Logo weiterlesen.de
In tödlicher Gefahr

Image

Alle Rechte, einschließlich das der vollständigen oder auszugsweisen Vervielfältigung, des Ab- oder Nachdrucks in jeglicher Form, sind vorbehalten und bedürfen in jedem Fall der Zustimmung des Verlages.

Der Preis dieses Bandes versteht sich einschließlich der gesetzlichen Mehrwertsteuer.

Christiane Heggan

In tödlicher Gefahr

Roman

Aus dem Amerikanischen von
Margret Krätzig

Image

In tödlicher Gefahr

Alles läuft bestens in Abbie DiAngelos Leben – ihr Restaurant gehört zu den ersten Adressen New Jerseys, Sohn Ben macht nur Freude –, bis ein Erpresser plötzlich alles zerstören könnte. Ihr krimineller Halbbruder Ian McGregor, soeben aus der Haft entlassen, droht, ihre Mutter ins Gefängnis zu bringen. Angeblich hat er Beweise, dass Irene vor Jahren Abbies Stiefvater ermorden ließ. Abbie erklärt sich bereit zu zahlen – doch bei der Geldübergabe geht etwas schief. Ian wird von einem Drogendealer erstochen, Abbie kann in letzter Sekunde fliehen. Detective John Ryan ermittelt. Er ahnt nicht, dass Abbie, die er verhört und die ihn von der ersten Begegnung an fasziniert, die Zeugin ist, die alles erklären kann …

Die Handlung und Figuren dieses Romans sind frei erfunden.

Ähnlichkeiten mit lebenden oder verstorbenen Personen

sind nicht beabsichtigt und wären rein zufällig.

Prolog

18. Mai

Allen Correctional Center,

Lima, Ohio

An seinem dreiundvierzigsten Geburtstag, um den sich kein Mensch kümmerte, entschied Ian McGregor, dass er genug hatte vom Gefängnisleben. Zu dieser Erkenntnis gelangte er auf dem Weg mit neun weiteren Insassen vom Zellenblock 11 zum Aufenthaltsraum. Sie schlurften dahin und schubsten sich gegenseitig, nur um die Wachen zu ärgern.

Ian hatte sein halbes Erwachsenendasein immer mal wieder im Gefängnis gesessen. Die meisten Vergehen waren geringfügig gewesen – Trunkenheit und Randaliererei, versuchter Einbruch und Scheckbetrug –, doch die letzte Verurteilung, sechzehn Monate für Einbruchdiebstahl, hatte ihm den Rest gegeben. Gott sei Dank war er in zehn Tagen wieder frei, und diesmal würde er frei bleiben. Keine stinkenden Zellen, keine perversen Mithäftlinge und keine Gefängnisaufstände mehr. Beim letzten hatte er sich vier hässliche Stichwunden eingehandelt, als irgendein Auftragsschläger ihn mit einer Gabel traktiert hatte.

Freiheit war leider auch das Einzige, worauf er sich freuen konnte. Er hatte weder Geld noch Arbeit oder ein Zuhause, es sei denn, seine langjährige Freundin Rose Panini, mit der er immer mal wieder zusammen war, nähme ihn bei sich auf.

Sollte sie sich weigern, konnte er es ihr nicht mal verübeln. Bei seinem Vorstrafenregister der letzten zwanzig Jahre war er alles andere als ein guter Fang. Einfach ausgedrückt: Rose hatte die Nase voll von ihm. Das hatte sie ihm am Morgen seiner letzten Verurteilung deutlich gesagt und geschworen, ihn nie wieder sehen zu wollen. Bisher hatte sie sich daran gehalten. Seine Bitte, ihn zu besuchen, hatte sie ignoriert, und seine Briefe hatte sie ebenfalls nicht beantwortet. Aber Ian war optimistisch. Sobald sie ihn auf ihrer Türschwelle stehen sähe, reumütig und triefend vor Charme, würde sie ihm vergeben. Rose war kein Lottogewinn, aber sie hatte ein großes Herz, ganz zu schweigen von einem festen Job.

Sein zweites Problem war ernsthafterer Natur und hatte einen Namen: Arturo Garcia, einer der gemeinsten Hurensöhne, denen er je das Pech hatte zu begegnen. Vor zehn Jahren hatte er für Garcia gearbeitet und als sein Kurier alle Nachtclubs in der Gegend von Toledo mit Methadon und Kokain beliefert. Der Job war ziemlich einfach gewesen und die Bezahlung gut. Bis die Bullen, die ihn beobachtet hatten, ihn bei einer Lieferung schnappten und ins Gefängnis warfen.

Als er schon glaubte, das nächste Jahrzehnt hinter Gittern verbringen zu müssen, bot ihm der Staatsanwalt einen Deal an, der fast zu gut war, um wahr sein zu können. Seine Freiheit für eine umfangreiche Aussage gegen seinen Boss. Er hatte nicht lange überlegt. Das hätte er aber tun sollen, denn außer dass er über Arturo ausgepackt hatte, war er auch noch mit dreißigtausend Dollar aus dessen Besitz abgehauen, und das machte den Drogenboss erst richtig wütend.

Nachdem Arturo verurteilt worden war – dummerweise hatte Ian an dem Prozess teilgenommen –, wurde er tobend aus dem Saal gezerrt, während er einen Schwall von Obszönitäten und Drohungen gegen seinen Verräter ausstieß.

„Wir sind noch nicht fertig, du klauender Penner!“ schrie Garcia damals. „Ich finde dich, sobald ich draußen bin, und schlitze dich auf wie einen Fisch!“

Als Arturo entlassen wurde, war er selbst jedoch gerade wegen Einbruchdiebstahl in den Bau gewandert. Eine glückliche Fügung, die ihn vorläufig vor einem sicheren und schmerzhaften Tod bewahrt hatte. Angeblich war Arturo in seine Heimatstadt El Paso zurückgekehrt, wo er mit seinem jüngeren Bruder Tony ihrer verwitweten Mutter im familieneigenen Lebensmittelgeschäft half. Aber wer konnte wissen, ob das stimmte? Genauso gut konnte Arturo sich gerade jetzt vor den Gefängnistoren die Beine in den Bauch stehen und auf seine Chance warten, ihn umzubringen.

Ian wurde in seinen Überlegungen durch einen heftigen Schlag in die Kniekehlen gestört. „Beweg dich, McGregor! Was glaubst du, was das hier ist? Eine Beerdigungsprozession?“

Ian war versucht, dem Wachmann den Knüppel zu entreißen und in den Hintern zu schieben. Doch er ließ es bleiben, so befriedigend der Gedanke auch sein mochte. Gegenwehr würde ihm nur eine Woche Einzelhaft und den Entzug seiner Fernsehprivilegien einbringen. Die Einzelzelle machte ihm nichts, aber er wollte nicht auf seine abendliche Fernsehstunde verzichten, besonders jetzt, da Baywatch in den Privaten gezeigt wurde und täglich lief. Es ging doch nichts über einen Haufen gut gebauter Bräute in engen Badeanzügen, um das Blut eines Mannes in Wallung zu bringen.

Wie immer war die Truppe, die sich hier zur Entspannungsstunde einfand, in zwei Lager gespalten. Die hartgesottenen Pokerspieler, die nicht von den Karten lassen konnten, auch wenn sie nur Spielgeld setzten – und eine Hand voll Fernsehsüchtiger. Heute gab es für Ian und seine fernsehbegeisterten Freunde etwas Besonderes. Statt einer ganzen Stunde ihres Lieblingsprogramms hatten sie sich für eine halbe Stunde eines örtlichen Schönheitswettbewerbs und die letzten dreißig Minuten von Baywatch entschieden.

Ian nahm einen Platz in der ersten Reihe ein, die Augen starr auf den Bildschirm gerichtet, wo sechs wohlgeformte Mädchen, Finalistinnen des Miss Columbus Schönheitswettbewerbs, in knappen Bikinis beschwingt über den Laufsteg staksten, so dass die wippenden Brüste aus den Bikinitops zu fallen drohten. Ian und seine Kumpels klatschten und johlten, sobald eine Bewerberin nah an der Kamera war und ihnen einen appetitanregenden Blick auf ihren festen Hintern bot. Sogar die Wachen stimmten ein, pfiffen und stierten die Mädchen an, als hätten sie noch nie nackte Haut gesehen.

„He“, sagte Larry Warmath, der Häftling neben Ian, als der Wettbewerb zu Ende war, „hat das einer aufgenommen?“ Blöd grinsend rutschte er wie ein Idiot auf seinem Stuhl herum. „Das möchte ich mir bei meinem nächsten Privatvergnügen noch mal ansehen.“

Alle lachten, doch Ian achtete nicht mehr auf die anderen. Die Fernbedienung in der Hand, schaltete er auf der Suche nach Baywatch die Kanäle durch, bis zwei Frauen auf dem Bildschirm – eine dünne Blondine mit zu viel Make-up und eine Brünette mit weißer Schürze – seine Aufmerksamkeit erregten. Die schlanke, zarte Brünette war nicht gerade sein Typ, aber er musste zugeben, dass sie ein Blickfang war. Sie schien Mitte dreißig zu sein, wirkte jedoch viel jünger, wenn sie lächelte. Das dunkelbraune Haar war zurückgenommen und im Nacken mit einem weißen Band zusammengebunden. Ihre schönen, großen grauen Augen blickten offen, doch vor allem ihr Mund fiel ihm auf. Volle Lippen, an den Mundwinkeln leicht nach oben gezogen, weckten alle möglichen Fantasien.

Die beiden Frauen schienen in einem Restaurant zu stehen, das im Moment anscheinend noch nicht geöffnet hatte. Den Blick auf die Brünette gerichtet, hörte Ian zu.

„Heute“, begann die Blondine, „reden wir mit Abbie DiAngelo. Miss DiAngelo ist Besitzerin und Chefköchin des französischen Landrestaurants Campagne hier bei uns in Princeton.“

Ian richtete sich auf. Abbie DiAngelo? Er hatte mal eine Abbie DiAngelo gekannt. Seine Stiefschwester. Als er sie das letzte Mal gesehen hatte, war sie etwa acht gewesen. Deshalb war er nicht sicher, ob sie es war. Aber wie viele Abbie DiAngelos konnte es wohl geben?

„Her mit dem Ding!“ Warmath versuchte, Ian die Fernbedienung abzunehmen, doch der hielt sie außerhalb seiner Reichweite. „Wir interessieren uns nicht für Nachrichten, Mann. Wir wollen Baywatch.“

„Das sind nicht die Nachrichten, also beruhige dich, Larry, okay?“

„Was für ‘n Scheiß is’ denn das?“

„Zwei gut aussehende Tussis. Das bringt dich doch nicht in Schwierigkeiten, Casanova, oder?“ Er zwinkerte den anderen zu, die bereits kicherten.

„Teufel, nein.“ Warmath, der nicht allzu helle war, leckte sich die Lippen und lehnte sich auf seinem Stuhl zurück. Ihm blieb ohnehin keine Wahl. Ian hatte die Fernbedienung und würde sie nicht hergeben. Und die übrigen drei Männer schienen nichts dagegen zu haben, sich die Frauen anzusehen.

„Miss DiAngelo“, fuhr die Reporterin fort, „ist eine Absolventin des ‚New York Culinary Institute‘ und den Bürgern aus der Gegend von Princeton wohlbekannt. Ehe sie ihr Restaurant eröffnete, führte sie den populären Partyservice DiAngelo Catering.“ Sie wandte sich der jungen Frau zu. „Und nun sind Sie soeben aus Lyon in Frankreich zurückgekehrt, wo man Sie mit einer der höchsten kulinarischen Auszeichnungen geehrt hat, dem Bocuse d’Or. Das ist eine unglaubliche Ehre für eine amerikanische Köchin, nicht wahr? Bisher hat niemand aus unserem Land eine solche Auszeichnung erhalten.“

Abbie DiAngelo lehnte an einem Tisch und konzentrierte sich auf die Reporterin, ohne auf die Kamera zu achten. „Ja, das stimmt. Offen gesagt habe ich nicht erwartet, als Gewinnerin heimzukehren. Ich wäre schon glücklich gewesen, unter die ersten zehn zu kommen. Schließlich habe ich zum ersten Mal an einem Wettbewerb teilgenommen.“

„Wie haben die Franzosen auf Ihren Sieg reagiert?“

Abbie DiAngelo lachte, und Ian glaubte, ein Grübchen in der linken Wange zu erkennen. „So wie sie auf Lance Armstrong reagiert haben, als er die erste Tour de France gewann.“ Mit gespieltem Entsetzen legte sie beide Hände an die Wangen. „‚Une Arméricaine? Mon Dieu. C’est pas possible.‘“

Die Reporterin lachte, doch Abbie wurde gleich wieder ernst. „Tatsächlich hätten sie vor, während und nach dem Wettkampf kaum netter sein können. Ein Lokalreporter nannte mich La Petite Américaine – die kleine Amerikanerin. Der Name blieb an mir haften, und als der Wettkampf vorüber war, freuten sich alle Mitbewerber mit mir.“

„Was bedeutet Ihnen dieser Preis, Abbie?“

Ihre Augen begannen zu strahlen. „Nun, zum einen tut er meinem Stolz sehr gut.“

„Wie man mir sagte, haben Sie keinen.“

Sie lachte wieder. „Da seien Sie mal nicht so sicher. Ein Küchenchef ohne Stolz ist wie ein Soufflee ohne Luft. Er wird den Anforderungen nicht gerecht. Nein, ernsthaft“, fuhr sie fort, „die wahre Belohnung war für mich, eine Woche lang Mitglied einer so elitären Gruppe zu sein und mit weltbekannten Küchenchefs zu arbeiten, Tipps mit ihnen auszutauschen und Techniken zu vergleichen. Unter so starkem Druck drei Tage lang zu kochen hat mich überzeugt, jeder Herausforderung gewachsen zu sein. Ich bin bereit.“

„Das Menü, das Sie für die Richter gekocht haben, war beeindruckend. Werden Sie einige dieser Gerichte Ihrer gegenwärtigen Speisekarte hinzufügen?“

„Das habe ich bereits. Und alle waren ein großer Erfolg.“

Die Reporterin beugte sich zu Abbie vor und blinzelte dabei in die Kamera. „Bekommt man deshalb so schwer eine Tischreservierung bei Ihnen?“

„Ich weiß nicht, mag sein“, erwiderte Abbie lächelnd. „Vielleicht versuchen Sie es mal über Ihre Beziehungen.“

Warmath stieß Ian in die Rippen. „He, was ist das mit dir und dieser Tusse, Mann?“ Er wand sich wieder und fragte im Singsang: „Biste verliebt, McGregor?“

Ian starrte weiter auf den Bildschirm. „Nein, aber ich glaube, ich kenne die.“

„Ach was.“ Der Mitgefangene lachte schallend. „Also, warum stellst du sie uns nicht vor? Wir möchten sie auch kennen lernen.“ Und an die anderen gewandt: „Stimmt’s nich’, Kumpels?“

„Halt die Klappe, ja?“ Ian blendete, konzentriert auf das Interview, die Stimmen der anderen aus. Er war sich fast sicher, dass die Frau auf dem Bildschirm seine Stiefschwester war.

„Wollten Sie immer schon Chefköchin werden?“ fragte die Reporterin.

Hinter ihr ging ein Kellner in schwarzer Hose mit weißem kurzärmeligem Hemd von Tisch zu Tisch und legte Silberbesteck neben die Teller. „Eigentlich wollte ich Ballerina werden.“

Sie ist es, dachte Ian und erinnerte sich an die Ballettposter in Abbies Zimmer, an die Tanzstunden, die sie zweimal wöchentlich bekam, und an die Aufführungen, zu der er mit seiner Schwester Liz hatte gehen müssen. Sie ist es wirklich. Heiliger Strohsack!

Die Blondine blickte dem Kellner einen Moment nach, ehe sie sich wieder Abbie zuwandte. „Wann kam der Sinneswandel?“

„Das weiß ich nicht genau. Meine Mutter war und ist immer noch eine wunderbare Köchin. Das hat wohl für mich letztlich den Ausschlag gegeben, in die Gastronomie zu gehen.“

Irene lebte also noch. Das war nicht überraschend. Sie war erst Mitte dreißig gewesen, als sie seinen Vater geheiratet hatte.

„Ich danke Ihnen, Abbie, dass Sie sich bei Ihrem hektischen Terminplan die Zeit genommen haben, mit uns zu reden. Und noch einmal Glückwunsch zu Ihrem Preis.“ Die Reporterin wandte sich der Kamera zu und zeigte ihre strahlend weißen Zähne. „Wir sprachen mit Abbie DiAngelo, der Gewinnerin des prestigeträchtigen Bocuse d’Or. Loraine Grant für CBS.“

Warmath stieß Ian wieder an. „Vielleicht sollten wir die Braut hierher einladen, damit sie für uns kocht. Der Gefängnisfraß, den wir kriegen, frisst mir ‘n Loch in den Magen so groß wie der Grand Canyon.“

Doch Ian hörte nicht zu, sondern dachte nach. Obwohl er nicht gerade religiös war, konnte er es nicht für einen Zufall halten, dass er Abbie nach achtundzwanzig Jahren wieder gefunden hatte. Es war ein Zeichen von oben, das er nicht ignorieren durfte. Eben noch hatte er sich gefragt, woher sein nächstes Geld kommen sollte, und plötzlich war alles klar. Jawoll, endlich lächelten die Götter auf Ian McGregor herab. Und all das verdankte er einer Laune des Schicksals – oder in diesem Fall einem Druck auf die Fernbedienung.

Wer behauptete, dass Wunder nur für die Gläubigen bestimmt waren?

28. Mai,

Stateville Gefängnis,

Akron, Ohio

Ians erster Besuch, nachdem er zehn Tage später das Allen Correctional Center verlassen hatte, galt nicht Rose, sondern einem alten Kumpel, der seit sechs Jahren in Stateville in der Todeszelle saß.

Ian hatte Earl Kramer vor über zehn Jahren in San Francisco kennen gelernt. Sie waren Partner beim Einschleusen illegaler Einwanderer aus China gewesen – Männer und Frauen, die so verzweifelt ein besseres Leben suchten, dass sie pro Person zehntausend Dollar für eine sichere Passage in die Vereinigten Staaten zahlten. Ehe Ian und Earl aber auch nur einen Penny daran verdienten, war der Dritte im Bunde mit der Kasse getürmt.

Pleite und verbittert hatten Ian und Earl sich getrennt, jeder auf der Suche nach dem nächsten Coup für den schnellen Dollar. Ein paar Jahre später hörte Ian, dass Earl wieder im Gefängnis saß, diesmal wegen Polizistenmordes. Dafür wurde er zum Tode verurteilt.

Ian hätte keinen weiteren Gedanken an Earl verschwendet, doch seinen cleveren kleinen Plan, Abbie auszunehmen, konnte er ohne seinen alten Kumpel nicht umsetzen. Eine Besuchserlaubnis zu bekommen war jedoch kein leichtes Unterfangen gewesen. Obwohl Stateville kein Hochsicherheitsgefängnis war, galt das Besuchsrecht bei Todeskandidaten nur für engste Familienangehörige. Erst als Earls Frau Anna bei den Gefängnisoffiziellen intervenierte, Ian sei ein alter Freund und gehöre praktisch zur Familie, hatte man ihm den Besuch gestattet.

Nachdem er gründlich durchsucht worden war, wurde er mehrere schmale Korridore entlanggeleitet und in einen Raum mit zwei Kabinen geführt, die durch eine dicke Glasscheibe getrennt waren.

Ian wählte die hintere Kabine, setzte sich und blickte sich nervös um. Die Atmosphäre in diesem Flügel war anders, ruhiger und bedrückender. Man konnte förmlich eine Uhr ticken hören, obwohl er nirgends eine sah. Vielleicht rührte das unheimliche Gefühl von dem Wissen, dass sich irgendwo an diesem Flur die Hinrichtungskammer befand und auf den nächsten Insassen wartete. Ian fröstelte.

Als er das sich nähernde Rasseln von Ketten hörte, begann er heftig zu schwitzen. Einen Augenblick später kam Earl herein, begleitet von zwei Wachen. Trotz der sechs langen Jahre im Todestrakt hatte er sich erstaunlich gut gehalten. Sein Haar war jetzt von einem schmutzigen Grau und stand ihm in stacheligen Büscheln vom Kopf ab. Außerdem war er schwerer, als Ian ihn in Erinnerung hatte, und wirkte massiger unter dem verblichenen blauen Gefängnisanzug.

An Händen und Füßen gefesselt, schlurfte er zur Kabine und setzte sich. Da bemerkte Ian das kleine schwarze Buch, das Earl mitgebracht hatte und auf den Tisch legte. Er hatte gehört, dass einige Insassen im Todestrakt zu Gott fanden, wenn nichts anderes mehr half, aber er hätte sich nie träumen lassen, dass der bösartige, Zoten reißende Earl gläubig wurde. Besorgt, seine Hoffnung auf rasches Geld begraben zu müssen, blickte er seinem Gegenüber eine Weile forschend ins Gesicht und hoffte, das erlösende Wort „angeschmiert“ aus seinem Mund zu hören. Falls Kramer die Besorgnis seines alten Partners spürte, so zeigte er es jedoch nicht.

Ian wartete, bis Earl mit beiden Händen den Hörer genommen hatte, ehe er in seinen sprach. „Wie geht’s dir, Kumpel?“

Earl sah ihn finster an. „Ich bin hier im gottverdammten Todestrakt. Was glaubst du wohl, wie’s mir geht?“

Ian entspannte sich. Das war genau der Earl, den er kannte. „War wohl ’ne dumme Frage.“

Die halbherzige Entschuldigung schien seinen früheren Partner nicht zu interessieren. „Was zum Geier suchst du hier? Ich dachte, nach Garcias Drohungen wärst du längst über alle Berge.“

„Bin ich auch bald.“ Ian warf den beiden Wachen an der Tür einen flüchtigen Blick zu. Sie beobachteten ihn, wirkten jedoch eher gelangweilt als argwöhnisch. Er senkte die Stimme. „Ich habe einen Vorschlag für dich.“

„Du willst mich rausholen?“

Ian lachte. „Ich dachte, ein Mann mit deinen Verbindungen hätte inzwischen einen Weg gefunden, hier rauszukommen.“

„Verbindungen sind nicht billig.“

Ian grinste. „Wenn das so ist, wird dir mein Vorschlag sicher gefallen.“

Während sie vorgaben, eine normale Unterhaltung zu führen, senkte Ian die Stimme noch ein wenig und erläuterte Earl seinen Plan.

1. KAPITEL

3. Juni

Princeton, New Jersey

„Ja, Ben, fabelhaft!“

Abbie DiAngelo sprang heftig klatschend auf, als der Ball, den ihr neunjähriger Sohn geschlagen hatte, über das Innen- und Außenfeld flog und kurz vor dem Homerun aufschlug.

„Lauf, lauf, lauf!“ Die Menge jubelte und johlte, als zwei Läufer ins Ziel kamen und Ben mit einem spektakulären Rutscher das dritte Mal erreichte.

Der Schiedsrichter zeigte mit ausgestrecktem Arm an, dass Ben in Sicherheit war. Grinsend stand der Junge auf und nahm die Gratulation seines Trainers entgegen, der ihm einen Klaps mit der Hand versetzte, und blickte zu den Tribünen hinüber. Abbie machte das Siegeszeichen mit dem Daumen nach oben. Als Dank zog er an seinem Helm. Sie wusste, dass er trotz seiner lässigen Haltung vor allem erleichtert war. Seine Schläge waren nicht berühmt gewesen. Dank des Trainings mit Brady Hill, ihrem jungen Souschef im Campagne, der einmal davon geträumt hatte, für die Yankees zu spielen, hatte sich Bens Technik in den letzten beiden Wochen gewaltig verbessert und damit die Zahl seiner gelungenen Schläge.

Fünfzehn Minuten später begaben sich die ungeschlagenen Princeton Falcons auf die Ränge zu ihren stolzen Eltern. Als Ben stehen blieb und einige Worte mit einem seiner Mannschaftskameraden wechselte, beobachtete Abbie ihn mit der vertrauten Wehmut im Herzen. Sie war stolz auf ihn. Er hatte sich zu einem warmherzigen, offenen und guten Jungen entwickelt. Eine Zeit lang hatte es sie so geängstigt, ihn allein zu erziehen, dass sie sogar die notwendige Scheidung von Jack infrage gestellt hatte. Doch wie ihre Mutter Irene stets betont hatte, war eine Trennung der Eltern oft weniger schädlich für ein Kind, als in einer schlechten Ehe aufzuwachsen. Und wenn irgendjemand wusste, wie zerstörerisch eine schlechte Ehe sein konnte, dann Irene.

Eigenartig, wie ihr Leben in mancher Hinsicht dem ihrer Mutter glich. Sie hatten beide mit ihren Partnern die falsche Wahl getroffen und es überstanden, indem sie sich auf ihr Kind konzentrierten. Letztlich waren sie gestärkt aus ihren Fehlern hervorgegangen.

Den Beutel mit dem Schläger über eine Schulter geschlungen, kam Ben auf sie zugelaufen. Abgesehen von dem sonnigen Gemüt, das er von ihr geerbt hatte, war der Neunjährige das genaue Ebenbild seines Vaters. Er hatte Jacks flammend rote Haare, die großen blauen Augen und genau wie er Sommersprossen auf der Nase.

„Hast du den ‚Triple‘ gesehen, Mom?“ Die Augen strahlten vor kindlicher Begeisterung. „Und den ‚Double‘ davor?“

Ihr erster Impuls war, ihn heftig zu umarmen. Doch gerade rechtzeitig erinnerte sie sich, dass er mit seinen neun Jahren Umarmungen und Küsse in der Öffentlichkeit peinlich fand. Also begnügte sie sich damit, ihm das Haar zu zerzausen. „Aber sicher habe ich das gesehen. Ich bin stolz auf dich, Sportsfreund.“

„Jimmy sagte, meine drei ‚RBIs‘ haben das Spiel entschieden.“

Sie wollte seine Begeisterung nicht dämpfen, deshalb wählte sie ihre Worte mit Bedacht. „Du warst beeindruckend auf dem Spielfeld. Aber weißt du noch, worüber wir neulich gesprochen haben? Baseball ist ein Mannschaftsspiel. Alle Spieler haben zu dem Sieg heute Abend beigetragen.“

Ben nickte zögerlich. „Das hat der Trainer auch gesagt.“

Lächelnd genoss Abbie diesen Moment mit ihrem Sohn. Obwohl die Dinnerzeit im Campagne auf vollen Touren lief und sie zurückkehren müsste, drängte sie Ben nicht zur Eile. Brady würde für sie einspringen. „Ich denke, dieser ‚Triple‘ verdient eine Belohnung. Was hältst du davon, wenn ich bei Flo für eine Eistüte anhalte, ehe ich dich zu Hause absetze?“

„Vor dem Dinner?“

„Was wäre das Leben ohne Risiko?“

Ben belohnte sie mit einem glücklichen Lächeln. „Cool.“

Abbie vergaß die Regel, ihn nicht vor seinen Freunden zu berühren, schlang einen Arm um die schmalen Schultern, und sie gingen gemeinsam auf ihren roten Acura Geländewagen zu. Ein plötzliches Unbehagen, wie sie es seit der Drohung ihres Exmannes, ihr Ben wegzunehmen, nicht mehr erlebt hatte, erfasste sie. Alarmiert schaute sie sich um. Einige Schritte entfernt lehnte ein Mann mit der Schulter an dem Zaun, der das Spielfeld teilweise eingrenzte. Obwohl in Jeans, Polohemd und Turnschuhen – die Standardbekleidung für die Väter der Kinderliga –, passte er irgendwie nicht hierher. Vielleicht, weil er allein war. Oder weil er sie beunruhigend musterte. Der Verstand sagte ihr, dass er vollkommen harmlos sein konnte, ein Fan von KinderBaseball. Aber heutzutage, da so viele menschliche Raubtiere durch die Straßen schlichen, konnte man nicht vorsichtig genug sein. Falls sie ihn beim nächsten Spiel wieder sähe, würde sie Bens Trainer auf ihn aufmerksam machen.

Abbie versuchte, ihre Verunsicherung abzuschütteln, hielt Ben umso fester und ließ ihn erst am Geländewagen los.

Ian sah zu, wie Abbie in ihr Auto stieg, einen knallroten Geländewagen, und bemerkte erfreut, dass er sie nervös gemacht hatte. Menschen zu verunsichern bereitete ihm Vergnügen und wertete die kleine Überraschung, die er für sie in petto hatte, noch mehr auf.

Er war seiner Stiefschwester vom Restaurant zum Spielfeld gefolgt und erfuhr auf diese Weise, dass sie einen Sohn hatte, der bei den Falcons spielte, dem gegenwärtigen Spitzenreiter der Liga. Den Jungen unter den anderen herauszufinden war jedoch nicht einfach gewesen, da kein Spieler den Namen DiAngelo auf dem Hemd trug. Erst durch Abbies Jubelrufe hatte er mitbekommen, dass der sommersprossige, rothaarige Junge mit dem breiten, strahlenden Lächeln ihr Sohn war und Ben hieß. Auf seinem Hemd stand in großen schwarzen Buchstaben der Name Wharton.

Dass Abbie einen Sohn hatte, war eine Überraschung gewesen. Sie hatte ihn in dem Interview nicht erwähnt, und auf der Webseite des Restaurants, die er vor der Abreise aus Ohio gelesen hatte, war auch keine Rede von einem Ehemann gewesen. Ein Mann komplizierte die Sache möglicherweise. Da er jedoch keinen Ehering an ihrer Hand entdeckt hatte, könnte sie möglicherweise geschieden sein. Oder verwitwet. Vielleicht gehörte sie auch zu diesen glühenden Feministinnen, die sich künstlich befruchten ließen, um zu zeigen, dass sie keinen Mann brauchten, um ein Kind aufzuziehen.

Wie auch immer, er beklagte sich nicht. Bis jetzt war alles ziemlich nach Plan gelaufen. Sogar Rose, die gute verlässliche Rose, hatte ihn wieder aufgenommen, wenn auch nicht gerade mit offenen Armen. Er hatte sich schon sehr abmühen müssen, damit sie ihm nicht die Tür vor der Nase zuknallte, aber schließlich hatte sie ihn hereingelassen.

„Ich verändere mein Leben radikal“, hatte er ihr mit aller gebotenen Eindringlichkeit versprochen. „Ich verlasse diese miese Stadt und fange neu an.“ Dann hatte er sie lange ernsthaft angesehen. „Und ich möchte, dass du mit mir kommst, Rose.“

Anschließend erklärte er ihr, dass er seine Stiefschwester aufgetrieben habe und hoffe, ein Darlehen von ihr zu erhalten, um eine kleine Wohnung zu mieten und sich neu einzukleiden, damit er sich nach einem anständigen Job umsehen könne. Mehr hatte er ihr nicht erzählt. Rose war ein wenig eigen und sehr geradlinig. Je weniger sie von seinem Plan wusste, desto besser.

Die geplante Jobsuche hatte Rose mit Skepsis quittiert, und das aus gutem Grund. Früher war seine Unfähigkeit, einen Job zu finden – oder, wie sie es ausdrückte, seine Arbeitsscheu –, der Anlass zu endlosen Streitereien gewesen.

Obwohl er seinen Auftritt so überzeugend fand, dass er geradezu einen Oscar dafür verdient hätte, dauerte es eine Weile, bis Rose sich für die Idee erwärmte, ihre Heimatstadt Toledo zu verlassen. Noch schwerer war es gewesen, sie dazu zu bringen, die gemeinsame Reise nach Princeton, New Jersey, zu finanzieren.

„Betrachte es als Investition“, hatte er gesagt und dabei langsam und aufreizend ihr Bein gestreichelt, so wie sie es mochte. „Eine Investition in uns.“

Das wirkte Wunder. Rose hatte sich in seine Arme geschmiegt und zwei Tage später bei ihrem Vermieter und ihrem Boss im Schönheitssalon, wo sie als Maniküre arbeitete, gekündigt.

Leider hatte Rose nicht so viel auf der hohen Kante gehabt wie gehofft. Und da er nicht einschätzen konnte, wie lange es dauern würde, bis Abbie mit Geld herüberkam, mussten sie ihre Pennys zusammenhalten. Sogar das bescheidene Motel an der Route 27 riss ein Loch in ihren Geldbeutel.

Gleich nach dem Einzug vor wenigen Stunden hatte er sich Rose’ Oldsmobile geborgt und war zum Palmer Square gefahren, um sich Abbies Restaurant anzusehen. Er war beeindruckt gewesen. Das Viertel war eines dieser Schickimicki-Einkaufszentren, das um einen kleinen Park herum errichtet worden war, den die Einheimischen ‚Das Grün‘ nannten. Ringsum lagen schicke Boutiquen und teure Feinschmeckerlokale.

Vom Restaurant war er zur Steuerbehörde gefahren, um die Adressen seiner Stiefschwester und ihrer Mutter Irene zu erfahren. Sobald der Angestellte merkte, dass er es mit einem Auswärtigen zu tun hatte, holte er hilfreich eine Karte heraus und zeigte ihm die Lage beider Straßen.

Falls Erfolg an der Größe eines Hauses festgemacht werden konnte, hatte Abbie es wahrhaftig geschafft. Ihr Haus war doppelt so groß wie das der McGregors in Palo Alto seinerzeit und umgeben von etlichen Acres meist bewaldeten Landes. Irene hingegen lebte in einem gut erhaltenen zweistöckigen Gebäude in einem Arbeiterviertel.

Ian zog sich endlich vom Zaun am Spielfeldrand zurück und ging zu seinem Oldsmobile. Er hatte genug aus Abbies Unterhaltung mit ihrem Sohn erfahren. Sie würden jetzt ein Eis essen, und dann wollte sie Ben heimfahren. Was sie danach tun würde, hatte sie zwar nicht erwähnt, doch er war sicher, dass sie die Dinnerzeit im Restaurant verbringen würde.

Da er nichts weiter vorhatte, fuhr er zurück zum Palmer Square, fand hinter dem Restaurant einen kleinen Parkplatz und wartete. Wie erhofft, tauchte nach einer halben Stunde der rote Geländewagen auf.

Das Gesicht hinter einer Straßenkarte verborgen, beobachtete er, wie seine Stiefschwester ins Restaurant eilte. Die Wartezeit würde lang werden, bis sie ihr Lokal schloss, aber das machte nichts. Er konnte durchaus geduldig sein – vorausgesetzt, der Einsatz lohnte sich.

2. KAPITEL

3. Juni,

El Paso, Texas

„Nein, Arturo.“ Tony Garcia stellte sich zwischen seinen älteren Bruder und die Reisetasche auf dem Bett. „Du wirst diesen McGregor nicht jagen.“

Arturo, einen Kopf größer als sein Bruder und hundert Pfund schwerer, schob ihn beiseite. „Und wer will mich aufhalten?“

„Ich.“

„Bleib mir vom Leib, Tony, okay?“ Arturo warf ein paar Kleidungsstücke in die Tasche. „Ich habe drei lange Jahre gewartet, um diesem Hurensohn die Quittung dafür zu präsentieren, dass er mich verpfiffen hat. Jetzt wird er zahlen.“

„Er ist es nicht wert, dass du wieder ins Gefängnis gehst!“

„Ich gehe nicht ins Gefängnis.“

„Und ob, wenn du ihn umbringst.“

Arturo baute sich vor Tony auf. Er war ein bulliger Mann mit der Kraft eines Stieres und einem entsprechenden Temperament. Mit dem kahl rasierten Schädel und dem Ziegenbart, den er sich hatte wachsen lassen, sah er noch bedrohlicher aus. „Was ich mit McGregor mache, ist meine Sache.“

Leider nicht, dachte Tony seufzend. Es machte ihm zwar keinen Spaß, der Aufpasser seines Bruders zu sein, doch ihm blieb keine Wahl. Vor sechs Monaten hatte er seinem Vater, der auf dem Sterbebett lag, versprochen, dafür zu sorgen, dass Arturo nicht wieder in Schwierigkeiten geriet, und er hielt sein Versprechen.

„Arturo, sei vernünftig!“ bat er, obwohl sein Bruder noch nie über Vernunft verfügt hatte. „Die Sache ist zehn Jahre her. Zeit zu vergeben und zu vergessen.“

Wütend sah Arturo ihn an. „Wenn ich das täte, würde das ganze barrio über mich lachen. Ich würde meinen Ruf verlieren.“

„Es geht also nur darum, dein Gesicht zu wahren?“

„Es geht darum, mein Geld zu kriegen!“ Arturo trat noch näher zu Tony. „Dreißigtausend hat mir dieser Arsch geklaut, die will ich zurück, Mann!“

„Willst du mir etwa weismachen, dass du nur deine dreißigtausend haben willst?“

Arturo warf ein Paar abgetragene Stiefel in die Tasche. „Für den Anfang.“

„Dann gib mir dein Wort, dass du ihn nicht umbringst.“

„Das hängt von McGregor ab. Wenn er keinen Mist baut, lasse ich ihn vielleicht leben. Wenn doch …“ Er zuckte die Achseln.

„Was dann? Dann wirst du geschnappt und gehst wieder in den Kahn. Was wird aus Ma, wenn du wieder im Knast bist? Das letzte Mal hat sie schon fast umgebracht.“

„Sie kommt schon klar. Sie hat ja dich.“

„Nein, hat sie nicht.“

Arturo, der gerade ein T-Shirt in die Tasche werfen wollte, hielt inne. „Was zum Henker soll das heißen?“

„Das heißt, dass ich nicht hier sein werde. Wenn du darauf bestehst, McGregor zu jagen, komme ich mit.“

„Verflucht, ich brauche keinen Babysitter!“ brüllte Arturo.

„Gewöhn dich dran. Ich werde immer da sein.“ Er stieß ein paar Mal mit dem Zeigefinger in die Luft und berührte fast die Nase seines Bruders. „Direkt vor dir werde ich stehen und dafür sorgen, dass du auf dem rechten Pfad bleibst. Hast du das kapiert?“

Ehe Arturo den Mund schließen konnte, stürmte Tony hinaus und wünschte sich, davonlaufen und den Bruder seinem Schicksal überlassen zu können. Doch Tony liebte den großen Halunken und schuldete ihm Dank, weil der ihn als Kind immer beschützt hatte.

Im barrio aufgewachsen, waren beide frühzeitig einer Straßengang beigetreten. Tony war vierzehn gewesen und Arturo neunzehn. Angewidert von der Gewalt hatte Tony vier Jahre später die Blades verlassen und im Lebensmittelgeschäft der Eltern angefangen. Er hatte sogar ein paar Kurse am örtlichen College belegt. Arturo hingegen spekulierte bereits darauf, der nächste Anführer der Bande zu werden. Kurz nach seiner Einsetzung als neuer jefe der Blades war Arturo von einem Mann angesprochen worden, der sich als mächtiger Drogenboss zu erkennen gab und jemanden mit Mut suchte, der sein Verteilungszentrum in Toledo, Ohio, führte.

Tony war besorgt gewesen, sein Bruder könnte eine kriminelle Laufbahn einschlagen, und hatte ihn zu überreden versucht, das Angebot abzulehnen. Arturo hatte ihn nur ausgelacht.

„Bist du verrückt, Tone? Sieh mich doch an.“ Auffordernd hatte er die Arme ausgebreitet, um sein Argument zu untermauern. „Ich bin nur ein lumpiger Bandenführer, ein hässlicher, gemeiner Mexikaner ohne Geld und Zukunft. Dass ich hässlich bin, kann ich nicht ändern, aber arm muss ich bestimmt nicht bleiben.“

In puncto Geld behielt er Recht. Innerhalb eines Monats verdiente Arturo tausend Dollar die Woche, steuerfrei, und lebte auf großem Fuß. Das Geschäft lief so gut in Toledo, dass er einen Partner hereinnahm, Ian McGregor.

Zwei Jahre später ging McGregor der Polizei ins Netz und wurde freigelassen, nachdem er dem Staatsanwalt Arturo auf einem Silbertablett geliefert hatte.

Obwohl Arturo geschworen hatte, sich an seinem früheren Partner zu rächen, hatte Tony immer gehofft, er würde den Verrat irgendwann vergessen und einfach sein Leben weiterführen. Pech gehabt. Nachdem Arturo durch die Buschtrommeln im Gefängnis gehört hatte, dass McGregor draußen war, begann er zu packen.

Leise fluchend ging Tony in sein Zimmer, holte seine Reisetasche aus dem Schrank und warf sie aufs Bett. Arturo davon abzuhalten, McGregor umzubringen, war keine Aufgabe, die ihn freute, doch wer sollte es sonst tun?

Abbie nannte die Küche des Campagne das Nervenzentrum, und jeder, der einmal dort gewesen war, würde ihr zustimmen. Es war ein emsiger, lauter, hektischer Ort, und die meisten Besucher dankten ihrem Schöpfer, dass sie hier nicht arbeiten mussten.

Abbie empfand es genau umgekehrt. Gleichgültig, wie viele Stunden sie in der Küche verbrachte und wie erledigt sie am Ende eines Tages war, die Hektik und die zu bewältigenden Herausforderungen wurden ihr nie zu viel.

Froh, dass die Küche mit der Effizienz und Präzision einer gut geölten Maschine lief, nahm Abbie ihre Schürze vom Haken und lächelte Brady an, der auf sie zukam.

„Wie ist es gelaufen?“ fragte er eifrig.

Ihr Souschef war ein ansehnlicher junger Mann mit dem Aussehen eines Filmstars: kurze, stachelige blonde Haare à la Brad Pitt und ein einnehmendes Lächeln. Ein gebrochener Ellbogen hatte seine viel versprechende Baseballkarriere beendet und ihn gezwungen, sich nach neuen Möglichkeiten für seinen Lebensunterhalt umzuschauen. Auf Anraten seiner Freunde, die seine Kochkünste liebten, hatte er sich in einer örtlichen Kochschule eingeschrieben und nach der Ausbildung einen Job als zweiter Assistent des Küchenchefs in einem Restaurant in Philadelphia bekommen. Als Abbie vor drei Jahren das Campagne eröffnete und einen Souschef suchte, hatte sie seine Bewerbung gelesen und sofort ein Vorstellungsgespräch vereinbart. Nach zehn Minuten war ihr klar gewesen, dass sie den Richtigen hatte. Sie verstanden sich so ausgezeichnet, dass sie dem Arbeitgeber-Arbeitnehmer-Verhältnis rasch entwuchsen und Freunde wurden.

Da Brady Ben stundenlang beigebracht hatte, seine Schlagtechnik zu verbessern, gab Abbie ihm einen ausführlichen Spielbericht, weil er das erwartete. Als sie von Bens spektakulärem ‚Triple‘ im letzten Inning erzählte und den drei ‚RBIs‘, strahlte Brady.

„Er ist ein Anwärter für das Allstar Team“, urteilte er mit überzeugtem Kopfnicken.

Abbie band sich die Schürze um die Taille. „Sag ihm das nicht, okay? Ich möchte ihm eine Enttäuschung ersparen, falls er nicht ausgewählt wird.“

„Falls er nicht ausgewählt wird, nehme ich mir seinen Trainer zur Brust.“

Abbie stöhnte auf. „Oh nein, du redest schon wie einer dieser Väter aus der Kinderliga, die ihren Spross für viel besser halten als alle anderen.“

Brady lachte. „Schon gut, schon gut, ich halte die Klappe.“

Gemeinsam mit Brady ging Abbie durch den großen Raum mit der Edelstahleinrichtung, warf einen Blick auf die Bestellzettel am Drehgestell, hob Deckel, schnupperte, probierte und lugte in den Backofen, wo vier Cassoulets in kleinen Tontöpfen sanft vor sich hin blubberten.

„Hat sich während meiner Abwesenheit irgendwas Ungewöhnliches ereignet?“ Abbie ging zu den schulterhohen Schwingtüren und blickte in den voll besetzten Speisesaal.

„Der Präsident der Universität und seine Gattin sitzen an Tisch drei. Sie feiern Silberhochzeit.“

Abbie erkannte den grauhaarigen Akademiker. Er und seine Frau gehörten zu den Stammkunden und großzügigen Sponsoren des jährlichen „Food Festivals“, dessen Einnahmen an ein örtliches Frauenhaus gingen. „Schick ihnen eine Flasche Champagner, Brady. Mit besten Empfehlungen des Hauses. Und sag ihnen, ich komme später zum Gratulieren vorbei.“

Brady gab Abbies Auftrag sofort fingerschnippend an eine vorbeieilende Bedienung weiter. „Oh“, fügte er zwinkernd hinzu, „das hätte ich fast vergessen. Dein Verehrer ist wieder da.“

Fragend zog Abbie eine Braue hoch. „Ich habe einen Verehrer?“

„Tu doch nicht so. Du weißt genau, dass ich von Professor Higgins rede. Er hat es zum Lunch nicht geschafft, deshalb ist er heute zum Dinner gekommen. Und natürlich hat er darauf bestanden, an seinem üblichen Tisch zu sitzen. Ich musste ein bisschen umorganisieren, aber ich denke, ein so guter Kunde ist es wert.“

Abbie entdeckte den eleganten pensionierten Professor in seinem kleinen Alkoven sofort. Oliver Gilroy, gebürtiger Engländer, der sein Land vor fünfzehn Jahren verlassen hatte, um in Amerika englische Literatur zu unterrichten, war ein charmanter Mann mit einer Vorliebe für gutes Essen und alles, was das Leben angenehm macht. In einem Raum voller Menschen fiel er nicht unbedingt auf. Er war klein und schlank mit ordentlich frisiertem grauem Haar und der Art Gesicht, die man schnell vergisst. Allerdings war er ein wenig exzentrisch. Er kam jeden Tag genau zur selben Zeit ins Restaurant – zwölf Uhr mittags –, verlangte stets denselben Tisch und bestellte, gleichgültig, was er aß, stets denselben Wein: einen australischen Chardonnay.

Es stimmte, offensichtlich mochte er sie. Doch diese Sympathie schrieb sie weniger einer romantischen Zuneigung als vielmehr ihrer Ähnlichkeit mit seiner Tochter zu, deren Bild sie gesehen hatte. Sowohl seine feinen Manieren als auch sein kultivierter britischer Akzent hatten Brady bewogen, ihn Professor Higgins zu taufen, nach der unvergesslichen Gestalt aus My Fair Lady.

„Ich glaube, er hat Ben wieder ein Geschenk mitgebracht“, flüsterte Brady.

Abbies Blick fiel auf den Miniatureisenbahnwagen aus Holz neben dem Weinglas des Professors. Seit seiner Pensionierung widmete Gilroy seiner alten Leidenschaft – dem Bauen von kleinen Modelleisenbahnen, die er aus vorgefertigten Teilen zusammensetzte – viel Zeit. Als er von Abbies kleinem Sohn erfuhr, brachte er Ben sofort eine soeben fertig gestellte Big Boy Lokomotive mit. Dem ersten Geschenk waren ein Holzwaggon, ein Viehwagen, ein offener Güterwagen und verschiedene Frachtwaggons gefolgt.

Obwohl Abbie versucht hatte, ihn davon abzuhalten, füllte er Bens Sammlung weiter auf. Der Junge sollte einen kompletten Satz der „Southern Pacific“ besitzen, der Lieblingsbahn des Professors.

Sie würde später auf ihrer Runde an seinem Tisch vorbeigehen. Und da sie wusste, dass er eine Vorliebe für Windbeutel hatte, bat sie Brady, ihm eine Schachtel mit seinem Lieblingsgebäck mitzugeben.

Brady kicherte. „Es hat sich noch immer gelohnt, das Kind zu verwöhnen, wenn man was von der Mutter will.“

„Um Himmels willen, Brady, hör bitte auf damit. Der Mann ist alt genug, mein Vater zu sein.“

„Na und? Er ist gebildet, sieht nicht übel aus und ist wohlhabend, soweit ich weiß. Außerdem könntest du etwas Romantik in deinem Leben ganz gut gebrauchen.“

Abbie verzog das Gesicht. „Danke, dass du mich daran erinnerst.“

„Du weißt, wie ich das meine.“

„Ja, du denkst, ich führe ein langweiliges Leben.“ Sie tätschelte ihm spielerisch den Arm. „Lenken wir deine Kreativität doch auf etwas anderes – zum Beispiel auf die gebratene Ente für Tisch eins.“

Gegen elf war der letzte zufriedene Gast endlich gegangen. Ihre Angestellten waren fort, und die Küche war wieder so makellos sauber wie heute Morgen. Abbie stand allein im leeren Speisesaal an der Kasse und zählte die Tageseinnahmen. Vierzehntausend Dollar. Nicht übel für einen Montagabend.

Sie langte unter die Kasse und nahm den Beutel heraus, in dem sie die Einnahmen zur Bank brachte. Während sie das Geld hineinsteckte, glitt ihr Blick über den leeren Saal. Auch nach drei Jahren als Besitzerin des Campagne machte es sie noch stolz, wie viel sie in so kurzer Zeit erreicht hatte, auch wenn eher die Umstände als ihr freier Wille ihren beruflichen Werdegang bestimmt hatten. Als Ehefrau und Mutter eines Babys hatte es ihr genügt, einen Partyservice zu führen, der es ihr erlaubte, ihre Zeit selbst einzuteilen. Nach der Scheidung von Jack war ihr jedoch klar geworden, dass sie ihre Ziele höher stecken musste, wenn sie ernsthaft Geld verdienen wollte. Das bedeutete, ihr eigenes Restaurant zu eröffnen, ein Traum, den sie seit ihrem ersten Tag am kulinarischen Institut gehabt hatte.

Zunächst hatte sie das Risiko gescheut. Doch nach einer Inventur ihrer Fähigkeiten, ihrer Entschlossenheit und der finanziellen Möglichkeiten verwandelten sich ihre Bedenken allmählich in freudige Zuversicht. Sie konnte und würde es schaffen. Einen Teil des Unternehmens finanzierte sie mit dem Geld, das ihr nach der Scheidung zustand, plus ihren Ersparnissen, und sie überredete eine Bank, ihr den Rest als Darlehen zu geben. Das erste Jahr wurde nicht einfach, das zweite auch nicht. Bei so vielen guten, etablierten Restaurants in Princeton und Umgebung war es nicht leicht, Aufmerksamkeit zu erregen. Doch dank einiger guter Kritiken und der Mundpropaganda war das Campagne jetzt einer der begehrtesten Speisetempel im Umkreis von zwanzig Meilen.

Im Gegensatz zu anderen Besitzern französischer Land-Restaurants hatte sie der Versuchung widerstanden, den Speisesaal mit den üblichen Terrakottatöpfen, Lavendelbüscheln und verschiedenen ländlichen Kunstarbeiten zu dekorieren. Stattdessen hatte sie sich aus Frankreich mehrere Ballen souleiado mitgebracht, das provenzalische Tuch in Blau-, Rot-, Grün- und Gelbtönen, und daraus Tischtücher gemacht. Das Geschirr, strahlend ockerfarbene Keramik, stammte ebenso aus Südfrankreich wie die Gläser aus Blasenglas. Mit Ausnahme eines alten Wandteppichs, den sie vor Jahren auf einem Flohmarkt erstanden hatte, blieben die safranfarbenen Wände kahl. Der Effekt war spektakulär.

„Okay, Mädel“, sagte sie sich leise und schob den Geldbeutel in ihre Tasche. „Genug Selbstbeweihräucherung für einen Abend. Zeit, heimzugehen.“

Leise summend ging sie durch den Speisesaal in die Küche, schaltete das letzte Licht aus und verließ ihr Lokal durch die Hintertür.

Sie hatte ihren Geländewagen fast erreicht, als eine Gestalt aus dem Schatten trat.

Abbie unterdrückte einen ängstlichen Aufschrei. Die Tasche an die Brust gepresst, erinnerte sie sich, dass Princeton eine der sichersten Städte in New Jersey war. In den drei Jahren, seit sie das Restaurant führte, hatte sie nie Grund zur Furcht gehabt, nicht einmal zu so später Stunde.

Erst als der Fremde einen Schritt vortrat und direkt unter der Laterne stand, erkannte sie ihn.

Der Mann vom Spielfeldrand.

Entmutigt sah sie sich um. Der Parkplatz war leer, sie war allein. Als echter Gentleman hatte Brady ihr mehrfach angeboten, zu bleiben, bis sie ging, um sie zu ihrem Auto zu begleiten. Sie hatte das stets abgelehnt, was sie nun zutiefst bedauerte.

„Wer sind Sie?“ fragte sie und bemühte sich um eine ruhige Sprechweise. „Was wollen Sie?“

Die offenkundige Antwort war Geld, obwohl sie irgendwie spürte, dass es hier um etwas anderes ging. Falls er nur ihr Geld wollte, was hatte er dann am Baseballfeld verloren? Der Gedanke an Vergewaltigung ließ kurz Panik aufkommen, doch sie fühlte sich nicht wehrlos. Wenn nötig, würde sie ihm einen heftigen Kampf liefern. Dank eines Selbstverteidigungskurses nach der Scheidung wusste sie sich zu wehren.

„Was ist los? Sie wirken nervös.“ Während er sprach, griff der Fremde in seine Hemdtasche und holte Zigaretten und ein Feuerzeug heraus. Ohne sie aus den Augen zu lassen, stieß er die Zigarette leicht auf die Flachseite des Feuerzeugs. Die Geste war ihr vage vertraut, doch sie erinnerte sich nicht, woher. Sie konnte auch den Mann nicht einordnen. „Du hast doch keine Angst vor mir, Abbie, oder?“

Er kannte ihren Namen. War dies ein gutes oder ein schlechtes Zeichen?

Sie gab sich mutiger, als sie war, unterzog ihn einer genaueren Betrachtung und versuchte sich zu erinnern, wo und wann sie ihm schon einmal über den Weg gelaufen war. Im Restaurant vielleicht? Oder damals, als sie noch den Partyservice gehabt hatte? Aus der Nähe erkannte sie, dass seine Augen entweder dunkelbraun oder schwarz waren. Die Haare hatten dieselbe Farbe, waren für ihren Geschmack allerdings ein wenig zu lang. Er hatte sie zurückgekämmt, was das kantige Gesicht und die niedrige Stirn betonte. Sie schätzte ihn auf etwa vierzig.

Abbie war sicher, ihm nie begegnet zu sein, doch er schien sie zu kennen. Vielleicht hatte er das Interview vor einigen Wochen in CBS gesehen. Daher kannte er sie wahrscheinlich. Wildfremde Menschen gratulierten ihr seither auf der Straße oder beim Einkauf im Bauernmarkt zu ihrem Preis.

Neugierig und bemüht, einen potenziellen, wenn auch eigenartigen Gast nicht zu verprellen, erwiderte sie: „Ich glaube, Sie sind da etwas im Vorteil, Mr….?“

Amüsiert steckte der Mann die Zigarette in den Mund. „Schönes Lokal hast du da.“ Er deutete mit dem Kopf auf ihr Restaurant. „Was nimmst du so pro Abend ein?“ fragte er mit der Zigarette zwischen den Zähnen. „Fünf Riesen? Zehn?“ Das Feuerzeug flammte auf, und während er die orangerote Flamme an die Zigarettenspitze hielt, sah sie seinen Blick zu ihrer Tasche wandern. Er kicherte wieder, als wüsste er genau, was darin war und woran sie dachte.

Der Instinkt sagte ihr, dass er kein gewöhnlicher Räuber war. Er war zu gesprächig und zu sehr darauf aus, sie mit seinen Bemerkungen nervös zu machen. Sie fasste wieder Mut. „Wie viel ich einnehme, geht Sie nichts an.“ Während sie sprach, nahm sie ihr Handy aus der Tasche. „Tun Sie sich selbst einen Gefallen, und gehen Sie mir aus dem Weg. Oder ist es Ihnen lieber, ich hole die Polizei?“

Ungerührt machte der Mann einen tiefen Zug an seiner Zigarette und blies ihr den Rauch entgegen. An den Geländewagen gelehnt, erwiderte er: „Aber nicht doch, Abbie, ist das eine Art, seinen großen Bruder zu begrüßen?“

3. KAPITEL

Abbies erster Impuls war, die 911 zu wählen. Den Finger bereits über der Tastatur, hielt sie jedoch inne. Etwas an diesem Mann, vielleicht seine unbekümmerte Art, machte sie stutzig. Sollte er die Wahrheit sagen?

Sie verwarf diesen Gedanken sofort wieder, doch Zweifel waren gesät und ließen sie nicht mehr los. Als sie Ian McGregor das letzte Mal gesehen hatte, war er fünfzehn gewesen. Demnach wäre er heute dreiundvierzig. Er hatte dunkles, welliges Haar gehabt und dunkle Augen, die boshaft funkelten – so wie die des Mannes jetzt –, wenn er jemandem einen Streich spielte.

„Es stimmt.“ Er machte wieder einen Zug an seiner Zigarette. „Ich bin es. Ian McGregor. Wie er leibt und lebt. Ich wette, du hast nicht geglaubt, mich jemals wiederzusehen?“

Was sollte sie darauf erwidern? Als sie nach dem verheerenden Feuer im Haus der McGregors mit ihrer Mutter Kalifornien verlassen hatte, waren Ian und seine Schwester Liz bei ihrer Tante Lucinda in Palo Alto geblieben. Damals war sie selbst acht gewesen und hatte die beiden Teenager schnell aus der Erinnerung verdrängt, zumal sie zwei Jahre unter den Nörgeleien ihres Stiefbruders und der hochmütigen Gleichgültigkeit seiner Schwester Liz gelitten hatte.

„Was ist los, Prinzessin?“ fragte er und benutzte den alten Spitznamen, den er ihr damals gegeben hatte. „Hat die Katze dir die Zunge stibitzt? Oder bist du vor Wiedersehensfreude sprachlos?“

„Woher soll ich wissen, dass Sie der sind, für den Sie sich ausgeben?“

Schweigend zog er eine Brieftasche heraus, öffnete sie und hielt sie ihr schräg zum Licht hin, damit sie lesen konnte. Der abgelaufene Führerschein, ausgestellt auf Ian McGregor, verwies auf eine Adresse in Toledo, Ohio. Das Foto ähnelte ihm genug, um letzte Zweifel auszuräumen. Jetzt wusste sie auch, warum ihr seine Geste vorhin so vertraut gewesen war. Sein Vater hatte die Zigarette immer auf fast dieselbe Weise gegen das Feuerzeug geklopft. Schwungvoll klappte er die Brieftasche wieder zu. „Ich hätte dich früher besucht, aber deine Mutter hat keine Nachsendeadresse hinterlassen.“

„Du hast genau gewusst, wo du sie erreichen kannst, wenn du es wirklich gewollt hättest!“ meinte sie bissig. „Sie hat sehr wohl eine Adresse hinterlassen, bei eurer Tante Lucinda.“

Ian schob die Brieftasche wieder in seine Jeans. „Und wie geht es meiner lieben Stiefmommy?“

„Wie hast du mich gefunden?“

„Ich habe dein Interview gesehen. Meine Mithäftlinge und ich schalteten durch die Kanäle …“

„Mithäftlinge?“ wiederholte sie, als ihr die Bedeutung seiner Worte bewusst wurde. „Du warst im Gefängnis?“

„Tu nicht so erstaunt. Ist das nicht genau der Werdegang, den Irene mir prophezeit hat?“ Er wackelte spöttisch mit dem Zeigefinger hin und her und imitierte die Strafpredigt seiner Stiefmutter. „‚Ich schwöre dir, Ian McGregor, wenn du dich nicht bald änderst, landest du im Jugendgefängnis.‘ Was soll ich sagen, sie hatte Recht. Irgendwie geriet ich in schlechte Gesellschaft, und ehe ich wusste, wie mir geschah, war ich im Knast. Aber ich sollte mich nicht beklagen, oder?“ Ein Lächeln breitete sich langsam auf seinem Gesicht aus. „Schließlich hat sich was Gutes aus meinem letzten Knastaufenthalt ergeben. Ich habe dich gefunden.“

„Und warum wolltest du mich finden?“

„Warum nicht? Schließlich sind wir eine Familie.“

„Seit wann? Wenn ich mich recht entsinne, hast du mich immer wie einen Eindringling behandelt.“

Er grinste. „Ich merke immer noch, wann du richtig sauer wirst. Dann verengen sich deine Augen wie damals als Kind. Allerdings hätte ich dich ohne den Namen DiAngelo nicht wieder erkannt. Du hast dich verändert, kleine Schwester.“ Er ließ den Blick an ihr hinabgleiten. „Zum Vorteil, muss ich gestehen.“

„Was willst du, Ian?“ Ihre Stimme klang ungeduldig, doch es war ihr egal, denn sie war müde und wollte nach Hause.

Er schien sie nicht gehört zu haben. „Dann bist du also eine berühmte Köchin geworden. Das wundert mich nicht. Du und Irene, ihr wart immer in der Küche und habt diese tollen Sachen gebrutzelt. Das war das genaue Gegenteil von der Pampe, die wir von meiner Mutter kriegten, als sie noch lebte.“

„Warum hast du Irene dann nicht ein bisschen Dankbarkeit zeigen können, anstatt nur grob und kritisch zu sein.“

„Um Himmels willen, Abbie, mach mal halblang, ja? Ich war dreizehn, als ihr zwei eingezogen seid. Plötzlich war mein Leben auf den Kopf gestellt. Ich musste mich nicht nur auf eine Stiefmutter einstellen, sondern auch noch auf eine Göre von Stiefschwester. Das war verdammt hart.“

„Und plötzlich möchtest du aus heiterem Himmel die Familienbande erneuern?“

Er zog wieder an der Zigarette, und diesmal besaß er die Höflichkeit, den Rauch zum Nachthimmel zu blasen. „Man sagt, Menschen werden im Alter sentimental. Vielleicht passiert mir das gerade. Ich werde sentimental.“

Abbie hatte genug. Was für ein Spiel er auch treiben mochte, sie spielte nicht mit. „Gute Nacht.“ Sie wollte an ihm vorbei zu ihrem Geländewagen gehen, doch Ian verstellte ihr den Weg.

„Nicht so schnell, Prinzessin. Du und ich, wir haben noch etwas miteinander zu regeln.“

Auch wenn sie gern gegangen wäre, blieb ihr keine Wahl, als abzuwarten, was er zu sagen hatte.

„Du erinnerst dich an das Feuer, Abbie?“

Seine unerwartete Frage ließ augenblicklich bildhaft eine bestimmte Erinnerung entstehen: das Haus in Flammen, und ihre Mutter, die sie und Ian aus dem Inferno rettete. Entsetzt hatte sie damals zugeschaut, wie ihre Mutter wieder in die Flammen laufen wollte, um ihren Mann und Liz zu holen. Zum Glück waren die Feuerwehrleute rechtzeitig eingetroffen und hatten sie daran gehindert. Liz hatte überlebt, doch für Patrick McGregor war es zu spät gewesen.

Und ob sie sich an diese Nacht erinnerte. Neben dem Tod ihres Vaters, als sie fünf gewesen war, war das Feuer eines der schlimmsten Erlebnisse ihrer Kindheit gewesen.

„Ich erinnere mich“, bestätigte sie ruhig.

„Weißt du noch, wie es passiert ist?“

„Warum fragst du das?“

„Tu mir den Gefallen, Abbie. Erinnerst du dich, wie das Feuer entstanden ist?“

„Ich erinnere mich an die Einschätzung des Leiters der Feuerwehr. Dein Vater lag rauchend im Bett und hatte wie gewöhnlich getrunken. Er ist mit der Zigarette in der Hand eingeschlafen.“ Es war ihr gleich, ob sie ihn durch die vorwurfsvolle Bemerkung beleidigte. Er hatte schließlich damit angefangen.

Aber Ian wirkte nicht beleidigt, eher herablassend. „Es lag in Irenes Interesse, dass der Einsatzleiter das glaubte. Sie wollte, dass alle es glaubten. Aber so war es nicht.“

Abbie fühlte sich plötzlich elend. Zu gern hätte sie das Unbehagen ihrer Übermüdung zugeschrieben, doch der Grund für das flaue Gefühl im Magen war eindeutig Ian. Das Wiedersehen nach all den Jahren ließ eine merkwürdige Vorahnung in ihr aufsteigen. Ohne es genau erklären zu können, wusste sie, dass diese unwillkommene Wiedervereinigung ihr Leben verändern würde. Am liebsten hätte sie sich an ihm vorbeigedrängt, um in ihr Auto zu steigen und so zu tun, als wäre nichts gewesen. Doch eine unbekannte Kraft, ein Zwang, weiter zu hören, was er wollte, ließ sie verharren.

„Wovon sprichst du?“ Ihre Stimme war kaum lauter als ein Flüstern.

„Das Feuer war kein Unfall“, sagte Ian. „Es war das Werk eines Brandstifters.“ Er machte eine Pause, um Wirkung zu erzielen. „Eines Brandstifters, der von deiner Mutter bezahlt worden war.“

4. KAPITEL

Abbie spürte, wie ihr Mund trocken wurde. Sekundenlang konnte sie nicht begreifen, was sie gehört hatte. Als ihr seine Anschuldigung schließlich bewusst wurde, schlug sie ihm mit beiden Händen gegen die Brust. „Du bist krank, Ian. Ich hatte gehofft, die letzten achtundzwanzig Jahre hätten dich verändert. Wie ich sehe, war das ein Irrtum. Du bist noch genauso verdreht wie früher. Und wenn du dir einbildest, dass ich mir deine Lügen weiter anhöre, bist du verrückter, als ich dachte.“

Mit ungeahnter Kraft schob sie ihn aus dem Weg und öffnete die Tür ihres Geländewagens.

„Und wenn ich dir nun sage, ich kann beweisen, dass deine Mutter jemanden für die Brandstiftung bezahlt hat, glaubst du mir dann?“

Sie zitterte so sehr, dass es sie wunderte, wie ruhig sie sprechen konnte. „Wenn du diese Beweise hättest, wärst du schon vor langer Zeit zur Polizei gegangen.“

„Ich habe es erst kurz vor meiner Abreise aus Ohio erfahren. Offenbar war ich nicht der einzige Häftling, der dich an jenem Abend im Fernsehen über deinen Preis, dein erfolgreiches Restaurant und dein Glück hat prahlen hören. Mein Freund erinnerte sich an Irene McGregors früheren Namen – DiAngelo – und zählte zwei und zwei zusammen.“

„Ein Mithäftling?“ Abbie lachte gereizt auf. „Den willst du als Beweis anführen?“

„Häftlinge sind auch Menschen.“

„Es sind Kriminelle, die so selbstverständlich lügen, wie sie atmen.“

„Einige vielleicht, aber Earl Kramer erzählt die Wahrheit über Irene.“

„Woher willst du das wissen?“

Ian verzog die Lippen zu einem schmalen Lächeln. „Ich war mit genügend Lügnern zusammen, um zu erkennen, wann ich hereingelegt werde. Und wenn Earl sagt, Irene hat ihn angeheuert, meinen Vater zu töten, glaube ich ihm.“

„Wie lange kennst du den Mann?“

„Zwölf, dreizehn Jahre.“

„Und er hat die ganze Zeit gewartet, dir zu erzählen, dass er das Haus deines Vaters niedergebrannt hat?“ Sie lachte, obwohl sie das Ganze überhaupt nicht amüsant fand. „Komm schon, Ian, sogar du müsstest die Lücken in deiner Geschichte erkennen.“

Ihr spöttischer Ton schien ihn nicht zu kümmern. „Er wäre ein Idiot gewesen, eine Straftat zu gestehen, solange er noch ein freier Mann war. Aber jetzt, da er im Todestrakt sitzt und alle Berufungsmöglichkeiten ausgeschöpft sind, hat er nichts mehr zu verlieren, wenn er die Wahrheit sagt.“

„Und er hat eine Menge zu gewinnen, wenn er eine Geschichte erfindet.“

„Was sollte er dabei gewinnen?“

„Geld, Ian.“ Sie hielt die Tür des Geländewagens auf und wandte sich erneut zu ihm, damit er sie hörte; vor allem wollte sie ihm auch zeigen, dass sie keine Angst hatte. „Häftlinge brauchen Geld, nicht wahr? Um ihre Familien zu unterstützen und die Wärter zu bestechen, die ihnen das Leben dadurch vielleicht ein bisschen angenehmer machen. Wie viel hat es dich gekostet, diesen Earl Kramer zu einer Lüge zu überreden?“

Ian gab sich überzeugend schockiert. „Du verstehst das völlig falsch, Schwesterchen. Earl hat nach mir geschickt. Er wusste, dass ich rauskomme, deshalb hielt er die Zeit für reif, reinen Tisch mit mir zu machen.“

„Woher dieser plötzliche Drang zur Wahrheit?“

„Earl ist religiös geworden. Er hat wieder zum christlichen Glauben zurückgefunden.“ Ian zuckte die Achseln. „Das nützt ihm jetzt zwar nichts mehr, aber es ist ihm egal. Er will mit reiner Seele vor seinen Schöpfer treten.“

„Und er hat dich ausgewählt, ihm dabei zu helfen?“

„Ja, richtig.“

Langsam schüttelte sie den Kopf. „Hast du eine Ahnung, wie falsch das alles klingt?“

„Glaubst du mir nicht?“

„Du bist, wie du selbst zugibst, ein Gauner, Ian. Dein ganzes Leben ist ein einziger Betrug. Nein, ich glaube dir nicht.“

„Ich bin kein Gauner mehr. Ich will mein Leben ändern, vielleicht ein Geschäft aufmachen.“

„Um was zu tun? Kleinen alten Ladys ihre Pensionspennys abzuknöpfen?“

Er ging nicht auf die sarkastische Bemerkung ein, zog an seiner Zigarette, behielt den Rauch einen Moment in den Lungen und stieß ihn langsam aus. „Vielleicht solltest du mit Earl reden, Abbie. Du solltest dir anhören, wie Irene über Chiffre-Anzeigen Kontakt mit ihm aufgenommen hat, wo sie sich getroffen haben und wie sie ihm erklärt hat, der Tod meines Vaters solle wie ein Unfall aussehen.“

„Dann muss er ja einverstanden gewesen sein, den Job gratis zu machen, denn wie wir beide wissen, hatte meine Mutter kein eigenes Geld.“

„Wieder falsch, Schwesterherz. Sie hatte noch Geld aus der Versicherungspolice deines Vaters. Damit hat sie Earl bezahlt. Zweitausendfünfhundert Dollar Vorauszahlung und zweitausendfünfhundert, nachdem der Job erledigt war.“

„Du erwartest also, dass ich dir abkaufe, meine Mutter wüsste, wie sie Kontakt zu einem Auftragskiller aufnehmen kann?“

Er zuckte die Achseln. „Das wusste sie bestimmt nicht. Deshalb hat sie die Anzeige in der Zeitung aufgegeben. Das wird ständig so gemacht. Sieh dir die kleinen Rubriken mal an, wenn du Zeit hast.“

„Ich weiß nicht, wer hier lügt, du oder dein Knastfreund. Aber einer von euch beiden lügt.“

„Weißt du, zuerst habe ich ihm auch nicht geglaubt, aber dann wurde mir klar, dass Earl die Wahrheit sagt. Der Bastard war tatsächlich für den Tod meines Vaters verantwortlich. Am liebsten hätte ich den Hurensohn umgebracht“, fügte er mit dünner, zorniger Stimme hinzu. Seine Wut war Abbies Ansicht nach jedoch gespielt. „Ich wollte sein elendes Leben gleich beenden. Er sollte für den Tod meines Vaters bezahlen und für all das Leid, das über mich und Liz hereingebrochen ist, nachdem Irene uns im Stich gelassen hatte.“ Er senkte die Stimme ein wenig. „Leider wurde er von dickem Sicherheitsglas und zwei Bewaffneten geschützt. Aber auch wenn es möglich gewesen wäre, ich hätte mich nicht an ihm vergriffen. Ich wollte nicht wegen so einem wieder ins Gefängnis kommen.“

Abbie musste zugeben, dass er ausgezeichnet spielte, aber nicht gut genug. „Tut mir Leid, Ian“, sagte sie mit einem herablassenden Lächeln. „Als Kind habe ich dir fast alles geglaubt. Aber ich bin erwachsen geworden und kaufe dir deine pathetische Geschichte nicht ab. Wenn du so klug wärst, wie du glaubst, hättest du das geahnt, ehe du herkommst und dich zum Narren machst.“

Diesmal schien sie ihn getroffen zu haben. Er presste die Lippen zusammen, und der Blick wurde starr.

„Ich bin immerhin klug genug zu wissen, dass mir die Polizei von Palo Alto zuhören wird, wenn ich mit der Geschichte zu ihr gehe, so pathetisch sie auch klingen mag“, entgegnete er schroff.

Wollen Sie wissen, wie es weiter geht?

Hier können Sie "In tödlicher Gefahr" sofort kaufen und weiterlesen:

Amazon

Apple iBookstore

ebook.de

Thalia

Weltbild

Viel Spaß!



Kaufen