den Memorystick in seinen Computer und öffnete die Datei, um mit der Begutachtung zu beginnen.

Sein Bildschirm wurde augenblicklich schwarz. Aus den Lautsprechern drang das leise Plätschern von schwappenden Wellen. Langsam erschien ein Bild auf dem Schirm … amorph und dunkel. Eine Szene nahm Gestalt an: das Innere einer Höhle, einer riesigen Kaverne. Der Boden schien einzig aus Wasser zu bestehen und wirkte wie ein unterirdischer See. Eigenartigerweise schien das Wasser von innen heraus zu glühen.

Knowlton hatte so etwas noch nie gesehen. Der gesamte Raum leuchtete in einem unheimlichen dunklen Rot, und über die farblosen Wände huschten tentakelartige Spiegelungen von sich kräuselndem Wasser. Was ist das für ein Ort?

Unter leisem Plätschern neigte sich die Kamera langsam vor und sank tiefer, dem Wasser entgegen, bis sie die illuminierte Oberfläche durchdrang. Das plätschernde Geräusch wich einer unheimlichen Stille. Die Kamera sank tiefer und tiefer hinab, bis sie schließlich innehielt und auf den mit Schlick bedeckten Kavernengrund fokussierte.

Dort am Boden war eine rechteckige Tafel aus glänzendem Titan verankert.

Die Tafel trug eine Inschrift.

AN DIESEM ORT UND AN DIESEM TAG
WURDE DIE WELT FÜR IMMER VERÄNDERT.

Am unteren Rand der Tafel waren ein Name und ein Datum eingraviert.

Der Name war der ihres Klienten.

Das Datum … morgen.

KAPITEL 6

Langdon wurde aus seinem Delirium gerissen, als ihn kräftige Hände packten und aus dem Taxi zogen. Das Pflaster fühlte sich kalt an unter seinen nackten Füßen.

Gestützt auf die schlanke Gestalt von Dr. Brooks stolperte Langdon den menschenleeren Gehweg zwischen zwei Wohngebäuden entlang. Die morgendliche Luft war frisch, und eine Brise ließ sein Krankenhaus-Nachthemd flattern. Er spürte Kälte an Stellen, wo er sie nicht spüren wollte.

Das Sedativum, das man ihm im Krankenhaus verabreicht hatte, benebelte seinen Verstand ebenso wie seine Sicht. Er fühlte sich wie unter Wasser, als versuchte er, sich einen Weg durch eine schwach erleuchtete, viskose Welt zu bahnen. Sienna Brooks zog ihn weiter und stützte ihn zugleich mit überraschender Kraft.

»Jetzt kommt eine Treppe«, sagte sie, und Langdon erkannte, dass sie den Seiteneingang eines Gebäudes erreicht hatten.

Mit einer Hand am Geländer mühte er sich benommen nach oben, eine Stufe nach der anderen. Sein Körper reagierte schwerfällig. Dr. Brooks schob ihn weiter. Als sie oben angekommen waren, tippte sie eine Ziffernfolge in ein verrostetes altes Tastenfeld, und ein elektrischer Summer ertönte. Die Tür öffnete sich.

Die Luft im Innern des Hauses war nicht viel wärmer, doch der geflieste Boden unter seinen Fußsohlen fühlte sich weich wie ein Teppich an im Vergleich zum rauen Straßenpflaster. Dr. Brooks führte Langdon zu einem winzigen Aufzug und zog eine Falttür auf. Sie bugsierte ihn in die Kabine, die nicht größer als eine Telefonzelle war. Die Luft im Innern roch nach MS-Zigaretten – ein bittersüßes Aroma, das in Italien so allgegenwärtig schien wie das von frischem Espresso. Es half Langdon ein wenig, wieder einen klaren Gedanken zu fassen. Die Ärztin drückte einen Knopf, und irgendwo hoch über ihnen setzte sich eine Reihe müder alter Zahnräder klackend und surrend in Bewegung.

Nach oben …

Der klapprige Lift vibrierte und wackelte, als er seinen Aufstieg begann. Weil die Wände nur aus Metallgittern bestanden, starrte Langdon auf die langsam vorbeigleitenden Innenseiten des Aufzugsschachts. Selbst in seinem halb bewusstlosen Zustand war die alte Angst vor dunklen, beengten Räumen wach und lebendig.

Sieh nicht hin.

Er lehnte sich an die Wand und versuchte seinen Atem zu kontrollieren. Sein Unterarm schmerzte, und als er an sich hinabsah, stellte er fest, dass Dr. Brooks den Ärmel seines Harris-Tweeds zweckentfremdet hatte, um die Wunde provisorisch zu verbinden. Den Rest des ruinierten, verdreckten Jacketts zog er auf dem Boden hinter sich her.

Langdon schloss die Augen in der Hoffnung, den pochenden Kopfschmerz zu lindern. Sofort umfing ihn die Schwärze.

Eine inzwischen vertraute Vision erschien vor seinem inneren Auge – die statuengleiche verschleierte Frau mit dem Amulett und dem silbernen Haar. Sie sah Langdon an. Suche, und du wirst finden, sagte sie mit flehender Stimme.

Langdon verspürte das überwältigende Gefühl, sie retten zu müssen … sie alle retten zu müssen. Die emporragenden Beinpaare der eingegrabenen Gestalten erschlafften, eines nach dem anderen.

Wer bist du?, rief er im Geiste nach der Frau. Was willst du von mir?

Ihr dichtes silbernes Haar wehte in einer heißen Brise, und sie berührte das Amulett an ihrer Halskette. Die Zeit drängt, flüsterte sie. Ohne jede Vorwarnung ging sie in einer blendend grellen Flammensäule auf, die über den Fluss wehte und sie beide umfing.

Langdon stieß einen erschrockenen Schrei aus und riss die Augen auf.

Dr. Brooks musterte ihn besorgt. »Was ist?«

»Ich habe immer wieder diese Halluzinationen!«, rief er. »Jedes Mal die gleiche Szene!«

»Die silberhaarige Frau? Und all die vielen Toten?«

Langdon nickte. Auf seiner Stirn standen Schweißperlen.

»Sie werden wieder gesund«, sagte Dr. Brooks beruhigend. »Wiederkehrende Halluzinationen sind völlig normal bei Amnesien. Die Hirnfunktionen, die Ihre Erinnerungen sortieren und katalogisieren, sind vorübergehend durcheinandergeraten, und deswegen wird alles in einem großen Bild vermischt.«

»Kein sehr schönes Bild«, stieß er hervor.

»Ich weiß, aber bis Sie wieder gesund sind, werden Ihre Erinnerungen durcheinander und wirr sein, Vergangenheit, Gegenwart und Imagination, alles zusammen. Das gleiche geschieht übrigens auch in Träumen.«

Der Aufzug hielt ruckend an, und Dr. Brooks zog die Falttür auf. Dann stolperten sie weiter, einen dunklen, schmalen Korridor entlang. Sie passierten ein Fenster. Draußen tauchte die Silhouette von Florenz langsam im ersten fahlen Licht der Morgendämmerung auf. Am anderen Ende des Korridors bückte sich die junge Ärztin, nahm unter dem Topf einer durstig aussehenden Pflanze einen Schlüssel hervor und schloss damit die Tür vor sich auf.

Die Wohnung dahinter war winzig. Die Luft roch nach altem Teppichboden und einer mit Vanille aromatisierten Kerze. Das Mobiliar war bestenfalls als spärlich zu bezeichnen – zusammengewürfelt, als stammte es von einem Flohmarkt oder einem Hinterhofladen. Dr. Brooks drehte an einem Thermostaten, und die Radiatoren erwachten laut zum Leben.

Sie blieb einen Moment stehen, schloss die Augen und atmete tief durch. Dann drehte sie sich um und half Langdon in eine bescheidene Kochnische mit einem Resopaltisch und zwei wackligen Stühlen.

Langdon machte einen Schritt auf einen Stuhl zu, um sich zu setzen, doch Dr. Brooks packte ihn mit einer Hand beim Arm, während sie mit der anderen eine Schranktür öffnete. Der Schrank war fast leer … ein paar Cracker, ein paar Beutel Pasta, eine Dose Cola und eine Flasche NoDoz.

Sie nahm das NoDoz und schüttete Langdon sechs Kapseln in die Hand. »Koffein«, sagte sie. »Ich nehme es, wenn ich Nachtschicht habe wie heute.«

Langdon steckte sich die Kapseln in den Mund und sah sich suchend nach einem Schluck Wasser um.

»Sie müssen sie kauen«, sagte sie. »Dann geht das Koffein schneller ins Blut und hilft, das Sedativum zu neutralisieren.«

Langdon zerbiss die Kapseln und verzog das Gesicht. Sehr bitter. Das Medikament war eindeutig dazu gedacht, unzerkaut eingenommen zu werden. Dr. Brooks öffnete den Kühlschrank und reichte Langdon eine halbleere Flasche San Pellegrino. Dankbar trank er einen großen Schluck.

Die Ärztin griff nach seinem rechten Arm und löste den improvisierten Verband, der einmal Langdons Jacke gewesen war. Dann untersuchte sie die Wunde behutsam. Langdon spürte das Zittern ihrer schlanken Hände.

»Sie werden es überleben«, verkündete sie.

Langdon hoffte, dass das auch für die junge Ärztin galt. Er konnte sich beim besten Willen nicht erklären, was ihnen beiden in der letzten halben Stunde widerfahren war. »Hören Sie, Doktor«, sagte er. »Wir müssen jemanden anrufen. Das Konsulat … die Polizei, ich weiß nicht. Irgendwen.«

Sie nickte zustimmend. »Und Sie können aufhören, mich Dr. Brooks zu nennen. Ich heiße Sienna.«

Langdon nickte. »Danke. Ich heiße Robert.« Die Bindung, die sie bei der gemeinsamen Flucht um ihr nacktes Leben eingegangen waren, war ganz sicher Rechtfertigung genug dafür, sich mit Vornamen anzureden. »Sie sind also Britin?«

»Ich bin in Großbritannien geboren, ja.«

»Sie haben keinen Akzent.«

»Das ist gut«, antwortete sie. »Ich habe hart daran gearbeitet, ihn loszuwerden.«

Langdon wollte schon nach dem Grund dafür fragen, doch Sienna bedeutete ihm mitzukommen. Sie führte ihn durch eine kleine Diele in ein beengtes, schwach erleuchtetes Badezimmer. Im Spiegel über dem Waschbecken sah er zum ersten Mal seit der Flucht aus dem Krankenhaus sein Spiegelbild.

Nicht gut. Langdons dichtes Haar war verfilzt, und seine Augen sahen blutunterlaufen und müde aus. Sein Kinn war von einem Stoppelbart bedeckt.

Sienna drehte den Wasserhahn auf und hielt Langdons verletzten Unterarm unter das eisige Wasser. Es brannte, doch er hielt mit zusammengebissenen Zähnen still.

Sienna nahm einen frischen Waschlappen und benetzte ihn mit antibakterieller Seife. »Vielleicht möchten Sie wegsehen.«

»Keine Sorge, es macht mir nichts …«

Sie schrubbte die Wunde gründlich, und glühendheißer Schmerz schoss Langdons Arm hinauf. Es kostete ihn all seine Konzentration, nicht protestierend aufzuschreien.

»Wir wollen schließlich nicht, dass sich die Wunde entzündet«, sagte sie und schrubbte noch fester. »Abgesehen davon – wenn Sie die Behörden informieren wollen, sollten Sie wacher sein, als Sie es jetzt sind. Nichts aktiviert die Adrenalinproduktion besser als Schmerz.«

Langdon hielt weitere volle zehn Sekunden durch, bevor er den Arm entschlossen wegriss. Genug! Zugegebenermaßen fühlte er sich stärker und wacher; das Brennen in seinem Arm überschattete die Kopfschmerzen völlig.

»Gut«, sagte sie, drehte das Wasser ab und tupfte den Arm mit einem sauberen Handtuch trocken. Anschließend legte sie ihm einen kleinen Verband an. Langdon fiel etwas auf, das ihn zutiefst durcheinanderbrachte.

Seit nahezu vier Jahrzehnten hatte er eine seltene Mickey-Mouse-Sammleruhr getragen, ein Geschenk seiner Eltern. Mickeys lachendes Gesicht und seine wild kreisenden Arme hatten ihn tagein, tagaus ermahnt, häufiger zu lächeln und das Leben nicht so ernst zu nehmen.

»Meine … meine Uhr!«, stammelte er. »Sie ist weg!« Ohne die Uhr fühlte er sich mit einem Mal unvollständig. »Hatte ich sie an, als ich ins Krankenhaus kam?«

Sienna musterte ihn ungläubig angesichts der Tatsache, dass er wegen einer derart trivialen Angelegenheit so aufgebracht reagierte. »Ich erinnere mich an keine Uhr. Machen Sie sich einfach sauber, okay? Ich bin in ein paar Minuten wieder da, und dann finden wir gemeinsam heraus, wie wir Hilfe für Sie organisieren.« Sie wandte sich zum Gehen, stockte jedoch und sah ihm im Spiegel in die Augen. »Während ich weg bin, denken Sie besser genau darüber nach, warum jemand Sie töten will. Ich könnte mir vorstellen, dass das die erste Frage ist, die Ihnen die Behörden stellen werden.«

»Warten Sie – wo gehen Sie hin?«

»Sie können nicht halbnackt mit der Polizei reden, richtig? Ich organisiere ein paar Sachen zum Anziehen. Mein Nachbar hat ungefähr Ihre Größe. Er ist nicht zu Hause, und ich versorge seine Katze. Er ist mir was schuldig.«

Mit diesen Worten wandte sie sich ab und war verschwunden.

Robert Langdon drehte sich zu dem winzigen Spiegel über dem Waschbecken um. Er erkannte die Person kaum wieder, die ihm entgegenblickte. Jemand will meinen Tod. In Gedanken hörte er die Aufzeichnung seines eigenen delirierenden Gemurmels.

Very sorry. Very sorry.

Er durchforstete sein Gedächtnis nach einem Erinnerungsfetzen … irgendetwas. Er fand nichts als Leere. Langdon wusste nur, dass er in Florenz war und einen Streifschuss am Kopf hatte.

Während er in seine eigenen müden Augen starrte, hoffte er fast, dass er im nächsten Moment im bequemen Lesesessel seines Wohnzimmers aufwachen würde, ein leeres Martiniglas in der einen Hand und eine Ausgabe von Die toten Seelen in der anderen, und dass er sich lediglich fest vornehmen müsste, niemals wieder Bombay Sapphire mit Gogol zu mischen.

KAPITEL 7

Langdon streifte sein blutiges Krankenhausnachthemd ab und wickelte sich ein Handtuch um die Hüften. Nachdem er sich Wasser ins Gesicht gespritzt und den Unterarm gesäubert hatte, betastete er vorsichtig die Stiche an seinem Hinterkopf. Die Narbe schmerzte, doch wenigstens war sie kaum noch zu sehen, wenn er die Haare über die Stelle strich. Die Koffeinkapseln zeigten schon Wirkung, und endlich begann sich der Nebel in seinem Kopf zu lichten.

Denk nach, Robert, versuch dich zu erinnern!

Das kleine fensterlose Badezimmer entfachte plötzlich seine Klaustrophobie, und Langdon trat hinaus und durchquerte die Diele bis zu der halb offenen Tür, durch die natürliches Licht fiel. Der Raum dahinter war ein improvisiertes Arbeitszimmer mit einem billigen Schreibtisch, einem abgewetzten Drehstuhl, einem Haufen Bücher auf dem Fußboden und – Gott sei Dank! – einem Fenster, auf das Langdon gleich zuging.

In der Ferne stieg soeben die toskanische Sonne über die höchsten Spitzen der erwachenden Stadt – den Campanile, die Badia, den Bargello. Langdon drückte die Stirn an das kühle Glas. Die Märzluft war frisch und kalt und betonte das volle Spektrum des Sonnenlichts, das hinter den Hügeln hervorkam.

Malerlicht nennen sie es.

Im Herzen der Silhouette erhob sich eine monumentale Kuppel aus roten Ziegeln, deren Zenith verziert war mit einer vergoldeten Kupferkugel. Sie erstrahlte im Morgenlicht wie ein Leuchtfeuer. Il Duomo. Brunelleschi hatte mit der Konstruktion der gewaltigen Basilika-Kuppel Architekturgeschichte geschrieben, und die hundertfünfzehn Meter hohe Kuppel stand noch heute, fünfhundert Jahre später, wie ein unerschütterlicher Gigant auf der Piazza del Duomo.

Was um alles in der Welt mache ich in Florenz?

Langdon war ein Affezionato italienischer Kunst, und Florenz war eines seiner Lieblingsziele in Europa. Dies war die Stadt, in deren Straßen Michelangelo als Kind gespielt und in deren Werkstätten die italienische Renaissance begonnen hatte. Die Stadt, deren Galerien Millionen Reisende anlockten, um Botticellis Geburt der Venus zu bewundern, Leonardos Verkündigung Mariae oder den Stolz der ganzen Stadt: Il Davide.

Langdon war fasziniert von Michelangelos David, seit er ihn als Teenager zum ersten Mal gesehen hatte, beim Betreten der Accademia di Belle Arti. Damals war er langsam durch die Phalanx der unvollendeten Prigioni gegangen … und hatte gespürt, wie sein Blick mit unausweichlicher Macht nach oben wanderte auf das über fünf Meter hohe Meisterwerk. Die schiere Größe und die Definition der Muskulatur verschlugen den meisten Besuchern beim ersten Mal die Sprache, doch Langdon war am meisten beeindruckt gewesen von der genialen Pose des David. Michelangelo hatte die klassische Tradition des contraposto verwendet, um die Illusion zu erzeugen, dass sich David nach rechts lehnte und sein linkes Bein nahezu kein Gewicht trug, obwohl es in Wahrheit mehrere Tonnen Marmor stützte.

Der David hatte in Langdon zum ersten Mal die Wertschätzung für wahre Bildhauerkunst erweckt. Er fragte sich, ob er das Meisterwerk im Verlauf der letzten Tage besucht hatte, doch nach wie vor konnte er nur eine Erinnerung heraufbeschwören: sein Erwachen im Krankenhaus und die Geschehnisse, die dazu geführt hatten, dass der unschuldige Arzt vor seinen Augen niedergeschossen worden war. Very sorry. Very sorry.

Die Schuldgefühle waren so stark, dass ihm beinahe übel wurde. Was habe ich getan?

Wie er am Fenster stand, nahm er aus den Augenwinkeln einen Laptop-Computer auf dem Schreibtisch wahr. Was immer Langdon in der vergangenen Nacht zugestoßen sein mochte, es stand mit ziemlicher Sicherheit in den Nachrichten.

Wenn ich ins Internet kann, finde ich vielleicht die Antwort.

Langdon drehte sich zur Tür. »Sienna?«, rief er.

Keine Antwort. Sie war in der Wohnung ihres Nachbarn und suchte nach passenden Kleidungsstücken für ihn.

Er zweifelte nicht daran, dass Sienna Verständnis für sein Eindringen in ihre Privatsphäre haben würde, und klappte den Laptop auf. Die Maschine fuhr hoch.

Der Startbildschirm erhellte sich – blaue Wolken, ein Standardhintergrund. Langdon ging auf die Seite von Google Italia und tippte seinen Namen in das Suchfeld: Robert Langdon.

Wenn meine Studenten mich jetzt sehen könnten, dachte er, als er auf den Such-Button klickte. Er schimpfte ständig darüber, dass sie nach sich selbst googelten – eine bizarre neue Freizeitbeschäftigung und ein Symptom der krankhaften Sucht nach persönlichem Ruhm, der die gesamte amerikanische Jugend heimzusuchen drohte.

Die Seite mit den Ergebnissen erschien – Hunderte von Treffern, die sich auf Langdon bezogen, seine Bücher, seine Vorträge. Nicht das, wonach ich suche.

Langdon grenzte die Suche ein, indem er Nachrichten auswählte.

Eine neue Seite erschien. Nachrichten mit »Robert Langdon« im Resultat.

Signierstunden: Robert Langdon liest in …

Graduiertenansprache von Robert Langdon …

Robert Langdon publiziert Symbol-Primer für …

Die Liste war mehrere Seiten lang, und doch sah Langdon nichts Neues – jedenfalls nichts, was seine missliche Lage erklärte. Was ist gestern Nacht passiert? Langdon suchte weiter, rief die Webseite von The Florentine auf, die englischsprachige Ausgabe der in Florenz erscheinenden Zeitung. Er überflog die Schlagzeilen, neuesten Meldungen und den Polizeibericht, las einige Artikel über einen Wohnungsbrand, einen Unterschlagungsskandal in Regierungskreisen und verschiedene kleinere Straftaten.

Überhaupt nichts?

Er stockte bei einer Eilmeldung über einen Vertreter der Stadt, der in der vergangenen Nacht auf dem Platz vor der Kathedrale an einem Herzanfall gestorben war. Der Name des Mannes wurde noch nicht genannt, doch gab es bislang keinen Hinweis auf eine Straftat.

Schließlich, weil er nicht wusste, was er sonst noch machen sollte, loggte Langdon sich in seinen E-Mail-Account bei Harvard ein, um seine Nachrichten durchzugehen. Vielleicht fand sich dort eine Antwort. Vergeblich – nichts außer der üblichen Flut von Mails seiner Kollegen, Studenten und Freunde, viele davon Erinnerungen an Termine in der kommenden Woche.

Es ist, als hätte niemand bemerkt, dass ich weg bin.

Mit wachsender Unsicherheit fuhr Langdon den Computer herunter und klappte den Deckel zu. Er stand im Begriff, das Zimmer zu verlassen, als etwas seine Aufmerksamkeit weckte. Am Rand von Siennas Schreibtisch, auf einem Stapel alter medizinischer Journale und Fachzeitschriften, stand ein Polaroid-Foto. Der Schnappschuss zeigte Sienna Brooks und ihren bärtigen Arztkollegen, die nebeneinander im Flur eines Krankenhauses standen und lachten.

Dr. Marconi, dachte Langdon, gequält von Schuldgefühlen, als er das Foto aufnahm und betrachtete.

Als er es auf den Stapel Zeitschriften zurückstellen wollte, bemerkte er das vergilbte Faltblatt obenauf – ein abgegriffenes Theaterprogramm vom London Globe Theatre. Offensichtlich handelte es sich um eine Produktion von Shakespeares Mittsommernachtstraum … von vor fast fünfundzwanzig Jahren.

Auf dem Deckblatt stand mit Textmarker eine handschriftliche Nachricht. Schatz, vergiss nie, dass du ein Wunder bist.

Langdon nahm das Faltblatt zur Hand, und einige Zeitungsausschnitte fielen heraus und landeten auf dem Schreibtisch. Hastig schlug er das Faltblatt auf, um die Ausschnitte wieder hineinzulegen … und hielt überrascht inne.

Er starrte auf das Foto einer Kinderschauspielerin, die Shakespeares schelmischen Elfen Puck dargestellt hatte. Das Mädchen konnte nicht älter gewesen sein als fünf Jahre, und das blonde Haar war zu einem vertrauten Pferdeschwanz zurückgebunden.

Die Bildunterschrift lautete: Ein Star wird geboren.

Der dann folgende Text war die überschwängliche Biografie eines Wunderkinds – Sienna Brooks – mit einem IQ, der alle Maßstäbe sprengte. Sie hatte in einer einzigen Nacht den Text jeder einzelnen Rolle des Stückes auswendig gelernt und ihren Kollegen während der ersten Proben häufig souffliert. Unter den Hobbys der Fünfjährigen waren Violine, Schach, Biologie und Chemie. Das Kind eines wohlhabenden Ehepaars aus dem Londoner Vorort Blackheath war in wissenschaftlichen Kreisen bereits eine Berühmtheit. Mit vier Jahren hatte Sienna eine Schachpartie gegen einen Großmeister gewonnen, und sie las Bücher in drei Sprachen.

Mein Gott, dachte Langdon. Sienna. Das erklärt einiges.

Langdon erinnerte sich an einen der berühmtesten Absolventen von Harvard, ein Wunderkind namens Saul Kripke, das sich im Alter von sechs Jahren selbst Hebräisch beigebracht und mit zwölf sämtliche Werke von Descartes gelesen hatte. Erst vor Kurzem hatte Langdon von einem jungen Wunderknaben namens Moshe Kai Cavalin gelesen, der im Alter von elf Jahren den Collegeabschluss mit einem Einser-Durchschnitt geschafft, einen nationalen Titel in einer Kampfsportart gewonnen und mit vierzehn Jahren sein erstes Buch mit dem Titel We Can Do geschrieben hatte.

Langdon nahm einen anderen Zeitungsausschnitt zur Hand, der Sienna im Alter von sieben Jahren zeigte: KINDGENIE ERREICHT IQ VON 208.

Langdon hatte nicht gewusst, dass die Skala zur Messung der Intelligenz überhaupt so weit reichte. Dem Bericht zufolge war Sienna Brooks eine virtuose Violinistin, lernte eine neue Sprache innerhalb eines Monats fließend und studierte autodidaktisch Anatomie und Physiologie.

Er überflog einen weiteren Ausschnitt aus einem medizinischen Journal. DIE ZUKUNFT DES DENKENS – NICHT ALLE GEISTER SIND GLEICH.

Dieser Artikel zeigte ein Foto von Sienna, inzwischen vielleicht zehn Jahre alt und immer noch flachsblond, neben einem großen medizinischen Apparat. Der Artikel enthielt ein Interview mit einem Arzt, demzufolge PET-Scans von Siennas Großhirn ergeben hatten, dass es sich physisch von anderen Gehirnen unterschied. Siennas Gehirn war sowohl größer als auch effizienter und besaß die Fähigkeit, räumlich-visuelle Informationen auf eine Weise zu verarbeiten, die sich die meisten Menschen nicht einmal vorstellen konnten. Der Arzt schrieb Siennas physischen Vorteil einem ungewöhnlich schnellen Zellwachstum im Gehirn zu, ähnlich einer Krebsgeschwulst, nur dass in ihrem Fall das gutartige Gewebe wucherte statt der gefährlichen Krebszellen.

Langdon fand einen Ausschnitt aus einer Kleinstadtzeitung.

DER FLUCH DER BRILLANZ.

Diesmal war kein Foto dabei. Es war die Geschichte eines jungen Genies, Sienna Brooks, das auf normale Schulen zu gehen versucht hatte, jedoch wegen seiner Andersartigkeit von den übrigen Schülern schikaniert worden war. Der Artikel beschrieb die Einsamkeit, die derart begabte junge Menschen empfinden. Ihre sozialen Fähigkeiten können nicht annähernd mit den intellektuellen mithalten, was häufig dazu führt, dass sie von Gleichaltrigen ausgestoßen werden.

Dem Bericht zufolge war Sienna im Alter von acht Jahren von zu Hause weggelaufen und hatte das Kunststück vollbracht, zehn Tage lang unentdeckt zu bleiben. Man hatte sie in einem besseren Londoner Hotel gefunden, wo sie sich als Tochter eines Gasts ausgegeben, einen Schlüssel gestohlen und auf eine fremde Zimmernummer Essen bestellt hatte. Allem Anschein nach hatte sie die Woche damit verbracht, alle 1600 Seiten von Grey’s Anatomy zu lesen. Auf die Frage der Behörden, warum sie ärztliche Fachliteratur lese, hatte sie geantwortet, dass sie herausfinden wolle, was mit ihrem Gehirn nicht stimme.

Langdon fühlte mit dem kleinen Mädchen mit. Er konnte sich kaum vorstellen, wie einsam ein Kind sein musste, das so grundlegend anders war als andere Kinder. Er faltete die Ausschnitte wieder zusammen und hielt inne, um einen letzten Blick auf das Foto der fünfjährigen Sienna in der Rolle des Puck zu werfen. Wenn ich an die fast surreale erste Begegnung mit ihr heute Morgen denke, passt die Rolle des schelmischen Elfs irgendwie zu ihr. Langdon wünschte, er könnte wie die Darsteller im Stück einfach aufwachen und so tun, als wären seine jüngsten Erlebnisse nichts weiter als ein Traum.

Sorgfältig legte er alle Ausschnitte zurück in das Faltblatt und klappte es zu. Als er die Handschrift auf dem Deckblatt sah, überkam ihn eine unerwartete Melancholie. Schatz, vergiss nie, dass du ein Wunder bist.

Sein Blick wanderte nach unten zu dem vertrauten Symbol auf dem Deckblatt – dem gleichen frühgriechischen Piktogramm, das die meisten Theaterprogramme überall auf der Welt verzierte und zu einem Synonym für dramatisches Theater geworden war: Das Maskenpaar, le maschere.

Masken

Langdon betrachtete die ikonischen Gesichter von Komödie und Tragödie, die vom Papier zu ihm hochstarrten, und plötzlich hörte er ein merkwürdiges Summen – als würde langsam eine Saite in seinem Kopf straffgezogen. Ein schmerzender Stich durchfuhr seinen Schädel. Geisterhafte Bilder von einer Maske schwebten vor seinen Augen. Er ächzte, ließ sich in den Stuhl fallen, kniff die Augen fest zusammen hielt sich mit beiden Händen den Kopf.

In dieser Dunkelheit kehrten die bizarren Visionen machtvoll zurück … grell und lebendig.

Wieder sah er die silberhaarige Frau mit dem Amulett. Sie rief von der anderen Seite des blutroten Flusses nach ihm. Ihre verzweifelten Rufe waren in der stinkenden Luft klar und deutlich zu hören und übertönten die Schreie der Gefolterten und Sterbenden, die die Landschaft sich windend und zuckend übersäten, so weit das Auge reichte. Abermals sah Langdon das verzweifelt in der Luft zappelnde Beinpaar mit dem aufgemalten R, dessen zugehöriger Oberkörper im Erdreich steckte.

Suche und finde!, rief die Frau Langdon zu. Die Zeit drängt!

Wie zuvor spürte Langdon den überwältigenden Drang, ihr zu helfen … allen zu helfen. Wer bist du?, rief er über den schäumenden roten Fluss hinweg.

Wieder hob die Frau ihren Schleier, um dasselbe atemberaubend schöne Gesicht zu enthüllen, das Langdon schon kannte.

Ich bin das Leben, sagte sie.

Ohne Vorwarnung erschien im Himmel über ihr ein kolossales neues Bild – eine furchterregende Maske mit einer langen, schnabelartigen Nase und zwei glühenden grünen Augen, die Langdon ausdruckslos anstarrten.

Und ich … bin der Tod, dröhnte eine tiefe Stimme.

KAPITEL 8

Langdon riss die Augen auf und sog erschrocken den Atem ein. Er saß noch immer am Schreibtisch der jungen Ärztin, den Kopf in den Händen, mit wild pochendem Herzen.

Was zum Teufel passiert mit mir?

Er sah die silberhaarige Frau und die Schnabelmaske noch lebhaft vor sich. Ich bin das Leben. Ich bin der Tod. Er versuchte, die Vision abzuschütteln, doch sie fühlte sich an wie in sein Gehirn eingebrannt. Auf dem Schreibtisch vor ihm starrten ihn die beiden Theatermasken des Programmhefts an.

Ihre Erinnerungen sind durcheinander und wirr … Vergangenheit, Gegenwart und Imagination … alles zusammengemischt, hatte Sienna ihm erklärt.

Langdon war schwindlig.

In der Küche läutete ein Telefon. Es war ein durchdringender, altmodischer Klingelton.

»Sienna?«, rief Langdon und erhob sich.

Keine Antwort. Sie war noch nicht wieder zurück. Nach zwei weiteren Klingelzeichen schaltete sich ein Anrufbeantworter ein.

»Ciao, sono io«, meldete sich Siennas Stimme fröhlich in der Ansage. »Lasciatemi un messaggio e vi richiamerò.«

Ein Piepton erklang, und eine Frau mit schwerem osteuropäischem Akzent sprudelte voller Panik los. Ihre Stimme hallte durch die Diele. »Sienna, ist Danikova hier! Wo du bist? Hier alles furchtbar! Dein Freund, Dr. Marconi, sein tot! Ganze Hospital spielen verrückt! Polizei hergekommen. Leute sagen zu Polizei, du rennen weg, versuchen Patient zu retten? Warum? Du nicht kennen Patient! Jetzt Polizei suchen dich! Nehmen Akte mit. Ich weiß Informationen falsch – falsche Adresse, falsche Nummern, falsche Visum – so sie dich nicht finden heute, aber bald! Ich versuchen dich zu warnen. Mir tut leid, Sienna, so leid!«

Die Anruferin legte auf.

Langdon spürte wieder Gewissensbisse. Der Nachricht nach zu urteilen, hatte Dr. Marconi Sienna im Krankenhaus arbeiten lassen. Jetzt hatte Langdons Anwesenheit den Arzt das Leben gekostet, und Siennas instinktive Rettungsaktion würde schlimme Konsequenzen für sie haben.

In diesem Moment schloss sich laut eine Tür am anderen Ende der Wohnung.

Sie ist zurück.

Einen Augenblick später plärrte der Anrufbeantworter los. »Sienna, ist Danikova hier! Wo du bist …?«

Langdon verzog das Gesicht. Hastig legte er das Programmheft weg und räumte den Schreibtisch auf. Dann schlüpfte er durch die Diele ins Badezimmer. Er fühlte sich schuldig wegen seines heimlichen Blicks in Siennas Vergangenheit.

Zehn Sekunden später klopfte es leise an der Tür. »Ich hänge Ihnen die Sachen an den Knauf«, sagte Sienna. Ihre Stimme war rau vor Emotion.

»Ich danke Ihnen sehr«, sagte Langdon.

»Wenn Sie fertig sind, kommen Sie bitte in die Küche«, fügte sie hinzu. »Ich muss Ihnen dringend etwas zeigen, bevor wir jemanden anrufen.«

Müde ging Sienna durch den kleinen Flur der Wohnung in ihr bescheidenes Schlafzimmer. Sie nahm eine Jeans und einen Pullover aus dem Schrank und betrat damit das Bad.

Vor dem Spiegel sah sie sich in die Augen, dann packte sie ihren dicken blonden Pferdeschwanz und zog fest daran. Die Perücke löste sich von ihrem kahlen Schädel.

Aus dem Spiegel starrte ihr eine haarlose zweiunddreißig Jahre alte Frau entgegen.

Sienna hatte keinen Mangel an Herausforderungen im Leben gehabt. Im Laufe der Zeit hatte sie sich angewöhnt, in der Not auf ihren Intellekt zu vertrauen. Ihre gegenwärtige Zwangslage erschütterte sie jedoch auf einer tiefen, emotionalen Ebene.

Sie legte die Perücke beiseite und wusch sich das Gesicht und die Hände. Nach dem Abtrocknen wechselte sie in frische Sachen, setzte die Perücke wieder auf und rückte sie behutsam zurecht. Selbstmitleid war ein Gefühl, das Sienna nur selten tolerierte, doch als ihr nun trotz aller Selbstbeherrschung die Tränen in die Augen stiegen, blieb ihr keine andere Wahl, als ihnen nachzugeben.

Und das tat sie.

Sie weinte um das Leben, das sie nicht kontrollieren konnte.

Sie weinte um den Mentor, der vor ihren Augen gestorben war.

Sie weinte wegen der tiefen Einsamkeit, die ihr Herz erfüllte.

Doch vor allem weinte sie um die Zukunft … eine Zukunft, die sich mit einem Mal ungewiss anfühlte.

KAPITEL 9

In der Kommandozentrale der Luxusyacht Mendacium saß der Koordinator Laurence Knowlton in seiner hermetisch versiegelten Glaskabine und starrte ungläubig auf den schwarzen Computermonitor. Er hatte soeben das Video zu Ende gesehen, das der Klient ihnen hinterlassen hatte.

Und das soll ich morgen Früh an die Medien weiterleiten?

In seinen zehn Jahren beim Konsortium hatte Knowlton eine Vielzahl seltsamer Aufträge ausgeführt, die meisten davon irgendwo zwischen unmoralisch und illegal. Die Arbeit in allen möglichen Grauzonen war Alltag beim Konsortium, einer Organisation, die nur eine einzige ethische Maxime kannte: um jeden Preis das Versprechen einzuhalten, das sie ihrem jeweiligen Klienten gegeben hatte.

Wir bringen es zu Ende. Ohne Fragen zu stellen. Koste es, was es wolle.

Die Aussicht jedoch, dieses Video hochladen zu müssen, erweckte in Knowlton eine tiefe Unruhe. In der Vergangenheit hatte er das Grundprinzip der Aufträge stets verstanden. Ganz gleich wie bizarr: Die Motive und erwünschten Ergebnisse waren ihm klar gewesen.

Dieses Video hingegen war zutiefst verstörend.

Irgendetwas daran war anders.

Ganz anders.

Er rief die Datei erneut auf, in der Hoffnung, die Botschaft beim zweiten Mal besser zu verstehen. Er regelte die Lautstärke hoch und lehnte sich für die neunminütige Aufzeichnung zurück.

Wie zuvor begann der Film mit dem leisen Schwappen kleiner Wellen in der unheimlichen, mit Wasser gefüllten Kaverne, die in düsterem roten Licht erstrahlte. Und wie zuvor tauchte die Kamera in das leuchtende Wasser ein und fuhr bis vor die Tafel am Grund, in die eingraviert stand:

AN DIESEM ORT UND AN DIESEM TAG
WURDE DIE WELT FÜR IMMER VERÄNDERT.

Schon allein die Tatsache, dass der Klient die Tafel unterzeichnet hatte, war befremdlich. Dass das Datum der morgige Tag war, machte Knowlton ein wenig nervös. Doch das, was sich an diese Bilder anschloss, beunruhigte ihn zutiefst.

Die Kamera schwenkte nach links und erfasste ein verblüffendes Objekt, das gleich neben der Tafel unter Wasser zu schweben schien: Eine wallende, wogende Kugel aus dünnem Plastik, mit einer kurzen Schnur am Boden neben der Tafel verankert. Wie eine zarte, überdimensionale Seifenblase schwebte das transparente Gebilde im Wasser … nicht mit Luft gefüllt, sondern mit einer gelatinösen braunen Flüssigkeit. Die aufgeblähte, amorphe Blase hatte einen Durchmesser von vielleicht dreißig Zentimetern, und die braune Flüssigkeit in ihrem Innern wirbelte träge durcheinander wie ein sich langsam zusammenbrauender Sturm.

Himmel, dachte Knowlton beklommen. Beim zweiten Ansehen wirkte das Gebilde noch unheilvoller.

Die Szene endete, und der Schirm wurde schwarz.

Ein neues Bild erschien – die feuchte Wand der Kaverne mit den tanzenden Spiegelungen der sich kräuselnden Wellen. Ein Schatten tauchte auf … der Schatten eines Mannes, der in der Kaverne stand.

Sein Kopf war missgestaltet … grotesk missgestaltet.

Statt einer Nase besaß er einen langen Schnabel, als wäre er zur Hälfte Vogel.

Als er sprach, klang seine Stimme dumpf. Er redete mit einer schaurigen Eloquenz, in gemessenem Tonfall … wie der Erzähler in einem elisabethanischen Theater.

Knowlton saß reglos da und wagte kaum zu atmen.

Ich bin der Schatten.

Wenn ihr dies seht, ist meine Seele endlich zur Ruhe gekommen.

In den Untergrund getrieben, in das Exil einer düsteren Kaverne, in deren blutrotem Wasser sich nie spiegeln die Sterne, bin ich gezwungen, tief aus der Erde zu aller Welt zu sprechen.

Doch dies ist mein Paradies … der perfekte Schoß für mein fragiles Kind.

Inferno.

Bald schon werdet ihr erfahren, was ich euch hinterlassen habe.

Gleichwohl: Selbst hier spüre ich die Schritte jener ignoranten Kreaturen, die mich verfolgen und die vor nichts und niemandem Halt machen, um meine Pläne zu durchkreuzen.

Vergib ihnen, könnte man sagen, denn sie wissen nicht, was sie tun. Doch es kommt der Augenblick in der Geschichte, in dem Ignoranz nicht länger ein verzeihlicher Fehler ist … der Augenblick, in dem allein Weisheit die Erlösung bringt.

Mit reinem Gewissen habe ich Euch allen das Geschenk der Hoffnung vermacht, der Erlösung, des Morgen.

Und trotzdem jagen sie mich wie einen tollen Hund, angetrieben von der selbstgerechten Überzeugung, ich sei ein kranker Irrer. Da ist die silberhaarige Schönheit, die es wagt, mich ein Monster zu nennen! Wie die blinden Kleriker, die für den Tod des Kopernikus gestimmt haben, schimpft sie mich einen Dämon, voller Angst, ich könne die Wahrheit durchschaut haben.

Doch ich bin kein Prophet.

Ich bin eure Erlösung.

Ich bin der Schatten.

KAPITEL 11

Das kleine Objekt in Langdons Hand war überraschend schwer: ein schmaler, glattpolierter Metallzylinder von vielleicht fünfzehn Zentimetern Länge, an beiden Enden abgerundet wie ein Miniaturtorpedo.

»Bevor Sie zu grob damit umgehen, sollten Sie vielleicht einen Blick auf die andere Seite werfen«, warnte Sienna und lächelte angespannt. »Sie sagen, Sie sind Symbolforscher?«

Langdon betrachtete den Zylinder und drehte ihn langsam zwischen Daumen und Zeigefingern, bis ein hellrotes Symbol zu sehen war.

Schlagartig wurde er nervös.

Als Gelehrter der Ikonografie wusste er, dass es nur wenige Bilder gab, die die Macht besaßen, im Bruchteil einer Sekunde Angst im menschlichen Verstand auszulösen … das Symbol auf dem Zylinder gehörte definitiv auf die kurze Liste. Langdons Reaktion war dementsprechend instinktiv und unmittelbar; er legte den Zylinder auf den Tisch und rückte mit dem Stuhl davon ab.

Sienna nickte. »Ja. Genauso habe ich auch reagiert.«

Die Markierung auf dem dünnen Rohr war ein einfaches Piktogramm.