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In jener verbotenen Nacht

1. KAPITEL

Nicht zum ersten Mal in den vergangenen Wochen fragte sich Lauren Bradley, wo die mutige Frau aufhörte, die sie schon immer sein wollte, und wo pure Dreistigkeit anfing. Wörter wie unverschämt, ignorant und peinlich drängten sich ihr auf, während sie darüber nachdachte.

Es war nicht weiter überraschend, dass sie diese verletzenden Worte in der leisen, bekümmerten Stimme ihrer Mutter hörte.

Lauren warf ihre langen braunen Zöpfe über die Schulter und sagte ihrer abwesenden Mutter im Stillen, sie sollte ruhig sein, während sie die junge Frau am Empfang des exklusiven hoteleigenen Friseursalons betrachtete. Diese Frau hatte sie gerade äußerst höflich abblitzen lassen, und aus lebenslanger Gewohnheit wäre Lauren fast stillschweigend davongeschlichen.

Doch heute klopfte ihr Herz für zwei in der Brust. Unwillkürlich richtete sie sich auf.

Wage ich es wirklich? dachte sie und erschauderte.

Oh, sie wusste ganz genau, dass sie nur wie eine weitere provinzielle Touristin wirkte, die einen schicken New Yorker Haarschnitt als Souvenir mit nach Hause nehmen wollte. Aber für sie bedeutete es so viel mehr. Lauren war im Begriff, ihr Leben selbst in die Hand zu nehmen, und zwar auf eine Weise, wie sie es sich nie vorgestellt hätte. Aber das bedeutete auch, dass sie die alte, stets freundlich lächelnde, bescheidene Lauren zur Seite schieben musste. Wenn sie nicht jetzt tief in ihrem Inneren die Kraft dazu fand, konnte sie genauso gut auch gleich ihr Gepäck aus ihrem Zimmer holen und sich in die leere Villa ihrer Großmutter zurückziehen. Dort konnte sie dann ihr Baby großziehen, voller Angst aufzufallen, genauso wie sie den Großteil ihres Lebens gelebt hatte.

Nein. Lauren richtete sich zu ihrer vollen Größe auf und hob das Kinn. Sie erlaubte der Empfangsdame, ihren Anruf zu beenden, mit dem diese versucht hatte, Lauren zu verabschieden. Eine tief verwurzelte gute Erziehung konnte wirklich eine Last sein. Aber abgesehen davon, brauchte Lauren auch ein paar Sekunden, um all ihren Mut zu sammeln und ein freundliches Lächeln zustande zu bringen. Die Empfangsdame legte den Hörer auf und sah Lauren an, als wollte sie sagen: Immer noch da?

„Ich glaube, es hat ein Missverständnis gegeben“, erklärte Lauren so entschieden wie möglich. „Heute Abend werde ich den Donatelli Wohltätigkeitsball besuchen.“

In der Miene der Rezeptionistin flackerte ein Funken Respekt auf. Ganz genau. Paolo Donatelli war ein Mann, der jede Frau dazu brachte, sich gerade hinzustellen und den Bauch einzuziehen.

Im Stillen hörte sie, wie ihre Mutter entsetzt nach Luft schnappte, doch sie wurde übertönt von der Stimme der Großmutter: Bravo!

Lauren umklammerte den Riemen ihrer Handtasche und ergänzte mutig: „Sind Sie sicher, dass Sie keinen Termin für Bradley haben? Mrs Ryan Bradley?“

Ihre Mutter hätte bei dieser Dreistigkeit der Schlag getroffen, aber Lauren zuckte mit keiner Wimper. Was hatte sie davon, Mrs Bradley zu sein, wenn sie vor allem Angst hatte, was der Name mit sich brachte?

„Mrs Bradley …“ Die Empfangsdame zog die Brauen zusammen und suchte besorgt in ihrem Buch. „Der Name kommt mir bekannt vor …“

Hinter einer Wand aus Glasbausteinen kam ein großer schlanker Mann hervor. Seine Erscheinung war makellos, bis hin zu den manikürten Fingernägeln. Obwohl Lauren ihm noch nie begegnet war, begrüßte er sie, als wäre sie eine alte Freundin. „Mrs Bradley, natürlich haben wir einen Termin für Sie frei. Ich bin sehr froh, Sie zu sehen, auch wenn diese Zeit sehr schwer für Sie sein muss. Ich möchte Ihnen – auch im Namen meiner Belegschaft und des gesamten Landes – mein Beileid aussprechen. Captain Bradley war ein wahrer Held. Wenn es irgendetwas gibt, das wir für Sie tun können, um unsere Dankbarkeit für sein Opfer zu zeigen, stehen wir Ihnen jederzeit zur Verfügung.“

Lauren fühlte sich wie eine skrupellose Hochstaplerin, doch sie ließ sich von dem Coiffeur, der sich ihr als Enrique vorgestellt hatte, in den Salon geleiten, während seine Angestellten sich eifrig bemühten, jede Spur früherer Kunden zu beseitigen.

Schuldbewusst folgte sie ihm. Noch war es früh genug, sich wieder umzudrehen und zu gehen. Sie schluckte, ließ sich zu ihrem Platz führen und setzte sich.

Die Haarbänder wurden aus ihren Zöpfen gelöst, dann fuhr er mit den Fingern durch ihr Haar und hob die Strähnen, die bis zu ihrer Taille reichten. „Das ist Ihre natürliche Farbe, nicht wahr? Ein Geschenk des Himmels. Ihr Ehemann muss Ihre Haare geliebt haben.“

Das hatte Lauren auch geglaubt.

„Versprich mir, dass du sie niemals abschneidest!“, hatte er tausend Mal gesagt. Alle hatten ihr zugeredet, die langen Haare zu behalten. Und Lauren, immer ganz das brave Mädchen, hatte natürlich gehorcht.

„Sie haben doch nicht etwa vor, sie in einer Hochsteckfrisur zu verstecken? Was werden Sie heute Abend tragen?“ Er wog eine schwere Strähne in der Hand.

„Ein antikes Kleid von Lanvin-Castillo. Und nein, ich will keine Aufsteckfrisur. Ich will, dass Sie sie abschneiden.“ Ein neues Leben. Eine neue Lauren.

Er schnappte hörbar nach Luft. Sein Blick begegnete ihrem, und sie sah, wie Ungläubigkeit sich ganz langsam in Ehrfurcht verwandelte. „Meine Liebe, wäre ich an Frauen interessiert, würde ich um Ihre Hand anhalten.“

Lauren lächelte, als würden ihr die Männer reihenweise zu Füßen liegen. „Und wäre ich auch nur im Geringsten daran interessiert, noch einmal zu heiraten, würde ich Ja sagen.“

Drei Stunden später war Enrique der beste Freund, den Lauren nie gehabt hatte. Er bestand darauf, sie zusammen mit einem seiner Stylisten auf ihr Zimmer zu begleiten. Dort halfen sie ihr beim Ankleiden und legten letzte Hand an Frisur, Nägel und Make-up.

„Ich kann gar nicht abwarten, allen zu erzählen, dass ich Frances Hammonds Enkelin gestylt habe. Sehen Sie sich nur an! Als wäre das Kleid für Sie gemacht worden!“

Wenn man bedachte, dass die Robe ihrer Großmutter gehört hatte und diese damals ebenfalls im dritten Monat schwanger gewesen war, überraschte es Lauren nicht, dass das Kleid so gut passte. Das geschnürte Mieder war unbequem, aber es schmeichelte ihrem normalerweise nicht sehr üppigen Busen. Sie schlüpfte in die hochhackigen Satinschuhe. Sie passten perfekt zu der violetten Stickerei auf der weißen Seide der Abendrobe.

Sorgfältig drapierte Enrique die dunkelviolette Stola um ihre nackten Schultern, dann schüttelte er bewundernd den Kopf. „Diese Details! Was für eine wunderbare Zeit muss es damals gewesen sein!“ Er schien nicht zu bemerken, dass Lauren hinter den fließenden Formen des Abendkleides eine Schwangerschaft versteckte.

Gut. Der ganze Zweck dieser Übung war schließlich, den Vater des Babys von der Schwangerschaft wissen zu lassen, bevor der Rest der Welt es ihr ansehen konnte.

Als Lauren klar wurde, dass sie noch heute Abend Paolo wiedersehen würde, lief es hier kalt den Rücken herunter. Im Spiegel sah sie, wie zarte Röte in ihre Wangen schoss. Innerlich krümmte sie sich vor Scham, weil sie ihre Reaktion nicht unter Kontrolle hatte.

Immer, immer reagierte sie so auf diesen Mann, und es war falsch! Bei der Erinnerung an ihre gemeinsame Nacht in Charleston glühten ihre Wangen vor Scham.

Hastig versuchte sie, den Gedanken zu verdrängen, so wie sie es seit dem Morgen danach getan hatte, doch das war nicht so einfach. Diese Liebesnacht hätte nie passieren dürfen. Aber sie war passiert, und sie hatte Konsequenzen. Lauren musste sich ihnen stellen, und das bedeutete, Paolo gegenüberzutreten.

Um sich von den Gedanken an ihre bevorstehende Begegnung abzulenken, betrachtete sie sich kritisch im Spiegel. Während ihre Großmutter blond und elegant gewesen war, war Lauren dunkel. Ihre elfenhaften Züge wurden durch den neuen Haarschnitt noch mehr betont.

Was würde Paolo denken? Über ihre Haare und die Neuigkeiten?

Bei ihm wusste sie nie, was sie zu erwarten hatte. Bei ihrer ersten Begegnung vor fünf Jahren in einer New Yorker Bar war er ihr gegenüber voller Wärme und Bewunderung gewesen. Das zweite Mal, ein halbes Jahr später bei ihrer Hochzeit mit Ryan, war alles schiefgegangen. Danach gab es nur noch Kälte zwischen ihnen. Sie war überzeugt gewesen, dass er sie hasste. Nach einer hässlichen Auseinandersetzung auf Ryans dreißigstem Geburtstag hatte sie seine Abneigung erwidert.

Als Ryan schließlich vor drei Monaten verschwunden war, hatte sie Paolo von Charleston aus völlig verzweifelt angerufen, und er war umgehend zu ihr gekommen. Unglaublich sanft hatte er ihr die entsetzlichen Neuigkeiten über Ryan beigebracht. Er hatte sie in sein sorgsam gehütetes Penthaus gebracht – wo er sie mit unerwarteter Leidenschaft geliebt hatte.

Würde er die Nachricht von seinem Baby aufregend und wunderbar finden? Oder würde er sie mit eisiger Kälte anhören? Würde er ihr die Schuld geben? Oder ihr zeigen, dass er sie wollte?

Oh Gott, was tue ich hier überhaupt? fragte sie sich. Was hatte sie vor? Wollte sie versuchen, sich in etwas zu verwandeln, das in seine Welt passte?

Plötzlich sah sie sich ganz klar: Sie war ein Mädchen vom Lande, und das würde sich nicht ändern. Auch wenn sie sich noch so sehr als Dame von Welt verkleidete. Sie wollte die Welt im Sturm erobern, aber sie besaß gar nicht die Fähigkeiten, die dazu nötig waren. Ihr Selbstvertrauen schwand dahin.

„Schauen Sie nicht so ängstlich drein!“, schimpfte Enrique. „Sie haben jeden Grund, stolz zu sein.“

Lauren fiel nicht eine einzige Person ein, die ihm zustimmen würde. Nicht ihre Mutter und bestimmt nicht ihre Schwiegermutter. Paolo hatte seit jener Nacht kein Wort mit ihr gesprochen. Das ließ nichts Gutes ahnen. Vor Angst krampfte sich ihr Magen zusammen, und unwillkürlich hob sie schützend eine Hand an ihren Bauch.

Enriques Blick folgte. Zu auffällig! Auf keinen Fall durfte sie sich etwas anmerken lassen.

„Ich habe noch nichts gegessen“, murmelte sie. Was auch stimmte. Das Baby hatte etwas Besseres verdient. Sie sollte endlich dieses Kostüm ausziehen, zu Abend essen und früh ins Bett gehen!

„Auf dem Ball gibt es ein Buffet, aber ich kann Ihnen bis dahin schon mal das anbieten.“ Enriques Assistent reichte ihr ein Bonbon.

Dankbar nahm Lauren es an. Als sie den süßen Karamell schmeckte, spürte sie neue Kraft. Ihr war, als würde Mamies Kampfgeist den Raum erfüllen.

Tu es, Liebes! Geh ein Risiko ein! Leb dein Leben!

Lauren holte tief Luft. Sie durfte Mamie nicht enttäuschen. Sie legte die antiken Ohrringe an, dann rückte sie die Diamantkette ihrer Großmutter an ihrem Hals zurecht und machte sich auf den Weg zum Ballsaal.

Paolo Donatelli ließ seinen Blick durch den Saal schweifen. Seine Mutter hatte diese jährlichen Wohltätigkeitsveranstaltungen eingeführt, als sein Vater noch lebte. In welchem Land auch immer sich die Eltern im Dezember gerade aufhielten, organisierte sie den Ball komplett mit großem Orchester, Abendkleidung, Champagnerbrunnen und Mitternachtsbuffet. Zufrieden, dass sie ihre Pflicht getan hatten, zogen sich die Donatellis danach nach Italien zurück, um dort im Kreis der Familie Weihnachten zu feiern.

Mittlerweile verließ seine Mutter Italien im Winter nur noch selten, aber Paolo ehrte ihr soziales Engagement, indem er die Tradition der Wohltätigkeitsbälle fortführte. Äußerst erfolgreich, wie er fand. Das Einzige, was fehlte, war eine Ehefrau als Gastgeberin an seiner Seite, auch wenn niemand es wagen würde, das laut zu sagen.

Falls sein Cousin Vittorio eine Meinung zu diesem Thema hatte, behielt er sie wohlweislich für sich. Außerdem arbeitete Paolo schon an dem Problem. Heute Abend war Isabella Nutini an seiner Seite, und niemand könnte sich eine angemessenere Gastgeberin vorstellen.

Er nickte Isabella zu, als sie sich jetzt entschuldigte, um sich frisch zu machen. Eine Frau wie sie passte perfekt in sein Leben. Sie war Italienerin, keine Halb-Amerikanerin wie seine erste Frau. Isabella war katholisch erzogen worden und behandelte die Institution Ehe mit dem verdienten Respekt. Sie schien auch zu begreifen, was Loyalität und Pflicht gegenüber der Familie bedeuteten – etwas, das man heutzutage nicht mehr oft antraf, egal ob bei einem Mann oder einer Frau.

Aber das Beste an ihr war, dass sie ihm abgesehen von der nötigen körperlichen Anziehung und einem Mindestmaß an geistiger Übereinstimmung vollkommen gleichgültig war. Er war ein Mann mit intensiven Gefühlen, und er zog es vor, dass eine Ehefrau sein Leben nicht unnötig kompliziert machte. Solange sie ihm die nötigen Kinder schenkte und ihn nicht vor seiner Familie blamierte, war Isabella ideal.

Vittorio sah ihr nach, wie sie zur Tür ging. Plötzlich leuchteten seine Augen bewundernd auf. „Ich werde dich jetzt auch allein lassen“, teilte er Paolo mit. „Ich muss meine zukünftige Frau verführen.“

Sein italienisches Erbe und männliche Neugier veranlassten Paolo dazu, den Kopf zu drehen und – tief verdrängtes Begehren überflutete ihn mit solcher Macht, dass er fast in die Knie gegangen wäre.

Paolo legte seinem Cousin warnend die Hand auf die mit Rüschen besetzte Hemdbrust. Er sah nur sie an und nahm ihren Anblick tief in sich auf.

Seit damals hatte sie etwas zugenommen, aber noch immer beherrschten die ausgeprägten Wangenknochen unter den großen, weit auseinanderstehenden Augen ihr Gesicht. Sie wirkte überwältigt, während ihr Blick die Menge absuchte. Trotz ihrer Größe sah sie verletzlich aus. Wie bei ihrer letzten Begegnung im Haus von Ryan Bradleys Familie in Charleston verspürte er den überwältigenden Drang, sie zu beschützen. Dabei wusste er genau, dass sie nicht halb so hilflos war, wie sie aussah. Lauren Bradley konnte sehr gut auf sich selbst aufpassen.

Wie die meisten Frauen gab sie sich nur den Anschein einer Jungfrau in Nöten, um zu bekommen, was sie wollte.

Ryan ist verschwunden, Paolo. Keiner will mir irgendetwas sagen. Bitte hilf mir.

Sie hatte genau gewusst, was sie sagen musste, um sein Herz zu berühren.

Jahrelang hatte sie seine Loyalität zu Ryan auf die Probe gestellt und sie gegeneinander ausgespielt. Mit einem einzigen Anruf hatte sie sein Gefühlsleben so durcheinandergebracht, dass er Wochen gebraucht hatte, um sich davon zu erholen. Ein Mann in seiner Position konnte sich derartige Gefühle nicht leisten.

Er hätte erwartet, dass sie das verstehen und respektieren würde, aber sie interessierte sich nur für ihre eigenen Gefühle.

Dio! Schön war sie, das musste man ihr lassen! Er betrachtete ihr schimmerndes weißes Seidenkleid. Eine dunkelviolette Stola bedeckte ihre makellosen Schultern, aber er nahm jedes andere Detail in sich auf: die schwellenden Rundungen ihrer Brüste, die schmale Taille und die weiblichen Hüften. Er erinnerte sich genau, wie perfekt ihre Körper harmoniert hatten – als wären sie füreinander geschaffen. Er glaubte wieder zu spüren, wie sich ihr schlanker Hals unter seinen Lippen angefühlt hatte. Wie sie erschauerte, wenn sein Atem ihr empfindsames Ohr streifte. Und diese Lippen, diese vollen, verführerischen Lippen auf seiner Brust, seinem Bauch und …

„Vergiss nicht, du hast heute Abend schon ein Date, Paolo“, unterbrach Vittorios spöttische Stimme seine Gedanken. Unwillkürlich musste er an den Spott seiner Familie nach seiner gescheiterten Ehe denken.

Hast du wirklich nie den Verdacht gehabt, das Kind könnte nicht von dir sein?

Lauren Bradley hatte die unangenehme Fähigkeit, seine Gedanken von den wichtigen Dingen abzulenken. Ärgerlich straffte er die Schultern. Sie hatte ihn zu einer unehrenhaften Handlung verführt, und das würde er ihr niemals verzeihen.

„Sie ist Mrs Bradley“, knurrte er. „Und damit tabu. Für jeden.“ Er ließ seine Hand sinken und näherte sich ihr. „Scusa“, brachte er zwischen zusammengebissenen Zähnen heraus. Er hasste es, sie zu begrüßen, aber er hatte keine Wahl.

Vittorio warf ihm einen nachdenklichen Blick zu, aber Paolo ignorierte ihn. Damals wollte jeder wissen, was passiert war, nachdem er Lauren aus dem Haus der Bradleys in sein Penthaus auf den Dächern der Donatelli-Bank gebracht hatte.

„Nichts“, hatte er gelogen.

Sonst log er niemals, besonders nicht gegenüber seiner Familie. Sein unehrenhaftes Verhalten war nur Laurens Schuld gewesen, und jetzt besaß sie die Frechheit, ausgerechnet hier aufzutauchen! Wollte sie sich an seinem Unglück weiden? Seine Schuldgefühle noch vergrößern?

Woher nahm sie die Dreistigkeit, sich wie eine Königin gekleidet der Öffentlichkeit zu präsentieren, kaum drei Monate nach dem Tod ihres Mannes?

Ihr suchender Blick traf ihn wie ein elektrischer Schlag. Ihm war, als könnte er ihre nackte Haut an seiner spüren. Er dachte daran, wie sie einander fieberhaft die Kleidung heruntergezerrt hatten, ohne ihren Kuss auch nur für einen Augenblick zu unterbrechen.

Er hasste es, sie so zu begehren. Unaufhörlich. Unkontrollierbar.

Ihre großen Augen hielten seinen Blick. Ihre schimmernden Lippen teilten sich. Sie wirkte so schutzlos wie ein Rehkitz, aber er wusste genau, dass es nur Theater war. Ein Trick. Sie wollte etwas von ihm, und es würde ihm nicht gefallen zu erfahren, was es war.

Langsam und unaufhaltsam bewegten sie sich aufeinander zu, dann blieben sie stehen. Er konnte genau sehen, wie sie sich dazu zwang, ihr Kinn zu heben. Es fiel ihr nicht leicht, ihm gegenüberzutreten. Gut. Sie sollte sich in Grund und Boden schämen, sich selbst hassen, genau wie er es tat, seit er seinen Ehrenkodex gebrochen und seinen besten Freund betrogen hatte.

Sie hob ihre Hand, als wollte sie ihre Haare hinter die Ohren stecken. Diese Geste hatte er hundert Mal bei ihr gesehen. Doch jetzt war keine Haarsträhne da, die sie zurückstreichen konnte.

Dio! Wieso hatte er das nicht auf den ersten Blick gesehen?

„Was, zum Teufel, hast du mit deinen Haaren angestellt?“, knurrte er.

Lauren berührte unsicher die kurzen Strähnen in ihrem Nacken. Im ersten Moment wollte sie sich dafür entschuldigen, dass sie geglaubt hatte, sie hätte das Recht, ihre eigenen Haare abschneiden zu lassen. Zum Glück war sie zu geblendet von Paolos Anblick, um überhaupt etwas zu sagen.

Er brauchte keinen Frack, um zu beeindrucken, dennoch sah er in seinem Abendanzug elegant und atemberaubend aus. Sein dunkelbraunes Haar und die olivfarbene Haut ließen sie an einen warmen Sommertag denken. Seine Züge waren zu männlich und scharf geschnitten, um als hübsch bezeichnet zu werden, und sie konnte den Blick nicht von seinen dunklen, verführerischen Augen abwenden. Diese Augen hatten sie bei ihrer ersten Begegnung bis ins Innerste getroffen. Aber das hatte nichts zu bedeuten. Er war Italiener, er sah alle Frauen auf diese Weise an. Doch die intimen Stunden in seinem Penthaus hatten sehr wohl etwas zu bedeuten.

Sie verdrängte ihre Erinnerungen. Es war nur ein Traum, versuchte sie sich zu sagen.

Als könnte er ihre Gedanken lesen, wandte er den Blick ab. Als er sie wieder anschaute, war sein Gesichtsausdruck hart. Er musterte sie von oben bis unten. Obwohl sie wusste, dass sie makellos aussah, wartete sie auf seine Kritik.

Lag das an ihrer eigenen Unsicherheit oder an seinem kalten, urteilenden Blick? Sie war eine trauernde Witwe, sagte sie sich. Welches Recht hatte sie, ausgerechnet in einem schneeweißen Kleid auf seiner extravaganten Party aufzutauchen?

Lauren unterdrückte eine Welle der Übelkeit. Sie war nur hier, um Paolo die Wahrheit mitzuteilen. Er hatte ein Recht darauf, es zu wissen. Sie war nicht gekommen, weil sie seine Liebe suchte, auch wenn vielleicht ein kleiner Teil von ihr gehofft hatte …

Sie konnte genau sehen, dass er sie verachtete, aber er versuchte, sich zu beherrschen. Wie jeder andere auch, glaubte er, dass Ryan der unantastbare, unfehlbare Held gewesen war. Alles, was sie tat, sollte sie zum Andenken ihres gefallenen Ehemanns tun. Was Lauren wollte oder brauchte, interessierte niemanden.

Auf keinen Fall hatte sie das Recht, andere Männer anzusehen. Mit ihnen ins Bett zu gehen war ein Verbrechen! Und wenn das mit dem besten Freund ihres Mannes passierte? Nun, damit war sie nicht mehr wert als eine elende Küchenschabe.

Das Urteil hätte sie bereitwillig angenommen, aber nicht sie hatte das Treuegelübde gebrochen. Ryan war der Untreue gewesen. Nur darum hatte sie sich erlaubt, Paolo in jener Nacht zu verführen. Schon Monate bevor sie von Ryans Tod erfahren hatte, war ihre Ehe vorbei gewesen. Sein Tod hatte es nur offiziell gemacht.

Sie wusste selbst nicht, woher sie jetzt zwischen Selbsthass und Dankbarkeit, dass sie das Baby dieses Mannes trug, die Kraft fand, sich aufzurichten und zu sagen: „Danke. Du siehst auch sehr gut aus.“ Sie wunderte sich, wie ruhig ihre Stimme klang.

Er sah sie ungläubig an, weil sie es gewagt hatte, ihn auf seine Unhöflichkeit hinzuweisen. Es fiel ihr schwer, seinem feindseligen Blick standzuhalten, aber sie versuchte, ihre Angst zu unterdrücken.

Seine Braue hebend bot er ihr seinen Arm. „Ich habe deinen Namen nicht auf der Gästeliste gesehen. Was für eine schöne Überraschung, dass du trotzdem gekommen bist.“

Spätestens jetzt wurde ihr klar, wie unerwünscht sie war. Am liebsten wäre sie auf der Stelle umgekehrt und notfalls barfuß zurück nach Montreal gerannt. „Ich bemühe mich, Dinge zu tun, von denen ich vorher nicht einmal zu träumen gewagt hätte“, gab sie im Plauderton zurück.

Von was hast du geträumt? schien sein kalter Blick zu fragen.

„Zum Beispiel alleine reisen, einen neuen Stil ausprobieren …“, fuhr sie fort.

Zögernd legte sie eine Hand auf seinen Arm. Durch den Ärmel spürte sie seine starken Muskeln. Sie konnte nicht weitersprechen, weil heftiges Verlangen ihr den Atem raubte. Sie erinnerte sich daran, wie sein Arm sie vor drei Monaten gehalten hatte.

Unwillkürlich presste sie ihre Hand fester auf seinen Arm. Sie waren gerade mal zwei Schritte gegangen, und am liebsten hätte sie sich an ihn geschmiegt. Mit aller Kraft versuchte sie, ihre Selbstbeherrschung nicht komplett zu verlieren.

Unter ihrer Berührung schien sich sein Arm in Stein zu verwandeln. Kalt starrte er auf sie hinunter.

„Darf ich?“ Ein Mann mit einer Kamera trat ihnen in den Weg.

Lauren erstarrte, während Paolo gereizt mit den Schultern zuckte. Sie spürte, dass er sie am liebsten abgeschüttelt hätte, aber eine Szene vermeiden wollte.

Den Anschein bewahren, dachte sie. Das zählte natürlich am meisten für ihn!

Anstatt in die Kamera zu lächeln, sah sie ihn bitter an. Wie enttäuschend! Er war auch nicht anders als alle anderen. Auch er versteckte seine wahren Gefühle hinter einer wohlerzogenen Fassade.

Wütend starrten sie sich an, während der Fotograf auf den Auslöser drückte.

Er betrachtete das Foto auf dem kleinen Monitor der Kamera. „Wundervoll“, murmelte er.

„Grazie“, sagte Paolo verabschiedend und zog sie weiter. „Champagner?“

„Vielleicht nach dem Essen“, lehnte sie ab und sah sich nach einer ruhigen Ecke um. Sie wollte es endlich hinter sich bringen und verschwinden. Ihn wiederzusehen war viel härter, als sie erwartet hatte.

Damals war sie wie erstarrt gewesen. Sie hatte nur die Tage bis zur Beerdigung hinter sich bringen wollen. Die Bradleys hatten sie von allem abgeschottet, auch von Paolo. Jedenfalls hatte sie das angenommen, wenn sie einmal an etwas anderes denken konnte als an ihre Schuld und Trauer. Nach ihrem schamlosen Verhalten war sie dankbar gewesen, dass sie ihm nicht unter die Augen treten musste.

Aber jetzt war natürlich alles anders. Oder etwa nicht? Bei der Erinnerung wäre sie am liebsten immer noch im Erdboden versunken. War es wirklich richtig herzukommen? fragte sie sich.

Hatte sie wirklich geglaubt, er hätte Gefühle für sie? Die Nacht mit ihr war ganz offensichtlich nicht mehr als bedeutungsloser Sex für ihn gewesen. Er wirkte nicht im Geringsten erfreut, sie wiederzusehen.

Aber warum überraschte sie das? Dieser Mann hatte sie bei den meisten Begegnungen kalt und abweisend behandelt. Am besten kam sie direkt auf den Punkt und ging.

„Ehrlich gesagt, bin ich nicht wegen des Essens gekommen, Paolo.

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