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In meinem fremden Land

Hans Fallada

In meinem fremden Land

Gefängnistagebuch 1944

Herausgegeben von Jenny Williams und Sabine Lange

 

 

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Inhaltsübersicht

Gefängnistagebuch 1944

Anhang

Sendbrief aus dem Totenhaus. Nachwort

Zu dieser Ausgabe

Chronik

Anmerkungen

Register

Gefängnistagebuch 1944

Am 4. September 1944 wird Hans Fallada zur Beobachtung auf unbestimmte Zeit in die Landesanstalt Neustrelitz-Strelitz eingewiesen, in ein Gefängnis für »geisteskranke Kriminelle«. Sein Schicksal ist völlig ungewiss.

Nicht zum ersten Mal kommt dieser Sohn eines Reichsgerichtsrates hinter Gitter: 1923 und 1926 war er schon einmal wegen Unterschlagung zu sechs Monaten bzw. zweieinhalb Jahren Gefängnis verurteilt worden. In beiden Fällen hatte seine Drogensucht eine entscheidende Rolle gespielt. 1933 hatte man ihn einer Verschwörung gegen die Person des Führers bezichtigt und für elf Tage in Schutzhaft genommen. Im Herbst 1944 ist der Vorwurf ein anderer: Fallada wird beschuldigt, am 28. August 1944 seine »geschiedene Ehefrau mit der Begehung des Totschlags bedroht zu haben«.

Die Scheidung war am 5. Juli 1944 ausgesprochen worden. Doch noch immer wohnte man gemeinsam auf dem Anwesen in Carwitz: Anna (Suse) Ditzen im Haus mit den drei Kindern, der Schwiegermutter und einer ständig wechselnden Zahl ausgebombter Bekannter und Verwandter, Hans Fallada in dem Gärtnerzimmer in der Scheune. An jenem Montagnachmittag Ende August feuert der schwer betrunkene Fallada im Streit einen Schuss aus seinem Terzerol ab. Anna Ditzen entwendet ihm die Pistole, schleudert sie in den See und alarmiert Dr. Hotop, den Arzt aus dem benachbarten Feldberg. Sowohl Fallada als auch Anna Ditzen geben später zu Protokoll, dass der Schuss kein Tötungsversuch war. Dr. Hotop schickt den Landjäger, um seinen Patienten nach Feldberg zur Ausnüchterung zu bringen. Damit hätte die Angelegenheit ihr Bewenden haben können, doch die Geschichte kommt einem übereifrigen jungen Staatsanwalt zu Ohren. Er besteht darauf, Hans Fallada in das Amtsgericht Neustrelitz zu überführen und ihn dort zu vernehmen. Am 31. August wird die »einstweilige Unterbringung des Beschuldigten in einer Heil- oder Pflegeanstalt« angeordnet. Am 4. September schließen sich die Tore der Landesanstalt Neustrelitz-Strelitz hinter Hans Fallada. Für unbestimmte Zeit bringt man ihn auf die Station III, zu den unzurechnungsfähigen bzw. beschränkt zurechnungsfähigen Verbrechern. Er scheint am Ende zu sein: ein Alkoholiker, ein körperliches und seelisches Wrack, ein des Schreibens unfähiger Autor.

Doch Fallada nutzt die Haft zur Entgiftung – und zu literarischer Arbeit. Schon 1924, im Greifswalder Gefängnis, hatte er ein Tagebuch zur Selbsttherapie geführt. So bittet er auch dieses Mal um Schreibmaterial. Mit Erfolg. Man händigt ihm zweiundneunzig Bogen (184 Seiten) aus, etwa DIN-A4-Format, liniert. Neben einer Reihe von Kurzgeschichten schreibt Fallada den »Trinker«. Weil sein Roman über »Alkoholismus« unentdeckt bleibt, findet er am 23. September den Mut, seine Erinnerungen an die Nazi-Zeit aufzuschreiben. Er gehört zu den Daheimgebliebenen, er hat die Jahre des Dritten Reiches in Deutschland verbracht, vor allem im ländlichen Mecklenburg, und »das Leben wie alle gelebt«. Nun will er Zeugnis ablegen. Gerade hier, im »Totenhause«, sieht er den Zeitpunkt für seine persönliche Abrechnung mit dem NS-Regime gekommen, auch seine Rechtfertigung für quälende Kompromisse und Zugeständnisse als Schriftsteller im Dritten Reich.

Im Herbst 1944 tritt der verheerende Krieg in seine letzte Phase, der Zusammenbruch Hitler-Deutschlands zeichnet sich immer klarer ab. Die Alliierten rücken von allen Seiten vor, amerikanische Truppen erreichen die Westgrenze des Deutschen Reiches, die Rote Armee dringt nach Ostpreußen vor. Zugleich verschärften sich der Terror und die Unterdrückungsmaßnahmen des NS-Regimes innerhalb Deutschlands. Mit dem, was Fallada nun zu Papier bringt, riskiert er sein Leben.

Umgeben von »Mördern, Dieben und Sittlichkeitsverbrechern«, den Blicken der Wärter ständig ausgesetzt, schreibt er eilig und gehetzt, Zeile für Zeile befreit er sich von seinem Hass auf die Nazis und den Demütigungen vergangener Jahre. Dabei geht er bedacht vor, zur Tarnung und um Papier zu sparen, verwendet er Kürzel – »n.« steht da beispielsweise für »nationalsozialistisch«, »N.« für »Nazis« oder »Nationalsozialismus« –, die winzig kleine Schrift schreckt die Wärter ohnehin, doch Fallada verschlüsselt weiter, stellt fertige Manuskriptblätter auf den Kopf und schreibt in den Zwischenräumen weiter, er dreht das Blatt, sooft es geht. Die gefährlichen Notate, Mikrographie und kalligraphisches Rätselwerk zugleich, werden zu einer Art »Geheimschrift«, die nur noch mühsam mit der Lupe zu entziffern ist.

Am 8. Oktober 1944, einem Sonntag, erhält Hans Fallada einen Tag Hafturlaub. Unter seinem Hemd schmuggelt er die geheimen Aufzeichnungen hinaus.

 

23. IX. 44. An einem Januartag des Jahres [1933] saßen mein guter Verleger R.[owohlt] und ich in den Weinstuben von Schlichter zu Berlin bei einem heiteren Abendmahl. Unsere Ehegesponsten und einige gute Flaschen Steinwein leisteten uns Gesellschaft. Wir waren, wie es in der Schrift heißt, des guten Weines voll, und er hatte dieses Mal bei uns auch eine gute Wirkung getan. Bei mir war man dessen nicht immer sicher. Es war ganz unberechenbar, wie der Wein auf mich wirkte, meistens machte er mich streitsüchtig, rechthaberisch und prahlerisch. An diesem Abend hatte er das aber nicht getan, er hatte mich mit einer fröhlichen, leicht spottlustigen Laune erfüllt, und so gab ich den besten Gefährten für R. ab, den Alkohol immer mehr in einen riesigen, zwei Zentner schweren Säugling verwandelt. Er saß, gewissermaßen Alkohol aus jeder Pore seines Leibes verdampfend, wie ein feuergesichtiger Moloch am Tisch, aber ein zufriedener, satter Moloch, während ich meine Späße und Geschichtchen zum Besten gab, über die sogar mein braves Eheweib herzlich lachte, trotzdem sie diese Dönekens schon mindestens hundertmal gehört hatte. R. war in jenem Zustand angelangt, in dem ihm sein Gewissen manchmal befiehlt, auch einen Beitrag zur Belustigung der Anwesenden zu leisten: er ließ sich dann manchmal von dem Kellner einen Sektkelch geben, den er dann Stück für Stück bis auf den Stiel mit seinen Zähnen zermalmte und völlig verzehrte – zum Entsetzen der Damen, die sich nicht genug darüber verwundern konnten, daß er sich kein bißchen dabei schnitt. Einmal habe ich es allerdings erlebt, daß R. bei dieser fast kannibalisch anmutenden Glasfresserei seinen Meister fand. Er ließ sich einen Sektkelch bringen, ein stiller sanfter Herr in der Gesellschaft tat desgleichen. Rowohlt verzehrte ihn, der Sanfte dito. Rowohlt sprach behaglich: »So! Das hat mir gut getan!« Faltete die Hände über dem Bauch und sah sich triumphierend in der Runde um, der Sanfte wandte sich an ihn. Er deutete mit dem Finger auf den nackten Glasstiel, der vor R. stand. Vorwurfsvoll fragte er: »Und den Stengel essen Sie nicht, Herr Rowohlt? Das ist doch das Beste!« Sprach’s und fraß ihn, beim unauslöschlichen Gelächter der Runde. R. aber, um seinen Triumph gebracht, war stinkwütend und verzieh dem Sanften diese Niederlage nie!

Übrigens durfte man sich in R. nicht täuschen: wenn er auch der sanfteste Säugling war und kaum aus seinen Augenschlitzen mehr schauen zu können schien, war er doch hellwach, und vor allem rechnen konnte er, daß es ein Grausen war! Ich habe ihn einmal in Unkenntnis dieses Zustandes und in einiger Geldklemme – bei diesem Säuglingszustand ein wenig über den Löffel balbieren und einen besonders günstigen Vertrag mit ihm schließen wollen. Ich sehe uns noch beide dasitzen und Speisekarten mit endlosen Zahlenkolonnen bedecken. Schließlich wurde der Vertrag in feuchtfröhlicher Stimmung abgeschlossen, und ich lachte mir ins Fäustchen über den endlich einmal reingelegten smarten Geschäftsmann, das Ergebnis war natürlich, daß ich der Hereingefallene war, und wie hereingefallen –! Rowohlt war selbst hinterher so erschrocken über diesen Vertrag, daß er mir den größten Teil seines Raubes freiwillig wieder heraus gab.

Aber an diesem Abend kam es weder zu Glasfressen, noch zu Geschäften. An diesem Abend herrschte eine behagliche, gesättigte Stimmung vor. Wir hatten die herrlichen eisgekühlten Salate Schlichters hinter uns, seine Bouille a baisse, seine Filets Stroganoff, seinen unübertrefflichen, alten Holländer Käse, wir hatten uns dann und wann zum Wein mit etwas Himbeergeist den Magen erwärmt und sahen nun den Spiritusflämmchen unter unseren vier Kaffeemaschinen zu, die uns unseren Mokka wärmten, während wir ab und zu noch gelassen, aber genußreich einen Mundvoll Wein nahmen. Wir hatten auch allen Anlaß, mit uns und unseren Leistungen zufrieden zu sein. Wohl lag nun schon der »Welterfolg« des »Kleinen Mannes« hinter uns, wie alle Welterfolge immer bereits von einem noch größeren abgelöst werden, ich weiß es nicht mehr, war es »die gute Erde« von der Pearl Buck, oder das »Vom Winde verweht« der Mitchell. Ich hatte seitdem »Wir hatten mal ein Kind« geschrieben, was den Leuten nicht gefiel, obwohl es dem Autor sehr gefiel, und saß nun über dem »Blechnapf«. Vielleicht würde auch der »Blechnapf« kein neuer Welterfolg werden, das hatte Zeit, alles hatte Zeit. Es war die leichteste Sache von der Welt, einen Welterfolg zu erzielen, man mußte es nur wollen. Augenblicklich war ich mit anderen Dingen beschäftigt, die mich sehr interessierten: würde es mich eines Tages interessieren, einen Welterfolg zu haben, so würde mir auch das ohne Schwierigkeit gelingen.

Rowohlt hörte diesen mehr betrunkenen, als ernst gemeinten Ausführungen mit einem fast pagodenhaften Kopfnicken zu und bestätigte meine Worte mit einem gelegentlichen »So ist es« oder »Sie haben vollkommen recht, Väterchen«. Unsere braven Weiber waren es ein wenig überdrüssig geworden, ständig an den Lippen des berühmten Autors und seines berühmten Verlegers zu hängen und Worte purer Weisheit zu vernehmen, sie hatten sich Wirtschafts- und Kinder-Erziehungs-Fragen gewidmet und tuschelten mit gesenkten Stimmen am anderen Ende des Tisches. Langsam und schwer duftend fielen die ersten Tropfen des Mokka in die unter die Tüllen gestellten Tässchen … In diese völlig behagliche Situation stürmte ein aufgeregter Kellner herein und erinnerte uns daran, daß es außerhalb unserer vollkommen geordneten Privatwelt noch eine sehr viel größere Außenwelt gab, in der es zur Zeit recht turbulent zuging. Mit dem Rufe: »der Reichstag brennt! der Reichstag brennt! die Kommunisten haben ihn angesteckt!« stürzte er von Raum zu Raum des Lokals. Das brachte nun doch Leben in uns beide. Wir sprangen von unseren Sitzen auf, wir sahen uns mit verständnisvollen Augen an, wir schrieen nach einem Kellner. »Ganymed« schrieen wir diesen Jünger des Lukullus an. »Besorgen Sie uns auf der Stelle eine Autodroschke! Wir wollen zum Reichstag! Wir wollen G.[öring] kokeln helfen!« Unsere guten Frauen erbleichten vor Schreck. G. war wohl erst ein paar Tage an der Regierung und die Konz. L. noch nicht in die Erscheinung getreten, aber der Ruf, der den Herren, die jetzt das Ruder in Deutschland ergriffen hatten, [vorausging], war nicht gerade so, daß man sie für sanfte Lämmer halten konnte. Ich sehe noch die verwirrte, ängstliche und doch lächerliche Situation vor mir: wir beide von einem wahren furor teutonicus erfaßt, uns gegenseitig in die Augen schauend und anbrüllend, daß wir unbedingt mitkokeln wollen; unsere schreckensbleichen Frauen, die uns zu beschwichtigen suchten und unbedingt aus diesem Lokal forthaben wollten, das in dem Rufe stand, n. - freundlich zu sein, und ein Kellner in der Tür, der eilig etwas auf seinen Abrechnungsblock schrieb, wie wir aus erheitertem Beifall annahmen: einen Extrakt unserer mannhaften Reden. Schließlich ist es unseren Frauen doch gelungen, uns aus der Tür, auf die Straße und in ein Auto zu bugsieren, ich nehme an, unter dem Vorwand, mit uns zusammen das brennende Reichstagsgebäude anzusehen. Wir fuhren aber nicht gemeinsam dorthin sondern zuerst setzten wir Rowohlt und seine Frau in ihrer Wohnung ab, dann machte sich unser Wagen auf die weite Fahrt nach dem Osten, wo ich damals mit meiner Frau und unserem noch einzigen Sohn in einem kleinen Dorf an der Spree wohnte. Die sanften Worte meiner Frau hatten mich unterdes so weit beruhigt, daß ich beim Vorbeifahren ohne alle eigenen Brandstiftergelüste in die feuerigen Flammen der Reichstagskuppel sehen konnte, dieses unheimliche Fanal, das am Anfang des Weges ins Dritte Reich stand. Es ist gut, daß wir an diesem Abend unsere Frauen bei uns hatten, sonst hätte unsere Tätigkeit und wohl auch unser Leben an diesem Januartage 33 ihr Ende gefunden, und dieses Buch wäre nie geschrieben worden. Auch der eifrig notierende Oberkellner, der uns noch ein paar Tage lang als Schreckgespenst ängstigte, ließ nichts wieder von sich hören: er hatte wohl nur eilig die Rechnungen für seine allesamt aufbrechenden Tischgäste notiert.

 

(24. IX. 44) Dieses kleine Erlebnis ist bezeichnend für die Einstellung, mit der viele brave Deutsche dem Regiment der N. entgegensahen. Wir hatten in unseren deutschnationalen oder demokratischen oder sozialdemokratischen oder gar kommunistischen Gazetten doch schon einiges von der Brutalität gelesen, mit der diese Herren ihre Absichten zu verwirklichen pflegten, und doch dachten wir: »Es wird so schlimm schon nicht werden! Jetzt, wo sie an der Macht sind, werden sie schon merken, welch Abstand zwischen einem Parteiprogramm und seiner Verwirklichung liegt! Sie werden auch einen Pflock zurückstecken – wie alle. Sie werden sogar viele Pflöcke zurückstecken!« Von der Sturheit dieser Leute, von ihrer unmenschlichen Härte, die wortwörtlich vor Leichen, vor Bergen von Leichen nicht zurückschreckte, machten wir uns noch nicht den geringsten Begriff. Manchmal wollten wir wach werden, wenn wir z. B. hörten, daß ein Sohn des Hauses U.[llstein] bei seiner Verhaftung auf die vielleicht etwas überheblich vorgetragene Bitte, sich doch erst noch die Zähne putzen zu dürfen, stracks mit dem Gummiknüppel niedergeschlagen und als halbe Leiche fortgeschafft worden war. Es regnete nur so Verhaftungen, und reichlich viele von diesen Verhafteten wurden »auf der Flucht« erschossen. Aber gleich sagten wir uns wieder: »Das betrifft ja nicht uns. Wir sind friedliebende Bürger, wir haben uns nie politisch betätigt.« Wir waren wirklich reichlich töricht, grade weil wir uns nicht politisch betätigt hatten, d. h. nicht in die allein selig machende Partei eingetreten waren und [es] auch jetzt nicht taten, machten wir uns stark verdächtig. Wir hätten es so leicht gehabt; gerade in den Monaten von Januar bis März dreiunddreißig setzte jener Massensturm auf die Partei ein, der den damals Aufgenommenen den Übernamen »Märzgefallene« eingetragen hat. Ab März sperrte die Partei dann die Aufnahme, machte sie von einer sorgfältigen Prüfung und Siebung abhängig. Lange wurden »die Märzgefallenen« auch als Parteigenossen zweiter Klasse behandelt; mit den Jahren verwischte sich aber der Unterschied, und die Märzgefallenen taten schon von sich aus alles, um ihre Zuverlässigkeit und Treue zu beweisen. Aus ihren Reihen besonders gingen jene N. hervor, die man später als die 150%igen bezeichnete: sie suchten übereifrig noch die alten Parteimitglieder bei der Durchführung aller Maßnahmen an bedingungsloser Härte noch zu übertreffen – so weit es natürlich nicht ihre eigene Person betraf. Auf einige dieser besonders duftigen Blüten, deren Bekanntschaft ich machen sollte, werde ich bald zu sprechen kommen.

An sich hatten Rowohlt und ich alle Ursache sehr vorsichtig zu sein: wir waren beide kompromittiert, er mehr, ich weniger, aber kompromittiert jedenfalls, und das genügte den regierenden Herren vollkommen, auf feinere Unterschiede wurde kein Wert gelegt. Sie haben ja überhaupt stets mit der rohen Gewalt regiert, vor allem mit der brutalen Drohung der nackten Gewalt, erst das eigene dann manches andere Volk eingeschüchtert und versklavt, für die Feinheiten einer sanft, aber stahlharten führenden Hand haben sie nie ein Organ gehabt, das lag weit über ihrem Begriffsvermögen. Drohen, immer nur Drohen. Tue das oder: Kopf ab! Tue das nicht oder: Galgen! In diesen primitivsten Begriffen erging sich ihre ganze Regierungsweisheit, vom Anfang bis zum hoffentlich nahen Ende.

Also, Row. und ich, wir waren beide kompromittiert. Er war als ein »Judenfreund« bekannt, sein Verlag wurde einmal von einer n. Zeitung als »Synagogen-Ableger« bezeichnet. Er hatte die Werke Emil Ludwigs verlegt, den die »Kampfblätter« mit Hartnäckigkeit Emil Ludwig Cohn nannten, obwohl er nicht einen Tag seines Lebens den Namen »Cohn« geführt hatte. Row. war auch der Verleger Tucholskys, der in seiner »Weltbühne« einen verbissenen Kampf gegen die geheimen Extratänze der Reichswehr geführt hatte. Weiter hatte R. das »Tagebuch« begründet, eine wirtschafts-politische Wochenschrift, die für Völkerbund und Weltwirtschaft eintrat, die geheimen Machenschaften der »Schlotbarone« aufdeckte und allen autarken Bestrebungen abhold war. Er hatte auch – die Liste seiner Verbrechen ist wahrhaft erschreckend – Knickerbocker verlegt, diesen amerikanischen Journalisten, der so packend über den roten Handel und über den Faschismus in Europa zu berichten wußte, und dem auf Herrn G.[örings] höchstpersönliches Eingreifen die Pressekarte zu der Eröffnungssitzung des Reichstages unter der Aegide der N. verweigert worden war. Schließlich hatte Rowohlt noch eine Broschüre »Adolf Hitler Wilhelm III« herausgebracht, die auf überraschende Ähnlichkeit in Charakter und Temperament dieser beiden Herren hinwies; er hatte ein Büchlein veröffentlicht »Kommt das Dritte Reich?«, das diesem Kommen nicht grade freundlich gesinnt war, und er hatte vor allem eine »Geschichte des Nationalsozialismus« gedruckt und verlegt, in der alle Widersprüche, Schandtaten und Dummheiten dieser noch so jungen Partei erbarmungslos aufgedeckt waren. Dieses Buch ist dann unter dem Ladentisch zu phantastischen Preisen verhökert worden – offiziell verfiel es natürlich sofort einem jener Scheiterhaufen, die zur Zeit der Machtübernahme überall in Deutschland lohten, und auf denen im allgemeinen ziemlich wahllos alles verbrannt wurde, was einen jüdischen Namensklang hatte. (Mit der literarischen Bildung der n. Henker sah es ziemlich faul aus, wie übrigens mit ihrer Bildung überhaupt.) Daß R. daneben noch unendlich viele schöngeistige jüdische Autoren hatte, und daß es noch genug jüdische Angestellte in seinem Verlag gab. Genug? Viel zu viel! (Eine dieser jüdischen Angestellten sollte ihm übrigens später – wenigstens offiziell – den Hals brechen, davon wird noch zu reden sein.) Politisch war R. ganz indifferent, er bezeichnete sich selbst in guter Stimmmung als »Pan-Chaotiker«, und wirklich war und ist er wohl noch heute ein Mensch, der in etwas turbulenten und wirren Zeiten den meisten Auftrieb hat. Die Blüte hat sein Verlag in den schlimmen Jahren ausgangs der Revolution und zu Beginn der Einführung der Rentenmark erlebt.

Über mein Sündenregister brauche ich kaum ähnlich ausführlich zu berichten, auf den folgenden Blättern wird zu lesen sein, wie sehr man mich liebte, wie eifrig man meine Arbeit förderte und was für freudige Jahre ich ab 33 mit den meinen erlebte. Es genügt wohl, wenn ich erwähne, daß führende, »repräsentative« n. Zeitungen und Zeitschriften mich als »den Paradegoi sämtlicher Juden des Kurfürstendamms« bezeichneten, daß sie mich zu dem »berüchtigten Pornographen« machten und mir bis auf die letzten Tage jede Existenz- und Schreibberechtigung in Deutschland bestritten.

Man hat es mir von der anderen Seite sehr verdacht und vorgeworfen, daß ich aus diesen feindlichen Einstellungen nicht meine Konsequenzen gezogen und wie andere Emigranten Deutschland verlassen habe. Es hat mir nicht an großzügigen Angeboten gefehlt. Noch in den Tagen der Besetzung der Tschechoslowakei ist mir vorgeschlagen worden, dem drohenden Kriege zu entfliehen und mit den meinen in ein nahes Land zu fahren, wo mir eine behagliche Häuslichkeit, die beste Arbeitsmöglichkeit, ein sorgenloses Leben bereit gehalten wurde, wo ich sofort eingebürgert worden wäre. Und wieder habe ich, mit all meinen schlimmen Erfahrungen seit 33 »Nein« gesagt, wieder habe ich, in meiner Produktion gehemmt, habe ich ständig befeindet, als Bürger zweiter Klasse behandelt, von dem nahen Schatten eines notwendigen Krieges bedroht, »Nein« gesagt, habe lieber mich, meine Frau und meine Kinder allen Gefahren ausgesetzt, als aus der Heimat zu gehen, denn ich bin ein Deutscher, ich sage es heute noch mit Stolz und Trauer, ich liebe Deutschland, ich möchte nirgendwo auf der Welt leben und arbeiten als in Deutschland. Ich könnte es wahrscheinlich nirgendwoanders. Was wäre ich wohl für ein Deutscher, wenn ich mich in den Stunden der Not und Schmach davon gestohlen hätte zu einem leichten Leben? Denn ich liebe dieses Volk, das der Welt unvergängliche Klänge geschenkt hat und weiter schenken wird. Hier sind Lieder gesungen wie in keinem Lande der Welt, hier in Deutschland erklangen Töne, die man nicht wieder hören wird, wenn dieses Volk untergeht! So treu, so geduldig, so standhaft dieses Volk – und so leicht zu verführen! Weil es so gläubig ist – jedem Scharlatan glaubt es.

Und ich sage es hier rückhaltlos: es sind nicht die Deutschen gewesen, die dem N. am meisten den Weg bereitet haben, das haben die Franzosen, die Engländer getan. Seit 1918 hat es manche Regierung gegeben, die den besten Willen zu guter Zusammenarbeit hatte – man hat ihnen nie eine Chance gegeben. Immer wieder hat man vergessen, daß sie nicht nur die Vollzieher fremder Gewaltmaßnahmen, sondern auch die Vertreter eines verelendeten, verhungerten Volkes waren, das sie liebten! Sie haben uns in den Abgrund, in die Hölle gestoßen, in der wir heute leben!

Ja, ich bin geblieben und mit mir mancher andere. Wir haben uns gegenseitig Mut gemacht, und wir sind etwas in Deutschland geworden, es sei ohne alle Überheblichkeit, nein, mit aller Bescheidenheit sei es gesagt: wir sind das Salz geblieben, es ist nicht alles dumpf und dumm geworden. Es ließ sich ja nicht vermeiden, daß es bekannt wurde in meiner Gegend, daß ich ein schwarzes Schaf war, in meinem Hause ist nie »Heil Hitler« gesagt worden, und für solche Dinge schärften sich die Ohren der Leute in Deutschland mit den Jahren merkwürdig. Mancher hat mit mir geredet, wie ihm um’s Herz war, das gab uns gegenseitig Kraft, weiter auszuhalten. Wir haben nichts so Lächerliches getan wie Verschwörungen zu schmieden und Putsche anzuzetteln, was man in völliger Verkennung der ernsten Lage im Ausland immer von uns erwartet hat. Wir waren nämlich keine Selbstmörder, deren Tod niemandem genutzt hätte. Aber wir waren das Salz der Erde – und wenn nun das Salz dumm wird, womit soll man’s salzen?

Ich will hier, obwohl es eigentlich gar nicht an diese Stelle gehört, eine kleine Geschichte erzählen, die ich in meinen ersten Jahren der Machtergreifung erlebte, und die vielleicht einen kleinen Begriff davon gibt, wie die Atmosphäre meines Hauses Gleichgesinnte sofort aus ihrem sonst ängstlich gewahrten Schweigen hervorlockte. Eines Tages kam zu uns aus Berlin ein Monteur, um irgendeine Maschine zu reparieren. Er war ein richtiger Berliner, helle genug, und er hatte sofort erfaßt, in was für ein Haus er gekommen war. Bei Tisch – wir essen immer alle gemeinsam – taute er immer mehr auf und gab nun folgende ergötzliche und lehrreiche Geschichte zum Besten, aus der man ersehen kann, daß es in Deutschland auch in der schwersten Zeit aufrechte, unerschütterliche Männer gegeben hat (und geben wird), in allen Berufen und in allen Ständen. Also dieser Monteur erzählt im unverfälschten Berlinisch: »Also, da klingelt det an meine Tür, und als ick uffmache, steht da doch eener von die Bettler des Kanzlers vor mir, mit ’ne Liste in die Flosse. ›Ick komm von’t W. H. W‹, sagt der Mann, ›und det is nu mächtig uffjefallen, det Sie noch nie ’n Beitrag zu det große Opferwerk von det deutsche Volk jejeben haben. Det Winterhilfswerk nämlich …‹ Und nu red’t er los; ick laß ihn sabbeln, und wie er fertig is, sare ick zu ihm: ›Männecken, sare ick, sparen Se Ihre Puste, ick gebe doch nischt!‹

›Ja‹ sagt er da ›wenn Sie aber jetzt wieder nischt jeben, trotzdem ick Ihnen persönlich besucht habe, dann muß ick uff diese Hausliste eenen Kreis hinter Ihren Namen machen, und det kann doch sehr unanjehme Foljen for Ihnen haben.‹

›Männecken‹, sare ich wieder, ›wat Sie for geometrische Figuren hinter meenem Namen malen, det is mir völlig schnurz, ick gebe doch nischt!‹

›Mann!‹ drängelt er nu. ›Seien Se doch nich so, stürzen Se sich doch nich mit wissenden Oojen in den Abgrund! Sie jeben mir ’nen Fuffzjer, und ick mache keenen Kreis – klappt der Laden gleich!‹

›Det denken Sie!‹ sare ick. ›Aber een Fuffzjer, det is een janzet Brot, und een Brot, det zählt schon bei mir: ick habe nämlich fünf Kinder.‹

›Wat!‹ ruft der Kerl janz begeistert. ›Sie haben fünf Kinder? Da haben Sie ja janz im Sinne unseres Führers jehandelt.‹

›Jawoll!‹ sare ich, ›bloß, ick mache Ihnen dadruff aufmerksam: all diese Kinder sind vor der Machtergreifung gemacht worden!‹

›Mann‹, sagt er, ›Sie werden ooch im Leben kein juter Nationalsozialist!‹

›Sie haben’s erfaßt, Männecken!‹ antworte ich ihm. ›Ick werde nich mal ’n schlechter Nationalsozialist!‹

Ich muß es gestehen, diese kleine Geschichte hat einen bleibenden Eindruck auf mich gemacht, und das Wort vom schlechten N., der man auch nicht werden soll, hat mir in mancher Lage der kommenden Tage geholfen.

Und wenn ich mich heute frage, ob ich recht oder falsch gehandelt habe, daß ich in Deutschland geblieben bin, so sage ich noch heute: »Ich habe recht gehandelt!« Ich bin wahrhaftig nicht, wie man mir auch vorgeworfen hat, aus Angst um meinen Besitz oder aus Feigheit hier geblieben. Im Auslande hätte ich mehr und leichter Geld verdienen können, hätte ich sicherer gelebt. Hier habe ich unendlich viel Schweres erlebt, viele Stunden habe ich in Berlin im Bombenkeller gesessen, habe die Fenster rot werden [sehen] und habe, schlicht deutsch gesagt, oft richtig Angst gehabt. Mein Besitz ist jede Stunde bedroht, für meine Bücher wird seit einem Jahr kein Papier bewilligt – und ich schreibe diese Zeilen unter der Drohung des Stranges im festen Hause in Strelitz, in dem mich die Güte des Oberstaatsanwaltes als »gemeingefährlichen Geisteskranken« untergebracht hat, im September 1944. Alle zehn Minuten etwa kommt ein Wachtmeister in meine Zelle, sieht neugierig auf mein Gekritzel und fragt mich, was ich schreibe? Ich sage: »Eine Geschichte für Kinder« und schreibe weiter. Ich verscheuche jeden Gedanken an das, was aus mir wird, wenn jemand diese Zeilen liest. Ich muß sie schreiben. Ich ahne das nahe Ende des Krieges, und vorher noch will ich niedergeschrieben haben, was ich erlebte: nach dem Kriege werden’s Hunderte tun. Nein, lieber jetzt – wenn auch unter Lebensgefahr. Ich hause mit vierundachtzig größtenteils völlig geisteskranken Männern zusammen, die fast alle als Mörder, Diebe oder Sittlichkeitsverbrecher sich strafbar gemacht haben. Aber selbst unter diesen Umständen sage ich: »Ich habe recht getan, in Deutschland zu bleiben. Ich bin ein Deutscher und lieber will ich mit diesem unselig-seligen Volk untergehen, als in der Fremde falsches Glück genießen!«

Ich kehre zu R. und mir und zu den noch so ahnungslosen Tagen des Januar 33 zurück. Ja, wir waren arg kompromittiert, und manchmal gestanden wir uns das ein. Aber wir beruhigten uns immer wieder mit dem törichten Satz: »So schlimm wird es schon nicht kommen – jedenfalls für uns nicht.« Wir schwankten haltlos zwischen äußerstem Leichtsinn und einer behutsamen Vorsicht. Eben noch hatte Rowohlt seiner Frau den neuesten Witz über G. erzählt, und schon brüllte er sie zornerfüllt an, weil sie denselben Witz meiner Frau erzählt hatte. Ob sie das ganze Haus ruinieren wolle? Ob sie alle in ein Konzentlager bringen wolle? Ob sie denn ganz wahnsinnig und von allen guten Geistern verlassen sei?! Und dann ging dieser selbe R. hin und leistete sich das folgende Stückchen: Seine Frau war nämlich eigentlich die viel Vorsichtigere, und da sie gut wußte, daß ihr Hausstand in ihrer dortigen Gegend nicht gerade den besten n. Ruf genoß, achtete sie darauf, jedermann besonders korrekt mit dem »Deutschen Gruß«, mit »H. H.« zu grüßen. Neben ihr ging dann ihr kleines, wohl vierjähriges Töchterchen, nur »Baby« genannt und grüßte ebenso korrekt wie die Mutter.

Der gute Vater aber, der R., der immer voll von Einfällen steckte und der garzu gerne seiner Frau einen Streich spielte, nahm sich die Baby beiseite, und richtete sie ab und dressierte sie, und als die Mutter das nächste Mal mit ihr auf der Straße ging und brav mit H. H. grüßte, hob Baby die linke Faust und sagte mit ihrem hellen Stimmchen: »Rot Front! Ein Arsch ist blond!« Ach, was hat das der Mutter für Tränen, für Verzweiflungsausbrüche gekostet, um dem Kind diesen wirklich nicht ganz zeitgemäßen Gruß wieder abzugewöhnen! R. aber, der Überängstliche, der Vorsichtige, lachte nur dazu; das Vergnügen über den ausgezeichneten Witz überwog bei weitem die Furcht vor der wirklich großen Gefahr. Denn schon der Gruß »Rot Front« bedeutete mindestens K. Z., wahrscheinlich noch sehr viel Schlimmeres.

Oder R. rief mich in meinem Dörfchen an, wo die junge Dame des Postamtes aus Beschäftigungsmangel immer sehr neugierig auf die Telefongespräche des »berühmten« Schriftstellers war, und begrüßte mich mit einem schallenden: »Hallo, Väterchen! Heil H!«

»Nanu, R.?« fragte ich dagegen. »Sind Sie jetzt auch in die Partei eingetreten?«

»Aber, Mensch!« rief der Unverbesserliche. »Am Arsche sind wir doch alle braun!«

So war R., und wesentlich änderte er sich auch nicht. Und so war auch ich, vielleicht nicht ganz so aktiv, so erfindungsreich und bestimmt nicht so witzig, aber ich entwickelte in diesen Tagen eine recht gefährliche Vorliebe für kleine boshafte Geschichten und Witze über den N., ich sammelte sie gewissermaßen in mir und kolportierte sie auch gerne, wobei ich es mit der Wahl der Empfänger oft nicht sehr genau nahm, wenn die Geschichten nämlich sehr gut waren, und sie mir darum auf der Seele brannten. Das konnte nicht lange gut gehen, und es ging auch nicht lange gut. Ehe ich aber zur Erzählung meines ersten Zusammenstoßes mit dem n. Regime komme, muß ich erst einmal etwas ausführlicher über unsere damaligen Lebens- und Wohnumstände sprechen. Wie schon gesagt, war der Erfolg des Kleinen Mannes rasch verebbt, ich hatte das Geld unsinnig genug ausgegeben, und als meine Frau »Halt« gebot, hatten wir wohl noch einiges aber gar nicht mehr so viel. Um das Verrinnen dieses »Einigen« etwas zu erschweren, wurde beschlossen, auf das Land zu ziehen, wo es keine Versuchungen wie Bars, Tanzdielen und Varietés gibt. Nach einigem Suchen wurde eine Villa am Ufer der Spree in dem Dörfchen B.[erkenbrück] gefunden, wir mieteten uns in ihrem oberen Stockwerk ein und beschlossen, von hier aus noch weiter draußen auf dem Lande einen eigenen Besitz zu suchen, so lange aber hier wohnen zu bleiben. Alles, was wir antrafen, schien übrigens unseren Wünschen auf das Trefflichste zu entsprechen. Die Villa lag ganz am Ende des Dorfes, dem Walde gegenüber, eines der wenigen städtischen Gebäude, die sich an dieses sonst reine Bauerndorf angeschlossen hatten. Nach der kaum befahrenen Straße zu lag der Garten flach, um dann zur Spree, die hier gradlinig reguliert dahinlief, steil abzufallen. Es gab viele Obstbäume, reichlich Wirtschaftsgebäude, und alles war eine Spur vernachlässigt, am Beginn des Verfallens. Das kam daher, daß unsere Wirtsleute vollkommen mittellos waren. Er, Sp.[onar], ein Siebziger, mit einem glatten flächigen Schauspielergesicht und schneeweißem Haar, trug immer Samtjacketts und kleine flatternde Halsbinden, er gab sich für ein Stück Künstler aus. Vom Künstler hatte er jedenfalls das Geschäftsuntüchtige gehabt. Er hatte eine kleine Fabrik in Berlin besessen, in der man nach von ihm gefertigten Entwürfen Alabasterschalen in vielen schönen sanften Farben hergestellt hatte, die als Lampen dienten. Die Fabrik war einmal sehr gut gegangen, als noch solche Alabasterschalen als Lampen Mode gewesen waren, dann hatte sich der Geschmack anderen Arten von Leuchten zugewandt. Sp. hatte sich verbissen gegen diesen Geschmackswechsel gesträubt, immer weiter hatte er seine geliebten Alabasterschalen nach eigenen Entwürfen angefertigt. Er hatte alle seine Ersparnisse in diesen sinnlosen Protest gesteckt, er hatte sein Haus an der Spree bis zum letzten Dachziegel mit Hypotheken belastet – und dann war der Zusammenbruch doch gekommen, ehe die Alabasterschalen wieder Mode geworden waren. Wenn man ihn darüber sprechen hörte, den Siebziger, dann flammten unter den weißen Haaren die dunklen Augen; noch immer glaubte er an den Bestand der Alabasterschalen, wie andere Gläubige an die Rückkehr des Messias glauben. »Ich erlebe es noch, daß alles Volk wieder Alabasterschalen kauft!« rief er wohl. »Was ist das jetzt für eine Mode? Pergament-Lampenschirme, sogar Papierschirme! Was für ein Ungeschmack. Das Licht der Alabasterschalen war erstens ein sanftes und beliebig abtönbar, zweitens …« Und er erging sich in einem langen Exkurs über die Vorzüge der von ihm hergestellten Leuchten. Frau Sp., sein angetrautes Weib, hatte etwas von einer enthronten Königin, von Maria Stuart in der Stunde vor ihrer Enthauptung. Auch ihr Haar war über dem weißen, fast faltenlosen Gesicht schneeweiß, ihre Gestalt hatte etwas Junorisches, sie hatte was man wohl eine Vollbüste nennen kann, und sie verstand sie zu tragen. Nicht schwer war zu sehen, daß sie in der Ehe die unbedingt Führende war. Der abgedankte Künstler hatte der enthronten Königin gegenüber blinden Gehorsam. Ob das immer so gewesen war, möchte ich bezweifeln. Diese zweifelsohne kluge, oder doch listige Frau hätte den Mann sicher nicht sehenden Auges so töricht in den Ruin laufen lassen. Das hatte er wohl alles hinter ihrem Rücken getan, und erst, als sie den völligen Zusammenbruch erfuhr, hatte sie die Zügel des Regimentes an sich gerissen. Zu spät! Denn nun waren sie arme Leute geworden, schlimmer als das: Wohlfahrtsempfänger. Was ich an Miete zahlen mußte, und wenig war das nicht, ging restlos an die Hypothekengläubiger, die froh waren, endlich ein wenig Zinsen für ihr dargeliehenes Geld zu erhalten. Sp’s aber lebten von der jämmerlichen Rente, die ihnen die Wohlfahrt in den damaligen Hungerjahren gezahlt, das werden wohl so dreißig Mark im Monat – für die beiden Eheleute zusammen natürlich! – gewesen sein, wie man so sagt: zum Leben zu wenig, zum Sterben zuviel. Erleichtert wurde ihnen das natürlich dadurch, daß sie noch immer im »eigenen« Hause wohnen und vom »eigenen« Garten leben konnten. Zu anderen Zeiten hätten natürlich die Hypothekengläubiger schon längst die Zwangsversteigerung des Hauses betrieben, aber schon eine der früheren Regierungen hatte, um ein völliges Chaos im Grundstückswesen zu verhindern, den sogenannten Vollstreckungsschutz eingeführt, was besagen will, daß Zwangsvollstreckungen nur vorgenommen werden durften, wenn der Schuldner seine Zustimmung dazu gab, was er natürlich nur in den seltensten Fällen tat.

Dies waren unsere Wirtsleute und dies ihre näheren Lebensumstände, wie sie unschwer von ihnen selbst zu erfahren waren. Im Ganzen kamen wir sehr gut mit ihnen aus, wir waren ja schließlich auch keine kleinlichen Mieter, und wenn irgendetwas zu reparieren war, ließ ich’s auf meine Kosten machen, wenn es auch Sache des Wirtes gewesen wäre. Sp’s hatten nun einmal nichts. Dem alten Mann gab ich auch ein kleines Monatsgeld, für das er in meinem Anteil des Gartens ein wenig nach seinen alten Kräften herumpusselte. Um die enthronte Fürstin aber gingen wir mit größerer Vorsicht herum, so herablassend und freundlich sie sich auch gab, wir trauten ihr nie ganz. In ihren großen Augen war oft ein Leuchten wie von Qual; manchmal dachte ich, sie haßte uns, weil wir besaßen, was sie verloren hatte: Besitz, Sorglosigkeit, Glück. Die Tage gingen dahin und wurden zu Wochen und Monaten, und wir fühlten uns immer wohler in der Villa an der Spree. Unser Junge jubelte jedem Schleppdampfer zu, der fast unter unseren Fenstern lange Reihen von Zillen, dicken, schwarzen Dampf ausstoßend, Berlin zuschleppte. Wir machten weite Spaziergänge in den Wäldern und manchmal vergaßen wir für Stunden ganz dieses Berlin, in dem unterdes die N. ihre Herrschaft immer mehr befestigten, Parteien auflösten und ihr Eigentum beschlagnahmten. Ich erinnere mich noch, wie ich meiner Frau voller Empörung sagte, als das Liebknechthaus beschlagnahmt und mit Trara und Pomp in ein H.[orst] W.[essel] Haus verwandelt wurde (als hätten die einen ungeheuren Sieg errungen): »Die Schamlosigkeit, mit der sie sowas tun! Es ist doch nichts wie Diebstahl! Aber grade durch diese selbstverständliche Schamlosigkeit machen sie es den Leuten eher genießbar!«

Kamen wir aber einmal nach Berlin und sahen die Gliederungen der Braunhemden oder Sturmführung [mit ihren] Standarten durch die Straßen marschieren, wobei sie wilde Lieder sangen, von denen mir noch die Zeile erinnerlich ist: »… Muß das Judenblut vom Messer fließen!« –, so fingen meine Frau und ich zu laufen an, um an der nächsten Ecke abzubiegen. Denn es war die Verordnung herausgekommen, daß bei solchen Umzügen alle Straßenpassanten mit erhobener Hand die Standarten zu grüßen hatten. Wir waren bei weitem nicht die Einzigen, die einem solchen erzwungenen Gruß entliefen. Damals ahnten wir noch nicht, daß unser jetzt vierjähriger Sohn eines Tages auch ein Braunhemd tragen würde, und das in meinem eigenen Hause, daß ich eines Tages auch eine N.-Fahne würde anschaffen und an »Festtagen« würde hissen müssen – hätten wir eine Ahnung von dem Leidensweg gehabt, der vor uns lag, wir hätten uns vielleicht doch noch anders besonnen und hätten unsere Koffer gepackt. Wenn wir dann wieder nach B. zurückkamen, beglückwünschten wir uns zu unserem dörflichen Frieden. Wir sahen uns an und sagten: »Gottlob! Die Bauern hier auf dem Lande kümmern sich nicht um die N! Die bestellen ihren Acker und sind froh, wenn sie zufrieden gelassen werden!« Wir ahnungslose Toren, wir! Bald sollten uns die Augen über den N. auf dem Lande aufgehen!

Mittlerweile gefiel uns aber unsere Villa so gut, daß wir beschlossen, alles weitere Suchen aufzugeben und dort zu bleiben, wo wir waren, aber aus Mietern Eigentümer zu werden. Das war ohne die Einwilligung der Sp.’s nicht möglich. Wir gingen zu ihnen und machten ihnen folgenden Vorschlag: Ich wollte von den einzelnen Hypotheken-Gläubigern die Hypotheken aufkaufen, und er sollte seine Zustimmung zur Zwangsversteigerung geben. Bei diesem Termin würde ich dann das Haus zum Hypothekenwert erwerben, ein Überbieten war bei der Höhe der Belastung ausgeschlossen. Er aber sollte als meine Gegenleistung für seine Einwilligung in die Versteigerung ein lebenslängliches Wohnrecht in der freilich um die Hälfte verkleinerten Wohnung des Erdgeschosses erhalten, für sich und seine Frau und ebenso für sie alle beide eine monatliche Rente von mir, die doppelt so hoch war wie die Wohlfahrtsrente. Dafür sollte er, so weit es seine Kräfte zuließen, im Garten mithelfen.

Es war ein Vorschlag, wie er den Sp.’s günstiger nicht gemacht werden konnte. Denn eines Tages würde der Vollstreckungsschutz ja doch wieder fallen, dann kam das Haus unter den Hammer und er verlor Wohnrecht und Garten ohne jede Entschädigung. Umso erstaunter war ich, als die Leute zögerten, auf meinen Vorschlag einzugehen. Ich drängte in sie, und schließlich kam er mit der Sprache heraus. Er meinte, durch die Einwilligung in die Zwangsversteigerung gebe er sich doch ganz in meine Hand. Sei das Haus einmal versteigert, seien Sp.’s wirklich rechtlos, und ich könne mit ihnen machen, was ich wollte. Versprochen sei leicht etwas, er wolle mich nicht kränken, aber Halten sei bei diesen unsicheren Zeiten noch unsicherer … Ich sagte ihm lachend, diese Bedenken seien auf die leichteste Weise zu beheben: wir brauchten nur gemeinsam zu einem Notar zu gehen und die gegenseitigen Verpflichtungen dort festzulegen. Er versprach, es sich zu bedenken, einen Tag oder zwei. Ich verstand ihn nicht, ich fand, er hätte mir dankbar sein müssen. Was ich ihm bot, war ein reines Geschenk. Aber die Menschen sind nun einmal wunderlich, und alte Leute zumal. Er kam aber auch – guter Rat kommt über Nacht – schon am nächsten Morgen zu mir und gab seine Einwilligung. Ich schlug ihm vor, gleich mit mir zum Notar zu fahren und alles, wie er gewünscht, festzumachen. Aber plötzlich hatte er es nicht mehr so eilig. Er habe es etwas auf der Brust, meinte er. Es sei ja auch nicht so eilig, er wisse, ich sei ein Ehrenmann: Ende dieser oder zu Beginn nächster Woche würde alles gemacht werden. Ich war es zufrieden. Die Aussicht, Hausbesitzer zu werden, nachdem ich vor noch so kurzer Zeit gar nichts besessen, berauschte mich. Ich glaubte, alles bestens abgemacht und fuhr nach Berlin, um bei einer Großbank die Haupt-Hypothek einzuhandeln. Man gab sie mir willig genug, man war froh, dieses Instrument loszuwerden, das kaum je Zinsen gebracht hatte. Dann machte ich mich an den Ankauf von fünf oder sechs kleineren Hypotheken über Tausender-Beträge, Sp. hatte sie wohl in seinen schlimmsten Zeiten aufgenommen, um sich von Monat zu Monat über Wasser zu halten und weiter unverkäufliche Alabasterschalen zu produzieren. Dies vollbracht, saß ich vergnügt in meinem Heim und harrte darauf, daß mein guter Wirt es nicht mehr so auf der Brust hatte und mit mir zum Notar gehen konnte.

Nun kommt ein Zwischenspiel, nicht ohne tiefere Bedeutung, das liebe Osterfest, zu dem wir unserem Jungen bunte Eier verstecken würden, war nahe. Am Gründonnerstag besuchte uns ein Herr v. S.[alomon], Mitarbeiter im Verlage. Herr v. S. war kein jüdischer Herr, wie man seinem Namen nach annehmen könnte (und auch angenommen hat), sondern entstammte dem rheinischen Adel. Salomon war eine Eindeutschung des französischen »Salmon« = Lachs. Er hatte drei Brüder, und etwas Gegensätzlicheres als diese drei Brüder gab es nicht so leicht wieder; sie waren so recht ein Bild von der Zerrissenheit des deutschen Volkes. Der eine seiner Brüder war ein braver Bankbeamter, ein guter Bürger, den nur das eigene Vorwärtskommen interessierte. Der zweite war ein engagierter Kommunist, wenn man seinem mir bekannten Bruder Glauben schenken darf (aber man durfte ihm bei weitem nicht alles glauben!), war dieser Bruder von Stalin persönlich mit einem hohen Orden ausgezeichnet. Jedenfalls war dieser Herr v. S. bald einer der »meistgesuchten« Männer in Deutschland, trotz des Schreckensregimes der N. fuhr er ständig als Kurier zwischen Paris und Moskau hin und her, unter hundert Verkleidungen, den schlimmsten Gefahren trotzend, und machte regelmäßig auch in Berlin Station, wo sich dann ab und zu die Brüder trafen. Der dritte S. war ein hohes Tier im Stabe des später berühmt gewordenen Herrn Röhm, mit dem er aber nicht zu Grunde ging, sondern im Gegenteil: er stieg immer weiter auf. Er hatte den für mich unvergeßlichen Vornamen Pfeffer. Pfeffer v. S. – das nenne ich noch einmal einen Adel. Mein S. schließlich hatte auch, so jung er noch war, eine ziemlich bewegte Vergangenheit hinter sich. Als blutjunger Bursch hatte er mit der Eisernen Division im Baltikum gekämpft, hatte sich dann der Organisation Consul angeschlossen, hatte am Ruhrkampfe teilgenommen und schließlich irgendwie ferner beim Rathenau-Mord Hilfe geleistet. Dafür war er für einige Zeit ins Gefängnis gewandert, wo er aber bei der damaligen streng nationalen Einstellung der Beamten den großen Herrn hat spielen können. Er war sogar regelmäßig mit dem Gefängnisdirektor in die Stadt zum Abendschoppen gegangen und hatte einer bewundernden Stammtischrunde seine Abenteuer zum Besten gegeben, wobei es ihm im Feuer des Erzählens leicht vorkommen konnte, daß er fremde Abenteuer mit seinen eigenen verwechselte, und zum Beispiel Anekdoten aus der Marneschlacht als selbst erlebt berichtete; zu jener Zeit dürfte er etwa zwölf oder dreizehn Jahre gewesen sein. Nach seiner Gefängnishaft hatte er aus seinen Erlebnissen ein paar Bücher gemacht, die gut und flüssig geschrieben waren, so lange es sich um seine eigenen Abenteuer handelte. In dem einen dieser Bücher »Den Geächteten« hat er den Rathenaumord zu glorifizieren versucht; er hat dabei den Spieß ein wenig umgedreht und aus dem ermordeten R.[athenau] einen Edelmenschen aber teuflischen Einschlages gemacht, während die armen Mörder als unschuldig gehetztes Wild durch Deutschland irren mußten. Ein anderes Buch, »Die Stadt« betitelt, ist ein Kuriosum, der starke Band ist ohne jene Unterteilung immer weiter fort geschrieben und gedruckt, kein Kapitel, nicht einmal ein Absatz unterbrechen die öde Gleichförmigkeit des Satzbildes und geben dem Auge des Lesers einen Rast- und Haltepunkt. Die Buchhändler nannten dies Buch darum auch »das Buch ohne Absatz« – und sie hatten recht damit, auch im anderen Sinne: es blieb ohne jeden Absatz, sehr zum Kummer meines guten R. Herr von S. aber fand bald heraus, daß Bücherschreiben ein Geschäft ist, das Fleiß erfordert und oft doch wenig einträgt. Wie viele Menschen, die geistreiche Einfälle haben und nicht gerne zu viel arbeiten, aber gern gut leben, wandte er sich dem Film zu. Das ist ihm gut bekommen, als ich ihn das letzte Mal auf dem Kurfürstendamm traf, war er fett geworden, und die Bekanntschaft mit einem kleinen Schriftsteller bedeutete ihm, der ständig mit den Sternen des Filmhimmels umging, entschieden nur wenig. Aber damals, als er mich an jenem Gründonnerstag besuchte, waren jene Tage noch fern. Damals war Herr v. S. noch mager wie ein junger Jagdhund, dem er mit seinem rassigen, scharfen Gesicht unbedingt ähnelte. Was er eigentlich bei mir gewollt hat, erinnere ich nicht mehr, wahrscheinlich wollte er mir die neuesten Witze über H. und seine Partei anbringen: das war damals so eine Art Gesellschaftsspiel: gar nicht schnell genug konnte man sie verbreiten! v. S. war ein witziger und plaudersamer Mann, er kannte jeden Menschen in der Literatur und Kunst, die Stunden verflossen rasch genug in seiner Gesellschaft. Es wäre vielleicht ein wenig klüger gewesen, wenn wir diese Unterhaltung nicht grade auf unserer Diele, sondern in ein mehr abgeschlossenes Zimmer verlegt hätten, aber wer kann immer klug sein? Wir waren es damals jedenfalls sehr wenig. Und wer kann immer daran denken, daß man im unteren Stockwerk nur eine Tür zu öffnen braucht, um jedes oben gesprochene Wort zu hören? Die Akustik geht sonderbare Wege: mal hört man alles, mal hört man nichts, an diesem Gründonnerstag-Nachmittag hörte man verdammt ein wenig zu viel!

Folgt Zwischenspiel Nummer 2, wieder nicht ohne tiefere Bedeutung, besonders für die Betrachtung menschlicher Charaktere. Es ist nun Karfreitag geworden, meine Frau und ich gehen im Garten spazieren, zwischen uns der auf seinen dreijährigen Beinen munter einherwackelnde Sohn. Es ist noch nicht spät am Vormittag, oben beginnt die Glocke im Dorf zum Kirchgang zu rufen, es wird also gegen zehn Uhr sein. Wir bewundern die Krokusse und Tulpen und Hyazinthen, die sich durch das welke Laub hervorgedrängt hatten und ihre leuchtenden Farben in der Sonne strahlen ließen. Wir hinderten den Sohn bald mehr, bald weniger erfolgreich daran, diese Blüten abzureißen.

Da treten aus der Tür des Hauses die Sp.’s, Gebetsbücher in der Hand, zum Kirchgang bereit, sie jeden Zoll mehr denn je enthronte Königin, er ohne Samtjackett, sondern im schwarzen Bratenrock ewiger Künstler, als Begräbnisteilnehmer. Sie marschieren stracks auf uns zu und machen vor uns Halt. »Wir haben«, sagt Frau Sp. mit ihrer tiefen, immer etwas klagenden Stimme, »wir haben die Gewohnheit am heiligen Karfreitag das Heilige Abendmahl zu nehmen.« (Schon die Häufung des »heiligen« störte mich an diesem Anfang.) »Und wir haben weiter«, fuhr Frau Sp. fort, »die Gewohnheit, bevor wir das Heilige Abendmahl nehmen, unsere Bekannten, Freunde und Verwandten um Verzeihung zu bitten für alles, was wir ihnen wissentlich oder unwissentlich in Gedanken oder Werken Übles getan haben. – Herr Fallada, Frau Fallada, wir bitten Sie um Vergebung – Verzeihen Sie uns!« Wahrhaftig den beiden standen vor Rührung die Tränen in den Augen, wir beiden aber, meine Frau und ich, wären vor zorniger Scham am liebsten in der Erde versunken. »Sie sollen mich zufrieden lassen mit ihrem religiösen Privatquatsch!« dachte ich wütend. »Das ist ja alles heuchlerisches Theater! Die Königin bereut nie, ist fehlerlos und kann gar nicht um Verzeihung bitten, und er ist bloß ein alter Trottel! Eine ekelhafte Belästigung ist das!«

Aber was soll man machen. Man ist nun eben so erzogen, daß man solche Gefühle nicht laut werden läßt, sondern gute Miene zum bösen Spiel macht. Sehr gut ist freilich meine Miene kaum gewesen, als ich ihnen versicherte, wir hätten ihnen nichts zu vergeben, unseretwegen könnten sie ruhig das Abendmahl nehmen. Sie dankten uns wieder ganz gerührt, indes die blanken Tränen liefen dabei über ihre alten Heuchlergesichter. Hätte ich damals gewußt, was ich gut vierundzwanzig Stunden später ahnte, und etwa zwölf Tage darauf mit absoluter Sicherheit wußte, daß diese beiden Schurken in jener Stunde des Bittens uns bereits den Nazis verkauft hatten, und daß sie um Geld Kummer, Krankheit und Lebensgefahr auf unser Haupt damals herabbeschworen hatten, ich glaube, ich hätte sie in dieser Minute noch mit meinen eigenen Händen erdrosselt! So sah ich nur nach, wie sie im feierlichen Schwarz, ihre Gebetsbücher in den Händen, aus dem Garten wandelten, und fragte meine Frau: »Wie findest Du das?«

»Einfach ekelhaft!« brach sie aus. »Ich finde, dies Theater hätten sie uns ersparen können. Oder glaubst Du ein Wort von dem Getue?«

»Kein einziges«, antwortete ich, und dann stiegen wir durch den Garten zur Spree hinunter und vergaßen über der Freude unseres Jungen an Wellen und Zillen bald die beiden alten Heuchler.

 

(25. IX. 44) Der nächste Morgen kam, es war der Sonnabend vor dem schönen Osterfest, und die Mutter hatte mit Kochen und Backen vielerlei zu tun. So gingen Vater und Sohn selbander aus, wieder an die Spree, und zwischen sich ließen sie den Teddy mitgehen, ein wunderbares unverwüstliches Tier, das ich noch in den »ärmlichen« Zeiten meines Hausstandes für dreiunddreißig Mark erstanden hatte, zum Entsetzen meiner Frau. Der Teddy bleckte so schön seine rote Zunge, und seine Freude am sonnigen Frühjahrshimmel und den schon wieder eifrig fahrenden Schiffen schien eben so lebhaft wie die meines Knaben. Eine Weile vergnügten wir uns nur mit Schauen, dann gingen wir zu aktiveren Spielen über und durchstöberten eine kleine Schilfwildnis, aus der Vögel, unwillig über die Störung tschilpend, aufflatterten. Den Teddy hatten wir so lange abgesetzt auf einem Maulwurfshaufen. Wir waren noch beim Stöbern, da standen plötzlich vor uns zwei Gestalten in jenen braunen Hemden, die ich damals schon nicht gerne sah und an deren Anblick ich mich bis heute noch nicht gewöhnt habe. In der Hand hielt jede der Gestalten eine Pistole, die unmißverständlich auf mich gerichtet war. »Nanu!« dachte ich. »Sind Sie der Fallada –?« wurde ich gefragt. Der Sprecher sagte aber nicht Fallada mit dem Ton auf erster Silbe, wie ich es liebe, denn das kann wie ein triumphierender Trompetenstoß klingen, sondern er sprach es Falláda, was immer nach einem Menschen klingt, der gleich fallen und auf der Nase liegen wird. Recht hatte er ja eigentlich, denn ich würde gleich fallen, aus all meinen schönen Osterfestträumen zum mindesten, aber auf der Nase würde ich deswegen doch nicht liegen! »Der bin ich!« sprach ich, faßte die Hand meines kleinen Sohnes fester und fand diesen ganzen Aufwand angesichts meines friedfertigen Charakters reichlich theatralisch. »Dann kommen Sie mit!« wurde mir barsch gesagt. »Und denken Sie an keinen Fluchtversuch, wir schießen sofort.«

»Ich darf vielleicht erst unseren Teddy holen?« fragte ich freundlich, und schweigend duldeten es die beiden Finsteren, daß wir den Teddy von seinem Maulwurfshaufen fortnahmen. So marschierten wir durch den aufsteigenden Garten der Villa zu: mein Sohn und ich, zwischen uns den Teddy, und die beiden Braunhemden mit gezückten Pistolen. Ich fand, ich verdarb ihnen ihren theatralischen Aufzug gewaltig, aber sie merkten nicht das Geringste davon, noch nie haben Menschen so wenig Sinn für Humor gehabt wie Herr H. und sein gesamter Anhang bis in die fernsten Ausläufer. Ihnen war alles blutiger Ernst, und das ist es ja dann auch bis in den letzten Sinn des Wortes geworden.

Im Übrigen machte ich mir über diesen Morgenbesuch nicht viel Gedanken. Das war wahrscheinlich wieder einmal eine der jetzt so beliebten Nachsuchen nach Waffen oder kommunistischen Schriften – sie sollten gerne bei mir suchen, ich war sicher, sie würden nichts bei mir finden. (Ich unschuldsvoller Engel ahnte damals noch nicht, daß man sich auch mitbringen kann, was man finden will, ein durchaus sicheres Mittel, Mißliebige unter allen Umständen zu erledigen. Aber bei mir ging es an jenem Tage nicht um solche Dinge. Die Politik war ferne, und die Geldinteressen überwogen, aber das sollte ich noch zu seiner Zeit erfahren!)

Ich fand das stille Haus am Dorfende in der lebhaftesten Bewegung. Es wimmelte nur so von S. A.-Leuten, zwanzig, fünfundzwanzig von diesen Herren hatten mich zum mindesten beehrt, unter ihnen auch ein großer Mann mit irgendwelchen Abzeichen in Gold. War es ein Standartenführer? Ein Rottenführer? Ein Scharführer? Ich ahne es nicht, bis heute habe ich mein Hirn noch nicht mit der Erkundung all dieser Uniformspielereien, in denen sich das neue Deutschland seit 1933 ausgetobt hat, belastet. Ich möchte ohne Abzeichen und Ehrenauszeichnungen sterben; wenn ich sehr alt werden sollte, können sie mich am Brandenburger Tor in Berlin ausstellen und anschlagen: »Dies ist der einzige Deutsche, der nie einen Orden oder Ehrenzeichen erhalten hat, der nie einen Rang oder Titel erworben, der nie einen Preis erhielt und nie einem Verein angehörte.« In diesem Punkte bin ich bestimmt sehr undeutsch.

Also ein höherer S.-A.-Führer war auch aktiv, was aber meinem Herzen wohl tat, es war auch ein braver Landjäger dabei, in der vertrauten grünen Uniform und mit einem Tschako. Es war nämlich damals kürzlich eine Verordnung des Herrn G.[öring] herausgekommen, daß Haussuchungen und Verhaftungen von nun an nicht mehr von Gliederungen der Partei allein vorgenommen werden durften, sondern daß stets ein Beamter der Polizei dabei sein mußte. Die Übergriffe und Brutalitäten nämlich, die sich die Herren von der Partei Gegnern gegenüber erlaubt hatten, waren wie Gestank zum Himmel emporgestiegen, und zu jener ersten Zeit waren sogar manche Parteinasen noch empfindlich gegen allzu argen Gestank. Diese Empfindlichkeit gab sich allerdings rasch. Die Herrschaften sahen bald ein, daß sie sich dem deutschen Volk gegenüber einfach alles erlauben konnten, es war eben schon garzu geduldig!

Der Anblick eines Gendarmen gab mir also – in Erinnerung jener Verordnung – ein gewisses Gefühl der Sicherheit: es würde doch wenigstens einigermaßen »legal« zugehen. (Binnen jetzt und zwei Stunden würde ich erfahren, wie es mit dieser »Legalität« aussah.) Der Gendarm sagte zu mir ganz höflich: »Wir müssen eine Haussuchung bei Ihnen abhalten, Herr Fallada, es liegt eine Anzeige gegen Sie vor. Geben Sie mir Ihre Schlüssel!«

»Bitte sehr!« antwortete ich und gab sie ihm. Ich war beruhigt über den höflichen Ton, hütete mich aber, nach dem Inhalt der Anzeige zu fragen. »Wer viel fragt, bekommt viel Antwort« oder gar keine, und das gilt besonders in dem Umgang mit Gerichtspersonen und allem, was mit ihnen zusammenhängt.

Wir gingen in das Haus hinein, ein stattlicher Aufmarsch, mein kleiner Sohn, der mucksmäuschenstill mit großen blauen Augen allen Vorgängen gefolgt war, und der Teddy noch immer an meiner Hand.

Einen Augenblick sah im Erdgeschoß Frau Sp. aus einer Tür hinaus, die Augen dieser bösen Frau glühten, ich hatte ein ungemütliches Gefühl, als sie mich so ansah. Und mit diesem Gefühl hatte ich, ohne es noch zu wissen, recht: sie glaubte, mich zum letzten Mal in ihrem Leben zu sehen. Wir stiegen die Treppe hinauf, und in der Küche sah ich meine Frau wirtschaften, sie war ein wenig bleich, aber das Geschirr, mit dem sie wirtschaftete, klirrte nicht. Ich schickte ihr den Jungen hinein, der Gendarm sagte: »Es ist Ihnen verboten, mit Ihrer Frau oder sonst irgend jemandem vorläufig in Verbindung zu treten.« Ich neigte den Kopf. »Und nun zeigen Sie uns zuerst, wo Sie Ihre Briefschaften aufbewahren!« Ich tat es.

Ich bin immer stolz auf die Ordnung gewesen, in der ich meine Privat-Angelegenheiten gehalten habe, meine doppelte Buchführung würde keinem bilanzsicheren Buchhalter zu Schande gereichen, und meine Korrespondenz ist schön übersichtlich alphabetisch nach Empfängern in Ordnern gesammelt. Ich schloß den Schrank mit ihr auf. Die erste Mappe, die sie herausnahmen, war nicht die mit dem A, sondern die mit dem S. ›Aha!« dachte ich. »Dieser Besuch in der Morgenstunde hängt mit Herrn von S. zusammen! Wer weiß, was dieser Abenteurer mit dem so kommunistischen Bruder wieder ausgefressen hat, und mich bringt er dadurch auch ins Gedränge!«

Aber sie fanden nicht einen Brief von oder an Herrn von S., der war nur eine Plauderbekanntschaft.

Aber das entmutigte sie nicht, wenn es sie im ersten Augenblick auch enttäuschte. Sie gingen Mappe für Mappe durch, und als sie damit fertig waren, nahmen sie meine Bücher vor. Jedes Buch wurde gründlich durchgeschüttelt, sehr zum Schaden der Bucheinbände. Da ich damals noch nicht sehr viele aber doch schon eine ganze Reihe von Büchern hatte, dauerte das eine ganze Weile. Ab und zu liefen sie zu ihrem goldgeschmückten Führer und zeigten ihm ein Buch, das ihnen besonders auffiel, etwa das Erinnerungsbuch von Max Hölz: »Vom weißen Kreuz zur roten Fahne« oder Marx’ »Kapital« oder das Heft »Radikaler Geist«. Aber der Führer schüttelte den Kopf: solche Kleinigkeiten interessierten ihn nicht, es ging ihm um Größeres. Mit Recht nahm ich das für ein schlechtes Zeichen – dieser verdammte Herr von S., sicher hatte er wieder irgendeinen kleinen Putsch in Vorbereitung, war überwacht gewesen und so sein Besuch bei mir entdeckt worden. Nun, immerhin, bei mir würden sie nichts finden! Übrigens beteiligte sich der Gendarm nicht an dieser Haussuchung, er sah nur, ziemlich gelangweilt, zu und ließ die Braunhemden allein toben. Als einziges Ergebnis der einstündigen Untersuchung legten sie mir schließlich einen Zettel vor, den sie in meiner Arbeitsmappe zum »Blechnapf« gefunden hatten. Auf dem Zettel stand neben einer kleinen Zeichnung das Wort »Maschinengewehr«.

»Was haben Sie mit einem Maschinengewehr zu tun?« wurde ich gefragt. »Und was soll diese Zeichnung bedeuten?« Alle hatten sich um mich versammelt und hörten gespannt zu. Auf ihren Gesichtern lag Schadenfreude und Neugier, sie glaubten schon, sie hätten mich. »Meine Herren«, sagte ich lächelnd, »ich arbeite, wie Sie aus der Manuskriptmappe da sehen können, an einem Roman über das Schicksal der Strafgefangenen. Dafür habe ich manches Material über das Leben in den Gefängnissen gesammelt. Dazu gehört auch dieses ›Maschinengewehr‹. Dieses Maschinengewehr ist gar kein Maschinengewehr, sondern es sind, wie Sie aus der Zeichnung sehen können, acht Gefangene, die einen neunten, der sich etwa durch Klauerei mißliebig gemacht hat, in eine Decke gehüllt haben und nun auf eine besondere Art verprügeln wollen. So etwas nennt man im Kittchen Maschinengewehr …« Ich sah sie strahlend an. Aber ich begegnete in ihren Gesichtern nur offenem Unglauben, und ihr Führer fuhr mich wütend an: »Das sind ja alles faule Ausreden! Mit solchen Lügen können Sie uns doch nicht dumm machen! Gestehen Sie auf der Stelle, wo Sie das Maschinengewehr vergraben haben, oder ich ziehe andere Saiten auf. Ich fange mit Ihnen das Schwerste an, Mann –!« Er sah mich drohend an. Mir fiel schwer auf ’s Herz, daß ich kein Beweismittel mehr besaß, wenn diese Herren nicht glauben wollten. Ich war ganz in ihre Hand gegeben, meine Unschuld interessierte sie nicht, da Sie mich für schuldig halten wollten. In diesem Augenblick der Not kam nun Hilfe von da, wo ich sie am wenigsten erwartet hätte: von einem derben, schlägerhaft aussehenden Mann im brauen Hemd. »Doch«, rief er. »Das stimmt. Wir haben selber mal einen im Schlafsaal so vertrimmt, da sagten wir auch Maschinengewehr dazu …« Er brach ab, auf einen Blick seines Führers hin. Der fand es wohl nicht ganz richtig, das Vorleben eines braven S. A. Kämpfers in Gegenwart eines solchen Außenseiters wie ich zu erörtern. »Es ist gut«, sagte der Führer dann mürrisch und schob den Zettel in den Aufschlag seines Uniformärmels zu eventueller weiterer Verwendung. »Ich werde diese Sache noch später überprüfen. Jetzt werden wir erst die anderen Räume durchsuchen.« Sie taten es gründlich, aber nicht mit übermäßiger Geschicklichkeit. Mit einigem Vergnügen stellte ich fest, daß ein Hausbesuch, den wir hatten, eine jüdische Dame, ohne allzu große Mühe sich den Herren von Zimmer zu Zimmer entziehen konnte; sie bekamen sie überhaupt nicht zu Gesicht, trotzdem meine paar Zimmer doch eigentlich von S. A. wimmelten. Einmal sah ich die Dame in einem Winkel auf dem Balkon sitzen. Ich nickte ihr mit den Augen zu, und sie nickte lächelnd zurück: ich war doch froh, daß sie nicht entdeckt wurde, ihretwegen und auch ein wenig meinetwegen. Eine Jüdin im Hause wäre doch wieder eine zusätzliche Belastung gewesen.

Auch die Durchsuchung der übrigen Räume gab nicht das geringste Belastende: in mürrischem Schweigen wurde auf den Boden gestiegen und dort eine Durchsuchung unserer leeren Koffer und Kisten vorgenommen. Ich stand an dem einen Bodenfenster, am nächsten standen der S. A. Führer und der Gendarm im Gespräch.

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