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Indigo – Der Aufstand

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Jordan Dane

Indigo – Der Aufstand

Roman

Aus dem Amerikanischen von Sarah Heidelberger

Alle Rechte, einschließlich das des vollständigen oder auszugsweisen Nachdrucks in jeglicher Form, sind vorbehalten.

Der Preis dieses Bandes versteht sich einschließlich der gesetzlichen Mehrwertsteuer.

Alle handelnden Personen dieser Ausgabe sind frei erfunden. Ähnlichkeiten mit lebenden oder sterbenden Personen wären rein zufällig.

1. KAPITEL

West Hollywood

22:20 Uhr

Ein vernünftiger Mensch hätte nicht einmal darüber nachgedacht, dort hineinzugehen – und dann auch noch allein. Aber Caila Ferrie hatte keine Wahl. Die Dunkelheit war für sie eine alte Bekannte. Caila hatte einen großen Teil ihres Lebens damit verbracht, mit ihr zu verschmelzen, hatte aus eigener Entscheidung den Schutz und die Anonymität der Schatten gesucht. Diese Erkenntnis traf sie, als sie von einer düsteren Gasse aus auf das verlassene alte Lagerhaus auf der anderen Straßenseite starrte. Vermutlich war sie da drinnen besser aufgehoben als hier draußen. Die Ziegelwände waren mit Graffiti überzogen, ein Sinnbild der Vernachlässigung. Das Straßenlicht spiegelte sich in den scharfen Glasscherben der eingeworfenen Fenster und ließ die pechschwarzen Stellen, an denen die Scheiben fehlten, wie Augen aussehen.

Es war der vierte Unterschlupf, mit dem sie es heute Abend probierte, und ihre letzte Chance, Oliver Blue zu finden. Sie schloss die Augen und holte tief Luft. Bitte lass mich hier richtig sein, betete sie. Wenn nichts dabei herauskam, hatte sie all ihre Karten ausgespielt. Bevor sie die Straße überquerte, warf sie einen Blick über die Schulter und lauschte konzentriert in die Dunkelheit. Sie hatte achtgegeben und glaubte nicht, dass ihr jemand gefolgt war, aber es konnte nicht schaden, noch einmal sicherzugehen.

Caila hielt sich im Schatten, auch wenn das bedeutete, dass sie einen langen Umweg nehmen musste, um die Straße zuüberqueren. Die vielen Vorsichtsmaßnahmen galten nicht nur ihr selbst, sondern auch Oliver.

Der Typ war ein Eigenbrötler. Und das war der Grund dafür, dass so gut wie keiner etwas über ihn wusste. Sie war ihm nur ein Mal begegnet, durch ihren Freund Zack, der ihr gesagt hatte, dass sie sich an Oliver wenden könne, sollte jemals irgendetwas Schlimmes passieren. Ihm könne man vertrauen. Er hatte nicht erklärt, warum er so große Stücke auf ihn hielt, aber seine Worte waren unmissverständlich gewesen.

Weil Caila ihrem Freund vertraute, hatte sie seiner Erklärung genau zugehört, wo sie diesen Typen finden könne. Bei ihrem Kennenlernen hatte Oliver sie ziemlich nervös gemacht. Er hatte nicht viel gesagt und jeglichen Augenkontakt vermieden. Außerdem schien er wütend zu sein, weil Zack sie mitgebracht hatte. Nachdem Zack ihn beiseitegenommen hatte, um ihm alles zu erklären, hatte Oliver ihr kurz zugenickt und die einzigen Worte gemurmelt, die er jemals an sie gerichtet hatte. „Hast Glück, dass Zack sich so um dich kümmert. Hoffe, du tust dasselbe für ihn.“ Danach war er ohne ein weiteres Wort verschwunden. Damals hatte sie nicht geglaubt, dass sie ihn jemals wiedersehen würde.

Wäre sie nicht so verzweifelt – sie wäre niemals hergekommen.

Caila brauchte einige Zeit, bis sie alle Türen und die Verladerampe überprüft hatte, um einen Weg in das verlassene Gebäude zu finden. Alle Eingänge auf Straßenebene waren fest verschlossen. Sie war kurz davor, aufzugeben, als sie eine Feuerleiter entdeckte, die zu den oberen Geschossen und aufs Dach führte. Wenn sie die Stufen hochstieg, präsentierte sie sich einem möglichen Verfolger wie auf dem Silbertablett. Im Notfall würde sie keine Fluchtmöglichkeit haben, und die

Metallstufen würden Lärm machen. Sie durchdachte ihre Möglichkeiten und kam zu dem Schluss, dass sie keine Wahl hatte. Schließlich war sie nicht das Risiko eingegangen, Oliver zu suchen, nur um jetzt aufzugeben.

Sie blickte nicht nach unten, während sie die rostigen Stufen hinaufkletterte, und hielt sich an dem schmuddeligen Geländer fest, selbst da, wo alter Kaugummi auf dem Metall klebte. Aus der Vogelperspektive konnte sie erkennen, dass ihr niemand folgte. Jetzt fühlte sie sich sicher. Auf einer Stufe, die im Dunkeln lag, kauerte sie sich zusammen, zog die letzte Dose Sprühkäse aus ihrer Jackentasche und aß den Inhalt auf. Sie brauchte etwas im Magen, damit er nicht mehr so knurrte. Als die Dose leer war, ließ sie sie auf der Treppe stehen und lief weiter.

Zack hatte immer einen Vorrat von dem Zeug gehabt, und Sprühsahne hatte es auch immer gegeben. Der Sprühkäse erinnerte Caila an ihn. Sie hatte Zack gefunden, als sie jemanden brauchte, der sich um sie kümmerte, und manchmal brachen die Gedanken an ihn in ihr hervor wie ein unkontrollierbarer Vulkan. Immer, wenn sie nervös wurde, fielen ihr irgendwelche Disney-Songs ein. Diesmal war es das Lied von dem französischen Koch aus Arielle, die Meerjungfrau, das durch ihren Kopf dudelte wie ein Juckreiz im Gehirn.

Nicht jetzt!

Wer auch immer für die Disney-Playlist in ihrem Kopf verantwortlich war, schien es superwitzig zu finden, sie immer dann damit zu quälen, wenn sie es am wenigsten erwartete. Sie hatte keine Ahnung, was die Ursache für ihren Tick war, vermutete aber, dass er auf ein Erlebnis zurückging, das so weit zurücklag, dass sie sich nicht mehr daran erinnern konnte. Meistens wies er auf eine drohende Gefahr hin, aber nicht immer. Nachdem sie im zweiten Geschoss eine Metalltür mit zerborstenem Schloss gefunden hatte, trat sie in die erdrückende Stille des verlassenen Lagerhauses ein, die sogar den französischen Koch verstummen ließ. Ein Schauer lief über ihre Haut wie die Berührung einer kalten Hand. Caila war nicht allein. Jemand beobachtete sie. Ihr Zweites Gesicht hatte sie gewarnt, ein Prickeln, das in ihrer Brust begann und sich über ihre Arme fortpflanzte. Aufgrund ihrer übersinnlichen Begabung verließ sie sich bei allen Entscheidungen auf ihre Instinkte. Der Impuls wegzulaufen, wurde immer stärker, doch sie kämpfte dagegen an.

Es war ihr Versprechen an Zack, das sie bleiben ließ.

Ihre Augen brauchten etwas, um sich an die Dunkelheit zu gewöhnen, während sie alle Ecken und Winkel nach Bewegungen absuchte. Die lastende Stille vermittelte zwar den Eindruck, dass niemand hier sei, doch Caila wusste es besser. Das warnende Prickeln war stärker geworden, mittlerweile fühlte es sich an wie kleine Stromstöße, die durch ihren Körper zuckten. Obwohl ihre Kehle ganz eng und rau war, ging Caila das Risiko ein, laut nach ihm zu rufen.

„Oliver? Ich bin’s, Caila. Zacks Freundin.“

Beim Klang ihrer Stimme, die laut durch den Bauch der alten Lagerhalle hallte, zuckte sie zusammen. Caila kam sich dumm vor, hier herumzubrüllen wie die letzte Idiotin. Allerdings hatte Mut auch noch nie zu ihren Stärken gezählt.

„Oliver?“ Sie rang die Hände und schlich mit aufmerksamen Blicken in alle Richtungen weiter. „Bitte … Ich muss mit dir reden.“

Sie schob sich zwischen alten Lattenkisten und verrosteten Fässern durch und hielt im Dunkeln Ausschau nach Anzeichen von Leben – oder einem Grund davonzulaufen. Die tiefe Männerstimme, die sie plötzlich hörte, war beides.

„Ich hoffe für dich, dass es wirklich wichtig ist.“

Caila erstarrte mitten in der Bewegung, und ihr Puls schoss in den roten Bereich. Sie gab sich alle Mühe, Oliver nicht merken zu lassen, dass sie gerade fast einen Herzinfarkt bekommen hätte. Als sie sich umdrehte, entdeckte sie ihn über sich, wo er auf den metallenen Dachsparren kauerte und zu ihr herunterstarrte. In dem schummrigen Licht, das durch ein zerbrochenes Fenster fiel, konnte sie nur einen Teil seines Gesichts erkennen.

„Sonst wäre ich nicht hier.“ Sie erwiderte trotzig seinen finsteren Blick, doch dann fiel ihr wieder ein, warum sie hier war, und sie riss sich zusammen.

„Folgt dir jemand?“

„Nein, ich war sehr vorsichtig … und ich hab unten keinen gesehen, als ich die Treppe hoch bin.“

Er starrte sie weiter an und sagte lange Zeit gar nichts. Caila verharrte reglos auf der Stelle und hielt die Luft an.

„Warum bist du hier?“

„Wegen Zack. Er ist verschwunden. Ich hab ihn seit drei Tagen nicht mehr gesehen.“

„Vielleicht will er ja gar nicht gefunden werden.“

„Zack ist nicht so.“ Sie verschränkte die Arme. „Das würde er mir nicht antun, außer, etwas wirklich Schlimmes ist passiert.“

Oliver starrte sie einen letzten angespannten Moment lang an, dann stand er auf. „Ich komme runter. Rühr dich nicht von der Stelle.“

Als er in den Schatten verschwand, lauschte sie nach ihm, konnte aber nichts hören. Keine knarrenden Dielen, nicht das Rascheln seiner Schritte, bis er plötzlich hinter einem Stapel leerer Kartons wieder auftauchte. Er trug abgenutzte Jeans mit Löchern in den Knien und ein schwarzes T-Shirt mit einem blutüberströmten gelben Smiley auf der Brust. Als er auf sie zukam, ruhte sein Blick fest auf ihr.

Diese Augen.

Nichts an Oliver hatte sich so sehr in ihr Gedächtnis eingebrannt wie diese Augen. Sie waren rauchgrün, der Blick intensiv und unvergesslich. Als sie sich kennengelernt hatten, hatte sie gewollt, dass er sie ansah, doch als er es dann tat, hatte sie sich ausgeliefert und entblößt gefühlt, als würde er alle ihre Sünden kennen. Hier in dem Schatten wurde dieses Gefühl sogar noch stärker.

Er war größer, als sie ihn in Erinnerung hatte. Mit seinen breiten Schultern und den langen Beinen ragte er über ihr auf wie ein Fels. Sein wirres schwarzes Haar und das mit dunklen Stoppeln übersäte Kinn ließen ihn älter wirken, aber von Zack wusste sie, dass er erst neunzehn war – nur drei Jahre älter als sie selbst. Seine Mundwinkel zeigten leicht nach oben, was sie auf den Gedanken brachte, dass ihm das Lächeln vor langer Zeit einmal leichtgefallen sein musste. Doch jetzt überwog die Trauer in seinem Blick – die Art Trauer, die niemals verschwand.

Sie konnte sich vorstellen, dass er in einem anderen Leben vermutlich ein guter Sohn, ein annehmbarer Bruder und ein loyaler Freund gewesen wäre. Aber er hatte zu viel erlebt, das ihn verändert hatte. Die meisten Mädchen würden wahrscheinlich durchdrehen, wenn er sie nur ansah – normale Mädchen, die in einem Lichtjahre entfernten Paralleluniversum lebten und den Schmerz in ihm im Gegensatz zu Caila nicht auf den ersten Blick erkannten. Sie konnte es sich nicht leisten, einen Typen wie ihn an sich heranzulassen.

Ihren Panzer abzulegen machte sie verletzlich, besonders jetzt, wo Zack weg war. Sie lebte noch nicht sonderlich lang auf den Straßen von L. A. und war nicht sicher, ob sie ohne Zack, der auf sie aufpasste, überhaupt mit Oliver allein sein wollte.

Er blieb auf Abstand und sagte: „Erzähl mir alles.“

Als er die Arme verschränkte, starrte Caila auf den blutigen Smiley auf seinem T-Shirt und dachte an Zack. Hunger und Erschöpfung und all die schlaflosen Nächte machten sie ganz benommen, als würde der abgenutzte Stoff, aus dem ihr Leben gewebt war, gleich zerreißen. Sie hatte nur diese eine Chance, Oliver davon zu überzeugen, dass er ihr helfen musste.

Sie fuhr auf Reserve, sie hatte keine Kraft mehr. Ihr blieb nur noch die Wahrheit.

2. KAPITEL

West Hollywood

22:30 Uhr

Warum glaubst du, dass er in Schwierigkeiten steckt?“, fragte Oliver.

Er stand in einem Strom aus Mondlicht, das durch eine zerborstene Scheibe fiel, vor der sich sein Körper als dunkle Silhouette abhob. Sein schwarzes Haar fiel ihm in die Augen und schimmerte im bläulichen Licht, das ihn fast wie einen Geist aussehen ließ. Caila schob den morbiden Gedanken von sich.

„Als wir uns zum ersten Mal begegnet sind, hast du gesagt, dass ich Glück habe, dass Zack auf mich aufpasst und dass ich dasselbe für ihn tun soll.“ Sie spürte Tränen in ihren Augen brennen und hatte keine Kraft mehr, sie zu unterdrücken. „Aber ich hab ihn hängen lassen. Ich war nicht da, als er mich gebraucht hat. Wenn das ein Problem für dich ist, gehe ich auf der Stelle und komme nie wieder. Aber Zack braucht Hilfe.“

Caila hatte keine Ahnung, was sie machen sollte, wenn er sie vor die Tür setzte. Sie brauchte jemanden zum Reden. Eine Flut von Gefühlen überschwemmte sie, und mit ihnen kamen noch mehr Tränen. Sie spürte, wie ihr Gesicht heiß wurde und ihr schwindelte.

Oliver neigte den Kopf zur Seite und senkte seine Stimme.

„Es war mutig, dass du hergekommen bist“, sagte er. „Du siehst fertig aus. Das hier war nicht der erste Ort, an dem du gesucht hast, oder?“ Als sie mit gesenktem Blick den Kopf schüttelte, fuhr er fort: „Ich glaub nicht, dass du ihn hast hängen lassen. Also erzähl mir alles.“ Er zog zwei Lattenkisten heran, damit sie sich setzen konnten. Caila nahm es als positives Zeichen auf, dass er sie nicht sofort mit einem Arschtritt nach draußen verfrachtete. Nachdem sie sich gesetzt hatten, erzählte sie ihm alles, was in den Tagen vor Zacks Verschwinden passiert war. An Zack zu denken hatte sie immer zum Lächeln gebracht. Jetzt empfand sie nur noch Schuldgefühle.

„Als ich ihn das letzte Mal gesehen habe, hatte er ein paar Dollar und wollte uns Burger holen. Ich hatte Kopfweh und hab mich nicht so gut gefühlt. Er hat immer so nette Sachen für mich gemacht.“ Sie rieb sich den Nacken. „Aber er ist nie zurückgekommen.“

Oliver nickte und hörte weiter zu, aber seine Kiefer mahlten, als würde irgendetwas in ihm brodeln.

„Ich hab mich auf die Suche nach ihm gemacht“, fuhr sie fort. „In dem Burgerladen konnte sich keiner an ihn erinnern, aber du weißt ja, wie das ist. Ich hab andere Leute gefragt, die ihn kennen, sogar ein paar Krankenhäuser und Kliniken hab ich abgeklappert. Aber nichts. Keiner hatte ihn gesehen.“

Sie suchte Olivers Blick. „Ich habe Angst. Zack meinte immer, dass ich zu dir gehen soll, falls irgendwas passiert. Ich hab sonst keinen.“

Oliver wurde ganz still und starrte in die Dunkelheit. Ihr graute vor dem, was er als Nächstes sagen würde, doch dann überraschte er sie mit einer Frage, mit der sie überhaupt nicht gerechnet hatte.

„Wie seid ihr zwei zusammengekommen? Zack hat es mir nie erzählt.“

„Oh, wir sind nur Freunde. Wir haben nie … ich meine, also, so war das nicht mit Zack.“

Wie war es nicht?“

Caila stotterte und suchte verzweifelt nach einer Antwort, während ihr die Röte in die Wangen stieg. Doch als Oliver ihr ein winziges Lächeln zuwarf, begriff sie, dass er gar keine Antwort erwartete.

„Du erinnerst mich an ihn. Er fand es auch immer lustig, mich in Verlegenheit zu bringen. Wahrscheinlich ist das bei mir auch besonders leicht“, murmelte sie. „Also kannst du mir helfen, ihn zu finden?“

„Keine Ahnung. Vielleicht. Hat dir Zack von meinem Freakshow-Talent erzählt?“

„Nicht so richtig. Schätze, er hielt das für privat.“

„Guter Mann, echt. Hast du irgendwas von ihm dabei? Irgendwas, das er angefasst hat?“

„Nein, er hat mir nicht gesagt, dass ich etwas mitbringen soll.“ Sie durchforstete ihre Taschen, fand aber nicht mal Münzen, die er vielleicht berührt hatte. Doch dann … „Warte kurz. Ja, ich hab was.“

Sie sprang von der Lattenkiste und rannte den Weg zurück, auf dem sie gekommen war. Auf der Feuertreppe schnappte sie sich, was sie brauchte, und lief zurück.

„Hier, das hat er angefasst.“ Sie reichte Oliver die leere Dose. „Reicht das?“

Oliver starrte die Sprühkäsedose angewidert an.

„Guck nicht so. Das Zeug ist genial.“

Er lächelte, ohne irgendeine superschlaue Bemerkung, und machte sich an die Arbeit, indem er die Dose mit geschlossenen Augen fest umklammerte. Als er anfing zu zittern und seltsam zu atmen, rückte Caila näher. Sein Gesichtsausdruck war so verzerrt, als würde es wehtun, die Dose anzufassen. Als er die Augen öffnete und Cailas Blick mied, wusste sie, dass er keine guten Neuigkeiten hatte.

„Du weißt, was mit ihm ist, oder?“

Wortlos stellte Oliver die leere Dose ab. Er brauchte lange, um zu antworten. Schließlich stand er auf, lehnte sich mit dem Rücken gegen eine Ziegelwand und ließ sich auf den Boden gleiten.

„Ich hab nur ein paar flüchtige Blicke auf ihn erhascht, aber ich hab genug gesehen. Typen in Uniformen haben ihn mitgenommen. Und das waren keine Cops.“ Er schüttelte den Kopf. „Hast du schon mal von der Church of Spiritual Freedom gehört? Manche von uns nennen sie die Believers. Ich nenne sie verdammte Seelenvampire.“

Sie hatte Zack etwas Ähnliches sagen hören. Anfangs hatte sie die Geschichten für eine Großstadtlegende gehalten. Zack hatte ihr keine Angst machen wollen und ihr nur gesagt, dass sie Fremden gegenüber vorsichtig sein und die Augen nach Verfolgern offen halten sollte. Aber als sie den Ausdruck auf Oliver Blues Gesicht sah, überkam sie das ungute Gefühl, dass alles, was Zack ihr erzählt hatte, wahr war.

„Es gibt sie wirklich?“ Caila fiel das Atmen schwer. Sie schüttelte den Kopf und versuchte, sich an alles zu erinnern, was Zack ihr erzählt hatte. „Wie können wir herausfinden, ob sie ihn haben? Ich meine, es muss doch irgendwie möglich sein, ihn zurückzuholen!“

Oliver setzte sich wieder zu ihr. Sein Blick sprach Bände.

„Sie haben Ressourcen und Geld und Cops, die sie bestechen. Wir können niemandem vertrauen. Diese Bastarde sind mit dem vollen Hightech-Programm ausgestattet. Ich habe gehört, dass sie sich sogar in die Überwachungskameras der Stadt hacken können. Das macht es verdammt schwierig, ihnen einen Schritt voraus zu bleiben. Du merkst gar nicht, dass sie da sind, bis sie plötzlich vor dir stehen.“

„Aber warum? Warum sind die hinter … Jugendlichen her?“

Oliver starrte einen langen Augenblick in die Dunkelheit, ehe er antwortete.

„Angst ist wie eine Droge. Sie fürchten sich vor uns … vor dem, was wir können. Für die sind wir Freaks.“ Er richtete seinen Blick auf sie. „Wenn die Leute glauben, dass sie Gott auf ihrer Seite haben, halten sie alles für gerechtfertigt. Sie empfinden uns als Bedrohung.“

„Aber Zack … er war doch gar nicht gefährlich! Er hat nie jemandem wehgetan.“ Caila spürte die Dunkelheit im Lagerhaus immer näher herankriechen. „Kannst du sagen, wo er jetzt ist?“

„Normalerweise könnte ich das, aber nicht in diesem Fall.“ Oliver seufzte und fuhr sich mit der Hand durchs Haar.

Sie kannte ihn nicht gut genug, um entscheiden zu können, ob er ihr Dinge verschwieg, die er gesehen hatte.

„Heißt das, dass er …“ Sie konnte es nicht aussprechen.

„Ich weiß es nicht.“

Seine Antwort kam viel zu schnell, und ihr ungutes Gefühl wurde noch stärker. Alles, woran sie denken konnte, war Zack.

„Zieh keine voreiligen Schlüsse“, sagte er. „Mein schräges Talent funktioniert nicht wie ein Navi. Morgen versuch ich es noch mal.“

Als ihr eine Träne die Wange hinablief, drückte Oliver kurz ihre Hand.

„Du bist müde. Ich kann dir für heute Nacht ein Lager machen. Und morgen überlegen wir, wie es weitergeht, okay?“

Seine Einladung überraschte sie, aber es war spät, und es gab sonst keinen Ort, an den sie gehen konnte, also nickte sie.

„Hast du Hunger?“, fragte er.

Wenn Dosenkäse nicht zählte, hatte sie seit gestern kaum etwas gegessen. Aber ehe sie antworten konnte, traf sie ein vertrautes Gefühl wie ein Faustschlag. Olivers Gesichtsausdruck verriet ihr, dass er es auch gespürt hatte.

„Ich hab einen Schub bekommen, und zwar einen heftigen“, sagte er.

„Ja, ich auch.“

Er musste nicht erklären, was er meinte. Caila wusste es auch so. Sie spürte den Energieschub in ihrer Seele genau wie er. Durch ihre Gabe hatte sie Instinkte, die sie nicht ignorieren konnte. Diese übersinnlichen Stöße konnten alles Mögliche bedeuten, aber sie hatte gelernt, mit dem Schlimmsten zu rechnen.

„Komm mit und bleib dicht bei mir“, sagte Oliver.

Dann nahm er ihre Hand und rannte zwischen Glasscherben und Müllhaufen hindurch zur Rückseite des Lagerhauses. Die Energieschübe kamen jetzt in Wellen, die Abstände waren so kurz, dass Caila nicht mehr sagen konnte, woher die Impulse kamen. Als sie zur Rückwand des Gebäudes gehastet waren, begriff sie zunächst nicht, was sie hier wollten. Die Wand war massiv, und im Boden klaffte ein Loch.

„Mach einfach dasselbe wie ich. Keine Fragen. Du hast nur einen Versuch.“

Mit aufgerissenen Augen sah sie zu, wie er sich mit den Füßen voran in das dunkle Loch fallen ließ. Der Klang von polterndem Metall hallte aus der Öffnung.

„Komm schon, spring. Vertrau mir.“ Seine Stimme kam von unten, aber sie konnte ihn nicht sehen.

Sie schloss die Augen und stieß sich ohne Zögern ab. Ihr Hintern traf auf Metall, dann rutschte sie eine Spirale durch die Schatten hinab, bis sie spürte, wie sie von starken Händen aufgefangen wurde.

„Braves Mädchen.“

Im Dunkeln blitzte kurz sein Lächeln auf, dann nahm er ihre Hand und zog sie mit sich. Als sie einen Blick über die Schulter warf, sah sie eine selbst gebaute Metallrutsche, die bis zum Boden des ersten Stocks reichte. Dann blitzte es vor ihr rot auf, und ihre Schritte verlangsamten sich.

„Ich hab was gesehen. Da drüben.“ Sie zeigte in die entsprechende Richtung, aber Oliver lief einfach weiter.

„Wir haben keine Zeit zum Reden. Beeilung!“

Ein lautes, metallenes Hämmern hallte durch das Lagerhaus, als würde es aus allen Richtungen gleichzeitig kommen. Die Türen auf dieser Etage waren zwar verschlossen gewesen, aber wer auch immer da draußen war, war fest entschlossen, trotzdem einen Weg hineinzufinden. Caila folgte Oliver blind, bis ihre Lunge und ihre Kehle brannten und ihr der Schweiß über den Körper rann.

Rote Laserstrahlen streiften die Wände um sie herum, und von draußen hörte sie Stimmen. Sie waren nah, aber Oliver zögerte nicht. Über einem Kanalschacht in einer Ecke blieb er stehen.

„Das ist der einzige Weg hier raus“, erklärte er. „Das Dach haben sie wahrscheinlich schon gesichert. Ganz egal, was du da unten siehst, schrei ja nicht rum.“

Schrei ja nicht rum? Oh Gott. Sie zuckte zusammen. Der König der Löwen. Vor ihren Augen zuckten seltsame Blitze, und dann setzte die Musik ein.

„Hakuna matata“, murmelte sie in sich hinein.

„Was?“

„Keine Sorge.“ Sie starrte in das Loch hinab und schüttelte ihre Hände aus. „Ich schaffe das.“

Wie beim letzten Mal ging Oliver voraus und kroch in den Schacht. Sie konnte seine Hände und Füße auf den Sprossen einer Metallleiter hören, der einzige Hinweis auf das, was sie gleich zu tun hatte. Caila wartete nicht ab, bis er unten abgekommen war. Sie folgte ihm und zog hinter sich den Deckel zurück über die Schachtöffnung. Gott, hoffentlich würde sie nie herausfinden, warum er sie gewarnt hatte, nicht zu schreien.

Unten war es stockfinster, und sie spürte, wie ihre Füße im Wasser versanken.

„Ich hab dich“, flüsterte Oliver.

Sie hörte seine Stimme und fühlte, wie sich seine Hand um ihre schloss. Der modrige Geruch von etwas Totem machte ihr das Atmen fast unmöglich. Oliver lief so schnell weiter, wie es mit ihr im Schlepptau möglich war. Es war mühsam, sich durchs Wasser voranzuarbeiten, und als sie spürte, wie etwas Glitschiges ihr Bein berührte, gab sie einen unterdrückten Schrei von sich. Jetzt verstand sie, warum Oliver sie gewarnt hatte. Ratten. Sie erschauderte und lief mit zusammengepressten Lippen weiter.

Schließlich erreichten sie das Ende des Tunnels, und Oliver half ihr, den Wartungsschacht hinaufzuklettern. Frische Luft stieg ihr in die Nase. Sie waren frei. Oliver hatte sie da rausgeholt, doch als sie ein Lächeln wagte, schüttelte er den Kopf.

„Wir sind noch nicht in Sicherheit. Die Gasse hier hat nur einen Ausgang“, keuchte er.

Er schnappte ihre Hand und zog sie daran mit sich. Doch nachdem sie um eine Ecke gebogen waren, geriet er kurz ins Schleudern und kam dann ruckartig zum Stehen.

„Heilige Scheiße“, stieß er hervor.

Sie standen direkt vor einer Wand aus uniformierten Muskelpaketen – ein Sondereinsatzkommando, eine schwarz gekleidete Armee aus Killermaschinen. Wie schon im Lagerhaus wurden sie von Laserstrahlen geblendet, die ihre Köpfe und Herzen in blutrotes Licht tauchten. Oliver wartete nicht ab, was die Männer vorhatten, sondern machte einen Satz zurück in die Gasse und zog Caila mit sich.

„Ich dachte, d…d…das wäre der einzige …“ Caila sprach den Satz nicht zu Ende.

Zu ihrer Rechten sah sie eine Bewegung, und sie hörte den bedrohlichen Klang von Stiefeln auf dem Asphalt. Schatten schoben sich vor die Straßenbeleuchtung. Es kamen immer mehr von ihnen. Sie waren umzingelt.

„Scheiße!“, fluchte Oliver. „Es tut mir leid. Ich kann nicht fassen, dass sie von dem Tunnel wussten!“

„Warum machen sie das? Wir sind doch nur Jugendliche.“

„Verdammte Freaks“, flüsterte er so leise, dass sie es gerade so hören konnte.

Sie konnten nirgends mehr hin. Sie waren zahlenmäßig unterlegen und hatten es mit einer Armee von Bewaffneten zu tun. Caila hob eine Hand, um ihre Augen vor den Lichtern abzuschirmen. Am ganzen Körper zitternd, griff sie nach Olivers Hand.

Ist das meine Schuld? Hab ich sie zu Oliver gelockt?

Sie hatte das schreckliche Gefühl, dass ihre Verbindung zu Zack sie zur Zielscheibe gemacht hatte. Und jetzt hatte sie auch noch Oliver in Gefahr gebracht. Sie wichen zurück, tiefer in die Sackgasse, bis sie das Ende erreicht hatten. Als Caila mit dem Rücken gegen die Wand stieß, konnte sie keinen klaren Gedanken mehr fassen.

Wie so häufig, seit sie Zack verloren hatte, zuckten grauenhafte Bilder durch ihren Kopf. Sie sah ihn vor sich, tot. Sie wollte nicht so enden, entführt von denselben herzlosen Menschen, die auch ihn mitgenommen haben mussten. Sie hatten ihn von der Straße geschnappt, als hätten sie ein Recht auf sein Leben. Und jetzt war sie dran, zusammen mit Oliver. Sie würde ihn nie wiedersehen, und sie würde allein sein.

Tief in ihr begann der dunkle Kern ihrer Gabe zu pulsieren. Sie wusste, was das bedeutete. Es begann weit unten in ihrem Bauch und stieg in ihre Brust hoch. Hitze durchflutete ihre Haut. Ihr Herz raste. Ihre übersinnliche Gabe schützte sie auf ihre eigene Art. Manchmal zwang sie Caila, Dinge zu tun, die ihr widerstrebten. Sie kannte das Gefühl, um die Kontrolle über ihren Körper kämpfen zu müssen. Doch das, was als Nächstes kam, hatte sie noch nie erlebt.

Sie drehte sich zu Oliver, suchte nach einem Grund, ihn zu berühren, um tun zu können, was ihre Gabe von ihr verlangte. Ohne weiter nachzudenken, zog sie ihn in ihre Arme und küsste ihn. Vor all den bewaffneten Männern, die jetzt pfiffen und lachten, schlang sie ihre Arme um ihn und drückte ihre Lippen auf seine. Sie brauchte die Intimität, und der Kuss verschaffte ihr wertvolle Zeit.

Oliver schien völlig aus dem Konzept zu geraten.

Anfangs reagierte er kaum und versuchte sogar, sich aus ihrer Umarmung zu winden. Doch es dauerte nicht lang, bis er sich darauf einließ; dafür sorgte Caila. Sie spürte, wie die Gabe aus ihrem in seinen Körper floss. Jetzt stiegen ihr die Tränen in die Augen, wie meistens, wenn sie gegen das Bedauern darüber ankämpfte, dass sie tat, was sie tun musste. Sie weinte um Zack und jetzt auch um Oliver. Als er sie mit seinen starken Armen vom Boden hochhob und ihren Kuss erwiderte, wurde das Gefühl stärker, und lodernde Hitze schoss durch ihren Körper. Sie dachte nicht mehr an die Gefahr, die Angst und ihre endlosen Albträume über Zack und ihre eigene Vergangenheit.

Sie überflutete Oliver mit einem Leben, nach dem sie sich immer gesehnt hatte und das sie nun vielleicht niemals bekommen würde – mit Dingen, die sie auch Zack gegeben hatte. Süße Träume, die sie Oliver schenken wollte, weil sie nicht sicher war, ob sie sie dorthin mitnehmen konnte, wohin diese Männer sie bringen würden. Sie hatte niemals erlebt, wie es sich anfühlte, von jemandem geliebt zu werden, nicht einmal von ihrer eigenen Familie. Wie konnte sie ihr eigenes und Olivers Leben in einer Gasse enden lassen, gejagt und gefangen wie streunende Hunde?

Ihre Gabe übernahm die Kontrolle, und sie kämpfte nicht mehr dagegen an, konnte es nicht. Die Gabe erschuf ein Leben für Caila und Oliver, das sie beide sehen und spüren konnten – ein normales Leben, in dem sie frei waren. Wie sie es auch schon mit Zack getan hatte, nahm sie Oliver die Angst, obwohl es gerade die Angst gewesen war, die sie zusammengebracht hatte. Nichts davon war real, aber das war ihr egal.

Alles das, was ihre Gabe vor ihrem inneren Auge ablaufen ließ, würde bald so fest in ihr Gehirn programmiert sein, als wäre es wahr. Das Leben, das sie Oliver und sich selbst gezeigt hatte, würde sich so echt anfühlen wie ihr erster Kuss. Das musste reichen. Doch als sie zurückwich und zu Oliver aufblickte, begriff sie, was sie angerichtet hatte. Er sah sie an, und in seinen unglaublichen Augen lag ein Ausdruck der Verehrung. Aus seinem Blick konnte sie eine tief verwurzelte Verbindung zwischen ihnen lesen, die eine Minute zuvor noch nicht vorhanden gewesen war.

„Vergiss mich nicht“, flüsterte sie und berührte seine Wange.

Sie fühlte sich Oliver jetzt so nah, wie sie sich auch zu Zack gefühlt hatte. Doch all das wurde durch einen finsteren Gedanken befleckt. Caila hatte ihm sein Leben genommen, so, wie die Believers Zacks gestohlen hatten.

Irgendwo in L. A.

Oliver Blue kämpfte weiter gegen die Männer an, obwohl sie Pistolen auf seinen Kopf richteten. Er musste Caila schützen, und weil sie dasselbe für ihn empfand, schrie sie, dass er aufgeben sollte, damit er nicht verletzt wurde. Sie waren in der Unterzahl, aber er konnte sich nicht einfach geschlagen geben.

Doch als einer der Männer mit einem Taser auf ihn losging, wurde ihm schwarz vor Augen. Er erwachte vom Klang eines Motors und dem Schaukeln eines losfahrenden Wagens. Sein Kopf war in Cailas Schoß gebettet, und sie streichelte sein Haar. Seine Arme waren hinter seinem Rücken zusammengebunden. Caila hatten sie nicht gefesselt. Das musste etwas zu bedeuten haben. Sie waren seinetwegen gekommen, nicht ihretwegen.

„Geht es dir gut?“ Ihr Flüstern drang wie durch einen Nebel gedämpft zu seinen Ohren vor, so leise, dass es fast unhörbar war. Doch ehe er antworten konnte, bellte eine strenge Stimme: „Keine Unterhaltungen.“

Als er wieder halbwegs bei Sinnen war, sah er, dass sie sich in einem fensterlosen Van befanden. Er versuchte, Caila Fragen zu stellen, aber ein Typ trat gegen seinen Stiefel und gab das allgemeingültige Grunzen für „Fresse, du Freak“ von sich. Caila zuliebe hielt Oliver den Mund. Er hatte sie schon in genug Schwierigkeiten gebracht, und wenn sie nur hinter ihm her waren, dann konnte er sie vielleicht davon überzeugen, dass Caila normal war.

Das Fahrzeug hielt, und er wurde aus dem Van gezerrt. Caila erhielt dieselbe grobe Behandlung. Sie wirkte verängstigt, und das machte ihn fast wahnsinnig. Jetzt fesselten sie auch ihr die Hände hinter dem Rücken. Dann zogen sie ihnen schwarze Kapuzen über. Ehe alles dunkel wurde, konnte Oliver einen kurzen Blick auf seine Umgebung werfen. Der Geruch von Öl und Benzin stieg ihm in die Nase. Sie befanden sich auf der Verladerampe einer Werkstatt. Eine automatische Tür öffnete sich zischend. Dann wurde die Luft kühl, und durch die Kapuze drang ein medizinischer Geruch wie in einem Krankenhaus oder einer Klinik. Oliver zählte die Schritte und versuchte zu spüren, wohin man sie brachte.

Als er Caila schreien hörte, begriff er, dass sie gerade getrennt wurden.

„Caila. Sag ihnen, dass du nicht so bist wie ich“, schrie er. „Sie haben einen Fehler gemacht, als sie dich mitgenommen haben. Sag ihnen das!“

Oliver schubste die Männer, die ihn festhielten, doch dann wurde Cailas Stimme leiser und er wusste, dass sie durch eine Tür in einen anderen Gang geführt worden war. Durch seinen Befreiungsversuch war er mit dem Schrittezählen durcheinandergekommen. Aber wenn er nicht wusste, wo Caila war, würde er sowieso nirgendwo anders hingehen. Jedenfalls nicht ohne sie.

Sie fuhren mit einem Fahrstuhl in die Tiefe, und als die Türen aufglitten, empfingen ihn Kühle und ein feuchter Geruch. Über seinem Kopf hörte er Wasser durch Rohre rauschen. Ein Keller. Sie zerrten ihn einen langen Gang entlang, dann bogen sie einmal nach rechts und zweimal nach links ab. Er hörte, wie eine Keycard durch einen Leser gezogen wurde, dann ein Piepen und das Zischen einer weiteren automatischen Tür. Dann wurde er in einen Raum geschubst und auf einen Stuhl gedrückt, an dem man ihn an Beinen und Hüfte festschnallte. Danach entfernten sie die Handschellen und sicherten seine Arme und seine Brust. Als sie fertig waren, konnte er sich nicht mehr bewegen.

„Ihr Bastarde. Das Mädchen hat nichts damit zu tun! Ich schwöre, sie ist nicht so wie ich.“ Er spürte, wie sich der dicke Stoff der Kapuze vor seinem Gesicht blähte, als er losbrüllte. Als man sie ihm endlich abnahm, blendeten ihn grelle Lichter. Er blinzelte, Tränen stiegen ihm in die Augen. Während er noch versuchte, sich zu orientieren, schlossen zwei Männer in weißen Uniformen einen Riemen um seinen Hals.

„Hey, die haben mich entführt. Rufen Sie die Polizei“, brüllte Oliver niemandem im Speziellen zu. Er wollte einfach nur Lärm machen. „Feuer! Hilfe!“

Die beiden Männer lachten nur, und einer von ihnen sagte: „Lass gut sein, Junge. Keiner wird dir helfen. Nicht hier.“

Als die Tür wieder aufglitt, hoffte Oliver kurz, jemand wäre gekommen, um ihn zu befreien, aber natürlich war das nicht der Fall. Stattdessen erschien eine Krankenschwester mit einem Tablett, auf dem eine Spritze und andere Gegenstände lagen. Wortlos und ohne ihm in die Augen zu sehen schob sie ihm eine Nadel mit einem Schlauch daran in den Handrücken. Dann gab sie den Inhalt der Spritze in einen Beutel, der an dem Tropf neben dem Stuhl hing. Es dauerte nicht lange, bis sich die Wirkung des Medikaments bemerkbar machte.

Die Lichter wurden heller, und Olivers Augen schmerzten. Er hatte das Gefühl, sich nur noch in Zeitlupe zu bewegen. Die Schwester lief an ihm vorbei, aber er konnte ihr nicht mit Blicken folgen. Er war kaum mehr da, selbst als sie ihm kleine Pflaster auf Brust und Kopf klebte, aus denen Drähte zu einem Gerät führten, reagierte er kaum.

Caila. Eigentlich hätte er gerade um sein eigenes Leben fürchten sollen, aber er konnte an nichts anderes mehr denken als an das verängstigte Gesicht des Mädchens. Er bemerkte nicht einmal, dass eine weitere Frau den Raum betreten hatte, bis sie das Wort an ihn richtete.

„Mein Name ist Dr. Fiona. Ich bin hier die Verantwortliche.“ Sie kam ihm so nahe, dass er ihren Atem auf seiner Wange spüren konnte. Sie starrte ihn an, als wäre er ein ekelhafter Ausschlag. „Wenn ich mit dir fertig bin, werde ich dich besser kennen als deine eigene Mutter, mein Junge.“

„Das heißt nicht viel.“ Er grinste blöd. „Und dabei sehen Sie aus wie jemand, der sich höhere Ziele steckt.“

„Mit dieser Haltung wirst du hier nicht weit kommen.“

„Leider ist sie aber alles, was ich noch habe.“

Seine Worte wurden undeutlich, weil die Medikamente seinen Körper überfluteten. Die Welt verfärbte sich mattgrau.

„Das ist nicht wahr. Du hast keine Ahnung, was für ein Potenzial in dir steckt. Ich habe große Pläne mit dir, Oliver Blue.“

„Sie kennen m…meinen Namen?“

Seine Lippen fühlten sich an, als würden sie eine Tonne wiegen. Jedes Wort, jeder Gedanke wurde zur Herausforderung.

„Deine Polizeiakte war recht informativ. Beispielsweise weiß ich auch, dass du jähzornig bist und gern deine Fäuste benutzt. Du würdest dich wundern, was ich alles über dich herausgefunden habe.“ Sie trat einen Schritt zurück und sah in die Akte in ihrer Hand. „Dieses Mädchen, Caila Ferrie. In was für einer Verbindung steht ihr zueinander?“

„In keiner. Wir hatten uns gerade erst kennengelernt“, log er, ohne mit der Wimper zu zucken. „Sie ist nicht … so ein Zirkusfreak w…wie ich. Sie s…sollten sie gehen lassen.“

„Einfach so? Weil du es sagst?“ Als die Frau ihm ein eiskaltes Lächeln zuwarf, musste er all seine Kraft aufbringen, um nicht auszurasten. „Sie ist der Grund, aus dem du hier bist. Nicht andersherum.“

Er bemühte sich, zu verstehen, was sie da sagte, aber von seinen Zehen aus kroch eine immer stärker werdende Taubheit seinen Körper hoch bis in seine Brust und seine Arme.

„Es hat den Anschein, als ob Caila sich bei jedem beliebt macht, dem sie begegnet. Wir haben eine äußerst interessante Akte über sie. Ihre Gabe ist wirklich außergewöhnlich. Denk doch einmal darüber nach, Oliver. Kommt es dir nicht merkwürdig vor, dass du so viel für jemanden opfern würdest, den du gerade erst kennengelernt hast?“

Die Frau schnitt mit einer Schere sein T-Shirt auf und schob den Stoff beiseite. Dann musterte sie konzentriert seinen Körper und sah ihm anschließend wieder ins Gesicht. Sie kam ganz nah heran.

„Du solltest aufpassen, mit wem du dich abgibst. Ich bin mir sicher, dass sie dir nicht die Wahrheit erzählt hat. Sie ist eine pathologische Lügnerin. Ich persönlich bin allerdings dankbar, dass sie dich zu mir geführt hat, Oliver. Ich glaube nämlich, dass du ein Stern am Himmel meiner Forschung wirst.“

„Ich funkel nicht, Lady.“ Er zerrte an seinen Fesseln. „Wo ist Zack? So haben Sie Cailas Namen doch herausgefunden. Sie haben ihn. Ich weiß es.“

„Deine Annahme ist korrekt. Ich wüsste aber zu gern, warum du dir so sicher bist. Das macht mich neugierig.“

„Caila hat mir etwas gegeben, das Zack berührt hat. Ich hab ihn in einer Sprühkäsevision gesehen. Er hat sich ein paar Burger besorgt, und da haben Sie ihn sich geschnappt.“

„Ah, beeindruckend! Du hast wirklich ein erstaunliches Talent, dich mit anderen zu verbinden, Oliver. Psychometrie, nicht wahr? Damit kann ich arbeiten. Tatsächlich bist du sogar perfekt.“ Sie lächelte, dann erhöhte sie die Dosis, die der Tropf in seinen Körper abgab. „Ziehen Sie ihn aus und schrubben Sie ihn sauber. Ich bin hier noch nicht fertig. Mit ihm habe ich etwas Besonderes vor.“

Dr. Fiona redete jetzt nicht mehr mit ihm, sondern mit den beiden Männern in Uniform. Sie hievten etwas Schweres über seinen Kopf, das seine Augen bedeckte, und alles wurde dunkel. Als sich eine Klammer um seine Nase schloss, schnappte er nach Luft.

„Kriege … keine … Luft.“

Wieder zerrte er an den Fesseln, doch natürlich brachte es nichts. Fremde Hände berührten seinen Körper, aber niemand redete mit ihm. Sie schrubbten seine nackte Haut mit Seifenwasser, das so kalt war, dass er zitterte. Er konnte nicht sehen, was sie mit ihm machten. Er konnte gar nichts sehen.

Das Letzte, woran er sich erinnerte, war das Klopfen seines Herzens, das immer leiser wurde, bis es verklang.

Einige Wochen später

Merkt man es, wenn man stirbt? In seiner augenblicklichen Verfassung hatte Oliver Blue nichts anderes zu tun, als über diese Frage zu grübeln. Er atmete durch den Mund – jedenfalls glaubte er, dass er das tat. Er konnte seine Atemzüge nicht hören, und irgendwann hatte er auch die Fähigkeit verloren, sie zu spüren.

Soweit er wusste, war er tot.

Die Maske auf seinem Gesicht schnitt die Luftzufuhr durch die Nase ab, sodass er nichts mehr riechen konnte. Dazu hatte man ihm Ohrenschützer und eine dunkle Schutzbrille aufgesetzt, er war also vollkommen von der Außenwelt abgeschnitten. Er lebte in einer Welt endloser Dunkelheit, und alles, was er hören konnte, war das Rauschen in seinen Ohren. Wenn er einschlief, kroch eine erstickende Tintenschwärze durch seine Halluzinationen. Zwischen seinen unzähligen Albträumen hatte er jedes Zeitgefühl verloren. Er wusste nicht, wie lange er schon hier lag, so fest gefesselt, dass sein Körper taub geworden war.

Irgendwann hatte er aufgehört zu schreien. Es kam sowieso niemand. Niemand berührte ihn jemals. Er wusste noch, wie seine Hände und Arme aussahen, aber an den Rest seines Körpers konnte er sich nicht mehr so gut erinnern. Die Isolation und das völlige Fehlen von Reizen hatten ihn zu einem Gefangenen in seinem eigenen Körper gemacht.

Dr. Fiona wusste, was mit ihm passieren würde. Sie musste es einfach wissen. Nachdem er aufmüpfig geworden war, hatte sie begriffen, dass er nicht kooperieren würde. Also hatte sie einen Weg gefunden, ihn zu brechen. Anfangs hatte er ihr Experiment gehasst. Er hatte sie gehasst. Aber irgendwann – nach langen Stunden der Einsamkeit – hatte er zu schätzen gelernt, was sie getan hatte. Dr. Fiona hatte ihm die Wahrheit gezeigt. Sein Gehirn musste sich anpassen. Es war der einzige Teil von ihm, den er noch spürte, bis auf …

Caila. Er rief sich ihr Gesicht vor Augen. Caila, das Mädchen, das zusammen mit ihm von den Believers entführt worden war. Er spürte sie und wusste, dass sie sie noch in ihrer Gewalt hatten. Und solange sie Caila hatten, hatten sie auch ihn. Sie war das Einzige, was ihn am Leben hielt, das Einzige, was ihn weiteratmen ließ.

Caila.

Oliver flüsterte ihren Namen in die Dunkelheit und stellte sich vor, er könne seine eigene Stimme hören. Ihr Name weckte etwas in ihm. Etwas Reales, etwas, das er wirklich fühlen konnte. Er erinnerte sich an ihr zurückhaltendes Lächeln und das Leuchten in ihren eisblauen Augen, wenn sie ihn angesehen hatte. Sie hatte einen Teil von sich in ihn eingepflanzt wie einen kostbaren Samen. Sie hatte ihn mithilfe ihrer Gabe mit ihrem Zeichen versehen. Es war das Einzige gewesen, was sie hatte tun können, ehe die Believers sie getrennt hatten. Er hatte endlos viel Zeit, um sich an alles zu erinnern, was geschehen war.

In der Nacht, in der man sie geholt hatte, waren sie in der dunklen Gasse vor dem Lagerhaus eingekesselt worden, umzingelt von bewaffneten Männern, die sich mit der Präzision eines Sondereinsatzkommandos bewegten. Einige Details waren etwas verschwommen, aber das Gesicht des Mädchens hatte sich klar und deutlich in sein Gedächtnis eingebrannt. Er erinnerte sich an alles an ihr, und als er alle Hoffnung auf eine mögliche Flucht verloren hatte, hatte Caila ihm die Angst genommen. Sie hatte ihn in die Arme geschlossen und geküsst. Anfangs hatte ihn der Kuss geschockt, aber dann hatte etwas sehr Mächtiges seine Panik bezwungen. Caila hatte ihn die Gefahr vergessen lassen. Für den Bruchteil einer Sekunde hatte er nur eins sehen und spüren können: sie. Und in diesem Angst einflößenden und intensiven Augenblick war ein Teil von ihr – ein äußerst zerbrechlicher Teil – bei ihm geblieben.

Jetzt war der Samen aus Cailas Gedächtnis noch weiter gesprossen, und als Oliver es am meisten brauchte, hatte er tief in ihm Wurzeln geschlagen. Er wollte bei Caila sein und weckte jede Erinnerung, die er an sie hatte, um seine Sinne zu reizen. Als er sie spüren konnte, als wäre sie bei ihm, bemerkte er eine Veränderung – ein Beben in den Tiefen seines Gehirns, wo die Quelle seiner Kraft lag. Ein qualvoller, herrlicher Schmerz. Ein trübes Licht in der Ferne durchdrang die Dunkelheit, stach ihm in die Augen, blendete ihn. Das falsche Licht bereitete ihm Kopfschmerzen.

Sein Körper zersplitterte in unzählige, gemarterte Scherben, wie Staub im Wind. Er hieß den Schmerz willkommen, so wie er auch den Tod willkommen geheißen hätte.

Er erhob sich aus seinem Leib und befreite sich so von dem Schmerz. Sein Körper war noch immer gefesselt, doch nun schwebte Oliver über der leeren Hülle und blickte auf sie hinab. Was er sah, schockierte ihn. Nur seine Lippen und sein Kinn waren zu sehen. Die paar sichtbaren Fleckchen Haut waren schweißbedeckt. Seine Lungen rangen nach Luft, und seine Muskeln wehrten sich gegen die Fesseln an Armen und Beinen. Doch er spürte nichts davon. Nichts.

Man hatte ihn auf einen seltsamen, beleuchteten Tisch in einem ansonsten dunklen Raum gefesselt. Seine Haut war teilweise von einem glatten, schwarzen Material bedeckt, das sich an seine Haut schmiegte, als wäre es aufgemalt. Aus seinem Körper ragten Schläuche, die ihn gleichzeitig aussaugten und ernährten. Ein paar Maschinen zeigten seine Körperfunktionen an und stellten in leuchtenden Farben seine Gehirnaktivitäten dar.

Er sah nicht menschlich aus, und er fühlte sich auch nicht so. Nicht mehr.

Doch nach dem anfänglichen Schock, den der Anblick seines versagenden Körpers in ihm auslöste, begriff er, dass Dr. Fiona ihm ein Geschenk gemacht hatte. Sie hatte ihn befreit, indem sie ihn zwang, seinen Körper zu verlassen. Er fühlte sich jetzt stärker. Sie hatte ihn in etwas verwandelt, das viel größer war als alles, wovon er jemals zu träumen gewagt hätte. Oliver verschwendete keinen Gedanken daran, wie er jetzt aussah. Nur eine Sache war wichtig.

Caila.

Diesmal fühlte er sie in sich, als er an sie dachte, und er wusste, wo er sie finden konnte.

Haven Hills Treatment Facility

Station 8

Nach Mitternacht

Caila Ferrie saß eingesperrt in einer abgedunkelten Zelle in einer Ecke, die Arme um den Oberkörper geschlungen und den Kopf nach vorn geneigt, sodass ihr dunkles Haar über ihr Gesicht fiel. Es gab hier nichts, was sie wärmte, und jedes Echo, das von außerhalb der Tür zu ihr durchdrang, ließ ihre Haut vor Angst prickeln. Die leisen Schritte und das unterdrückte Murmeln von Stimmen machten sie nervös. Sie befürchtete, dass sie sie wieder holen würden. Leute in weißen Uniformen kamen zu ihr, tags und nachts, führten Tests durch und zapften ihr Blut ab. Sie erklärten nie, was sie da machten, und beantworteten auch keine ihrer Fragen. Sie nahmen, ohne etwas zu geben.

Seit man sie von Oliver getrennt hatte, konnte sie nicht aufhören, an ihn zu denken. Was taten sie ihm an?

Immer wieder schaukelte sie mit dem Rücken gegen die Wand, bis sich ihre Schultern und ihre Wirbelsäule wund anfühlten. Olivers hypnotisierende grüne Augen verschlangen sie durch die Schatten ihrer Seele. Sie hatte ihm all das eingebrockt. Die Believers hatten es auf sie abgesehen, das hatte sie instinktiv gespürt, nachdem Zack verschwunden war.

Dieser Kuss. Sie hatte Oliver mit einem Kuss betrogen. Natürlich hätte sie alles auf ihre Gabe schieben können, aber was hätte das gebracht? Es war sie, die die Gabe in sich trug, und es war sie, die damit erst Zack und nun auch Oliver in Schwierigkeiten gebracht hatte. Und es war nicht das erste Mal gewesen.

Nach der Scheidung ihrer Eltern waren ihre Probleme schlimmer geworden. Sie konnte sich an unzählige einsame Stunden erinnern, daran, wie ihre Eltern sie hin und her geschoben hatten, als wäre sie eine Last. Wenig später hatte ihre Mutter einen Säufer geheiratet. Ihr Erzeuger war ein verbal aggressiver Mistkerl, der ein neues Leben anfangen wollte, indem er eine Frau mit Kindern heiratete. Caila war so dumm gewesen, ihr Herz an ihre neue Pseudofamilie zu hängen – bis ihr Vater eine Möglichkeit gefunden hatte, all ihre Hoffnungen auf ein normales Leben zu zertrümmern. Er zwang seine neue Frau und ihre Kinder, in einer Nachtund-Nebel-Aktion zu gehen, ohne Caila vorzuwarnen. Sie hatte sich nie verabschieden können. Der Verlust ihrer Schwester Ashley, die sie besonders gemocht hatte, brach ihr fast das Herz. Sie konnte sich noch an die Worte ihres Vaters erinnern, als wäre es erst gestern gewesen: „Halt die Klappe und hör auf zu heulen. So was passiert halt.“ Und so hatte sie alle Hoffnung auf eine echte Familie aufgegeben. Es tat einfach zu weh.

Nachdem sie Ashley verloren hatte, hörte sie einfach auf, es zu versuchen.

Als die Isoliertheit anfing, ihr an die Substanz zu gehen, wurde ihre Gabe fast unmerklich stärker und überraschte sie in Situationen, in denen sie niemals damit gerechnet hätte. Stückchen für Stückchen stahl sie die Erinnerungen anderer Menschen – normale Erinnerungen, die besser waren als ihre eigenen und die an Tagen, an denen es ihr besonders schlecht ging, ihre wahre Vergangenheit übertünchten. Ihr Kopf füllte sich mit Gesichtern und Gerüchen und dem Zuhause anderer Menschen, bis diese Bilder und Empfindungen ihr eigenes erbärmliches Leben ersetzten. Es dauerte nicht lange, bis sie Schwierigkeiten hatte, alles auseinanderzuhalten.

Anfangs führte sie Tagebuch, um die Realität im Blick zu behalten, doch irgendwann hörte sie mit dem Schreiben auf. Als sie nicht mehr dagegen ankämpfte, fand sie keinen Weg mehr zurück, und sie wusste auch gar nicht, für wen sie hätte zurückkehren sollen.

Ashley war fort.

Das war der Augenblick gewesen, in dem Cailas Überlebensinstinkt erwacht war. Sie lief weg und machte sich auf die Suche nach einem Ort, an dem sie niemand für ihr geheimes Leben verurteilen würde. Sie konnte sich keine Zukunft vorstellen, in der ihr Glück von Menschen abhing, die sie ständig verletzten. Für ein Mädchen, das nichts mehr zu verlieren hatte, war jeder Ort besser als der, von dem sie kam. Nur dass ihre eigenen Probleme nun auch Olivers waren.

Oliver. Verzeih mir.

Als sie nach ihm rief und ihn nicht spüren konnte, sprang sie auf und lief zu der kleinen Matratze in ihrer Zelle, zog sich die Decke über den Kopf und rollte sich zu einer kleinen Kugel zusammen. Ihre Haut prickelte, kalte Schauer liefen über ihren ganzen Körper, so, als würden winzige Spinnen auf ihr herumkrabbeln. Mit großen Spinnen konnte sie leben, aber aus irgendeinem Grund machten ihr die kleinen Exemplare eine Riesenangst. Sie wiegte sich weiter hin und her, sodass ihr ganzer Körper durchgeschüttelt wurde.

Dann fiel Licht durch die Decke, und Caila spürte das Gewicht einer neuen Präsenz in der kleinen Zelle. Sie hielt den Atem an und erstarrte. Sie hatte nicht gehört, wie sich die Zellentür öffnete. Wie ist dieser Jemand hier reingekommen? Als sie keine Berührung spürte, zog sie die Decke von ihrem Kopf und blickte sich vorsichtig um.

Als sie Oliver entdeckte, riss sie vor Schreck die Augen auf. Er sah tot aus. Nein, das kann nicht sein. Diesen Albtraum kannte sie schon. Er war in ihren Träumen zu ihr gekommen, blutig und verstümmelt, doch diesmal sah er ganz real aus. Caila konnte nicht glauben, was sie da sah.

„Oh, mein Gott. Was …?“ Sie brachte den Satz nicht zu Ende.

Oliver war zu ihr gekommen. Jedenfalls glaubte sie, dass er es war. Er trug dieselben Sachen wie bei ihrem Kennenlernen, damals, als Zack sie einander vorgestellt hatte: abgetragene Jeans und ein Hemd aus grob gewebtem Stoff, das nun aber aufgeknöpft über seiner bloßen Brust hing. Sie konnte sich erinnern, dass sie das Hemd für ihn aus einem Altkleidercontainer gefischt hatte, wusste aber nicht mehr, ob die Erinnerung echt war oder ob sie das mit Zack erlebt hatte. Als Oliver seinen Kopf zur Seite neigte, fiel ihm sein langes Haar in die Augen, so wie früher das von Zack. Sie wollte es ihm aus dem Gesicht streichen, um einen Grund zu haben, ihn anzufassen.

Aber etwas an Oliver hatte sich verändert.

Sein Haar, so dunkel wie eine Rabenschwinge, schimmerte bläulich, als würde Mondlicht seine Magie auf ihm verströmen. Das Licht kam aus seinem Inneren. Es pulsierte und fühlte sich warm auf Cailas Haut an. Der Anblick des seltsamen, unnatürlichen Glühens schnürte ihr die Kehle zu. Erst als Oliver ihr ein zerbrechliches, schüchternes Lächeln zuwarf, begriff sie, dass er es wirklich war. Sie wollte aufspringen und zu ihm laufen, doch ein grauenhafter Gedanke hielt sie zurück.

„Bist du … tot?“ Ihre Stimme brach.

Oliver antwortete nicht. Er öffnete den Mund, aber es kam kein Laut heraus. Es sah so aus, als wäre der Versuch, zu sprechen, schmerzvoll. Caila begann zu zittern, und während sie Oliver musterte, begannen Tränen in ihren Augen zu brennen. Sein sanftes blaues Licht schimmerte und erhellte die dunklen Ecken der Zelle. Mein Fehler; all das ist meine Schuld, dachte sie. Als er einen Schritt auf sie zuging, zuckte sie zurück. Sie sah ihm an, wie sehr sie ihn damit verletzte, aber es gelang ihr nicht, ihre Angst vor ihm zu verbergen.

„Ich verstehe das nicht. Wie kann es sein, dass du hier bei mir bist … einfach so? Wie bist du hier reingekommen?“ Sie erwartete keine Antwort, und ohne abzuwarten, ob er wieder versuchen würde zu sprechen, fuhr sie dringlich fort: „Darf ich dich anfassen?“

Wieder wartete sie seine Reaktion nicht ab. Sie sprang auf und streckte die Hand nach ihm aus, doch ihre Finger glitten einfach durch seinen Körper hindurch. Dennoch spürte sie etwas Seltsames, so, als wäre Oliver aus einer geleeartigen Masse, und ihre kleine Hand hinterließ einen Abdruck auf seinem Bauch wie in Ton. Als sie zu ihm aufsah, um herauszufinden, ob er ihre Berührung spüren konnte, schüttelte er den Kopf. Eine Träne rann seine Wange hinab.

Er spürte nichts.

„Was haben sie dir angetan?“, fragte sie.

Was habe ICH dir angetan?

Egal, wie sehr sie sich bemühte, sie konnte ihren Schrecken nicht verbergen. Oliver wich vor ihr zurück. Er sah verletzt und unendlich allein aus. Dann verschwand er in einem Wirbel aus Dunst, der noch eine Weile in der Luft hängen blieb. Caila hastete an die Stelle, an der er verschwunden war, und sog die Luft ein, spürte Kühle auf ihrer Haut wie in einem Winternebel.

Sie wusste nicht, ob Oliver tot oder lebendig war … oder etwas anderes.

„Nein, bitte …“, weinte sie, während sie die Arme um sich selbst schlang und zu Boden sank, „… bitte verlass mich nicht …“

3. KAPITEL

Stewart Estate

Bristol Mountains – östlich von L. A.

Der nächste Morgen

Rayne Darby hatte ihre Glückssachen an, das schwarze Guns-N’-Roses-T-Shirt mit dem „Sweet Child O’Mine“-Aufdruck, ihre Lieblingsjeans mit den Löchern an den Oberschenkeln und die dunkelbraunen Motorradstiefel. Um die Handgelenke trug sie breite Lederbänder, die mit Perlen verziert waren. Heute würde sie Arschtritte verteilen, und dabei wollte sie gut aussehen. Wenn ihre Eltern noch gelebt und mitbekommen hätten, dass sie vorhatte, einer Kirche den Kampf anzusagen, hätte sie wahrscheinlich Hausarrest bis zum Sankt-Nimmerleins-Tag bekommen.

Scheinwerferlicht fiel auf sie, als sie in dem ansonsten dunklen, riesigen Raum stand und auf die etwa fünfundzwanzig Meter weit entfernte Silhouette eines Mannes starrte. Es war ihr egal, wie er im Detail aussah. Denn wenn sie so wie jetzt eine Pistole in der Hand hatte, hatte sie sowieso nur ein einziges Gesicht im Kopf.

Im Keller des Herrenhauses der Stewarts gab es nicht nur den Schießstand, sondern noch weitere Räume, die Gabriel und sein Onkel zu Übungszwecken umgebaut hatten. Die Stewarts entsprangen einer langen Ahnenreihe von Indigos, und sie ließen keine Gelegenheit aus, ihre Fähigkeiten zu schulen, weil sie wussten, dass sie jeden erdenklichen Schutz brauchten. Die anderen hatten Kräfte, die Waffen überflüssig machten. Rayne war die Einzige, die Zeit hier am Schießstand verbrachte. Anfangs hatte Gabriel der Gedanke nicht gefallen, dass Rayne den Umgang mit Waffen lernen sollte, doch als sie ihn darauf aufmerksam gemacht hatte, dass er vielleicht nicht immer da sein würde, wenn sie einen Ritter in strahlend blauen Flammen brauchte, hatte er widerwillig zugestimmt, ihr eine Handfeuerwaffe zu leihen und ihr beizubringen, wie man sie benutzte.

Heute trainierte sie alleine mit einer Glock 21, nur Gabes Hund Hellboy war ihr hinterhergeschlichen. Die Gesellschaft freute sie, doch der Hund schien ihre nervöse Stimmung zu spüren und lief unruhig und winselnd hinter ihr auf und ab.

„Beruhige dich, mein Junge. Ich kann dich gar nicht mehr töten, das weißt du doch. Die Einzige, die hier in Gefahr ist, bin ich. Hoffentlich schieße ich mir kein Auge aus!“

Pistolen machten sie nervös. Und das musste sie überwinden. Es war gar nicht lange her, dass sie eine Waffe auf Boelens gerichtet hatte, einen brutalen Kerl, der für die Believers Jagd auf Kinder machte. Boelens hatte sich über sie lustig gemacht, weil sie die Waffe nicht entsichert hatte. Sie war fest entschlossen, es kein zweites Mal so weit kommen zu lassen. Wenn sie dem Mann jemals wieder über den Weg lief, würde sie genau wissen, wie sie ihm sein selbstgefälliges Grinsen aus dem Gesicht polierte.

Als sie die Papierzielscheibe fokussierte, die den Umriss eines Mannes hatte, stellte sie sich vor, dass sie vor jemandem stand, der zurückschießen konnte. Jedes Mal, wenn sie sich eine erneute Konfrontation mit Boelens ausmalte, stand ihr der kalte Schweiß auf der Stirn. Den Blick fest aufs Ziel geheftet, setzte sie die Schutzbrille auf. Doch ehe sie die Ohrenschützer überstreifen konnte, sagte hinter ihr eine tiefe Stimme mit einem leichten britischen Akzent: „Mit der Brille siehst du richtig bezaubernd aus.“

Wie immer, wenn sie Gabes Stimme hörte, liefen ihr kleine Schauer über die Haut. Sie drehte sich zu ihm um und entdeckte ihn am Rand des Scheinwerferkegels. Lächelnd legte sie die Waffe ab.

„Das nenne ich mal ein Kompliment, das ein Mädchen nicht alle Tage zu hören bekommt.“

Er kam zu ihr und schmiegte seinen warmen Körper gegen ihren Rücken. Es passte genau, so, als wäre er für sie gemacht. Rayne kam nicht dagegen an: Als Gabe ihr mit den Fingern durchs Haar fuhr und sie seinen Atem auf ihrer Haut spürte, musste sie ein Keuchen unterdrücken.

„Schutz ist wichtig“, flüsterte er mit seinem sexy britischen Akzent, während er ihren Hals küsste.

„Bist du hier, um mir … Unterricht zu geben?“ Sie ließ sich gegen seine Brust sinken, und er schlang von hinten die Arme um sie.

„Brauchst du denn welchen?“ Seine Lippen waren direkt an ihrem Ohr. „Was auch immer du willst, ich stehe stets zu Diensten.“

Rayne konnte das Lächeln in seiner Stimme hören und musste selbst ein Grinsen unterdrücken.

„Gib mir noch mal eine Zusammenfassung, aber langsam. Ich will an alles denken.“

Es wäre leicht gewesen, bei der Flirterei zu bleiben und den ganzen Nachmittag über mit Gabe zu knutschen. Aber er nahm Waffen ernst, genauso wie Rayne. Zu viel stand auf dem Spiel, und sie hatte nicht vergessen, warum sie so hart trainierte.

Gabe ließ sie zwar los, blieb aber hinter ihr und sprach ihr ins Ohr, während sie die Zielscheibe fokussierte – das zweite Objekt ihrer zunehmenden Besessenheit.

„Es gibt eine Sache, an die du unbedingt denken musst, ehe du eine Waffe in die Hand nimmst“, sagte er.

„Ach ja? Was denn?“

„Die Bedienungsanleitung zu lesen. Es gibt zwar nicht für alles im Leben ein Handbuch, für Feuerwaffen aber schon. Das sollte man nutzen.“

Sie stöhnte auf. Erinnerungen an die Highschool wurden wach. „Okay, dann weiß ich ja jetzt, was meine Hausaufgaben sind. Und was kommt als Nächstes?“

„Such dir ein passendes Ziel, am besten einen sehr bösen Mann. Nicht mich“, sagte er. „Und schieß nicht auf Hellboy. Damit machst du ihn nur wütend.“

„Ich würde nie auf deinen Hund schießen.“ In kleinlautem Tonfall fuhr sie fort: „Jedenfalls nicht mit Absicht.“

„Ähm, deine Versicherung schürt zwar mein Vertrauen, mein vierbeiniger Freund sieht das aber leider etwas anders.“

Als sie zu Hellboy hinuntersah, legte der Geisterhund seinen Kopf schief und spitzte ein blau schimmerndes Ohr.

„Ich könnte schwören, dass er jedes Wort versteht.“ Sie lächelte.

„Ist ja witzig. Als er noch am Leben war, hat er nie auf mich gehört. Der Tod hat seinem Charakter ziemlich gut getan.“

„Okay, also ich schieße nicht auf tote Hunde. Verstanden. Und was noch?“

Gabe ging die Liste durch und erinnerte sie daran, den Finger erst an den Abzug zu legen, wenn sie wirklich bereit war zu schießen. Dann ließ er sie einfach eine Weile die Waffe halten, bis sie sich damit wohler fühlte. Danach sah er zu, wie sie den Schlitten bewegte, um eine Kugel in die Kammer zu laden.

„Such dir einen festen Stand, die Füße schulterbreit auseinander.“ Als sie zielte, strich er mit den Fingern über ihre Arme und wiederholte, was er ihr über die Positionierung von Füßen, Knien und Ellbogen erklärt hatte.

„Fester Griff. Ein bisschen vorbeugen“, fuhr er fort. „Jetzt richtest du Kimme und Korn aufeinander aus und zielst auf den Rumpf. Keine abgefahrenen Kopfschüsse, du Wunderschützin. Wenn du bereit bist, holst du tief Luft und atmest aus, ehe du den Abzug drückst.“

Gabe setzte ihr die Ohrenschützer auf und streifte auch selbst welche über, dann ging er aus dem Weg und machte ein Daumen-hoch-Zeichen, und Rayne holte tief Luft und zielte.

Sie drückte auf den Abzug und durchlöcherte ihr Ziel. Und diesmal musste sie dabei nicht mal die Augen schließen.

Stewart Estate

Nachmittag

Das ist es. Du hast es geschafft. Jetzt nicht aufhören!

Lucas Darby ließ seine Augen geschlossen und bemühte sich, weiter ...

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