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In seinen Augen

Inhalt

  1. Cover
  2. Über die Autorin
  3. Titel
  4. Impressum
  5. Widmung
  6. 1. Kapitel
  7. 2. Kapitel
  8. 3. Kapitel
  9. 4. Kapitel
  10. 5. Kapitel
  11. 6. Kapitel
  12. 7. Kapitel
  13. 8. Kapitel
  14. 9. Kapitel
  15. 10. Kapitel
  16. 11. Kapitel
  17. 12. Kapitel
  18. 13. Kapitel
  19. 14. Kapitel
  20. 15. Kapitel
  21. 16. Kapitel
  22. 17. Kapitel
  23. Epilog
  24. Anhang

Über die Autorin

Jay Crownover lebt in Colorado, wo auch ihre Romane spielen. Sie liebt Tattoos und Körperschmuck, und so ist es kein Wunder, dass ihre Helden zur Sorte tätowierte und gepiercte Bad Boys gehören. Ihre Leidenschaft galt schon immer dem Lesen und Schreiben, und mit dem Erfolg ihrer Serie MARKED MEN ist ein Traum für sie wahr geworden.

Dieses Buch ist all denen gewidmet, die geduldig zugehört haben, als ich jammerte, dass ich meinem Leben einen neuen Sinn geben müsse. Und es ist denjenigen gewidmet, die mich dazu ermutigt haben, das zu tun, was ich am besten kann: einfach loszulegen und über das zu schreiben, womit ich mich auskenne – nur ein bisschen romantischer und idealisierter. Und so ist das hier auch für all die echten tätowierten Jungs, die mich im Laufe der Jahre ein Stück auf meinem Weg begleitet und als Inspiration für meine Figuren gedient haben.

1. Kapitel

Rule

Im ersten Moment dachte ich, das Hämmern in meinem Kopf wäre mein Gehirn, das nach den locker zehn Schnäpsen, die ich am Abend zuvor im Crown Royal getrunken hatte, versuchte, sich aus meinem Schädel zu befreien. Doch dann wurde mir klar, dass es das Geräusch von Schritten war. Irgendjemand stürmte durch meine Wohnung. Sie war wieder da. Und mit Schrecken fiel mir ein, dass wir Sonntag hatten. Egal, wie oft ich sie verfluchte, egal, wie abweisend ich zu ihr war oder in welcher noch so schlimmen Verfassung sie mich vorfand – sie tauchte jeden Sonntagmorgen auf, um mich zum Brunch bei meinen Eltern abzuholen.

Ein leises Stöhnen von der anderen Seite des Bettes erinnerte mich daran, dass ich gestern Nacht nicht allein nach Hause gekommen war, auch wenn ich mich weder an den Namen des Mädchens erinnerte noch daran, wie sie aussah oder ob es sich gelohnt hatte, sie mit nach Hause zu nehmen. Mit der Hand fuhr ich mir übers Gesicht und schwang die Beine über die Bettkante. Genau in dem Moment ging die Schlafzimmertür auf. Ich hätte der Kleinen niemals meinen Wohnungsschlüssel geben dürfen. Ich machte mir nicht die Mühe, meine Blöße zu bedecken, sie war es gewohnt, ins Zimmer zu platzen und mich verkatert und nackt vorzufinden – wieso also sollte es heute anders sein? Das Mädchen in meinem Bett drehte sich um und verengte die Augen zu schmalen Schlitzen, als sie sah, dass unser peinliches kleines Stelldichein einen Neuzugang zu verzeichnen hatte.

»Hast du nicht gesagt, du wärst Single?« Bei ihrem vorwurfsvollen Tonfall richteten sich die Härchen in meinem Nacken auf. Keine Frau, die gewillt war, mit einem Kerl nach Hause zu gehen, um unverbindlichen Sex zu haben, hatte das Recht, sich irgendein Urteil zu erlauben. Vor allen Dingen dann nicht, wenn sie noch nackt und zerzaust in meinem Bett lag.

»Gib mir zwanzig Minuten.« Mit gespreizten Fingern strich ich durch mein unordentliches Haar.

Die blonde Frau stand immer noch in der Tür und zog eine Augenbraue hoch. »Du hast zehn.« Normalerweise hätte ich auch eine Augenbraue hochgezogen und sie spöttisch nachgemacht, aber mein Kopf tat höllisch weh, und es wäre sowieso sinnlos gewesen, denn sie war längst immun gegen den Scheiß, den ich abzog. »Ich mach noch schnell Kaffee. Eigentlich wollte ich auch Nash einladen, aber er meinte, er habe einen Termin und müsse dringend in den Laden. Ich warte dann im Wagen.« Damit machte sie auf dem Absatz kehrt, und im nächsten Augenblick war sie verschwunden. Mühsam kam ich auf die Beine und blickte mich suchend nach einer Hose um. Irgendwo musste ich sie am Abend zuvor ja fallen gelassen haben.

»Was ist denn los?« Fast hätte ich die Frau in meinem Bett vergessen. Ich fluchte still und zog mir ein schwarzes T-Shirt über, das noch halbwegs sauber aussah.

»Ich muss los«, brummte ich.

»Was?«

Stirnrunzelnd sah ich sie an, während sie sich im Bett aufsetzte und die Decke vor ihre Brust zog. Sie war hübsch und hatte, soweit ich das erkennen konnte, einen schönen Körper. Ich fragte mich, was ich ihr alles erzählt hatte, um sie dazu zu bewegen, mit mir nach Hause zu gehen. Auf jeden Fall gab es Schlimmeres, als neben dieser Sorte Frau aufzuwachen.

»Ich muss weg. Ich habe eine Verabredung. Du musst also jetzt aufstehen und gehen. Normalerweise wäre mein Mitbewohner noch da, dann hättest du noch liegen bleiben können, doch wie du ja sicher mitbekommen hast, musste er zur Arbeit. Also solltest du jetzt sofort deinen kleinen Arsch in Bewegung setzen und hier verschwinden.«

Mit einem fassungslosen Ausdruck auf dem Gesicht starrte sie mich an. »Machst du Scherze?«

Über die Schulter hinweg warf ich ihr einen Blick zu, während ich meine Boots unter einem Haufen Schmutzwäsche hervorzog und meine Füße hineinsteckte. »Nein.«

»Was muss man für ein Arschloch sein, um sich so zu verhalten? Kein: ›Dankeschön für die letzte Nacht.‹ Kein: ›Du warst toll.‹ Kein: ›Wie wäre es mit einem gemeinsamen Mittagessen?‹ Einfach nur: ›Verpiss dich!‹?« Aufgebracht schlug sie die Decke zurück. Mir fiel auf, dass sie ein schönes Tattoo hatte, das sich auf einer Seite über ihre Rippen zog. Wahrscheinlich war das der einzige Grund gewesen, der mich – betrunken, wie ich gestern gewesen war – an ihr gereizt hatte. »Du bist echt ein Mistkerl, weißt du das?«

»Mistkerl« war noch untertrieben, aber das musste die Braut, die nur eine von sehr vielen war, ja nicht erfahren. Insgeheim verfluchte ich Nash. Mein Mitbewohner war echt cool. Wir waren seit der Grundschule die besten Freunde, und eigentlich konnte ich mich hundertprozentig darauf verlassen, dass er mir den Rücken freihielt, wenn ich sonntagmorgens so überstürzt verschwinden musste. Doch ich hatte schlichtweg vergessen, dass er heute noch eine seiner Arbeiten zu Ende bringen musste. Also war ich an diesem Morgen auf mich allein gestellt. Zuerst würde ich die Frau, die ich in der Nacht zuvor aufgerissen hatte, nach draußen komplimentieren und dann einen Zahn zulegen müssen, bevor die Kleine im Wagen noch ohne mich abfuhr. Die Situation bereitete mir mehr Kopfschmerzen, als ich im Moment vertragen konnte.

»Hey, wie heißt du überhaupt?« Ihre Stimmung schlug blitzartig von angepisst in fuchsteufelswild um. Sie streifte sich einen superkurzen schwarzen Rock und ein noch winzigeres Tanktop über. Dann strich sie sich mit den Fingern durch ihre blond gefärbte Mähne und fixierte mich mit einem zornigen Blick aus Augen, unter denen nach der Nacht ein Schatten verschmierter Wimperntusche lag.

»Ich heiße Lucy. Schon vergessen?« Ich gab gerade eine ansehnliche Menge Stylingschaum in meine Haare, damit es in alle Richtungen abstand. Schließlich sprühte ich mich mit Deo ein, um den Geruch von Sex und Schnaps zu übertönen, der mit Sicherheit noch an mir hing. Mit einem Achselzucken blickte ich sie an. Sie kam hüpfend auf mich zu, wobei sie sich umständlich einen ihrer High Heels anzog, die förmlich nach schmutzigem Sex schrien.

»Ich bin übrigens Rule.« Ich hätte ihr ja die Hand gereicht, aber das kam mir irgendwie komisch vor. Also zeigte ich nur auf die Wohnungstür und ging ins Badezimmer, um mir die Zähne zu putzen und den abgestandenen Geschmack von Whiskey loszuwerden. »In der Küche steht Kaffee. Du kannst mir ja deine Nummer aufschreiben, damit ich dich mal anrufen kann. Sonntags ist es bei mir immer etwas schwierig.« Sie würde niemals erfahren, wie wahr diese Bemerkung war.

Sie starrte mich böse an, wobei die Spitze ihres sexy Schuhs gereizt auf und ab wippte. »Du hast wirklich keine Ahnung mehr, wer ich bin, oder?«

Dieses Mal zog ich die Augenbrauen hoch, auch wenn mein Hirn laut »Nein!« schrie. Mit einem Mund voller Zahnpastaschaum blickte ich sie nur stumm an.

Unvermittelt schrie sie auf und zeigte auf ihre Seite. »Du musst dich doch wenigstens daran erinnern!«

Kein Wunder, dass mir ihr Tattoo so gut gefallen hatte – ich hatte es ihr irgendwann selbst gestochen. Ich spuckte die Zahnpasta ins Waschbecken und betrachtete mich im Spiegel. Ich sah richtig scheiße aus. Meine Augen wirkten glasig und waren rot gerändert, meine Haut war grau, und an meinem Hals entdeckte ich einen Knutschfleck in der Größe von Rhode Island. Mom würde begeistert sein, wenn sie mich so sah. Und auch die Frisur, die ich im Moment hatte, würde ihr ausgesprochen gut gefallen. Normalerweise hatte ich dichtes dunkles Haar, doch zurzeit trug ich die Seiten rasiert, und vorne hatte ich es in einem schönen leuchtenden Violett gefärbt. Das Haar stand hoch und sah aus, als hätte ich es mit einem Rasentrimmer gestaltet. Meine Eltern hatten ohnehin schon ein Problem mit den Tattoos, die sich über meine Arme hinauf bis zu meinem Hals zogen – die Frisur wäre das Tüpfelchen auf dem I. Allerdings konnte ich in der Kürze der Zeit sowieso nichts mehr an meinem Aussehen retten, also schlurfte ich aus dem Bad. Ich fasste die Kleine kurzerhand am Ellbogen und ging mit ihr zur Tür. Besser, ich würde mir für die Zukunft merken, dass es um einiges unkomplizierter wäre, mit zu den Frauen nach Hause zu gehen, statt sie mit zu mir zu nehmen.

»Hör mal, ich muss jetzt wirklich dringend los«, sagte ich und schloss die Wohnung hinter uns ab. »Mir gefällt das auch nicht besonders. Aber wenn du jetzt ausflippst und mir eine Szene machst, bringt das überhaupt nichts, es macht mich nur sauer. Ich hoffe, du hattest gestern Nacht ein bisschen Spaß. Du kannst mir, wie gesagt, deine Telefonnummer dalassen, doch wir wissen wohl beide, dass die Chancen, dass ich mich bei dir melde, gegen null gehen. Wenn du in Zukunft nicht mehr wie Dreck behandelt werden willst, solltest du vielleicht aufhören, mit betrunkenen Kerlen nach Hause zu gehen, die du nicht kennst. Glaube mir: Wir sind wirklich nur auf das Eine aus. Und am nächsten Morgen wünschen wir uns nichts mehr, als dass ihr euch möglichst leise verkrümelt. Ich habe mörderische Kopfschmerzen und das Gefühl, gleich kotzen zu müssen. Außerdem steht mir eine einstündige Autofahrt mit einer Frau bevor, die mich hasst und sich im Geiste meinen Tod ausmalt. Also, können wir uns das Theater sparen und einfach getrennte Wege gehen?«

Inzwischen hatte ich Lucy zum Vordereingang des Apartmentgebäudes bugsiert, in dem ich wohnte. Neben meinem Pick-up sah ich den BMW der Kleinen stehen. Ungeduldig wartete sie auf mich und würde wahrscheinlich losfahren, wenn ich noch mehr Zeit vergeudete. Ich warf Lucy ein schiefes Grinsen zu und zuckte mit den Schultern. Immerhin war es nicht ihre Schuld, dass ich ein Arschloch war. Sogar mir war klar, dass sie etwas Besseres als diese gleichgültige Abfuhr verdient hatte.

»Komm schon, mach dir nichts draus. Ich kann ganz charmant sein, wenn ich mich darauf konzentriere. Du bist ganz sicher nicht die Erste und wirst auch nicht die Letzte sein, die in dieser kleinen Show mitspielen muss. Ich freue mich, dass dein Tattoo so krass geworden ist. Es wär schön, wenn du mich deswegen in Erinnerung behältst und nicht wegen gestern Nacht.«

Dann rannte ich die Eingangsstufen hinunter, ohne mich noch einmal zu Lucy umzudrehen, und öffnete die Beifahrertür des schicken schwarzen BMW. Ich hasste diesen Wagen, und ich hasste es, dass er so gut zu seiner Besitzerin passte. »Elegant«, »gepflegt« und »teuer« waren Ausdrücke, die definitiv auch auf meine Reisebegleitung passten. Als wir vom Parkplatz herunterfuhren, brüllte Lucy mir irgendetwas hinterher und zeigte mir den Mittelfinger. Meine Beifahrerin rollte mit den Augen und murmelte leise: »Sehr stilvoll.« Sie war es gewohnt, die kleinen Szenen zu verfolgen, die die Frauen machten, wenn ich sie am nächsten Morgen aus der Wohnung warf. Einmal hatte ich sogar eine neue Windschutzscheibe für den BMW besorgen müssen, weil eine der Damen mit einem Stein nach mir geworfen und mich um Längen verfehlt hatte.

Ich rückte mit dem Sitz ein Stück zurück, um meine langen Beine ausstrecken zu können, und lehnte den Kopf an die Seitenscheibe. Es war immer eine lange Fahrt, auf der so gut wie nicht geredet wurde. An Tagen wie heute war ich nicht unglücklich darüber, an anderen Tagen zehrte es an meinen Nerven. Wir kannten uns seit der Mittelstufe und waren beide ein fester Bestandteil im Leben des anderen. Sie kannte meine Stärken und Schwächen sehr genau. Meine Eltern liebten sie wie eine Tochter und machten keinen Hehl daraus, dass sie ihre Anwesenheit weitaus angenehmer fanden als meine. Man hätte glauben können, dass es uns nach allem, was wir gemeinsam durchgemacht hatten – positiv wie negativ –, eigentlich leichtfallen müsste, ein bisschen Small Talk zu machen. Doch weit gefehlt.

»Du schmierst gerade den ganzen Mist, der in deinen Haaren klebt, an meine Scheibe.« Ihre Stimme passte nicht zu ihrer Erscheinung – sie klang nach Zigaretten und Whiskey, während sie wie Champagner und Seide aussah. Mir hatte ihre Stimme immer gefallen, und wenn wir ausnahmsweise mal gut miteinander auskamen, konnte ich ihr stundenlang zuhören.

»Ich werde später alles sorgfältig reinigen.«

Sie schnaubte verächtlich. Ich schloss die Augen und verschränkte die Arme vor der Brust. Es würde eine ruhige Fahrt werden – zumindest dachte ich das. Offensichtlich hatte sie jedoch einiges zu besprechen, denn als sie den Wagen auf den Highway lenkte, drehte sie das Radio leiser und sagte meinen Namen. »Rule.«

Ich wandte den Kopf ganz leicht zur Seite und öffnete ein Auge einen Spaltbreit. »Shaw.« Ihr Name war genauso schick und ausgefallen wie alles andere an ihr. Sie war blass, hatte weißblondes Haar, das an Schnee erinnerte, und große grüne Augen, die wie Granny-Smith-Äpfel aussahen. Obwohl sie eher zierlich und locker dreißig Zentimeter kleiner war als ich mit meinen gut eins neunzig, hatte sie sehr weibliche Kurven. Sie gehörte zu den Frauen, die die Männer unweigerlich anstarrten. Doch sobald sie ihnen einen kühlen Blick aus ihren grünen Augen zuwarf, wussten sie, dass sie keine Chance hatten. Im Gegensatz zu all den anderen Frauen, die »Komm und nimm mich!« auf der Stirn stehen zu haben schienen, verströmte sie Unnahbarkeit.

Sie stieß den Atem aus, und ich beobachtete, wie eine Strähne ihres hellen Haars vor ihrer Stirn flatterte. Aus den Augenwinkeln sah sie mich an. Ich bemerkte meine eigene Anspannung, als mir auffiel, wie fest sie das Lenkrad umklammert hielt.

»Was ist los, Shaw?«

Sie biss sich auf die Unterlippe – ein sicheres Zeichen dafür, wie nervös sie war. »Ich schätze, du hast in der letzten Woche nicht auf die Anrufe deiner Mutter reagiert?«

Ich hatte nicht gerade ein enges Verhältnis zu meinen Eltern. Genau genommen tolerierten wir uns gegenseitig einigermaßen. Deshalb schickte meine Mom auch jedes Wochenende Shaw vorbei, um mich abzuholen. Wir stammten beide aus einer Kleinstadt namens Brookside, die in einer wohlhabenden Gegend von Colorado liegt. Als ich meinen Abschluss in Händen gehalten hatte, war ich sofort nach Denver gezogen. Shaw war zwei Jahre jünger als ich und ebenfalls nach Denver gezogen, weil sie unbedingt auf die dortige Uni hatte gehen wollen. Das Mädchen sah nicht nur aus wie eine Fee aus einem Märchen, die Kleine studierte auch noch Medizin und wollte Ärztin werden. Meine Mom wusste, dass ich von allein niemals die zweistündige Autofahrt nach Brookside und zurück unternehmen würde, um sie am Wochenende zu besuchen. Aber wenn Shaw fuhr und mich abholte, hatte ich nicht nur ein schlechtes Gewissen, weil sie sich die Zeit nehmen musste, mich zu meinen Eltern zu bringen, ich hatte darüber hinaus auch keine Ausrede mehr, nicht hinzufahren. Shaw bezahlte das Benzin, wartete darauf, dass ich mich aus dem Bett schälte und meinen Arsch jeden Sonntag nach Hause bewegte, und hatte sich im Laufe der letzten zwei Jahre nicht einmal darüber beklagt.

»Nein, ich hatte in der letzten Woche zu viel zu tun.« Ich hatte tatsächlich viel zu tun gehabt, doch ich redete einfach auch nicht gern mit meiner Mutter, also hatte ich die drei Anrufe von ihr schlichtweg ignoriert.

Shaw seufzte und umklammerte das Lenkrad noch ein bisschen fester. »Sie wollte dich anrufen, um dir zu sagen, dass Rome verletzt worden ist und er deshalb sechs Wochen Heimaturlaub hat. Dein Dad ist gestern zur Militärbasis in Colorado Springs gefahren und hat ihn abgeholt.«

Ich setzte mich so abrupt auf, dass ich mit dem Kopf unsanft gegen das Autodach knallte. Ich fluchte laut und rieb über die schmerzende Stelle. Mein Schädel dröhnte jetzt noch schlimmer als ohnehin schon. »Was? Was genau meinst du damit, dass er verletzt worden ist?« Rome war mein großer Bruder. Er war drei Jahre älter als ich und hatte die vergangenen sechs Jahre größtenteils bei Einsätzen in Übersee verbracht. Wir hielten engen Kontakt, auch wenn es ihm ein Dorn im Auge war, wie distanziert das Verhältnis zwischen meinen Eltern und mir geworden war. Wenn er verletzt worden wäre, dann hätte er es mir sicherlich selbst erzählt.

»Ich bin mir nicht sicher. Margot hat mir gesagt, dass irgendetwas mit dem Konvoi passiert sei, mit dem er auf Patrouille gewesen ist. Ich glaube, er war in einen ziemlich heftigen Unfall verwickelt. Sie meinte, dass sein Arm und ein paar seiner Rippen gebrochen seien. Sie war allerdings sehr aufgeregt, und ich konnte sie nicht so genau verstehen.«

»Rome hätte mich angerufen.«

»Rome stand zuerst unter Schmerzmitteln und musste in den letzten zwei Tagen dann umfassend Bericht erstatten. Er hat eure Mutter gebeten, dich anzurufen. Ihr Archer-Jungs seid ja so stur. Margot war der Meinung, dass du nicht abnehmen würdest, wenn du ihre Nummer im Display sehen würdest, aber er hat darauf bestanden, dass sie es weiterhin versuchen solle.«

Mein Bruder war bei einem Unfall verletzt worden und jetzt zu Hause. Und ich wusste nichts davon. Wieder schloss ich die Augen und ließ meinen Kopf gegen die Rückenlehne sinken. »Tja, das sind ja tolle Neuigkeiten«, brummte ich. »Sag mal, willst du eigentlich auch bei deiner Mom vorbeischauen?«, fragte ich sie. Ich musste sie nicht ansehen, um zu spüren, wie sie sich noch ein wenig mehr verspannte. Ich konnte diese Anspannung, die wie eisige Wellen von ihr ausging, praktisch mit Händen greifen.

»Nein.« Das war alles, was sie dazu sagte, und das überraschte mich nicht. Bei den Archers ging es vielleicht nicht besonders kuschelig und warmherzig zu, doch gegen die Landons verblassten selbst wir. Shaws Familie stank vor Geld, Gold und sonstigen Reichtümern. Sie logen und betrogen. Shaws Eltern waren geschieden und hatten wieder geheiratet. Nach allem, was ich im Laufe der Jahre mitbekommen hatte, war das Interesse der beiden an ihrer leiblichen Tochter gleich null, sie schien eher durch eine Vereinigung von Steuerformularen als in einem Schlafzimmer entstanden zu sein. Ich wusste, dass Shaw mein Zuhause liebte, dass sie meine Eltern liebte, weil es die einzige Form von Normalität war, die sie je erlebt hatte. Ich gönnte ihr das. Wenn ich ehrlich war, war ich sogar dankbar dafür, dass sie mich durch ihre Anwesenheit aus der Schusslinie meiner Eltern holte. Wenn Shaw im Studium Erfolg hatte, einen wohlhabenden Studenten datete und das Leben führte, das meine Eltern sich für ihre Söhne gewünscht hatten – leider vergeblich –, dann gingen sie wenigstens nicht mir auf den Wecker. Da Rome für gewöhnlich am anderen Ende der Welt weilte, war ich der Einzige, dem meine Eltern auf die Nerven gehen konnten, und von daher schämte ich mich nicht, Shaw als Puffer zu benutzen.

»Mann, ich habe seit drei Monaten nicht mehr mit Rome gesprochen. Es ist toll, ihn endlich wiederzusehen. Ob ich ihn überreden kann, ein paar Tage mit Nash und mir in Denver zu verbringen? Bestimmt kann er ein bisschen Spaß vertragen.«

Wieder seufzte sie und stellte das Radio ein bisschen lauter. »Du bist zweiundzwanzig, Rule. Wann hörst du endlich auf, dich wie ein Teenager zu benehmen? Hast du die Kleine überhaupt nach ihrem Namen gefragt? Und falls es dich interessiert: Du riechst wie eine Mischung aus Schnapsbrennerei und Stripclub.«

Ich schnaubte und schloss die Augen. »Du bist neunzehn, Shaw. Wann wirst du endlich aufhören, es allen anderen recht machen zu wollen? Meine zweiundachtzigjährige Großmutter hat mehr gesellschaftliche Verpflichtungen als du, und ich glaube, sie ist ganz sicher nicht so verklemmt wie du.« Ich würde ihr nicht sagen, wie sie duftete, denn es war ein süßer, reizender Duft, und ich hatte im Augenblick nicht vor, nett zu ihr zu sein.

Ich konnte ihren wütenden Blick spüren und verbarg ein Grinsen. »Ich mag Ethel.« Ihr Ton war mürrisch.

»Alle mögen Ethel. Sie ist quirlig und lässt sich von niemandem irgendetwas vorschreiben. Du könntest dir von ihr die eine oder andere Scheibe abschneiden.«

»Oh, vielleicht sollte ich mir einfach das Haar pink färben, jeden sichtbaren Zentimeter meines Körpers tätowieren lassen, mir Unmengen Metall ins Gesicht schrauben und mit jedem schlafen, der nicht bei drei auf den Bäumen ist. Das ist doch deine Vorstellung von einem reichen und erfüllten Leben?«

Bei diesen Worten riss ich die Augen auf, und mein Kopf dankte es mir mit einem stechenden Schmerz.

»Zumindest tue ich das, was ich will. Ich weiß, wer und was ich bin, Shaw, und ich entschuldige mich nicht dafür. Und im Moment höre ich da Margot Archer durch deinen hübschen kleinen Mund sprechen.«

Sie zog die Mundwinkel herunter, und ihr Blick verfinsterte sich. »Wie auch immer. Wir sollten uns jetzt einfach wieder ignorieren. Ich dachte nur, du solltest über Rome Bescheid wissen. Die Archer-Jungs konnten noch nie gut mit Überraschungen umgehen.«

Sie hatte recht. Nach allem, was ich so erlebt hatte, brachten Überraschungen nie etwas Gutes, sondern endeten damit, dass einer sauer war. Und für mich endeten sie meistens mit einem Streit. Ich liebte meinen Bruder, aber ich musste zugeben, dass ich mich irgendwie darüber ärgerte, dass er es erstens nicht für nötig befunden hatte, mir mitzuteilen, dass er einen Unfall gehabt hatte, und dass er mich zweitens noch immer dazu zwingen wollte, mich mit unseren Eltern zu vertragen. Wahrscheinlich war ihr Vorschlag, den Rest der Fahrt über zu schweigen, gar nicht so verkehrt. Also rutschte ich auf dem Beifahrersitz so weit nach unten, wie der kleine Sportwagen es zuließ, und döste ein. Es waren gerade zwanzig Minuten vergangen, als ihr Handy eine Melodie von The Civil Wars spielte. Ich schreckte auf, blinzelte verschlafen und strich mir über die Stoppeln in meinem Gesicht. Wenn meine Frisur Mom schon wütend machen würde, dann würde die Tatsache, dass ich zu beschäftigt gewesen war, um mich für ihren heiß geliebten Brunch zu rasieren, sie erst recht in den Wahnsinn treiben.

»Nein. Ich habe dir gesagt, dass ich nach Brookside fahre und erst spät wieder zurück bin.« Ich warf ihr einen Blick zu. Sie musste es bemerkt haben, denn sie erwiderte ihn kurz. Mir entging nicht, dass sie ganz leicht errötete. »Nein, Gabe, ich habe dir gesagt, dass ich keine Zeit habe, weil ich im Labor bin.« Ich konnte die Worte nicht verstehen, doch wer auch immer am anderen Ende war, klang erbost über ihre Abfuhr. Ich sah, wie sie das Handy fester umklammerte. »Das geht dich überhaupt nichts an. Ich muss jetzt Schluss machen. Wir reden später.« Sie wischte über das Display und steckte das schicke Gerät zurück in den Halter oberhalb meines Knies.

»Ärger im Paradies?« Eigentlich waren mir Shaw und ihr reicher Freund, der später bestimmt mal Herrscher über das Universum werden würde, herzlich egal. Aber es war nur höflich, nachzufragen, wenn sie so aufgewühlt war. Ich hatte Gabe nie persönlich kennengelernt, doch nach allem, was ich von Mom gehört hatte – wenn ich mir mal die Mühe machte, ihr zuzuhören –, passte er genau zur zukünftigen Frau Doktor. Seine Familie war genauso reich wie ihre, und sein Dad war Richter oder Anwalt oder machte irgendetwas mit Politik, womit ich nichts anfangen konnte. Ich war mir hundertprozentig sicher, dass der Typ Bundfaltenhosen, pinkfarbene Polohemden und weiße Slipper trug. Es sah erst nicht so aus, als würde Shaw mir antworten wollen. Doch dann räusperte sie sich und trommelte mit ihren manikürten Fingern aufs Lenkrad.

»Genau genommen nicht. Wir haben uns getrennt. Nur scheint Gabe das irgendwie nicht zu begreifen.«

»Echt?«

»Ja. Vor zwei Wochen schon. Ich habe schon länger mit dem Gedanken gespielt, die Beziehung zu beenden. Ich bin im Moment einfach mit dem Studium und der Arbeit zu beschäftigt, um einen Freund zu haben.«

»Wenn er der Richtige gewesen wäre, würdest du nicht so denken. Du hättest dir die Zeit einfach genommen.«

Sie sah mich mit hochgezogenen Augenbrauen an. »Aha, der größte Weiberheld des Jahrhunderts will mir also Beziehungstipps geben.«

Ich verdrehte die Augen, und wieder protestierte mein Kopf. »Dass es bisher keine Frau gegeben hat, mit der ich mir etwas Ernstes hätte vorstellen können, bedeutet nicht, dass ich den Unterschied zwischen Qualität und Quantität nicht kenne.«

»Gut, dass du’s sagst. Gabe wünschte sich mehr, als ich ihm geben wollte. Es ist schwierig, weil meine Eltern ihn so mochten.«

»Stimmt. Nach allem, was ich gehört habe, hat er doch wie die Faust aufs Auge zu dir gepasst. Was meinst du damit, dass er sich mehr gewünscht hat, als du geben wolltest? Hat er versucht, dir nach nur sechs Monaten einen Ring an den Finger zu stecken?«

Sie sah mich an und verzog die Lippen zu einem spöttischen Lächeln. »Ganz falsch. Er wollte, dass unsere Beziehung sich ernsthafter gestaltete, als mir lieb war.«

Ich lachte leise und rieb mir die Nasenwurzel. Meine Kopfschmerzen waren zu einem dumpfen Pochen abgeklungen und wurden allmählich erträglich. Ich musste Shaw bitten, bei Starbucks zu halten, wenn ich diesen Nachmittag überstehen wollte.

»Ist das deine Art, mir mitzuteilen, dass er mit dir ins Bett wollte und du nicht?«

Wortlos verengte sie die Augen zu schmalen Schlitzen und nahm die Abfahrt, die nach Brookside führte.

»Du müsstest bei Starbucks halten, bevor wir zu meinen Eltern fahren. Und glaubst du, mir wäre nicht aufgefallen, dass du meine Frage nicht beantwortet hast?«

»Wenn wir jetzt noch bei Starbucks halten, kommen wir ganz sicher zu spät. Und nicht jeder Kerl denkt mit seinem Schwanz.«

»Der Himmel wird uns schon nicht auf den Kopf fallen, wenn wir mal fünf Minuten später kommen, als Margot es vorgesehen hat. Ist das dein Ernst? Du hast den Loser sechs Monate lang hingehalten, ohne ihn ranzulassen?« Ich lachte auf. Ich lachte so laut, dass ich meinen Kopf mit beiden Händen festhalten musste, weil mein mit Whiskey umnebeltes Hirn wieder anfing, Alarm zu schlagen. Ich rang nach Luft und sah Shaw mit Lachtränen in den Augen an. »Wenn du wirklich glaubst, dass ich dir das abnehme, bist du doch nicht so schlau, wie ich immer gedacht habe. Jeder Kerl unter neunzig würde versuchen, dich ins Bett zu bekommen, Shaw. Und ganz besonders der Kerl, der der Meinung ist, dein Freund zu sein. Ich bin ein Mann, ich weiß, wovon ich rede.«

Wieder biss sie sich auf die Unterlippe und kam offenbar zu dem Schluss, dass ich recht haben könnte. Sie lenkte den Wagen auf den Parkplatz des Coffeeshops. Ich sprang sofort aus dem Auto, um endlich meine Beine ausstrecken zu können und ein bisschen Abstand zu Shaw und ihrer typisch überheblichen Art zu bekommen. Als ich den Coffeeshop betrat, stand eine Warteschlange am Tresen. Ich schaute mich nach einem bekannten Gesicht um. Brookside war eine kleine Stadt, und wenn ich am Wochenende hier war, traf ich unweigerlich auf jemanden, mit dem ich mal zur Schule gegangen war oder so. Ich hatte Shaw gar nicht gefragt, ob ich ihr etwas mitbringen sollte, da sie sowieso schon sauer war, dass wir anhalten mussten. Als ich fast an der Reihe war, spielte das Handy in meiner Hosentasche einen Song von Social Distortion. Nachdem ich einen großen schwarzen Kaffee bestellt hatte, zog ich das Telefon aus der Hosentasche und stellte mich an die Theke, um auf meine Bestellung zu warten. Neben mir stand eine süße Brünette, die ihr Bestes gab, um mich möglichst unauffällig abzuchecken.

»Was gibt’s?«

Ich hörte die Musik, die im Laden lief, im Hintergrund plärren, als Nash fragte: »Wie ist es heute Morgen gelaufen?«

Nash kannte meine Fehler und schlechten Angewohnheiten besser als jeder andere. Er verurteilte mich niemals, was der Grund dafür war, dass unsere Freundschaft so lange hielt.

»Scheiße lief’s. Ich habe einen Kater, bin richtig schlecht drauf und werde schon wieder gezwungen, an einem dieser Familientreffen teilzunehmen. Und außerdem ist Shaw heute in ausgesprochen guter Form.«

»Wie war die Kleine von gestern Nacht?«

»Keine Ahnung. Ich kann mich noch nicht einmal daran erinnern, dass ich die Bar mit ihr zusammen verlassen habe. Offensichtlich habe ich ihr irgendwann mal ein riesiges Tattoo gestochen, und sie war sauer, weil ich mich nicht an sie erinnern konnte.«

Nash lachte leise. »Sie hat dir das gestern Abend bestimmt sechs Mal gesagt. Sie wollte sich sogar in aller Öffentlichkeit das Top ausziehen, um dir das Tattoo zu zeigen. Und ich habe deinen besoffenen Hintern nach Hause gefahren. Ich wollte dich schon um Mitternacht dazu bewegen, nach Hause zu gehen, aber du wolltest wie immer nichts davon wissen.«

Ich schnaubte und griff nach meinem Kaffee, als der Typ hinter dem Tresen meinen Namen nannte. Mir fiel auf, dass die Brünette genau beobachtete, wie sich meine Hand um den Pappbecher schloss. Auf der Hand prangte der drohend gespreizte Kopf einer Königskobra. Der Rest der Schlange zog sich über meinen Unterarm und um den Ellbogen. Die gespaltene Zunge der Kobra formte auf meinem Ringfinger das L in meinem Namen, der auf meine Fingerknöchel tätowiert war. Überrascht formte sie mit den Lippen ein stummes »Oh!«, und ich zwinkerte ihr zu. Mit dem Kaffee in der Hand verließ ich den Coffeeshop und ging zurück zum BMW.

»Tut mir leid, Kumpel. Wie war dein Termin?«

Nashs Onkel Phil hatte das Tattoo-Studio vor Jahren in Capitol Hill eröffnet. Vor allem Gangmitglieder und Biker waren seine Kunden gewesen. Seit die Gegend von jungen Städtern und Hipstern entdeckt worden war, war The Marked eines der angesagtesten Tattoo-Studios der Stadt. Nash und ich hatten uns in der fünften Klasse im Kunst-Kurs kennengelernt und waren seitdem unzertrennlich. Seit wir zwölf waren, wollten wir in die Stadt ziehen und für Phil arbeiten. Wir waren beide talentiert und hatten die Persönlichkeit, um den Laden richtig zum Laufen zu bringen. Deshalb hatte Phil keine Bedenken gehabt, uns auszubilden und einen Job zu geben, als wir noch keine zwanzig waren. Es war super, einen Freund mit demselben Job zu haben. Ich hatte jede Menge Tätowierungen auf meiner Haut, gelungene und weniger gelungene – sie zeigten, dass Nash im Laufe der Zeit immer besser und besser geworden war. Und dasselbe konnte er über mich sagen.

»Ich habe die Rückentätowierung fertig gemacht, an der ich seit Juli gearbeitet habe. Es ist besser gelaufen, als ich gedacht hätte, und der Typ spricht schon davon, sich auch die Vorderseite machen zu lassen. Das übernehme ich, er gibt verdammt viel Trinkgeld.«

»Schön.« Ich jonglierte mit dem Handy in der einen und dem Kaffee in der anderen Hand und versuchte gleichzeitig, irgendwie die Autotür zu öffnen, als ich plötzlich eine weibliche Stimme hörte.

»Hey.« Ich warf einen Blick über die Schulter. Die Brünette stand lächelnd neben ihrem Wagen, direkt neben Shaws BMW. »Mir gefallen deine Tattoos.«

Ich erwiderte ihr Lächeln und machte einen Satz zurück, als Shaw die Tür von innen aufmachte, sodass mir fast der kochend heiße Kaffee über die Hose geschwappt wäre.

»Danke.« Wären wir nicht so weit weg von zu Hause gewesen und hätte Shaw nicht schon den Rückwärtsgang eingelegt, hätte ich mir die Zeit genommen, das Mädchen nach seiner Telefonnummer zu fragen. So nickte ich ihr nur zu und stieg in den Wagen. Shaw warf mir einen verächtlichen Blick zu, den ich ignorierte. Ich widmete mich wieder meinem Telefonat mit Nash. »Rome ist zu Hause. Er hatte einen Unfall, und Shaw hat erzählt, dass er ein paar Wochen Heimaturlaub bekommen hat. Ich schätze, dass Mom deshalb die ganze Woche über ständig angerufen hat.«

»Super. Frag ihn, ob er Lust hat, ein paar Tage mit uns abzuhängen. Ich vermisse den bekloppten Idioten.«

Ich nippte an meinem Kaffee, und endlich ließen die Schmerzen in meinem Kopf nach. »Das hatte ich vor. Ich rufe dich auf dem Rückweg an und erzähle dir, was los ist.«

Ich strich mit dem Daumen über das Display und beendete das Gespräch. Dann machte ich es mir auf dem Beifahrersitz bequem. Shaw funkelte mich wütend an. Ich hätte schwören können, dass ihre Augen glühten. Ganz ehrlich, ich hatte noch nie solch ein Grün gesehen. Wenn Shaw wütend wurde, wirkten ihre Augen einfach übernatürlich.

»Deine Mom hat angerufen, als du gerade damit beschäftigt warst, mit der Kleinen zu flirten. Sie ist sauer, weil wir zu spät sind.«

Ich nahm noch einen Schluck von dem schwarzen Nektar der Götter und trommelte mit meiner freien Hand im Takt auf mein Knie. Schon immer war ich ein unruhiger Mensch gewesen, und je näher wir dem Haus meiner Eltern kamen, desto schlimmer wurde diese Unruhe. Der Brunch bei meiner Mutter lief immer gestelzt und gezwungen ab. Ich verstand nicht, warum sie sich das jede Woche wieder antaten. Und ich verstand nicht, warum Shaw dieses Theater unterstützte. Dennoch ging ich jede Woche hin, auch wenn mir klar war, dass sich nichts ändern würde.

»Sie ist sauer, weil du zu spät bist. Wir wissen beide, dass es ihr vollkommen egal ist, ob ich dabei bin oder nicht.« Meine Finger trommelten schneller und schneller, während Shaw den Wagen in eine bewachte Wohnanlage lenkte. Wir kamen an Reihen von völlig identischen Häusern vorbei, die sich an die Berghänge schmiegten.

»Das ist nicht wahr, und das weißt du auch, Rule. Ich quäle mich nicht jedes Wochenende durch diese Autofahrten und ertrage freiwillig deine Gemeinheiten am Morgen danach, weil deine Eltern gern möchten, dass ich mit ihnen sonntags Eier und Pfannkuchen esse. Ich tue es, weil sie dich sehen wollen, weil sie versuchen, eine Beziehung zu dir aufzubauen, auch wenn du sie noch so oft verletzt und von dir stößt. Ich schulde es deinen Eltern. Und was noch wichtiger ist: Ich schulde Remy zumindest den Versuch, dich dazu zu bewegen, dass du dich korrekt verhältst – auch wenn das weiß Gott ein Fulltime-Job ist.«

Ich atmete scharf ein, als sich der furchtbare Schmerz, der mich immer überfiel, wenn jemand Remys Namen nannte, in meiner Brust ausbreitete. Unwillkürlich öffneten und schlossen sich meine Finger um den Kaffeebecher, und ich drehte den Kopf, um Shaw anzufunkeln.

»Remy hätte niemals so ein Riesentheater gemacht, um mich zu einem Menschen zu machen, der ich nicht bin. Für die beiden war ich nie gut genug und werde es auch nie sein. Er hat das besser gewusst als jeder andere und hat sich immer angestrengt, all das für sie zu sein, was ich nie sein konnte.«

Sie seufzte und parkte den Wagen auf der Auffahrt hinter dem SUV meines Vaters. »Der einzige Unterschied zwischen dir und Remy ist, dass er zugelassen hat, dass Menschen ihn liebten. Und du …« Sie stieß die Fahrertür auf und funkelte mich über die Mittelkonsole hinweg an. »Du wolltest immer, dass jeder, der etwas um dich gab, dir das bewies, bis auch der letzte Zweifel ausgeräumt war. Du wolltest nie, dass es leicht ist, dich zu lieben, Rule. Und du sorgst verdammt gut dafür, dass niemand das je vergisst.« Sie stieg aus und warf die Tür so heftig zu, dass mir die Zähne klapperten und meine Kopfschmerzen mit einem Schlag wieder zurück waren.

Es war drei Jahre her, drei einsame, leere, traurige Jahre, seit aus den Archer-Brüdern, die einmal ein Trio gewesen waren, ein Duo geworden war. Ich stand Rome nahe – er war toll und immer mein Vorbild gewesen, wenn es darum ging, cool und hart zu sein. Doch Remy war meine andere Hälfte gewesen. Buchstäblich. Er war mein Zwillingsbruder gewesen, das Licht in meinem Dunkel, die Leichtigkeit in meiner Härte, die Freude in meiner Angst, die Perfektion in meinem totalen Chaos. Ohne ihn war ich unvollständig. Drei Jahre waren vergangen, seit ich ihn mitten in der Nacht angerufen hatte, um ihn zu bitten, mich von irgendeiner lahmen Party abzuholen, weil ich zu betrunken gewesen war, um selbst zu fahren. Drei Jahre waren vergangen, seit er, ohne weitere Fragen zu stellen, die Wohnung verließ, die wir gemeinsam bewohnt hatten, um mich abzuholen.

Drei Jahre waren vergangen, seit er auf der regennassen, glatten I-25 die Kontrolle über seinen Wagen verloren hatte und mit knapp einhundertdreißig Kilometern pro Stunde in das Heck eines Sattelschleppers gerast war. Drei Jahre waren vergangen, seit wir meinen Zwillingsbruder beerdigt hatten und meine Mutter mich am offenen Grab mit Tränen in den Augen angesehen und gesagt hatte: »Du hättest dort liegen sollen.« Drei Jahre waren vergangen, und noch immer zog es mir die Beine unter dem Körper weg, wenn ich seinen Namen hörte – vor allem aus dem Mund der Person, die Remy genauso sehr geliebt hatte, wie er mich geliebt hatte.

Remy war all das gewesen, was ich nie gewesen war – adrett, gut gekleidet und mit dem Ziel vor Augen, eine Ausbildung zu machen und sich eine gute, sichere Zukunft aufzubauen. Der einzige Mensch auf der Welt, der gut genug für meinen einzigartigen Bruder Remy gewesen war, war Shaw Landon. Die beiden waren unzertrennlich gewesen, seit er sie zum ersten Mal mit nach Hause gebracht hatte. Damals war sie vierzehn Jahre alt gewesen und hatte der Enge ihres goldenen Käfigs, den ihre Familie ihr geschaffen hatte, entfliehen wollen. Er hatte immer darauf beharrt, dass sie nur Freunde seien, dass er Shaw wie eine Schwester liebe und dass er sie vor ihrer schrecklichen, kalten Familie beschützen wolle. Aber aus seinem Umgang mit ihr hatten immer Ehrfurcht und Fürsorge gesprochen. Ich wusste, dass er sie geliebt hatte. Und da immer alle Remy vertraut hatten, war Shaw schnell ein »Ehrenmitglied« unserer Familie geworden. Auch wenn ich es nicht gern zugab, so war sie die Einzige, die wirklich verstehen konnte, wie tief mein Schmerz darüber war, meinen Bruder verloren zu haben.

Ich musste mich erst ein paar Minuten sammeln. Bedächtig trank ich meinen Kaffee aus, dann öffnete ich die Beifahrertür. Als ich mich aus dem Sportwagen schälte, war ich nicht überrascht, eine hochgewachsene Gestalt zu erblicken, die um den SUV herumkam. Mein Bruder war ein paar Zentimeter größer als ich und hatte die Figur eines Kämpfers. Sein dunkelbraunes Haar trug er militärisch kurz. In seinen Augen, die von demselben Eisblau waren wie meine, sah ich seine Erschöpfung, als er mich matt anlächelte. Ich pfiff leise, als ich bemerkte, dass er seinen linken, eingegipsten Arm in einer Schlinge trug. Außerdem trug er am Fuß eine Orthese. Eine frische Narbe, bei der die Fäden noch nicht gezogen worden waren, zog sich durch eine seiner Augenbrauen quer über seine Stirn. Der Rasentrimmer, der schon für meine Frisur verantwortlich gewesen war, hatte offensichtlich auch vor meinem großen Bruder nicht haltgemacht.

»Du siehst gut aus, Soldat.«

Er umarmte mich mit dem gesunden Arm. Unwillkürlich zuckte ich zusammen, als ich die Bandage um seine gebrochenen Rippen spürte. »Ich sehe so gut aus, wie ich mich fühle. Du hast ausgesehen wie ein Clown, als du gerade ausgestiegen bist.«

»Ich sehe in Gegenwart dieser Frau immer aus wie ein Clown.«

Rome lachte und wuschelte mir durch das stachelig gestylte Haar. »Ihr benehmt euch immer noch wie Todfeinde?«

»Eher wie entfernte Bekannte. Sie ist so zimperlich und voreingenommen wie immer. Warum hast du mir nicht am Telefon oder per E-Mail Bescheid gegeben, dass du einen Unfall hattest? Ich musste es auf der Fahrt hierher von ihr erfahren.«

Er fluchte, als wir uns langsam auf den Weg ins Haus machten. Es brachte mich aus der Fassung, wie vorsichtig er sich bewegte. Ich fragte mich, ob er neben den sichtbaren Verletzungen vielleicht noch etwas Schlimmeres hatte.

»Ich war bewusstlos, nachdem der Hummer sich überschlagen hatte. Wir sind über eine Mine gefahren. Es war furchtbar. Eine Woche lang lag ich mit einer schweren Gehirnerschütterung im Krankenhaus, die meiste Zeit war ich bewusstlos. Als ich wieder zu mir kam, mussten sie mich an der Schulter operieren. Deshalb stand ich die ganze Zeit unter Medikamenten. Ich habe Mom angerufen und gedacht, sie würde dich anrufen und dir erklären, was passiert ist. Ich habe allerdings gehört, dass du – wieder mal – nicht abgenommen hast, als sie versucht hat, dich zu erreichen.«

Ich zuckte mit den Achseln und fasste ihn am Ellbogen, als er an der Treppe zur Eingangstür ein bisschen ins Wanken geriet. »Ich hatte viel zu tun.«

»Du bist so verdammt stur.«

»So stur nun auch wieder nicht – immerhin bin ich ja hier, oder etwa nicht? Ich wusste bis vor einer Viertelstunde nicht mal, dass du zu Hause bist.«

»Der einzige Grund, warum du hier bist, ist die Kleine. Sie ist wild entschlossen, die Familie zusammenzuhalten, auch wenn es nicht ihre eigene ist. Du gehst da jetzt rein und benimmst dich. Ansonsten trete ich dir in den Hintern – gebrochener Arm hin oder her.«

Ich brummte ein paar nicht ganz jugendfreie Schimpfwörter vor mich hin und folgte meinem verletzten Bruder ins Haus. Sonntage zählten wirklich nicht gerade zu meinen Lieblingstagen.

2. Kapitel

Shaw

Leise schloss ich die Badezimmertür hinter mir und verriegelte sie. Ich lehnte mich ans Waschbecken und fuhr mir mit zittrigen Händen über das Gesicht. Jeden Sonntag wurde es schwieriger und schwieriger, bei diesen Familienzusammenkünften Rules Anstandsdame zu spielen. Ich würde ein Magengeschwür bekommen. Wenn ich ihn noch einmal mit einem seiner fürchterlichen Betthäschen erwischte, würde ich wahrscheinlich einen Mord begehen. Ich drehte mich um, um mir kaltes Wasser ins Gesicht zu spritzen. Vorsichtig nahm ich mein langes blondes Haar im Nacken zusammen. Ich musste mich zusammenreißen, denn ich wollte nicht, dass Margot, Dale oder Rome bemerkten, dass irgendetwas nicht stimmte – Rome war selbst unter dem Einfluss von Schmerzmitteln der aufmerksamste Mensch, den ich kannte. Ihm entging nichts, wenn es um seine Brüder und damit auch um mich ging, da ich praktisch zu seiner kleinen Ersatzschwester geworden war.

Es wurde schwieriger und schwieriger, Zeit in Rules Gegenwart zu verbringen. Sicher lag es daran, dass sein Anblick mich an all das erinnerte, was ich nicht mehr hatte – ein Problem, mit dem auch Margot und Dale kämpften, worum sich dieser unsensible Arsch jedoch einen Scheiß kümmerte. Aber am meisten machte mir zu schaffen, dass Rule extrem kompliziert war. Er war dreist, hatte eine große Klappe, war leichtsinnig, gedankenlos, oft schlecht gelaunt und im Großen und Ganzen eine ziemliche Nervensäge. Doch wenn er wollte, war er charmant und lustig, ein talentierter Künstler und oft der interessanteste Mensch in einem Raum. Seit meinem vierzehnten Lebensjahr war ich bis über beide Ohren in diese zwei Seiten von ihm verliebt. Natürlich hatte ich auch Remy geliebt. Ich hatte ihn wie einen Bruder geliebt, wie den besten Freund und den vollendeten Beschützer, der er gewesen war. Aber Rule liebte ich, als wäre es der Sinn meines Lebens. Ich liebte ihn, als wäre es unvermeidlich. Es schien fast so, als könnte ich nichts dagegen tun, auch wenn mir noch so oft vor Augen geführt wurde, was für eine schlechte Idee das war, wie wenig wir zusammenpassten und was für ein kaltherziges Arschloch er war. Also brach mir jedes Mal das Herz, wenn mir wieder mal klar wurde, dass ich für ihn nicht mehr als eine Mitfahrgelegenheit war.

Meine eigene Familie war so kaputt, dass ich wohl niemals der Mensch geworden wäre, der ich war, wenn es die Archers nicht gegeben hätte. Remy hatte mich unter seine Fittiche genommen, als ich ein einsamer Teenie ohne Freunde gewesen war. Rome hatte gedroht, den ersten Jungen, der mich zum Weinen bringen würde, weil er meine Liebe nicht erwiderte, zu verprügeln. Margot war mit mir für die Schulbälle einkaufen gegangen, weil meine eigene Mutter zu beschäftigt mit ihrem neuen Mann gewesen war. Dale war mit mir zur University of Denver und zur University of Colorado Boulder gefahren und hatte mir geholfen, eine vernünftige, rationale Entscheidung bei der Auswahl des Colleges zu treffen. Und Rule, tja, Rule hatte mich stets daran erinnert, dass Geld nicht alle Wünsche erfüllen konnte und dass es vergebene Liebesmüh war, zu versuchen, es allen recht machen und so perfekt wie nur möglich sein zu wollen, da das sowieso unmöglich war.

Ich stieß den Atem aus, den ich eine gefühlte Stunde lang angehalten hatte, und nahm ein Kosmetiktuch, um die dunklen Spuren der Wimperntusche unter meinen Augen zu entfernen. Wenn ich nicht bald zurück ins Esszimmer ging, würde Margot kommen, um nach mir zu sehen. Und ich hatte gerade keine überzeugende Ausrede, warum ich im Badezimmer stand und die Nerven verlor. Ich holte ein Zopfgummi aus meiner Tasche und band meine Haare zu einem tief sitzenden Pferdeschwanz zusammen. Behutsam trug ich Lipgloss auf. Während ich mich im Spiegel betrachtete, gab ich mir die größte Mühe, mich selbst zu ermutigen und aufzurichten. Immerhin hatte ich das alles schon zahllose Sonntage überstanden. Dies war ein Tag wie jeder andere. Ich wollte gerade in den Flur hinaustreten, als mein Handy klingelte. Mühsam unterdrückte ich ein Stöhnen, als ich sah, dass es wieder Gabe war, der mich anrief. Ich leitete den Anruf auf die Mailbox um und fragte mich zum x-ten Mal in den vergangenen Monaten, warum ich überhaupt Zeit in diesen aufgeblasenen Arsch investiert hatte. Er war überaus eingebildet, habgierig, extrem oberflächlich und vor allem an meinem Nachnamen und am Vermögen meiner Eltern interessiert.

Ich hatte ihn gar nicht treffen wollen, hatte überhaupt keinen Mann daten wollen, doch meine Eltern hatten mir keine andere Wahl gelassen. Wie immer war ich unter dem Druck, den sie ausgeübt hatten, irgendwann eingeknickt und hatte mich bereit erklärt, Zeit mit ihm zu verbringen. Ich hatte es länger mit ihm ausgehalten, als ich gedacht hätte, schließlich war Gabe mehr mit sich selbst beschäftigt als mit mir. Erst als er auf Sex gedrängt, mich begrapscht und an Stellen berührt hatte, an denen ich von ihm nicht hatte berührt werden wollen, hatte ich die Reißleine gezogen und Schluss gemacht. Unglücklicherweise schienen jedoch weder er noch meine Eltern das begriffen zu haben. Und so war ich im Laufe der vergangenen zwei Wochen mit Telefonanrufen, Nachrichten und E-Mails bombardiert worden. Gabe konnte ich leicht aus dem Weg gehen – meiner Mutter dagegen nicht.

Ich steckte gerade das Handy wieder ein, als eine ruhige Stimme erklang. »Was ist los mit dir, meine Kleine? Ich war über achtzehn Monate weg und bekomme nur eine kurze Umarmung und einen flüchtigen Kuss auf die Wange, und dann verschwindest du? Wo sind die Tränen, wo sind die hysterischen Anfälle, weil ich gesund und munter wieder zu Hause bin? Was geht in deinem Kopf vor? Und mach mir nichts vor – ich weiß, dass dort etwas vorgeht.«

Ich lachte unsicher und lehnte meinen Kopf an seine starke Brust. Trotz seiner Verletzungen war Rome noch immer der Typ, der sich schützend vor die Menschen stellte, die er liebte. Er streichelte mir über den Kopf und legte die Hand in meinen Nacken. »Ich habe dein hübsches Gesicht vermisst, Shaw. Du ahnst nicht, wie gut es tut, endlich wieder zu Hause zu sein.«

Ich erschauerte und schlang den Arm um seine Taille, um ihn zu drücken, ohne ihm wehzutun. »Ich habe dich auch vermisst, Rome. Ich bin nur genervt und gestresst. In der Uni ist viel zu tun, ich arbeite drei oder vier Abende in der Woche, und meine Eltern bedrängen mich noch immer wegen des Kerls, mit dem ich neulich Schluss gemacht habe. Du weißt doch, dass ich gern mit euch allen zusammen bin. Ich dachte, deine Mutter würde einen Herzanfall bekommen, als sie anrief, um mir zu erzählen, was dir passiert ist. Ich bin so froh, dass es dir einigermaßen gut geht. Die Familie würde es nicht überstehen, wenn sie noch einen Jungen verlieren würde.«

»Nein, wahrscheinlich nicht. Ich kann nicht glauben, dass sie dich immer noch dazu zwingt, den Chauffeur für meinen bescheuerten Bruder zu spielen.«

Ich hakte mich bei ihm unter, und wir machten uns gemeinsam auf den Weg ins Esszimmer. »Nur so ist er hierherzubewegen. Wenn ich keine Zeit habe, weil ich für die Uni arbeiten muss oder irgendetwas anderes dazwischenkommt, dann fährt er einfach nicht. Meistens weiß er nicht mal, welchen Tag wir haben, wenn ich ihn abhole. Dann ist es ein Wunder, wenn er es überhaupt ins Auto schafft. Heute war so ein Tag. Wenn ich bei ihm auftauche, fühlt er sich verpflichtet, mitzufahren – egal, was er gerade macht oder mit wem er im Bett liegt.«

Rome fluchte unterdrückt. »Es bringt den Jungen nicht um, sich einmal in der Woche zusammenzureißen und Mom und Dad zu besuchen. Er sollte dich nicht als Babysitter missbrauchen.«

Ich zuckte die Achseln, weil wir beide wussten, dass jeder der Archer-Jungs eine bestimmte Rolle im Leben spielte. Remy war der gute Sohn gewesen, der erfolgreiche Student, der zukünftige Absolvent einer der angesehensten Eliteuniversitäten des Landes. Er war außerdem dafür verantwortlich gewesen, Rule vor Schwierigkeiten zu bewahren und ihm den Rücken freizuhalten, wenn sein Zwillingsbruder ein Problem gehabt hatte, das er allein nicht lösen konnte. Rule war früher und auch jetzt noch der wilde Junge, der sein Leben voll auskostete und sich auch dann nicht entschuldigte, wenn er auf seinem Weg jemanden kränkte oder verletzte. Rome war der Chef der Bande. Die Zwillinge hatten ihn immer vergöttert, waren mit ihm durch dick und dünn gegangen. Nach Remys Tod war es keine Überraschung gewesen, dass Rome seinen Bruder noch stärker hatte beschützen wollen und dass ich übergangslos Remys Rolle übernommen und begonnen hatte, Rule davor zu bewahren, vom rechten Weg abzukommen.

»Aber es ist das Einzige, was ich für Margot und Dale tun kann. Sie haben immer so viel für mich getan und nie irgendeine Gegenleistung dafür gefordert. Einmal in der Woche Rules schlechte Laune auszuhalten ist ein Opfer, das ich bringen kann.«

In Romes Augen blitzte etwas auf. Die Augen waren denen seines Bruders so ähnlich, dass es manchmal wehtat, hineinzublicken. Rome ließ sich nichts vormachen, und es hätte mich nicht gewundert, wenn er mehr über die Dinge, die ich lieber für mich behielt, wusste, als er verriet.

»Ich möchte nur nicht, dass du die Zielscheibe bist, wenn Rule Rule ist. Mom muss endlich über das, was passiert ist, hinwegkommen – genau wie er. Wir sind alle erwachsen, und dein Leben ist zu kurz, als dass du ewig den Friedensstifter zwischen den beiden spielen solltest.«

Ich seufzte und senkte die Stimme, als wir vor der Esszimmertür standen. Der Tisch war bereits gedeckt, und die anderen saßen an ihren angestammten Plätzen. Dale thronte am Kopf des Tisches, Margot zu seiner Rechten. Neben ihr befand sich mein Platz. An Dales linker Seite saß Rome, und Rule hatte auf dem Stuhl am anderen Ende des Tisches Platz genommen, um möglichst viel Abstand zu seinen Eltern zu haben. »Sie müssen die Tatsache akzeptieren, dass er niemals wie Remy sein wird. Und er muss damit aufhören, ihnen das bei jeder sich bietenden Gelegenheit unter die Nase zu reiben. Solange nicht eine der beiden Seiten nachgibt und verzeiht, wird sich niemals etwas ändern.«

Er hauchte mir einen Kuss auf die Schläfe und drückte mich kurz. »Ich glaube nicht, dass ihnen bewusst ist, wie viel Glück sie mit dir haben, Kleines.«

Ich ließ ihn los und setzte mich auf den Stuhl zwischen Margot und Rule und bemühte mich, nicht zusammenzuzucken, als Rule mir aus leicht zusammengekniffenen Augen einen Blick zuwarf. Offensichtlich wusste er, dass Rome und ich über ihn geredet hatten. Ich schenkte Dale ein Lächeln, als er begann, die wie immer üppig gefüllten Schüsseln herumzureichen. Ich wollte Rome gerade fragen, was er in der nächsten Zeit geplant habe, als Margot zu sprechen begann und ich erschreckt aufblickte.

»Wäre es zu viel verlangt, wenn du zum Brunch in einem Hemd auftauchen würdest, das noch alle Knöpfe hat, und in einer Hose, die nicht aussieht, als stammte sie aus dem Secondhandshop? Ich meine, dein Bruder ist schwer verletzt und hatte einen fürchterlichen Unfall, und trotzdem hat er sich mehr Mühe gegeben als du, Rule.«

Ungläubig starrte ich sie an und musste mir auf die Zunge beißen, um sie nicht anzufahren, ihn in Ruhe zu lassen. Vor allem, weil Familienzusammenkünfte eigentlich locker und entspannt sein sollten. Ich wusste genau, dass sie nicht mit der Wimper gezuckt hätte, wenn ich in T-Shirt und Jeans aufgetaucht wäre. Doch weil Rule es war, betrachtete sie es als direkten Angriff auf ihre Person.

Rule nahm ein bisschen Speck von dem Teller, den ich ihm reichte, und machte sich gar nicht erst die Mühe, ihr zu antworten. Stattdessen wandte er sich Rome zu und fragte ihn nach seinen Plänen für die Zeit, die er zu Hause verbringen würde. Rule wollte, dass sein Bruder ihn für eine Woche in der Stadt besuchte, um ein wenig Zeit mit ihm und Nash zu verbringen. Mir fiel auf, dass Margot missmutig die Lippen aufeinanderpresste und dass Dale die Augenbrauen zusammenzog. Diese Mienen konnte ich an jedem Sonntag, an dem wir zu Besuch waren, in den verschiedensten Variationen beobachten. Es versetzte mir einen Stich, denn selbst in einem zerknitterten Hemd und zerrissenen Jeans war Rule ein Mensch, dem man jeden Look, den er trug, abkaufte, weil er ihn zu seinem eigenen machte. Genau dasselbe galt für seine Tattoos, die ihn von Kopf bis Fuß zierten, und für die Ansammlung von Metall, das er über sein Gesicht verteilt trug.

Man konnte nicht abstreiten, dass Rule ein gut aussehender Mann war. Um ehrlich zu sein, sah er vielleicht sogar ein bisschen zu gut aus. Aber er war kompliziert, und die Schönheit, die er ausstrahlte, wurde manchmal davon verdeckt. Von allen Brüdern hatte er die klarsten eisblauen Augen. Sein Haar war dicht und glänzend, auch wenn es manchmal in Violett, Grün oder Blau erstrahlte. Und obwohl seine Tätowierungen in allen Farben des Regenbogens leuchteten, war Rule derjenige, auf den die Frauen flogen. Genau wie die Brünette im Coffeeshop. Ihr Name war Amy Rodgers, und ich war auf der High School vier Jahre lang von ihr und ihren Cheerleader-Freundinnen gequält worden. Meist traf sie sich mit Sportlern und Jungs aus guten Familien. Typen mit Irokesenschnitt und gepiercten Augenbrauen und Lippen passten nicht in ihr Beuteschema. Doch selbst sie konnte der Anziehungskraft eines Rule Archer nicht widerstehen.

»Und was ist mit deinen Haaren passiert, mein Sohn? Es wäre schön, wenn du zur Abwechslung mal eine natürliche Haarfarbe hättest – vor allem, da die ganze Familie zusammen ist und wir uns alle freuen, dass dein Bruder gesund zurückgekehrt ist.«

Ich stöhnte innerlich auf und nahm stumm die Schüssel mit Früchten entgegen, die Margot mir reichte. Nachdem sie sich nun beide auf ihn eingeschossen hatten, würde er auf keinen Fall ruhig bleiben und die Kritik schweigend über sich ergehen lassen. Normalerweise beachtete er seine Mom einfach nicht und gab seinem Vater Dale knappe, schnippische Antworten. Aber nachdem er nun von beiden unterbrochen und angegriffen worden war, während er sich mit Rome hatte unterhalten wollen, würde er reagieren müssen. Schon an guten Tagen hatte Rule eine kurze Zündschnur, doch wenn man ihn in die Ecke drängte, wenn er verkatert war und sich mühsam zusammenriss, war ein Streit vorprogrammiert. Über den Tisch hinweg warf ich Rome einen panischen Blick zu, aber bevor er eingreifen konnte, hatte Rule schon zum verbalen Gegenschlag ausgeholt.

»Tja, Pops, die Farbe Lila findet man überall in der Natur, also weiß ich gar nicht, was du hast. Und was meine Klamotten betrifft: Ich denke, wir können alle froh sein, dass ich überhaupt eine Hose angezogen habe, wenn man bedenkt, in was für einem Zustand ich war, als Shaw mich heute Morgen abgeholt hat. Wenn ihr dann jetzt damit fertig seid, jeden meiner Schritte zu kommentieren und jede meiner Entscheidungen zu kritisieren, würde ich mich gern weiter mit meinem Bruder unterhalten, den ich seit einem Jahr nicht mehr gesehen habe und der bei einem Anschlag beinahe ums Leben gekommen wäre.«

Margot rang nach Luft, und Dale schob seinen Stuhl zurück. Ich ließ den Kopf nach vorn fallen und rieb mir die Nasenwurzel. Ein pochender Schmerz machte sich hinter meiner Stirn breit.

»Einen Nachmittag, Rule, einen verdammten Nachmittag – das ist alles, worum wir dich bitten.« Dale stürmte aus dem Zimmer, und Margot brach augenblicklich in Tränen aus. Sie hielt sich die Serviette vors Gesicht. Ich streckte unbeholfen den Arm aus und tätschelte ihre Schulter. Ich warf Rule einen Blick zu, doch er war schon aufgestanden und auf dem Weg zum Ausgang. Ich sah zu Rome hinüber, der nur den Kopf schüttelte und sich mühsam erhob. Margot blickte hoch und schaute ihren ältesten Sohn flehentlich an.

»Sag ihm, Rome, dass man seine Eltern nicht so behandelt. Er hat keinen Respekt vor uns.« Mit zitternden Fingern wies sie zur Tür. »Sag ihm, dass sein Verhalten inakzeptabel ist.«

Rome sah zu mir und dann zu seiner Mom. »Klar, Mom, ich werde es ihm sagen. Aber dir sage ich, dass es keinen Grund gibt, ihn so anzugehen. Wen stört es, wenn er gern Jeans tragen und sich die Haare in der Farbe eines verdammten Schlumpfs färben will? Was zählt, ist, dass er hier ist und dass er sich Mühe gegeben hat. Shaw hat sich die Zeit genommen, um dir und Dad den Wunsch zu erfüllen, die ganze Familie an einen Tisch zu bringen. Und ihr habt genau drei Sekunden gewartet, ehe ihr den Finger in die Wunde gelegt und ihn heruntergemacht habt.«

Margot keuchte, doch Rome war noch nicht fertig.

»Ihr beide müsst mal wieder zu euch kommen. Ich hätte genauso gut in einem Leichensack statt mit einem Gipsverband nach Hause kommen können. Ihr habt schon einen Sohn verloren. Ihr solltet die Söhne schätzen, die ihr noch habt – ganz egal, ob ihr mit den Entscheidungen, die wir treffen, einverstanden seid oder nicht.«

Margot rannen Tränen über die Wangen, und sie lehnte ihren Kopf an meine Schulter. »Shaw kommt gern an Sonntagen zu Besuch. Wir sollten sie nicht länger bitten, Rule mitzubringen, denn er will offensichtlich nicht hier sein. Ich habe nicht mehr die Kraft, ihn in die Familie zu integrieren. Es tut zu weh.«

Rome schüttelte den Kopf, und wir beide seufzten. Er folgte seinem Bruder aus dem Zimmer, während ich weiterhin versuchte, Margot zu trösten. Diese Frau war immer nett zu mir gewesen und hatte mich wie eine Tochter behandelt, als meine Mutter mich nicht beachtet hatte. Was ich ihr nun zu sagen hatte, entsprang dem Wunsch, nicht noch einmal zusehen zu müssen, wie eine Familie zerbrach.

»Margot, du und Dale seid wunderbare Menschen und gute Eltern, aber ihr müsst aufhören, in der Vergangenheit zu leben. Ich werde euch sonntags nicht mehr besuchen, bis ihr Rule so akzeptiert, wie er ist, und ihn einfach liebt. Ich vermisse Remy. Sein Tod war eine Tragödie, doch ihr werdet aus Rule niemals einen Ersatz für Remy machen. Und ich kann nicht länger zusehen, wie ihr es immer wieder versucht. Meine Eltern wollten mich jahrelang in eine Form pressen, in die ich nicht gepasst habe, und ich wünschte, ich hätte ihnen genauso viel entgegensetzen können, wie Rule es kann.«

Ich stand auf und musste meine Tränen herunterschlucken, als sie mich fassungslos und traurig ansah.

»Wenn Remy noch hier wäre, dann wäre alles anders«, sagte sie. »Du wärst noch immer glücklich mit ihm, Rule hätte sich nicht so fürchterlich verändert, und Rome wäre niemals zum Militär gegangen.«

Ich musste ein paar Schritte zurückweichen, denn das, was sie gerade gesagt hatte, war so falsch, dass es mich fast von den Beinen riss. »Margot, Rule war schon immer schwierig. Er hat sich nie eurem Willen gebeugt. Rome hatte sich schon lange vor dem Unfall verpflichtet. Und ich habe euch schon x-mal gesagt, dass Remy und ich nur befreundet waren – wir waren nicht ineinander verliebt. Ich glaube, du solltest dir lieber professionelle Hilfe suchen, wenn du dir die Wahrheit einfach so zurechtlegst, wie es dir passt – du riskierst damit, einen wundervollen Sohn zu verlieren.«

»Das glaubst du doch nicht wirklich, oder? Rule behandelt dich genauso schlecht wie mich und seinen Vater.«

Ich biss mir auf die Unterlippe und rieb mir über die schmerzenden Schläfen. »Er ist kein schlechter Mensch und verhält sich auch nicht falsch. Es ist nur etwas schwieriger, ihn zu lieben. Remy hat es euch leicht gemacht. Rule hat das nie getan. Aber er ist es wert. Und solange seine Familie das nicht begreift, habe ich Besseres zu tun, als hier zu sein. Wenn ich Streit und Verbitterung möchte, kann ich genauso gut meine Familie besuchen. Ich liebe dich und Dale, doch ich sehe, was ihr Rule antut, und da möchte ich nicht länger mitspielen. Rome hatte recht: Du musst die Familie schätzen, die du hast, und nicht dein Leben damit verbringen, sie mit der Familie zu vergleichen, die du verloren hast. Remy war mein Leben, Margot, aber er ist tot, und Rule lebt.«

Sie verschränkte die Arme auf dem Tisch und legte den Kopf darauf. Ich wusste, dass in diesem Moment niemand mehr zu ihr durchdringen konnte, also ging ich zur Tür. Ich war nicht überrascht, als ich Dale an der Küchenanrichte lehnen sah. Er sah mich ernst an.

»Sie wird es nicht gut verkraften, wenn du nicht mehr vorbeikommst. Du bist ein wichtiger Teil der Familie.«

Ich steckte mir die Haare hinter die Ohren und warf Dale ein betrübtes Lächeln zu. »Genau wie euer Sohn.«

»Margot ist nicht die Einzige, die sich das erst wieder in Erinnerung rufen muss, und du musst doch auch zugeben, dass seine Haare lächerlich aussehen.«

Zum ersten Mal an diesem Tag lachte ich wirklich. Ich ging zu ihm und umarmte ihn. »Sie braucht Hilfe, Dale. Remy ist schon eine Weile tot, und sie will Rule unbedingt dazu bringen, seinen Platz einzunehmen. Dazu wird es aber niemals kommen – das wissen wir alle.«

Er hauchte einen Kuss auf meinen Scheitel und hielt mich dann eine Armeslänge von sich entfernt. »Ich weiß nicht, warum du den Jungen immer verteidigst. Er ist aufbrausend und unglaublich wild. Du bist klug und schön. Dir muss doch klar sein, wie es mit Rule enden wird.«

»Ich halte nichts davon, in die Zukunft zu blicken und Dingen vorauszugreifen. Ich lese das Buch immer vom Anfang bis zum Ende. Sag Margot, dass sie mich anrufen kann, wenn sie sich beruhigt hat. Doch ich meine es ernst. Erst wenn es ein echtes Familienessen ist, erst wenn Rule nicht mehr dafür kritisiert wird, wer er ist, komme ich wieder. Die Situation belastet mich einfach zu sehr.«

»Das verstehe ich, Kind. Aber falls du irgendetwas brauchst, melde dich bitte.«

»Gut.«

»Du weißt, dass er es nicht gutheißen würde, dass du dieses Opfer für ihn bringst.«

»Vielleicht würde er es nicht gutheißen, Dale, doch es ist meine Entscheidung. Und auch wenn niemand anders – auch Rule nicht – es sieht und begreift, ich bin davon überzeugt, dass er jedes Opfer wert ist. Remy hat genauso gedacht. Ihr solltet versuchen, euch das in Erinnerung zu rufen, wenn er das nächste Mal mit pinkfarbenen Haaren auftaucht.«

Damit ging ich hinaus. Als ich die beiden Brüder in der Einfahrt stehen sah, wie sie die Köpfe zusammensteckten, blieb ich stehen. Rule wirkte wütend, und Rome sah traurig aus, es war herzzerreißend und beeindruckend zugleich. Als Rule mich entdeckte, machte er einen Schritt zurück. Sie wechselten noch ein paar leise Worte und verabschiedeten sich, indem sie die Fäuste gegeneinanderschlugen. Rome zog Rule dann noch an sich und kam anschließend zu mir. Auch mich umarmte er herzlich und gab mir noch einen Kuss auf die Wange.

»Ich werde hier in den nächsten Tagen so viele Brandherde löschen, wie ich kann, dann komme ich in die Stadt. Ich rufe dich an, sobald ich kann.«

»Probier, deine Mutter davon zu überzeugen, sich Hilfe zu suchen, Rome. Bitte.«

»Ich liebe dich, Kleine. Versuch du, den Idioten vor weiteren Schwierigkeiten zu bewahren, ja?«

Ich gab ihm ebenfalls einen Kuss auf die Wange. »Das mache ich doch immer.«

»Ich wusste nicht, dass es so schlimm ist, Shaw. Ich war nicht hier und habe viel verpasst.«

»Familien sind wie alles andere: Es ist viel Arbeit nötig, viel Geduld und vor allem Menschen, die mit aller Kraft dafür sorgen, dass es läuft – nur dann kann es funktionieren. Ich freue mich, dass du nach Hause gekommen bist, Rome.« Noch einmal drückten wir einander, ehe ich mich von ihm löste und Rule meinen Wagenschlüssel zuwarf. »Ich habe Kopfschmerzen. Kannst du zurückfahren?«

Normalerweise ließ ich ihn nicht in die Nähe meines Wagens, denn er fuhr wie ein Irrer und nahm keine Rücksicht auf andere. Aber ich wusste, dass ich es nicht schaffen würde. Ich spürte, wie aus den Kopfschmerzen allmählich eine Migräne wurde, und ich wünschte mir nichts sehnlicher, als die Augen zu schließen, in ein weiches Bett zu kriechen und die Decke über den Kopf zu ziehen. Ich setzte mich auf den Beifahrersitz und rollte mich zusammen.

Rule sagte nichts, als er den Wagen startete und wir uns auf den Weg nach Hause machten. Er stellte das Radio nicht an und versuchte auch nicht, mich in ein höfliches Gespräch zu verwickeln. Ich wusste, dass er sich nicht für die Szene entschuldigen würde. Das tat er nie, also schnitt ich das Thema gar nicht erst an. Ich döste vor mich hin, als das Handy in meiner Tasche klingelte und ich aufschreckte. Am Klingelton erkannte ich, dass Gabe anrief. Ich fluchte, was ich normalerweise selten tat, und schaltete das Handy aus. Mittlerweile hatte sich mein Magen zusammengezogen, und Punkte tanzten vor meinen Augen.

»Er ruft dich öfter an, als zu der Zeit, als ihr noch ein Paar wart.« Rule redete leise, und ich fragte mich, ob er vielleicht ahnte, wie sehr mein Kopf schmerzte.

»Er ist eine Nervensäge. Ich habe dir ja gesagt, dass er es nicht kapiert hat.«

»Ist das ein Problem für dich?«, fragte er. Ich öffnete mein linkes Auge einen winzigen Spaltbreit und blickte ihn an. Es sah ihm überhaupt nicht ähnlich, mir gegenüber so viel Besorgnis zu zeigen.

»Nein. Es ist ja auch erst zwei Wochen her. Ich denke, er vermisst die Vorstellung, mit mir zusammen zu sein, mich als Menschen vermisst er nicht so sehr. Ich glaube, irgendwann wird es ihm langweilig, oder er findet eine andere und lässt mich in Ruhe.«

»Du musst jemandem Bescheid sagen, falls er doch zu einem Problem werden sollte. Keine Frau sollte mit so etwas allein zurechtkommen müssen.«

»Das werde ich.« Wir schwiegen wieder, bis er sich unvermittelt räusperte. Ich kannte Rule lange genug, um zu wissen, dass er mir etwas zu sagen hatte, sich aber nicht traute. Mir war klar, dass ich nur warten musste.

»Hör mal, es tut mir leid wegen heute Morgen. Genau genommen tut es mir wegen vieler Sonntage leid. Du solltest mich nicht mehr in so einem Zustand sehen. Eigentlich solltest du dich überhaupt nicht mehr um mich kümmern müssen. Ich habe kein Interesse mehr an erzwungenen Familienzusammenkünften. Damit wird nur das Messer noch tiefer in die Wunde gestoßen. Das Drama hat sich über Jahre hinweg angekündigt, und es ist nicht gerecht, dass du mittendrin steckst und Remy nicht mehr da ist, um hinter dir zu stehen. Er hat dich vergöttert, und ich habe das einfach nicht entsprechend gewürdigt.«

Mein Kopf tat so weh, dass ich keine Kraft hatte, mich mit ihm über meine Beziehung oder vielmehr Nicht-Beziehung mit Remy auseinanderzusetzen. Keiner der Archers schien zu begreifen, dass wir nur Freunde gewesen waren und nicht mehr. Die Legende, dass wir ein Paar gewesen waren, hatte sich verselbstständigt, und ich konnte nichts tun, um das zu ändern. Vor allem nicht in meinem Zustand – ich spürte, wie mir das bisschen Essen, das ich zum Brunch zu mir genommen hatte, wieder hochkam. Ich richtete mich auf und griff nach Rules Arm. Wahrscheinlich war das bei einhundertfünfzig Kilometern pro Stunde auf dem Highway keine so gute Idee, doch ich stand kurz davor, meinen Mageninhalt in einem Wagen zu verteilen, der mehr gekostet hatte, als die meisten Menschen im Jahr verdienten.

»Fahr rechts ran!«

Rule fluchte laut und drängte sich an einem Minivan vorbei auf den Standstreifen. Ich stieß die Tür auf, fiel auf die Knie und erbrach mich auf den Asphalt. Warme Hände hielten meine Haare zurück und reichten mir ein zerknülltes Bandana. Als ich endlich wieder durchatmen konnte, nahm ich ihm die Wasserflasche ab, die er mir reichte, und hockte mich hin, während die Welt um mich herum schwankte.

»Was ist los?«

Ich spülte mir mit einem Schluck Wasser den Mund aus und spuckte es weit weg, damit ich seine schwarzen Stiefel nicht traf. »Migräne.«

»Seit wann hast du das?«

»Schon immer. Ich muss mich auf die Rückbank legen.«

Er zog mich auf die Beine und hielt mich fest. Mir wurde bewusst, dass es das erste Mal seit Jahren war, dass er mich absichtlich berührte. Wir umarmten uns nie, berührten uns nie zufällig, klatschten nie ab und begrüßten uns auch nie per Handschlag. Wir achteten darauf, uns nicht anzufassen. Als er mich nun stützte, rebellierte mein Inneres. Ich stöhnte, als er mich in den Wagen hievte. Ich war klein genug, um mich ohne Probleme auf der Rückbank ausstrecken zu können. Rule kletterte wieder hinter das Lenkrad und warf mir über die Schulter hinweg einen Blick zu. »Schaffst du den Rest der Fahrt?«

Ich legte einen Arm über die Augen und die andere Hand auf meinen Magen, der sich noch immer in Aufruhr befand.

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