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In jenem Sommer in Spanien

Cathy Williams

In jenem Sommer in Spanien

1. KAPITEL

Erleichtert hörte Gabriel das forsche Klopfen seiner Sekretärin. Seine Verlobte saß seit zwanzig Minuten auf seinem Schreibtisch, wie immer in High Heels und einem besonders kurzen Rock, und redete ohne Punkt und Komma.

Sie müsse jetzt unbedingt mit dem Shoppen beginnen, der Hochzeitstermin rücke näher, alles solle perfekt sein, und man könne auf keinen Fall die Details diesem lächerlichen Hochzeitsplaner überlassen, den seine Mutter engagiert hatte.

Bei jeder Bemerkung warf sie den Kopf mit den langen, blonden Locken zurück, fuchtelte mit ihrem manikürten Zeigefinger und beugte sich dabei absichtlich weit vor, damit Gabriel auch ganz sicher ihren tiefen Ausschnitt wahrnahm und die vollen Brüste unter dem eng anliegenden Seidentop.

Cristobel wusste genau, wie sie ihre weiblichen Reize einsetzen musste, um ihr Ziel zu erreichen. Doch jetzt wollte Gabriel nur noch, dass sie sein Büro verließ und endlich in einem dieser exquisiten Läden verschwand. Welcher, war ihm egal. Er musste telefonieren und Unterlagen durchsehen, außerdem bereitete ihm ihr schrilles beharrliches Stakkato Kopfschmerzen.

Beinah hätte er seiner Sekretärin applaudiert, als sie ihm mitteilte, sie habe eine spanisch sprechende Angestellte gefunden, die gern mit seiner Verlobten in Londons Edelläden shoppen ginge.

„Ich will aber, dass du mich begleitest“, maulte Cristobel, beugte sich noch weiter zu ihm und fegte dabei einige Unterlagen vom Tisch. „Du sollst in die Planung einbezogen werden.“

„Das willst du nicht wirklich. Du weißt doch, was ich von all dem Pipapo halte. Überladene Hochzeiten sind nicht mein Ding.“ Hochzeiten an sich waren eigentlich nicht seine Sache, zumindest soweit sie ihn persönlich betrafen. Das hatte sich erst vor einem Jahr geändert, als er aus taktischen Erwägungen dem liebevollen Drängen seiner Eltern nachgab. Die beiden wollten Großeltern werden, solange sie noch jung genug waren, um sich an Enkelkindern zu erfreuen, und er wollte verhindern, sich vom begehrten Junggesellen zum alternden Casanova zu entwickeln. Jetzt war er Anfang dreißig, und das Leben raste nur so voran.

Cristobel wäre genau die Richtige für ihn. Der Stammbaum ihrer Familie war so alt wie seiner und ihr Bankkonto ebenso üppig. Sie kannte seine unausgesprochene Lebensregel: Er würde ihr jeden materiellen Wunsch erfüllen, dafür akzeptierte sie, dass seine Arbeit absoluten Vorrang hatte. Außerdem war sie schön, zierlich und immer nett zurechtgemacht.

„Mit einer Frau hast du beim Shoppen viel mehr Spaß“, meinte Gabriel jetzt und nahm ein Telefonat entgegen. Wieder ganz auf die Arbeit konzentriert, bekam er nur am Rande mit, wie Cristobel von seinem Schreibtisch rutschte, sich den kurzen Rock glatt strich und ihn schmollend ansah. Gerade als sie ihre Handtasche holen wollte, öffnete sich die Tür, und herein kam Gabriels spanisch sprechende Rettung: irgendeine Mitarbeiterin, deren Name man ihm gar nicht mitgeteilt hatte, weil er völlig nebensächlich war. Aber dieses Gesicht …

Einen Augenblick lang war Gabriel sprachlos.

„Alex McGuire“, stellte seine Sekretärin die junge Frau vor. Aber das wäre nicht nötig gewesen, der Name war ihm sofort wieder eingefallen, auch wenn er Alex schon Jahre nicht mehr gesehen hatte. Sie war genauso groß, wie er sie in Erinnerung hatte, und besaß noch immer dieselbe jungenhafte Anmut, mit ihren dunklen, kurzen Haaren und der knabenhaften Figur. Lange Locken, Stilettos, Push-up-BH und roter Lippenstift waren nicht ihr Stil. Wenn er so darüber nachdachte, hatte er sie noch nie besonders gestylt gesehen. Jetzt trug sie ein ordentliches graues Kostüm, wenn auch zu flachen Schuhen, und etwas Make-up.

„Und“, fragte Cristobel auf Spanisch, während sie sich die Lippen nachzog, „ist das etwa die Frau, die mit mir shoppen gehen soll?“

Gabriel hatte sich wieder gefasst. Auf keinen Fall würde er sich jetzt auf irgendwelche Spielchen mit Cristobel einlassen. „Sie spricht spanisch, und ich kann heute einfach keine Zeit erübrigen.“

„Sieh sie dir doch bloß an! Woher soll die denn wissen, wo ich einkaufen will?“

Alex räusperte sich. War sie etwa eine Sache, über die man reden konnte, während sie sich in unmittelbarer Nähe befand?

„Entschuldigung?“, begann sie, ohne den Mann hinter dem Schreibtisch anzusehen. Sie wusste nur, dass sie sein Büro so schnell wie möglich wieder verlassen wollte. Sonst müsste sie sich überlegen, was geschah, wenn dieser Gabriel Cruz tatsächlich ihr Lucio … Aber nein, das wäre nicht auszudenken. Sie rang sich ein Lächeln ab. „Wenn Sie mir sagen, wonach Sie suchen …“

„Ich brauche etwas zum Anziehen“, zischte Cristobel, „ein paar Kleinigkeiten als Gastgeschenke für die Hochzeitsgesellschaft und einige ganz exquisite Teile für die Flitterwochen.“ Cristobel stellte sich hinter Gabriel und legte ihm die Arme um die Schultern. „Und ich kann mir nicht vorstellen, dass diese Frau in der Lage ist, mir zu helfen. Bisher hat sie kaum ein Wort gesprochen, Darling!“

Als sie ihn auf den Nacken küsste, entzog sich ihr Gabriel höflich, aber bestimmt.

„Gibt es hier denn sonst keinen, der spanisch spricht?“, gurrte Cristobel. „Ich brauche jemanden, der auf meiner Wellenlänge ist. Die da weiß ja nicht einmal, wie man sich anzieht!“

Alex biss die Zähne zusammen. „Entschuldigen Sie bitte, dass ich bisher so wortkarg gewesen bin …“ Zögerlich ließ sie den Blick über Gabriel gleiten. „… aber für einen Moment, Mr Cruz, Sir, haben Sie mich an jemanden erinnert, den ich einmal gut kannte.“ Dann wandte sie sich an Cristobel. „Ich neige dazu, mich alltagstauglich zu kleiden, aber ich weiß, wo die In-Boutiquen sind.“

„Ich suche nicht nach trendiger, sondern nach stilvoller Bekleidung.“

„Wo man die findet, weiß ich auch.“

„Na, wahrscheinlich muss ich mich mit Ihnen zufriedengeben. Mein Mantel hängt im Schrank.“

Widerwillig holte Alex das Kleidungsstück. Dann eilte sie Cristobel hinterher, die herunterratterte, was sie außerdem brauchte. Dabei hörte Alex nur mit halbem Ohr zu. Noch immer war sie ganz gefangen genommen von der plötzlichen Begegnung mit Lucios Doppelgänger, die so viele ungebetene Emotionen und Erinnerungen in ihr wachrief: wie es gewesen war, mit Lucio zu schlafen, zu lachen, zu reden, bis der Morgen graute, um dann noch einmal mit ihm zu schlafen, sodass sie bei ihrem Aushilfsjob in der Hotelküche wie erschlagen war.

Damals, mit achtzehn, hatte sie nach der Schule ein Jahr ins Hotelfach hineinschnuppern, nebenbei ihr Spanisch aufbessern und auch ein bisschen die Freizeit genießen wollen. Doch dummerweise verliebte sie sich dann in den bestaussehenden, tollsten Mann der Welt. Mit Jungen hatte sie nie Probleme gehabt. Immerhin besaß sie vier Brüder! Sie wusste, wie man auf sie zuging, mit ihnen über Fußball, Rugby und Autos sprach.

Sie hatte auch schon einige feste Freunde gehabt, Bier mit ihnen getrunken und sich Frostbeulen geholt, wenn sie sich ihnen zuliebe mitten im Winter ein Fußballspiel ansah. Aber nichts hatte sie auf Lucio vorbereitet. Er war ein absoluter Traumtyp, sexy und unglaublich männlich, mit rabenschwarzem Haar und dunklen Augen. Kein Junge, sondern ein Mann, der ihr die Unschuld und Unerfahrenheit nahm und sie in die Welt der Erwachsenen einführte.

Nach der sechseinhalbstündigen Shoppingtour mit Cristobel kehrte Alex fix und fertig an ihren Schreibtisch zurück. Die ganze Zeit über hatte sie an Lucio gedacht. Etwas, das sie sich die letzten fünf Jahre verboten hatte. Glücklicherweise musste sie sich nun dermaßen beeilen, um rechtzeitig zu ihrem kleinen Reihenhaus im Westen Londons zu kommen, dass sie die unliebsamen Erinnerungen in der Eile zumindest für einen Augenblick vergaß.

Rasch kramte sie in ihrer großen Handtasche nach ihrer Monatsfahrkarte, um sie nicht in der U-Bahn suchen zu müssen, mit einer Schlange genervter Pendler hinter sich. Da klingelte das Telefon. Sie nahm ab und klemmte den Hörer zwischen Kinn und Schulter, um die Suche fortsetzen zu können.

Gabriel Cruz’ tiefe Stimme, der nur ein leichter Akzent anhaftete, ließ sie in der Bewegung erstarren und gleichzeitig ihren Herzschlag in die Höhe schnellen. Sie hatte bei seiner Verlobten doch nichts falsch gemacht? Dass er sie sprechen wollte, weil er sie von früher kannte, schloss sie inzwischen aus. Er war sicher niemals mittellos gewesen und hatte sich deshalb auch nicht Land auf Land ab mit Hoteljobs über Wasser halten müssen. Gabriel Cruz hatte immer massenweise Geld besessen. Seine Familie konnte ihre Wurzeln bis ins Mittelalter zurückverfolgen. Das zumindest hatte sie Cristobel entlocken können. Doch als sie nun seine laszive Stimme hörte, fühlte sie sich schlagartig in das kleine Hotel in Spanien zurückversetzt.

„Kommen Sie in mein Büro. Jetzt.“

„Es … Es tut mir leid, Mr Cruz, Sir. Ich bin gerade dabei, Feierabend zu machen. Vielleicht könnte ich ja Montagmorgen gleich zu Ihnen kommen?“

„Wie lange arbeiten Sie schon für mich?“

„Seit drei Wochen“, sagte Alex kleinlaut und sah hektisch zwischen Tür und Armbanduhr hin und her.

„Das ist zumindest lange genug, um zu wissen, dass ich es nicht schätze, wenn meine Mitarbeiter beim Arbeiten auf die Uhr sehen. Und damit wir uns ganz klar verstehen: Das gerade eben war keine Einladung zum Tee, es war eine Anweisung vom Chef.“

„Heute Nachmittag ist alles wunderbar gelaufen. Ich glaube, Ihre Verlobte konnte die meisten Dinge finden, die sie …“

„In mein Büro! Sie haben fünf Minuten.“ Gabriel legte auf und schob den Stuhl zurück. Er ärgerte sich, dass er die ganze Zeit über an Alex gedacht hatte und daran, was zwischen ihnen gewesen war. Dabei hatte er schon viele Frauen gehabt, und es hatte ihm nie Probleme bereitet, sie zu vergessen, sobald sie nicht mehr zu seinem Leben gehörten. Wieso fiel es ihm dann bei dieser Alex so schwer? Etwa, weil sie so unverhofft wieder aufgetaucht war? Oder weil sie als Einzige nichts von seinem Reichtum gewusst hatte? Er vermochte es nicht zu sagen, wusste nur, dass er sich seit dem unerwarteten Wiedersehen am Morgen nicht mehr konzentrieren konnte. Und das vier Monate vor seiner Hochzeit mit Cristobel!

Ungeduldig trommelte er auf die glänzende Schreibtischoberfläche. Es war Freitagabend, kurz vor achtzehn Uhr. Er hatte seine Sekretärin in den Feierabend geschickt. Die meisten Angestellten waren auch schon gegangen. Nur die Mitglieder der Führungsebene arbeiteten noch. Das sollte er auch tun. Aber sein Kopf funktionierte nicht richtig, und das ging jetzt schon seit Stunden so. Deshalb hatte er dann irgendwann einfach die hausinterne Telefonliste überflogen und Alex’ Nummer gewählt. Wenn sie wirklich dachte, er habe lediglich Ähnlichkeit mit jemandem aus ihrer Vergangenheit, musste er diesen Irrtum aufklären. Schließlich arbeitete sie jetzt für ihn, und da hatte man als Chef eine gewisse moralische Verantwortung. Außerdem wollte er Alex unbedingt noch einmal sehen.

Endlich wurde an seine Tür geklopft.

„Herein.“

„Sie wollten mich sprechen.“ Alex spürte, wie sich ihr Magen zusammenzog, während sie fluchtbereit auf der Türschwelle verharrte.

„Ja.“ Gabriel lehnte sich zurück und musterte sie. Wie wenig sie sich verändert hatte! Wie alt war sie jetzt? Dreiundzwanzig? Vierundzwanzig? Sie kam ihm unheimlich vertraut vor, und er spürte, dass seine Wangen vor Aufregung ein wenig gerötet waren. Eigentlich hatte er gedacht, dass er jede nachhaltige Erinnerung an sie aus seinem Gedächtnis verbannt hätte, aber da hatte er sich wohl getäuscht. Plötzlich sah er alles wieder vor sich, bis hin zum kleinsten Detail. Da waren die winzigen Sommersprossen auf ihrer Schulter, der Duft nach Kernseife und dieses wunderbare Seufzen, wenn er sie am ganzen Körper streichelte. Doch jetzt schüttelte er die Bilder energisch ab.

„Kommen Sie herein, und nehmen Sie Platz. Ich würde Ihnen einen Kaffee anbieten, aber Janet, meine Sekretärin, ist schon gegangen“, sagte er und lächelte entschuldigend.

„Ich … ich kann sowieso nicht bleiben“, stammelte Alex und fragte sich, ob ein Mann in seiner Position nicht einmal in der Lage war, eine Kaffeemaschine zu bedienen.

Gabriel runzelte die Stirn. „Vielleicht haben Sie mich am Telefon nicht richtig verstanden, aber es gefällt mir nicht, wenn jemand beim Arbeiten ständig auf die Uhr sieht.“

„Doch, das habe ich, und ich bin nur allzu bereit, Überstunden zu machen. Aber das muss ich einen Tag im Voraus wissen. Und heute bin ich sowieso schon zu spät dran, um …“

Gabriel machte eine ungeduldige Handbewegung. „Das interessiert mich nicht. Ihre Verabredung wird warten müssen. Es gibt ein paar Dinge, über die wir sprechen sollten.“

„Worüber denn?“

„Sie sagten, ich würde Sie an jemanden erinnern. Erzählen Sie mir von ihm!“

„Wie bitte?“

„Jetzt klammern Sie sich nicht an die Türklinke, als stünden Sie kurz vorm Zusammenbruch. Ich habe Ihnen gesagt, Sie sollen reinkommen und sich setzen.“

Alex fiel es schwer, einen klaren Gedanken zu fassen. Das Blut kochte ihr in den Adern, und irgendwie hatte sie das Gefühl, dass sich vor ihr der Boden auftat. Trotzdem redete sie sich auch weiterhin ein, dass alles in Ordnung sei. Diese Unterhaltung war unangenehm, aber mehr auch nicht.

„Ich … Ich muss jetzt wirklich gehen, Mr Cruz, Sir. Ich habe … Verpflichtungen. Ich weiß, dass Sie Flexibilität von ihren Angestellten erwarten, aber …“

„Sagen Sie Ihre Verabredung ab! Das ist viel leichter, als Sie denken.“ Er grinste unverfroren, und Alex versuchte, nicht verärgert zu wirken.

„Okay.“ Sie setzte sich zögernd und überlegte, wie sie ihm die Situation erklären könnte, natürlich verbrämt und mit tausend Entschuldigungen.

„Und“, fragte Gabriel ungeduldig, „was ist jetzt mit diesem Kerl, an den ich Sie erinnere?“

„Das ist nicht wichtig. Ich habe gedacht, Sie wollten wissen, wie mein Nachmittag mit Ihrer Verlobten gewesen ist.“

„Gut, nehmen wir das als Ausgangspunkt für unsere Unterhaltung. Sie können ganz offen sein. Das schätze ich an meinen Mitarbeitern.“

Tatsächlich? dachte Alex. Als sie offen gewesen war und gesagt hatte, sie habe jetzt keine Zeit, hatte ihm das gar nicht gefallen. „Der Nachmittag ist gut gelaufen. Ich glaube, Ihre Verlobte konnte einige Besorgungen erledigen, auch wenn sie sehr anspruchsvoll ist.“

„Ich kann mir vorstellen, dass Sie Cristobel ein wenig anstrengend fanden. Was halten Sie sonst von ihr?“

„Es steht mir nicht zu, meine Meinung über sie zu äußern, Sir.“

„Sie müssen nicht ständig ‚Sir‘ sagen. Ihrer Antwort entnehme ich, dass Sie nicht besonders gut mit Cristobel ausgekommen sind, hm?“

„Ich glaube, Ihre Verlobte fand es sehr praktisch, dass ich für sie übersetzen konnte.“ Alex spürte, wie ihr der Schweiß ausbrach. Bestimmt wollte ihr Mr Cruz mit seinen Fragen eine Falle stellen. Aber wie sah die aus? Und wenn sie hineintappte, wäre das dann das Ende ihrer Karriere? Frauen hatten einen großen Einfluss auf ihre Männer. Wenn diese nervtötende Society-Tante beschlossen hatte, sie anzuschwärzen, würde sie sich vielleicht bald einen neuen Job suchen müssen. Aber es kam für Alex nicht infrage, ein einvernehmliches Miteinander zu heucheln, wo es keinerlei Gemeinsamkeiten gegeben hatte. Sie konnte sich auch nicht überwinden, Mr Cruz anzusehen, während sie ihre Antwort formulierte, und hielt den Blick gesenkt. Nicht gerade das Kommunikationsverhalten einer dynamischen neuen Kraft.

Es entstand eine unangenehme Pause, bis Alex wieder aufsah. Als sich ihre Blicke trafen, ging ihr das durch und durch, und die Vorstellung, dass es sich bei diesem Mann womöglich um denselben handelte, der ihr Leben auf den Kopf gestellt hatte, wurde beinah zur Gewissheit.

„Hieß der Mann vielleicht ‚Lucio‘?“

Alex machte große Augen. „Wo… woher wissen Sie das?“

Eigentlich kannte sie die Antwort längst, doch Alex legte sich verzweifelt Erklärungen zurecht, wieso der Mann vor ihr nicht derselbe sein konnte, den sie vor Jahren kennengelernt hatte. Lucio war keiner alteingesessenen, namhaften spanischen Familie entsprungen und ganz bestimmt nicht so reich und mächtig gewesen wie Gabriel Cruz!

„Ich habe dich sofort wiedererkannt, als du heute Morgen in mein Büro gekommen bist. Ich bin erstaunt, dass es dir mit mir nicht genauso ging, Alex. Irgendwie befremdet mich das ein bisschen, aber ich stehe darüber.“

„Aber … aber Sie heißen doch gar nicht Lucio … Sie heißen …“

„Lucio ist mein zweiter Vorname“, antwortete er, und wieder tat sich vor Alex ein Abgrund auf, während sie sich bemühte, ihre Erinnerung an Lucio mit dem vor ihr sitzenden Gabriel in Einklang zu bringen, die ein und dieselbe Person waren. Etwas anderes anzunehmen, war natürlich total verrückt gewesen. Dieses Gesicht vergaß man nicht, und wenn sie damals gedacht hatte, er würde gut aussehen, war er jetzt einfach umwerfend attraktiv. Aus dem Sechsundzwanzigjährigen war ein perfekter Mann Anfang dreißig geworden.

Der verlobt war.

„Ich verstehe das nicht“, stammelte Alex völlig verwirrt.

„Was verstehst du nicht?“

„Hast du mich damals belogen? Als ich dich heute Morgen wiedergesehen habe, dachte ich einfach nur, dass du Lucio ähnlich siehst. Jetzt sagst du, du seiest er. Aber Lucio hatte kaum Geld und liebte die einfachen Dinge des Lebens. Wer bist dann du?“

Gabriel presste die Lippen zusammen. Alex war immer schon ehrlich und direkt gewesen. Keine Spielchen, keine Ausflüchte, keine Andeutungen. Das war etwas, das ihm besonders an ihr gefallen hatte. Sicher würde sie seine Notlüge nicht verstehen. Plötzlich kam er sich ganz mies vor, und das gefiel ihm gar nicht, denn normalerweise war er immer ziemlich von sich überzeugt.

„Ich habe mich da ein wenig hinreißen lassen“, erklärte er schließlich schulterzuckend. „Alles ganz harmlos.“ Schon in jungen Jahren war er davon genervt, wie sich ihm die Frauen an den Hals warfen, nur weil er Geld und Einfluss besaß. Da war es einfach zu verlockend gewesen, Alex glauben zu machen, er sei ein ganz normaler Kerl, der zufällig in einem schicken Hotel in der Nähe arbeitete. Zum ersten Mal in seinem Leben hatte er seinen goldenen Käfig verlassen und eine gewisse Freiheit genießen dürfen. Nur ganz vage registrierte er jetzt, dass er die Erinnerung daran wie einen Schatz gehütet hatte. Doch er gehörte nicht zu den Menschen, die in sich hineinhörten.

„Ein wenig hinreißen lassen? Ganz harmlos? Was ist denn harmlos daran, jemanden absichtlich hinters Licht zu führen?“ Alex hielt inne, so geschockt war sie darüber, wie Gabriel sein Tun herunterspielte. Sie hatte sich Hals über Kopf in ihn verliebt und ihm alles von sich preisgegeben. Dabei war seine Wertschätzung für sie nicht einmal so weit gegangen, ihr zu sagen, wer er wirklich war. „Ich habe jedes Wort von dem geglaubt, was du mir über dich erzählt hast.“

„Da täuschst dich jetzt aber deine Erinnerung. Ich habe dir nie etwas von mir erzählt.“

„Du hast mich glauben lassen, du seiest ein ganz normaler Mensch! Du bist mit mir am Strand spazieren gegangen, wir haben in kleinen, gemütlichen Lokalen gegessen, und du hast so getan, als seiest du genauso mittellos wie ich. Aber in Wirklichkeit warst du der superreiche Gabriel Cruz und hast überhaupt nicht im Tivoli gearbeitet!“ Das war rückblickend betrachtet natürlich egal, aber sie schreckte davor zurück, ihr wahres Dilemma anzusprechen.

„Doch, ich habe im Tivoli gearbeitet. Gewissermaßen.“

„Was soll das denn heißen?“

„Mir gehört das Hotel. Zumindest inzwischen. Damals war ich dabei, es zu kaufen.“

Alex schwirrte der Kopf. Warum hatte sie sich bloß nie über seine selbstsichere Art gewundert? Über seinen lässigen Charme? Ob er wohl mit ihr in diese billigen Restaurants gegangen war, damit er keine Bekannten traf? In den Tapas-Bars verkehrten keine Multimillionäre, nur ortsansässige Fischer.

„Du magst reich und mächtig sein, aber das ist kein Grund, andere Menschen zu benutzen. Ich habe dir vertraut.“

„Ich habe dich nicht benutzt“, sagte Gabriel leise, „und ich habe nichts mit dir getan, das dir nicht gefallen hätte.“ Er fuhr sich mit den Fingern durchs Haar, und Alex beobachtete ihn hingerissen. Aber sie wollte nicht darüber nachdenken, wie sehr sie die Zeit mit ihm genossen hatte. Ihr großer Fehler war es gewesen, ihm ihre Liebe zu gestehen, denn kurz darauf hatte er sich aus dem Staub gemacht. Aber womöglich hätte er sie so oder so irgendwann verlassen. Einfach, weil er in Wirklichkeit Gabriel Cruz war, der sich nicht auf Dauer mit einem Niemand abgab. „Ich hätte einfach gern gewusst, mit wem ich es zu tun habe.“

„Warum? Hättest du dich dann anders verhalten? Hättest du ein bisschen mehr verlangt? Sex in der Fünf-Sterne-Hotelsuite?“

„Das ist gemein!“

„Wieso? Ich habe die Erfahrung gemacht, dass Frauen bei einem wohlgefüllten Bankkonto immer nach dem gleichen Muster reagieren.“

„Sagst du mir jetzt endlich, warum du mich herzitiert hast?“

„Weil du aufhören musst, dir einzureden, dass du mich nicht kennst, wenn du weiter für mich arbeiten willst!“

Alex bemühte sich, seinem Blick standzuhalten. Dabei überlegte sie, was seine plötzliche Rückkehr in ihr Leben für Folgen haben würde. Auf keinen Fall durfte sie wieder auf ihn hereinfallen. Aber es war unwahrscheinlich, dass er erneut mit ihr anbändeln wollte. Schließlich heiratete er bald. Doch was, wenn er sich bis dahin nur ein bisschen die Zeit vertreiben wollte? Das durfte sie in gar keinem Fall zulassen.

„Es hat mich viele schlaflose Nächte gekostet, um dich aus meinem Gedächtnis zu verbannen, nachdem du mich so plötzlich verlassen hast.“ Sie rang sich ein Lächeln ab. „Als du mir eben sagtest, wer du wirklich bist, war ich wie vor den Kopf geschlagen. Falls ich deswegen ein bisschen überreagiert haben sollte, tut es mir leid, und ich entschuldige mich …“

„Entschuldigung angenommen“, sagte er leichthin, auch wenn Alex kein bisschen so aussah, als würde ihr irgendetwas leid tun. Er hatte ganz vergessen, wie streitbar diese Frau war und wie erfrischend anders. Endlich jemand, der ihm nicht nach dem Mund redete. Mit ihr hatte er seinen Zynismus überwinden und endlich einmal er selbst sein können. Doch daran durfte er jetzt nicht denken.

„Wenn das alles ist …?“ Alex stand auf und nahm ihre Handtasche.

Auch Gabriel erhob sich in der üblich lässigen Art und folgte ihr zur Tür. „Wie … Wie kann ich dich erreichen?“

„Wie meinst du das?“ Alex wurde blass und blieb wie angewurzelt stehen.

„Ich meine, in welcher Abteilung du arbeitest.“

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