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In unseren Herzen lebst du weiter

Inhalt

  1. Cover
  2. Inhalt
  3. Titel
  4. Impressum
  5. Widmung
  6. Prolog
  7. Kapitel 1
  8. Kapitel 2
  9. Kapitel 3
  10. Kapitel 4
  11. Kapitel 5
  12. Kapitel 6
  13. Kapitel 7
  14. Kapitel 8
  15. Kapitel 9
  16. Kapitel 10
  17. Kapitel 11

Tim & Louise Arthur

In unseren
Herzen lebst
du weiter

Das letzte Jahr mit unserer Mutter

Aus dem Englischen von
Inga-Brita Thiele

PROLOG

Louise begann das Tagebuch auf ihrer Website im Januar 1999.

Als ich 15 war, lag ich etwa sechs Monate lang mit einem unbestimmten, undiagnostizierten Leiden im Bett, das mein Hausarzt damals als postvirale Infektion bezeichnete. Im Rückblick denke ich, dass es ein Vorbote meiner Krankheit war, die erst neun Jahre später diagnostiziert wurde. Vom 18. Lebensjahr an plagten mich ziemlich scheußliche Kopfschmerzen, und ich nahm Zuflucht zur Alternativmedizin, weil mir mein damaliger Hausarzt keine große Hilfe war. Ich ließ mich von Akupunkteuren, Homöopathen, Osteologen, Ernährungstherapeuten, Aromatherapeuten und diversen spirituellen Heilern behandeln. Keiner von ihnen schlug vor, ich solle meinen Kopf untersuchen lassen, oder deutete auch nur an, er könne vielleicht nichts gegen meine Kopfschmerzen tun. Zu der Zeit war ich Vegetarierin und betrieb Yoga und Tai-Chi. Außerdem verbrachte ich viel Zeit damit, nach einem in meinem Inneren oder auf irgendeiner spirituellen Ebene liegenden Grund für meine Schmerzen zu suchen.

1993 verliebte ich mich Hals über Kopf in Tim, der mir zwei Tage nach unserem ersten Kuss einen Heiratsantrag machte. Wir heirateten drei Monate später und sind immer noch glücklich verliebt. Im November 1995 bekamen wir Caitlin, unser wunderbares kleines Mädchen. Während der Schwangerschaft entwickelte ich ein Horner-Syndrom (Hängelid), weshalb ich mir, als Caitlin sechs Wochen alt war, den Kopf scannen ließ. Die Aufnahmen zeigten einen sehr großen »Schatten« in der Keilbeinhöhle in meiner Kopfmitte. Kurz darauf wurde eine Biopsie gemacht. Eine Woche, bevor die Biopsieergebnisse fällig waren, rief das Krankenhaus um 8 Uhr morgens an und bat mich, zu einem Gespräch zu kommen. Ich bekam zufällig mit, wie der Arzt eine Krankenschwester bat, »dabei zu sein, wenn ich es ihr sage«, und da wusste ich, dass ich einen bösartigen Tumor hatte.

Er sagte mir, es sei ein langsam wachsender Tumor, den ich schon seit Jahren hätte – und auch, dass er sehr wahrscheinlich inoperabel sei, weil er sich im »Tigerland« befinde. Ein paar Wochen später hatte ich einen Termin bei einem fantastischen Chirurgen, Professor Gleeson, der nach zahlreichen weiteren Untersuchungen und Aufnahmen gemeinsam mit einem Gehirnchirurgen namens Strong eine zwölfstündige Operation durchführte, um den Tumor zu verkleinern. Nach einer Erholungsphase bekam ich zusätzlich eine sehr intensive Strahlen- und Chemotherapie.

Das alles war vor zwei Jahren. Seitdem habe ich mich fantastisch erholt, mich aufs Fotografieren verlegt, mir eine Dunkelkammer in unserem Haus eingerichtet, all die wichtigen Dinge des Lebens neu entdeckt und bin davon ausgegangen, ich hätte aus meiner Krebserkrankung alles gelernt, was sie mich zu lehren hatte, sei dadurch ein glücklicherer, erfüllterer Mensch geworden und befände mich in Remission. In einem Artikel für die Zeitschrift ›Marie Claire‹ schrieb ich: »Ich glaube, der Krebs hat mir mehr gegeben, als er mir genommen hat ...«

Kurz nach Weihnachten wurde meine rechte Gesichtshälfte taub. Zuerst dachte ich, das käme vielleicht von der schweren Erkältung, die ich kurz zuvor hatte, aber als das Problem nach einigen Tagen noch nicht weg war, rief ich meinen Hausarzt an, der mir sagte, ich solle damit wieder in die Guy-Klinik gehen. Nach einem ersten Termin bei Professor Gleeson war mir ziemlich klar, dass mein Krebs wieder da war (oder vielmehr nie wirklich weg gewesen war), und als wir meine Untersuchungsergebnisse besprachen, erwartete ich, dass wir über Chemotherapietermine reden würden. Stattdessen nahm Professor Gleeson Tim und mich mit in sein Büro, nicht in sein Sprechzimmer, und erklärte uns sehr einfühlsam und deutlich, dass ich sterben werde. Er zeigte uns die Aufnahmen und sagte uns, es gebe ein oder zwei Leute, mit denen er, falls wir das wünschten, über die Möglichkeit irgendeiner Behandlung reden könne. Die Erkundigungen, die er vorab eingezogen hatte, deuteten jedoch darauf hin, dass mir niemand mehr anbieten konnte, als mein Leben ein bisschen zu verlängern, was aber mit schweren gesundheitlichen Beeinträchtigungen verbunden wäre.

Meine Erinnerungen an die Chemotherapie waren, gelinde gesagt, nicht positiv; deshalb beschlossen wir, uns umzuhören, ob irgendjemand glaubte, mir helfen zu können, behielten uns aber vor, die Hilfe abzulehnen, wenn sie zu sehr nach Quälerei aussähe. Letztlich glaubte nur ein einziger Arzt, vielleicht etwas tun zu können, und auch der überlegte es sich anders, nachdem er sich die Aufnahmen angesehen hatte. Der Tumor sitzt jetzt im Hauptblutgefäß meines Kopfs (was eine Operation unmöglich macht) und um den hinteren Nasenbereich herum (eine relativ blutige Angelegenheit). Die eine Hälfte meines Gesichts ist immer noch gefühllos, aber ich habe keine Schmerzen und sehe nicht anders aus als sonst.

Auf der rechten Seite bin ich ziemlich taub – obwohl mir seltsamerweise das Ticken von Uhren fast unerträglich laut erscheint.

Das war der Hintergrund, wie ihn Louise (oder Weeze, wie ich sie nannte) auf ihrer Website schilderte, die ein Tagebuch ihres letzten Lebensjahrs werden sollte. Ich glaube kaum, dass wir, als wir die außergewöhnliche Reise, die dieses letzte Jahr werden sollte, antraten, eine wirkliche Vorstellung davon hatten, wie es sein würde, eine so traumatische Erfahrung zu durchleben. Ihr Ton wirkt sehr munter und zuversichtlich, und jetzt, da ich dies schreibe, nur wenige Tage nach ihrem Tod, erscheint der Gedanke fast lächerlich, dass wir auch nur versuchen konnten, eine solche Tragödie zu dokumentieren. Aber das war Weeze: Sie war und ist einer der positivsten Menschen, die mir je begegnet sind. Allerdings nicht blindlings positiv, und in den letzten paar Monaten schwankte ihre Stimmung heftig zwischen Verzweiflung und Euphorie, doch wie man in ihrem Tagebuch nachlesen kann, gelang es ihr, dieser schrecklichen Krankheit Dinge abzugewinnen, die ihr Einsichten in das Leben verschafften, wie sie nur wenige Menschen je erlangen.

Louise wollte immer Schriftstellerin werden – die Menschen, die sie am meisten bewunderte, waren Schriftsteller, Dichter und Künstler –, und ihr Tagebuch war tatsächlich ihre letzte Chance, in den Kreis derer vorzustoßen, die ihr Leben so bereichert hatten. Wie wir alle hatte sie immer gedacht, sie würde später noch Zeit haben, Dinge zu tun, einen Roman zu schreiben vielleicht oder eine Gedichtsammlung oder irgendetwas in der Art. Sie war eine Künstlernatur, die sich in ihrem letzten Jahr voll entfaltete. Nichts schärft die Konzentration so wie ein dermaßen endgültiger Termin, denke ich. Sie schrieb und schrieb und begann zu fotografieren – mit bemerkenswerten Ergebnissen. Ich bin sicher, ohne den Krebs hätte sie den Rest ihres Lebens damit verbringen können, zu sagen: »Ich muss wirklich irgendwann bald mal zum Schreiben kommen.« So wie die Dinge lagen, war sie verzweifelt bemüht, alles aus sich herauszuholen. Zum ersten Mal in ihrem Leben hatte sie das Gefühl, dass sie etwas zu sagen hatte, Dinge, die sie den Menschen mitteilen wollte, und das tat sie. Dieses Buch enthält etwas davon, etwas von ihr, aber natürlich nicht alles. Einige Monate vor Louises Tod machte der ›Independent‹ mit uns ein Interview über ihre Website, und die Frau, die uns telefonisch interviewte, fragte mich: »Was werden Sie an Louise am meisten vermissen, Tim?« Ich kann mich erinnern, dass ich sie damals für diese dumme Frage am liebsten erwürgt hätte, aber stattdessen atmete ich ein paar Mal tief durch und sagte: »Es ist keine einzelne Sache, ich werde alles an ihr vermissen, jedes einzelne Ding der Billionen Dinge, die sie zu der machen, die sie ist.« Und so ist es. Dieses Buch wird den Lesern nur einen winzigen Einblick darin vermitteln können, wer sie wirklich war, aber in gewisser Weise ist das gut so, weil es bedeutet, dass ein großer Teil von ihr immer noch mir allein gehört und nicht der Öffentlichkeit.

Warum dieses Buch? Eine gute Frage. Louise wollte immer ein Buch schreiben, und als sie das Tagebuch begann, hoffte sie, dass es vielleicht eines Tages veröffentlicht würde. Als dann die netten Leute von HarperCollins wegen eines Buchs anfragten, war Louise völlig aus dem Häuschen. Ich erinnere mich, wie sie durch die Küche tanzte, bis ihr schwindelig wurde, und dann lachend auf einen Stuhl plumpste. »Ich kann es nicht glauben – ein Buch, ein Buch! Und sie wollen, dass du die Hälfte davon schreibst, kannst du das glauben?« Ich musste lachen, weil sie sich so freute bei der Aussicht auf ein gemeinsames Projekt. Sie teilte so gern. Zu der Zeit, als wir das Buch planten, war es etwas anders gedacht, als es sich nachher entwickelte. Es sollte sich weniger um das Tagebuch drehen, sondern mehr um Themen, die seit Louises Diagnose in den Vordergrund unseres Lebens getreten waren. Es sollte ein Buch über uns sein, unser Leben, unsere Liebe, den Krebs, das Elterndasein ... Louise fand es sehr interessant, welche Reaktionen ihre Krankheit hervorrief und wie andere Menschen damit umgingen, von religiösen Freunden, die Gebetskreise einrichteten, über einige unserer jüngeren Freunde, die jeden Kontakt zu uns abbrachen und seit der ersten Diagnose nicht mehr gesehen wurden, bis hin zu tausenderlei anderen Reaktionen, manche davon sehr lieb, andere weniger. Sie wünschte sich auch, dass die Menschen anfingen, über den Tod und das Sterben zu sprechen – sie hasste die Tabuisierung dieser Krankheit. Sie konnte nicht glauben, dass manche Menschen sich immer noch scheuen, das Wort »Krebs« in den Mund zu nehmen, als ob das bloße Aussprechen ihm irgendwie mehr Macht verliehe.

Sie wollte die Menschen auch aus ihrer Passivität aufrütteln. Das Leben ist dazu da, gelebt zu werden, und sie konnte es nicht ertragen, wie Menschen ihr Leben vergeuden oder jammern. »Das Leben ist zu kurz, um es nicht mit etwas zu verbringen, was man gern macht«, sagte sie häufig beim Abendessen zu Freunden, die nur beiläufig erwähnt hatten, dass ihre Arbeit nicht ganz so befriedigend sei, wie es ihnen lieb wäre. Ihre Krankheit beflügelte sie mit missionarischem Eifer. Sie scheute sich nicht, anderen zu sagen, sie sollten sich ändern, ihr Leben in die Hand nehmen, und tatsächlich trennten sich mehrere unserer Bekannten nach einer besonders eindrucksvollen Sitzung mit Weeze von ihrem Job oder sogar von ihrem Partner. Das soll nicht heißen, dass sie nicht nett und freundlich und verständnisvoll war, denn das war sie, und es bewirkte, dass man ihr noch bereitwilliger zuhörte und sich ihren Rat wirklich zu Herzen nahm.

Leider verschlechterte sich Louises Zustand wenige Tage, nachdem wir den Vertrag für das Buch abgeschlossen hatten. Unsere ursprünglichen Pläne für das Buch ließen sich nicht mehr realisieren. Als sie immer schwächer wurde, konnte sie nicht mehr schreiben und auch die geistige Energie, die Dinge durchzusprechen, immer schwerer aufbringen. Schließlich wurde klar, dass Louises Beitrag zu dem Buch hauptsächlich aus den bereits geschriebenen Tagebucheinträgen bestehen würde, während ich eine Art Kommentar zu dem Ganzen beisteuern sollte. Das ist also das, was ich tun werde. Ich hoffe nur, dass ich ihr gerecht werden kann, aber ich werde es versuchen.

Bevor wir anfangen, möchte ich nur eines über Weeze sagen. Sie war keine Heilige. Dies ist keine Erzählung über eine vollkommene Frau, deren edles Herz und reine Seele Licht in die Welt gebracht haben. Weeze war eine witzige, starke, schöne Frau, die mein Leben erst lebenswert gemacht hat, aber ich werde sie nicht idealisieren oder auf einen Sockel stellen. Das hätte ihr überhaupt nicht gefallen, deshalb verspreche ich, dass ich versuchen werde, so ehrlich wie möglich zu sein. Das mag manchmal wehtun und wird mir sicher auch nicht immer gelingen, aber es ist wichtig, dass ich mir vornehme, es so zu erzählen, wie es war und ist. Wenn wir überhaupt irgendetwas aus unseren Erfahrungen lernen sollen, ist es wichtig, sie und das, was passiert ist, wahrheitsgetreu wiederzugeben. Trotzdem merke ich jetzt schon, wie mein Gehirn fieberhaft daran arbeitet, die Bilder der letzten paar Monate zu retuschieren und umzuschreiben, um mich zu schonen. Deshalb werde ich mich beeilen und versuchen, alles aufzuschreiben, bevor die heilende Zeit meine sowieso schon unzuverlässigen Erinnerung zu verändern beginnt.

KAPITEL 1

Im Sommer 1993 war ich ein ranker, schlanker – na ja, jedenfalls nicht so beleibt, wie ich durch Louises exzellente Kochkünste werden sollte –, langhaariger Studienabsolvent. Meine Zukunft erschien mir aufregend und geheimnisumwittert. Ich fing an, mit einer Gruppe örtlicher Freaks in einer Komödiantentruppe mitzuwirken, die sich »The Bucket Cabaret« nannte. Jede Woche saßen wir stundenlang herum, tranken Wein und Bier und versuchten, uns immer haarsträubendere Sketche auszudenken. Nackte Köche, ausgeflippte Gameshow-Moderatoren, durchgeknallte Rapper wurden selbstverständlicher Bestandteil meines Alltags. Wir traten mit wechselndem Erfolg vor mal größerem, mal kleinerem Publikum auf. Es gab jedoch einige treue Stammgäste, meist Freunde oder Partner von Mitgliedern der Truppe. Louise war einer davon. Ihr Exfreund Louis gehörte zu den Kabarettisten, und sie kam hauptsächlich seinetwegen, um uns moralische Unterstützung zu leisten.

Diese stille, zurückhaltende, hübsche Lady saß immer irgendwo ziemlich weit vorn und lächelte nur, statt laut herauszulachen.

Wir waren seit Jahren entfernte Bekannte. Mit ungefähr 15 hatte sie sich am anderen Rand einer Clique bewegt, mit der ich herumhing. Damals lief sie im Gothic-Look herum, mit schwarzem Make-up, kurzen Röcken und Netzstrümpfen, mit denen sie ihre tollen langen Beine zu tarnen versuchte. Sie schüchterte mich immer ein – sie war eine Frau, die mit älteren Typen aus London ging, ich der Klassenclown, dessen ganzes Leben sich um eine sehr schlechte Rockband und diverse Shakespeare-Rollen in Schultheateraufführungen drehte. Jedes Mal, wenn ich mit Weeze sprach, fing ich an zu stottern, kam mir ungeheuer klein und hässlich vor und war in aller Regel froh, wenn es vorbei war, obwohl ich sie toller fand als irgendein anderes Mädchen aus unserem Ort. Es ist eine komische Sache mit der Selbstwahrnehmung. Ich war immer überzeugt, dass sie mich nicht besonders mochte. Später erzählte sie mir, sie sei nur schüchtern gewesen und hätte mich für so einen selbstbewussten Popsänger gehalten – sie mochte mich, aber da ich immer eine Freundin hatte, dachte sie nie, dass es Zweck hätte, ihr Interesse an mir zu zeigen. Nicht, dass sie irgendwie auf mich gestanden hätte, wie sie während unserer Beziehung oft zu sagen pflegte. »Ich stand überhaupt nicht auf Tim, bis wir uns geküsst haben, dann habe ich mich Hals über Kopf in ihn verliebt.«. Ein merkwürdig verdrehtes Kompliment. Einerseits schade, dass sie vorher gar nicht auf mich stand, andererseits muss es ein ziemlich eindrucksvoller Kuss gewesen sein.

Also will ich hier mal von dem Kuss erzählen.

Nach einem unserer Auftritte lud Louise die ganze Truppe zu sich nach Hause zum Umtrunk ein. Wir saßen alle in der Küche herum, und ich bemühte mich aufs Peinlichste, bei ihr Eindruck zu schinden. In den Wochen davor hatte ich ihren Ex darüber ausgequetscht, was ihr so gefiel, von Büchern über Filme und Musik bis hin zu männlichen Verhaltensweisen. An dem Abend setzte ich mein gesammeltes Wissen ein, um sie zu erobern. Ganz gleich, welches Thema angeschnitten wurde, ich sorgte dafür, dass ich als Erster etwas dazu sagte, und zwar genau das, was ich glaubte, dass sie hören wollte. »Ian McEwan ist sicher der beste Schriftsteller unserer Zeit.« »War der Punk nicht eine fantastische Musikperiode?« »Wisst ihr, vielleicht bin ich ja gestört, aber ich bügele für mein Leben gern und hasse Sportsendungen im Fernsehen.« Nach einer halben Stunde schaute Weeze zu mir herüber und sagte: »Sollten wir einfach jetzt gleich nach oben gehen?«

Ich war überzeugt, dass ich mit dieser durchsichtigen Masche kläglich scheitern würde, aber es funktionierte prima. Vielleicht, weil das meiste davon stimmte – fast jedes Buch, das mir je gefallen hatte, gefiel auch ihr, fast alle Filme, die meinen jugendlichen Geist geformt hatten, hatten auf Weeze eine ähnliche Wirkung ausgeübt. Okay, das mit dem Bügeln und den Sportsendungen war Quatsch, aber man muss nach seinem Gefühl gehen. Kurz nach zwei Uhr morgens fand ich, es wäre an der Zeit, nach Hause zu gehen, und bewegte mich in Richtung Tür. Weeze sagte, sie würde mich rausbringen, und als wir – so kitschig das klingen mag – im Mondschein auf dem Weg vor ihrer Tür standen, beugte ich mich vor, um ihr einen Abschiedskuss zu geben. Was ein kurzer Schmatzer auf die Wange werden sollte, wurde zu einem dieser peinlichen, verunglückten Küsse, bei denen beide Seiten denken, der andere zielte auf die andere Wange, sodass man letztlich versehentlich den Mund trifft. Nun, das, was der kürzeste aller Küsse hätte sein sollen, dauerte vielleicht nur eine Millisekunde länger, als schicklich gewesen wäre, aber das reichte. Es reichte, um uns beide erstaunt zurückfahren zu lassen. Ich begann zu stottern und zu stammeln, und Louise lächelte bloß. Ich rannte den ganzen Weg nach Hause, sprang ins Bett und fragte mich eine schlaflose Nacht lang, was um alles in der Welt ich jetzt machen sollte.

Am nächsten Morgen stand ich früh auf, weil ich mit Ben, einem meiner besten Freunde, zu einer Männertour rund um Großbritannien verabredet war. Es erschien mir aber nur richtig und anständig, vor meiner Abreise zu Weeze zu gehen und mich für meine nächtliche Taktlosigkeit zu entschuldigen. Auf die entfernte Chance hin, dass sich eine weitere solche Taktlosigkeit ergeben könnte, suchte ich eine CD heraus, über die wir am Vorabend gesprochen hatten, ›Thank You World‹ von World Party, weil sie mir als gute Ausrede erschien. Als ich an ihre Haustür klopfte, konnte ich sie in Leggings und einem sehr knappen, engen weißen T-Shirt die Treppe herunterhüpfen sehen. Später sollte ich herausfinden, dass sie dieses eigens auf die entfernte Chance hin angezogen hatte, dass ich auftauchen könnte, weil ich am Abend zuvor meine Vorliebe für enge T-Shirts an Frauen mit großem Busen erwähnt hatte. Ich meine, wem gefällt das schließlich nicht? Sie machte die Tür auf, und ich plapperte drauflos.

»Wegen letzter Nacht, es tut mir wirklich Leid, ich meine, ich bin einfach, weißt du, ich bin nicht sicher, was passiert ist, ich hätte das nicht tun sollen. Na ja, ich meine, es tut mir nicht Leid, dass es passiert ist, es war sehr nett und alles, ich meine, es tut mir Leid, wenn es dir nicht gefallen hat.«

Wäre ich 60 Zentimeter größer und wesentlich attraktiver gewesen und hätte eine vornehmere Sprechweise gehabt, hätte man mich glatt für Hugh Grant halten können, so zusammenhanglos, wie ich daherfaselte. Sie beugte sich vor und küsste mich, hauptsächlich wohl, um mich zum Schweigen zu bringen, und wir küssten und küssten uns. Kaum zu glauben, aber wir küssten uns drei Stunden lang in ihrem Flur und ihrer Küche. Mittendrin erzählte sie mir, sie hätte einen Freund oben, mit dem sie gerade Tai-Chi geübt hätte, als es an der Tür klingelte. »Meinst du, es wäre unhöflich, wenn wir raufgehen und miteinander schlafen, während er im Nebenzimmer ist?«, fragte sie. Wir waren uns einig, dass es vermutlich unhöflich wäre, und außerdem musste ich wirklich weg. Ich gab ihr mein Armband als Andenken und ging.

»Ich kann nicht glauben, dass ich jetzt wegfahren muss, wo ich dich gerade erst gefunden habe«, kam es unverhofft aus meinem Munde, und ich glaube, das war der Satz, der letztlich den Ausschlag gab. Sie versicherte mir während unserer ganzen Ehe immer wieder, das gehöre zu den süßesten Dingen, die jemals jemand zu ihr gesagt hätte. Na ja, es ist schön zu wissen, dass bei der einen Million dämlicher Bemerkungen, die ich im Laufe unserer Beziehung von mir gegeben habe, wenigstens einmal das Richtige dabei war.

Als ich von meiner einwöchigen Erkundung der britischen Inseln zurückkam, begab ich mich umgehend zu Louise. Sie machte die Tür auf, zerrte mich hinein, auf direktem Weg nach oben, und ich kam erst drei Tage später im Zustand seliger Verzückung und frisch verlobt wieder zum Vorschein.

Im Großen und Ganzen hatten wir während dieser drei Tage nichts anderes getan, als Sekt getrunken, uns geliebt und uns gegenseitig massiert. Während einer dieser Massagesitzungen hatten wir unser magisches Erlebnis. Okay, ich bin absolut bereit, zuzugeben, dass das, was auch immer passiert ist, das Ergebnis von Schlafmangel, Erschöpfung und Alkohol gewesen sein mag, aber ich sollte doch sagen, dass ich dies für eine der wenigen echten Erfahrungen halte, die mir je zugestoßen sind. Ich werde es einfach beschreiben, und diejenigen mit einem Hang zum Esoterischen und Spirituellen können gern alles Mögliche hineinlesen. Die etwas objektiver Orientierten werden es vielleicht anders sehen. Was passierte, war jedenfalls Folgendes: Wir gingen in Louises Massageraum – sie betätigte sich damals als Aromatherapeutin –, zogen uns aus und massierten uns langsam gegenseitig, bis es sich anfühlte, als ob einander zu berühren mehr wäre, als wir ertragen könnten, und wir stattdessen begannen, die Aura des anderen zu massieren. Und dann passierte es. Ich fühlte, wie sich mein Herz-Chakra öffnete, und Louise fühlte das Gleiche, und etwas verließ meine Brust und strömte in sie, und etwas aus ihr kam und verschmolz mit mir. Wir saßen eine Ewigkeit schweigend da, weil wir nicht in der Lage waren, zu sprechen oder die Erfahrung in Worte zu fassen. Erst mitten in der Nacht schafften wir es, den Raum zu verlassen, und wir gingen und legten uns ins Bett und hielten uns umarmt. Ich erinnere mich, dass ich sagte: »Mann, wenn das keine Liebe ist, dann weiß ich nicht, was es ist. Und ich glaube nicht, dass ich es ertragen könnte, wenn es etwas gäbe, was noch intensiver ist als das. Ich glaube, das ist es. Ich glaube, wir haben einander gefunden. Ich glaube, wir sollten heiraten.«

Das brachte Weeze kein bisschen aus der Fassung. Sie nickte nur und sagte: »Ja, ich glaube, du hast Recht. Vielleicht sollten wir es nur noch mal mit dem I Ging checken.«

Für diejenigen, die es nicht kennen: Das I Ging ist eine chinesische Wahrsagemethode, die einem hilft, in die Zukunft zu blicken. Man kann dazu eine Münze sechsmal werfen und daraus, wie sie landet, ein Hexagramm konstruieren, anhand dessen man dann wiederum einem Buch einige weise Worte entnehmen kann. Wir taten das, und heraus kam das I Ging H’sien, das in unserem Buch schlicht und einfach »wunderbare Vermählung« hieß. Angesichts der Tatsache, dass keines der anderen Hexagramme mit Vermählung zu tun hat und viele von ihnen geradezu deprimierende Bedeutungen enthalten, war das ein ausreichend deutliches Zeichen. Ich kletterte aus dem Bett und ließ mich nackt, wie ich war, auf ein Knie nieder, um ihr einen Heiratsantrag zu machen. Sie kicherte und sagte nur: »Au ja.« Wir küssten uns und liebten uns noch einmal, und es war abgemacht. Drei Monate später waren wir verheiratet.

Wenn ich mir das alles so durchlese, wirkt es wie ein unmöglicher Traum. Ich habe keine Ahnung, warum in aller Welt wir so sicher waren, dass es funktionieren würde. Es passte einfach, und das war alles. Ich erinnere mich, wie ich mit Louises Vater über die Hochzeit sprach – es war unsere erste Begegnung –, und er war überhaupt nicht konsterniert, sondern fragte uns nur, ob es uns etwas ausmachen würde, ein paar Monate länger zu warten, damit er etwas Geld zusammenkriegen könnte, um uns unter die Arme zu greifen. Damals fand ich, er sei verrückt; kapierte er denn nicht, dass dies Liebe war, echte Leidenschaft? Natürlich konnten wir nicht warten, wir mussten auf der Stelle heiraten. Heute, im Rückblick, wundere ich mich, dass er mich nicht einfach angesehen und gesagt hat: »Ihr macht wohl Scherze. Ihr kennt euch erst drei, vier Tage so richtig, und ihr wollt in drei Monaten heiraten. Seid ihr verrückt?« Aber das sagte er nicht, und als wir erklärten, wir könnten nicht warten, akzeptierte er das, und von da an war ich ein Mitglied der Familie, einer Familie, der anzugehören mir eine große Ehre ist.

Die Hochzeit war eine Wucht (später mehr dazu), und die Flitterwochen in Ägypten waren ein Fiasko von geradezu biblischen Ausmaßen (auch dazu später mehr). Im Laufe der nächsten paar Jahre hatten wir einiges durchzustehen. Ich schaffte es, einen Nervenzusammenbruch zu bekommen, nachdem wir ein Baby in einem sehr frühen Schwangerschaftsstadium verloren hatten; dann fand Louise heraus, dass sie unter Endometriose litt, musste sich einer Reihe von Operationen unterziehen, und man sagte uns, wir würden vielleicht nie Kinder haben können. Aber nachdem wir das alles hinter uns gebracht hatten, wurden wir schwanger, oder vielmehr Louise wurde schwanger, mit etwas Beihilfe von mir.

Tausend Dinge gingen mir in den ersten Schwangerschaftsmonaten durch den Kopf. Ob ich ein guter Vater sein würde? Ob ich streng oder nachsichtig sein sollte? Ob ich lieber einen Jungen oder ein Mädchen wollte? Jungs können Rugby spielen, aber Mädchen sind niedlicher. Solche Sachen halt. Die eine Sache, an die ich nie dachte, war: Was, wenn meine Frau nur einen Monat nach der Geburt unserer Tochter erfährt, dass sie Krebs hat?

Louise war die ganze Schwangerschaft hindurch furchtbar schlecht; sie übergab sich acht- bis neunmal am Tag und wäre mehrfach fast mit Dehydration im Krankenhaus gelandet. Die ersten fünf Monate war sie praktisch ans Bett gefesselt. Sie nahm nicht etwa zu, sondern ab, und in dem Maße, in dem sich ihr kleiner Bauch rundete, wurde der Rest immer dünner und dünner. Im August hatte ich ein Bühnenstück beim Edinburgh Festival, und wie durch ein Wunder ging es ihr die Woche, die wir da oben verbrachten, besser, aber sobald wir nach Hause kamen, hing sie wieder über dem Kotzeimer, der bei uns ein silberner Sektkühler war. Wie Louise sagte: »Wenn man sich schon irgendwo hinein erbrechen muss, kann es wenigstens nett aussehen.«

Im letzten Schwangerschaftsdrittel ließ die Übelkeit langsam nach, und etwa um die Zeit entwickelte Louise ein Hängelid. Es fing harmlos an, trat zuerst nur auf, wenn sie besonders müde war, und ich glaube, wir nahmen zuerst alle an, es hätte etwas mit den traumatischen Monaten zu tun, die sie gerade durchlebt hatte. Wir gingen zu unserem Arzt, und er überwies sie zu einem Spezialisten. Wir saßen da, und er sah sich Louise an und erklärte ihr, sie hätte etwas, das man Horner-Syndrom nennt. Ich kann mich an all die Tests, die durchgeführt wurden, sehr deutlich erinnern, vor allem weil ich im Laufe der nächsten Monate und Jahre zusehen durfte, wie sie von vielen verschiedenen Ärzten immer aufs Neue wiederholt wurden. Er forderte sie auf, seinem Finger, den er am Rand ihres Gesichtsfelds bewegte, mit den Augen zu folgen, er berührte ihre Haut leicht mit einem Wattebausch, um ihre Sensibilität zu prüfen, er leuchtete ihr mit einer dieser Stablampen in die Augen. Alles in allem dauerte es eine ganze Weile und trug nicht gerade zu unserer Beruhigung bei. Am Schluss sagte er, er hätte gern, dass sich Louise nach der Geburt des Babys den Kopf scannen ließe; vorher ginge es nicht, weil es dem Kind schaden könnte. Ich erinnere mich, dass ich in launigem Ton fragte: »Es ist aber doch kein Hirntumor oder so was, nicht wahr?« Ich lächelte dabei selbst über meine überdramatische und paranoide Frage. Und dann sagte er, und das werde ich nie vergessen: »Nein, von all den Fällen von Horner-Syndrom, die ich im Laufe der letzten 20 Jahre gesehen habe, war kein einziger durch einen Tumor verursacht.« Na ja, man hat schon Pferde kotzen sehen.

Etwa zwei Monate später kam Caitlin zur Welt. Und was für eine Geburt das war! Es fing schon schlecht an, weil wir überhaupt nicht vorbereitet waren, und als mich Louise eines Morgens weckte, um mir zu erzählen, dass sie Wehen hätte, hatte ich noch die Stimme der Leiterin unseres Geburtsvorbereitungskurses im Kopf, wie sie uns riet: »Denken Sie daran, Ihre Taschen frühzeitig vor dem Geburtstermin zu packen, nur für alle Fälle.« Na ja, es war ein paar Tage nach unserem errechneten Termin, und wir hatten noch nicht einmal an die Tasche gedacht. Also summten wir herum und versuchten, alles zusammenzusammeln, was wir brauchten. Wie ich es in Krisensituationen so an mir habe, steuerte ich zuerst mal den Kühlschrank an. Das Einzige, woran ich mich erinnern konnte, war, dass es lange dauern könnte und ein Lunchpaket ratsam sei. Louise kam gerade in die Küche, als die zweite Wehe sie erwischte. »Uff, da kommt wieder eine. Aber weißt du was, es ist gar nicht so schlimm.« Und sie wanderte von dannen, um irgendwas zu suchen, während ich wieder in den Kühlschrank abtauchte, um die Zutaten zu einem Mammut-Sandwich herauszuholen. Ich sah Louise den Flur entlang auf mich zukommen, als die nächste Wehe einsetzte, nur dass diese etwas heftiger war. So heftig jedenfalls, dass sie zu Boden ging. Der Bums war so laut, dass unser Kater völlig verschreckt durch die Katzenklappe nach draußen raste.

»Ich wusste ja, dass es wehtut«, schrie sie, »aber doch nicht so verdammt weh.«

Das war der Moment, in dem mir klar wurde, dass es eine ungemütliche Angelegenheit werden würde. Louise war in einer Familie aufgewachsen, in der Fluchen als Indiz für einen begrenzten Wortschatz gilt, während in meiner Familie niemand über das Fluchen auch nur nachdenkt, wir tun es einfach. Nicht dauernd natürlich, ich möchte nicht den Eindruck vermitteln, dass meine Leute irgendwie unflätig wären; es ist nur so, dass wir, wenn es sein muss, mit großem Temperament und Elan fluchen können. Wenn Louise fluchte, hieß das, dass es wirklich wehtat.

Wir brausten los zum Krankenhaus, und nachdem ich 20 Minuten in die falsche Richtung gefahren war, kam ich schließlich dahinter, wo wir hin mussten, und wendete das Auto, sodass wir gerade rechtzeitig ankamen, um uns sagen zu lassen, wir sollten für ein paar Stunden zurück nach Hause fahren.

»Der Muttermund ist ja noch kaum geöffnet, fahren Sie nach Hause, nehmen Sie ein Bad und ein paar Paracetamol«, sagte die sadistische Hebamme.

»Wird das Paracetamol helfen?«, fragte die verzweifelt dreinschauende Weeze.

»Nicht wirklich.« Und mit dieser freudigen Botschaft machten wir uns auf den Heimweg.

Zu Hause angekommen, beging ich einen der größten Fehler meiner Ehe. Ich half Louise in die Badewanne und rief meinen Vater an, um ihm zu sagen, dass es so weit sei. Daraufhin kam er herüber. An diesem Punkt fiel mir ein, es wäre doch nett, die Geburt für die Nachwelt fotografisch zu dokumentieren. Louise war so damit beschäftigt, sich vor Schmerzen zu krümmen, dass sie keine Einwände dagegen erhob. Als die Fotos aber zwei Wochen später vom Entwickeln zurückkamen, war sie doch ziemlich beeindruckt, wie intim sie waren. Und ihr blieb endgültig die Spucke weg, als sie feststellte, dass ich auf der Hälfte der Fotos mit drauf war, wie ich meiner unbekleideten Frau die Hand hielt. »Aber Tim, wenn du auf diesem Foto drauf bist, wer hat sie dann aufgenommen?« Aus irgendeinem Grunde besänftigte sie das Wissen, dass sie von dem Mann aufgenommen worden waren, ohne den ich gar nicht auf der Welt wäre, kein bisschen.

Als wir schließlich ins Krankenhaus zurückkamen, folgten die Wehen jedenfalls dicht aufeinander, und Louises Jammern wurde mit jeder Wehe schlimmer. Es ist merkwürdig, wie schrecklich nutzlos man sich in solchen Momenten fühlt, in Zeiten des Schmerzes und der Verzweiflung, aber ich erinnerte mich selbst und sie immer wieder daran, dass es ein guter Schmerz sei. Ich hätte alles darum gegeben, ihr das vier Jahre später auch noch sagen zu können. Weeze hatte immer gesagt, sie wolle versuchen, das Baby auf natürliche Weise ohne Schmerzmittel zu bekommen. Eine Nachbarin von uns, Dorothy, hörte das ein paar Tage, bevor Louise die Wehen bekam, und sagte: »Warum um Himmels willen willst du das tun? Du würdest dir doch auch nicht ohne Narkose das Bein absägen lassen.« Wie sich herausstellte, war da was dran. Louise ertrug die Schmerzen acht heroische Stunden lang, bevor sie schließlich nach einer Rückenmarksspritze brüllte. Ich erinnerte sie an ihre bisherigen Prinzipien, und sie erdolchte mich mit Blicken. Also rief ich die Krankenschwester, die sie mit Drogen voll pumpte.

Danach lief alles wie am Schnürchen; wir legten etwas entspannende Musik auf, und sie schaffte es trotzdem noch, das Baby selbst herauszupressen. Um neun Uhr abends hielt ich mein kleines Mädchen im Arm. Ich hielt sie wie ein Ei, das ich jeden Moment zu zerbrechen fürchtete, aber ich hielt sie, und ich verliebte mich. Ich verliebte mich in dieses warme, schnaufende Geschöpf auf meinem Arm, und ich verliebte mich noch einmal von neuem in meine erschöpfte, aber glückliche Frau. Ich hatte und habe immer noch gewaltige Ehrfurcht davor, was für eine ungeheure Tortur eine Geburt ist. Es ist verblüffend, beängstigend und unglaublich erhebend. Ich war einer dieser Männer, die durch diese Erfahrung geradezu umgekrempelt werden. Der Anblick, wie Weeze Caitlin das erste Mal stillte, ist ein Bild, das sich regelrecht in meine Seele gebrannt hat. Es war einer dieser Momente, die einen formen und zu dem Menschen machen, der man danach ist. Von der Sekunde an verändert sich das eigene Leben, man verwandelt sich von einem Jungen und einem Mädchen in einen Vater und eine Mutter. Es ist ein riesiger Schritt, gewaltiger als der, den Neil Armstrong getan hat. Na ja, mich hat es jedenfalls umgehauen. Und dann waren wir zu dritt, und damals dachte ich noch, wir würden für alle Zeit zu dritt sein. Aber das sollte nicht sein. Andere Ereignisse standen uns bevor, die unsere Welt zertrümmern würden.

Wir standen alles durch, wir standen die zwölfstündige Operation durch, wir standen die vielen Behandlungen durch, Weeze schaffte es sogar, die Sucht nach dem heroinähnlichen Schmerzmittel abzuschütteln, das man ihr verordnet hatte, wir standen das alles durch. Und wir lachten, tanzten, umarmten uns, liebten uns, sahen unser Kind größer werden und in den Kindergarten gehen, und dann kam es wieder. Nur, dass es diesmal nichts gab, was wir dagegen tun konnten. Unser Arzt, Professor Gleeson, einer der nettesten Männer, die mir je begegnet sind, musste uns beiden mitteilen, dass es aussichtslos war, dass es nichts mehr gab, was irgendjemand noch tun konnte. Wir verließen sein Büro, gingen den Gang hinunter, zur London-Bridge-Station, setzten uns in eine Bar, kippten rasch einen Brandy, gingen auf den Bahnsteig, nahmen uns in den Arm, schluchzten, und setzten uns dann in den Zug nach Hause, zurück zu unserer Tochter, unserer Familie, mit der Art von Neuigkeit, die genauso schmerzhaft mitzuteilen wie zu erfahren ist.

KAPITEL 2

Die schreckliche Nachricht brachte ein merkwürdiges Gefühl der Erleichterung mit sich. Vor jedem der etwa alle vier Monate stattfindenden Nachuntersuchungstermine war uns beiden vor Nervosität ganz übel gewesen. Wir quälten uns die ganze einstündige Zugfahrt, indem wir uns ausmalten, was besten- oder schlimmstenfalls dabei herauskommen könnte. Aber dieser Tag hatte alles übertroffen, was wir uns je ausgedacht hatten. Wir hatten den Verdacht gehegt, dass es etwas Schlimmes wäre, dass uns neuerliche Chemotherapie oder Bestrahlungen bevorständen. Aber der Professor sagte uns, wir hätten noch ein bis eineinhalb Jahre, und wir sollten losgehen und versuchen, die Zeit, die uns blieb, so gut wie irgend möglich zu genießen. Und das ist genau das, was wir taten.

Wir verschwendeten sehr wenig Zeit darauf, uns selbst Leid zu tun. Wir konzentrierten uns hauptsächlich auf die Dinge, die wir tun wollten, und darauf, wie wir sie zu Stande bringen konnten. Louise wollte etwas reisen, was bedeutete, dass ich meine Flugangst überwinden musste, und sie wollte sich ein paar besonders schöne Tage machen, in Restaurants essen, die sie besonders mochte, schöne Kleider tragen, so viel Zeit wie möglich mit Caitlin verbringen und, was vielleicht schwieriger war, sie wollte Spuren hinterlassen. Etwas hinterlassen, das als Denkmal ihrer Persönlichkeit stehen konnte. Etwa um diese Zeit kamen wir auf die Idee mit dem Internet-Tagebuch. Ich war seit ein paar Monaten zum Internet-Fan bekehrt. Einer unserer besten Freunde, Gavin, hatte gerade angefangen, Websites zu gestalten. Louise fand Tagebücher immer schon faszinierend, und so steckten wir alle die Köpfe zusammen und erdachten das »Shadow Diary – Tagebuch einer Krebserkrankung im Endstadium«. Weeze wusste sehr genau, was sie sich unter der Website vorstellte: einen Ort, an dem sie ihre Gefühle herauslassen und ehrlich darüber berichten konnte, was in jedem Stadium der Krankheit in ihr vorging. Außerdem wünschte sie sich einen Ort, um ihre Fotografien auszustellen, und einen Ort, an dem sich andere über die Krankheit austauschen und eine Art Internet-Gemeinde begründen konnten. Ich glaube, sie hat alles erreicht, was sie sich erhoffte, und noch mehr. Zum Zeitpunkt ihres Todes verzeichnete ihre Website um die 300 000 Zugriffe, und die Zahl steigt täglich weiter an.

Sie schrieb fast täglich in dieses Tagebuch, und wie man erkennen kann, wurde dies ihre Methode, für sich zu klären, was in ihrem Kopf vor sich ging. Da sie in vieler Weise bemüht war, mich zu schonen, nutzte sie das Tagebuch als eine Art Gesprächstherapeuten oder Partner, mit dem man Dinge durchspricht. Sie sinnierte darin über Dinge, mit denen sie mich nicht konfrontieren wollte, was ich ein wenig bedauere. Obwohl wir viel miteinander sprachen und diese Erfahrung zusammen durchmachten, weiß ich, dass es Teile von ihr gab, die ängstlich und verzagt waren, und ich ließ es zu, dass sie diese für sich behielt oder sie eher der ganzen Welt übers Internet mitteilte, als mit mir darüber zu reden. Das mag der Grund sein, warum ich nur selten in diesem Tagebuch gelesen habe, so lange sie am Leben war. Was sie in ihr Tagebuch schrieb, waren Dinge, die ihre innere Stimme sagte, und ich hatte Angst, sie wären zu schmerzlich, um damit fertig zu werden. Ich konnte es nicht ertragen, zu erfahren, welche seelischen Qualen sie manchmal litt. Mit körperlichen Schmerzen konnte ich umgehen; es gab Dinge, die ich dagegen tun konnte – Ärzte anrufen, ihr mehr Morphium geben –, aber manchmal wollte ich nicht wissen, wo sie in ihrem Kopf war, damit konnte ich nicht umgehen. Weeze war mein Fels in der Brandung. Sie musste stark und für mich da sein; ich konnte mir nicht vorstellen, dass sie irgendwann nicht mehr meine Zuflucht sein würde. Das heißt nicht, dass wir nicht über ihre Krankheit reden konnten; das taten wir, und zwar oft. In den letzten paar Monaten, als sie aufhörte zu schreiben und sehr deprimiert wurde, redeten und redeten wir, und das war die schwerste Zeit für mich. Denn was soll man zu jemandem sagen, der buchstäblich nur noch Wochen zu leben hat: »Kopf hoch, es könnte schlimmer sein«, oder: »Mach nicht so ein langes Gesicht. Man weiß nie, vielleicht kommt alles ganz anders«? Aber natürlich kam es genau so.

Weeze hatte eine rasche Auffassungsgabe und brauchte nur wenige Stunden mit Gav, um zu lernen, wie sie ihre Eingaben auf die Website hochladen konnte, und dann legte sie los. Sie schickte ihre Seele in den Äther hinaus und eroberte sich eine ganze Welt.

1. Februar

Big girls, they don’t cry-y-y (they don’t cry)

Big girls, they don’t cry.

Dem Nächsten, der mir kategorisch erklärt, dass ich nicht sterben werde, werde ich eine langen. Mir ist schon klar, dass dies vermutlich irregeleiteter Zorn ist und ich wütend auf den Krebs sein sollte, wenn überhaupt, aber ehrlich, ich könnte schreien. Na gut, der Freund eines Freundes von jemandem hatte Krebs, und die Ärzte hatten ihn schon abgeschrieben, und dann ist er zu einem Homöopathen gegangen, und der Krebs ist einfach verschwunden. Okay, das ist großartig. Der Freund eines Freundes von mir hat im Lotto gewonnen. Aber ich erzähle jemandem, der überschuldet ist, deshalb nicht, es wäre eine rationale Lösung seiner Probleme, seine ganze Zeit und sein ganzes Geld für den Kauf von Lottoscheinen zu verwenden. Ja, es könnte einfach weggehen. Aber die Wahrscheinlichkeit spricht eher dagegen. Und ich will verdammt sein, wenn ich unvorbereitet sterbe, nachdem ich nun schon mal vorgewarnt bin. Ich denke, wenn ich in den nächsten paar Monaten eine Menge praktische Vorbereitungen treffe, kann ich mich danach entspannen und mein restliches Leben, wie lang es auch sein mag, in vollen zügen leben. Also. Ein Rezeptbuch für Tim. Ein paar Briefe für Caitlin. – »Wenn du mich vermisst«, »Wenn du heiratest«, »Wenn du 27 bist, so wie ich jetzt« – so was in der Art. »Liebe Caitlin, bitte vergiss all die vielen Male, die ich dir ›Aschenputtel‹ vorgelesen habe. Sei nett zu deiner Stiefmutter.« Verrückt. Der übliche Testaments- und Finanzkram. »Bitte steht mir bei (Zaunpfahl, Zaunpfahl), falls ich völlig überschnappe, wenn es ins Gehirn vordringt.« Dann, wenn »meine Angelegenheiten in Ordnung sind«, kann ich mit den wichtigsten Aufgaben weitermachen, die ich mir selbst gestellt habe:

So viel wie irgend menschenmöglich mit Caitlin kuscheln – wie viele Erinnerungen habe ich aus der Zeit, als ich drei war?

So viel zu fotografieren wie möglich – SPUREN ZU HINTERLASSEN.

Versuchen, Tim so glücklich zu machen, wie er mich macht.

Manchmal ist es so grässlich, dass ich es nicht ertragen kann, überhaupt zu denken. Aber manchmal ist es wirklich wie in diesem Travolta-Film, ›Phenomenon‹ – das Leben hat eine so wunderbare Intensität, dass es mir vorkommt, als ob es ein Geschenk und keine Krankheit wäre.

Und mit diesem schlichten Eintrag begann sie ein bemerkenswertes Dokument. Der letzte Satz sollte eine Art Leitmotiv ihrer Krankheit werden. Sie war heftig hin- und hergerissen zwischen dem gesteigerten Bewusstseinszustand, den sie durch ihre Konfrontation mit dem Tod gewann, und den handfesten Anzeichen des Preises, den sie dafür würde zahlen müssen. Ich erinnere mich, wie wir durch das Einkaufszentrum bei uns im Ort gingen, einen scheußlichen Konsumtempel. Ich dachte gerade, wie grauenhaft der ganze Laden sei, wie er den Menschen das Leben aussauge und sie ins Kaufkoma versetze, als mich Weeze am Arm packte und küsste.

»Dieser Orangensaft ist unglaublich.« Sie nippte noch mal an dem Getränk, das ich ihr gerade bei Marks & Spencer gekauft hatte. Ihr Gesicht strahlte. »Ich kann dir nicht sagen, wonach er schmeckt, er ist einfach so – mmmm. Alles ist so wundervoll. Küss mich.«

Sie konnte das Schöne in allen Dingen des Lebens sehen. Manchmal fand ich sie weinend, und wenn ich sie in den Arm nahm, sah sie bloß zu mir auf und sagte so etwas wie: »Es ist alles so wunderbar.« Ich bin nicht sicher, ob das eine übliche Reaktion auf eine unheilbare Krankheit ist. Obwohl ich ihretwegen dankbar dafür war, ließ es für mich die Kluft zwischen uns nur noch tiefer erscheinen. Das Sterben ist eine einsame Angelegenheit, nicht nur für denjenigen, der stirbt, sondern auch für jene, die ihn lieben. Weil jeder Mensch diese Reise auf seine eigene Art und Weise antreten muss. Ich besitze nichts von Weezes Optimismus oder Lebensfreude. Für mich war das Ganze trüb und düster und unergründlich. Alles, was diese Erfahrung mir gebracht hat, war der Schmerz des Zusehens und Wartens.

5. Februar

Ich bin so müde. Gestern fühlte ich mich so müde, dass mir der Tod für den Bruchteil einer Sekunde als Möglichkeit zum Ausruhen erschien. Ich bezweifle, dass ich damit irgendwelche Punkte für positives Denken gewinnen würde. Am Mittwoch war ich ziemlich niedergeschlagen und dachte: »O, das ist es, so sollte sich die Aussicht auf das Sterben wohl anfühlen; bisher habe ich es bestimmt nur verdrängt«, aber dann stellte sich heraus, dass es nur das prämenstruelle Syndrom war. Ich muss allerdings sagen, es erscheint mir nicht ganz fair, dass ich unheilbaren Krebs und obendrein noch pms haben soll.

In der letzten Woche hatten wir mehrfach Leute zum Abendessen da, und das Gespräch kam darauf, wie zynisch die Welt heute ist oder wie schrecklich Politiker sind oder wie wir die Erde zerstören, und ich fühlte mich so unbeteiligt und fast schon gelangweilt – als ob ich überhaupt keine starken Gefühle mehr für all das aufbringen kann, weil es eigentlich nicht mehr meine Probleme sind. Ich nehme an, ich sollte mir um Caitlins willen Sorgen um die Welt machen, aber was sein wird, wird sein, ob ich nun hier sitze und mir Sorgen darum mache oder nicht. Ich denke, das gilt letztlich für alles – und das ist der Grund, warum ich über diese Sterberei nicht allzu deprimiert bin. Ich werde entweder sterben oder nicht sterben (ich meine, in näherer Zukunft), aber was auch immer passiert, ich werde irgendwie damit fertig werden, weil es einfach das ist, was passiert – es werden ständig Menschen krank und sterben, und trotzdem geht das Leben für alle anderen weiter. Ich sehe nicht, dass das so eine große Sache wäre, wirklich, jeder muss sterben, und bloß weil wir als Gesellschaft nicht damit umgehen und noch nicht einmal darüber sprechen können, wird es davon nicht weniger natürlich.

Ich habe den größten Teil des heutigen Tages damit verbracht, auf den Anruf eines Arztes aus Sheffield zu warten, der über ein so genanntes Strahlenmesser verfügt. Er ist bislang der Einzige, der irgendein Interesse gezeigt hat, mit mir über eine Behandlung zu reden – aber er hat nicht angerufen. Ihm liegen meine Aufnahmen und meine Krankengeschichte vor, aber er fliegt nächste Woche für einen Monat nach Australien. Ich hasse es wirklich, auf solche Nachrichten zu warten. In gewisser Weise wäre es mir lieber, er würde anrufen und sagen, dass er mich nicht behandeln kann, statt einfach nicht anzurufen.

Song des Tages: ›Who wants to live forever?‹ (Wer will schon ewig leben?) Von Queen.

Das Warten auf Ergebnisse oder Telefonanrufe war das Schwerste in den Jahren ihrer Krankheit. Nach der ersten Diagnose das qualvolle Warten, ob irgendjemand irgendetwas für sie tun könnte. Nach der Operation das nervöse Warten auf die ersten Nachuntersuchungsergebnisse. Dann fuhren wir alle drei Monate nach London zum Guy’s Hospital, wo Professor Gleeson sie untersuchte, um uns Entwarnung zu geben oder auch nicht. Diese regelmäßigen Kontrolluntersuchungen waren das Schlimmste. Weeze und ich wussten immer, wann sie näher rückten, weil wir dann beide nervös wurden und aufhörten, über ihren Krebs zu sprechen.

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