Logo weiterlesen.de
In guten wie in bösen Tagen

Inhalt

  1. Cover
  2. Über die Autorin
  3. Titel
  4. Impressum
  5. Widmung
  6. Zitat
  7. 1
  8. 2
  9. 3
  10. 4
  11. 5
  12. 6
  13. 7
  14. 8
  15. 9
  16. 10
  17. 11
  18. 12
  19. 13
  20. 14
  21. 15
  22. 16
  23. 17
  24. 18
  25. 19
  26. 20
  27. 21
  28. 22
  29. 23
  30. 24
  31. 25
  32. 26
  33. 27
  34. 28
  35. 29
  36. 30
  37. 31
  38. 32
  39. 33
  40. Dank

Über die Autorin

Jamie Mason wurde in Oklahoma City geboren und wuchs in Washington, D.C. auf. Ihr Debütroman INS GRAS BEIßEN DIE ANDERN wurde mit den Filmen von Alfred Hitchcock und den Coen-Brüdern verglichen und war in den USA ein großer Erfolg. IN GUTEN WIE IN BÖSEN TAGEN ist Jamie Masons zweiter Roman. Sie lebt mit ihrem Mann und ihren zwei Töchtern in den Bergen von North Carolina.

Jamie Mason

IN GUTEN
WIE IN BÖSEN
TAGEN

Psychothriller

Aus dem amerikanischen Englisch von
Katja Bendels

 

Dieses Buch
kann nur meiner Mutter gewidmet sein,
Jeanne Miller-Mason. Natürlich.
Ich liebe dich.

 

Verrückt, welche Details einem in Erinnerung bleiben, wenn etwas Schreckliches geschieht.

Die Scherben waren viel schöner, als der Kristalllüster vor einer Stunde noch gewesen war. Der klarste Nachthimmel war nichts gegen das Funkeln und Glitzern auf der schwarzen Tasche am Fuß der Treppe. Der Schatten des geschäftig hin und her laufenden Mannes ließ die Lichter immer wieder aufblitzen.

Sollte ich je zum Geist werden, dann wird man mich genau so sehen – ein bleiches, klitschnasses Mädchen in Pyjamahose und tropfendem Sweatshirt, das sich bibbernd in der Diele herumdrückt. Ein Teil von mir ist nie von dort fortgegangen. Wenn ich mir die Mühe mache, meine Erinnerung bis zu diesem Abend zurückzuspulen, sehe ich alles vor mir, aber nichts erinnere ich so klar wie diese Scherben.

Er war mir nie offiziell vorgestellt worden, dieser Special Agent, der kam, um meine Mutter zu holen. Genau genommen war das, was sich da vor meinen Augen abspielte, eine freundliche Übernahme unseres Zuhauses. Er half meiner Mutter, aber wobei und wieso, das wusste ich nicht. Ich war ein Kind und fest entschlossen, das zu bleiben. Ich hätte problemlos älter sein können als meine dreizehn Jahre, aber ich wollte nicht. Noch nicht. Das hätte es ihr zu leicht gemacht, mich zu verlassen.

Als ich ihn zum ersten Mal sah, an diesem Abend, war er nur ein Schatten, der nervös durch unser Haus lief und leise und eindringlich auf meine Mutter einredete. Dann schickte sie mich und meinen acht Jahre alten Bruder Simon mit einem völlig sinnlosen Auftrag hinaus in Dunkelheit und Regen. Ich war clever genug zu begreifen, dass sie uns zu unserer eigenen Sicherheit rausgeschickt hatte, und Simon wusste es bestimmt auch.

Selbst jetzt, im grellen Licht aller Lampen, über die das Haus verfügt, blieb der Mann ein hin und her eilender undeutlicher Fleck, nun allerdings in Farbe. Er sammelte die wenigen Dinge ein, die meine Mutter zusammenpackte, und sprach immer noch, aber diesmal lauter und ins Telefon, irgendwas von voraussichtlicher Ankunftszeit und Protokollen und Treffpunkten.

Ich atmete. Was normalerweise automatisch geschieht, war mir zur Methode geworden, um die Luftzufuhr zu regulieren – nicht zu viel, nicht zu wenig. Sobald die Dosis nicht stimmte, begann sich alles um mich herum zu drehen. Ich hörte die beiden irgendwelche Dinge tun, während ich nutzlos und wie festgewachsen dastand und die Glasscherben anstarrte, die im Licht zwischen seinem wandernden Schatten funkelten. Der Mann eilte hin und her, vorbei an einem tellergroßen Loch in der bis eben noch makellosen Wand unserer Diele.

Er stand nie lange genug still, als dass ich sein Gesicht hätte studieren können, und da die funkelnden gläsernen Trümmer auf der Reisetasche zu dem Wenigen gehörten, das sich nicht fortbewegte und die Anspannung immer höherschraubte, konzentrierte ich mich darauf. Sonst hätte ich vielleicht zugeschaut, wie meine Mutter Simons Arme von ihrer Taille löste, ihn mit tränenerstickter Stimme zu trösten versuchte und immer wieder sagte, dass alles gut sei und sie bald zurück sein würde.

Mit jedem Herzschlag fuhr ein Zittern durch meinen Körper. Ich ballte die Hände und schob sie unter die verschränkten Arme, wollte mein Beben für mich behalten. So stand ich, ein wenig abseits, um niemandem im Weg zu sein, und tastete mich an der Kante meines leeren Verstandes entlang, suchte nach einem Halt, nach irgendeinem Gedankengang, einer guten Idee, die ich wie einen Keil in diese Wand in meinem Verstand schlagen und mich durch den Riss zwängen konnte, um bei ihnen zu sein. Wirklich bei ihnen, ohne einen Kloß im Hals, aber dafür mit einem Argument – irgendeinem –, das nicht übertrumpft werden konnte.

Schluchzen rollte über meinen Gaumen und drückte auf meine Zunge. Wenn ich die beiden ansah, würde ich losheulen. Meine kleine Familie – ein gutes, stabiles Dreibein, wenn wir zusammenstanden. Doch jetzt waren wir aus dem Gleichgewicht geraten, waren verwirrt, angespannt und zerrissen, wir drei, hellwach mitten in einer Nacht, die wie jede andere gewesen war, als wir vor ein paar Stunden ins Bett gingen.

Ich hatte Angst, in ihren Gesichtern zu sehen, was ich in ihren Stimmen hörte. Das würde augenblicklich den Griff lösen, mit dem ich mich an meine Selbstbeherrschung klammerte. Das Glitzern der Scherben lenkte meine Augen gerade so weit ab, dass sie sich nicht mit Tränen füllten. Sie würden noch da sein, die Tränen und die Scherben, wenn all das hier vorbei war. Ich hob mir das Weinen für später auf. Es würde gut zum Aufräumen der Diele passen.

Ich zwang mich, meine Mutter in diesen letzten Minuten zu beobachten, wollte ein letztes Bild von ihr bewahren. Mein Herz hämmerte bald, bald, bald, und ich wandte den Blick ab.

Meine Aufmerksamkeit wanderte über die routinierten letzten Schritte ihres Abreisetanzes, den kurzen Blick ins Portemonnaie, um die Menge an Bargeld zu überprüfen, die forsche und zugleich lässige Anmut in der Bewegung ihres Arms, als sie nach den Schlüsseln auf dem Tischchen in der Diele griff. Ich weigerte mich, ihr Gesicht anzusehen oder das meines Bruders oder das des Mannes mit diesem »Wenn du dann so weit bist«-Ton in der Stimme und der Hand auf dem Türknauf.

Doch wir sind von Geburt an darauf programmiert, überall Gesichter zu sehen, als wäre das menschliche Antlitz so etwas wie ein Maßstab für Realität. Wir suchen diese Gesichter in der Maserung von Holz und in den Wolken, in allem, was unbestimmt ist. Wir sehen Augen, die uns über Nasen und Mündern von getoastetem Brot und schroffen Felswänden anblicken. So zog der Ausweis des Mannes meinen Blick auf sich. Er lag verkehrt herum auf der scherbenübersäten Reisetasche und zeigte das auf dem Kopf stehende Foto dieses soldatisch wirkenden Mannes, der uns aus dem süßen Sommergewitter geweckt hatte und nun seit einer Stunde mit einer Selbstverständlichkeit, die ihm nicht zustand, über die Dielen unseres Hauses marschierte. Special Agent Brian Menary.

Meine Gedanken gruben sich einen Tunnel aus dem Zimmer, fort von dem fröhlichen Funkeln der Lampenscherben auf dem schwarzen Stoff, fort von den letzten Anweisungen meiner Mutter und dem unerklärten Chaos in unseren sonst so ordentlichen Räumen im Erdgeschoss. Ich starrte auf das Bild in der Plastikhülle und bohrte meinen Blick in die auf dem Kopf stehenden Augen des Mannes, als könnte ich den leeren, förmlichen Ausdruck auf dem Gesicht dieses Fremden über die Panik stempeln, die mir die Kehle zuschnürte.

Meine Mutter zog mich aus meinen Gedanken. Ich konnte nicht sprechen, als sie mich bei den Schultern packte und Angst übertrug statt Stärke.

»Dee, Paul ist draußen. Er wird bei euch bleiben, bis Marie da ist.«

Tante Marie war die Schwester meiner Mutter. Paul war Mamas Chef und ein fester Bestandteil unseres Lebens.

»Wir brauchen keinen Babysitter. Ich regele das.« In einem Monat würde ich in die achte Klasse kommen. Ich würde es schon noch hinbekommen, den Fernseher anzuschalten und Simon ein paar Erdnussbutterbrote zu schmieren.

»Ich weiß, dass du das kannst, Plucky. Aber, Schatz, es wird sicher ein paar Tage dauern.«

»Mama, was ist passiert, als wir draußen waren? Wieso hast du uns weggeschickt?« Ich deutete hinter uns, ohne den Blick von ihr abzuwenden. Es roch nach Flucht. Der Kampf hatte offensichtlich bereits stattgefunden.

Ausweichende Worte klangen bei ihr nicht anders als Ermutigungen oder Einkaufslisten. »Aus der Wand ist ein Stück herausgebrochen. Ich kümmere mich darum, wenn ich zurück bin.«

»Mom.« So nannte ich sie fast nie. Für mich war sie immer Mama. Normalerweise scheute ich davor zurück, meine Mutter mit harten Kanten, egal welcher Art, in Berührung zu bringen. Ich hatte es nie darauf ankommen lassen, ob sie daran zerbrechen oder davon abprallen würde. In beiden Fällen wäre sie weg.

»Ich habe jetzt keine Zeit, mir zu überlegen, wie ich es dir am besten erklären kann, Plucky. Und ich werde es nicht halbherzig tun oder so unfair sein, dich anzulügen. Aber eins verspreche ich dir: Ihr seid in Sicherheit. Ich muss für ein paar Tage fort und diese Sache in Ordnung bringen, aber mir wird nichts passieren und euch auch nicht.«

»Mama! Nein! Was …«

Simon begann wieder zu weinen.

»Ich weiß, Süße.«

Sturheit fühlte sich besser an als Wut. »Du musst nicht weggehen. Sag diesem Mann, er soll abhauen. Er braucht nicht hier zu sein. Alles ist gut. Du hast gesagt, wir sind in Sicherheit, oder? Ich glaube dir. Also sag Paul einfach, dass du es nicht tust. Das ist doch verrückt. Wieso sagst du mir nicht, was passiert ist?«

»Oh Dee. Es gibt Dinge an diesem ganzen Muttersein, in denen ich nicht besonders gut bin. Die richtigen Worte finden, die alles wiedergutmachen, gehört auch dazu. Es tut mir so leid. Ihr habt etwas Besseres verdient, alle beide.«

»Nein, das ist nicht wahr!«, heulte ich, tief verletzt in diesem irrationalen, zerschrammten Fleck meiner Seele, der der Liebe für die eigene Mutter vorbehalten ist. »Du bist die beste Mutter der Welt!«

»Wenn du das wirklich denkst, dann kann mir auf dieser Welt nichts mehr Angst machen. Und wenn ich keine Angst habe, Plucky, das verspreche ich dir, dann brauchst du auch keine zu haben.«

Zehn Minuten später war sie fort, und wir würden sie sieben lange Monate nicht mehr sehen.

Sobald die Rücklichter des Geländewagens um die Ecke gebogen waren, machte ich mich daran, das Haus für die Rückkehr unserer Mutter vorzubereiten. Bevor ich mich endlich auf dem Bett ausstreckte und an die Decke starrte, bis der erste Morgendämmer mein Zimmer erhellte, hatte ich die Scherben aufgefegt und in der Diele alles wieder geradegerückt, was in der vergangenen Nacht schiefgegangen war.

Während der sieben langen Monate sorgte ich dafür, dass das Loch in der Wand der einzige Hinweis auf die Störung jener Nacht blieb. Das und meine Tante Marie unter der Decke auf dem Sofa. Ich war überstimmt worden. Sie blieb, und wir alle erwachten, ohne wirklich geschlafen zu haben, zu Tag eins der »Langen Reise«. Mit angehaltenem Atem. Alles an seinem Platz. Alles, bis auf meine Mutter.

Später, und noch Jahre danach, war es dieses Wissen, das mich dazu brachte, mich unruhig im Bett zu wälzen: dass jede normale Nacht an einem seidenen Faden hängt, jederzeit explodieren und sich in etwas völlig anderes verwandeln kann.

Am Ende tat ich alles, worum meine Mutter mich gebeten hatte. Aber hat sie ihr Versprechen, mir eines Tages zu erklären, was in jener Nacht geschehen war, jemals eingelöst? Nein.

Doch eine Geschichte ist wie ein Haus, ein Heim für etwas, das einmal geschehen ist. Dort lebt die Wahrheit, gemeinsam mit ihren Vettern, den Halbwahrheiten, und mit ihrer aller Diener – den Lügen. Und kein Haus hat nur eine Tür. Es gibt immer noch einen zweiten Weg hinein.

1

Es ist Freitag, aber die Lüge von Montag hat diesen Tag zu dem gemacht, was er ist. Ich erkenne mich selbst fast nicht wieder an diesem Nachmittag. Egal was heute passiert, ich werde immer wissen, dass es an einem Freitag passiert ist.

Ich weiß nicht, warum ich so über Sachen denke, aber das war nie anders. In meinem Kopf sind die unterschiedlichsten Ereignisse mit den Wochentagen verknüpft, an denen sie geschehen sind. Ich habe mir das Handgelenk gebrochen, als Danny Gardner in der zweiten Klasse an einem Dienstag den Stuhl unter mir wegzog. Wir waren erst zweiundzwanzig Jahre alt, als Patrick mir an einem Mittwoch einen Heiratsantrag gemacht hat, was seltsam war. Ich hatte immer gedacht, solche Dinge geschehen nur an Samstagen. Meine Mutter ging kurz nach meinem dreizehnten Geburtstag in einer Freitagnacht davon und blieb sieben Monate lang fort. Sie kam auch an einem Freitag zurück. Und Jahre später starb sie an einem Sonntag.

Ereignisse nach Wochentagen zu ordnen ist ein absolut nutzloses Ablagesystem, aber mein Hirn hat immer schon so funktioniert. Ich kann es nicht davon abbringen.

Obwohl also heute Freitag ist, ist Montag der Tag, den ich mir merke. Am Montag wusste ich mit Sicherheit, dass meine Ehe vorbei war. Im besten Fall. Im schlimmsten Fall war sie … Nun, das werde ich bald herausfinden.

Ich fahre an einen Ort, an dem ich noch nie war, will mit einem Mann reden, den ich noch nie getroffen habe, und all das, um zu beenden, was – soweit ich herausgefunden habe – in meinem Leben schiefläuft.

Meine Mutter hat immer gesagt: Bleibe nie mehr Jahre bei einem Mann, als du Finger hast. Natürlich war dieses Spiel für sie schneller vorbei als für die meisten, denn sie hatte in zwei verschiedenen Abenteuern zwei Finger verloren. Ihre schmale, teils verkürzte linke Hand und das übermütige Funkeln in ihren Augen gaben dem Scherz zusätzliche Würze. Narben haben grundsätzlich immer eine interessante Geschichte, aber die meiner Mutter ließen ein Epos erahnen.

Sie war die Reinkarnation von Errol Flynn, hätte ihm also noch zu Lebzeiten die Seele stehlen müssen, aber das wäre genau ihr Ding gewesen. Sie war weniger schön als vielmehr verwegen, mehr Pirat als Prinzessin. Ich weiß, dass sie hin und wieder für die Regierung arbeitete.

Die meisten Leute wussten nichts über meine Mutter oder ihre Arbeit, und niemandem fiel auf, wie geschickt sie mit ihren lebhaften Geschichten das Thema umschiffte, ohne je das Geringste über ihre Arbeit zu offenbaren. Selbst ich weiß bis heute nur wenig über ihre weltweiten Aufgaben.

Sie konnte die Realität verbiegen wie ein Neutronenstern das Licht. Sie atmete Alltägliches ein und Ozon wieder aus. Ihre selbst gebackenen Kekse aßen die anderen Mütter nur zögernd, ohne dass sie wussten, wieso.

Während unserer Kindheit hat jemand mit der Macht dazu sie zweimal weggeholt, das Längste waren die sieben Monate, als ich dreizehn Jahre alt war. Aber die meiste Zeit war sie einfach unsere Mutter und so kompetent darin wie in allen anderen Dingen. Wenn die Ruhe des Vorstadtlebens ihr auf die Nerven ging, dann hat sie das gut verborgen. In der Regel waren wir zu dritt – meine Mutter, mein kleiner Bruder Simon und ich. Hin und wieder hing für ein paar Wochen noch eine Jacke – aus Leder oder manchmal aus Tweed – an unserer Garderobe, oder eine Taucheruhr mit breitem Armband lag neben ihrem filigranen Armreif auf der Kommode.

Ihre Männer gingen nie unter Tränen. Aber sie gingen immer.

Meiner dagegen ist noch da, und ich werde bald nicht mehr genügend Finger haben, um die Jahre zu zählen.

Wagemut kann dir mehr Vorteile verschaffen als eine Million Pfund. Hallo, Mama. Ich höre ihre Stimme so deutlich, als säße sie neben mir, als wäre sie nicht seit über drei Jahren tot. Ich trete aufs Gas und fahre die Straße entlang, die mir eine fremdartige blaue Linie auf meinem GPS vorgibt. Ich bin auf dem Weg zu Carlisle Inc., einer Firma, die unter anderem Aluminiumlagerhallen und -regale herstellt. Es ist kurz vor vier, und wenn die Arbeitswoche vorbei ist, sind auch meine Möglichkeiten am Ende. Ich muss da sein, bevor alle nach Hause gehen.

Ich suche einen Mann, oder vielmehr eine blaue Stufenheck-Limousine, die in letzter Zeit zu oft in meinem Rückspiegel aufgetaucht ist. Wenn ich den Wagen finde, finde ich den Mann. Und dann werde ich herausfinden, was zur Hölle eigentlich los ist.

Ich lasse Eile meine Angst übertönen und Kühnheit meinen gesunden Menschenverstand zum Schweigen bringen. Wenn ich alles, was nach Klugheit klingt, mundtot mache, dann wird hoffentlich nur Mut übrig bleiben.

Die Adresse, die ich eingegeben habe, führt mich in ein altes Industriegebiet weit außerhalb. Hier bin ich noch nie gewesen. Es wird mindestens eine Stunde dauern, und meine Mutter und ich, wir werden uns unterwegs unterhalten. Es wird das Gespräch, das sie sich vermutlich immer gewünscht hat, weil ich fragen werde, was ich tun kann, um ihr ähnlicher zu werden. Doch durch die Antworten, die auf mich warten, die ich ihr in den Mund lege, erkenne ich, dass es nicht so ist. So etwas hat sie sich nie gewünscht. Sie hat einfach gewollt, dass ich sie kenne.

So viele Daten und Zeiten und Orte ihres Lebens durfte ich nicht wissen. Sie unterlagen der Geheimhaltung. Aber ihre Spiele und ihre Grundsätze boten einen tiefen Einblick in ihre Seele. Die Großzügigkeit, mit der sie uns gezeigt hat, wer sie wirklich war, hat dafür gesorgt, dass sie quasi noch immer bei mir ist, mich an das erinnert, was sie mir beigebracht hat, und mir rät, was ich als Nächstes tun soll.

Ich glaube nicht, dass Annette Vess, meine Mom, Bemuttern und Abrichten für dasselbe hielt, aber beide Konzepte verbanden sich seit frühester Kindheit zu unserer Sicherheitsdecke. Ich fühlte mich geliebt, keine Frage, aber auch ein wenig wie ein Automat.

Als wir klein waren, hatten wir ein Spiel: Sie gab uns Punkte dafür, dass wir Details wahrnahmen und uns merkten. Auf dem Weg von der Supermarktkasse zum Auto sagte sie zum Beispiel: »Okay, Plucky und Sixes« – Simon war »Sixes«, weil er beim Spielen ständig Sechsen würfelte –, »aufgepasst! Wir spielen. Fünf Punkte: Was hatte der Mann an, der zwei Plätze hinter uns in der Reihe stand?«

»Ein hellbraunes Sweatshirt«, war meine Antwort.

Und Simons: »Schwarze Schuhe mit Bommeln.«

»Fünf Punkte extra für jedes Teil in seinem Einkaufskorb.«

»Vanilleeis.«

»Mückensalbe.«

»Baked Beans.«

»Drei Dosen Thunfisch. Krieg ich dafür fünfzehn Punkte?«

Wer von uns beiden am Schluss (meine Mutter bestimmte, wann das war) die meisten Punkte hatte, bekam einen Tag schulfrei und durfte mit ihr in den Zoo oder Eis essen gehen. Sie hatte den exakten Punktestand noch nach Wochen im Kopf.

Je älter wir wurden, desto anspruchsvoller wurden die Spiele. Es hat Spaß gemacht und uns drei gegen die anonymen Gegner, die stets ungenannt gebliebenen Die Da, zusammengeschweißt. Das wieder zu verlernen war unmöglich.

Woher stammten diese Spiele und ihr Hobby – oder eher die Mission –, unsere Instinkte und unsere Reaktionszeit zu optimieren? Alles begann mit Paul Rowland. Die Geschichte, wie sie ihm ins Netz gegangen ist, gehörte zu seinen liebsten Anekdoten. Soweit ich weiß, basierte die Karriere meiner Mutter auf nichts als Intrigen, wissenden Blicken und bedeutungsschweren, unvollendeten Sätzen von ihr und Paul. Ich weiß noch, wie ich die Geschichte zum ersten Mal gehört habe.

Wir hatten Besuch, und wie immer waren es Leute, die ich nicht kannte und wahrscheinlich nie wiedersehen würde. Meine Mutter lehnte mit stoischer Miene auf dem Sofa und beobachtete Paul aus den Augenwinkeln, während er den Anwesenden von ihrer ersten Begegnung erzählte. Ihr Blick traf meinen. Ich war acht Jahre alt und hatte mich in eine Ecke im Flur verdrückt, um zu lauschen, halb abgewandt und angeblich total mit meinem Spielzeug beschäftigt. Meine Mutter schätzte den Winkel zwischen Paul und meinem Versteck ab, aber ich hatte mich so gesetzt, dass er, selbst wenn er sich vorbeugte, um die Asche von seiner Zigarette abzustreifen, mich nicht sehen konnte. Der Blick meiner Mutter glitt von meinen Augen zu der Puppe, einem zerzausten Ding, das ich seit einem Jahr nicht mehr angefasst hatte. Unsere Blicke trafen sich noch einmal, doch ihre Aufmerksamkeit wanderte wieder zu ihren Gästen, und sie tat, als hätte sie mich nicht gesehen. Sie hatte mir erlaubt dazubleiben, und wichtiger noch: Sie hatte dafür gesorgt, dass ich das auch wusste. Unsere Transaktion ließ meinen Nacken kribbeln.

Paul war zu massig, als dass ich ihn gutaussehend gefunden hätte. Ich hatte gerade erst begonnen, das Äußere von Männern zu beurteilen, und maß jeden Mann an meinem Musiklehrer. Mr. Noakes war schlank und hatte dunkelblondes Haar, das ihm über den Hemdkragen fiel. Er bewegte sich wie Seegras im Ozean und hielt die Augen über einem netten, leicht schiefen Lächeln geschlossen, während wir mit unseren Blockflöten, Klangstäben und Rumbakugeln Musik machten. Ich war mir sicher, einer seiner Lieblinge zu sein, weil ich auf einem der begehrten neuen Xylofone spielen durfte, die die Schule gerade zu Mr. Noakes’ Freude angeschafft hatte.

Immer auf der Suche nach etwas, das Paul herabsetzen könnte, hatte ich ihn zum Anti-Noakes erklärt: zu massig, auch wenn er alles andere als fett war, zu altmodisch mit seinem dunklen, exakt geschnittenen Haar, das mit Gel an den Kopf geklatscht war. Nur ein Erdbeben würde Paul aus dem Gleichgewicht bringen können, davon war ich überzeugt. Er war unerschütterlich wie ein Fels, stand breitbeinig, und wenn er ging, fehlte nicht viel und er hätte getrampelt.

Dank Paul Rowland habe ich mein Leben lang keinen Schnauzbart gesehen, der mir gefallen hätte.

»Ich gehe also zur Tür«, erzählte Paul, »und da steht dieses dürre kleine Mädchen, wie eine nasse Nudel, mit strähnigen Haaren und nicht einem Funken Leben in den Augen. Ich sage: ›Ich bin vom Kriegsveteranenkomitee und suche Carl Cowling.‹ Und sie antwortet …« Paul lachte in seine eigene Pause hinein. »Mach du weiter, Annette, ich kann deinen Akzent einfach nicht nachmachen.«

Meine Mutter ließ ihre Gesichtsmuskeln erschlaffen und schaltete die Laser in ihren Augen aus. »Onkel Carl’s nich da. Hab ihn seit ’ner Ewigkeit nich gesehn.«

Ich hätte schwören können, dass dieser Tonfall unmöglich von meiner Mutter kommen konnte, aber er glitt ihre Kehle hinauf und aus ihr heraus, völlig natürlich, wie nur etwas klingen kann, das perfekt passt.

Paul wieherte vor Lachen. »Oh Mann, hat dieses Mädchen mich verarscht. Sie hat behauptet, dass kurz vor mir schon jemand da war und nach ihrem Onkel gefragt hat. Ich habe natürlich sofort alle Antennen ausgefahren. Ich meine, wer zur Hölle konnte heiß auf Carl Cowling sein außer mir? Ich musste es unbedingt wissen. Ich war kurz davor, ihr meinen Namen, Dienstgrad und Stammnummer zu geben, während Cowling durch die Hintertür in den Sonnenuntergang spazierte und diese Lady hier« – Paul deutete mit dem Daumen auf meine Mutter – »mich an der Nase herumführte. Und dann, von jetzt auf gleich, schaltet sie den leeren Blick aus und verwandelt sich in dieses knallharte und verdammt hübsche junge Wesen. Sie sagt: ›Hören Sie, Carl ist, dreißig Sekunden nachdem Sie geklingelt haben, abgehauen, G-man. Er hat gesagt, er gibt mir fünf Dollar, wenn ich Sie ’ne Weile beschäftige. Er meinte, Sie wollten Schulden eintreiben. Und jetzt erzählen Sie mir, Sie sind vom Kriegsveteranenkomitee. Wieso lügt ihr mich alle an?‹

›G-man? Wieso glaubst du, dass ich für die Regierung arbeite?‹«, hat Paul sie angeblich gefragt.

»›Na ja, ein Bulle sind Sie nicht.‹

›Wer sagt das?‹

›Ich. Sie haben mich gefragt, ob die Männer, die hier waren, von der Polizei waren. Wenn Sie ein Bulle wären, hätten Sie es gewusst.‹

›Nicht zwangsläufig.‹«

Paul brüllte vor Lachen, noch bevor er zu seiner – oder vielmehr Mamas – Pointe kam. »Und was macht diese Göre? Sie lacht mich aus. Sie lacht mir ins Gesicht.

›Bingo‹, sagt sie. ›Und wenn ich nicht schon gewusst hätte, dass Sie kein Bulle sind, dann wüsste ich es jetzt. Nicht zwangsläufig. Also wirklich, Mister. Bleibt nur die Mafia oder die Regierung, und – nehmen Sie’s mir nicht übel, aber für einen Mafioso sind Sie nicht gut genug angezogen.‹

›Du darfst nicht alles glauben, was du im Fernsehen siehst, Mädchen.‹

›Das sind weise Worte. Danke für den Tipp.‹

›Danke für den Tipp‹, sagt sie!«, keuchte Paul lachend. »Aber egal.« Er wedelte mit der Hand. »Wie sich herausgestellt hat, war diese ganze Cowling-Sache nicht gerade der Steigbügel für die große Beförderung, den ich mir erhofft hatte. Aber das cleverste Mädchen diesseits der Berliner Mauer zu finden hat mir die Enttäuschung darüber versüßt, dass ich den kleinen Fisch von der Angel gelassen habe.«

»Du hast auch nur drei Jahre gebraucht, um mich an Bord zu holen«, erwiderte meine Mutter.

»Das Warten hat sich gelohnt. Sie ist die beste Lügnerin, die ich je getroffen habe.«

Später, als alle gegangen waren, wagte ich es, das Thema anzusprechen, das mich seit meinem Lauschangriff am Nachmittag beschäftigt hatte. »Mama, warum findet Paul, dass es gut ist zu lügen?«

Die Frage markierte eine Zeitenwende. Ein Schauer überlief mich. Noch nie hatte ich sie etwas wirklich Wichtiges gefragt. Noch nie hatte ich sie mit meiner Meinung über Paul konfrontiert.

Sie war immer offen und sachlich gewesen, nie genervt von den endlosen Salven neugieriger Fragen, mit denen Simon und ich sie bombardierten. Aber laut ausgesprochen, klang diese Frage noch kühner als in meinem Kopf. Sie hing zwischen uns, und zum ersten Mal begriff ich, dass jemandem eine Frage stellen wichtiger sein kann als die Antwort, die man bekommt. Zum ersten Mal erkannte ich, dass ich sie in die Defensive gedrängt hatte.

Sie beobachtete mich, während ich die Wichtigkeit dieses Augenblicks begriff. »Fünf Punkte für dich, Plucky. Das ist eine sehr kluge Frage.« Sie schaute wieder in den Spiegel und verrieb einen Klecks Abschminkcreme auf jedem Augenlid. Was anfangs aussah wie eine Schicht Zuckerguss, wurde mit jeder Bewegung ihrer Fingerspitzen zu einer immer dunkleren grauen Matsche. »Kennst du den Spruch: Ehrlich währt am längsten?«

Ich nickte.

Sie rieb weiter Creme über ihre Wimperntusche. »Bist du noch da, Plucky? Ich kann nicht hören, was in deinem Kopf vorgeht. Sprich mit mir!« Sie lachte, während sie nach einem Papiertuch tastete.

»Ja, ich bin noch da.« Ich schob die Kleenex-Schachtel unter ihre suchende Hand und wusste, dass meine Frage sie nicht verärgert hatte. Doch dann musste ich – auch das zum ersten Mal – feststellen, dass ich zwar erleichtert darüber war, sie nicht wütend gemacht zu haben, aber gleichzeitig ärgerlich darüber, dass ich sie nicht aus der Fassung bringen konnte.

»Also, zuerst einmal: Sie haben recht, wer auch immer diese namenlosen, gesichtslosen Sie sein mögen.« Meine Mutter rieb sich die Creme von den Augenlidern, und was ihr Gesicht ohne Make-up an Leuchtkraft einbüßte, gewann es an Jugend. »Ehrlichkeit ist ganz bestimmt die beste Strategie.«

Dann wandte sie sich mir zu und nahm meine Hände. Aus dem Augenwinkel sah ich unsere Profile im Spiegel und wie sie sich zu mir herunterbeugte; der Handtuch-Turban auf ihrem Kopf ließ sie noch größer erscheinen.

»Aber sie lassen es so einfach klingen. Und der gemeinste Trick dabei ist, dass sie selbst die Welt so kompliziert gemacht haben. Sie wissen, noch während sie es sagen, dass die beste Strategie nicht immer zum Ziel führt. Ehrlichkeit ist wie dein bestes Paar Schuhe.« Das war ein guter Vergleich, das wusste sie sehr wohl, weil ich sie ständig überreden wollte, meine weißen Leder-Mary-Janes tragen zu dürfen, egal wozu, beim letzten Mal zu meinem Badeanzug. »Deine besten Schuhe sorgen dafür, dass du dich gut fühlst und gut aussiehst, aber es gibt ein paar Dinge, für die sind sie einfach nicht geeignet.«

»Mama, lügst du, wenn du arbeitest?«

Ohne mit der Wimper zu zucken, lächelte sie mich an. »Manchmal.«

Meine acht Jahre alte Integrität bebte. »Lügst du auch mich an?«

»Nicht, wenn es nicht sein muss.«

»Aber sie sagen, man soll nicht lügen!«

»Ahhh. Da sind sie wieder, hm?« Meine Mutter küsste mich auf beide Handrücken. »Hör zu: Wissen sie, welche deine Lieblingsfarbe ist?«

Ich schüttelte den Kopf.

»Wissen sie, dass du es am liebsten magst, wenn ich bei deinen Sandwiches die Kruste unten und an der Seite abschneide, aber oben die dranlasse?«

»Nein.«

»Lieben sie dich so, wie ich dich liebe?«

»Nein, Mama.«

»Bauen sie die Welt, in der du lebst?«

Ich zögerte.

Und endlich, ein Zucken. Irgendwo tief in ihren Augen flackerte etwas und brachte Tränen mit sich. »Zwei Punkte für dich, mein Schatz, weil du über diese Frage nachgedacht hast.« Doch sie bebte nicht. Ihre Hände waren ruhig, und sie nahm mein Gesicht in ihre warmen Hände und drückte ihre Lippen fest auf meine Stirn. Sie zog mich an sich, und ich roch Chanel No. 5. »Du bist so ein kluges Mädchen, Plucky«, flüsterte sie in mein Haar.

Dann schob sie mich weg und sah mich an. »Sie bauen tatsächlich unsere Welt. Also hör gut zu, wenn sie etwas sagen. Hör zu und wäge ihre Worte sorgfältig ab. Aber wenn du mich etwas sagen hörst, dann vergiss nicht: Ich habe niemals gesagt, du darfst nicht lügen, mein Herz.« Sie blickte mir in die Augen, um zu sehen, ob ihre Worte angekommen waren. »Ich rate dir nur, es zu hassen.«

2

Wir wuchsen in einem unauffälligen Haus in einer unauffälligen Sackgasse auf. Hier sahen alle Häuser so aus wie unseres, doch meine Mutter ließ sich ihre Kleidung, selbst ihre Jeans, maßanfertigen. Deshalb wusste ich, dass wir nicht so waren wie andere Leute. Es fehlte uns an nichts. Meinem kleinen Bruder fiel nicht auf, dass er bloß von einem neuen Fußball, Baseballhandschuh oder Hockeyschläger zu schwärmen brauchte, und schon zog »Onkel Paul« das Gewünschte bei seinem nächsten Besuch hervor wie ein Zauberer ein weißes Kaninchen. Ich bekam eine Tüte Kokos-Neapolitaner und ein kleines Spielzeug oder ein Buch, und ich spürte die Absicht, die wie Öl über den Geschenken lag – lenk sie ab, dann stellen sie keine Fragen. Meine Mutter bekam einen dicken Briefumschlag oder einen verschlossenen Aktenkoffer und einen galanten Kuss auf die Wange.

Ich hasste Onkel Paul. Er ging mit uns ins Restaurant oder ins Kino, also hatte ich nichts dagegen, dass er uns besuchte, und die Kokoskekse kamen meiner Begeisterung für Süßigkeiten entgegen, aber wenn Paul da war, knisterte die Luft. Mein Magen krampfte jedes Mal, ohne meinem Kopf eine Erklärung dafür geben zu können. Als ich älter wurde, spürte ich, wie sich meine Härchen aufstellten und ich eine Gänsehaut bekam. Wenn ich mich umdrehte, stellte ich fest, dass Onkel Paul mich beobachtete, während ein wissendes Lächeln unter seinem Schnauzbart spielte.

»Annette, mit deinen ganzen Spielchen machst du sie nur scharf. Bist du sicher, dass das klug ist?«, hörte ich ihn fragen, nachdem wir mal wieder aneinandergerasselt waren. Ich schlich um die Ecke und hielt den Atem an. Aber meine Mutter lachte nur.

Ob sie Paul Rowland nun gefielen oder nicht, die Spiele meiner Mutter richteten Mamas Blick auf mich, oder akkurater ausgedrückt: Diese Spiele waren eine sichere Möglichkeit, mich in ihr Blickfeld zu schieben. Ich war die Schießscheibe, mein Verstand ein sicheres Ziel für ihren Wurf. Nie fühlte ich mich realer, und nie fühlte ich mich ihr näher, als wenn sie mir beibrachte, was man bei einem schnellen Scan eines verlassenen Parkwegs alles erkennen konnte oder was die Körperhaltung von Menschen an einer geschäftigen Straßenecke verriet.

Die Aufmerksamkeit meiner Mutter hatte etwas von einer Umklammerung an sich, und irgendwie war ich mit dem Gefühl geboren, voll Helium zu sein – als würde ich der Vergessenheit anheimfallen, wenn man mich nicht festnagelte. Sie war ganz mein, der Briefbeschwerer auf meinem Geflatter, wenn ich unter ihrer Anweisung arbeitete und den Trick meisterte, an dem wir gerade feilten.

Dazu waren diese Spiele meiner Meinung nach da. Um sie zu sehen und von ihr gesehen zu werden. Simon dagegen war überzeugt, dass die Spiele ihm Superkräfte verliehen.

Hin und wieder unternahm Simon eine Testfahrt mit seinen Grünschnabel-Fertigkeiten im Observieren und Schlussfolgern, was zu unterschiedlichen Graden von Erfolg und dem gelegentlichen Schlag ins Gesicht führte.

Mit neun Jahren löste er den Fall um unsere verschwundenen Schuhe. Zuerst verschwand Mamas linker Gartenschuh, dann Simons Flipflop und einer von seinen Fußballschuhen. Ich hatte gleich bei den ersten Anzeichen von Ärger all meine Schuhe ins Haus gebracht und somit keine Verluste zu beklagen. Schließlich stellte sich heraus, dass zwei Straßen weiter ein Hund lebte, der eine neurotische Liebe zu Schuhen und eine zwanghafte Sammelleidenschaft besaß.

Simon suchte nach Hinweisen und verfolgte sie bis zu dem ansehnlichen Haufen uralter bis fast neuer Schuhe, den der Hund angelegt hatte. Sieben vollständige Paare plus neunzehn einzelne – ausnahmslos linke, gut versteckt in einer Ecke zwischen einem alten Pflanzkübel und einem Schlauchwagen hinter dem Haus der Nachbarn. Wenn es Simon jetzt noch gelungen wäre herauszufinden, warum der Hund nur linke Schuhe klaute, hätte ich das als einen souveränen Sieg akzeptiert. Niemand wollte die angekauten, spinnenverseuchten Dinger zurück, aber Simon war hochzufrieden mit seiner Arbeit, und für mich wurde die Welt mit jedem gelösten Rätsel ein wenig besser. Meine Mutter hat ihm für seine Hartnäckigkeit fünfundzwanzig Punkte gegeben.

Von da an war Simon dem Detektivspielen verfallen.

Als ein paar Jahre später der Ausflug seiner Schulband auf der Kippe stand, weil jemand die Süßigkeiten geklaut hatte, mit deren Verkauf sie die Fahrt hatten bezahlen wollen, nahm Simon seine Klassenkameraden ins Visier und sperrte die Ohren auf. Sein Blut kochte, nicht nur aus gerechtem Zorn über die Tat, sondern auch, weil er seit Monaten mit unverhohlener Freude darauf wartete, vor großem Publikum Saxofon zu spielen und sich vor dem berühmten Gateway Arch von St. Louis fotografieren zu lassen.

Mit einer Schnelligkeit und Präzision, die selbst unsere Mutter überraschte, identifizierte Simon Brendan Corrigan und dessen Kumpane als diejenigen, die erst ein paar Rote-Kreuz-Abzeichen aus den Blutspendewagen vor der Schule geklaut und dann mit deren Hilfe die Süßigkeiten verkauft hatten. Sie hatten sich erst als angeblich freiwillige Rote-Kreuz-Helfer ein paar Nachmittage lang durch die Nachbarschaft geklingelt, dann sah man sie in brandneuen Turnschuhen stundenlang die Spielautomaten im Einkaufszentrum mit Münzen füttern.

Doch am Ende der Woche saßen mein Bruder und Brendan Corrigan mit Eisbeuteln auf dem Gesicht bei der Schulkrankenschwester und meine Mutter im Büro des Rektors, wo sie seine abgedroschene Predigt über sich ergehen ließ: Von meinem Stuhl neben der Tür des Büros aus konnte ich alles hören.

»Mrs. Vess, wir werden Simon für die Prügelei eine Woche lang nachsitzen lassen müssen.« Mr. Campbell machte eine Pause, erwartete offenbar Protest.

Es kam keiner.

»Das verstehe ich«, sagte meine Mutter. »Und ich bin mir sicher, Simon wird das auch verstehen.«

»Auch wenn wir Simons Bemühungen zu schätzen wissen, meinen wir, dass er uns hätte informieren sollen, damit wir uns um die Sache kümmern. Diese ganze Diskussion über das Petzen …«

»Sie haben sich nicht wegen der Süßigkeiten geprügelt.«

»Entschuldigung?«

»Sie haben doch mit ihnen gesprochen, oder?«

»Selbstverständlich«, sagte Campbell.

»Dann wissen Sie auch, dass das Ganze bloß Gepose war. Brusttrommeln.« Sie bekam keine Antwort, aber vermutlich einen verwirrten Blick von Mr. Campbell. »Wettpinkeln. Als der Corrigan-Junge gemerkt hat, dass er Simon durch Schimpfworte nicht provozieren kann, hat er die Taktik geändert und mich eine Lesbe genannt.« Ich sah förmlich vor mir, wie sich ihr Mund vor Vergnügen verzog und die Worte an der Seite herausließ, von wo aus sie mit exakt der richtigen Schlagkraft zuschlugen. Nicht zu hart. Nicht zu sanft. Das Goldlöckchen der Konfrontation.

Mr. Campbell hustete unbehaglich, und selbst mir auf dem Flur war klar, dass er es unbewusst getan hatte. Wenn man ihm eine Aufnahme des Gesprächs vorgespielt hätte, wäre er überrascht über sein nervöses Hüsteln gewesen, als er sich meine Respekt einflößende Mutter als sexuelles Wesen vorstellte.

Ich biss mir auf die Lippe, um nicht zu grinsen, und fragte mich, ob es meiner Mutter genauso ging. Ich war fast siebzehn, zu alt, um bei der Erwähnung von irgendetwas, das auch nur im Entferntesten anzüglich sein könnte, zu erröten, zu alt für fast jede dieser Albernheiten, aber noch zu jung für die Erkenntnis, dass nichts die Welt so effektiv in Bewegung hält wie Sex und die nahezu pausenlosen Gedanken darüber.

Mr. Campbell räusperte sich. »Nun. Es tut mir leid, dass Sie sich das anhören mussten. Mr. Corrigan wird sich schriftlich entschuldigen, dass er Simon derart provoziert und Sie ebenfalls beleidigt hat.«

»Es war keine Beleidigung«, entgegnete meine Mutter mit ihrer Pfefferminzstimme.

Ein weiteres Hüsteln von Campbell. »Nein! Natürlich nicht. Ich wollte nur sagen …«

»Schon in Ordnung. Und außerdem geht es gar nicht darum. Die Sache hat nichts mit mir zu tun. Das haben diese ›Deine Mutter‹-Sprüche nie. Es ging allein um Eskalation. So sind Jungs nun mal.«

»Natürlich, natürlich. Und ich bin sicher, dass Sie nicht Ihres Sohnes bedürfen, um sich zu verteidigen, Mrs. Vess.«

»Wieso sagen Sie das?« Etwas mehr Wärme in der Stimme. »Sie kennen mich nicht, Mr. Campbell, vielleicht bin ich sehr sensibel.«

Campbells hüstelndes Kichern beförderte ihn genau dorthin, wo meine Mutter ihn haben wollte: Er hatte sich blamiert. Das war ihre Art, die Dinge zu regeln.

Der Rektor räusperte sich noch einmal, offensichtlich keine Allergie, sondern ein Tick. »Nun, die Jungen haben die Möglichkeit, eine gemeinsame Präsentation darüber vorzubereiten, warum Gewalt keine Lösung für einen Konflikt ist, und diese dann im Sachkundeunterricht vorzutragen. Die Präsentation sollte etwa zehn bis fünfzehn Minuten lang sein und im Anschluss die Moderation einer Diskussionsrunde beinhalten. Damit würden sie sich das Nachsitzen ersparen und bekämen noch Extrapunkte für das Projekt. Wir versuchen immer, etwas Negatives in etwas Positives umzuwandeln.«

»Simon wird nachsitzen.«

»Nun, sollten wir ihn nicht zumindest fragen, ob er …«

»Nein.«

»Okay«, sagte Mr. Campbell, durch die Unverblümtheit meiner Mutter zu unbehaglichem Schweigen gebracht. Sie hatte ihn mattgesetzt, das Licht ausgeschaltet, die Einladung, auf einer Stufe zu stehen, abgelehnt.

»Mr. Campbell, ich weiß, dass Sie es gut meinen, aber wenn Sie oder ich oder irgendwer sonst sich in diese Geschichte einmischen, nehmen Sie den beiden jede Möglichkeit, aus dieser Auseinandersetzung zu lernen. Wir dürfen sie nicht zu etwas Besonderem machen, weder positiv noch negativ. Die Jungen sollen sich überlegen, ob die Schmerzen, die sie für den Rest des Tages haben werden, und die schönen Nachmittage, die sie nächste Woche mit Nachsitzen verbringen, es wert waren, den anderen derart zu provozieren beziehungsweise zuzuschlagen.«

»Mrs. Vess, Sie können nicht wollen, dass Simon Gewalt für ein Mittel der Konfliktlösung hält.«

»Selbstverständlich«, erwiderte sie, ganz samtener Knüppel. »Aber in manchen Fällen ist es genau so. Das Leben besteht aus Entscheidungen, Mr. Campbell, und manchmal mehr aus denen der anderen als aus unseren eigenen.«

3

Ich fahre nach Westen, und die Sonne wärmt diesen verdammten Ofen von einem Auto bereits gut durch. Bis ich mein Ziel erreicht habe, bin ich gar. Obwohl es hier drin viel zu warm ist, kurbele ich die Fenster runter, anstatt die Klimaanlage anzustellen. Ich blinzele sowieso zu wenig. Mit weit aufgerissenen Augen starre ich auf die Straße, um auch die kleinste Kleinigkeit nicht zu verpassen. So mache ich es immer, wenn ich meine gewohnte Umgebung verlasse. Ich kann dem Neuen schneller den Glanz abschrubben als jeder andere, arbeite mich ab, bis es sich normal und bekannt anfühlt.

So auch jetzt. Mein Blick scannt die Landschaft, katalogisiert den Straßenverlauf und die Schattierungen von Grün rechts und links davon. Die wenigen noch unbebauten Flächen sind mit Ruinen beflaggt, die silbrigen Scheunen in der Nähe scheinen an eine Zeit zu erinnern, als all das vermutlich zu einem einzigen riesigen Hof gehörte. Ich will nicht, dass kalte Luft aus den Lüftungsschlitzen strömt und meine ohnehin schon trockenen Augen noch mehr austrocknet. Denn dann würde ich blinzeln. Und womöglich etwas übersehen. Und anfangen zu zweifeln. Und wenn ich anfange zu zweifeln, erstarre ich. Und wenn ich erstarre, rede ich mir ein, dass vielleicht alles gar nicht so schlimm ist – es ist gewohnt, es ist sicher, es ist normal. Warum soll ich nicht einfach hierbleiben …

Also kurbele ich lieber das Fenster runter und schwitze.

Meine Mutter würde über mich lachen, wie ich hier sitze und mir zu viele Gedanken um meine trockenen Augen mache und um alles andere. Aber sie ist nicht hier, egal wie sehr ich mir das wünsche. Also lache ich statt ihrer laut über mich selbst. Es klingt seltsam und ein wenig fehl am Platze, und das gefällt mir. Heute erkenne ich mich selbst nicht wieder.

Mein größter Irrtum muss kurz nach der Erkenntnis, dass es den Weihnachtsmann nicht gibt, passiert sein. Aus irgendeinem Grund dachte ich, um mich selbst zu verstehen, müsse ich meine Mutter verstehen. Bis zuletzt war ich davon überzeugt, dass ihre Widersprüche nicht meine sind, dass Sanftmut und Wärme nicht mit Gefahr und Gerissenheit zusammengehen. Wenn es so aussieht als ob, dann muss eins dieser Bestandteile eine Lüge sein oder zumindest weniger wahr als die anderen. Ich wollte mir einfach nicht eingestehen, was ich weiß – und zwar nur allzu gut: dass es manchmal genau so sein kann.

Dieser Irrtum hat mich so lange Umwege nehmen lassen auf der Suche nach mir selbst, dass es sich jetzt absolut richtig anfühlt, auf dieser unbekannten Straße unterwegs zu sein. Es ist Zeit. Ich habe keine Ahnung, wohin der Weg mich führt. Aber ich weiß, was ich finden werde, wenn ich ankomme. Mich selbst.

Widersprüche und sogar absolute Gegensätze gibt es in ein und demselben Menschen gleichzeitig. Natürlich gibt es die. Ich muss es wissen, denn eine hübsche Sammlung an Widersprüchen lebt in mir, hat es immer getan, und auch wenn diese Koexistenz nicht unbedingt harmonisch ist, so ist sie zumindest praktisch. Von Anfang an haben mich die Geschichten von den Abenteuern meiner Mutter fasziniert und peinlich berührt zugleich. Ich war gleichermaßen angezogen und abgestoßen davon, dass sie all diese verrückten Dinge tat, die nichts mit dem zu tun hatten, was sie jeden Tag machte, wenn sie zu Hause war und ich sie sehen konnte.

Zu ihren lässigeren Angewohnheiten gehörte es, Geschichten ohne konkreten Aufhänger zu erzählen. Ihre Abenteuer hatten etwas vom Florettkämpfen an sich und begeisterten mit durchaus gewagten Passagen. Aber wenn sie geendet hatte und das Lachen verklungen war und das Geschirr auf der Spüle trocknete, konnte man keinen Ort auf der Landkarte und kein Datum im Kalender benennen, die diesen Geschichten mehr Hintergrund gegeben hätten. Egal wie lange man darüber nachdachte und ihre Hinweise zusammensetzte, nie gelang eine Schlussfolgerung, die sie einem nicht schon serviert hatte.

Und auch Jahre später konnte man die Geschichte nur so wiedergeben, wie sie selbst es getan hatte. Wenn überhaupt. Nie erlaubte sie sich einen Hinweis darauf, was diese Geschichte für ihr Herz oder ihr Leben bedeutete. Es war einfach eine Geschichte.

Ich war beeindruckt von meiner Mutter, hatte aber zugleich Angst, sie nicht wirklich zu kennen. Meine Mutter war gütig und liebte uns über alles. Aber sie konnte einem auch gehörig in den Hintern treten.

In den Jahren, um die unsere Lebenszeiten sich überschnitten, habe ich sie eine Geschichte hundertmal erzählen gehört, und nie hat sie preisgegeben, wie sehr sie unter ihrem ersten schweren Arbeitsunfall und der daraus resultierenden Narbe gelitten hat. Aber die Schilderung wurde niemals langweilig. Als ich alt genug war, um mir selbst die Schuhe zuzubinden, hatte ich bereits unzählige Male heimlich mit angehört, wie sie die Episode wieder und wieder vor ihren Gästen, in Uniform oder Zivil, abgespult hatte. Doch als meine Mutter sie mir zum ersten Mal erzählte, nur mir allein, während ich mit weit aufgerissenen Augen entsetzt lauschte, gefiel sie mir noch besser. Damals war ich elf Jahre alt. Diese Geschichte anvertraut zu bekommen, für erwachsen genug gehalten zu werden für das Zwiegespräch, während ihre dunklen Augen mich betrachteten, das war besser als die Kirsche auf meinem Siegeseisbecher.

Meine Mutter hat den kleinen Finger ihrer linken Hand bei einem Messerkampf verloren, in einem Gefängnis in einem ungenannten Land in Südamerika. Aus heutiger Sicht betrachtet, war sie damals nicht einmal alt genug, um Alkohol zu trinken.

Man hatte sie mitten in der Nacht zurück ins Feld beordert. Oder vielmehr, wie sie immer schimpfte: Paul Rowland hatte sie aus den tiefsten Tiefen ihres hart verdienten Schlafes gerissen. Sie sagte, sie sei um elf ins Bett gegangen, nachdem sie einen Weckruf für sechs Uhr am nächsten Morgen bestellt hatte, und sie erinnert sich noch gut daran, dass das Telefon um 3.32 Uhr schellte.

Gerade frisch von einem erfolgreich beendeten Auftrag zurückgekehrt, hatte sie sich nach dem stundenlangen und jede Euphorie zunichtemachenden Debriefing davongeschlichen und unter falschem Namen in ein Hotel eingecheckt, sozusagen als kleine Belohnung für sich selbst. Ihre Geschichte ließ immer eine von zwei möglichen Motivationen des guten alten Paul zu (vielleicht eine Messerspitze von Variante A und eine Prise von B).

Dass er sie stets fand, ärgerte sie. Und dann war da noch sein Stolz. Die Geschichten über die frühen Abenteuer meiner Mutter machten immer einen gewissen Besitzanspruch deutlich, den Paul ihr und ihrer Arbeit gegenüber empfand. Er konnte es kaum erwarten, seinen größten Triumph, sein bestes Zirkuspferd vorzuführen.

Er konnte es tatsächlich kaum erwarten, nicht einmal bis zur Dämmerung. Sie sah den Sonnenaufgang vom Asphalt einer Landebahn aus, wo der kurze Stop-over eines Flugzeugs sie aus ihrem Fronturlaub holte.

Dass dieser Auftrag mit zu wenig Informationen und Weitblick zusammengeschustert worden war, wurde offensichtlich, als meine Mutter sich ohne Pass, nach einer etwas zu sorgfältigen Leibesvisitation und an Händen und Füßen gefesselt, auf einer Bank in einem moosbewachsenen Betonverschlag wiederfand – und es war noch nicht mal Mittag.

Mehr noch als die Tatsache, dass sie mit nur neun Fingern wieder nach Hause gekommen war, schien meine Mutter vor allem erbost zu haben, dass all dies geschehen war, nachdem man sie trotz bewiesener diplomatischer Immunität verhaftet hatte. Diese bürokratische Pikanterie erwähnte sie immer wieder, während die meisten anderen ihrer Erzählungen ihre Auftraggeber unerwähnt ließen.

In aller Ausführlichkeit beschrieb sie den Auslöser für die Katastrophe dieses Tages – einen verdreckten Ventilator, der zwar Feuchtigkeit, aber kaum Kühlung im Raum verteilte. Mit jeder Drehung seiner Rotorblätter in der schweren Luft blies er meiner Mutter auch ein paar Strähnen der langen fransigen Haare ihrer Nachbarin ins Gesicht, die mit leerem Blick neben ihr saß, während beide auf ihre Abfertigung warteten.

Der Finger meiner Mutter wurde nicht durch den Ventilator abgetrennt, aber im Endeffekt war er dafür verantwortlich. Die Frau neben meiner Mutter war eingenickt, der Kopf war auf die eindrucksvolle Brust gesunken, und ein schimmernder Speichelfaden fütterte einen ständig wachsenden Fleck auf dem sonnigen Smiley, das ihr abgetragenes T-Shirt schmückte.

In einer letzten langsamen Drehung der Rotorblätter pflückte der lauwarme Luftzug eine Strähne von der Schulter der Frau, drehte sie durch die Luft und dieses Mal unglücklicherweise auch durch den Speichel. Als die nasse Strähne gegen die Wange meiner Mutter klatschte, platzte ihr endgültig der Kragen.

Während sie den einen Übergriff abwehrte, entzündete sie, ohne es zu wollen, die Lunte eines weiteren. Die Haarsträhne verfing sich in der Kette ihrer Handschellen und wurde samt Wurzeln aus Dornröschens Kopf gerissen.

Wo eine schläfrige Bestie gedöst hatte, erwachte unter Flüchen und Kettengerassel der Teufel persönlich. Meiner Mutter gelang es, die wild um sich schlagenden Arme der Frau zu packen, sie steckte aber vorher noch eine ordentliche Ladung kräftiger Tritte gegen Schienbeine und Knöchel ein.

Wollen Sie wissen, wie es weiter geht?

Hier können Sie "In guten wie in bösen Tagen" sofort kaufen und weiterlesen:

Amazon

Apple iBookstore

ebook.de

Thalia

Weltbild

Viel Spaß!



Kaufen






Teilen